Gert Pinkernell

Prof. em. an der Uni Wuppertal

Namen Titel und Daten der französischen Literatur

Ein chronologisches Repertorium wichtiger Autoren und Werke

Teil I: 842 bis ca. 1800

(Gewünschte Autoren/Werke bitte über die Suchfunktion im Menü „Bearbeiten“ ansteuern!)

Vorbemerkung

Die erste Version des Repertoriums entstand um 1985 als Begleitskript zu einer Überblicksvorlesung. Es war eine bloße Liste von Namen, Titeln und Daten und umfasste, wie die Vorlesung, nur solche Autoren und/oder Werke, die für die Entwicklung der französischen Literatur als bedeutsam gelten und potenziell Gegenstand des Literaturunterrichts französischer Gymnasiasten bzw. deutscher Französischstudenten sind.

Im Lauf der Jahre hat sich aus der Liste eine Sammlung von Autorenartikeln entwickelt. Nur das von der Vorlesung stammende Prinzip der chronologischen Anordnung ist beibehalten. 1998 habe ich das Ganze ins Internet gestellt und nach und nach um Autoren der zweiten Reihe vermehrt. Vor allem wurden und werden die Artikel ständig erweitert, verbessert und korrigiert. Fast wöchentlich lade ich die neueste Version hoch, weshalb ich bitte, jeweils diese aufzurufen, sie aber nicht abzuspeichern und höchstens auszugsweise zu drucken.

Ab 2004 habe ich die meisten Artikel nach und nach ins Wikipedia übertragen, allerdings werden sie dort häufig nicht nur von mir selbst verbessert, sondern, gemäß dem Wiki-System, auch von Dritten verändert. Die berechtigten und nützlichen dieser Änderungen baue ich, wenn ich sie bemerke, wiederum in mein Repertorium ein; unnötige Aufblähungen, die es sich oft handelt, übernehme ich nicht.

Grundlage meiner Artikel sind stets mehrere, überwiegend französischsprachige Quellen, deren Fehler, die sie naturgemäß alle enthalten, ich durch Vergleich und Nachprüfung zu reduzieren versuche. Insbesondere halte ich mich an die Nachschlagewerke Dictionnaire des littératures de langue française und Dictionnaire des œuvres littéraires de langue française von Jean-Pierre de Beaumarchais, Daniel Couty und Alain Rey (jeweils 4 Bde., Paris: Bordas, 1992 bzw. 1994). Auch den Vorlesungen zur Geschichte der französischen Literatur von Erich Köhler (8 Bde., Stuttgart 1983 ff.) verdanke ich viel. Sie sind zwar im biografischen Detail nicht immer verlässlich, bei der Darstellung der Werke aber vorzüglich. Insgesamt verzichte ich auf weiterführende Literaturangaben, weil man sie sich leicht z.B. über Wikipedia und vor allem den Online-Katalog der Bonner Universitätsbibliothek beschaffen kann, die die Französistik als Sondersammelgebiet pflegt. Immerhin mochte ich mich nicht enthalten, eigene einschlägige Studien jeweils anzuführen oder sogar an Artikel anzuhängen. Auch gebe ich des öfteren persönliche Deutungshinweise, wenn mir Werke aus meiner Lehre und/oder Forschung besonders vertraut sind.

Ein literarisches Werk ist für die Leute vom Fach vor allem ein Element innerhalb eines Beziehungsgeflechts von Werken vor, neben und nach ihm, nämlich Werken, die seinem Autor bekannt waren und ihm als Vor- oder Gegenbild dienten, und Werken, auf die es seinerseits gewirkt hat, weil deren Autoren es lasen. Für Nichtfachleute, was ja auch Studenten noch sind, ist diese intertextuelle Sicht mangels breiteren literarhistorischen Wissens nur theoretisch nachvollziehbar. Für sie ist ein Werk vor allem ein Einzelphänomen, nämlich die punktuelle Reaktion des Autors auf eine bestimmte, oft problematische Situation in seinem Leben und seinem konkreten historischen Umfeld. Entsprechend finden sie Zugang zum Werk am ehesten über die Biografie des Autors, die oft ja auch historisches und ggf. literarhistorisches Wissen vermittelt. Eben diese laiengemäße, biografistische Sicht soll das Markenzeichen meines Repertoriums sein, zumindest ab dem späten Mittelalter, wo die biografischen Informationen reichlicher sind. Die einzelnen Artikel könnten also Autor XY: Leben und Schaffen überschrieben sein, weil sie bemüht sind, Biografie und Werke im Verbund zu sehen. Immerhin soll der intertextuelle Aspekt insofern nicht ganz fehlen, als ich Autoren und/oder Werke häufig, wenn auch eher pauschal, in den Gang der allgemeinen Entwicklung einzuordnen versuche.

P.S. 1: Überflüssig zu sagen, dass mit „Autor“ auch Autorinnen gemeint sind. Ich habe es mit „AutorIn“ versucht, fand dies aber wegen der vielen dann nötigen „der/die“, „sein/ihrer“ usw. zu schwerfällig.

P.S.: 2: Da ich annehme, dass die meisten Benutzer meines Repertoriums rudimentäre Französischkenntnisse besitzen, führe ich Werktitel sowie die Namen französischer Institutionen normalerweise im Original an.

P.S. 3: Für Anregungen und Hinweise bin ich dankbar. Anfragen per Mail (pinkerne@uni-wuppertal.de) beantworte ich im Rahmen meiner Möglichkeiten gern.

Mittelalter

Les Serments de Strasbourg / Straßburger Eide (842)

Sie sind zwar keine Literatur, doch beginnen Literaturgeschichten häufig mit ihnen, weil der franz. Wortlaut dieser auf Altfranzösisch und Althochdeutsch abgelegten Eide der älteste erhaltene Text in franz. Sprache ist. (Althochdeutsche Texte sind noch einige ältere erhalten). Die Eide sind überliefert als Zitate in der lateinisch verfassten Chronik Historiarum libri IV des Nithard (9. Jh.), die ihrerseits in einer Abschrift aus dem 10. Jh. vorliegt.

Sie wurden geschworen von dem ostfränkischen König Ludwig dem Deutschen und dem westfränkischen König Karl dem Kahlen sowie ihren Unterführern, und zwar beim Abschluss eines Bündnisses dieser beiden Halbbrüder gegen ihren ältesten Bruder, Kaiser Lothar. Dieser nämlich gab sich nach dem Tod ihres Vaters, Kaiser Ludwigs des Frommen († 840), und der von ihm verfügten Dreiteilung des Frankenreichs nicht mit dem Mittelteil zufrieden, der ihm zugefallen war. Vielmehr beanspruchte er, da er als Ältester auch die Kaiserwürde geerbt hatte, die Oberhoheit über das gesamte Reich (also grosso modo das Gebiet des jetzigen Frankreichs, der Benelux-Staaten, der alten Bundesrepublik plus Thüringen, der Schweiz, Westösterreichs sowie Nord- und Mittelitaliens).

Bei ihrem Treffen in Straßburg schworen zunächst die offenbar zweisprachigen beiden Könige, und zwar Ludwig der Deutsche, damit er zugleich auch von Karls Unterführern verstanden wurde, in "romana lingua", dann Karl analog in "teudisca lingua". Hiernach legten jeweils die sichtlich nicht zweisprachigen Unterführer den Eid ab, nämlich die von Karl in ihrer französischen und die von Ludwig in ihrer deutschen Sprache. Die beiden franz. Textpassagen lauten:

[Ludwig:] Pro deo amur et pro christian poblo et nostro commun salvament, d'ist di in avant, in quant deus savir et podir me dunat, si salvarei eo cist meon fradre Karlo et in aiudha et in cadhuna cosa, si cum om per dreit son fradra salvar dift, in o quid il mi altresi fazet, et ab Ludher nul plaid nunqua prindrai, qui meon vol cist meon fradre Karlo in damno sit.

[Karls Unterführer:] Si Lodhuvigs sagrament, que son fradre Karlo jurat, conservat, et Karlus meus sendra de sue part lo franit, si returnar non l'int pois, ne io ne neuls, cui eo returnar int pois, in nulla adhiuda contra Lodhuvig nun li iv er.

(In eigener, möglichst wortgetreuer Übersetzung): Für Gottes Liebe und für des christlichen Volkes und unsere gemeinsame Rettung, von diesem Tag vorwärts (=in Zukunft), in soweit Gott Wissen und Können mir gibt, so werde beistehen ich diesem meinen Bruder Karl sowohl in Hilfeleistung als auch in jeder Angelegenheit, so wie man zu Recht seinem Bruder beistehen soll, auf das dass er mir genauso tue; und mit Lothar kein Abkommen werde ich niemals treffen, das meines Willens diesem meinen Bruder Karl zum Schaden sei.

Falls Ludwig den Eid, den er seinem Bruder Karl schwört, wahrt und Karl mein Herr seinerseits ihn bricht, wenn abhalten nicht ihn davon ich kann, [dann] weder ich noch irgend jemand, den ich davon abhalten kann, in irgendeiner Hilfeleistung gegen Ludwig nicht ihm dort werde sein.

Wie man sieht, hatte (der im Auftrag Karls des Kahlen arbeitende) Nithard bzw. der Schreiber des altfranz. Textes große Schwierigkeiten, die Sätze, die er gehört hatte, zu verschriftlichen, denn er hatte, wie damals üblich, Lesen und Schreiben nur anhand lateinischer Texte gelernt. So etwas wie eine eigene franz. Schriftsprache gab es noch nicht, denn bis weit über das Jahr 1000 hinaus wurde alles, was für aufschreibenswert gehalten wurde, von lateinkundigen Spezialisten, meist theologisch gebildeten „Klerikern“, in Latein aufgeschrieben. (Dieses Latein, das sog. Kirchen- oder Mittellatein, glich allerdings längst nicht mehr demjenigen, das um die Zeitenwende herum im alten Rom gesprochen worden war und dessen literarisches Register wir als klassisches Latein aus den Werken eines Cäsar, Cicero, Ovid, Horaz oder Vergil kennen).

P.S.: Das damalige Frankenreich war in sprachlicher Hinsicht ein sehr heterogenes Gebilde. Im Westteil wurden franz. und okzitanische Dialekte gesprochen und im Ostteil nieder- und oberdeutsche Dialekte; das Mittelreich "Lotharingia" (wovon sich die Bezeichnungen dt. Lothringen und frz. Lorraine ableiten) umfasste zusätzlich auch noch alpenromanisch- und italienischsprachige Gebiete.

(Stand: Juli 06)

La Cantilène de Sainte Eulalie / Eulaliasequenz (ca. 885)

Es ist das älteste bekannte literarische Werk in franz. Sprache. In Form einer „Sequenz“ (wie sie bei Gottesdiensten per Sing-Sang vorgetragen wurden) berichtet es von der Hl. Eulalia, einer jungen spanischen Adeligen, die am 10. Dez. 304 in Mérida den Märtyrertod erlitten haben soll. Der wahrscheinlich in Nordostfrankreich (vielleicht im Benediktinerkloster Saint-Amand-les-Eaux) entstandene Text besteht aus 29 Versen unterschiedlicher Länge (8 bis 12 Silben), die paarweise assonieren, d.h. nur mit den Vokalen und nicht auch mit den Konsonanten der Reimsilben reimen. Er ist verfasst in Anlehnung an eine inhaltsgleiche lateinische Sequenz und folgt auch auf diese in der Sammelhandschrift, die sie beide überliefert. Die betreffende Handschrift, die u.a. auch einen althochdeutschen Text enthält, wurde übrigens 1837 von Hoffmann von Fallersleben wiederentdeckt und erstmals abgedruckt.

Die Eulaliasequenz lässt, wie alle sehr frühen erhaltenen franz. Texte, deutlich die Schwierigkeiten erkennen, die die sonst nur lateinisch schreibenden Autoren oder Kopisten bei der Verschriftlichung volkssprachlicher Wörter und Sätze hatten. Der Anfang lautet (mit eigener, möglichst wortgetreuer Übersetzung):

Buona pulcella fu Eulalia, // Gute Jungfrau war Eulalia,
bel auret corps, bellezour anima.// schön hatte sie [den] Körper, schöner [die]  Seele.
Voldrent la veintre li deo inimi,// [Es] wollten sie besiegen die Gottes Feinde,
voldrent la faire diaule servir.// wollten sie machen dem Teufel dienen.
Elle non eskoltet les mals conseillers,// Sie nicht hört die bösen Ratgeber,
qu'elle deo raneiet chi maent sus en ciel,       // dass sie Gott verleugnet, der weilt oben im Himmel,
Ne por or, ned argent, ne paramenz,  // nicht für Gold, noch Silber, noch Schmuck,
por manatce regiel, ne preiement.// [noch] durch Drohung königliche, noch Bitte.
Niule cose non la pouret omque pleier,// Keine Sache konnte sie nicht jemals beugen
[...]
Tuit oram que por nos degnet preier// Alle beten wir, dass für uns [sie] geruht zu bitten,
qued avuisset de nos Christus mercit// dass habe für uns Christus Gnade
post la mort e a lui nos laist venir// nach dem Tod und zu ihm uns lasse kommen
par souue clementia.// durch seine Milde.

Die Eulaliasequenz ist eines der Zeugnisse dafür, dass spätestens ab 800 im franz. Sprachraum die Laien auch das eher schlichte Kirchenlatein nicht mehr verstanden. (Schon 813 hatte das Konzil von Tours aus diesem Grund beschlossen, dass die Predigten nicht mehr in Latein, sondern in „lingua romanica“ zu halten seien.) Sie ist zugleich ein Zeugnis dafür, dass das geistige und potenzielle literarische Leben nach wie vor von den Bedürfnissen der Kirche bestimmt wurden, die ihrerseits die einzige Institution war, die die materiellen und organisatorischen Möglichkeiten hatte, um intellektuell und künstlerisch besonders begabte Individuen von den Zwängen der Alltagsarbeit freizustellen, zu fördern und zu unterhalten.

(Stand: Juli 06)

Vie de saint Léger / Leodegarlied (gegen 1000)

Es ist der älteste erzählende Text, der in franz. Sprache erhalten ist. Es handelt sich um eine Vita (Kurzbiografie) des Abtes von Saint-Maixent, dann Bischofs von Autun und königlichen Beraters Leodegar, der 678 bei einer der im damaligen Frankenreich häufigen Thronfolgewirren von einem politischen Rivalen, Graf Ebroin, gefangen genommen, gefoltert und schließlich ermordet worden war und nach seinem Tod, aus sicherlich ebenfalls politischen Gründen, zum Märtyrer verklärt wurde.

Das Leodegarlied (so die traditionelle Bezeichnung in der dt. Romanistik) ist offenbar in Nordostfrankreich entstanden und besteht aus 240 paarweise teils assonierenden, teils auch schon korrekt reimenden achtsilbigen Versen, den ältesten Versen dieses Typs, die in der franz. Literatur überliefert sind. Es ist ein Beispiel der damals florierenden Gattung Heiligenlegende, die aber meist, zumindest wenn die Texte aufgeschrieben wurden, das Kirchenlatein als Sprache benutzte. Der Anfang lautet (mit eigener, möglichst wortgetreuer Übersetzung):

Domine deu devemps lauder// Herrn Gott sollen wir loben
et a sos sancz honor porter.// und seinen Heiligen Ehre darbringen.
In su amor cantomps dels sanz// In seiner Liebe singen wir von den Heiligen,
quae por lui augrent granz aanz;    // die für ihn hatten große Qualen;
et or est temps et si est biens// und nun ist Zeit und so ist es gut,
quæ nos cantumps de sant Lethgier.// dass wir singen vom heiligen Leodegar.
Primos didrai vos dels honors// Zuerst werde ich euch sagen von den Ehren,
Quæ il awret ab duos seniors.//        die er hatte bei zwei [hohen] Herren.
Apres ditrai vos dels aanz// Danach werde ich euch sagen von den Qualen,
que li suos corps susting si granz,// die der seinige Körper [=er] aushielt so große,
et Ewruins, cil deumentiz,// und [von] Ewruin, diesem Gottleugner,
que lui a grant torment occist.// der ihn mit großer Tortur umbrachte.
[...]

Vie de saint Alexis / Alexiuslied (ca. 1050)

Diese Nachdichtung einer ursprünglich lateinisch verfassten Heiligenlegende gilt als der erste erhaltene franz. Text, der über seine religiösen Intentionen hinaus deutlichen  künstlerischen Ehrgeiz zeigt. In Form und Stil ist das Alexiuslied (wie das Werk in der dt. Romanistik traditionell heißt) beeinflusst von der Gattung Heldenepos (chanson de geste, s.u.), die zu seiner Entstehungszeit schon florierte. Es besteht aus 125 Strophen von je 5 assonierenden Zehnsilblern mit Zäsur nach der 4. Silbe, den ersten Versen dieses Typs, die in der franz. Literatur bekannt sind.

Erzählt wird die Geschichte einer vermutlich realen Person vom Anfang des 5. Jh.: Alexius ist zu Beginn der „Handlung“ der lang ersehnte, spät geborene einzige Sohn römischer Adeliger, der sich vom Vater in eine schöne Karriere einführen und standesgemäß verloben lassen hat, aber seiner Braut am Vorabend der Hochzeit erklärt, dass er nicht heiraten, sondern Gott dienen wolle. Er verlässt sie und die Eltern ohne Abschied und wird über Zwischenstationen nach Edessa (heute Griechenland) geführt, wo er 17 Jahre als frommer Asket von Almosen lebt und sich z.B. Bediensteten seiner Familie, die auf der Suche nach ihm sind, nicht zu erkennen gibt. Als man ihn in Edessa als Heiligen zu verehren beginnt und eine himmlische Stimme seine Heiligkeit bestätigt, entzieht er sich der Verehrung und geht erneut auf Wanderschaft, bis er von einem Sturm zurück nach Rom geführt wird. Dort bittet er auf der Straße unerkannt seinen Vater, ihm aus Liebe zu seinem verschollenen Sohn einen Platz unter der Treppe in seinem Haus zu gewähren. Hier lebt er nochmals 17 Jahre in Armut von den Küchenresten und lässt sich vom Hauspersonal demütigen. Bevor er stirbt, verfasst er ein Schriftstück, dank dem er vom Papst im Beisein seiner Eltern, seiner Braut und des Kaisers als der Sohn des Hauses und als heilige Person erkannt wird. Danach wird er mit großem Pomp und starker Anteilnahme der Bevölkerung bestattet, was zeigt, das ihm ein Platz im Himmel sicher ist.

Die Alexius-Legende, die zu einer bedingungslosen „imitatio Christi“ (Nachahmung Christus’) aufruft, war in Mittelalter und früher Neuzeit in vielen europäischen Sprachen verbreitet. Die franz. Version, die in fünf z.T. unvollständigen Abschriften aus dem 12. und 13. Jh. erhalten ist, stammt vermutlich aus dem Nordosten des franz. Sprachgebietes. Sie ist jedoch überliefert in einer Sprache, die anglonormannisch gefärbt ist, d.h. Elemente desjenigen franz. Dialekts enthält, den die normannischen Eroberer 1066 aus der Normandie nach England mitgenommen hatten und als herrschende Schicht mehrere Generationen lang dort sprachen (bis er vom Angelsächsischen aufgesogen wurde und mit ihm zum Englischen verschmolz.

Der Anfang des Alexius-Liedes lautet (möglichst wortgetreu übersetzt von mir):

Bons fut li siecles / al tems ancienour,// Gut war die Welt zur Zeit der Alten,
quer feit i eret / e justise ed amour;// denn Treue dort war und Gerechtigkeit und Liebe;
s'i eret creance, / dont ore n'i at nul prout;// ebenso dort war Vertrauen, wovon es jetzt keinen Nutzen gibt;

toz est mudez, / perdut ad sa coulour:// alles ist verwandelt, verloren hat es seine Farbe:
ja mais n'iert tel / cum fut as anceisours.// niemals wird es sein solches, wie es den Vorfahren war.

Al tems Noe / ed al tems Abraam// Zur Zeit Noahs und zur Zeit Abrahams
Ed al David, / cui Deus par amat tant,// und zur [Zeit] Davids, den Gott gar liebte so sehr,
Bons fut li siecles; / ja mais n'iert si vaillanz;// gut war die Welt; niemals wird [sie] sein so wacker;
Vielz est e frailes, / toz s'en vait declinant,// alt ist sie und gebrechlich, alles ist am niedergehen,
Si'st empeiriez, / toz biens vait remanant.// und ist verschlimmert, alles Gute ist am fortbleiben.

Puis icel tems / que deus nos vint salver,// Nach jener Zeit, als Gott (=Christus) uns kam retten
Nostre anceisour / ourent crestiantet,// [und] unsere Vorfahren bekamen Christenglauben,
Si fust uns sire / de Rome la citet.// so war da ein Herr von Rom der Stadt.
Riches hom fut, / de grant nobilitet.// Reicher Mann war er, von großem Adel.
Pour ço'l vous di: / d'un suon fil vueil parler.// Für das (=deshalb) es euch sage ich: von einem seinen Sohn will ich reden.

Der Text zeigt, dass zu seiner Entstehungszeit sichtlich die Grundlagen einer franz. Schriftsprache und zweifellos auch einer überregional verständlichen „Koiné“ (Verkehrssprache) geschaffen waren. Diese Schriftsprache pflegte aber, wie angedeutet, dialektal gefärbt zu sein, d.h. Elemente des Dialekts des jeweiligen Autors oder auch Kopisten aufzuweisen.

(Stand: Mai 09)

La Chanson de Roland / Rolandslied (ca. 1100).

Dieses Versepos von 4002 assonierenden Zehnsilbern in 291 Strophen ist eines der ältesten und das vielleicht beste, heute jedenfalls das bekannteste Werk der Gattung „Chansons de geste“. Um 1900 wurde es in Frankreich zu einer Art frühem Nationalepos stilisiert, und zwar wegen der Liebe, mit der es von „la douce France“ spricht, und wegen der herausragenden Rolle, die es den „Français de France“ in dem multi-ethnischen Heer Kaiser Karls des Großen zuweist.

Die „Chanson de geste“ (=Heldentatenlieder) waren eine Gattung, die im 11./12. Jh. florierte und deren Texte in einer Art Sing-Sang-Vortrag von meist professionellen reisenden Spielleuten vor einem größeren Hörerkreis dargeboten wurden. Das Rolandslied selbst wurde verfasst oder aufgeschrieben, vielleicht aber auch nur diktiert und/oder öfter vorgetragen von einem sonst nicht weiter bekannten Turoldus, über den es im letzen Vers nicht genau deutbar heißt, er habe das Werk „dekliniert“ (Ci falt [=hier endet] la geste que Turoldus declinet).

Es erzählt die folgende Geschichte, deren historische Basis offenbar ein Überfall baskischer Krieger auf die von Markgraf Hruotland geführte Nachhut eines fränkischen Heeres ist, das im Jahr 778 auf dem Rückzug aus Spanien den Pyrenäen-Pass von Roncesvaux überquerte:

Kaiser Karl der Große hat in sieben Jahren Krieg fast das ganze heidnische Spanien erobert bis auf Zaragosa, dessen König Marsilie ihm nun Unterwerfung und Konversion zum Christentum anbietet - beides aber nur zum Schein, um den Abzug des fränkischen Heeres zu erreichen. Karl versammelt den Rat der Barone, in dem sein Schwiegersohn Ganelon rät, das Angebot anzunehmen, während sein Neffe Roland, der zugleich ungeliebter Stiefsohn Ganelons ist, den Kampf fortsetzen will. Karl, der schon alt und kriegsmüde ist, schließt sich Ganelon an, worauf Roland mit verletzender Ironie diesen als Sendboten vorschlägt. Der beleidigte Ganelon sinnt nun auf Rache. Er begibt sich zu König Marsilie, dem er Roland als einen Kriegstreiber darstellt, ohne dessen Beseitigung es keinen Frieden geben werde. Marsilie soll deshalb mit einer Übermacht die Nachhut des abziehenden fränkischen Heeres überfallen; Ganelon will dafür sorgen, dass Roland ihr Befehlshaber ist. Alles geschieht wie geplant. Als Roland mit seinen zwölf befreundeten Recken als Unterführern den Hinterhalt bemerkt, wird er von seinem besonnenen Freund und Schwager in spe Olivier gedrängt, mit dem Signalhorn Olifant das fränkische Heer zu Hilfe zu rufen, doch stolz lehnt er ab. Erst als nach verlustreicher Abwehr der ersten Angriffswelle die Lage aussichtslos ist, bläst er auf Rat des streitbaren Bischofs Turpin das Horn. Nach der zweiten Welle (deren heldenhafte Kämpfe wiederum liebevoll-ausführlich dargestellt werden) ist nur noch Roland übrig. Nachdem auch er durch einen Hagel von Speeren und Pfeilen tödlich verletzt ist, fliehen die Heiden, weil sie Karls Heer zu hören glauben. Roland stirbt auf dem Schlachtfeld in der Pose des Siegers, der Erzengel Gabriel und zwei weitere Engel geleiten seine Seele ins Paradies. Karl, der in der Tat herbeigeeilt ist, verfolgt und vernichtet die Heiden, deren Reste mit dem schwer verwundeten König Marsilie nach Saragosa flüchten. Dort trifft gerade ein riesiges Heidenheer ein, geführt von „Admiral“ Baligant von „Babylonien“, den Marsilie schon vor Jahren um Beistand gebeten hatte. Doch auch dieses Heer vernichtet Karl, nicht ohne dass er selbst, der trotz seines Alters noch rüstig ist, im Schlachtgetümmel auf Baligant trifft und ihn in langem Zweikampf mit Hilfe eines Engels besiegt. Nach der Einnahme Saragosas und der Zwangsbekehrung seiner Einwohner kehrt Karl zurück in seine Residenz Aachen. Hier muss er der Verlobten Rolands, Aude, die Nachricht seines Todes überbringen, was auch ihren Tod bewirkt. Er will nun Gericht halten lassen über Ganelon, doch 30 Verwandte stellen sich schützend vor diesen, darunter Pinabel, der ihn im gerichtlichen Zweikampf vertreten will. Erst als Thierry, der junge Bruder des Grafen von Anjou, sich für die gerechte Sache zu kämpfen erbietet und Pinabel mit Gottes Hilfe besiegt, kann Karl Ganelon samt seiner Familie bestrafen. Noch dieselbe Nacht erscheint ihm der Erzengel Gabriel und fordert ihn auf, König Vivien zu helfen, der in seiner Stadt „Imphe“ von Heiden belagert wird. Karl weint und rauft sich den Bart – aber man ahnt: er wird gehen.

Lesen wir die ersten „Laissen“ (d.h. die für das Genre typischen ungleich langen Strophen aus assonierenden Zehnsilbern), und zwar in der Version der sog. Oxforder Handschrift, die als die beste gilt und in anglonormannischem Dialekt, d.h. auf englischem Boden redigiert ist. (Übersetzung, möglichst wörtlich, von mir) :

Charles li reis, nostre emperere magnes,// Karl der König, unser Kaiser großer,
sept anz tuz pleins ad estéd en Espaigne,// sieben Jahre ganz volle ist er gewesen in Spanien,
Tresqu'en la mer cunquist la terre altaigne;// bis an das Meer eroberte er das Hochland,
N'i ad castel ki devant lui remaigne,// es gibt dort keine Burg, die vor ihm bestünde,
Mur ne citét n'i est remés a fraindre// Mauer noch Stadt ist dort verblieben zu brechen
Fors Sarraguce, ki est en une muntaigne.// außer Zaragosa, das ist auf einem Berg.
Li reis Marsilie la tient, ki Deu nen aimet,// Der König Marsilie hält es, der Gott nicht liebt,
Mahumet sert et Apollin recleimet ;// [sondern] Mohammed dient und Appollo anruft;
Ne's puet guarder que mals ne l'i ateingnet.//  er kann sich nicht bewahren, dass Böses ihn nicht dort trifft.

Aoi.

Li reis Marsilie esteit en Sarraguce,// Der König Marsilie war in Zaragosa,
Alez en est en un verger suz l'umbre,// gegangen hin ist er in einen Garten unter dem Schatten,
Sur un perrun de marbre bloi se culched,// auf eine Steinbank aus blauem Marmor legt er sich,
Envirun lui plus de vint milie humes.// herum um ihn mehr als zwanzigtausend Mann,
Il en apelet et ses dux et ses cuntes:// er ruft davon sowohl seine Herzöge als auch seine Grafen:
„Oez, seignurs, quel peccét nus encumbret://„Hört, Herren, welches Unglück uns behelligt:
Li empereres Carles de France dulce// Der Kaiser Karl vom süßen Frankreich
En cest pais nos est venuz cunfundre.// in dieses Land uns ist gekommen zermalmen.
[...]“

Das Rolandslied war nicht nur in Frankreich wohlbekannt und verbreitet, sondern lieferte auch die Vorlage oder den Stoff für zahlreiche Übertragungen, Bearbeitungen und sonstige Texte in anderen europäischen Sprachen, darunter Altnordisch, Niederländisch, Spanisch und Englisch. In Deutschland z.B. wurde es um 1170 vom Pfaffen Konrad nachgedichtet. In Italien übernahmen noch 1476 Matteo Maria Boiardo und 1502 Ludovico Ariosto den Stoff für ihre vielgelesenen heroisch-komischen Versromane Orlando innamorato und Orlando furioso, die ihrerseits der Figur Rolands neue große Bekanntheit verschafften.

(Stand: Sept. 09)

Chansons de geste

Die franz. Literaturgeschichte kennt insgesamt gut 80 erhaltene Chansons de geste (=Heldentatenlieder), davon etliche in differierenden, z.B. erweiterten oder gekürzten Versionen. Die meisten sind ohne Autornamen, d.h. anonym, überliefert und scheinen auf älteren, lange Zeit hindurch nur mündlich tradierten Vorlagen zu beruhen. Häufig ranken sie sich ähnlich wie Serienromane um ein und dieselbe Heldenfigur, z.B. Guillaume und/oder dessen Neffen Vivien, die in 24 der erhaltenen Epen (dem sog. Wilhelmszyklus) im Mittelpunkt stehen.

Inhaltlich geht es meist um siegreiche Kriegszüge Kaiser Karls des Großen oder seines Sohnes Kaiser Ludwigs des Frommen und/oder ihrer Heerführer, z.B. Wilhelms, gegen die „Heiden“, d.h. die Araber bzw. „Mauren“, die seit ihrem Einfall nach Europa im Jahr 711/12 Süd- und Mittelspanien beherrschten. Doch werden auch die um 800 geführten Unterwerfungskriege der Franken gegen die noch länger heidnisch gebliebenen widerspenstigen Sachsen behandelt.

Die Thematik der Heidenkriege war in Westeuropa lange Zeit hindurch aktuell, einmal dank der Reconquista (=Rückeroberung) Spaniens, die gegen 1000 vom christlich gebliebenen Nordspanien her intensiviert wurde, und zum anderen dank der 1095 beginnenden Kreuzzüge, d.h. der Versuche französisch-englisch-deutscher Ritterheere, das seit 500 Jahren von Moslems beherrschte Jerusalem zu erobern und das heilige Grab unter christliche Herrschaft zu bringen.

Die Gattung der Chansons de geste, in die auch Elemente der zeitgenössischen Heiligenlegenden eingeflossen sind, scheint besonders in den Klöstern entlang der Pilgerstraßen durch Frankreich nach Santiago de Compostela in Nordwest-Spanien gepflegt worden zu sein, als Mittel zur Unterhaltung und Erbauung der dort jeweils übernachtenden Pilger.

Die spätesten Chansons entstanden im 13. Jh., die betreffenden Stoffe und Figuren dienten jedoch noch bis ins 15. Jh. als literarisches Material.

(Stand: Sept. 09)

Romanze von Rainaut und Harembourg (ca. 1100).

Sie ist ein hübsches Beispiel der meist untergegangenen mittelalterlichen Lyrik im volkstümlichen Stil, d.h. einer Literatur, die für ein relativ breites, sozial nicht spezifiziertes Publikum geschaffen wurde und deren Autor(inn)en namentlich meist unbekannt sind:

Quant vient en mai, que l'on dit as lons jors,
Que Franc de France repairent de roi cort,
Reynauz repaire, devant, el premier front.
Si s'en passa lez lo mes Arembor,
ainz n'en dengna le chef drecier amont.
            E Raynaut, amis !

Als [es] kam in den Mai, den man nennt [den] mit den langen Tagen, wo die Franken (=die Freien =die Adeligen) Frankreichs zurückkehren vom Königshof, Reinald kehrt zurück, vorneweg, in der ersten Reihe. So ging er vorbei neben dem Haus Haremburgas, aber deshalb geruhte er nicht, den Kopf nach oben zu richten. He, Reinald, Freund!

Bele Erembors, a la fenestre, au jor,
sor ses genolz tient paile de color.
Voit Frans de France qui repairent de cort
et voit Raynaut devant, el premier front.
En haut parole si a dit sa raison :
            E Raynaut, amis!

Schön Haremburga, am Fenster, am Tageslicht, auf ihren Knien hält sie Stoff von Farbe (=farbig). Sie sieht die Franken Frankreichs, die zurückkehren vom Hof, und sie sieht Reinald vorneweg, in der ersten Reihe. Mit lautem Wort, so hat sie ihm ihre Rede gesagt.

"Amis Raynaut, j'ai ja veu cel jor,
se passisoiz selon mon pere tor,
dolanz fussiez, se ne parlasse a vos !"
"Ja mesfeistes, fille d'empereor :
Autrui amastes, si obliastes nos."
            E Raynaut, amis!

"Freund Reinald, ich habe schon jenen Tag gesehen, [wo], wenn [Ihr] bei meines Vaters Burgturm vorbeigegangen wäret, bekümmert gewesen wäret, wenn ich nicht zu Euch gesprochen hätte." – "Schon handeltet [Ihr] schlecht, Kaiserstochter, einen andren liebtet [Ihr], und so vergaßet [Ihr] uns."

"Sire Raynaut, je m'en escondirai.
A cent puceles, sor sainz, vos jurerai,
A trente dames que avuec moi menrai,
c'onques nul ome fors vostre cors n'aimai.
Prennez l'emmende et je vos baiserai."
            E Raynaut, amis!

"Herr Reinald, ich werde mich dessen rechtfertigen. Mit hundert Jungfrauen, auf Heiligen[reliquien] werde [ich] Euch schwören, mit dreißig Damen, die [ich] mit mir führen werde, dass ich niemals irgendeinen Mann außer Euren Körper (=Euch) liebte. Nehmt die Wiedergutmachung, und ich werde Euch küssen."

Li cuens Raynauz en monta lo degré,
gros par espaules, greles par lo baudré,
blond ot le poil, menu recercelé,
en nule terre n'ot si biau bacheler.
Voit l'Erembors, si comence a plorer.
            E Raynaut, amis!

Der Graf Reinald daraufhin erstieg die Stufe, breit bei [den] Schultern, schmächtig in der Gürtellinie, blond hatte er das Haar, fein gelockt, in keinem Land hatte [es einen] so schönen Jüngling. Sieht ihn Haremburga, und so beginnt [sie] zu weinen.

Li cuens Raynauz est montez en la tor,
si s'est assis en un lit peint a flors.
Dejoste lui se siet bele Erembors
..................................
Lors recomencent lor premieres amors,
            E Raynaut, amis!

Der Graf Reinald ist gestiegen in den Burgturm, und so hat er sich gesetzt auf ein Bett bemalt mit Blumen. Neben ihm setzt sich schön Haremburga. Da beginnt neu ihre erste Liebe. (Vers 4 der Strophe fehlt – vermutlich nicht per Zensur, sondern durch ein Versehen des Kopisten.)

Philippe de Thaon, Le Comput (nach 1113, vor 1119)

Der Compoz (so der originale Titel) ist das älteste in franz. Sprache erhaltene „wissenschaftliche“ Werk. Es handelt in sechssilbigen Reimpaaren von der Einteilung der Zeit in Stunden, Tage, Wochen, Monate und (Kirchen-)Jahre, von den Tierzeichen und anderen regelmäßig wiederkehrenden Phänomenen, z.B. Sonnenfinsternissen, und zeigt den Stand des damaligen Wissens in diesen Bereichen. Philippe, der in England arbeitete und im anglonormannischen Dialekt schrieb, verfasste gegen 1125 auch ein Tierbuch (Bestiarium), das er der englischen Königin Aelis widmete. Dieses gibt das zeitgenössische Wissen von den einzelnen Tieren (auch Fabelwesen) wieder, das in vielen Punkten von Religion und Aberglauben bestimmt war.

(Stand: Juli 06)

Le Voyage de Saint Brendan / Brendansreise (um 1120).

Diese Verserzählung, die als eine Mischung aus Heiligenlegende, Visionsbericht, Märchen und Abenteuergeschichte erscheint, ist eines der ersten Beispiele franz.sprachiger Unterhaltungsliteratur. Ihr Autor ist ein sonst nicht näher bekannter Kleriker, der sich selbst Benediz nennt (in Literaturgeschichten aber meist Benoît oder Benedeit heißt). Die 1834 Verse sind verfasst im anglonormannischen Dialekt und verwenden paarweise reimende Achtsilber, d.h. die Form, die sich inzwischen in der franz.sprachigen Heiligenlegende durchgesetzt hatte. Das Werk ist in immerhin sechs Handschriften erhalten, wurde also zu seiner Zeit offensichtlich häufig abgeschrieben. Es ist der Königin Aelis von England gewidmet und war demnach zur Zerstreuung des englischen Königshofes gedacht, der zu jener Zeit überwiegend frankophon war.

Benediz, der die in ganz Europa verbreitete lateinische Navigatio Sancti Brandani (10. Jh.) als Vorlage benutzt, berichtet die (fiktive) Geschichte des historischen irischen Abtes Brendan († 578), der mit vierzehn seiner Mönche zu einer Seefahrt aufbricht. Diese soll ihn, wie von einem Eremiten verheißen, bis zum Paradies führen. Auf seiner siebenjährigen Odyssee begegnet Brendan vielen seltsamen Tierwesen, findet verschiedene wundersame Inseln und den Eingang zur Hölle sowie schließlich inmitten eines Nebelringes auch das Paradies. Nachdem ein Engel ihn und die Seinen durch dessen Vorgarten geführt hat, kehrt er nach Irland zurück, wo er dank seiner Frömmigkeit zum Heiligen wird.

Die Brendansreise ist eines der vielen Zeugnisse für die beginnende Säkularisierung, d.h. Entkirchlichung und Verweltlichung des geistigen Lebens aufgrund des wachsenden Wohlstandes und der zunehmenden Unterhaltungsbedürfnisse der vielen über das Land verstreuten Fürstenhöfe. Dies waren z.B. die Höfe des franz. und des englischen Königs sowie die Höfe von Territorialfürsten (Herzögen und Grafen), an denen sich wachsende Freiräume und Verdienstmöglichkeiten boten für nicht kirchengebundene Künstler und Autoren (obwohl letztere von ihrem Werdegang her meist Kleriker, clercs, waren).

(Stand. Juli 06)

Lyrisme courtois / höfische Lyrik (ab ca. 1100).

Es ist eine meist sehr kunstvolle Lyrik, die ursprünglich spanisch-arabischen Vorbildern folgte, sich aber auch aus volkstümlichen und aus mittellateinischen Quellen speiste und für ein überwiegend adeliges Publikum an Fürstenhöfen verfasst und dort gesungen vorgetragen wurde. Die Blütezeit der höfischen Lyrik war um 1200, doch haben ihre Vorstellungswelt und Bildersprache bis ins 15. Jh. hinein fortgelebt.

Die höfische Lyrik spricht vor allem von der liebenden Verehrung eines lyrischen Ichs, das i.d.R. mit dem Autor identisch gedacht ist, für eine Dame. Hierbei wird diese (das Wort dame kommt von lat. domina „Herrin“!) weniger als potenzielle Geliebte gesehen denn als unerreichbares ideales Ziel der Sehnsucht und des Strebens.

Wichtigste Dichter (trouvères) im nördlichen Frankreich sind die Kleinadeligen Gace Brulé (1165–ca. 1212) und Conon de Béthune (ca. 1150–1220), der Stadtbürger Jean Bodel (1165-1209) sowie der hochadelige Graf Thibaud de Champagne (1201–1253).

Der Ursprung und das Zentrum dieser Lyrik allerdings lagen im 12. Jh. in der damals okzitanisch sprechenden und schreibenden (dem arabischen Spanien näheren) Südhälfte Frankreichs mit ihren florierenden Städten und vielen kleinen und mittleren Höfen, an denen sich zahlreiche trobadors (dt. Troubadours oder Troubadoure) unterschiedlichster sozialer Herkunft betätigten, sowie auch einige adelige trobadoriz. Es war eine kulturell sehr lebendige Welt, die aber zerstört wurde im Gefolge des brutalen „Kreuzzugs“, den 1209 mit Rückendeckung des Papstes Graf Simon de Montfort begann, um die in Südwestfrankreich verbreitete prä-protestantische Sekte der Katharer bzw. Albigenser zu rekatholisieren – ein Unternehmen, das 20 Jahre Krieg auslöste. Dies wiederum führte zum wirtschaftlichen Ruin sowie zur politischen Vereinnahmung der vorher praktisch unabhängigen Region durch die franz. Könige und zu ihrer kulturellen Kolonisierung durch Paris.

Einer der bedeutendsten altokzitanischen Lyriker war der mächtige Territorialfürst Herzog Wilhelm (Guilhem) von Aquitanien (1071–1126), der als erster Troubadour überhaupt gilt. Weitere bekannte Namen sind Marcabru (s.u.), Bernart de Ventador, Jaufré Rudel (s.u.), Bertran de Born, Arnaut Daniel. Die Themen, Motive, Stilmittel und Formen der Troubadours inspirierten nicht nur die nordfranzösischen Trouvères, sondern auch die Minnesänger in Deutschland und die Dichter der süditalienischen „Scuola siciliana“ sowie des Florentiner „dolce stil novo“ um Cavalcanti und Dante.

Eine Kostprobe (samt eigener, möglichst wortgetreuer Übersetzung) von Guilhem in Altokzitanisch bzw. „Provenzalisch“, wie die deutschen Hochschul-Romanisten diese Sprache nannten, als sie sie noch lernten:

Ab la dolchor del temps novel// Mit der Süße der neuen [Jahres]Zeit
foillo li bosc, e li aucel//      beblättern sich die Wälder, und die Vögel
chanton, chascus en lor lati,// singen, jeder in ihrem „Latein“,
segon lo vers del novel chan;// gemäß dem Vers[maß] des neuen Sanges.
adonc esta ben c'om s'aisi// Da ist es gut, dass man sich erfreut
d'acho dont hom a plus talan.// an dem, wozu man am meisten Lust hat.

De lai don plus m'es bon e bel// Von dort, wo es mir am besten und schönsten ist [=von der Geliebten]),
non vei mesager ni sagel,//      sehe ich weder Boten noch [Brief]Siegel,
per que mon cor no'm dorm ni ri,// weshalb mein Körper [=ich] mir nicht schläft noch lacht,
ni no'm aus traire ad enan//      noch ich mich wage zu bewegen voran,
tro que eu sacha ben de fi// bis dass ich weiß ganz endgültig,
s'el es aissi com eu deman.  // ob sie ist so, wie ich verlange.

La nostr' amor vai enaissi// Unsere Liebe geht so
com la branca del albespi,// wie der Ast des Weißdorns,
Qu'esta sobre l'arbr' en treman,// der auf dem Baum ist, zitternd,
la nuoit, ab la ploia ez al gel,// die Nacht, beim Regen und beim Frost,
tro l'endeman,qu'el sols s'espan,// bis zum nächsten Morgen, wo die Sonne sich ausbreitet
par las fueillas verz e'l ramel.// durch die grünen Blätter und das Geäst.

Enquer me menbra d'um mati,// Noch erinnert es mich an einen Morgen,
que nos fezem de guerra fi,// wo wir machten mit dem Krieg Schluss
e que'm donet un don tan gran:// und wo sie mir gab ein so großes Geschenk:
sa drudari' e son anel.// ihre Trautheit/Zärtlichkeit und ihren Ring.
Enquer me lais Dieus viure tan// Noch lasse Gott mich so lange leben,
c'aia mas mans soz so mantel!// dass ich meine Hände unter ihrem Mantel haben möge!

Qu'eu no ai soing de lor lati// Denn ich habe keinen Kummer wegen ihres [=der anderen Leute] „Latein“ [=Gerede]),
Que'm parta de mon Bon-Vezi,// dass es mich trennen könnte von meinem Gutnachbarn [=der Geliebten],)
Qu'eu sai de paraulas com van,// denn ich weiß von den Worten, wie sie gehen [=kenne den Wortlaut]
Ab un breu sermon que s'espel:  // von einer kurzen Rede [=Sprichwort], die sich buchstabiert:
Que tal se van d'amor gaban:// Dass [zwar] manche am Sich-Brüsten sind hinsichtlicht der Liebe [die sie zu genießen behaupten],
nos n'avem la pessa e'l coultel.// wir [aber] haben dazu das Stück [Braten?] und das Messer.

Wie man sieht, war bei Guilhem, dem es als reichem und mächtigem Mann sicher nicht schwerfiel, willige Objekte seiner Wünsche zu finden, die Vorstellung von Liebe noch nicht so platonisch wie sie beim Gros der späteren, meist kleinadeligen Troubadours sein wird. Deshalb eine Kostprobe auch von Thibaud de Champagne (gut 100 Jahre später). Thibaud war zwar ein fast ebenso mächtiger und reicher Fürst wie Guilhem, doch war inzwischen in der höfischen Lyrik die idealistische Vorstellung von Liebe und ihre Einbettung in eine bestimmte Begrifflichkeit und Metaphorik so fest etabliert, dass auch er diese Konventionen respektiert (einschließlich der inzwischen gängigen Verwendung von Allegorien, d.h. Personifikationen von Tugenden, Lastern u.ä.). Ein direkter Bezug zwischen dem Text und der Lebensrealität des Autors scheint hier kaum mehr vorhanden und wird sichtlich auch nicht angestrebt:

Ausi comme l'unicorne sui// So wie das Einhorn bin ich,
qui s'esbahist en regardant// das sich erschreckt/fasziniert ist beim Blicken,
quant la pucele va mirant.//      wenn es die Jungfrau am Anschauen ist.
Tant est liee de son ennui,// So froh ist es gegenüber seinem [bisherigen?] Kummer,
pasmee chiet en son giron;// [dass] verzückt es fällt in ihren Schoß.
lors l'ocit on en traïson.// Dann tötet man es verräterisch/heimtückisch.
Et moi ont mort d'autel senblant// Und [auch] mich haben getötet mit demselben [tückischen] Schein
Amors et ma dame, por voir:// „Liebe“ und meine Dame, fürwahr.
Mon cuer ont, n'en puis point ravoir.// Mein Herz haben sie, von ihnen kann ich es nicht zurückhaben.

Dame, quant je devant vous fui// Dame, als ich vor Euch trat
et je vous vi premierement,// und ich Euch sah zum ersten Mal,
mes cuers aloit si tressaillant// ging mein Herz so erzitternd,
qu'il vous remest quant je m'en mui.// dass es Euch verblieb, als ich mich hinweg bewegte.
Lors fu menez sanz raençon// Da wurde es geführt ohne Lösegeld[möglichkeit]
en la douce chartre en prison// in den süßen Kerker in Gefangenschaft,
dont li piler sont de Talent//      dessen Pfeiler sind aus „Lust/Begehren“,
et li huis sont de Biau Veoir// und die Türen sind aus „Schönem Anschauen“
et li anel de Bon Espoir.   // und die Ringe [zum Anketten?] aus „Guter Hoffnung“.

De la chartre a la clef Amors// Von dem Kerker hat den Schlüssel „Liebe“,
et si i a mis trois portiers:// und so hat sie [Amors ist damals häufig Femininum!] dort aufgestellt drei Türhüter:
Biau Semblant a nom il premiers,// Schönes Aussehen“ hat Namen der erste,
et Biautez cele en fet seignors;// und „Schönheit“ macht jene [=Amors] davon [=vom Kerker] zum Oberherrn;
Dangier a mis a l'uis devant,// „Dangier“ [eine in der deutschen Literatur unbekannte allegorische Figur, die alles den Liebenden Feindliche verkörpert] hat sie an die Tür vorne gestellt,
un ort, felon, vilain, puant,//      einen schrecklichen, niederträchtigen, grobschlächtigen, stinkenden [Kerl],
qui moult est maus et pautonniers.//     der sehr böse und rüpelhaft ist.
Cil troi sont et viste et hardi:// Diese drei sind fix und furchtlos:
Mult ont tost un homme saisi.// sehr bald haben sie einen Mann gegriffen.

Qui porroit sousfrir les tristors// Wer könnte ertragen die Trübseligkeiten
et les assauz de ces huissiers?// und die Attacken dieser Türhüter?
Onques Rollanz ne Oliviers// Niemals haben Roland und Olivier
Ne vainquirent si grans estors;// besiegt so große Anstürme/Attacken.
il vainquirent en conbatant,// [Und wenn, dann] siegten sie kämpfend,
mais ceus vaint on s'humiliant.// aber jene [Türhüter] besiegt man [nur], indem man sich demütigt.
Sousfrirs en est gonfanoniers.//      „Leiden“ ist ihr Bannerträger.
En cest estor dont je vous di// In diesem Ansturm, von dem ich euch sage,
n'a nul secors fors de Merci.// gibt es keine Hilfe außer von „Gnade/Erbarmen“.

Dame, je ne doute mais riens plus// Dame, ich fürchte niemals irgendetwas mehr
que tant que faille a vous amer.// als soviel, dass ich es fehlen lassen könnte am Euch lieben.
Tant ai apris a endurer// So sehr habe ich gelernt auszuhalten,
Que je sui vostres tout par us.//      dass ich Euer bin, ganz aus Gewohnheit.
Et se il vous en pesoit bien,// Und [auch] wenn es Euch ziemlich belastete/störte,
ne m'en puis je partir pour rien// ich kann davon mich um nichts fortbewegen,
que je n'aie le remenbrer// ohne dass ich die Erinnerung hätte
et que mes cuers ne soit adés//      und ohne dass mein Herz nicht sofort wäre
en la prison et de moi pres.// in der Gefangenschaft und von mir weggenommen.

Dame, quant je ne sai guiler,// Dame, wenn ich doch nicht zu tricksen verstehe,
merciz seroit de seson mes     // wäre Gnade/Erbarmen zur rechten Zeit [=jetzt] angebracht,
de soustenir si greveus fais.// um eine so große Bürde aushalten [zu können].

(Stand: Juli 06)

Marcabru (1. Hälfte 12. Jahrhundert, Schaffenszeit ca. 1130 bis ca. 1150)

Er sei hier aufgeführt als einer der ältesten bekannten Troubadours.

Zwar ist sein Werk mit gut 40 ihm zuschreibbaren bzw. zugeschriebenen Gedichten (davon vier mit Melodien) relativ gut überliefert, über sein Leben ist jedoch nichts Genaues bekannt. Die beiden altokzitanischen Kurzbiografien (vidas), die über ihn erhalten sind, scheinen ihre Daten aus bestimmten seiner Gedichte bezogen zu haben, d.h. sie sind nicht historisch fundiert und weichen überdies stark voneinander ab. So wäre er, laut der kürzeren der beiden, Sohn einer armen Gascognerin namens Marcabruna („brauner [Leber-?]Fleck“) gewesen und habe schlecht von den Frauen und der Liebe gesprochen. Gemäß der anderen, ausführlicheren, wäre er als Findelkind einem reichen Mann namens Aldric del Vilar vor die Tür gelegt, unter dem Namen „Pan perdut“ (verlorenes Brot) von ihm aufgezogen und von dem (historischen) Spielmann und Troubadour Cercamon im Dichten und Komponieren unterrichtet worden. Später habe er den Namen Marcabru angenommen, unter dem er bekannt wurde. Er sei schließlich von den Grafen der Gascogne, über die er viel Schlimmes gesagt habe, umgebracht worden.

Etwas fundierter als die genannten Vidas sind die Hypothesen, welche die moderne Philologie aus verstreuten Angaben und Andeutungen in seinen Texten sowie anderen Indizien aufgestellt hat. Hiernach würde Marcabru in der Tat wohl aus der Gascogne stammen und aus kleinen Verhältnissen kommen. In den 1130er Jahren stand er zunächst offenbar in Beziehung zum Hof von Graf Wilhelm X. von Aquitanien (dem Sohn des ersten Troubadours), der überwiegend in Poitiers residierte. 1137 könnte er der Tochter Wilhelms, Eleonore, nach Paris gefolgt sein, als sie den französischen König Louis VII heiratete. Sichtlich blieb er dort aber nicht lange, sondern ging nach Nordspanien, wo er sich Alfonso VII. von León und Kastilien anschloss, dem Herrscher eines der dortigen kleinen Königreiche, die sich anschickten, die Reconquista zu aktivieren, d.h. die Rückeroberung der arabisch-islamisch beherrschten Landesteile. Für den Hof Alfonsos (wo man das Okzitanische offenbar ausreichend verstand) verfasste er in den 1140er Jahren auch politische Lyrik, worin er zum innerspanischen Kreuzzug aufrief, den er als eine „Waschküche“ (lavador) bezeichnet, in der die die Seelen ebenso rein gewaschen würden wie beim Kreuzzug ins Heilige Land.

Insgesamt war Marcabru offenbar nicht ungebildet und betätigte er sich in fast allen lyrischen Gattungen der Zeit. Obwohl er als Autor von den Zeitgenossen durchaus anerkannt wurde, scheint er als Person schwierig gewesen zu sein und gefiel er sich als Dichter in der Rolle des Kritikers und Satirikers, der z.B. die „falsche“, nur den Lustgewinn anstrebende Liebe der adeligen Herren und auch Damen anprangerte oder die Heuchelei von Kirchenleuten denunzierte.

Er war weiterhin bedeutsam als Autor der ältesten bekannten Pastourelle und vor allem als einer der Schöpfer des gewollt hermetischen Dichtungsstils des sog. „trobar clus“ (verschlossenes Dichten), das nach ihm in Mode kam.

(Stand: Aug. 08)

Jaufré Rudel (um 1150)

Er ist heute einer der bekanntesten provenzalischen Troubadours. Er verdankt seinen Ruhm nicht zuletzt einer aus dem Mittelalter überkommenen sentimentalen Kurzbiografie (vida), die allerdings kaum den Fakten entspricht, sondern aus seinen Gedichten abgeleitet scheint. Sie erzählt, wie Jaufré aufgrund der Berichte von heimgekehrten Jerusalem-Pilgern und Kreuzfahrern eine unstillbare Sehnsucht nach der schönen Gräfin von Tripolis im Heiligen Land entwickelt, deswegen am nächsten Kreuzzug teilnimmt, aber während der Seefahrt erkrankt und kurz nach seiner Ankunft stirbt - immerhin in den Armen der sofort benachrichtigten und gerührt herbeigeeilten Gräfin, die anschließend Nonne wird.

Über die Person Jaufrés ist wenig bekannt, außer dass er „prince“ (Fürst) des kleinen Lehens Blaya (um das das heutige Städtchen Blaye im Département Gironde) war und wohl 1148 seinen Onkel und Lehnsherrn, den Herzog von Angoulême, auf dem zweiten Kreuzzug (1147-49) begleitete.

Insgesamt acht Gedichte von ihm sind erhalten, vier davon mit Noten. Das bekannteste, Lanquand li jorn son lonc en mai (Wenn die Tage lang sind im Mai), umkreist sehr kunstvoll das Motiv der „Fernliebe“ (amor de lonh) und war wohl der Ausgangspunkt der o.g. Biografie.

Die Geschichte Jaufré Rudels wurde zur Zeit der Romantik auch außerhalb Frankreichs bekannt und in Deutschland von Heinrich Heine und Ludwig Uhland aufgegriffen. Alfred Döblin zitiert sie, fantasievoll leicht erweitert, in seinem letzten Roman Hamlet oder Die lange Nacht nimmt ein Ende (1956).

(Stand: Aug. 08)

Le Roman de Thèbes / Thebenroman (gegen 1160).

Er ist zwar nicht das erste, aber offenbar das Schule machende Beispiel der anschließend von ca. 1160 bis ca. 1180 in Frankreich florierenden Gattung der sog. antikisierenden oder Antiken-Romane (frz. romans d’Antiquité). Es sind dies längere erzählende Texte in Versen, die Stoffe und Figuren aus der antiken lateinischen Literatur aufnahmen und für ihr höfisches Publikum ganz unbefangen modernisierten, ohne dabei ein historisches Kolorit anzustreben, wie die historischen Romane der Neuzeit dies tun. Die Antiken-Romane bildeten, mit ihrer Verbindung von Rittertaten und Liebe, eine Art Zwischenstufe zwischen der älteren Gattung Chanson de geste und der neueren Gattung Höfischer Roman, die wenig später von Chrétien de Troyes (s.u.) geschaffen und perfektioniert wurde. Formal bestehen sie meistens aus fortlaufenden, paarweise reimenden achtsilbigen Versen, was zeigt, dass sie zum Vorlesen, z.B. durch den Autor selbst, bestimmt waren und nicht mehr, wie die Chansons de geste, im Sing-Sang von wandernden Spielleute vorgetragen wurden.

Der Autor des Roman de Thèbes ist unbekannt. Seine Vorlage war die Thebais des antiken lateinischen Autors Statius (1. Jh. n. Chr.), ein Epos über das tragische Schicksal von Ödipus und seiner Familie, insbes. seiner Zwillingssöhne Eteokles und Polineikes, die der Sage nach Krieg um die Herrschaft im altgriechischen Theben führten. Das gut 10.000 Verse umfassende Werk zeigt noch viele Stilmittel der Chansons de geste, nimmt aber auch schon solche des höfischen Romans vorweg. Anders als die späteren Romane der Gattung gibt es dem Thema Liebe noch relativ geringen Raum.

Weitere antikisierende Romane sind:

Der Roman d'Énéas (Äneasroman). Mit seinen gut 10.000 Versen entstand er um oder eher kurz nach 1160. Sein unbekannter Verfasser folgt überwiegend dem Rom-Gründungsepos Vergils, der Æneis (um 20 v. Chr.), benutzt aber auch zusätzliche lateinische Quellen, z.B. Werke Ovids. Auch er schildert gerne Kämpfe, räumt aber der Liebe einen hohen Stellenwert ein. Sicherlich war die einfühlsame Darstellung der den Protagonisten Äneas liebenden Frauen Dido und Lavinia ein Grund dafür, dass kurz nach 1170 der Minnesänger Heinrich von Veldeke das Werk in mittelhochdeutschen Versen nachdichtete.

Der Roman d'Alexandre (Alexanderroman). Seine verschiedenen und formal sehr verschiedenartigen Versionen schildern die Heldentaten des Eroberers Alexander des Großen (356-323 v. Chr.). Der Stoff ist mehreren lateinischen Vorlagen entnommen, die ihrerseits aus diversen griechischen Quellen schöpfen, die von Anbeginn an neben Fakten auch viele sagen- und märchenartige Elemente enthielten. Die lateinischen Versionen waren vor allem die romanartige Alexander-Vita des Julius Valerius (ca. 320 n.Chr.) und die mehr chronikartige Historia de proeliis Alexandri Magni des Leo von Neapel (10. Jh.). Die älteste bekannte franz. Fassung, von der nur ein Fragment von 105 Achtsilblern in 15 einreimigen Strophen (Laissen) im Stil der zeitgenöss. Chansons de Geste erhalten ist, entstand in frankoprovenzalischem Dialekt wohl schon gegen 1120. Sie wurde laut dem Pfaffen Lamprecht, der sie um 1120/30 ins Mittelhochdeutsche übertrug, von einem sonst unbekannten Albéric de Pisançon verfasst. Eine zweite, ebenfalls nur fragmentarisch erhaltene Fassung (785 Zehnsilbler in 76 Laissen), wurde wohl kurz nach der Mitte des 12. Jh. von einem unbekannten Autor geschrieben. Die am weitesten verbreitete und mit knapp 16.000 Zwölfsilblern längste Fassung stammt von Alexandre de Bernay bzw. de Paris und entstand offenbar um 1180. Sie schildert, nunmehr eher im Stil eines höfischen Romans, das gesamte Leben Alexanders. Sie besteht aus vier sehr ungleich langen Teilen oder „Branchen“ (=Zweigen), wobei Alexandre angibt, er habe die unvollständigen Werke zweier anderer (uns heute nicht näher bekannter) Autoren eingearbeitet, nämlich eines gewissen Eustache (als Branche II) und eines Lambert le Tort (als Branche III). In der zweiten Hälfte des 13. Jh. wurde der Alexander-Roman in eine Prosafassung umgeschrieben, von der zahlreiche Handschriften aus dem 14. und 15. Jh. und sogar einige frühe Drucke erhalten sind. Sie alle zeugen von dem langandauernden Erfolg des Werkes.

Alexandres Alexander-Roman ist das erste größere Werk der franz. Literatur, das den paarweise reimenden Zwölfsilbler als Versmaß benutzt, der deshalb in Frankreich „vers alexandrin“ (Alexandriner) heißt. Schon ab ca. 1190 fand der Roman Fortsetzer und Redaktoren, die neue, zusätzliche Episoden anhängten oder einbauten.

Alexander der Große galt in Antike und Mittelalter als Prototyp des stets nach neuen Eroberungen und Erfahrungen dürstenden Helden und hochherzigen Herrschers, aber auch als Verkörperung menschlicher Hybris.

(Stand: März 08)

Le Roman de Troie / Trojaroman (ca. 1165).

Dieses in mehr als 50 Handschriften erhaltene Werk von gut 30.300 Versen war das erfolgreichste und bedeutsamste aus der um 1170 florierenden Gattung der Antiken- oder antikisierenden Romane (romans d’Antiquité). Es schildert die Eroberung Trojas durch die Griechen.

Es wurde verfasst für den Hof des englischen Königs Henry II. und seiner Gattin Aliénor von Aquitanien, der ein beachtliches (franz.sprachiges) intellektuelles Zentrum war. Über die Person des Autors Benoît ist nichts Näheres bekannt, außer dass er offenbar aus Sainte-Maure in der Grafschaft Touraine stammte, d.h. aus einer der damaligen Besitzungen der englischen Könige auf franz. Boden.

Als stoffliche Vorlage des Werkes diente nicht das damals in Westeuropa nur vom Hörensagen bekannte Epos Homers, die Ilias, sondern zwei angeblich von Augenzeugen verfasste, tatsächlich aber aprokryphe spätantike lateinische Darstellungen des trojanischen Krieges, nämlich die Ephemeris belli Trojani eines gewissen Dyctis (4. Jh.), der die Dinge auf griechischer Seite erlebt haben will, und die De excidio Troiae historia eines gewissen Dares (6. Jh.), der in Troja dabeigewesen zu sein vorgibt und eingangs Homer für seine märchenhafte Darstellung tadelt (was Benoît übernimmt). Von „Dyctis“ und „Dares“, vor allem von letzterem, entlehnt Benoît jedoch nur den groben Rahmen, den er fantasievoll und geschickt mit Liebesgeschichten, ritterlichen Kampfszenen, Beschreibungen und gelehrten Exkursen ausstaffiert.

Der Roman de Troie wurde nach 1200 offenbar für ein eher städtisch-bürgerliches Publikum in eine stark raffende, weitgehend auf die bloße Handlung reduzierte Prosaversion umgeschrieben, die ihrerseits um 1215 eingefügt wurde in ein jahrhundertelang gelesenes und abgeschriebenes und hierbei immer wieder überarbeitetes Kompendium der Alten Geschichte, die sog. Histoire ancienne jusqu'à César.

Verbreitung in ganz Europa fand der Troja-Stoff à la Benoît in einer mittellateinischen Prosaversion: der 1272 begonnenen und 1287 abgeschlossenen Historia destructionis Troiae des Sizilianers Guido delle Colonne, die wohl einer der größten Bucherfolge des gesamten europäischen Mittelalters war. Etwa gleichzeitig (um 1280) entstanden die mittelhochdeutschen Versionen Herborts von Fritzlar und Konrads von Würzburg.

Im Frankreich des 13. bis 16. Jh. war Troja übrigens auch aus ideologischen Gründen bedeutsam, denn die franz. Könige leiteten damals ihren Stammbaum (Genealogie) von einem legendären Francus her, der sich bei der Eroberung Trojas durch die Griechen zusammen mit dem späteren Rom-Gründer Äneas auf ein Schiff gerettet und seinerseits das erste Frankenreich (Francia) gegründet habe.

(Stand: Juli 06)

Benoît de Sainte-Maure (2. Hälfte 12. Jh.)

Über die Person Benoîts ist nichts Näheres bekannt, außer dass er offenbar aus Sainte-Maure in der Grafschaft Touraine stammte, d.h. aus einer der damaligen Besitzungen der englischen Könige auf franz. Boden, und dass er für und wohl weitgehend auch an deren Hof arbeitete.

Sein Hauptwerk ist der um 1165 verfasste Roman de Troie (Trojaroman) (s.o.).

Nach der guten Aufnahme des Trojaromans wurde Benoît 1174 von König Henry beauftragt, eine (ebenfalls gereimte) Geschichte der Normannenherzöge und dann Könige von England zu schreiben. Aus unbekanntem Grund (Tod des Autors?) bricht das Werk jedoch bei Vers 44.544 und König Henry I. ab.

(Stand: Nov. 07)

Le Jeu d'Adam / Adamsspiel (ca. 1150, evtl. aber auch erst um 1200).

Dieses Werk eines unbekannten Autors ist der älteste bekannte dramatische Text in franz. Sprache. Es steht in der Tradition des lateinischsprachigen kirchlichen Theaters der Zeit (der einzigen dramatischen Gattung, die es damals gab) und ist entstanden vielleicht auf englischem Boden, überliefert jedenfalls in einer anglonormannisch gefärbten Version.

Das nur in einem einzigen Manuskript und nicht ganz vollständig erhaltene Stück besteht überwiegend aus paarweise reimenden Achtsilblern, enthält aber auch Strophen aus vierzeilig reimenden Zehnsilblern. Es zeigt den Sündenfall Adams und Evas, die Erschlagung Abels durch Kain, das Erscheinen der Propheten des Alten Testaments mit ihren Weissagungen zum Kommen Christi sowie eine Ankündigung des jüngsten Gerichts.

Die Regieanweisungen sind lateinisch verfasst, d.h. die Aufführenden oder zumindest die Aufführungsleiter waren offenbar Kleriker; als Aufführungsort dienten zweifellos improvisierte Bühnen vor oder in Kirchen.

(Stand: Juli 06)

Marie de France (zweite Hälfte 12. Jh.).

Sie ist die erste bekannte Autorin der franz.sprachigen Literatur, doch hat man keine Informationen über ihre Person außer der eigenen Angabe „Marie ai nun, si suis de France“ (Ich heiße Marie und bin aus Franzien), wonach sie aus der Île de France, d.h. dem Pariser Raum gebürtig sein müsste. Ihrer profunden Bildung nach zu urteilen kam sie sicher (als legitimiertes außereheliches Kind eines Hochadeligen und einer kleinadeligen Dame?) aus höchsten Kreisen. Ihr Zielpublikum jedenfalls war der überwiegend noch franz.sprachige englische Hof von Henry II., in dessen Umfeld sie offenbar lebte und für den sie entsprechend im anglonormannischen Dialekt schrieb.

Maries bekanntestes und originellstes Werk sind die Lais, zwölf jeweils zwischen ca. 100 und ca. 1000 Verse umfassende Versnovellen („lais“), die offenbar um 1170 über einen längeren Zeitraum hinweg entstanden sind. Sie verarbeiten viele Märchenmotive und Sagenstoffe, wobei letztere meist „britannischer“, d.h. keltischer Herkunft, sind, darunter auch der Tristan-Isolde-Stoff, der hier zum ersten Mal greifbar wird, wenn auch nur in einer einzigen seiner zahlreichen Episoden.

Die Themen der schlicht, aber feinsinnig erzählten und auch heute noch ansprechenden Novellen sind sehr unterschiedlich, vor allem aber geht es um die Schwierigkeiten Liebender, zueinander zu kommen und/oder beieinander zu bleiben.

Ein weiteres, größeres Werk Maries ist eine Sammlung von 102 Fabeln, der Esope oder Ysopet (1170-80). Ihre Vorlage, so gibt sie am Ende an, sei altenglisch und stamme von „König Alfred“, der seinerseits einer lateinischen Übertragung der griechischen Fabelsammlung Aesops (6. Jh. v. Chr.?) gefolgt sei (aber sichtlich auch noch andere Quellen benutzt hat).

Offenbar ebenfalls von Marie stammt das anonyme, ihr lange Zeit zugeschriebene, dann zwischenzeitlich aber aberkannte Werk Le Purgatoire de Saint Patrice. Es entstand wohl um 1190 auf der Grundlage eines lateinischen Prosatextes, den es in franz. Verse umsetzt.

(Stand: Dez. 09)

Chrétien de Troyes (zweite Hälfte 12. Jh.).

Er gilt als der eigentliche Begründer und zugleich bedeutendste Autor des Höfischen Romans (roman courtois), einer nach ihm noch jahrhundertelang florierenden Erzählgattung. Von ihm überliefert sind vor allem fünf Romane, deren Stoffe überwiegend aus der sogenannten Matière de Bretagne stammen, d.h. aus dem keltisch-britannischen Sagenkreis um König Artus, dem vermutlich mündlich verbreitete Geschichten zugrunde liegen. Diese Stoffe reichert Chrétien an mit erfundenen Episoden und verlegt die Handlungen in eine Welt, wie er sie von den Höfen seiner Zeit und ihrem Personal her kannte. Auch Vorstellungen des Minnedienstes, d.h. der Troubadourlyrik Südfrankreichs, fließen in seine Epen ein, zumal in deren zahlreiche Dialoge und innere Monologe. Sein Verfahren, aus diesen verschiedenen Elementen eine kunstvoll strukturierte und bedeutungsvolle Handlung zu schaffen, nennt Chrétien mit schriftstellerischem Selbstbewusstsein eine „molt bele conjointure“ (sehr schöne Verbindung).

Konkrete Lebensdaten von Chrétien sind nicht bekannt, außer dass er in seinem wohl ersten Roman, Érec et Énide, Troyes als Heimatstadt angibt (er schrieb auch im Dialekt der Champagne) und dass er eine gute Bildung nach Art eines Klerikers genossen haben muss. Seine Schaffenszeit erstreckte sich offensichtlich von ca. 1160 bis in die 1180er Jahre. Einer seiner Romane, Lancelot, wurde nach eigener Auskunft im Auftrag der Gräfin Marie de Champagne verfasst (die diesen Titel durch ihre Heirat 1164 erhielt), sein letztes und unvollendetes Werk, der Conte du Graal, ist Graf Philippe de Flandre gewidmet (der diese Würde 1169 übernahm und – was die Widmung noch nicht erwähnt – 1180 Regent von Frankreich wurde). Chrétien muss also jeweils nach 1164 und vor bzw. um 1180 länger oder zeitweilig in Beziehung zu den genannten Fürsten gestanden haben.

Sein Publikum waren entsprechend diese und ggf. andere fürstliche Mäzene samt ihren Gattinnen und deren Hofdamen und Edelfräulein, sowie der an ihren Höfen lebende oder verkehrende kleinere und mittlere Militär- und Verwaltungsadel. Sein Schaffen dokumentiert den Höhepunkt der Macht dieser größeren und kleineren Territorialfürsten (Herzöge, Grafen u.ä.), deren Höfe im 11./12. Jh. als Macht- und Kulturzentren mit dem der franz. Könige rivalisierten.

Eine Liste seiner Werke vor etwa 1170 gibt Chrétien selbst zu Beginn seines Romans Cligès. Danach hätte er zuerst Érec et Énide verfasst, danach je eine Übertragung der Ars amatoria und der Remedia amoris von Ovid, dann eine Geschichte von „König Marke und der blonden Isolde“ sowie drei wohl kürzere Bearbeitungen von Verwandlungssagen aus Ovids Metamorphosen. Diese Werke sind bis auf den Érec und die Verwandlungssage um Philomena (die Nachtigall) verloren.

Chrétiens erhaltene Werke sind (neben einigen wenigen Gedichten zum Thema höfische Liebe) vor allem die folgenden in paarweise reimenden Achtsilblern verfassten Romane:

Érec et Énide (entstanden nach 1160): die Geschichte des Königsohns und Artusritters Érec, der über der Liebe zu seiner jungen Frau Énide die Pflichten eines Ritters sträflich vernachlässigt, von ihr darauf hingewiesen seinen Fehler erkennt, aber auch an ihrer Liebe zweifelt und deshalb gemeinsam mit ihr zu Abenteuern auszieht, wobei er zahlreiche Kämpfe besteht, aber auch ihre Treue erfährt, bis er am Ende ruhmbedeckt an den Hof von König Artus zurückkehrt und danach seinem Vater Lac als König nachfolgt.

Cligès (entstanden wohl zwischen 1165 und 1170). Die 6784 Verse bilden zwei Teile, eine Vorgeschichte und die eigentliche Geschichte. Erstere erzählt vom byzantinischen Kaisersohn Alexandre, der sich an den Artushof begibt, sich dort in die Hofdame Soredamors verliebt, sie heiratet und nach längerer Zeit mit ihr und Söhnchen Cligès nach Byzanz zurückkehrt, wo inzwischen sein jüngerer Bruder Alis den Thron okkupiert hat, den er auch behält, weil Alexandre stirbt. Statt, wie versprochen, unverheiratet zu bleiben und seinem Neffen Cligès die Thronfolge zu überlassen, beschließt Alis, die Tochter des deutschen Kaisers, Fenice, zu ehelichen. Bald nach der Ankunft der byzantinischen Delegation in Köln verlieben sich Cligès und Fenice und versprechen sich einander. Eine zauberkundige Amme sorgt dafür, dass Fenice, die gleichwohl Alis heiraten muss, von diesem immer nur in seinen Träumen berührt wird. Cligès, der das Warten nicht erträgt, geht auf Abenteuerfahrt zu König Artus. Nachdem er zurückgekehrt ist, bewerkstelligt er es, Fenice als scheinbar Verstorbene zu entführen und im Verborgenen eine Weile zu lieben. Er wird jedoch entdeckt und flüchtet mit ihr, bis er sie nach dem Tod des Onkels schließlich (anders als Tristan die Isolde) heiraten und mit ihr den Thron besteigen kann. Der Anfang des Cligès enthält die bekannteste Formulierung der These von der „translatio studii“, der Weitergabe der Gelehrsamkeit, die von den Griechen an die Römer und von dort an die Franzosen übergegangen sei.

Le Chevalier de la charrette (entstanden wohl um 1170): die bunte Geschichte der Abenteuer, die der junge Ritter Lancelot besteht, um der Königin Guenièvre, der Gattin von König Artus, seine entsagungs- und hingebungsvolle Liebe zu beweisen (die immerhin auch einmal kurz belohnt wird). Die letzten rd. 1000 Verse des Lancelot wurden von einem gewissen Godefroi de Lagny verfasst, offenbar mit Wissen und nach Plänen Chrétiens, der in diesem Auftragswerk von Anfang an etwas lustlos wirkt.

Le Chevalier au lion (entstanden wohl gegen 1170): die Geschichte des Artusritters Yvain, der die Witwe eines von ihm im ritterlichen Zweikampf getöteten Burgherrn heiratet, sich bald aber von ihr beurlauben lässt und auf Ritterabenteuer auszieht, den gesetzten Rückkehrtermin vergisst und seine Frau erst durch viele bestandene Prüfungen versöhnen kann.

Le Conte du Graal (begonnen wohl gegen 1180): der Versuch, in der Geschichte des jungen Ritters Perceval die Gattung des Höfischen Romans mit christlichen Elementen zu durchdringen. Das Werk blieb zunächst, offenbar durch Chrétiens Tod, unvollendet, und wurde von mehreren Fortsetzern weitergeführt.

Auch in Deutschland fand Chrétien großen Anklang: Die Romane um Érec und um Yvain wurden gegen oder um 1200 bearbeitet von Hartmann von Aue, der um Perceval bald nach 1200 von Wolfram von Eschenbach – ein Zeichen dafür, wie vorbildhaft die franz. Literatur insgesamt in Frankreichs Nachbarländern zu dieser Zeit war.

Fast alle Romane Chrétiens wurden im 13. Jh. für ein überwiegend städtisches Publikum in Prosa umgeschrieben. Vor allem der Prosa-Lancelot hatte großen Erfolg und wurde bis ins 15. Jh. hinein gelesen.

Ein lange Zeit Chrétien zugeschriebener Abenteuer-Roman um einen (nicht historischen) englischen König, der sog. Guillaume d'Angleterre, stammt nach neuerer Forschungsmeinung von einem anderen, sonst unbekannten Verfasser mit demselben Namen Chrestien.

(Stand: Dez. 06)

Les romans de Tristan et Yseut / Tristan-Romane (ca.1170–1180)

Wohl in den 1170er Jahren entstanden die beiden ältesten der uns bekannten romanartigen Versionen des Tristan-Isolde-Stoffes. (Ein vielleicht um 1160 von Chrétien de Troyes verfasster Tristan-Roman ist nicht erhalten.) Die beiden Versionen gehen offensichtlich auf etwas unterschiedliche ältere Texte zurück und sind nur unvollständig überliefert.

Die erste ist ein ca. 1172-75 für den englischen Hof geschriebener Versroman des sonst unbekannten Autors Thomas d'Angleterre, von dem in fünf verschiedenen Handschriften insgesamt acht Fragmente mit zusammen gut 3000 Versen aus dem letzten Drittel der Handlung erhalten sind (Tristans Heirat mit der nur als Ersatz betrachteten namensgleichen Isolde Weißhand, einige weitere Abenteuer T.s und sein tragisches Ende).

Die andere Version ist ein wohl gegen 1180 entstandener Versroman des ebenfalls als Person nicht näher bekannten Spielmanns Béroul, von dem in einer einzigen Handschrift knapp 4500 Verse des Mittelstücks erhalten sind (Tristans und Isoldes heimliche Liebe am Hof von König Marke, der T.s Onkel und I.s Ehemann ist; die Entdeckung ihres Verhältnisses, T.s Flucht, I.s Verurteilung und ihre Rettung durch T., das gemeinsame Leben der beiden in einer Laubhütte im Wald, ihre schließliche Rückkehr an den Hof, I.s Wiederaufnahme durch Marke und T.s Aufbruch ins Exil).

Die Gesamthandlung des Thomas’schen Romans kennen wir dank einer stark raffend erzählenden altnordischen Prosaübertragung von ca. 1225 und dadurch, dass Gottfried von Straßburg ca. 1200–1210 seinen (unvollendet gebliebenen) Tristan auf der Basis von Thomas' Text verfasste. Dem Roman Bérouls wiederum entspricht weitgehend (ohne wohl dessen direkte Übertragung oder Bearbeitung zu sein) der in toto erhaltene Tristan Eilharts von Oberg von ca. 1180.

In Frankreich kompilierte um 1230-35 ein unbekannter Autor (oder mehrere Autoren?) den sog. Tristan en prose, einen sehr umfänglichen, in zahlreichen Handschriften und leicht divergierenden Versionen überlieferten, bis ins 16. Jh. hinein gelesenen Prosaroman, der den Tristan-Stoff mit anderen Stoffen verbindet, vor allem dem König Artus-Stoff, und somit Tristan zum dicht- und sangeskundigen Ritter der Tafelrunde macht.

Der Tristan-Isolde-Stoff ist übrigens nicht, wie man als Deutscher und Wagner-Adept glauben könnte, germanischer Herkunft, sondern stammt aus der walisisch-schottisch-bretonischen Sagenwelt, der sog. matière de Bretagne, aus der in der zweiten Hälfte des 12. Jh. viele Stoffe und Motive in die franz. Literatur eingeflossen sind, z.B. in die höfischen Romane von Chrétien de Troyes (s. o.).

(Stand: Juli 06)

Le Roman de Renard / Fuchsroman (ab 1174).

Die erste Version dieses sehr lange Zeit hindurch populären Werkes verfasste ein sonst nicht näher bekannter Pierre de Saint-Cloud auf der Basis mittellateinischer Vorlagen; sie wurde anschließend über mehr als hundert Jahre hinweg von ca. zwanzig verschiedenen, überwiegend anonym bleibenden Autoren um neue Episoden erweitert, variiert und umgearbeitet.

Protagonist dieses in paarweise reimenden Achtsilblern erzählenden Tierepos bzw. Tierschwanks ist der schlaue Fuchs, der stets nur seinen Vorteil sucht und diesen mal mehr, mal weniger abenteuerlich und erfolgreich auf Kosten anderer Tiere oder auch von Menschen findet.

Der Roman de Renard scheint ursprünglich in vielem ein humoristisch-realistisches und teils parodistisches Kontrastprogramm zum sehr idealistischen Höfischen Roman à la Chrétien de Troyes gewesen zu sein. Die angesprochene Leser-/Hörerschaft war also zunächst dieselbe wie die des Höfischen Romans. Allerdings fand der Renard rasch Anklang auch beim städtisch-bürgerlichen Publikum, das sich gegen 1200 herauszubilden begann.

Die Figur des verschlagenen Renard wurde durch den Roman so populär, dass der Name (der dem deutschen 'Reinhard' entspricht) zur Vokabel wurde, die das ursprüngliche franz. Wort für "Fuchs", goupil, verdrängt hat.

Eine erste deutsche Nachdichtung wurde schon gegen Ende des 12. Jh. von Heinrich dem Glichesaere verfasst, wodurch die Figur auch im deutschsprachigen Raum heimisch wurde.

(Stand: Febr. 05)

Auberée (ca. 1200).

Diese lustige Verserzählung eines anonymen Autors ist eines der ältesten und gelungensten Beispiele für eine im gesamten 13. Jh. sehr erfolgreiche Gattung: das alle erdenklichen komischen Sujets bearbeitende Fabliau oder Fablel (Schwank).

Im Zentrum der Handlung steht hier die pfiffige Kupplerin Auberée, die einer jungen Ehefrau und ihrem Galan beim Betrügen (cocuage) des schon ältlichen Ehemanns hilft.

Die Gattung Fabliau, deren Texte meist einen Umfang von 400–500 paarweise reimenden Achtsilblern haben, war vielleicht die erste literarische Gattung, die sich im bürgerlichen Milieu entwickelt hat, d.h. in den seit dem 11. Jh. langsam wieder wachsenden franz. Städten, die sich im 12./13. Jh. als Zentren wirtschaftlicher und politischer Macht etablierten, aber auch als Kulturzentren, in denen nicht nur die Architektur und die bildende Kunst (Kirchen- und Rathausbau samt Ausschmückung) florierten, sondern wo auch die Literatur ein wachsendes und zunehmend gebildetes Publikum fand.

Ähnlich wie der franz. Höfische Roman wurde das Fabliau ein Exportschlager und fand Nachahmung in der englischen, niederländischen, deutschen und italienischen Literatur (hier z.B. bei Boccaccio).

(Stand: Febr. 05)

Jean Bodel (1165-1209).

Dieser Bürger der reichen Tuchweber- und Tuchhändler-Stadt Arras ist Verfasser des ältesten mit Autornamen (d.h. nicht anonym) überlieferten dramatischen Textes der franz. Literatur: des erstmals am 5. Dez. 1201 aufgeführten Mirakelspiels Le Jeu de Saint Nicolas.

Der Hl. Nikolaus (zuständig für das Wiederfinden verlorener Gegenstände) ist in dem Stück übrigens nur als Statue präsent. Im Mittelpunkt der so heterogenen wie bunten Handlung stehen liebevoll ausgemalte Kämpfe zwischen Heiden und Christen (wobei die Christen verlieren, die Heiden sich am Ende aber bekehren), lustige Verwicklungen um einen gestohlenen und von den Dieben aus Angst vor der Statue wieder zurückgebrachten Schatz sowie fabliauhafte Szenen im Wirtshaus.

Jean Bodel war nämlich auch Fabliau-Autor, allerdings auch ein fleißiger Lyriker in verschiedenen Gattungen sowie Verfasser einer der letzten Chansons de geste (=Heldentatenlieder bzw. -epen), der Chanson des Saisnes, in der es um die Kriege Karls des Großen gegen die Sachsen (=Saisnes) geht.

Bodel schrieb im pikardischen Dialekt. Dieser war um 1200 dank dem Mäzenatentum wohlhabender Patrizier in den durch Tuchproduktion florierenden pikardischen Städten der wichtigste franz. Literaturdialekt neben dem anglonormannischen.

(Stand: Juli 06)

Geoffroi de Villehardouin (ca. 1150–1213).

Er ist Autor des ältesten erhaltenen historiografischen (=geschichtsschreibenden) Werks in franz. Prosa, der Histoire de la conquête de Constantinople (1207–1213), womit er in eine Domäne einbrach, die bis dahin dem Lateinischen vorbehalten war.

Der aus einem Adelsgeschlecht der Champagne stammende Villehardouin wurde um 1190 „sénéchal de Champagne“ und nahm vielleicht mit seinem Herzog Henri II am 3. Kreuzzug (1189–92) teil. Als dessen Misserfolg durch einen nächsten Kreuzzug wettgemacht werden sollte, war er ab 1199 einer der Hauptorganisatoren und verhandelte z.B. 1201 mit der Republik Venedig, die die Schiffe für die Überfahrt nach Palestina zur Verfügung stellen sollte.

In seiner Chronik schildert Villehardouin den dann wiederum enttäuschenden Verlauf des Unternehmens: Nämlich wie das Kreuzfahrerheer kleiner blieb als erwartet und, nach seinem Aufbruch 1202, von den Venezianern erst zur Eroberung der dalmatinischen Hafenstadt Zara und danach zur Einmischung in innere Querelen des oströmischen Kaiserreichs Byzanz missbraucht wurde, wo es dem legalen, aber von einem Usurpator verdrängten Thronfolger Alexis IV. zur Herrschaft verhelfen sollte; weiterhin wie das Heer 1203, statt das heidnisch gewordene Jerusalem zu erobern, das christliche Konstantinopel (das heutige Istanbul) einnahm und es 1204 grausam plünderte, als der neugekrönte Alexis sein Versprechen brach, die Fortführung des Kreuzzugs finanziell und militärisch zu unterstützen; weiter wie Alexis ermordet und danach der Kreuzfahrer Graf Baudouin von Flandern zum Kaiser ausgerufen wurde; wie aber er und seine meist aus Franzosen rekrutierte Funktionselite, darunter Villehardouin, das okkupierte Reich nicht in den Griff bekamen und 1207, nach der verlorenen Schlacht von Adrianopel, bei der Balduin in Gefangenschaft geriet, in inneren und äußeren Schwierigkeiten endeten.

Villehardouin selbst, der für seine Verdienste zum „maréchal de Romanie“ befördert worden war und bei Adrianopel den geordneten Rückzug geleitet hatte, blieb in Griechenland, wo sich kurzlebige Kreuzfahrerstaaten etablierten. Er wurde 1207 von Boniface de Montferrat, dem ursprünglichen Führer des Kreuzzugs, der sich zum König von Thessaloniki (Thrakien) ausgerufen hatte, mit einem Lehen ausgestattet, der Stadt Mosynopolis. Hier begann er mit der Niederschrift seiner Chronik, nach deren Abschluss er vermutlich 1213 starb, dem Jahr, wo sein Sohn erstmals als neuer Herr von Villehardouin bezeugt ist.

Die Chronik gefällt durch ihren nüchternen und realistischen Stil, verfolgt natürlich aber das Ziel, den neuerlichen Misserfolg des Kreuzzugs zu erklären und zu relativieren sowie dessen Anführer und den Autor selbst zu rechtfertigen.

(Stand: Jan. 07)

Le Lancelot en prose (1215–35).

Es ist vermutlich der erste Prosaroman der franz. Literatur und bearbeitet den von Chrétien de Troyes übernommenen Artus-Lancelot-Graal-Stoff. Das sehr umfangreiche Werk wurde vielleicht unter der Leitung eines namentlich nicht bekannten Chefredaktors von mehreren Autoren verfasst und ist in über 60 Handschriften und in mehreren unterschiedlichen Versionen überliefert. Es war also sehr erfolgreich und wurde entsprechend häufig abgeschrieben (was inzwischen übrigens nicht mehr nur in klösterlichen Skriptorien geschah, sondern zunehmend auch in gewerblichen städtischen Schreibwerkstätten).

Der Lancelot ist der Prototyp des um die Themen Abenteuer, Kampf und Liebe kreisenden Ritterromans, einer seit Chrétien de Troyes (s.o.) in fast ganz Europa sehr beliebten Gattung, der u.a. die nach 1500 zunächst in Portugal und Spanien florierenden Amadis-Romane angehören, samt ihren Parodien wie Rabelais' Pantagruel (1532) oder Cervantes' Don Quijote (1605-15).

Mit seiner Verklärung des Rittertums entsprach der Lancelot (wie auch andere franz. Ritterromane nach ihm) offenbar nicht zuletzt einem Evasionsbedürfnis des franz. Adels, dessen Macht ab ca. 1200 durch den energischen König Philippe Auguste († 1223) und seine Nachfolger stark eingeschränkt wurde. Das Buch kam aber sichtlich auch dem Unterhaltungsbedürfnis von Bürgern in den wachsenden und wirtschaftlich aufstrebenden Städten entgegen.

(Stand: Jan. 09)

Aucassin et Nicolette (ca. 1225).

Diese "chantefable", wie der unbekannte, pikardisch schreibende Autor sein Werk nennt, ist das erste Prosimetron (Mischung aus Prosa- und Versen) der franz. Literatur. Es erzählt in 21 Vers- und 20 Prosapassagen mit Sympathie und feinem Humor die folgende Geschichte:

Aucassin, der Sohn des Grafen von Beaucaire, liebt die schöne Nicolette, eine Sarrazenin, die ein gräflicher Beamter einst als Kind auf dem Sklavenmarkt erworben, aber getauft und bei sich aufgezogen hat. Als Feinde die Grafschaft angreifen, erklärt Aucassin seinem Vater, dass er nur dann in den Kampf zieht, wenn er Nicolette heiraten darf, doch der Graf lehnt diese Mesalliance ab. Auch der Beamte versucht Aucassin die Heirat auszureden und sperrt, als das nichts nützt, Nicolette ein. Sie kann aber fliehen und tröstet durch eine Mauerspalte Aucassin, der inzwischen seinerseits im Kerker sitzt, weil er im Kampf zwar Heldentaten vollbracht, danach jedoch neuen Streit mit dem unbeugsamen Vater gehabt hat. Sie baut sich nun eine Hütte im Wald und sendet ihm, als er endlich frei ist, Lebenszeichen von dort.

Nachdem er sie gefunden hat, gehen sie gemeinsam in ein fremdes Land, werden dort aber bei einem Überfall nordafrikanischer Piraten gefangen und getrennt verschleppt. Während Aucassin durch einen Schiffbruch just bei Beaucaire wieder freikommt, den Tod seines Vaters erfährt und neuer Graf wird, gerät Nicolette nach Karthago. Hier stellt sich heraus, dass sie die geraubte Tochter des dortigen Königs ist, der sie sogleich mit einem muslimischen Fürsten verheiraten will. Sie flieht jedoch und schlägt sich durch bis Beaucaire, wo sie als Spielmann verkleidet Aucassin ihrer beider Geschichte vorträgt. Als er ergriffen den vermeintlichen Spielmann bittet, ihm die Geliebte zu suchen, steht dem Happy End nichts mehr im Weg.

Das nicht sehr lange Werk zeugt nicht nur von der Kunst, sondern auch von der Belesenheit seines Autors, denn es enthält zahlreiche, teils parodistische Anlehnungen an die Literatur der Zeit, z.B. an die Chanson de Geste, die höfische Lyrik, den höfischen Roman, den Tristan-Roman, den neuen Prosa-Ritterroman usw. So hübsch und interessant diese "chantefable" heutigen Literaturhistorikern erscheint, Schule hat sie damals nicht gemacht und auch selbst ist sie nur in einer einzigen Handschrift erhalten geblieben. Ob der dargestellte Triumph der Liebenden über den Willen der Väter zu subversiv und die Figur der relativ emanzipierten Nicolette zu kühn war?

Guillaume de Lorris (* um 1205, vermutlich in Lorris-en-Gâtinais, † nach 1240).

Der als Person gänzlich unbekannte Guillaume gilt als Autor eines 4068 Verse zählenden Romanfragments, das er gegen 1240 wohl in Paris für ein überwiegend höfisches Publikum begann und das gegen 1280 von Jean de Meung fortgesetzt und einem Ende zugeführt wurde: des sog. Rosenromans (franz. Le Roman de la Rose).

Guillaumes besondere Leistung bestand darin, drei Elemente gekonnt miteinander verbunden zu haben, die sämtlich in der Literatur der Zeit zwar vorhanden, aber wenig geläufig waren: die Form der Ich-Erzählung, die Verwendung allegorischer Figuren als handelnder Personen und die Darstellung einer ganzen Romanhandlung in Gestalt eines Traumberichts. Von der Meisterschaft Guillaumes zeugt auch seine so einfühlsame wie anschauliche Darstellung der Psychologie des Verliebtseins.

Offenbar war Guillaume auch der Erfinder der allegorischen Figur des Danger (aus mittellat. domniarium „Herrschaft, Herrschaftsanspruch“). Dieser Unhold, der alles verkörpert, was den Liebenden, vor allem dem liebenden Mann, die Erfüllung ihrer Wünsche erschwert, war anschließend über 200 Jahre hinweg eine außerordentlich verbreitete Figur in der franz. Literatur, vor allem der Lyrik. Wahrscheinlich hat er die Bedeutungsverschiebung von „Herrschaft“ zu „Gefahr“ verursacht, die das Wort danger im späten Mittelalter im Französischen erlebte. In der deutschen Literatur scheint die Figur des Danger keine Entsprechung zu haben.

(Stand: Jan. 09)

Le Roman de la rose / Rosenroman (ca. 1230–1280).

Dieser lange allegorische Roman in paarweise reimenden Achtsilblern ist das erste große in Paris entstandene Werk der franz. Literatur und war wohl der meistgelesene und einflussreichste franz.sprachige Text des Mittelalters. Er wurde zwischen 1230 und 1240 begonnen von dem als Person nicht näher bekannten Guillaume de Lorris (* ca. 1205, † ca. 1240, s.o.) und blieb zunächst Fragment, das bei Vers 4028 abbrach. Von Guillaume offenbar stammte die bahnbrechende Idee, vier in den Romanen seiner Zeit, zwar vorhandene, aber kaum geläufige Elemente miteinander zu verbinden: die Form der Ich-Erzählung, die Verwendung allegorischer Figuren als handelnder Personen und die Darstellung einer ganzen Romanhandlung als Traumbericht. Das Werk wurde fortgesetzt und gegen 1280 mit Vers 21.750 zu einem Abschluss gebracht von Jean de Meung (s.u.).

Der Roman beginnt mit einer kleinen Vorrede, in der Autor dem Leser/Hörer ankündigt, er wolle seiner Dame zu Gefallen einen quasi Wahrheit gewordenen Traum berichten, den er vor fünf Jahren als Zwanzigjähriger gehabt habe. Der Bericht enthalte „die ganze Kunst der Liebe“ und heiße „der Roman von der Rose“. Denn mit dieser Blume sei seine Dame zu vergleichen.

Der dann folgende Traumbericht ist einem Ich-Erzähler (einem der ersten der franz. Literatur) in den Mund gelegt, der zugleich Protagonist der Handlung und, wie sich bald zeigt, fast die einzige als realer Mensch vorzustellende Figur hierin ist. Alles beginnt damit, dass der Erzähler vor einen mauerumschlossenen paradiesischen Garten gelangt, dessen Besitzer Déduit (Spaß, Vergnügen) dort mit einer fröhlichen Gesellschaft, darunter Amor, tanzt und singt. Er wird von Oiseuse (die Müßige) eingelassen und darf etwas mitfeiern, erkundet dann jedoch den Garten, heimlich verfolgt von Amor. Im Spiegel eines Brunnens, dem von Narziss, erblickt er das Bild einer Rosenknospe, die er fasziniert sofort sucht und an einem großen Busch auch findet. Bei dem Versuch, sich ihr zu nähern, wird er von den Pfeilen Amors getroffen. Sie verwandeln seine Faszination in Liebe und machen ihn zu Amors Vasallen. Nachdem er ihm Treue und Gehorsam gelobt hat, wird er ausführlich belehrt über die Pflichten eines Liebenden (u.a. dass er allen, zumal Frauen, gegenüber zuvorkommend ist, sich sauber hält und adrett kleidet) sowie sehr anschaulich aufgeklärt über die Qualen, die ihn erwarten. Bei seinen weiteren Annäherungsversuchen an die Rose bekommt er es mit vielerlei allegorischen Figuren zu tun, insbes. Bel-Accueil (Freundlicher Empfang), der sich ihm zu helfen erbietet, Raison (Vernunft), die ihn warnt, und den Bösewichten Malebouche (Verleumdung), Peur (Furcht), Honte (Scham) und vor allem Dangier ([unrechtmäßiger] Herrschaftsanspruch), einem anschließend in der franz. Literatur allgegenwärtigen Unhold, der das Zusammenkommen Liebender nach Kräften behindert. Schließlich schafft der Liebende es zwar mit der Hilfe von Venus, Danger zu überlisten und einen Kuss der Rose zu erhaschen, doch lässt nun Jalousie (Eifersucht) um den Rosenbusch herum eine Burg errichten und Bel-Accueil in den Burgturm sperren, so dass der Liebende verzweifelt in eine lange Klage ausbricht – womit der erste Teil aufhört.

Die ursprüngliche, bis hierher noch deutliche Gesamtkonzeption ist die der Vermittlung einer idealistischen "ars amatoria" (Liebeskunst) an ein höfisches Publikum. Der liebende adelige Mann sollte durch die theoretischen Belehrungen Amors und durch das praktische Beispiel der Handlung die Kunst des Minnedienstes lernen, der in der völligen Hingabe an die geliebte Dame und der geduldigen Überwindung von Widerständen und Hindernissen besteht und eine moralische Läuterung bewirkt.

Guillaume de Lorris hatte den Liebenden/Erzähler einerseits beiläufig anmerken lassen, er werde später den tieferen Sinn des Werkes erklären, und hatte ihn an einer anderen Stelle andeuten lassen, er werde die Rose erst am Ende einer langen Schlacht bekommen. Offenbar waren es diese Bemerkungen, die Jean de Meung auf die Idee einer Fortsetzung brachten. Er führt zunächst die Klage des Liebenden fort, doch ändert sich sofort die Atmosphäre des Textes. Der Liebende wirkt skeptischer, offener für Zweifel. Auch lässt Jean ihn Aufklärung suchen, zunächst bei Raison, die ihm einen so nüchternen wie langen Vortrag über die Probleme und Spielarten der Liebe hält, ihn aber noch ausführlicher über moralisches und unmoralisches Handeln überhaupt aufklärt, ihn vor dem launischen Walten Fortunas warnt und ihn zur Aufkündigung seines Vasallenverhältnisses zu Amor drängt, was der Liebende natürlich ablehnt. Auch im nächsten Abschnitt, dem Vortrag über praktische Lebensregeln aller Art, den Jean seine Figur Ami auf Bitte des Liebenden halten lässt, geht es nur am Rande um die Probleme Verliebter. Jean ist offensichtlich vor allem an allgemeiner Unterweisung seiner Leser gelegen.

Insgesamt kommt die Handlung in Jeans Teil fast zum Stillstand, das eigentliche Ziel, die Rose, scheint eher nebensächlich geworden, auch wenn der Liebende sie schließlich dank der Hilfe von Amor und seiner Mutter Venus und am Ende eines heftigen Kampfes der allegorischen Figuren um die Rosenburg erlangt und pflückt. Jean nämlich verschafft sich bzw. seinen Figuren ständig neue Gelegenheiten zu gelehrten und satirischen Exkursen. So diskutiert er unter häufiger Berufung auf antike und jüngere Autoritäten philosophische, theologische und moralische Probleme, breitet seine beachtlichen mythologischen, astrologischen und naturkundlichen Kenntnisse aus und nimmt zu aktuellen Fragen Stellung, indem er etwa die Bettelmönchsorden satirisch aufs Korn nimmt oder die Herrschenden und die Vertreter der Kirche kritisiert. Die Liebe sieht er als ein Phänomen der Natur, das deren Gesetzen unterworfen ist und von moralischen Vorstellungen nur geringfügig beeinflusst wird.

Insgesamt steht Jean, der sichtlich für ein vorwiegend städtisches Publikum schrieb, in einer ironischen Distanz zur höfischen Denkungsart seines Vorgängers Guillaume. Aus einer fast misogynen Grundhaltung heraus, wie sie typisch war für den mittelalterlichen Kleriker, sieht er die Liebe nicht als Ideal, sondern als von der Natur gesteuerten Trieb, der von moralischen Vorstellungen bestenfalls gezügelt wird. Die Frau sieht er entsprechend nicht als Mittel der Läuterung, sondern als Versuchung, vor der er den Liebenden von Raison nochmals eindringlich warnen lässt.

Dem Erfolg des Romans tat die Diskrepanz der beiden Teile keinen Abbruch. Hierbei wurde von den spätmittelalterlichen Lesern wahrscheinlich weniger der dichterisch schönere Teil Guillaumes geschätzt als der gelehrtere und vielfältigere Teil von Jean, den man denn auch für den Verfasser des Gesamtwerks hielt. Insgesamt sind mehr als 300, häufig prachtvoll illuminierte Manuskripte erhalten (eine enorme Zahl für einen mittelalterlichen Text) und an die 20 frühe Drucke bis 1538. Entsprechend groß war der Einfluss des Werkes auf die franz. Literatur, wo es die Gattung Traumgedicht heimisch machte und (anders als in Deutschland) in allen Gattungen allegorische Figuren zur Selbstverständlichkeit werden ließ. Der Rosenroman wurde von so gut wie allen franz. Autoren zwischen 1300 und 1530 gelesen und in dieser oder jener Form verarbeitet. 1527 versuchte Clément Marot (s.u.), den Text durch eine sprachliche Modernisierung zu revitalisieren. Diese Fassung erlebte jedoch nur noch vier Auflagen, ehe der Roman der starken Veränderung des literarischen Geschmacks zum Opfer fiel, die von der Wiederentdeckung der Antike und dem Einbruch des kulturellen Einflusses Italiens in Frankreich ausgelöst wurde.

In der Übertragung Chaucers hat der Rosenroman die englische Literatur beeinflusst, in einer parodistischen, vielleicht von Dante verfassten Version, auch die italienische. In der deutschen Literatur scheint er keine nennenswerten Spuren hinterlassen zu haben.

P.S.: Die Bedeutungveränderung zu „Gefahr“, die das franz. Wort danger (aus spätlat. dominiarium „Herrschaft, Herrschaftsanspruch“) im 14. Jahrhundert vollzogen hat, ist vielleicht dem von Guillaume de Lorris kreierten gefährlichen Unhold Dang(i)er und seinen zahlreichen Nachfolgern in der franz. Literatur zu verdanken.

(Stand: Juli 08)

Jean de Meung (auch Jean Clopinel oder Chopinel; geb. um 1240, wahrscheinlich in Meung-sur-Loire; † spätestens 1305, wahrscheinlich in Paris).

Über seine Biografie gibt es so gut wie keine genaueren Informationen. Aus seinem Schaffen lässt sich erschließen, dass er zumindest die Artistenfakultät absolviert haben muss und Kleriker war. Auf jeden Fall hatte er die Möglichkeit, sich eine profunde philosophische, theologische, literarische und naturkundliche Bildung anzueignen. Auch scheint sicher, dass er den größten Teil seiner aktiven Jahre in Paris verbracht hat.

Literarhistorisch bedeutend wurde Jean vor allem durch seine Fortsetzung des um 1230/40 von Guillaume de Lorris begonnenen Rosenromans (Roman de la Rose, s.o.), die er wohl 1275-80 verfasste und durch die er die gut 4000 Verse Guillaumes um fast 18.000 Verse erweiterte. Der Rosenroman war einer der größten Bucherfolge, vielleicht sogar der größte, des franz. Mittelalters, und zwar obwohl die beiden Teile nicht nur in der Länge sehr verschieden sind, sondern auch in ihrem Geist und ihrer Machart. Der Hauptanteil an dem Erfolg gebührt dabei wahrscheinlich nicht dem dichterisch schöneren Teil Guillaumes, sondern dem gelehrteren und vielfältigeren Teil Jeans, unter dessen Namen denn das Werkganze auch anschließend lief.

Die sonstige Aktivität von Jean de Meung bestand vor allem im Übertragen lateinischer Texte ins Franz., womit er offenbar die Bedürfnisse der zunehmenden Zahl von Lesekundigen und Wissensdurstigen vor allem in den wachsenden und prosperierenden Städten seiner Zeit befriedigte. So übertrug er insbes. das Standardwerk der Kriegskunst De re militari von Vegetius (4. Jh. n. Chr.), die Briefe Abälards und Heloises (12. Jh.) und das Trostbuch De Consolatio Philosophiae von Boethius (523/24 n. Chr.). Wie so häufig bei erfolgreichen Autoren, wurden ihm postum auch Werke zugeschrieben, die er nicht verfasst hat.

(Stand: Jan. 09)

La Châtelaine de Vergi (ca. 1250).

Diese anonyme, traurig-schöne höfische Erzählung in 958 Versen gilt seit ihrer Wiederentdeckung zur Zeit der Romantik als ein Juwel der älteren franz. Literatur. Sie variiert das aus der Bibel bekannte Joseph-Putiphar-Motiv1) in folgender Geschichte:

Die Châtelaine (Burgherrin) von Vergi und ein Ritter haben ein geheimes glückliches Verhältnis. Die Herzogin von Burgund verliebt sich in den Ritter, der sie abweist, ohne zu sagen warum. Gekränkt beschuldigt sie ihn beim Herzog mit der Lüge, er stelle ihr nach. Als jener den Ritter tadelt und bestrafen will, weiht dieser ihn in sein Geheimnis ein und lässt ihn versteckt sogar ein Rendez-vous mit der Châtelaine belauschen. Der Herzog, der von der Herzogin zu erklären gedrängt wird, warum er den Ritter nicht bestraft hat, sagt ihr schließlich den Grund. Hierauf deutet die Herzogin der Châtelaine an, sie kenne ihr Geheimnis, und zwar aus dem Munde des Ritters. Die Châtelaine glaubt sich verraten und stirbt vor Kummer; der Ritter nimmt sich das Leben, als er die Tote findet und den Grund ihres Todes erfährt. Der Herzog erdolcht im Zorn seine Frau und geht zur Buße als Tempelritter nach Palästina.

Die offenbar recht erfolgreiche Erzählung (18 mittelalterliche Handschriften sind erhalten), wurde immer wieder modernisiert, ins Italienische sowie ins Niederländische übertragen und zu englischen und deutschen Versionen verarbeitet.

1) Die geläufige Bezeichnung ist eigentlich unkorrekt, denn Putiphar ist der Name des Gatten der Frau, die sich in Joseph verliebt hat.

Rutebeuf (auch Rustebués genannt; Schaffenszeit ca. 1250–1285).

Er gilt heute als der erste bedeutende Pariser Autor in der franz. Literaturgeschichte. Über seine Biografie sind wir nur vage aus flüchtigen Angaben in seinen Werken informiert. Deren Entstehungsdaten müssen aus ihrem Inhalt und anderen Indizien erschlossen werden. Auch sein eigentlicher Name steht nicht fest. Er selbst erklärt „Rutebeuf“ als Beinamen, der seinen Hang zu den heftigen Attacken ausdrücke, die ihn als „rude beuf“ (rüder Ochse) erscheinen ließen.

Offenbar war Rutebeuf zum Studium, wohl aus der Champagne, nach Paris gekommen, das unter den lange und erfolgreich regierenden Königen Philippe "Auguste" (1180-1223) und Louis IX (1226–1270) zum unbestrittenen Macht- und Kulturzentrum Frankreichs aufgerückt war. Er hatte jedoch, wie er angibt, durch eigene Schuld, nämlich Trunk- und Spielsucht, keinen festen Platz in der Gesellschaft gefunden. Vielmehr führte er, zunehmend pessimistisch und verbittert und ständig über seine Armut klagend, eine unsichere Existenz als Auftragsdichter wechselnder Gönner, als Unterhalter mit Text- und Gesangsdarbietungen in den Häusern reicher Leute und wohl vor allem als Spielmann auf Volksfesten.

Als Autor war er sehr vielseitig und betätigte sich in vielen Genres, mit Ausnahme der höfischen Lyrik und des höfischen Romans. Er verfasste Gesellschaftssatiren (z.B. La Bataille des vices contre la vertu), ein Mirakelspiel (Le Miracle de Théophile), Heiligenviten (z.B. Vie de Sainte Marie l’Égyptienne), Fabliaux (=Schwänke), eine satirische allegorische Fuchs-Dichtung (Renart le bétourné), persönliche Lyrik, die meist sein Unglück thematisiert (z.B. Le Mariage de Rutebeuf oder La Complainte de Rutebeuf), aber auch gereimte Kreuzzugspropaganda, die die Lethargie der Christen und ihrer Führung anprangert. Ein nicht unerheblicher Teil seiner Gedichte, z.B. der Renart, diente ganz oder nebenher der Polemik gegen die jungen Bettelmönchsorden, die die Volksbelustigungen bekämpften, von denen er und seine Schausteller- und Spielmannskollegen lebten. Allerdings polemisiert er auf einer eher politischen Ebene, indem er den Einfluss der Mönche auf den König und andere Mächtige geißelt und die Heuchelei anprangert, mit der sie, wie er glaubt, ihren Machthunger und ihre Gier kaschieren. Zugleich versuchte er mit seiner Polemik die Pariser Universität, der er sich verbunden fühlte, in ihrem Abwehrkampf gegen die Orden zu unterstützen, die an ihren Privilegien teilzuhaben trachteten.

Rutebeuf, der sich nicht zu Unrecht unter Wert gehandelt fühlte, ist eine relativ isolierte, unkonventionell wirkende Stimme in der Literatur seiner Zeit. Er wird von anderen Autoren kaum erwähnt oder zitiert und hat auch keine Schule gemacht. Der 200 Jahre jüngere François Villon, mit dem er gern verglichen wird, hat vermutlich nichts von ihm gewusst.

(Stand.: Sept.. 07)

P.S.: Nachdem Paris aufgrund seiner günstigen Lage am Zusammenstrom von vier Flüssen, auf denen sich Lebensmittel heranschaffen ließen, früh zur festen Residenz des Königshofes geworden war, entwickelte es sich im 13. Jh. nicht nur zur eindeutig größten Stadt im Königreich, sondern wurde, nicht zuletzt dank der Universität, auch zum intellektuellen und kulturellen Zentrum, das alle bisherigen anderen Zentren zweitrangig werden ließ. Hieraus erklärt sich auch der im 13. Jh. einsetzende Siegeszug des Dialekts der Île de France, des Franzischen, das allmählich zur Standardsprache wurde und die bisher mit ihm als Literatursprachen rivalisierenden Dialekte bzw. Sprachen verdrängte, d.h. das Anglonormannische (das ohnehin langsam mit dem Angelsächsischen zum Englischen verschmolz), das Normannische, das Champagnische, das Pikardische sowie das Okzitanische Südfrankreichs.

Brunetto Latini bzw. Brunet Latin (ca. 1230–1294)

Der Name dieses ersten Italieners in der franz. Literaturgeschichte verbindet sich mit dem nach 1260 begonnenen Livre du trésor, einem Kompendium des geographisch-naturkundlichen, philosophisch-moralischen und biblisch-althistorischen Wissens der Zeit und zugleich der Politik und Rhetorik.

Das Werk entstand in Paris während einer Verbannung des hochgebildeten Frühhumanisten Brunetto aus seiner von inneren Machtkämpfen zerrissenen Heimatstadt Florenz. Es war gedacht als Lehrbuch und Nachschlagewerk für ein breiteres, d.h. nichtklerikales, vor allem städtisch-patrizisches Publikum.

Der in nüchterner franz. Prosa geschriebene Trésor, für den es damals nur lateinisch verfasste Vorbilder gab, wurde seinerseits Vorbild für zahlreiche ähnliche in den Volkssprachen verfasste Werke in Frankreich und anderswo in Europa. Die Tatsache, dass Brunetto französisch schrieb, um (wie er selbst vermerkt) möglichst viele Leser zu erreichen, bezeugt die Bedeutung, die das Französische inzwischen als europäische Lingua franca gewonnen hatte, d.h. als Verkehrssprache, die vielerorts, bis in den Vorderen Orient hinein, verstanden und benutzt wurde.

Brunetto kehrte übrigens 1267, nachdem seine Partei in Florenz wieder an die Macht gekommen war, dorthin zurück und gelangte in höchste Ämter dieses seinerzeit reichen und mächtigen, als Republik verfassten Stadtstaates. Dante bezeichnet ihn in seiner Divina commedia (I, 15) als seinen Lehrer, versetzt ihn allerdings zu den Sodomiten in die Hölle.

(Stand: Febr. 05)

Adam de la Halle (ca. 1235 – ca. 1285).

Adam, der auch „le Bossu“ (der Bucklige) genannt wurde, ist heute vor allem bekannt als der Autor von Le Jeu de la feuillée (1276/77), dem ersten satirischen Theaterstück der franz. Literatur. Hierin bringt er sich selbst, seinen Vater, seine Frau, Verrückte und Feen sowie diverse reiche Patrizier seiner Heimatstadt Arras auf die Bühne und karikiert sich und sie überwiegend boshaft in einer Serie von Szenen, die wie bissige Rundumschläge aus einer Lebenskrise heraus erscheinen (von der er sich offenbar gern durch einen Wechsel ins intellektuell lebendigere Paris befreit hätte).

Ca. 1284 (Adam stand inzwischen im Dienst des Grafen Robert von Artois) verfasste er in Neapel ein weiteres Stück, das Singspiel Le Jeu de Robin et de Marion. Dieses sollte zur Unterhaltung des franz. Heeres beitragen, mit dem Robert 1283 nach Neapel gezogen war, um dem jüngeren franz. Königssohn Charles d'Anjou (der seit 1266 König von Neapel-Sizilien war) zu helfen, das seit 1282 aufständische Sizilien zurückzuerobern.1) Die Handlung des Jeu de Robin et de Marion spielt in einer halb realistischen, halb konventionell-arkadischen Hirtenwelt und rankt sich um das traditionelle Pastorellen-Motiv, d.h. die Begegnung in freier Natur zwischen einem liebeshungrigen Ritter und einer jungen Schäferin (wobei im vorliegenden Fall Marion ihrem Robin treu bleibt und den Ritter abblitzen lässt – ähnlich wie es oft auch in den zahlreichen anderen, meist in Gedichtform verfassten "Pastourelles" geschieht).

Adam war in seinen jüngeren Jahren auch als Lyriker (und Komponist seiner Texte) nicht unbedeutend. Die reiche Tuchmetropole Arras verfügte zu dieser Zeit durchaus über ein eigenständiges geistiges Leben, z.B. mit regelmäßigen Wettdicht- und Wettsingveranstaltungen („puis“), in denen er sich profilieren konnte.

1) Frankreich war im 13. Jh. dank einer Serie tüchtiger Könige von Philippe II "Auguste" (1180-1223) bis zu Philippe IV "le Bel" (1285–1314) die politisch stärkste Macht in Europa! Die Wiedereingliederung Siziliens in das Königreich Neapel allerdings gelang für dieses Mal nicht.

Marco Polo (ca. 1254–1324).

Dieser venezianische Patrizier, Kaufmann und Reisende ist in die franz. Literaturgeschichte eingegangen mit Le Livre des merveilles du monde (1298), dem ersten weitgehend realistischen Bericht über die in Westeuropa bis dahin praktisch unbekannten Länder und Völker in Fernost.

Im Mittelpunkt steht China, wo Polo sich zunächst als noch jugendlicher Begleiter seines Vaters und seines Onkels, dann als Günstling des Großkhans (=Kaisers) 17 Jahre lang (1275–1292) aufgehalten hatte, während derer er viel in dem Riesenreich selbst herumkam, aber auch Indien und Burma bereiste. Ebenfalls beschrieben werden der Hinweg über die berühmte Seidenstraße und der Rückweg, der per Schiff bis Persien, über Land bis Konstantinopel und dann wieder per Schiff nach Venedig führte.

Das Buch entstand durch den Zufall, dass Polo bei einem Seegefecht zwischen Venezianern und Genuesen in genuesische Gefangenschaft geriet und von einem Mitgefangenen, dem auch als Autor anderer Werke bekannten Rustichello da Pisa, gedrängt wurde, ihm den Bericht seiner Reise zu diktieren, wobei die beiden als geeignetste Sprache das ihnen ausreichend vertraute Französische wählten (in das sie allerdings viele Italianismen mischten).

Der "Marco Polo" wurde in den nachfolgenden zwei Jahrhunderten sehr viel gelesen, denn mehr als 80 Handschriften, auch von Übersetzungen in andere Sprachen, sind erhalten. Darüberhinaus wurde er von Gelehrten aller Art ausgewertet, vor allem Geographen, die seine sehr exakt wirkenden Entfernungsangaben für ihre Karten übernahmen. Noch Kolumbus benutzte diese Angaben zur Errechnung der Länge einer Seefahrt quasi hinten herum nach Indien (wobei er aber viel zu optimistisch kalkulierte und verhungert und verdurstet wäre, hätte er nicht Amerika, genauer: eine karibische Insel gefunden).

Jean de Joinville (* 1224 oder 1225; † 24.12.1317)

Er ist vor allem bekannt als Verfasser einer Darstellung von König Louis IX des Heiligen (1214-70), die als erste franz.sprachige Biographie in einem modernen Sinne gilt.

Joinville gehörte einer Familie an, die nicht zuletzt durch reiche Heiraten in den Hochadel aufgestiegen war und in der das (Richter-)Amt eines Sénéchal de Champagne erblich war. Im Alter von ca. acht Jahren verlor er seinen Vater, wonach er von seiner Mutter erzogen wurde, die aus der Familie der Grafen der Bourgogne stammte.

1241 ist Joinville ein erstes Mal in seinem Rang als Sénéchal nachweisbar, und zwar bei einem königlichen Hoftag in Saumur. Anschließend unternahm er eine Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela. Nach seiner Rückkehr heiratete er.

1245 oder 46 nahm er erstmals als Ritter an Kampfhandlungen teil anlässlich der Fehde eines Onkels, des Grafen von Chalon.

Ostern 1248, inzwischen war er Vater zweier Kinder, darunter eines Sohnes, nahm er das Kreuz, wie es schon mehrere Vorfahren von ihm getan hatten, und schloss sich mit zehn von ihm besoldeten Rittern dem Sechsten Kreuzzug an, zu dem Louis IX von Marseille aus aufbrach. Während der längeren Zwischenstation auf Zypern trat er, nicht zuletzt wohl aus finanziellen Gründen, in das königliche Gefolge ein.

Bei der Landung des Kreuzfahrerheeres im Nil-Delta Anfang 1249 und der Einnahme der dortigen Hafenstadt Damiette zeichnete Joinville sich aus. Wenig später nahm er an der desaströsen Belagerung von al-Mansura teil, an welcher der Kreuzzug scheiterte. Auf dem Rückzug nach Damiette geriet er im Februar zusammen mit König Louis in Gefangenschaft. Gegen Zahlung eines hohen Lösegeldes wurde er im Mai freigelassen, gemeinsam mit Louis, mit dem er sich nach Akkon in Palästina einschiffte. In dieser Hafenfestung, die noch von Kreuzfahrern gehalten wurde, blieb er vier Jahre lang mit ihm zusammen und begleitete ihn 1254 zurück nach Frankreich. In diesen Jahren täglichen Umgangs mit seinem König wurde er zu dessen engen Vertrauten, was er in der Folgezeit als Mitglied des Kronrates blieb.

1267 (inzwischen hatte er sich in zweiter Ehe verheiratet und war vor kurzem wieder Vater geworden) wurde Joinville von Louis gedrängt, an einem neuerlichen Kreuzzug (dem siebten) teilzunehmen, der nach Tunis führen sollte. Er lehnte jedoch ab, weil er sich den Seinen verpflichtet fühlte und überdies das Vorhaben für unrealistisch hielt – zu Recht, denn Louis kam 1270 vor Tunis ums Leben, ohne Erfolge erzielt zu haben.

1282 gehörte Joinville zu den Zeugen im Kanonisierungsverfahren, das für Louis eröffnet worden war und 1290 mit dessen Heiligsprechung endete. Der Wortlaut seiner Aussage ist erhalten.

Da er schon während seines Aufenthalts in Palästina einen Kommentar des Credo verfasst hatte (der ihn als guten Bibelkenner ausweist), begann er 1305 auf Bitten der Königin das Livre des saintes paroles et des bons faits de nostre saint roi Louis (=Das Buch von den heiligen Worten und guten Taten unseres heiligen Königs Ludwig), das er 1309 fertigstellte und dem amtierenden König Philippe le Bel widmete, einem Enkel von Louis IX.

Das Werk sollte der Belehrung und Erbauung des Kronprinzen (des späteren Louis X, *1289) dienen, doch verfolgte es daneben naturgemäß auch politische Ziele, nämlich die Stärkung der Dynastie durch die Präsentation eines mustergültigen Herrschers aus ihren Reihen. Joinville bringt sich aber auch selbst zur Geltung, denn er erzählt als erster Chronist der franz. Literatur in der 1. Person. Der Form nach ist sein Werk ein sehr persönlich wirkender, lebendiger Bericht seiner vielen Begegnungen mit Louis und mischt insofern Gattungsmerkmale von Biografie, Autobiografie, Chronik und Reisebericht, aber auch der meist lateinischen Exempla-Literatur der Zeit.

Joinville nahm noch als Hochbetagter an mehreren Kriegszügen teil und starb im für mittelalterliche Verhältnisse sehr hohen Alter von gut 90 Jahren auf seinen Besitzungen in der Champage.

Sein Image eines ersten Biografen im modernen Sinn resultiert daraus, dass er bestrebt ist, die dargestellte Person trotz aller Sympathie möglichst objektiv darzustellen, d.h. in den unterschiedlichsten, sowohl alltäglichen wie offiziellen Situationen, und ihn weniger apologetisch als Heiligen zu verherrlichen denn als guten Christen und König zu zeigen, der durchaus auch diese oder jene Schwäche aufweist.

Das Werk Joinvilles fand zu seiner Zeit offenbar keine weite Verbreitung, denn nur wenige Manuskripte sind erhalten. Auch hat es, vielleicht aufgrund seiner unkonventionellen Form, nicht als Vorbild gewirkt. Immerhin wurde es 1547 gedruckt unter dem knappen Titel Vie de Saint Louis. Erst im 19. Jh. wurde es von (Literar-)Historikern stärker beachtet. Eine deutsche Übersetzung (Th. Nissle) erschien 1854.

(Stand: Jan. 09)

Ovide moralisé (1291–1328).

Unter diesem Kurztitel figuriert in den Literaturgeschichten eine mit ihren 72.000 paarweise reimenden Achtsilblern enorm lange Nachdichtung der Metamorphosen des klassisch lateinischen Autors Ovid. Der unbekannte Verfasser dichtet den Originaltext allerdings sehr frei nach und erweitert ihn durch umfangreiche Einschübe, in denen er die ovidischen Verwandlungsgeschichten (die meist der griechischen Mythologie entstammen) in einem typisch mittelalterlichen Verfahren rationalisierend („euhemeristisch“) erklärt und theologisch-moralisierend kommentiert.

Der Ovide moralisé ist eines der vielen Zeugnisse für die große Beliebtheit Ovids im Hochmittelalter, wobei dessen Texte allerdings vorzugsweise in ganz verschiedenartig nachgedichteten und bearbeiteten Fassungen gelesen wurden. Das Werk ist zugleich Ausdruck für das auch in Frankreich um diese Zeit stark zunehmende generelle Interesse an der Literatur der römischen Antike, ein Interesse, das gefördert wurde durch die Verlegung des päpstlichen Hofes von Rom nach Avignon (1309), die zusätzliche Kontakte gebildeter Franzosen mit der Kultur Italiens und dem dort beginnenden Früh-Humanismus mit sich brachte.

P.S.: Diese Verlegung hatte der schwache franz. Papst Clemens V. vorgenommen, der 1305 unter dem Druck des franz. Königs Philippe le Bel gewählt worden war. Sie wurde erst 1377 rückgängig gemacht und ging als die "babylonische Gefangenschaft der Kirche" in die Geschichte ein. Naturgemäß schwächte das Residieren fern von Rom die Autorität und auch die Macht der Päpste, denn diese waren ja nicht nur geistliches Oberhaupt der kath. Kirche, sondern auch weltlicher Herrscher im Kirchenstaat, dessen Fläche damals ca. ein Fünftel des heutigen Italiens umfasste.

Guillaume de Machaut (ca. 1300 – 1377).

Er war einer der großen Autoren, aber auch Komponisten seines Jahrhunderts. (In Nachschlagewerken wird er häufig unter "G", d.h. seinem Vornamen, geführt.)

Er wurde geboren wahrscheinlich in Machault, einem Dorf in den Ardennen, als Sohn einer nichtadeligen Familie, die aber sichtlich wohlhabend genug war, um ihm eine gute Bildung zu ermöglichen. Nach Studien an der Domschule von Reims trat er ca. 1323 in die Dienste Herzog Johanns von Luxemburg (1296-1346), eines Sohnes Kaiser Heinrichs II. Zum Sekretär Johanns befördert, der zugleich König von Böhmen, Mähren und Schlesien war, begleitete er diesen auf seinen vielen Reisen durch seine Territorien und auf zahlreichen Kriegszügen. Dank ihm erhielt er 1337, obwohl nie zum Priester geweiht, eine einträgliche Domherrenpfründe im Domkapitel von Reims, wo er ab 1340 auch überwiegend lebte, nachdem Johann erblindet war und weniger umherzog.

Als 1346 Johann in der englisch-franz. Schlacht von Crécy umkam (auf Seiten des Verlierers, König Philippe VI von Frankreich), trat Machaut in die Dienste Guthas (alias Bonne) von Luxemburg, der Tochter Johanns und Schwiegertochter Philippes. Nach Guthas baldigem Tod (1349) war Machaut als Dichter renommiert genug, um keinen festen Dienstherrn mehr zu benötigen. Vielmehr schloss er sich wechselnden fürstlichen Mäzenen an, z.B. dem Dauphin (Kronprinz) und späteren König Charles V (1364–1380) oder dessen kunstliebendem Bruder Herzog Jean de Berry († 1416), an deren Höfen er gastierte und denen er – natürlich gegen Entgelt – seine Werke widmete.

Machaut war Verfasser von längeren, meist allegorischen Versdichtungen verschiedener Gattungen sowie von kürzeren Verserzählungen und -romanen, die in der Regel die Ich-Form benutzen und viele autobiografische Elemente enthalten. Er versuchte sich aber auch in der Gattung Vers-Chronik mit La Prise d'Alexandrie, einem Bericht von der (vorübergehenden) Eroberung Alexandrias 1365, den er 1370-1371 zu Ehren des 1369 ermordeten Eroberers Pierre de Lusignan, Königs von Zypern, verfasste. Vor allem aber war Machaut ein sehr produktiver, seine Kunst reflektierender Lyriker, von dem 234 Balladen, 76 Rondeaus und rd. 100 andere Gedichte erhalten sind. Hauptgegenstand dieser Lyrik, die formal und thematisch überwiegend im Gefolge der höfischen Dichtkunst steht, ist die Liebe oder genauer "das Lob der Damen".

Machaut war übrigens einer der letzten, der viele seiner Gedichte vertont hat, und er gilt auch in der Musikgeschichte als Figur von epochaler Bedeutung.

Von Interesse ist er darüber hinaus als Autor des wohl ersten autobiografischen Liebesromans der franz. Literatur, Le voir dit (=die wahre Dichtung), einer 1362 verfassten Liebesgeschichte um die junge Péronne d'Armentières und den schon ältlichen Dichter, der darin zugleich die Entstehung seines Werkes thematisiert.

Von seinen Zeitgenossen wurde Machaut als ein Meister seiner Kunst verehrt. Sein Einfluss auf die nächsten Lyrikergenerationen, insbes. auf Jean Froissart, Eustache Deschamps und Christine de Pizan war groß. Seine Existenz als eines vor allem für Höfe und fürstliche Mäzene Tätigen wird für die Autoren des 14. und 15. Jh. typisch werden.

P.S.: Die im vorangehenden 13. Jh. so bedeutende kulturtragende Funktion der reichen Stadtbürgerschaft (des Patriziats), war im 14./15. Jh. stark gemindert dadurch, dass die Städte verarmt waren aufgrund eines ganz Europa betreffenden enormen Rückgangs der Bevölkerungszahl und damit der Wirtschaftskraft. Ursache hierfür waren zunächst Serien von Missernten und Hungersnöten, die ausgelöst wurden von einer starken Klimaverschlechterung nach 1300, und dann die Große Pest von 1348–50, bei der weit mehr als die Hälfte aller Europäer starben, und zwar vor allem in den Städten aufgrund der dort größeren Ansteckungsgefahr. In Frankreich kamen ab 1337 verschlimmernd die Auswirkungen der ersten Phasen des Hundertjährigen Krieges zwischen der englischen und der franz. Krone hinzu.

Jean Froissart (* ca. 1337 in Valenciennes, † ca. 1410, wahrscheinlich in Chimay/Belgien).

Er ist von besonderem Interesse als Autor der von 1370 bis 1400 verfassten Chroniques, des wohl ersten franz.sprachigen historiografischen Werks, das Ereignisse der jüngeren und jüngsten Vergangenheit nicht, wie bis dahin üblich, aus der rückblickenden Perspektive eines selbst daran Beteiligten berichtet, sondern sie auf der Grundlage schriftlicher Quellen sowie der Befragung von Teilnehmern und Augenzeugen darstellt.

Froissart wuchs auf im (heute belgischen) Hainaut (Hennegau). Nach einer Ausbildung als Kleriker ging er 1361 nach London an den englischen Hof, da er Anschluss an Philippine de Hainaut, die Gemahlin von König Edward III, gefunden hatte. Seine literarische Laufbahn begann er als höfischer Lyriker und Verfasser längerer, oft allegorischer Versdichtungen im Stile Guillaumes de Machaut. Schon in London jedoch, wo er viele Teilnehmer am Hundertjährigen Krieg zwischen den Kronen Englands und Frankreichs kennenlernte und von wo aus er bald auch zahlreiche Reisen für Recherchen und die Befragung von Zeitzeugen unternahm, begann er sich als Chronist der jüngsten Vergangenheit zu betätigen. Eine erste Chronik, die die Kriegstaten der Engländer feierte und Philippine gewidmet war, ist jedoch nicht erhalten.

1368 begleitete er einen Sohn Philippines zur Verheiratung nach Mailand und erfuhr auf der Rückreise 1369, dass seine Gönnerin gestorben war. Er ließ sich nun im heimatlichen Hainaut nieder und widmete sich seinen Chroniques, nachdem er neue Mäzene gefunden hatte. Dies waren z.B. Robert de Namur und Guy de Châtillon, Comte de Blois, der ihm 1373 die Pfarrei von Estinnes-au-Mont als Absicherung besorgte und ihm 1388 für den Spanien-Teil seiner Chronik eine Reise an den Hof des Grafen von Foix-Béarn nahe der spanischen Grenze finanzierte. Vor allem aber erhielt Froissart die Unterstütztung Wenzels von Luxemburg, Herzogs von Brabant, mit dem ihn ein engeres persönliches Verhältnis verband.

Zentraler Gegenstand der sehr umfangreichen Chroniques de France, d'Angleterre, d'Escoce, d'Espaigne, de Bretaigne, de Gascogne, de Flandres et lieux circonvoisins ist das Hin und Her des von 1337 bis 1458 immer wieder aufflammenden Hundertjährigen Krieges. Hierbei sympathisiert Froissart anfangs eher mit den Engländern, erst später macht er sich zumindest ansatzweise auch die Leiden des Volkes in Frankreich bewusst sowie die Tatsache, dass die englischen Feldzüge auf franz. Boden Raubzüge waren. Insgesamt aber sieht er den Krieg mehr als Ausfluss persönlicher Ruhmbegierden von Fürsten und Herren sowie als Abfolge eindrucksvoller Ritterkämpfe und Schlachten denn als einen blutigen Konflikt, in dem englische Könige und Heerführer die Schwäche ausnutzten, in die Frankreich nach 1314 durch eine Serie rascher Thronwechsel verfiel und die es ihnen ermöglichte, immer wieder große Teile des Landes unter ihre Herrschaft zu bringen.

Neben der Arbeit an den nach und nach auf vier umfangreiche Teile anwachsenden Chroniques schrieb Froissart auch noch andere Werke. So beendete er 1383 den Meliador, einen der letzten franz. Ritterromane in Versform, in den er auch Gedichte des im selben Jahr verstorbenen Herzogs Wenzel einstreute.

Nachdem er sich mit Guy de Châtillon überworfen hatte, fand er in seinen späten Jahren einen Gönner in Philippe le Hardi (Philipp der Kühne, †1404), Herzog von Burgund. Auf einer seiner immer noch fortgesetzten Informationsreisen besuchte er 1395 auch London, verließ es aber bald enttäuscht. Er beendete sein Leben als Kanonikus in Chimay.

Die Chroniques erfuhren im 15. Jh. eine so beachtliche Verbreitung, das sich mehr als 100, z.T. reich illustrierte Manuskripte erhalten haben.

(Stand: Juli 05)

Eustache Deschamps (auch Eustache Morel genannt, ca. 1345–1404).

Er war der bedeutendste franz. Lyriker der zweiten Hälfte des 14. Jh. und war vielleicht ein Neffe von Guillaume de Machaut, jedenfalls aber eine Zeitlang sein Zögling an der Domschule von Reims.

Nach Jurastudien an der Universität Orléans erlangte Deschamps dank seiner Talente als Dichter und als Unterhalter 1368 die Protektion von König Charles V und nach dessen Tod (1380) die von Charles VI sowie vor allem von dessen kunstliebendem und ehrgeizigem jüngeren Bruder Herzog Louis d'Orléans, zu dessen Gefolge er ab 1390 zählte. Von seinen Gönnern erhielt er mehrere kleinere königliche Ämter zugewiesen, von denen er samt seinen Kindern (seine Frau war 1376 jung nach der Geburt des dritten gestorben) passabel leben konnte, obwohl er häufig klagte. 1389 wurde er zum seigneur de Barbonval erhoben und somit geadelt. Er hielt sich meist in Paris am Hof auf, war aber auch viel mit seinen Fürsten und für sie unterwegs. So war er 1384/85 Mitglied einer diplomatischen Mission nach Ungarn und Kroatien, 1397 reiste er als Botschafter von Louis d'Orléans nach Mähren. Um 1400 zog er sich mehr und mehr zurück, gesundheitlich angeschlagen und unzufrieden mit dem Machtgerangel am Hof, wo verschiedene Klüngel, nicht zuletzt der von Louis, den intermittierend geistesgestörten König zu manipulieren versuchten.

Deschamps war mit etwa 1500 erhaltenen Gedichten in allen damals gängigen Genera, darunter vor allem gut 1100 Balladen und an die 200 Rondeaus über vielerlei Sujets, einer der produktivsten und thematisch, formal und stilistisch innovativsten Lyriker des franz. Mittelalters. Sein Einfluss auf die Autoren neben ihm (z.B. auch auf Geoffrey Chaucer) und nach ihm war groß und reicht bis weit ins 15. Jh. hinein, z.B. bis zu Villon.

Während seine dem Thema Liebe gewidmeten Gedichte meist eher konventionell bleiben, wirken seine moralisch-gesellschaftlichen Problemen, z.B. denen des Hoflebens, gewidmeten Texte (meist Balladen) sehr persönlich. Bei den Zeitgenossen hoch angesehen waren auch seine philosophischen, didaktischen und satirischen Balladen.

Ein zentrales Thema Deschamps’ ist der Niedergang Frankreichs durch den nach Charles’ V Tod wieder aufflammenden Hundertjährigen Krieg. In einer Ballade bejammert er z.B., wie (1380) auch sein eigener Landsitz nahe seinem Geburtsort Vertus von englischer Soldateska geplündert und abgebrannt wurde. In der Fragment gebliebenen allegorischen Versdichtung La Fiction du lion, wo er Frankreich als Löwen und England als Leoparden darstellt, beklagt er das Versagen des Nachfolgers von Charles V, der es nicht schaffte, den „Leoparden“ in die Schranken zu weisen. Ein anderes politisches Thema, nämlich das Große Schisma in der Katholischen Kirche, behandelt Deschamps in La Complainte de l'Eglise desolee (1393).

In seinen letzten Jahren arbeitete er an der unvollendet geblieben satirischen Versdichtung Le Miroir du mariage, wo er die Vor- und Nachteile (meist eher diese) der Ehe diskutiert.

Deschamps ist darüber hinaus interessant als Autor der ersten in franz. Sprache verfassten Poetik (Dichtungslehre), L'Art de dicter et de faire chansons (1392), einer Zusammenstellung von Regeln und Rezepten zum Verfassen metrisch gebundener Texte, wobei es ihm mehr auf die „musique naturelle“ der Sprache als auf die „musique artificielle“ der Melodie ankommt (denn er war einer der ersten, die auf eine Vertonung und musikalische Begleitung ihrer lyrischen Texte weitgehend verzichten).

(Stand: Jan. 05)

P.S.: Der mit vielen Pausen insgesamt von 1337 bis 1453 dauernde Krieg zwischen den Kronen Englands und Frankreichs spielte sich ausschließlich auf franz. Boden ab und bestand weitgehend aus den sommerlichen Beutezügen englischer Heere. Seine Schlachten gingen häufig zugunsten der Engländer aus, weil deren Truppen zwar zahlenmäßig meistens unterlegen, aber technisch dank ihrer Bogenschützen und taktisch dank ihrer größeren Disziplin überlegen waren.

Christine de Pizan bzw. de Pisan (1365 – ca. 1430).

In ihren fast 40 Schaffensjahren war Christine die mit Abstand produktivste aller Literaten ihrer Generation. Sie gilt als die erste Autorin der franz. Literatur, die (samt ihrer Familie) mehr oder weniger von ihrer Feder zu leben geschafft hat. Nachdem sie von einer lange Zeit männlich dominierten Literaturgeschichtsschreibung eher vernachlässigt worden war, wird sie heute relativ hoch geschätzt und von Literatur- und Sozialwissenschaftlerinnen als eine Feministin avant la lettre betrachtet.

Geboren in Venedig als Tochter des Astrologen und Arztes Tommaso da Pizzano, kam sie als Mädchen nach Paris, nachdem ihr Vater Leibarzt von König Charles V geworden war. Sie erhielt eine gute Bildung (die sie später durch die fleißige Lektüre antiker und zeitgenössischer Autoren erweiterte) und wurde fünfzehnjährig mit dem 10 Jahre älteren kleinadeligen königlichen Notar und Sekretär Étienne du Castel verheiratet, mit dem sie rasch hintereinander drei Kinder bekam.

Nach dem Tod ihres Gatten während einer Epidemie (1389) und ihrer Verarmung durch Erbschaftsprozesse begann sie zu schreiben. Dank ihrer einstigen Nähe zum Hof gewann sie dort Mäzene und entwickelte das System, von ihren Werken nach deren Fertigstellung Prachthandschriften anfertigen zu lassen, die sie in der Hoffnung auf fürstliches Entgelt Mitgliedern der königlichen Familie überreichte, vor allem der Königin Isabeau de Bavière und den Herzögen Louis d'Orléans, Jean de Berry und Philippe de Bourgogne.

Christine begann als Lyrikerin unter dem Einfluss von Eustache Deschamps (s.o.), wobei sie z.B. in sehr persönlich wirkender Weise den Verlust des geliebten Gatten beklagt (Ballades du veuvage, Cent ballades d'amant et de dame).

Sie schrieb dann mehr lehrhaft-philosophische Werke, u.a. ein Lehrbuch für angehende Fürsten (L'Épître d'Othéa, 1400), Betrachtungen über das Wirken Fortunas in ihrem eigenen Leben und in der antiken Geschichte (La Mutation de Fortune, 1403), und schließlich politisch motivierte Werke, worin sie auf die vielen Kriege und Bürgerkriege im Frankreich des geistesgestörten Königs Charles VI (1380–1422) reagierte, hinter dem ständig verschiedene Personen und Parteien um die Macht im Staate kämpften und dabei immer wieder auch England in ihre Streitereien hineinzogen (z.B. Le Livre des faits d'armes et de chevalerie, 1410; Le Livre de paix, 1412; Lamentations sur les maux de la guerre, 1420).

Ebenfalls politisch intendiert war eine apologetische Biografie (1405) des Protektors ihres Vaters und großen Königs Charles V (1364–1380), der mit Hilfe seines tüchtigen Feldherrn Du Guesclin die Engländer fast aus Frankreich hinausgedrängt und das Land vorübergehend befriedet hatte.

1399, und damit beginnt der „feministische“ Teil ihres Schaffens, kritisierte sie die Misogynie der Männer ihres gesellschaftlichen Umfeldes, insbesondere die des Autors Jean de Meung im Rosenroman. Sie entfesselte damit die sog. Querelle du Roman de la Rose, den ersten Pariser Literatenstreit in der Geschichte der franz. Literatur, in den sie selbst mit ihrer Épître au dieu d'amours (ebenfalls 1399) eingriff. 1400 verfasste sie Le Dit de la rose, der die fiktive Gründung eines die Frauen beschützenden „Rosenordens“ beschreibt. Von 1404 datiert ein Traktat zur richtigen Erziehung der Mädchen, Le Livre des trois vertus. 1405 stellte sie ihr aus heutiger Sicht interessantestes Werk fertig, Le Livre de la Cité des dames, in dem sie an Protagonistinnen aus der biblischen und der antiken Geschichte die Fähigkeiten bedeutender Frauen vorführt und den utopischen Entwurf einer Gesellschaft entwickelt, die den Frauen gleiche Rechte gewährt.

1418, während einer der heißesten Phasen des Hundertjährigen Krieges, zog sie sich zu ihrer Tochter in ein Kloster unweit von Paris zurück.

Hier wurde sie 1429 noch Zeugin der Heldentaten von Jeanne d'Arc, der „Jungfrau von Orléans“, der sie nach schon längerem Schweigen einen Lobpreis widmete (Dictié en l'honneur de la Pucelle, 1429). Danach ist nichts mehr bekannt von ihr.

(Stand: Febr. 07)

Journal d'un bourgeois de Paris (1405–1449). Es ist das älteste erhaltene Tagebuch in franz. Sprache und berichtet aus der Perspektive eines namentlich unbekannten Pariser Klerikers vom Alltagsleben in einer schwierigen Zeit, die in und um Paris geprägt war durch fast pausenlose Kriege bzw. Bürgerkriege, Anarchie, Seuchen, Hunger und Not. Das Journal ist naturgemäß weniger als literarischer Text denn als Informationsquelle für Historiker interessant.

Alain Chartier (ca. 1385–1433)

Er ist als Lyriker und Erzähler mit Abstand der bedeutendste franz. Autor der Zeit um 1425 und galt als solcher auch schon bei den Zeitgenossen.

Chartier (der in Literaturgeschichten und Lexika häufig unter „Alain“ figuriert) stammte aus einer bürgerlichen Familie der normannischen Bischofstadt Bayeux. Wie sein ältester Bruder Guillaume, der später Bischof von Paris wurde, und sein älterer Bruder Thomas, der königlicher Notar wurde, studierte er in Paris. Spätestens um 1415 stand auch er in Beziehung zum Hof als Sekretär des Dauphins, des späteren Königs Charles VII. Diesem diente er praktisch sein ganzes Leben lang und reiste für ihn des öfteren als kompetenter Begleiter ranghöherer, aber weniger kompetenter Botschafter bzw. Unterhändler zu europäischen Fürsten. Zum Dank bekam er von Charles mehrere einträgliche Domherrenpfründen (die kumulierbar waren) verschafft. Er starb auf einer diplomatischen Reise in Avignon. Seine Existenz war überschattet von der schlimmsten Phase des Hundertjährigen Krieges zwischen den Kronen Englands und Frankreichs sowie dem darin eingebetteten innerfranzösischen Bürgerkrieg zwischen Bourguignons und Armagnacs.

Chartier begann als Lyriker im Stil der höfischen Lyrik der Zeit und betätigte sich sein ganzes Leben hindurch in praktisch allen ihren Gattungen (Balladen, Rondeaus, Virelais usw.). Der Grundton der meisten seiner Gedichte ist melancholisch.

Sein erstes längeres Werk war die Verserzählung Le Livre des quatre dames, die er 1416 in Paris verfasste, unter dem Schock der Niederlage eines weit überlegenen franz. Ritterheeres gegen die diszipliniert kämpfenden englischen Bogenschützen bei Azincourt (1415). Hierin berichtet ein Ich-Erzähler von vier Damen, die ihn zu entscheiden bitten, wer die Unglücklichste von ihnen sei: diejenige, deren Freund in der Schlacht gefallen ist, die, deren Freund seitdem vermisst wird, die, deren Freund dort in Gefangenschaft geraten ist, oder schließlich die, deren Freund sich durch feige Flucht gerettet hat.

1418 floh Chartier mit dem Dauphin Charles und dessen Gefolge vor den „Bourguignons“ aus Paris nach Bourges.

Hier schrieb er 1422 das Quadrilogue invectif, ein Vierergespräch zwischen den allegorischen Figuren le Clergé (=der kath. Klerus), la Chevalerie (=der Adel), le Peuple (=das Volk) und Dame France, wobei „Frau Frankreich“ den drei Anderen, d.h. den Franzosen insgesamt, ihre Uneinigkeit angesichts der wirren Verhältnisse in ihrem Land vorwirft. Dieses nämlich hatte 1420 beim Tod des geistesgestörten Charles VI zwei Könige bekommen: Über die Mitte und den Süden regierte von Bourges aus der Ex-Dauphin und Sohn von Charles VI, Charles VII. Im Norden und Westen dagegen herrschte von Paris aus und mit Hilfe englischer Truppen dessen Neffe, der kleine Henry VI., Sohn einer Tochter von Charles VI und des früh verstorbenen englischen Königs Henry V.

In die Literaturgeschichte eingegangen ist Chartier vor allem als Verfasser der Verserzählung La belle dame sans merci (=die gnadenlose schöne Dame), die er 1424 in Bourges verfasste, offenbar zur Zerstreuung des Hofes von Charles VII, der zu dieser Zeit kaum etwas tat, um seine Königsrechte durchzusetzen. Die 100 aus achtzeiligen Achtsilbern bestehenden Strophen („huitains“) enthalten eine kleine Rahmenhandlung um einen mit dem Autor identisch gedachten Ich-Erzähler, in die ein langer, angeblich von ihm belauschter Dialog zwischen einem Liebenden und seiner Dame eingebettet ist. Offensichtlich gelang Chartier mit diesen beiden Figuren eine epochemachende Gestaltung des Typs der spröden, sich verweigernden Frau, eben der „gnadenlosen Schönen“, sowie vor allem des schmachtenden Liebhabers, d.h. des abgewiesenen, sich aber nicht lösen könnenden und sich in seinem Unglück verzehrenden Liebenden, wobei dieser sich hier naiv auf die Ideale und Regeln der höfischen Liebe beruft, während jene ihnen ironisch-distanziert gegenübersteht. Die Belle dame sans merci war enorm erfolgreich und wurde in den nachfolgenden Jahrzehnten unendlich oft von anderen Autoren zitiert, plagiiert, pastichiert und parodiert; noch um 1540 wurde sie von Marguerite de Navarre in ihren Erzählungen als bekannt vorausgesetzt.

Auf die wirre politische Situation in Frankreich reagierte Chartier einmal mehr 1426 mit dem Lai de Paix (=Friedensgedicht), in dem er die französischen Fürsten zum Frieden und zur Einigung aufruft.

1429 machte er sich mit einer Lettre sur Jeanne zur Fürsprecherin von Jeanne d'Arc, der „Jungfrau von Orléans“, die Charles VII soeben zu Hilfe gekommen war, indem sie ihn aufgerüttelt und ihm mit Siegen über die Truppen von Henry VI. die symbolisch wichtige Krönung in der Kathedrale von Reims ermöglicht hatte.

(Stand: Mai 07)

Antoine de la Sale (ca. 1385 – ca. 1460

Er figuriert in der franz. Literaturgeschichte als Autor eines der besten und interessantesten erzählenden Texte seiner Zeit, den manche sogar als ersten modernen Roman betrachten: Le petit Jehan de Saintré (1456).

La Sale entstammte einer kleinadeligen Familie der Provence und verbrachte sein Leben weitgehend im Dienst von Fürsten. So war er zunächst Page und dann Schildknappe (écuyer) bei Herzog Louis II von Anjou († 1417) und diente diesem um 1415 auch als Offizier. Später wurde er Gefolgsmann (als Sekretär?) von Louis’ Sohn, Herzog Louis III († 1434), den er auf vielen Reisen begleitete. 1429/30 bekleidete er einen höheren Militär- und Verwaltungsposten in Arles.

Um 1435 wurde er zum Erzieher von Jean de Calabre, des ältesten Sohnes von Herzog (ab 1434) René I von Anjou ernannt. Für seinen fürstlichen Zögling begann er allerlei erbauliche, lehrreiche und/oder unterhaltsame Geschichten zu schreiben, die er 1441 unter dem witzigen Titel La Salade zusammenfasste.

1438 begleitete er Herzog René nach Neapel, wo jener die ihm angetragene Königskrone in Besitz nahm.

1448 verließ La Sale den Dienst der Anjous und wechselte in den eines burgundischen Granden, Louis de Luxembourg, Graf von Saint-Pol, von dem er zum Erzieher seiner Söhne bestellt wurde. Auch für diese schrieb er didaktisch intendierte erzählende Texte, die er 1451 als La Sale betitelt zusammenfasste. Über seinen Dienstherrn Louis kam er in Kontakt mit dem prächtigen Hof des reichen und mächtigen Herzogs Philippe le Bon (Philipp der Gute) von Burgund.

1456 stellte er im abgeklärten Alter um die 70 sein Hauptwerk fertig, den nicht allzu langen historischen Roman Le petit Jehan de Saintré. Die Handlung spielt Mitte des 14. Jh. und schildert relativ realistisch (im Vergleich zu den oft märchenhaften konventionellen Ritterromanen der Zeit) und mit einer deutlichen ironischen Distanz des Erzählers den Werdegang eines zunächst eher armen jungen Adeligen, der zum angesehenen Ritter aufsteigt: Jehan kommt mit 13 als Knappe an den königlichen Hof und gefällt hier einer reichen jungen Witwe, die ihn protegiert, managt und sponsort. Nachdem er zum Ritter geschlagen ist und sich in Turnieren sowohl am franz. als auch an fremden Höfen bewährt hat, wird er von ihr schließlich auch in die Künste der Liebe eingeführt. Als er aus eigenem Entschluss zu einer längeren Fahrt an den fernen kaiserlichen Hof aufbricht, zieht sich die Dame gekränkt auf ihre Güter zurück, wo sie aber bald der Liebeswerbung eines reichen und stattlichen bürgerlichen Priesters erliegt. Auf diesen stößt Jehan bei seiner Rückkehr und wird von ihm zweimal schmählich im Ringkampf besiegt. Unvorsichtigerweise lässt der Gegner sich auch auf einen Kampf mit ritterlichen Waffen ein, wo Jehan ihn seinerseits besiegen und demütigen kann. Danach rächt er sich an der Dame, indem er am Hof ihr wenig standesgemäßes Verhältnis mit dem bürgerlichen Priester bekannt macht. Dieser allerdings setzt, von seinen Wunden rasch genesen, sein Verhältnis mit der Dame fort.

Der heute als ein Juwel der Gattung geschätzte Roman erfuhr offenbar erst gegen Ende des 15. und Anfang des 16. Jh. eine gewisse Verbreitung in gedruckten Ausgaben, die vermutlich von einem überwiegend bürgerlichen Publikum gelesen wurden.

Die letzten Lebensjahre verbrachte La Sale in Châtelet-sur-Oise. Hier verfasste er 1457/58 für eine Dame, die ihren Sohn verloren hatte, das Trostbuch Le Reconfort [=Trost] de Madame de Fresne. 1459 stellte er ein weiteres didaktisches Werk fertig: Des anciens tournois et faicts d'armes, eine Art Lehrbuch der Wappenkunde und des höfischen Zeremoniells.

Die Satire Les quinze joyes du mariage und die Novellensammlung Cent nouvelles nouvelles, die ihm mitunter zugeschrieben wurden, sind höchstwahrscheinlich nicht von ihm.

(Stand: Mai 07)

Charles d'Orléans (*24.11.1394 in Paris; †5.1.1465 in Amboise)

Er wird heute gern (dank zwei oder drei Gedichten, die in diese Kategorie fallen und in Lesebüchern figurieren) als der erste franz. Verfasser von Naturlyrik gesehen. Zutreffender ist es jedoch, ihn mit seinen beiden allegorischen Traumgedichten und seinen zahlreichen Balladen, Chansons und Rondeaus als einen Vollender der mittelalterlichen Kunstform der höfischen Lyrik zu betrachten. Er war zudem einer der fruchtbarsten Lyriker seiner Zeit.

Charles war ältester Sohn des jüngeren Bruders von König Charles VI, Herzog Louis d’Orléans, und von Valentina Visconti, Tochter des Herzogs Gian Galeazzo von Mailand. Dank dem hohen Bildungsstand und dem Mäzenatentum beider Eltern kam er früh mit Literatur und Kunst in Berührung, aufgrund der hohen Position seiner Familie allerdings ebenso früh und meist schmerzhaft mit der Politik.

So musste er schon 1396 mit seiner Mutter Paris und den Hof verlassen, weil sie von der Königin beschuldigt wurde, Ursache der zunehmenden geistigen Verwirrung des jungen Königs Charles VI zu sein. 1406 wurde er ungefragt als knapp 12-Jähriger mit seiner knapp 17-jährigen Kusine Isabelle de France verlobt (die schon Witwe des 1399 abgesetzten und 1400 ermordeten englischen Königs Richard II war). 1407 verlor er seinen Vater, der auf offener Straße ermordet wurde im Auftrag eines Cousins, Herzogs Jean sans Peur von Burgund, der mit ihm am Hof um die Ausübung der Regierungsgeschäfte für den geistesgestörten König stritt. 1408 verlor er auch seine Mutter, die, erschöpft durch ihr vergebliches Ringen um die Bestrafung des vorerst siegreichen Herzogs Jean, einer Krankheit erlag. Kurz darauf heiratete er, doch starb ihm noch 1409 seine junge Frau im Kindbett, so dass er mit 15 Vollwaise, Witwer, Vater und Familienoberhaupt für seine kleine Tochter und seine vier jüngeren Geschwister war. Zugleich – als ältester Sohn eines ungesühnt ermordeten Mitglieds der königlichen Familie – avancierte er unfreiwillig zum Oberhaupt einer Rächerpartei, die in seinem Namen der ehrgeizige Graf Bernard d’Armagnac organisierte, der ihn zugleich mit seiner 11jährigen Tochter Bonne verheiratete, einer Kusine zweiten Grades (1410). Zur selben Zeit bewies Charles erstmals sein schriftstellerisches Talent, indem er in einem offenen Brief die größeren Städte Frankreichs ersuchte, ihm beizustehen in seinem Kampf um die Sühnung des Mordes.

In der Tat siegte seine Partei, die „Armagnacs“, 1413 fürs erste und Charles hielt Einzug am Hof in Paris. Hier, wo sich einige bekannte Lyriker, u.a. Alain Chartier (s.o.), betätigten, begann er 1414 zu dichten, und zwar Balladen an seine junge Frau Bonne, in die er sich (nach Vollzug der Ehe?) ganz offenbar verliebt hatte. Es sind Gedichte, die die Konventionen der höfischen Lyrik kunstvoll befolgen, aber dennoch einen persönlichen Klang besitzen. Ebenfalls seine Verliebtheit spiegelt die gereimte Traumerzählung La Retenue d'Amours (=Die Vereinnahmung [in den Lehensdienst] Amors).

Wenig später, im Okt. 1415, ereilte Charles im wieder einmal aufflammenden Hundertjährigen Krieg ein neuer Schicksalschlag. Er geriet in der englisch-franz. Schlacht von Azincourt (nahe Arras) in Gefangenschaft und wurde nach England gebracht, als Geisel der Könige Henry V bzw. später Henry VI, die ihn als Faustpfand einzusetzen gedachten gegenüber seinem Cousin, dem Dauphin und späteren (ab 1422) König Charles VII, der jedoch nichts für ihn tat  ̵  schon gar nicht, nachdem ab 1429 dank Jeanne d’Arc das Kriegsglück sich zu Frankreichs Gunsten wendete.

In den 25 Jahren, die Charles in England auf verschiedenen Burgen bei häufig wechselnden Gastgebern-Bewachern verlebte, dichtete er zunächst weiter Balladen, die in oft sehr anrührender Weise überwiegend um die Themen Liebe, Trennung, Sehnsucht und Heimweh kreisen. Später, nachdem er seine Hoffnungen auf einen möglichen Besuch Bonnes in England hatte aufgeben müssen und er (1432?) erneut Witwer geworden war, verfasste er auch Chansons (zum Teil in englischer Sprache) an eine englische Dame, in die er sich verliebt hatte.

Als diese aus seiner Umgebung entfernt worden war und 1437 auch ein Eheprojekt mit der verwitweten Marguerite de Savoie scheiterte, schrieb Charles frustriert eine „Traumerzählung in Klageform“ (Songe en complainte), ein Gegenstück zur Retenue von einst. Hierin bittet er Amor, ihn aus seinem Dienst zu entlassen, und gelobt Verzicht auf „alles, was mit Liebe zu tun hat“.

1440 endlich wurde er, als Geisel offenbar nutzlos geworden, gegen das enorme Lösegeld von 200.000 Goldtalern freigelassen. Er bekam es vorgeschossen von Herzog Philippe le Bon von Burgund, seinem Cousin zweiten Grades und Sohn des 1419 selber ermordeten Mörders seines Vaters. Zum Dank ließ er sich von Philippe, dem daran gelegen war, ihn an sich zu binden, mit dessen Nichte Maria von Kleve verheiraten.

Charles hatte bei seiner Heimkehr gehofft, er könne Frieden zwischen den Kronen Englands und Frankreichs stiften, darüberhinaus das mit England verbündete, praktisch souveräne Herzogtum Burgund wieder an Frankreich heranführen und insgesamt eine seinem Status gemäße Position neben seinem Cousin König Charles VII einnehmen. Doch er scheiterte er an dem Misstrauen, das dieser ihm als vermeintlichem Parteigänger Burgunds entgegenbrachte. Auch die 1447/48 unternommenen Versuche Charles’, seine von der Mutter geerbten Ansprüche in Norditalien durchzusetzen, blieben mangels Unterstützung des Königs erfolglos. Er zog sich enttäuscht fast völlig auf sein Schloss in Blois zurück.

Hier verarbeitete er seine wechselnden, häufig melancholischen Stimmungen und Gedanken in zahlreichen Balladen und, mehr und mehr, in Rondeaus, die wie Seiten eines poetischen Tagebuchs und damit sehr authentisch wirken, aber virtuos alle Möglichkeiten der Gattung ausschöpfen. Zugleich versuchte er nicht ohne Erfolg, seinen Hof zu einem literarischen Zentrum zu machen, indem er Dichter aus ganz Frankreich zu kürzeren und längeren Besuchen bei sich aufnahm, darunter François Villon (s.u.). Auch seine Höflinge und Freunde sowie seine Gattin Marie hielt er zum Versemachen an.

Schon um 1445 hatte er seine bis dahin verfassten Gedichte und Dichtungen von einem Kalligraphen in ein Sammelmanuskript kopieren lassen. In dieses (das erhalten ist) ließ er anschließend auch seine jeweils neuen Balladen und Rondeaus sowie die Gedichte von Gästen und Höflingen eintragen oder tat es gelegentlich selbst bzw. ließ es die betreffenden Autoren tun. Viele dieser jüngeren Texte sind Repliken auf den oder die jeweils vorangehenden eigenen oder fremden Texte, bilden also Paare oder Gruppen, die thematisch und häufig auch situativ zusammenhängen. Bekannt ist die Ende 1457 entstandene Gruppe von elf Balladen zum Thema „Durst an der Quelle“, die offenbar Ergebnis eines Wettdichtens war, an dem sich auch Villon beteiligte (der kurz danach in Unfrieden gegangen zu sein scheint).

1457, 59 und 62 wurde Charles noch Vater, nachdem er sein Verzichtgelöbnis von 1437, das er während der ersten 16 Jahre seiner Ehe offenbar einhielt, endlich doch gebrochen hatte. Er erkrankte und starb Anfang 1465 auf der winterlichen Heimreise von einem Fürstentreffen in Tours, wo er vom neuen König Louis XI öffentlich gedemütigt worden war. Schon einige Jahre zuvor hatte er (anscheinend bald nach dem Zerwürfnis mit Villon) der Dichtkunst den Abschied erklärt.

Sein Sohn Herzog Louis d’Orléans (1462-1515) übernahm 1498 die Königskrone von seinem erbenlos verstorbenen Neffen zweiten Grades Charles VIII.

(Stand: Jan. 09)

Arnoul Gréban (ca. 1420 – ca. 1470).

Er ist vor allem bekannt als Autor des gegen 1450 entstandenen Passionsspiels Le Mystère de la Passion. Das monumentale Werk, in dem nicht nur die eigentliche Passion dargestellt wird, sondern das ganze Leben Christi samt den der Geburt vorangehenden und der Kreuzigung folgenden Episoden, ist ein Höhepunkt des mittelalterlichen Passionsspiels. Es umfasst an die 35.000 Verse, enthält 393 verschiedene Rollen und erforderte 4 Tage Spielzeit. Aufführungsort war Paris, wo Gréban als Organist von Notre-Dame tätig war und wo seit 1436, d.h. der Vertreibung der englischen Truppen aus der Stadt, nach jahrzehntelangem Bürgerkrieg und Krieg, endlich wieder Frieden herrschte.

Auch andere franz. Städte, z.B. Arras, hatten damals ihre Mysterien- und Passionsspiele, von denen viele sich am Vorbild Grébans orientierten.

François Villon (1431 – ca. 1463).

Der eigentliche Nachname (Montcorbier? Monterbier? Des Loges?) dieses wohl jedem Franzosen und auch vielen Deutschen bekannten Dichters steht nicht fest.

Laut eigener Aussage in kleinsten Verhältnissen in Paris geboren, muss François, wohl nach frühem Tod seines Vaters, in die Obhut des Pariser Stiftsherrn und Kirchenrechtsdozenten Guillaume de Villon gelangt sein, dessen Namen er spätestens ab 1455 benutzte und den er 1461 halb ironisch, halb liebevoll als seinen "plus que père" (mehr als ein Vater) bezeichnete. Offenbar dank der Fürsorge Guillaumes erhielt er eine gute Bildung und brachte es bis zum Magister an der propädeutische Studien vermittelnden Artistenfakultät.

Statt jedoch sein anschließend begonnenes Fachstudium, wohl der Theologie, zu Ende zu führen, glitt er, vermutlich während des langen Vorlesungsstreiks der Pariser Professoren 1453/54, ab ins Kriminellenmilieu. Nach einer Messerstecherei mit tödlichem Ausgang für seinen Gegner, einen ebenfalls messerbewaffneten Priester, verließ er im Juni 1455 Paris, konnte aber Anfang 56 dank zweier (erhaltener) königlicher Freibriefe zurückkehren.

Ende 1456 beteiligte er sich an einem (in erhaltenen Dokumenten beschriebenen) Einbruch mit stattlicher Beute und verschwand kurz darauf von neuem aus der Stadt. Hierbei hinterließ er den Kumpanen im Milieu sein erstes längeres Werk: Le Lais (=das Legat) oder Le petit testament.

Ende 1457 saß er offenbar zum Tode verurteilt in einem Kerker von Herzog Charles d'Orléans (s.o.), wurde aber von ihm amnestiert und sogar für kurze Zeit – denn  Charles selbst war Lyriker – an seinen Hof in Blois aufgenommen, wo er einige Gedichte verfasste, ehe er offenbar in Ungnade fiel und gehen musste.

1458–60 führte er wohl ein unstetes Wander- und Gaunerleben, 1461 finden wir ihn wieder im Kerker, diesmal dem des Bischofs von Orléans in Meung-sur-Loire, aus dem ihn Anfang Oktober ein Gnadenakt des durchreisenden Königs Louis XI befreite.

Zurück in Paris oder Umgebung, versuchte er sich zu resozialisieren, scheiterte aber und schrieb sein Hauptwerk, Le Testament.

Im November 1462 saß er (laut erhaltenem Dokument) wegen Diebstahls im Pariser Stadtgefängnis. Kurz nach seiner Freilassung zogen ihn (wie ein erhaltenes Dokument beschreibt) Kumpane in eine Schlägerei hinein, in der ein päpstlicher Notar einen Messerstich abkriegte. Villon wurde erneut eingekerkert, offenbar gefoltert und sogar zum Tode verurteilt, aber Anfang 1463 dank eingelegter Berufung zu zehn Jahren Verbannung begnadigt. Hiernach verliert sich seine Spur.

Sein erhaltenes Œuvre ist schmal. Es umfasst:

1) das Ende 1456/Anfang 57 vor seinem Fortgehen aus Paris für das Gaunermilieu geschriebene spöttisch-parodistische Vermächtnis Le Lais (320 Verse);

2) das im Herbst 1461 in oder bei Paris wohl für potentielle Gönner begonnene, dann aber ebenfalls vor allem fürs Milieu verfasste, halb elegische, halb satirische, zahlreiche eingestreute Balladen enthaltende Pseudo-Testament Le Testament (2023 Verse);

3) sechzehn zwischen 1455 und 1463 entstandene Gedichte (meist Balladen), von denen einige an Herzog Charles d'Orléans gerichtet sind und z.T. an dessen Hof in Blois verfasst wurden;

4) elf schwer verständliche Balladen im Gaunerjargon, die Villon wohl 1462 in der Rolle eines Gauners für das Pariser Gaunermilieu, und speziell die Maffia der "Muschelbrüder", gedichtet hat.

Vor allem das Testament (das ab 1489 zusammen mit dem Lais und einigen anderen Texten Villons auch gedruckt vorlag) war ein beachtlicher Bucherfolg im Paris des späten 15. Jh., zweifellos aufgrund Villons witziger und bissiger Hiebe auf viele, namentlich genannte Pariser Honoratioren, die mit satirischen Legaten bedacht werden, welche ihre tatsächlichen und angeblichen Schwächen und Laster aufdecken.

Formal sind die Texte Villons eher schlicht und konventionell, auch wenn er ein beachtlicher Reimkünstler ist. Seine Genialität zeigt er vor allem in der ungewöhnlichen Prägnanz, Lebendigkeit und Ausdruckskraft der Bilder und der Sprache. Da seine Texte fast allesamt prekäre Momente oder Krisenphasen einer bewegten Existenz verarbeiten und den Eindruck einer starken persönlichen Betroffenheit des Autors vermitteln, sprechen sie auch heutige Leser noch an. Villon wird deshalb oft als erster moderner Lyriker betrachtet.

Dank einiger Plagiate Bert Brechts aus der ersten deutschen Villon-Übertragung K. L. Ammers von 1907 und vor allem aufgrund der sehr freien, aber farbigen Villon-Nachdichtungen des expressionistischen Lyrikers (1931 und 1962) ist sein Name heute auch im deutschen Sprachraum gut bekannt.

P.S.: Vgl. auch meine Webseite François Villon, Leben und Werk (http://www.pinkernell.de/romanistikstudium) sowie meine Bücher François Villons LAIS. Versuch einer Gesamtdeutung (Heidelberg 1979), François Villon et Charles d'Orléans (Heidelberg 1992) und François Villon: Biographie critique et autres études (Heidelberg 2002). Vgl. darüberhinaus im Anhang dieses Repertoriums meine Studie zu Paul Zechs Lasterhaften Balladen und Liedern des F. V.

Raoul Lefèvre († ca. 1465).

Dieser kaum mehr bekannte Autor (von dem wir nichts weiter wissen, als dass er aus dem äußersten Norden des franz. Sprachgebietes stammte, Kleriker war und um 1460 mit dem Hof der Burgunder-Herzöge in Verbindung stand) ist interessant als Verfasser von L'Histoire de Jason (ca. 1460).

Es ist ein heute kurios und hybrid wirkender, für die Zeitgenossen offensichtlich aber kaum befremdlicher Roman um den antiken griechischen Sagenhelden Jason, der einst im fernen Kolchis mit Hilfe Medeas das Goldene Vlies erkämpft hatte, seine Helferin dann geheiratet, später aber für eine andere Frau verlassen hatte.

Das Herzog Philippe de Bourgogne (1419–1467) gewidmete, ganz im Stil der zeitgenössischen Ritterromane geschriebene und den mythologischen Stoff mit vielen selbsterfundenen Episoden anreichernde Werk hatte offensichtlich die Funktion, Jasons Untreue zu relativieren und zu entschuldigen. Das wiederum sollte die Ehre dieses Schutzpatrons des Ordens vom Goldenen Vlies retten, den Herzog Philippe 1429 gegründet hatte, um darin den Adel seiner sehr heterogenen Territorien zu vereinigen, zu denen außer der Bourgogne und der Franche Comté auch Teile der Picardie, Flandern sowie das jetzige Belgien, Holland und Luxemburg gehörten.

Kurze Zeit nach dem Jason verfasste Lefèvre ein weiteres romanartiges Werk mit mythologischem Stoff, den unvollendeten Recueil des histoires de Troie, den er ebenfalls dem Herzog widmete. Dessen prächtiger und unterhaltungsbedürftiger, überwiegend frankophoner Brüsseler Hof war um 1450 ein bedeutendes, wenn nicht das bedeutendste Zentrum der französischsprachigen Literatur.

Lefèvres Jason war übrigens durchaus erfolgreich: er ist nicht nur in mehreren Handschriften überliefert (darunter dem wohl vom Autor selbst angefertigten Widmungsexemplar), sondern erlebte zwischen 1476 und 1530 sieben Druckauflagen. Eine von William Caxton, dem ersten englischen Buchdrucker, verfasste Übersetzung des Jason war 1477 das erste auf englischem Boden gedruckte Buch.

Vgl. hierzu: Gert Pinkernell (Hrsg.), Raoul Lefèvres Histoire de Jason. Ein Roman aus dem 15. Jh. (Frankfurt 1971)

Les cent nouvelles nouvelles (ca. 1462). Diese anonyme Novellensammlung in der Tradition von Giovanni Boccaccios berühmtem Novellenbuch Il Decamerone (das um 1440 von Laurent de Premierfait ins Franz. übersetzt worden war) ist das erste eigenständige Unternehmen dieser Art in der franz. Literatur und wurde redigiert für den meist in Brüssel residierenden Hof der Burgunder-Herzöge Philippe le Bon (bzw. Philipp der Gute, † 1467) und seines Nachfolgers Charles le Téméraire (bzw. Karl der Kühne, † 1477).

P.S.: Der Brüsseler Hof büßte übrigens nach dem frühen Tod von Herzog Charles seine Rolle als Zentrum der französischsprachigen Literatur ziemlich bald ein, da nach der Heirat von Charles' Tochter Marie de Bourgogne mit Maximilian von Habsburg die eigentliche Bourgogne an Frankreich zurückfiel und die anderen, überwiegend niederländischsprachigen Territorien des burgundischen Herrschaftsgebietes sich mehr nach Deutschland hin orientierten (wobei Brüssel auch weiterhin deren Macht- und Verwaltungszentrum blieb).

La Farce de Maître Pierre Pathelin (ca. 1465, anonym, mitunter fälschlich François Villon zugeschrieben).

Das kleine Theaterstück ist ein erstes Meisterwerk der Gattung Farce, d.h. einer überwiegend von der Situationskomik lebenden Kurzkomödie. Es behandelt witzig und mit allen Raffinessen der Situationskomik das vielgestaltige Motiv vom betrogenen Betrüger in einer Vier-Personen-Konstellation aus einem dümmlichen Tuchhändler, dem gerissenen Winkeladvokaten Pathelin, seiner pfiffigen Frau und einem scheinbar naiven, bauernschlauen Hirten, der sie schließlich alle in die Tasche steckt.

Die Gattung Farce à la Pathelin wird in der Folgezeit sehr gute Konjunktur haben; ihre Techniken und Gags werden noch von Molière in seinen Stücken benutzt. Der Name Pathelin ist übrigens als Adjektiv (patelin,e = geheuchelt naiv-nett) ins franz. Lexikon eingegangen.

1470–1480 Blütezeit der Dichterschule der sog. Rhétoriqueurs am burgundischen Hof in Brüssel. Die Rhétoriqueurs sind eine der ersten für die spätere franz. Literatur so typischen Dichtergruppen (die sich dann jedoch in aller Regel in Paris konstituieren werden). Gemäß ihrer Funktion als Hofdichter und ihrer Betonung des technischen, quasi kunsthandwerklichen Aspekts des Dichtens verfassen sie meist pompöse, manieristisch ausgefeilte Gedichte zu festlichen und sonstigen Anlässen. Die wichtigsten Namen sind Georges Chastellain (ca. 1410–1475) und Jean Molinet (1435–1507). Beide sind auch als Verfasser von umfangreichen Chroniken ihrer Zeit bekannt, Chroniken, die im Sinne ihrer "burgundischen" Auftraggeber Herzog Philippe le Bon, Herzog Charles le Téméraire und dessen Tochter Marie de Bourgogne eine antifranzösische Tendenz haben; d.h. sie attackieren vor allem den 1461–1483 herrschenden König Louis XI, der es auf eine Zerstörung und weitgehende Annexion des burgundischen Herrschaftsgebietes abgesehen hatte.

P.S.: Dieses bildete um 1470 einen de facto selbständigen Staat, dessen Territorien de jure aber etwa je zur Hälfte auf dem Boden des Königreichs Frankreich und dem des deutschem Reiches lagen. Louis XI hatte übrigens nach dem Tod von Charles le Téméraire 1477 versucht, dessen Erbin Marie mit seinem kleinen Sohn, dem späteren Charles VIII, zu verheiraten, war aber von Maximilian von Habsburg, dem späteren Kaiser, ausgestochen worden. Für das Haus Habsburg war diese Heirat, d.h. die mit ihr verbundene territoriale Mitgift, einer jener Fischzüge – später folgten noch andere, z.B. Spanien, Böhmen und Ungarn – die den Spruch entstehen ließen "Bella gerant alii, tu felix Austria nube!" – "Andere mögen Kriege führen, du glückliches Österreich [=Habsburg] heirate!"

Philippe de Commynes (1447; †18.10.1511).

Er ist bedeutend als Verfasser von Les memoires sur les principaux faicts et gestes de Louis onzieme et de Charles huitieme, son filz, roys de France (1489–98), die als erstes Werk der Gattung Memoiren im heutigen Sinne in der franz. Literatur gelten. Sie wurden erst postum 1524 gedruckt.

Commynes stammte aus einer flandrischen Familie von Amtsträgern in Dienst der Herzöge von Burgund und kam als junger Knappe an den Brüsseler Hof. Hier war er in den 1460er Jahren enger Vertrauter von Herzog Charles le Téméraire (=Karl der Kühne), der sein quasi selbständiges Territorium zwischen Frankreich und dem Deutschen Reich auf deren Kosten überwiegend kriegerisch zu erweitern versuchte. 1472 verließ Commynes Charles und lief über zu dessen Erzfeind, dem verschlagenen und politisch geschickten franz. König Louis XI. Dieser entlohnte ihn mit Grundbesitz sowie einer Einheirat in den höheren Adel und nutzte ihn einige Jahre als Berater bei seinen gegen Charles gerichteten militärischen und diplomatischen Aktionen, die 1477 mit dessen Niederlage und Tod endeten.

Nach König Louis’ Tod (1483) hatte Commynes Mühe, einen angemessenen Platz unter seinem Nachfolger Charles VIII bzw. der zunächst für diesen die Regentschaft führenden Anne de Beaujeu zu finden. Als Charles 1494 einen Feldzug nach Italien unternahm, um längst obsolet geglaubte franz. Ansprüche auf die Krone des Königreichs Neapel geltend zu machen, wurde Commynes als Diplomat nach Venedig geschickt, um den mächtigen Stadtsstaat zur Neutralität zu bewegen zwischen Frankreich und der rasch entstandenen gegnerischen Allianz aus dem Papst, dem Haus Habsburg und dem Haus Aragón. Seine Mission blieb jedoch erfolglos (und die Franzosen mussten vorerst Italien räumen).

In den Mémoires schildert Commynes in erster Linie seine Zeit bei Herzog Charles und bei König Louis, die er als Fürsten zeichnet, die es jeweils verdienen, dass man sie verlässt bzw. sich ihnen anschließt. Er schildert aber auch seine spätere, wenig erfolgreiche Zeit unter Charles VIII (1483-98), insbes. seine Tätigkeit als Diplomat.

Commynes’ Mémoires sind sichtbar von dem Bedürfnis getragen, seinen Misserfolg in Venedig, vor allem aber seine Untreue gegenüber Charles le Téméraire zu rechtfertigen, weshalb er z.B. an passender Stelle auch andere Überläufer anführt und ihre Motive analysiert.

Spätestens mit Commynes halten in Frankreich die politischen Ideen des Florentiner Autors Niccolò Machiavelli Einzug, gemäß denen ein Fürst „machiavellistisch“ zu handeln habe, d.h. sich über die Regeln der Moral hinwegsetzen muss und darf, wenn der Nutzen seines Staates dies erfordert. Die Mémoires gelten als ein quasi klassischer Text ihrer Gattung und wurden lange Zeit als Lehrbuch für Politik und (Geheim)Diplomatie gelesen.

(Stand: Jan. 10)

16. Jahrhundert (Renaissance)

Jean Lemaire de Belges (* ca. 1473 im Hennegau/Hainaut im heutigen Belgien; † nach 1515).

Lemaire wurde erzogen von seinem Onkel, dem bekannten Chronisten und Rhétoriqueur Jean Molinet. Nach Studien in Paris bekleidete er Ämter bei verschiedenen Fürsten, insbesondere der Regentin der Niederlande, Margarete von Habsburg1), und der französischen Königin Anne de Bretagne2). 1506 und 1508 reiste er in Italien und kam dort mit der voll erblühten italienischen Renaissance-Kultur in Berührung.

Er begann als Lyriker im Stil der sog. Rhétoriqueurs, d.h. Verfasser meist pompöser Gedichte für ein höfisches Publikum, und führte 1504 die italienische Form der Terzine in die französischsprachige Lyrik ein. 1505 verfasste er die heiter-melancholischen Lettres de l'amant vert (dt. Briefe des grünen Liebhabers), fiktive Briefe des realen grünen Papageis von Margarete, der sich angeblich wegen einer langen Abwesenheit seines Frauchens zu Tode grämt und dann von seinen Erlebnissen aus dem Jenseits berichtet.

Lemaires Name ist vor allem aber verbunden mit dem zu seiner Zeit vielgelesenen Werk Les illustrations de Gaule et singularités de Troye (1511–13; dt. etwa: Die Ruhmesblätter Galliens und die Einzigartigkeiten Trojas). Es ist eine Nacherzählung der sich um Troja rankenden Geschichten (Buch I und II), gefolgt von einer Genealogie der Gründer Galliens und des Frankenreichs bis hin zu Karl dem Großen (Buch III). Lemaire verknüpft Trojaner und Franken über die Figur des Francus, eines (bei Homer nicht erwähnten) angeblichen Sohnes von Hektor, der sich zusammen mit dem späteren Rom-Gründer Äneas aus dem von den Griechen eroberten Troja gerettet habe, um seinerseits das alte Gallien zu gründen, dessen Fortführung wiederum das frühmittelalterliche Francia, das Frankenreich, gewesen sei.

Die Illustrations stützen sich auf viele im heutigen Sinne pseudoantike und pseudohistorische Quellen (z.B. eine zeitgenössische lateinische Ilias-Bearbeitung). Sie sind motiviert vom Wunschtraum des Autors, das alte Frankenreich, also Frankreich, Deutschland und die Niederlande (d.h. etwa die jetzigen Benelux-Staaten) wieder zu vereinen, und sei es zunächst nur zum Zweck eines gemeinsamen Kreuzzugs gegen die Türken, die 1453 das christliche Byzanz (heute Istanbul) erobert hatten.

Lemaire begann die Illustrations 1505 als Sekretär Margaretes in den Niederlanden und stellte sie fertig als Sekretär und Chronist der französischen Königin Anne. Er selber bildete also gewissermaßen eine Klammer zwischen dem Ost- und dem Westteil des alten Frankenreichs (das sich unter Karl dem Großen um 800 von Lübeck bis Barcelona und von Brest bis Rom erstreckt hatte).

Nach 1550 waren die Illustrations eine wesentliche Inspirationsquelle für Pierre de Ronsard (s.o.), der mit seinem (unvollendeten) Versepos La Franciade den Franzosen ein nationales Epos zu geben versuchte.

1509 und 1511 unterstützte Lemaire literarisch-propagandistisch Annes Gatten, König Louis XII, und versuchte dessen Eroberungskrieg in Norditalien zu rechtfertigen sowie seine Bestrebungen schönzureden, eine von Rom (denn der Papst zählte zu seinen Kriegsgegnern) relativ unabhängige franz. Kirche zu schaffen, etwa im Sinne des späteren Gallikanismus.

1) Margarete von Habsburg (1480–1530) war Tochter Maximilians von Habsburg und der Herzogin Maria von Burgund. Sie wurde mit außenpolitischen Intentionen schon als Kind verheiratet mit dem jungen franz. König Charles VIII und kam so an den franz. Hof. Als Charles 1491 aus politischen Gründen die noch nicht vollzogene Ehe mit ihr vom Papst auflösen ließ und die Erb-Herzogin Anne de Bretagne (s.u.) heiratete, wurde Margarete zu ihren Eltern zurückgeschickt. 1495 wurde sie mit dem spanischen Thronerben Juan vermählt, der aber zwei Jahre später starb. 1501 heiratete sie Herzog Philibert von Savoyen und wurde bald darauf Witwe. Als 1506 ihr älterer Bruder Philipp der Schöne starb, der 1496 mit Johanna der Wahnsinnigen vermählt worden war, die als spanische Thronerbin nachgerückt war, wurde Margarete Vormund ihres sechsjährigen Neffen Karl (der 1516 König von Spanien und 1519 deutscher Kaiser wurde). Zugleich wurde sie Regentin der Niederlande, wo sie bis zu ihrem Tod mit viel Geschick und Energie amtierte und sich als Mäzenin betätigte.

2) Anne de Bretagne (1476-1514) war einziges Kind und damit Erbin von Herzog François de Bretagne. 1490 wurde sie mit dem verwitweten deutschen König und späteren Kaiser Maximilian verlobt, dann aber 1491 handstreichartig mit dem franz. König Charles VIII verheiratet, wodurch die quasi selbständige Bretagne zum integrierenden Bestandteil Frankreichs wurde. Mit Charles hatte sie mehrere Kinder, von denen aber keines überlebte. Als Charles 1498 starb heiratete Anne seinen Cousin zweiten Grades und Nachfolger, König Louis XII, mit dem sie zwei Töchter bekam: Claude, die mit ihrem entfernten Cousin und präsumptiven Thronfolger François d’Angoulême (später König François Ier) verheiratet wurde, und Renée, die Herzogin von Ferrara wurde (und dort in den 1530/40er Jahren protestantischen Intellektuellen Unterschlupf bot).

3) Louis XII (1462-1515, König ab 1498) hatte von seinem Vater Charles d'Orléans († 1464) Ansprüche auf das Herzogtum Mailand geerbt, das er 1499 überfiel und besetzte. 1504 versuchte er auch das Königreich Neapel zu erobern, das schon sein Vorgänger Charles VIII beansprucht und zu erobern versucht hatte. Hierauf reagierten 1511 der Papst (als Oberhaupt des Kirchenstaates) und die Republik Venedig, aber auch Österreich, Spanien und England mit dem Bündnis der „Heiligen Liga“, das die Franzosen aus Italien vertrieb (bis Louis’ Schwiegersohn und Nachfolger François Ier 1515 die franz. Expansionspolitik sogleich, aber letztlich ebenfalls erfolglos, wieder aufnahm).

Pierre Gringore (ca. 1475 – ca. 1538).

Sein Name ist bzw. war im 19./20. Jh. vielen Franzosen dadurch bekannt, dass Victor Hugo ihn als "Gringoire" in seinem vielgelesenen historischen Roman Notre-Dame de Paris (1831) auftreten lässt, und zwar als Typ des inmitten des Pariser Volkes lebenden Dichters und Intellektuellen.

Gringores bekanntestes Werk ist das vielleicht erste politisch intendierte Stück der franz. Literatur: Le Jeu du prince des sots et de mère sotte (1512, 1831 von einem anderen Romantiker, Gérard de Nerval, bearbeitet). Le Jeu ist ein Fastnachtsspiel und zugleich eine pro-französische Satire gegen Papst Julius II, der im Stück in der lächerlichen Rolle der "mère sotte" auftritt, weil er zum Ärger der Franzosen gerade erfolgreich das Militärbündnis der "Heiligen Liga" gegen Louis XII und dessen Expansionsversuche in Nord- und Süditalien zusammengebracht hatte. Gringore ist aber auch Lyriker, u.a. als Verfasser vieler politisch-satirischer Gedichte. Er war zudem viele Jahre als Texter und Organisator von Passionsspielen, vor allem aber der jährlichen Fastnachtsspiele der Pariser Vereinigung der "enfants sans souci" tätig.

Jacques Lefèvre d'Étaples (*ca. 1450 Étaples/Picardie; † 1536 Nérac).

Sein Name verbindet sich vor allem mit La Sainte Bible en français (1523–30), der ersten vollständigen und textgetreuen franz. Übersetzung der Bibel, genauer von deren quasi offizieller lateinischen Version, der "Vulgata".

Nach einem Theologiestudium in Paris unternahm Lefèvre 1491 und 1499 Bildungsreisen nach Padua und Pavia als damaligen Zentren der humanistischen Gelehrsamkeit in Italien und begann in diesen Jahren seine eigene Gelehrtenkarriere mit textkritischen Editionen von Schriften des großen altgriechischen Philosophen Aristoteles, womit er einer der ersten französischen Humanisten und Gräzisten war.

1505 ließ er sich in der Pariser Abtei Saint-Germain-des-Prés nieder, die von Guillaume Briçonnet geleitet wurde, einem der vielen Reformtheologen der Zeit. Hier erarbeitete und publizierte er textkritische Editionen verschiedener Teile der ''Vulgata'' (z.B. 1509 die Psalmen und 1512 die Paulus-Briefe). Als 1521 Briçonnet zum Bischof von Meaux ernannt wurde, folgte ihm Lefèvre als Generalvikar dorthin und begann mit seiner Bibel-Übersetzung.

Ganz wie der fast zeitgleich arbeitende Luther (der allerdings von den griechischen und hebräischen Originaltexten ausging) verfolgte auch Lefèvre die reformatorische Intention, den normalen Gläubigen die Möglichkeit zu geben, selbst die Bibel zu lesen oder sich vorlesen zu lassen und deren Wortlaut ohne die Vermittlung der katholischen Geistlichkeit und ihrer Deutungskonventionen auszulegen. Als er 1523 ohne Genehmigung (die er auch kaum erhalten hätte) seine Übersetzung des Neuen Testaments drucken ließ, wurde er von der Pariser Sorbonne, die auf Erhaltung ihres Deutungsmonopols bedacht war, zum Ketzer erklärt.

Da inzwischen auch sein Protektor Briçonnet, u.a. weil er Anhänger des gerade exkommunizierten Luthers hatte predigen lassen, von den Konservativen in der Kirche attackiert wurde, flüchtete Lefèvre 1525 in die freie Reichsstadt Straßburg, eine Hochburg des Humanismus. 1529 ging er nach Nérac (SW-Frankreich), an den Hof der zu dieser Zeit noch offen mit dem Protestantismus à la Luther sympathisierenden Schwester von König François Ier, Marguerite de Navarre. Hier beendete er die Übersetzung auch des Alten Testaments und verbrachte er seine letzten Jahre.

Seine Gesamt-Bibel wurde 1530 in der damals weltoffenen, reichen und noch pro-reformatorischen Stadt Antwerpen gedruckt, jedoch sofort vom Pariser Parlement verboten.

Obwohl sie mehrfach nachgedruckt wurde, erreichte Lefèvres Bibel im französischen Sprachraum nicht dieselbe Bedeutung wie die luthersche im deutschen, u.a. auch deshalb nicht, weil der Reformator Calvin und mit ihm die frankophonen Protestanten die etwas spätere (ziemlich hölzerne) Übersetzung von Pierre Robert Olivetan (1535 ff.) bevorzugten.

(Stand: Juni 06)

Marguerite de Navarre (geb. duchesse d'Angoulême, verwitwete duchesse d'Alençon, Königin von Navarra; * 11.4.1492 in Angoulême; † 21.12.1549 in Odos/Pyrenäen).

Diese hochgebildete etwas ältere Schwester von König François Ier 1) war durch ihre zweite Heirat (1527) mit Henri d'Albret Titularkönigin des 1512 zerschlagenen baskischen Königreichs Navarra geworden. Den Zeitgenossen war sie vor allem bekannt als eine neben und hinter ihrem königlichen Bruder politisch sehr aktive Frau sowie als Sympathisantin erst Luthers und dann eines über den konfessionellen Fronten stehenden "Evangelismus", in dessen Namen sie gefährdete pro-protestantische Intellektuelle wie z.B. den Bibel-Übersetzer Lefèvre d'Etaples (s. o.) oder den Lyriker Clément Marot (s. u.) beschützte oder in ihren südwestfranzösischen Residenzstädtchen Nérac oder Pau beherbergte

Heute ist sie vor allem als Autorin ein Begriff. So publizierte sie 1524 die Versmeditation Dialogue en forme de vision nocturne und 1531 drei religiöse Langgedichte unter dem Titel des längsten von ihnen, Le Miroir de l'âme pécheresse. Das Bändchen spiegelt das enorme Interesse, das die rasch von Reformatoren und Anti-Reformatoren polarisierten gebildeten Schichten, nicht zuletzt auch der Adel, theologischen Problemen entgegenbrachten, insbes. der neuen Frage nach dem Verhältnis des einzelnen Gläubigen zu "seinem" Gott.

In die franz. Literaturgeschichte eingegangen ist Marguerite als die Autorin einer Novellensammlung mit Rahmenhandlung, L'Heptaméron, die wie praktisch alle Novellensammlungen der Zeit in der Tradition von Giovanni Boccaccios Il Decamerone (um 1350) steht. Das ab 1542 wohl per Diktat und z.T. auf Reisen entstandene Werk sollte ursprünglich ebenfalls hundert Novellen umfassen, die in der Fiktion an zehn Tagen von zehn Personen (fünf Damen und fünf Herren) erzählt werden sollten; es blieb jedoch unvollendet durch den Tod Marguerites bei Nummer 72. Hauptthema ist, wie in allen Sammlungen dieser Art, die Anziehungskraft der Geschlechter aufeinander und die vielgestaltigen Verwicklungen, die sie zu verursachen pflegt. Neu ist Marguerites Behauptung absoluter Wahrheitstreue des Erzählten und neu auch ihre Idee, ihr Zehnergremium nach jeder Novelle mehr oder weniger ausführlich über deren jeweilige Moral diskutieren zu lassen. Da diese Diskussionen (wie im richtigen Leben!) häufig etwas konfus verlaufen und der Leser den sehr idealistischen Standpunkt der Autorin selbst nicht immer recht erkennt oder nicht nachvollziehen kann, wirkten sie schon auf jüngere Zeitgenossen, z.B. Montaigne, eher aufgesetzt und, im Gegensatz zu den Novellen selbst, etwas blutlos.

Das Werk wurde postum 1559 im Auftrag von Marguerites Tochter Jeanne d'Albret (der Mutter des späteren Königs Henri IV) im Originaltext und mit dem etwa passenden Titel L'Heptaméron (=Sieben-Tage-Werk) veröffentlicht, nachdem schon 1558 unter dem Titel Histoires des amants fortunés ein Raubdruck erschienen war, dessen Text im Sinne des antireformatorischen Konzils von Trient (1545-49) theologisch und moralisch "gereinigt", d.h. mitunter ziemlich verstümmelt worden war.

Noch zu ihren Lebzeiten dagegen erschien eine Sammlung von Gedichten unter dem hübschen Titel Marguerites de la marguerite des princesses (1547). Erhalten sind darüber hinaus einige ungedruckt gebliebene Theaterstücke sowie zahlreiche Briefe.

(Stand: März 07

1) François Ier, geb. 1494, König 1515-1547 (Schwiegersohn und Nachfolger von Louis XII), kämpfte nach seiner Thronbesteigung fast pausenlos mit Kaiser Karl V. um die Vorherrschaft in Mitteleuropa und Italien, wobei er 1525 in der Schlacht bei Pavia sogar in Karls Gefangenschaft geriet, aus der ihn Marguerite als Unterhändlerin zu befreien versuchte. Er entwickelte ein prächtiges Hofleben und gilt als repräsentativster franz. Renaissancefürst. 1530 gründete er das Collège des Lecteurs du roi (später Collège royal de France, heute Collège de France), weil die Sorbonne sich dem humanistischen Einfluss verschloss, bzw. sich überhaupt allem Neuen verweigerte. Ab 1534 ergriff François immer eindeutiger Partei gegen den Protestantismus, der in Frankreich zunächst ebenfalls Lutherischer, dann aber zunehmend Calvinscher Prägung war und sich vor allem im Süden ausbreitete, während er im übrigen Land mehr auf Teile des Adels und des Bürgertums beschränkt blieb. François' zunehmend brutale prokatholische Parteinahme erscheint im Nachhinein als schleichender Beginn der jahrzehntelangen Religionskriege (Guerres de religion), die Frankreich von 1662 bis 1698 erschütterten und (anders als der ähnlich motivierte und ähnlich lange Dreißigjährige Krieg in Deutschland) mit einer weitgehenden Rekatholisierung des Landes endeten.

François Rabelais (*1483 oder, wahrscheinlicher, 1494, in La Devinière bei Chinon/Touraine; † 9.4.1553 Paris).

Sein wohl fast jedem Franzosen bekannter Name, der sich sogar als Adjektiv in Ausdrücken wie „une plaisanterie rabelaisienne“ verselbständigt hat, ist verknüpft mit Gargantua et Pantagruel, einem locker komponierten Romanzyklus, dessen 5 Bände 1532, 1534, 1545, 1552 und 1564 erschienen, wobei der letzte postum herauskam und z.T. apokryph, d.h. nicht mehr authentisch ist. Vor allem die Bände I und II waren sehr erfolgreich; die Protagonisten, d.h. der junge Riese Pantagruel und sein Vater Gargantua, sind noch heute ein Begriff, und sei es nur dank der Adjektive pantagruélique (avoir un appétit pantagruélique) und gargantuesque (un repas gargantuesque). Rabelais war jedoch auch als humanistischer Gelehrter aktiv. Seine äußerst mobile Existenz im Schlepptau fürstlicher Gönner und auf der ständigen Suche nach Weiterbildung, zumal im Kontakt mit anderen Gelehrten, ist typisch für die Intellektuellen der Epoche.

Über seine Kindheit und Jugend ist wenig bekannt. Er wurde geboren als jüngster von drei Söhnen eines wohlhabenden Richters am Amt Chinon und erhielt eine passable Bildung, vielleicht in einer nahen Benediktiner-Abtei. 1510 oder 1511 wurde er Novize im Franziskaner-Orden, wohl in La Baumette nahe Angers. Um 1520 ist er als Mönch im Franziskanerkloster von Fontenay-le-Comte (Vendée) bezeugt. Hier war er inzwischen durch einen älteren Mitbruder in Berührung mit dem von Italien her ausstrahlenden Humanismus gekommen und hatte Griechisch zu lernen begonnen, was mangels kompetenter Lehrer und geeigneter Bücher schwierig war und zudem im eher bildungsfeindlichen Franziskanerorden ungern gesehen wurde. Auch hatte er Aufnahme gefunden in den kleinen Zirkel gebildeter Leute, die es in Fontenay als lokalem Verwaltungszentrum gab. Darüber hinaus hatte er begonnen, briefliche Kontakte zu Gelehrten zu knüpfen, wie ein erhaltenes Schreiben von ca. 1520 an den bekannten Humanisten Guillaume Budé beweist, den Initiator des Collège Royal. Im Rahmen seiner griechischen Studien verfasste er gegen 1522 eine (verschollene) lateinische Übertragung von Buch I der Geschichte der Perserkriege des Herodot (5. Jh. v. Chr.).

Als 1523 alle Griechischstudien von der reformfeindlichen Pariser Theologiefakultät, der Sorbonne, als Vorstufe zur Ketzerei gebrandmarkt wurden, bekam Rabelais Schwierigkeiten mit seinen Oberen. Durch Vermittlung des Bischofs von Poitiers, der zugleich Abt eines Benediktinerklosters war, erhielt er 1524 die päpstliche Erlaubnis, die für einen Ordenswechsel nötig war, und schlüpfte unter bei den traditionell bildungsfreundlichen Benediktinern. Offenbar lebte er aber meistens im Gefolge des Bischofs, dem er als Sekretär und vielleicht auch Hauslehrer eines Neffen diente und den er auf Reisen durch sein Bistum begleitete. Möglicherweise hörte er in diesen Jahren auch Vorlesungen an der Universität Poitiers.

1524 erschien sein erstes gedrucktes Werk, eine lateinische Versepistel an einen gelehrten Freund. Von den französischen Versen, die er als junger Mann ebenfalls schrieb, ist so gut wie nichts erhalten.

1528 ging Rabelais nach Paris. Auf nicht bekannte Weise konnte er sich hier den Status eines Weltgeistlichen verschaffen, als der er freier war, seine Studien, offenbar vor allem der Medizin, fortzusetzen und gelehrte Kontakte zu pflegen. Aus den Kontakten mit einer Witwe gingen zwei uneheliche Kinder hervor, François und Junine.

Dies hielt ihn nicht in Paris, vielmehr schrieb er sich im Herbst 1530 an der  berühmten medizinischen Fakultät in Montpellier ein, wo er schon im Winter Baccalaureus wurde. Die Medizin war damals ein fast reines Buchstudium mit den Schriften von Hippokrates und/oder Galenus als Quasi-Bibeln. Der Humanist Rabelais scheint sich denn auch vor allem philologisch mit der Medizin beschäftigt zu haben, denn in Vorlesungen kommentierte 1531/32 Texte der genannten Koryphäen, wobei er in revolutionärer Weise die griechischen Originale zugrunde legte.

Im Sommer 1532 findet man ihn in Lyon, wo er sich als Arzt niederließ und zugleich bei dem Drucker und Verleger Gryphe (Greiff) diverse gelehrte Werke herausgab. Hiervon ließ er sich jedoch nicht absorbieren, sondern verfasste auch einen Roman, der Ende 1532, ebenfalls in Lyon, erschien: Les horribles et épouvantables faits et prouesses du très renommé Pantagruel, Roi des Dipsodes, fils du grand géant Gargantua. Composés nouvellement par maître Alcofrybas Nasier. Das Werk war also schon am Titel als Parodie der Gattung Ritterroman erkennbar und der Autorenname als ein witziges Pseudonym (übrigens ein Anagramm aus f-r-a-n-c-o-y-s-r-a-b-e-l-a-i-s). Der Erfolg des Buches war beachtlich. Eines der Indizien hierfür ist seine rasch erfolgte Verurteilung durch die Sorbonne.

Ebenfalls Ende 1532 erhielt Rabelais eine Anstellung am Lyoner Krankenhaus, dem  Hôtel Dieu. Neben seiner ärztlichen Tätigkeit frequentierte er die intellektuellen Zirkel der Stadt, die es zu dieser Zeit geistig und wirtschaftlich mit Paris aufnehmen konnte. Doch fand er weiterhin Muße auch für die Schriftstellerei. So verfasste er je einen horoskopartigen Almanach für die Jahre 1533 und 1535 und edierte 1534 ein gelehrtes Buch über die Topographie des antiken Roms; im Frühjahr nämlich hatte er den Bischof von Paris und Mitglied des Kronrates Jean du Bellay als Leibarzt und Sekretär auf einer diplomatischen Reise nach Rom begleitet.

Daneben schrieb er einen neuen Roman, der den Erfolg des Pantagruel fortsetzen sollte und auch tat: das Ende 1534 unter demselben Pseudonym gedruckte La Vie très horrifique du grand Gargantua, père de Pantagruel. Es enthält, wie der Titel anzeigt, eine Vorgeschichte zum Pantagruel und figuriert in Gesamtausgaben des Zyklus deshalb meist als Band I. Der Gargantua enthält auch das berühmte Kapitel über die Abtei Thélème, einen idealen utopischen Ort, an dem eine geistige und soziale Elite von Personen beiderlei Geschlechts ein selbstbestimmtes, aber auch durch Vernunft und Selbstbeherrschung gezügeltes Leben führt. (Die erheblich später entstandenen weiteren Bände des Zyklus erschienen unter Rabelais’ richtigem Namen und hatten als Le tiers livre, Le quart livre, und Le cinquième livre nüchterne Titel, standen allerdings auch kaum mehr in der Tradition der Ritterroman-Parodien.)

1535 gab Rabelais den wohl nur mäßig geliebten Krankenhausposten auf, um ganz in den Dienst Du Bellays zu treten und erneut mit ihm, der kurz zuvor zum Erzbischof befördert worden war, nach Italien zu reisen. Hier traf er bei einem Aufenthalt in Ferrara Clément Marot (s.u.) und andere dorthin geflüchtete Sympathisanten der Reformation. Anschließend verbrachte er ein halbes Jahr mit Du Bellay in Rom. Zweifellos über ihn erhielt er hier 1536 die Erlaubnis des Papstes, pro forma in den Benediktinerorden zurückzukehren, und zwar als Angehöriger eines Klosters nahe Paris, dessen Abtposten Du Bellay innehatte. Dort sollte er nach der beabsichtigten Umwandlung des Klosters in ein Stift eine Pfründe als Stiftsherr mit regelmäßigen Einkünften bekommen.

Naturgemäß wehrten sich die anderen Mönche gegen den Quereinsteiger. Rabelais musste eine Eingabe an den Papst richten. Der Ausgang der Angelegenheit ist nicht bekannt.

Vermutlich ebenfalls 1536 (oder 1539?) wurde sein Sohn Théodulus geboren, der jedoch zweijährig starb.

Anfang 1537 erwarb Rabelais in Montpellier den medizinischen Doktortitel und hielt anschließend Vorlesungen über die Schriften des Hippokrates, wobei er erneut das griechische Original zugrundelegte und die gängige lateinische Version als fehlerhaft kritisierte. Im Sommer erregte er Aufsehen bei einem Besuch in Lyon, als er dort die Leiche eines Gehenkten sezierte.

1538 finden wir ihn in Aigues Mortes mit Du Bellay, der hier an einem Treffen zwischen König François I. und Kaiser Karl V. teilnahm und dem er anschließend nach Lyon folgte.

Ende 1539 wurde er von seinem Gönner an dessen offenbar kränkelnden älteren Bruder Guillaume de Langey weitergereicht, einen Militär, der zum stellvertretenden Statthalter Frankreichs im von franz. Truppen besetzten Piemont ernannt worden war. Von ihm wurde er nach Turin mitgenommen, wo er, unter dem Titel Stratagemata, eine Geschichte der militärischen Karriere Langeys verfasste, die aber verloren ist. Die nächsten Jahre bis zum Tod seines Dienstherrn Anfang 1543 pendelte Rabelais mit ihm zwischen Norditalien und Frankreich.

1541 und 1544 brachte er erneut je einen Almanach heraus, letzteren unter dem Titel Grande et vraye pronostication nouvelle pour l’an 1544.

1542 reagierte er auf die Vorwürfe, der Pantagruel und der Gargantua seien obszön und theologisch bedenklich, und publizierte in Lyon eine gereinigte Fassung beider Bände, die aber trotzdem von der Sorbonne verurteilt wurde. Ein Grund hierfür war wohl, dass der Drucker Étienne Dolet, ein einstiger Freund, kurz zuvor ohne Einverständnis Rabelais’ die ursprüngliche Fassung nachgedruckt hatte.

Rabelais schrieb dennoch eine Fortsetzung des Romans, das Tiers livre, in dem er vor allem die Frage diskutiert, ob Pantagruel heiraten soll, oder besser nicht. Als er den Band 1545 fertig hatte, durfte er ihn zwar der Schwester von François I, Marguerite de Navarre (s.u.), widmen und in Paris mit einem königlichen Druckprivileg veröffentlichen, doch geriet er erneut in die Schusslinie der Sorbonne. Er verließ deshalb für eine Weile Frankreich und verdingte sich als Arzt und städtischer Sekretär in der damaligen freien Reichsstadt Metz. In seinen Mußestunden arbeitete er an einer weiteren Fortsetzung, dem Quart livre, das die fiktive Entdeckungsreise schildert (Berichte von realen waren gerade in Mode), die Pantagruel auf der Suche nach der „göttlichen Flasche“ (dive bouteille) unternimmt.

Nach dem Tod von König François I (1547) reiste Jean du Bellay (der inzwischen Kardinal und oberster franz. Diplomat in Italien geworden war) einmal mehr nach Rom und nahm Rabelais mit. Auf der Durchreise übergab dieser in Lyon einem Drucker die ersten elf Kapitel des Quart livre, die 1548 erschienen. In Rom, wo er mit seinem Dienstherrn bis 1549 blieb, stellte er das Buch fertig, so dass es Anfang 1552, nunmehr in Paris, als Ganzes herauskommen konnte. Wieder einmal erregte Rabelais den Unwillen der Sorbonne, die sich an Passagen stieß, die als Rom-Satire verstanden werden konnten. Auch das Pariser Parlement verurteilte das Buch.

Rabelais, der 1551 über Du Bellay eine Pfründe in Meudon bei Paris und eine weitere im Bistum Le Mans erhalten hatte, musste diese Anfang 1553 aufgeben. Hiernach ist nichts mehr von ihm bekannt. Offenbar hatte er aber noch bis kurz vor seinem Tod im April an einem weiteren Fortsetzungsband gearbeitet, der vermutlich auf Initiative seines Druckers von unbekannter Hand zu einem Abschluss gebracht wurde und 1664 erschien.

Zwar hatte Rabelais sich in seinen letzten Jahren noch am andauernden Erfolg seines Romanzyklus freuen können, doch galt er als theologisch und konfessionell suspekt. Zugleich wurde er, wegen seiner freimütigen Darstellung aller menschlichen Lebensäußerungen, zunehmend auch als unmoralisch gerügt, und zwar sowohl von den prüder werdenden katholischen Theologen als auch von Protestanten, nachdem ihn der Reformator Jean Calvin schon 1550 in seinem Traité des scandales heftig angegriffen hatte.

Heute gilt er, auch wenn er aufgrund seiner archaisch gewordenen Sprache und seiner nur noch schwer verständlichen Wortspiele und Anspielungen wenig gelesen wird, als der größte franz. Autor des 16. Jh., einer der Großen der franz. Literatur überhaupt und speziell als Galionsfigur des moralisch nicht immer korrekten, dafür aber volkstümlich-heiteren esprit gaulois oder eben rabelaisien. Der Erfolg seines Romanzyklus beruht auf einer unnachahmlichen Kunst der Mischung: auf der Stilebene mengt Rabelais Ernst und Scherz, spielerische Ironie und bissigen Sarkasmus, derben Witz und hypergelehrte Pedanterie, lustige Wortspielereien und komisch verwendete echte und fiktive Zitate; auf der Strukturebene kombiniert er geschickt meist knappe, immer wieder die Grenzen zum Phantastischen und Grotesken überschreitende Handlungssequenzen und meist längere Erzähler- und Figurenreden, deren letztlich satirische Intentionen kaum zu übersehen sind, auch wenn sie sich oft verstecken, z.B. hinter einer scheinbaren Naivität. Nicht zu Unrecht erkannte die Sorbonne in dem Humoristen und Fabulisten den kritisch-selbständigen Geist und Anhänger eines unorthodoxen, überkonfessionellen „Evangelismus“.

Der Zyklus insgesamt scheint in seiner Motivation erklärbar als Ausdruck einer Spottlust, die sich je länger, je mehr aus der Verbitterung des Autors über bestimmte Verhältnisse speist. Von den Lesern wurde er vermutlich als erheiterndes Evasionsangebot genutzt in einer Zeit, wo es wenig zu lachen gab angesichts einer Realität, die beherrscht war von einer enormen religiösen und ideologischen Polarisierung. Denn diese reichte bis in die Familien hinein, bewirkte eine zunehmende Intoleranz der konfessionellen Parteien und ihrer Propagandisten und führte zu einer brutaler werdenden Unterdrückung der Protestanten durch den Staat, der ab 1534 offen die katholische Partei unterstützte.

Die erste deutsche Teil-Übertragung des Zyklus wurde von dem Straßburger Humanisten Johann Fischart verfasst und erschien 1575 unter dem Titel: Abenteuerliche und ungeheuerliche Geschichtsschrift vom Leben, Raten und Taten der Herren Grandgusier, Gargantua und Pantagruel.

(Stand: Okt. 09)

 

Clément Marot (* 1496 Cahors; † 1544 Turin)

Er gilt als der bedeutendste franz. Lyriker der ersten Hälfte des 16. Jh.

Er wurde geboren als Sohn des Kaufmanns und angesehenen Dichters Jean Marot. Dieser stammte aus der Normandie, die Mutter aus Cahors in Südfrankreich. Hier verbrachte Marot seine Kindheit, wobei er zweisprachig aufwuchs, d.h. französisch und vor allem okzitanisch. 1506 zog die Familie nach Paris, denn der Vater hatte einen Sekretärsposten im Dienst der Königin, Anne de Bretagne, erhalten. Später wurde er zum Kammerdiener (valet de chambre) bei ihrem Gatten Louis XII befördert.

Durch seinen Vater erhielt der junge Marot früh Kontakt zum Hof und bekam er eine Stelle als Page bei einem hochrangigen Adeligen, der ihn auch weiterhin protegierte und ihm etwas später einen Posten in der Chancellerie (quasi beim Justizminister) verschaffte. Eine solide Schulbildung genoss Marot offenbar nicht, doch lernte er Latein sowie Italienisch und konnte sich eine gewisse klassische Bildung aneignen.

Ab ca. 1511 dichtete er, angeleitet vom Vater und von dessen Dichter- und Sekretärskollegen Jean Lemaire de Belges (s.o.). Daneben schulte er seine Feder mit Übertragungen von Texten Vergils und Lukians. 1514 trat er erstmals an die Öffentlichkeit mit der Versepistel (épître) Le Temple de Cupido, die er verfasst hatte zur Hochzeit von Claude de France, der Tochter von Louis XII, mit ihrem Cousin François d’Angoulême, der aufgrund des Fehlens eines direkten männlichen Thronerben engster Anwärter auf die franz. Krone war. Im selben Jahr wurde auch ein erstes Werk Marots gedruckt, die Épître de Maguelonne.

Nachdem François d’Angoulême als François Ier schon 1515 den Thron bestiegen (und den Vater Marots als Kammerdiener übernommen) hatte, schaffte es Marot, ihm, dem nur zwei Jahre Älteren, mit weiteren Gedichten zu gefallen, z.B. einer witzigen Petite épître au Roi, und seine Sympathie zu gewinnen. 1519 wurde er von François dessen älterer Schwester empfohlen, Marguerite d’Angoulême (bzw. de Navarre, s.o.), die ihn als Kammerdiener und Sekretär in ihre Dienste aufnahm.

Dies hinderte Marot nicht, François 1521 und 22 auf Feldzügen gegen Kaiser Karl V. in Flandern und im Hennegau zu begleiten. Meist jedoch lebte er als vom König geschätzter Dichter und Unterhalter am Hof in Paris. Hier verfasste er bei den verschiedensten Anlässen und Gelegenheiten Texte in allen lyrischen Gattungen der Zeit. Eine Spezialität dieser frühen Schaffensphase waren, neben weiteren Versepisteln, kürzere Gedichte zum Thema Liebe, insbesondere Rondeaus und Chansons. Seine Texte verbreitete er in der Regel zunächst durch Lesung oder Vortrag vor seinem Zielpublikum, doch kursierten meistens rasch auch Abschriften Dritter.

Zweifellos war es durch den Einfluss Marguerites und ihrer Umgebung, dass Marot sich dem reformatorischem Gedankengut Luthers öffnete. Dies, aber zweifellos auch ein etwas lockerer Lebenswandel und eine spöttische Zunge, trug ihm Anfeindungen und bald auch Probleme ein. Insbesondere scheint er die Richter des Obersten Gerichts, des Parlements, und die konservativen Theologen der Sorbonne gegen sich eingenommen zu haben.

Als 1525 der König bei der Schlacht von Pavia in die Gefangenschaft von Kaiser Karl geraten war und seine Schwester Marguerite sich zu Freilassungsverhandlungen in Madrid aufhielt, wurde Marot von einer rachsüchtigen Frau denunziert, er habe in der Fastenzeit Speck gegessen. Seine Feinde und Neider nutzten die Abwesenheit seiner fürstlichen Gönner und ließen ihn im Februar 26 inhaftieren und im berüchtigten Pariser Stadtgefängnis, dem Châtelet, einkerkern. Dank der Fürbitte eines Freundes zog jedoch der Bischof von Chartres den Fall an sich und ließ Marot in sein erheblich humaneres Gefängnis überstellen. Im Mai befreite ihn ein Gnadenakt des eben zurückgekehrten Königs. Seine misslichen Erlebnisse im Châtelet schildert er sehr realistisch und mit bissigem Humor in einer Epistel mit dem sprechenden Titel L’Enfer, die er aber vorsichtshalber in der Schublade ließ, weil sie nur zu richtig als Attacke auf die Welt der Pariser Gerichtsbarkeit verstanden werden konnte.

Wenig später wurde Marot zum Nachfolger seines kürzlich verstorbenen Vaters Jean im Kammerdieneramt ernannt. Als er 1527 er erneut im Kerker landete, weil er einem gerade von der Polizei festgenommenen Bekannten zur Flucht verholfen hatte, befreite ihn König François umgehend selbst. Die betreffende Anordnung und der vorangehende Hilferuf Marots in Gedichtform sind erhalten, ebenso ein launiges Dankgedicht.

Die Jahre nach 1526 waren sehr fruchtbar für Marot, zunächst auch dank seiner Verliebtheit in Anne d’Alençon, eine junge Nichte von Marguerites erstem Gatten, die ihn zu vielen Gedichten, vor allem Rondeaus, inspirierte. Vor allem jedoch fungierte er weiterhin als Hofdichter mit Gelegenheitsgedichten aller Art und zu allen möglichen Anlässen, wobei er u.a. die Gattung Epigramm, d.h. witzige, oft bissige, einstrophige Texte, entwickelte. Finanziell ging es ihm ebenfalls gut, so dass er 1529 (?) heiraten konnte und angeblich seine bald vorhandenen drei Kinder täglich dankbar für den König beten ließ.

Nachdem 1531 als Raubdruck in Lyon eine erste Sammlung seiner Gedichte erschienen war, gab Marot 1532 unter dem etwas burschikosen Titel L'Adolescence clémentine erstmals selber einen Sammelband heraus, dem er 1534 eine Suite de l'adolescence clémentine folgen ließ.

Schon um 1525 hatte er die Idee gehabt, nach quasi humanistischen Editionsprinzipien Werke der älteren franz. Literatur gedruckt herauszugeben. So hatte er 1526 den Roman de la rose (Rosenroman, 13. Jahrhundert, s.o.) in leicht modernisierter Sprache ediert. 1533 besorgte er eine Ausgabe der Dichtungen von François Villon (15. Jahrhundert, s.o.).

Der Oktober 1534 brachte einen tiefen Einschnitt im Leben Marots. Er wurde in die sog. Affaire des Placards verwickelt, eine Plakataktion protestantischer Aktivisten, die bewirkte, dass König François seine bis dahin geübte religiöse Toleranz (oder auch Gleichgültigkeit) aufgab, Partei auf Seiten der konservativen Kräfte des Katholizismus bezog und einer scharfen Repression des Protestantismus freien Lauf ließ, was zu einer Reihe von Todesurteilen und Hinrichtungen führte, sowie eine erste Fluchtwelle auslöste (der z.B. auch der spätere Reformator Jean Calvin angehörte).

Als Marot erfuhr, dass er auf einer Liste von Verdächtigen stand, flüchtete er zu Marguerite nach Nérac im Béarn, das als Hauptort des kleinen Königreichs (Rest-)Navarra diente, mit dessen Titularkönig Henri d’Albret sie sich inzwischen in zweiter Ehe verheiratet hatte. Nachdem er 1535 vom Pariser Parlement in Abwesenheit verurteilt worden war, ging er auf Anraten Marguerites nach Ferrara an den Hof der Herzogin Renée d'Este, der mit Luthers Lehren sympathisierenden jüngeren Tochter von Louis XII.

Von dort aus richtete er eine Bitt-Epistel an den König, worin er den Vorwurf, er sei „Luthériste“, zu entkräften versuchte und sich über seine Feinde in der Pariser Justiz und der Sorbonne beklagte. Er bekam aber keine Antwort, so dass er eine weitere Epistel, nunmehr an den Dauphin, verfasste.

Als er in Ferrara wenig später mit Duldung des Herzogs von der Inquisition bedrängt wurde, floh er 1536 weiter nach Venedig. Hier erhielt er 1537 die Nachricht, dass amnestiert worden war, und kehrte, nachdem er in Lyon dem Protestantismus abgeschworen hatte, nach Paris und zu seiner Familie zurück. Wieder aufgenommen am Hof wurde er dort zunächst in einen Krieg mit Gedichten verwickelt von einem alten Rivalen namens François de Sagon, der sich inzwischen überlegen glaubte. Marot setzte sich durch und erreichte hiernach den Höhepunkt seiner Anerkennung.

1538 ließ er bei dem bekannten Drucker Étienne Dolet in Lyon unter dem schlichten Titel Les Œuvres eine erste Gesamtausgabe seiner Werke erscheinen. Im selben Jahr übertrug er Gedichte Francesco Petrarcas, darunter sechs Sonette. 1539 bekam er vom König ein Haus in Paris geschenkt. Seine Stellung als bester Dichter seiner Zeit schien gesichert.

Schon 1533 hatte er einen Bibel-Psalm in Gedichtform übertragen. Nach seiner Rückkehr aus dem Exil hatte er, auf Vorschlag des Königs, diese Arbeit wieder aufgenommen und fortgeführt. 1541 gab er das Ergebnis unter dem Titel Trente psaumes de David mis en français in Druck und durfte das Buch sogar Kaiser Karl widmen, als dieser auf der Durchreise in Paris weilte.

Nachdem ihm die Trente Psaumes zunächst viel Lob eingebracht hatten als der erste gelungene Versuch einer künstlerisch adäquaten Nachdichtung der Psalmen in franz. Versen und Strophen, wurden sie 1542 auf Betreiben der Sorbonne überraschend verboten. Ein Grund war, dass soeben Dolet ohne Genehmigung Marots L’Enfer gedruckt hatte; ein anderer war der Umstand, dass auch der in Genf gerade an die Macht gelangte Calvin die Psalmen-Nachdichtung lobte und seinen Anhängern empfahl.

Marot floh einmal mehr aus Paris und ging nach Genf, wo er weitere 20 Psalmen übertrug, so dass er 1643 eine Neuauflage mit nunmehr 50 Psalmen herausbringen konnte. Kurz danach jedoch verließ er Genf, weil er Probleme mit Calvin und dessen fundamentalistisch strengem Regime bekam. Er zog weiter in das von franz. Truppen besetzte Savoyen, von wo aus er vergeblich Kontakt mit König François aufzunehmen versuchte. Nach kürzeren Aufenthalten in Annecy und Chambéry starb er 1544 verbittert in Turin. Kurz nach seinem Tod (dessen genaues Datum ebenso unbekannt ist wie das seiner Geburt) erschien eine Neuauflage der Œuvres.

Marots literarhistorische Bedeutung liegt darin, dass er (im Sinne seiner beiden Lehrmeister) einerseits die reiche eigenständige franz. lyrische Tradition mit ihrem vielfältigen Formenbestand weiterführte, sich andererseits aber als einer der ersten franz. Autoren auch an der zu dieser Zeit tonangebenden italienischen Lyrik inspirierte. Anscheinend war er es, der das Sonett in Frankreich einführte. Er pflegte vor allem die Gattung Versepistel, wobei er oft sehr persönlich wirkende Passagen einflicht, und er gilt als erster Meister, wenn nicht sogar Erfinder der Kurzform Epigramm. Insgesamt verfasste er 65 Episteln, 80 Rondeaus, 15 Balladen, 300 Epigramme, 27 Elegien.

Viele seiner Gedichte gelten dem Thema Liebe, insbesondere Rondeaus und Chansons, in denen er höchst kunstvoll, mal eher ernst, mal eher scherzhaft und leicht anzüglich, die Begrifflichkeit und die Vorstellungswelt der überkommenen höfischen Lyrik aufnimmt und variiert.

Das Markenzeichen vor allem dieser Gedichte ist ihre formale und stilistische Vielfalt bei gleichzeitiger Eleganz und spielerischer, oft verspielter Leichtigkeit des Ausdrucks: der sprichwörtlich gewordene „style marotique“.

Die Beurteilung Marots in Frankreich war nicht immer frei von konfessionell geprägten Motiven. Dennoch war seine Nachwirkung groß (allein im 16. Jahrhundert wurden die Œuvres weit über zweihundertmal neu aufgelegt), und er blieb bis ins 19. Jahrhundert hinein ein von vielen Lesern und Autoren sehr geschätzter und gern pastichierter (spaßhaft nachgeahmter) Dichter, der als prototypisch galt für die vermeintlich guten alten Zeiten.

Seine Cinquante psaumes wurden zum Kern des sog. Genfer Psalters (Hugenottenpsalter).

Sein Sohn Michel Marot, der Page von Marguerite wurde, versuchte sich ebenfalls als Dichter, erreichte aber nicht entfernt die Bedeutung seines Vaters oder auch des Großvaters.

(Stand: Apr. 09)

Maurice Scève (* ca. 1500 in Lyon; † ca. 1560, vermutlich ebenfalls in Lyon).

Er gilt als der bedeutendste Vertreter der um 1550 blühenden sog. Lyoneser Dichterschule, deren einigendes geistiges Band die idealistische neoplatonistische Vorstellung von Liebe war, die man aus Italien übernommen hatte.

Über die Biografie Scèves ist wenig bekannt. Er war Sohn eines städtischen Richters aus alter Lyoneser Familie und erhielt eine gute humanistische Bildung. Er lebte überwiegend in und nahe Lyon, das zu dieser Zeit dank seiner Nähe zu Italien wirtschaftlich und geistig florierte und ein der Hauptstadt Paris fast ebenbürtiges intellektuelles Zentrum war, weil es nicht von stockkonservativen Institutionen wie der Sorbonne oder dem Parlement kontrolliert und erstickt wurde.

Scèves bekanntere Werke sind die Elegie Arion (1536), die Ekloge La Saulaie, églogue de la vie solitaire (1547) und vor allem Microcosme, ein 3000 Verse langes enzyklopädisches Gedicht, das den Sündenfall Adams und Evas als Voraussetzung für die Entwicklung der menschlichen Fähigkeiten und damit allen Fortschritts sieht, den es in Form einer Traumvision Adams von der Zukunft der Menschheit an Beispielen darstellt (postum 1562 gedruckt). Des weiteren verfasste Scève sog. Blasons, d.h. damals beliebte Gedichte, die (weibliche) Körperteile besingen, z.B. Le Sourcil oder Le Front oder Le soupir oder La Gorge.

Seinen Ruhm verdankte Scève vor allem dem 1544 erschienenen Gedichtzyklus Délie, objet de plus haute vertu, den er 1537 begonnenen hatte, nach der Begegnung mit seiner großen, aber unerfüllten Liebe, der ebenfalls dichtenden Pernette du Guillet (ca. 1520-1545). Der Zyklus beginnt mit einem achtzeiligen Zueignunggedicht und umfasst dann 449 zehnzeilige Gedichte, die im Druck durch eingefügte Embleme in Gruppen unterteilt sind, und zwar nach dem System 5+(9×49)+3. Die in zehnsilbigen Versen verfassten Gedichte sind allesamt sehr kunstvoll, oft hermetisch. Sie sprechen von oder sind gerichtet an eine ideale Geliebte, die als grundsätzlich unerreichbar vorgestellt wird, ähnlich der Beatrice von Dante oder der Laura von Francesco Petrarca, deren Grab Scève 1533 in Avignon gefunden zu haben glaubte. Mit Délie (der Name ist ein Anagramm aus L’-I-D-E-E) steht Scève stilistisch und thematisch in der Tradition der sog. petrarkistischen Lyrik, einer von dem o.g. Petrarca um 1330 inaugurierten Art der Liebesdichtung, die in ganz Mittel- und Westeuropa rezipiert und mehr als zwei Jahrhunderte hindurch imitiert wurde.

Scève kannte sich übrigens nicht nur in der italienischen Literatur aus (sowie selbstverständlich in der lateinischen und griechischen), sondern auch in der spanischen, deren "siglo de oro" (Goldenes Zeitalter) gerade begann und zu deren ersten franz. Mittlern er zählte mit seiner Übertragung La deplourable fin de Flamecte, élégante invention de Jehan de Flores [=Juan de Flores], espaignol, traduicte en langue françoise (1535).

(Stand: Dez. 06)

Jean Calvin (eigentlich Jean Cauvin, 1509–1564).

Der aus einer Juristenfamilie in Nyon/Picardie stammende Calvin studierte nach seiner Schulzeit in Paris zunächst Jura in Orléans und in Bourges. Wieder in Paris (1531), begann er humanistische Studien am neu gegründeten Collège des Lecteurs du roi und gelangte hierüber in Kontakt mit lutherischem Gedankengut. Ab 1533 war er erklärter Protestant, musste 1534 wie so viele Sympathisanten der Reformation Paris fluchtartig verlassen und lebte danach unstet im Exil (Nérac, Basel, Ferrara, Genf, Straßburg), wobei er eine Vielzahl theologischer Schriften verfasste.

Ab 1541 wirkte er im schweizerischen Stadtstaat Genf, der unter ihm zum geistigen Zentrum der Reformation im franz. Sprachraum und ansatzweise zu einer Art fundamentalistischem Gottesstaat wurde, in dem es auch nicht eben tolerant zuging.

Für die franz. Literatur- und Sprachgeschichte interessant ist dieser neben Luther einflussreichste Reformator durch seine Institution de la religion chrétienne (1541). Es ist die von ihm selbst verfasste Übertragung seines 1535 in Basel publizierten lateinischen Buches Christianae religionis institutio und wurde gedruckt in der freien Reichsstadt Straßburg, einer der Hochburgen des frühen deutschen Druckereiwesens. Die bald zur Grundlage des Protestantismus kalvinistischer Ausprägung werdende Institution war vermutlich das erste weitverbreitete theologische Werk in franz. Sprache und einer der meistgelesenen franz.-sprachigen Texte des 16. Jh. Calvin setzte mit ihm (ähnlich wie Luther in Deutschland) sprachliche und stilistische Maßstäbe dank seiner nüchternen und klaren Ausdrucksweise, die auch weniger Gebildete verstehen können sollten und die selbst seine Feinde bewunderten. 1542 wurde die Institution in Frankreich verboten, 1544 sogar öffentlich verbrannt, was jedoch der Verbreitung nur nutzte.

(Stand: Febr. 05)

Bonaventure des Périers (1510–1543 ?).

Über das Leben dieses jung verstorbenen (vermutlich durch Selbstmord geendeten) Autors ist wenig bekannt, außer dass er einige Zeit Kammerherr und Sekretär von Marguerite de Navarre war (s.o.).

Sein wichtigstes Werk neben einer Sammlung von Schwänken und Novellen sowie Übertragungen von Plato- und Horaz-Texten ist das unter einem Pseudonym gedruckte Cymbalum mundi (=das Tschinderassa-Becken der Welt) en français, contenant quatre dialogues poétiques fort antiques, joyeux et facétieux (1537). Es sind satirische Dialoge nach dem Muster des altgriechischen Autors Lukian, in denen die Borniertheit und das leere Gerede, der Fanatismus und die Intoleranz sowohl der katholischen als auch der sich inzwischen untereinander befehdenden protestantischen Theologen und Wortführer ironisiert und gegeißelt wird. (Im zweiten Dialog z.B. glauben ein gewisser Rhetulus [=Lutherus] und Cubercus [=Bucerus] den Stein der Weisen zu finden.)

Das Buch war der erste literarische Ausdruck von Skeptizismus und religiösem Freidenkertum zwischen den konfessionellen Fronten. Es wurde auf Antrag von König François Ier vom Parlement und von der Sorbonne als ketzerisch verurteilt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt, zugleich aber auch von Calvin getadelt. Die Autorschaft Des Périers’ ist übrigens nur wahrscheinlich, aber nicht vollständig sicher.

(Stand: Febr. 08)

Louise Labé (* 1524 nahe Lyon; † 25.4.1566 nahe Lyon).

Zu ihren Lebzeiten vor allem als emanzipierte Frau avant la lettre bekannt, gilt sie seit ihrer Wiederentdeckung gegen Ende des 18. Jh. als eine der bedeutendsten franz. Lyrikerinnen. Sie war Tochter aus der zweiten Ehe des wohlhabenden Seilfabrikanten Pierre Charly, genannt L’abbé oder Labé, und wuchs auf im damals wirtschaftlich und intellektuell prosperierenden Lyon. Sie erhielt eine für eine junge Bürgerliche der Zeit vorzügliche und vielseitige Bildung und lernte nicht nur mehrere Sprachen und die Laute spielen, sondern auch (wenn man ihrer dritten Elegie glaubt), kunstvoll zu sticken, zu reiten und sogar zu fechten. Sie wurde jung mit einem deutlich älteren reichen Seilfabrikanten verheiratet und hieß fortan "la Belle Cordière", die schöne Seilerin.

In ihrem Salon versammelte sie die Lyoneser Schöngeister und Literaten, z.B. den bekannten Lyriker Maurice Scève (s.o.), ließ sich von ihnen anhimmeln und animierte sie, über alle Aspekte der Liebe und nicht zuletzt auch über die Stellung und Rolle der Frau in Dichtung und Gesellschaft zu diskutieren und zu schreiben. Auch selbst schrieb sie zumindestens gelegentlich. Nach ihrer frühen Verwitwung stellte sie 1555 einen Sammelband zusammen und brachte ihn bei dem sehr aktiven Lyoneser Drucker Jean de Tournes heraus unter dem Titel Œuvres de Louise Labé, Lyonnaise.

Der schmale Band enthält (neben 24 Gedichten befreundeter Autoren) den Prosatext Le Débat d'Amour et de Folie, ein naturgemäß unernster Disput zwischen Amor und der Torheit samt Plädoyers von Apollo und Merkur sowie dem Schiedspruch Jupiters, weiter drei kürzere Elegien im Stil Clément Marots und vor allem die berühmten 24 petrarkistischen Sonette, deren 3 oder 4 schönsten zu den besten Gedichten in franz. Sprache zählen. Insgesamt wirken die Sonette für die Epoche ungewöhnlich bekenntnishaft und handeln, wie schon die Elegien, von der Leidenschaft eines weiblichen Ich, zweifellos der Autorin, zu einem seinerseits nur lauen Geliebten, hinter dem sich wohl der heute praktisch unbekannte Literat Olivier de Magny verbirgt.

Labé zog sich einige Jahre später 1560 auf ein Landgut nahe Lyon zurück, wo sie relativ jung verstarb. Ihr Testament ist eines der wenigen Dokumente, die aus ihrem Leben erhalten sind.

Nachdem ihr Werkband bald nach seinem Erscheinen mehrfach, auch an anderen Orten, nachgedruckt worden war, geriet sie im schon im späten 16. Jh. in Vergessenheit. Eine Ursache war sicher der Ausbruch der Religionskriege 1562, ein anderer Grund war vielleicht, dass der Reformator Calvin, der wohl im nahen Genf von ihr gehört hatte, sie um 1560 wegen ihres unkonventionellen und selbständigen, für eine Frau leicht als unschicklich empfundenen Lebenswandels als "ordinäre Hure" (plebeia meretrix) geschmäht hatte. Ihre Wiederentdeckung wurde eingeleitet von einer Neuausgabe ihres Werkes um 1760. Seitdem gilt sie neben Scève als die bedeutendste Vertreterin der um 1550 blühenden sog. Lyoneser Dichter-Schule.

In Deutschland ist sie nicht unbekannt dank der naturgemäß recht freien Übertragungen ihrer Sonette durch Rilke (1917) und der noch freieren von Paul Zech (postum 1947). Auch in andere Sprachen wurden die Sonette im 19./20. Jh. erstaunlich oft übertragen.

2006 stellte eine Pariser Literaturhistorikerin die These auf, dass die unter Labés Namen gedruckten Werke in Wahrheit nicht von ihr selbst verfasst seien, sondern von anderen Lyoneser Autoren (z.B. der Débat von Scève und die Sonette von Magny). Die These ist jedoch angesichts des Fehlens von einschlägigen Dokumenten oder Zeugnissen schwer zu erhärten. Zu einem angemesseneren oder gar richtigeren Verständnis der Texte führt sie nicht.

(Stand: Jan. 08)

Joachim du Bellay (* um 1522 in Liré bei Angers; † 1.1.1560 in Paris).

Du Bellay gilt neben Pierre de Ronsard (s. u.) als der repräsentativste franz. Lyriker der Mitte des 16. Jh.

Er war jüngerer Sohn aus einer ärmeren Linie der alten angevinischen Adelsfamilie Du Bellay. Nach früher Verwaisung und einer offenbar freudlosen Jugend unter der Vormundschaft seines ältesten Bruders René ging er um 1540 nach Poitiers, um dort Jura zu studieren. Er schloss sich zugleich einigen humanistisch gebildeten Literaten an, in deren Kreis er erste Gedichte verfasste. 1543 lernte er bei der Beerdigung eines Verwandten den wenig jüngeren Dichterkollegen Ronsard kennen, dem er 1547 nach Paris folgte, um dort vor allem Studien der lateinischen und griechischen Literatur zu treiben. Wenig später gründete er mit ihm sowie fünf anderen, heute kaum mehr bekannten Autoren den Dichterkreis der "Pléiade" (=Siebengestirn).

Anfang 1549 publizierte er das seinerzeit nur mäßig beachtete, jedoch im 19./20. Jh von patriotischen Literarhistorikern zu einem Schlüsseltext erklärte Büchlein La Défence et illustration de la langue française, eine Art Manifest der Theorien und der Praxis der Pléiade. Im ersten Teil proklamiert Du Bellay das Französische zur Literatursprache von der gleichen Dignität wie das Griechische, Lateinische oder Italienische. Der zweite Teil ist eine Poetik (eine der vielen, die damals in ganz Europa verfasst wurden), die vor allem allerlei Regeln zum Dichten vermittelt, dabei aber eine stärkere Orientierung der franz. Literatur, insbes. der Lyrik, am Formenschatz der inzwischen als vorbildhaft geltenden italienischen vorschlägt, unter Abkehr von der als mittelalterlich-gestrig erklärten eigenen franz. Tradition, wie sie vor allem von dem eine Generation älteren Clément Marot (s. o.) repräsentiert wurde.

Gleichzeitig mit der Défence veröffentlichte er L'Olive et quelques autres œuvres poétiques, eine Sammlung von 50 petrarkistischen Sonetten, die er Marguerite de France widmete, einer Schwester von König Henri II. Ende 1550 brachte er diese erste Sonett-Sammlung der franz. Literatur in einer zweiten, auf 115 Stücke erweiterten Auflage heraus.

Seinen humanistischen Interessen folgend betätigte er sich auch als Übersetzer aus dem Lateinischen und ließ 1552 eine Teilübertragung von Vergils Äneis und andere Übertragungen drucken. Anfang 1553 publizierte er eine weitere Gedichtsammlung, Recueil de poésie. Inzwischen hatte er sich bei einer Krankheit eine starke Schwerhörigkeit zugezogen, die ihm, dem ohnehin Depressiven, das Leben zusätzlich verdüsterte.

Im April 53 trat er, da er nach dem Tod seines Bruders René einen Neffen zu versorgen hatte, in die Dienste eines arrivierten Verwandten, Kardinal Jean du Bellay, Erzbischof von Paris und Frankreichs Oberdiplomat in Italien (bei dem schon Rabelais Sekretär und Leibarzt gewesen war). Ihm folgte er, wohl auch in der Hoffnung, so eine diplomatische Karriere beginnen zu können, nach Rom und verbrachte dort vier Jahre als sein Majordomus. Obwohl ihm die Stadt neue Horizonte eröffnete und er dort einen Freund in dem Literatenkollegen Olivier de Magny gewann, hatte er offenbar wenig Freude an seiner Situation. Auch erschien ihm römische Hof aufgrund der Schaukelpolitik des Papstes zwischen Frankreich und Deutschland/Spanien wie ein Schlangennest.

Im Spätsommer 1557 kehrte er zurück nach Paris, wo er Anschluss an die alten und an neue Literatenkollegen fand und sich mit Gedichten zu verschiedenen offiziellen und anderen Anlässen auch am Königshof zu etablieren versuchte, ähnlich wie es Freund Ronsard soeben geschafft hatte. Anfang 1558 brachte er sein wohl bestes Werk heraus, Les regrets, eine Sammlung von 191 größtenteils in Rom verfassten Sonetten von vielfältiger Thematik, aber mit einem gemeinsamen Unterton von Heimweh, Frustration und Desillusion. Zugleich allerdings ließ er den Sammelband Divers jeu rustiques erscheinen, dessen Versnovellen und Gedichte verschiedener Machart einen witzigen, manchmal sogar heiteren Du Bellay präsentieren. Den melancholischen wiederum zeigt Le premier livre des antiquités de Rome, eine Ende 58 gedruckte Sammlung von 32 Sonetten, deren Hauptthema die damals überall in Rom und Umgebung verstreuten antiken Ruinen sind bzw. das Gefühl von Vergänglichkeit und Vergeblichkeit, das sie in Du Bellay auslösten.

Ebenfalls 1558 konnte er einen beachtlichen Karrieresprung verzeichnen mit seiner Ernennung zum Großvikar Jean du Bellays, d.h. zu dessen Stellvertreter als Bischof und eventuellem Nachfolger. Allerdings profiertierte er kaum mehr von seiner neuen Position, denn er starb, depressiv und schon länger krank, mit 37 am Neujahrstag 1560.

1568/69 erschien die erste Gesamtausgabe seiner Werke, die in der Folgezeit mehrfach nachgedruckt wurde.

(Stand: Dez. 06)

Pierre de Ronsard (* 6.9.1524 auf Schloss La Poissonnière/Vendômois; † 27.12.1585 in Croix-Val/Vendômois).

Er gilt heute als der bedeutendste franz. Lyriker der 2. Hälfte des 16. Jh.

Als Sohn aus altem adeligen Haus wurde er mit 9 aus dem heimatlichen Vendômois nach Paris zum Besuch des Collège de Navarre geschickt, aber nach sechs Monaten heimgeholt. Mit 12 kam er erneut in die Hauptstadt, diesmal als Page am Hof von François Ier. Dort diente er zunächst bei dessen ältestem Sohn, dem Dauphin (=Thronfolger), der aber bald starb, und dann kurz bei dem dritten Sohn des Königs, Charles. Hiernach begleitete er 1537 François' soeben mit dem schottischen König verheiratete Tochter Madeleine nach Schottland und blieb dort zwei Jahre. Mit 14 zurück in Paris, wurde er wieder Page bei Charles, reiste aber auch nochmals nach Schottland.

Mit 16, er hatte gerade einen Diplomaten ins Elsass begleitet, erlitt er eine Krankheit, von der eine Schwerhörigkeit zurückblieb. Hierdurch gezwungen, die eigentlich angestrebte Offiziers- und/oder Höflings- und Diplomatenkarriere aufzugeben, ließ sich Ronsard die niederen Weihen erteilen, um eventuell Kirchenpfründen besetzen zu können. Zugleich trieb er humanistische Studien, übte seine Feder und gründete 1549 mit einem wenig älteren Freund, Joachim Du Bellay (s. o.), und fünf anderen Pariser Literaten den Dichterkreis der "Pléiade" (=Siebengestirn).

Ronsard begann mit Lyrik nach dem Vorbild der antiken Dichter Pindar, Horaz, Anakreon sowie neulateinischer Autoren der Zeit. 1550-52 publizierte er zwei Sammelbände Oden (Les quatre premiers livres des Odes und Le cinquième livre des odes), womit er diese Gattung in der franz. Literatur etablierte, ohne sie jedoch auf erhabene Inhalte festzulegen, wie das später geschah. 1552 erschien Les Amours, eine in mehreren Neuauflagen erweiterte Sammlung von petrarkistischen Gedichten, meist Sonetten, die sich als von einer gewissen Cassandre Salviati inspiriert ausgeben, die Ronsard 1545 in Blois in einer ähnlich poetischen Szene erblickt haben wollte wie Dante seine Beatrice oder Petrarca seine Laura.

In den nächsten Jahren veröffentlichte er weitere, thematisch und formal sehr unterschiedliche Gedichtsammlungen: 1553 Le Livret des folâtries, 1554 Le Bocage, 1555 Mélanges sowie Hymnes, 1556 Continuation des Amours und Nouvelles continuations des Amours (Gedichte, die nicht mehr um Cassandre kreisen, sondern um eine gewisse Marie). Spätestens hiernach war Ronsard unbestrittener Chef der Pléiade-Gruppe, zumal er auch 1554 dem König Henri II das Projekt eines Epos um den legendären Frankreichgründer Francus (die spätere Franciade) unterbreiten durfte sowie 1558 den Titel "conseiller et aumônier du roi" erhielt und die Rolle eines Hofdichters übernahm, der zu vielerlei Anlässen vielerlei Gelegenheitsgedichte produzierte.

1560 bekam er von dem neuen jungen König François II mehrere Pfründen zugewiesen, so dass er finanziell erfreulich unabhängig war. Im gleichen Jahr 60 ließ er eine erste Gesamtausgabe seiner Werke erscheinen.

Als Anfang 1562 die ständigen Spannungen zwischen Katholiken und Reformierten (den Protestanten calvinscher Couleur) in offenen Bürgerkrieg einmündeten, engagierte sich Ronsard als gefürchteter Pamphletist auf Seiten der katholisch bleibenden Krone, u.a. in den Discours sur les misères de ce temps (1562) und der Rémontrance au peuple de France (beide 1562) oder der Réponse aux injures et calomnies de je ne sais quels prédicants et ministreaux de Genève (1563). Auch begleitete er 1564 den neuen jungen König Charles IX und die Königinmutter Catherine de Médicis auf zweien ihrer Befriedungsreisen in die Provinz.

Anschließend zog er sich jedoch aus der Politik wieder zurück und publizierte 1565 den eher der leichten Muse gewidmeten Gedichtband Élégies, mascarades et bergeries. Ab dieser Zeit weilte er immer häufiger und länger in seiner Pfründe Saint-Cosme in der Touraine, wo er 1567 eine vergrößerte Gesamtausgabe seiner Werke fertigstellte.

1569 wendete er sich endlich dem schon 1554 projektierten Versepos La Franciade zu. Mit diesem Werk, das sich an den fünfzig Jahre älteren Illustrations de Gaule et singularités de Troye von Jean Lemaire de Belges (s. o.) inspirierte, gedachte er dem konfessionell polarisierten und vom immer wieder aufflammenden Religionskrieg zerrissenen Frankreich ein nationales Epos nach dem Muster von Vergils Aeneis zu geben. Allerdings vermochte er trotz intensiver Bemühung schließlich nur 4 von 24 geplanten Gesängen fertigzustellen, die er 1572 in den Druck gab. Offensichtlich konnten sich der Autor selbst und auch sein Publikum letztlich doch nicht mehr erwärmen für die apokryphe, allen humanistisch Gebildeten eigentlich inakzeptable Figur jenes angeblichen, erst im Mittelalter erfundenen Sohnes des trojanischen Helden Hektor, der sich zusammen mit dem späteren legendären Rom-Gründer Äneas aus dem eroberten Troja gerettet und seinerseits "Francia" und sogar die Dynastie der Kapetinger gegründet habe. Vielleicht aber scheiterte Ronsard auch daran, dass sich nach dem Erscheinen des erfolgreichen Buches Recherches de la France (1560) von Etienne Pasquier (s. o.) die Vorstellungen der Franzosen sich in dem Sinne entwickelten, dass nicht die Franken als Ursprung Frankreichs zu betrachten seien, sondern die keltischen Gallier.

Nach dem Scheitern der Franciade überarbeite Ronsard seine vorhandenen Werke im Hinblick auf eine neue (die inzwischen fünfte) Gesamtausgabe. Diese erschien 1578 und enhielt als überraschendes neues Element die Sonnets pour Hélène, mit denen Ronsard ein spätes Come-back als Liebeslyriker feierte.

Nachdem er im 17. und 18. Jh. weitgehend in Vergessenheit geraten war, entdeckten die Romantiker zumindest den im engeren Sinne lyrischen Teil seines Schaffens wieder. Die Literarhistoriker des 19./20. Jh. wiesen ihm den Platz zu, der ihm gebührt.

(Stand: Febr. 05)

Jacques Amyot (* 29. Oktober 1513 in Melun; † 6. Februar 1593 in Auxerre).

Er ist zwar heute auch als Name kaum mehr bekannt, hat aber mit seinen vielgelesenen Übertragungen griechischer Werke die Entwicklung der franz. Literatur stark beeinflusst.

Amyot stammte aus relativ kleinen Verhältnissen, doch konnte er sich in Paris eine gute theologische und vor allem humanistische Bildung verschaffen. Wie so viele Humanisten dieser Jahre sympathisierte auch er mit der Reformation und geriet 1534, als deren Unterdrückung in Frankreich begann, kurz in Schwierigkeiten. Um 1536 war er einige Zeit Lektor (eine Art Privatdozent) für Griechisch an der Universität von Bourges, bevor er 1540 Hauslehrer der Kinder eines Königlichen Sekretärs wurde, der als Euripides-Übersetzer dilettierte. Über ihn erhielt er Kontakt zu König François Ier, der ihn 1542 mit einer Übertragung von Plutarchs „parallelen Biografien“ berühmter Griechen und Römer (ca. 110 n. Chr.) beauftragte und ihm kurz vor seinem Tod 1547 eine einträgliche Kirchenpfründe zuwies.

Die erste Übertragung, die Amyot erscheinen ließ, war allerdings 1548 die der Äthiopika von Heliodor (3. Jh. n. Chr.), der abenteuerreichen Geschichte des Theagenes und der schönen Chariklea. Das anonym publizierte Buch (denn Liebesromane ziemten sich für einen Geistlichen nicht) wurde in Frankreich, und nicht nur hier, unendlich viel gelesen und nachgeahmt, zu Theaterstücken verarbeitet (z.B. von Jean Racine, s.u.) und noch 1758 von Voltaire in Candide parodiert.

Zwischen 1548 und 52 unternahm Amyot mehrere längere Reisen nach Venedig und Rom, um dort Manuskripte seiner griechischen Autoren einzusehen. 1554 brachte er eine Übertragung von sieben Büchern der monumentalen Universalgeschichte des Diodoros von Sizilien († ca. 30 v. Chr.) heraus.

1557 wurde er von König Henri II und seiner Gemahlin Catherine de Médicis zum Hauslehrer ihrer Söhne Charles und Henri bestellt. Als Charles 1560 sehr jung auf den Thron kam, wurde Amyot von ihm zum „Grand aumônier (=Großalmosenier) de France““ befördert.

Kurz zuvor (1559) hatte er die Übertragung herausgebracht, die als seine wichtigste gilt: Les vies des hommes illustres grecs et romains, comparées l'une avec l'autre par Plutarque, eine 46 historische Figuren paarweise (z.B. Alexander und Cäsar) verknüpfende Biografiensammlung. Der für heutige Begriffe sehr frei übersetzte Text war offenbar dem Erwartungshorizont franz. Leser gelungen angepasst und wurde sofort ein großer Bucherfolg. Noch zu Lebzeiten Amyots erschienen vier von ihm überarbeitete Neuauflagen sowie jeweils zahlreiche Nachdrucke. Auch in den nachfolgenden Jahrhunderten wurde der Plutarque immer wieder gedruckt, war obligatorische Lektüre für alle Gebildeten und eine wichtige Stoffquelle für Roman- und Theaterautoren.

Ebenfalls 1559 publizierte Amyot, einmal mehr anonym, eine Übertragung von Longos’ idyllischem kleinen Liebesroman um die jungen Hirten Daphnis und Chloe (2. Jh. n. Chr.), der die Schäferliteratur im Frankreich der Zeit etablieren half.

1572 brachte er unter dem Titel Œuvres morales eine Übertragung vermischter moralphilosophischer Schriften Plutarchs heraus. Auch sie war ein großer Erfolg, wurde z.B. von Montaigne bewundert und beeinflusste die nachfolgende franz. Essayistik und Moralistik.

Kurz zuvor, 1570, war Amyot zum Bischof von Auxerre ernannt worden. In dieser Rolle entwickelte er sich zum energischen Verfechter eines katholisch orientierten staatlichen Zentralismus in Frankreich, der seines Erachtens das einzige Heilmittel war gegen die ab 1562 ständig neu aufflammenden Religionskriege zwischen Protestanten und Katholiken (deren Ende 1598 er nicht mehr erlebte).

(Stand: Juli 09)

Etienne Pasquier (* 7.6.1529 Paris; † 30.8.1615 ebd.).

Für die Zeitgenossen und die Nachwelt war er vor allem der Autor der Recherches de la France (=Forschungen über Frankreich), eines teils historiographischen, teils essayistischen Werkes, das erstmals 1560 und dann 1565, 1596, 1607 sowie postum 1621 in überarbeiteten und um neue Kapitel erweiterten Versionen erschien und eine wichtige Rolle bei der Herausbildung der nationalen Identität der Franzosen gespielt hat.

Pasquier stammte aus dem gebildeten Pariser Bürgertum und studierte Jura in Paris und Toulouse sowie in Bologna und Pavia, wo er neben seiner juristischen auch seine humanistische Bildung vervollkommnete und sich mit der seinerzeit als vorbildhaft geltenden italienischen Literatur beschäftigte. Hier aber auch, im gerade zwischen Frankreich und Deutschland/Spanien umkämpften Norditalien, wurde er sich seiner Identität als Franzose bewusst.

1549 zurück in Paris, erhielt er die Zulassung als Anwalt am Obersten Pariser Gericht, dem Parlement. Neben seiner offenbar nicht absorbierenden Tätigkeit als Jurist verkehrte er mit Autoren der Dichtergruppe der Pléiade, u.a. Ronsard und Du Bellay, und publizierte diverse kleinere Texte, in denen er häufig das idealistische neoplatonische Liebesideal hinterfragt, einen modischen Import aus Italien, dem er die realistischere Sicht des Franzosen entgegensetzt.

Vor allem aber verfolgte Pasquier das Thema Frankreich, genauer das des Werdens und der Identität der franz. Nation. Deren Wurzeln sah er nicht, wie bis dahin üblich, bei den Römern oder den Franken oder gar dem legendären Trojaner Francus, sondern bei den keltischen Galliern. Sein Hauptziel war der Nachweis einer geradezu exemplarischen konstitutionellen und kulturellen Eigenständigkeit Frankreichs, die schon bei den Galliern angelegt gewesen, nach dem Intermezzo der Römerzeit wiederbelebt und dann von Königen, intellektueller Elite und Volk kontinuierlich weiterentwickelt worden sei. Mit diesen durchaus nationalistische Züge tragenden Vorstellungen, die er in den Recherches ausführte, propagierte Pasquier zugleich die Idee, dass die Belange der in Jahrhunderten organisch gewachsenen Nation Vorrang hätten vor den wechselnden Partikularinteressen und insbes. vor der religiös motivierten Parteilichkeit, mit der Katholiken und Protestanten Frankreich spalteten und sogar fremde Mächte in ihren Konflikt hineinzogen.

Mit seiner Idee vom Vorrang des Interesses der Nation war Pasquier einer der ersten "politiques", jener bald wachsenden Zahl überkonfessionell denkender Intellektueller und politischer Köpfe, die angesichts der 1562 ausgebrochenen Religionskriege Frankreich zu befrieden versuchten, dies allerdings erst 1598 unter dem vom Protestantismus zum Katholizismus konvertierten neuen König Henri IV1) schafften.

1564 machte Pasquier von sich reden durch ein fulminantes Plädoyer für die traditionsreiche, so typisch französische Pariser Universität und gegen die ultramontan orientierten Jesuiten, die gerade das neuartige Collège de Clermont gegründet hatten. Mit seiner Schelte der quasi vaterlandslosen Jesuiten hatte er ein Thema gefunden, das ihn immer wieder beschäftigen sollte, z.B. 1602 mit dem sarkastischen Catéchisme des Jésuites, dem später Blaise Pascal manche Anregung für seine anti-jesuitischen Lettres provinciales (1656-57) entnahm.

1585 wurde Pasquier (sicherlich auch dank dem Erfolg seiner Recherches) Generalstaatsanwalt am königlichen Rechnungshof, was er zwei Jahrzehnte lang blieb. Auch dieser Posten absorbierte ihn sichtlich nicht völlig, denn neben diversen kleineren, häufig polemischen Texten publizierte er ab 1586 viele Bände literarischer Briefe, die mit denen des Römers Plinius oder des Italieners Claudio Tolomei rivalisieren sollten.

1588 bis 94 war Pasquier Abgeordneter der Stadt Paris bei der intermittierend tagenden Versammlung der Generalstände in Blois.

Mit seinem Werdegang war er ein typischer Vertreter des neuen Amtsadels, der "noblesse de robe", d.h. einer aus der königlichen Justiz- und Verwaltungselite samt ihren Familien bestehenden Schicht zwischen dem höheren Bürgertum und dem älteren Adel, der "noblesse d'épée".

Vielleicht kann man Pasquier mit seiner Hervorhebung der keltischen Ursprünge Frankreichs als den entfernten geistigen Vater der urkeltischen Ur-Franzosen Astérix und Obélix betrachten.

(Stand: Jan. 07)

1) Henri IV, König von 1589 bis 1610. Der 1553 geborene Henri de Navarre (Enkel von Marguerite de Navarre) stammte aus einer Seitenlinie des franz. Königshauses und war ursprünglich Protestant, teilweise sogar Chef der protestantischen Bürgerkriegspartei. Als 1584 der präsumptive Erbe des kinderlosen Königs Henri III, dessen jüngerer Bruder Herzog François d'Alençon, ermordet wurde und 1589 auch der König selbst, war Henri de Navarre unverhofft Nr. 1 in der Rangfolge der Thronanwärter. Er musste jedoch sein Recht auf den Thron in jahrelangen Kriegen  gegen die von Spanien und Savoyen unterstützte Katholische Liga und deren Gegenkönig Charles de Bourbon durchsetzen. Kurz nach seinem Griff nach der Krone konvertierte Henri mit dem berühmten Satz "Paris vaut bien une messe!", und nach seinem endgültigen Sieg über die Liga (1598) verstand er es, Frankreich zu befrieden, nicht zuletzt durch das Toleranzedikt von Nantes, das den Protestanten Religionsfreiheit und volle Bürgerrechte einräumte. 1610 wurde auch er von einem religiösen Fanatiker ermordet. Henri IV ging als besonders volkstümlicher Herrscher, "le bon roi", in die französische Geschichte ein und ist bis heute jedem auch nur halbwegs gebildeten Franzosen ein Begriff.

Jean Bodin (*1529 oder 1530 in Angers ; † 1596 in Laon)

Er gilt als der erste große franz. Staatstheoretiker, zwar weniger bekannt als der Italiener Macchiavelli (1469-1527), aber an Bedeutung mit diesem vergleichbar.

Er wuchs auf in kleinbürgerlichen Verhältnissen (als Sohn eines Schneiders?) und war zunächst Karmeliternovize in Angers. In den 1550er Jahren studierte und lehrte er Recht in Toulouse, wobei er sich besonders für den Vergleich von Rechtssystemen interessierte. Offenbar sympathisierte er längere Zeit mit dem Protestantismus, weshalb er mindestens einmal, vielleicht auch mehrfach im Gefängnis saß und einmal knapp dem Scheiterhaufen entging.

1561 ließ er sich in Paris nieder und erhielt hier die Zulassung als Anwalt am Obersten Gericht, dem Parlement.

Seine rechts- und staatstheoretischen Interessen verfolgte er weiter. 1566 publizierte er eine erste Schrift, Methodus ad facilem historiarum cognitionem (Methode zur leichteren Kenntnis der Geschichte), worin er die Wichtigkeit historischen Wissens für das Verstehen der Gegenwart nachweist. Sein nächstes Werk, Réponse de J. Bodin aux paradoxes de M. de Malestroit, datiert von 1568: Hierin analysiert er als offenbar erster quasi wissenschaftlich das vor dem 16. Jh. unbekannte Phänomen der Inflation oder schleichenden Geldentwertung und erklärt es zutreffend aus der starken Vermehrung der Zahl der Münzen, die mit dem Gold und Silber aus den spanischen Kolonien geprägt wurden.

Von März 1569 bis August 1570 war er in Paris inhaftiert, möglicherweise allerdings in einer Art Schutzhaft, um ihn den Verfolgungen katholischer Eiferer zu entziehen, die ihn vermutlich als verkappten Protestanten betrachteten. Ab 1570 gehörte er zum Personal und Beraterstab des ehrgeizigen jüngeren Bruders von Charles IX und präsumptiven Thronerben François d'Alençon (bzw. d'Anjou), der 1574 König wurde, aber kurz darauf einem Mordanschlag zum Opfer fiel. Aus diesen Jahren direkter politischer Betätigung stammt das bedeutendste Werk Bodins, Les six livres de la république (Sechs Bücher vom Staat, 1576), das als erstes staatstheoretisches Buch von Rang in franz. Sprache gilt. Ausgehend von der Annahme, dass das Klima eines Landes den Charakter seiner Bewohner prägt und damit auch die für sie geeignetste Staatsform in weitem Umfang vorgibt, postuliert Bodin als ideales Regime für die Bewohner des klimatisch gemäßigten Frankreichs eine zentralistische und letztlich absolute, d.h. keiner anderen Instanz unterworfene „souveräne“ Monarchie, die aber von Institutionen wie den Parlements (=obersten Gerichtshöfen) und den États généraux (=Ständeversammlungen) in gewissen Schranken gehalten wird und die vor allem religiös tolerant ist, d.h. über den konfessionellen Parteien steht. Mit dem letzteren Postulat reagierte Bodin auf die Tatsache, dass die ständigen Bürgerkriege und mörderischen Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und Protestanten nicht zuletzt auch deshalb schwer beizulegen waren, weil die Könige stets auf Seiten der Katholiken standen, somit immer Partei waren und nicht als schlichtende Instanz auftreten konnten. Mit seinem sofort sehr erfolgreichen Buch gehörte Bodin zu den Begründern der Bewegung der pragmatisch gesonnenen „politiques“, die in den Folgejahren an Einfluss gewannen und schließlich, unter Henri IV, das Ende der Religionskriege und das Toleranzedikt von Nantes (1598) erreichten.

1576 war er Abgeordneter des Dritten Standes auf der Versammlung der États généraux in Narbonne und versuchte mäßigend auf die Katholiken einzuwirken.

Im selben Jahr verheiratete er sich in Laon und übernahm dort von seinem Schwiegervater das Amt des königlichen Generalleutnants und Staatsanwalts, das er bis zu seinem Tod in einer Pestepidemie ausübte. Vielleicht resultierte aus dieser Amtstätigkeit seine nachfolgende offene Annäherung an die katholische Partei.

Sicher ebenfalls durch sein Amt gefördert war sein Interesse für Hexenprozesse. 1580 nämlich publizierte er ein weiteres sehr erfolgreiches, in mehrere Sprachen (auch ins Deutsche) übersetztes, heute in Literaturgeschichten meist übergangenes Werk, La Démonomanie des sorciers, ein Handbuch der Hexer- und Hexenkunde samt Verfahrensratschlägen und Argumentationshilfen für die betroffenen Richter, die seines Erachtens vor Todesstrafen nicht zurückscheuen dürfen. (Laut Interview-Aussage der Historikerin Martine Ostorero in Le Monde vom 5.9.08 waren die Jahre 1560 bis 1630 die hohe Zeit der Hexenprozesse in Mitteleuropa.)

In politisch-ideologischer Hinsicht blieb Bodin jedoch eher seiner Tendenz zu Pragmatismus und Toleranz treu. Hiervon zeugt ein als Manuskript nachgelassenes Werk (dessen Echtheit von manchen bezweifelt wird), das Colloqium heptaplomeres de rerum sublimium arcanis abditis. Dieses „Siebenergespräch über die verborgenen Geheimnisse der erhabenen Dinge“ zeigt eine friedliche Diskussion unter sieben Vertretern verschiedener Religionen und Weltanschauungen, die sich am Ende auf die grundsätzliche Gleichwertigkeit ihrer Überzeugungen einigen.

(Stand: Sept. 08)

Étienne Jodelle (1532–1573).

Obwohl heute kaum mehr bekannt, hat er in der französischen Literaturgeschichte eine gewisse Bedeutung durch seine Stücke L'Eugène (1552) und Cléopâtre captive (1553). Das letztere Werk, das darstellt, wie die besiegte ägyptische Königin Kleopatra sich durch Selbstmord der Demütigung durch ihren Besieger, den römischen Kaiser Augustus, entzieht, ist die erste französische Tragödie nach antikem Muster und zugleich das erste ernste (d.h. nicht komische) französische Stück über ein profanes (=nichtreligiöses) Thema. Es wurde von allen literarisch Interessierten als gewissermaßen längst notwendige Errungenschaft begrüßt, war aber auch ein großer Publikumserfolg bei der Pariser Erstaufführung. Auch der ein Jahr zuvor verfasste L'Eugène orientierte sich an antiken Vorbildern, nämlich Komödien der römischen Autoren Plautus und Terenz, und nicht an der zeitgenössischen französischen Farce oder der inzwischen auch in Frankreich verbreiteten italienischen Stegreifkomödie (commedia dell'arte). Mit beiden Stücken folgte Jodelle einer aus Italien kommenden Tendenz. Dort gab es schon etwas länger Bestrebungen und Versuche, das Theater in Anlehnung an antike lateinische und griechische Vorbilder zu erneuern.

(Stand: Febr. 08)

Michel [Eyquem] de Montaigne (* 28. 2. 1533 auf Schloss Montaigne/Périgord; † 13.9. 1592 ebd.)

Montaigne (wie er in der Literaturgeschichte heißt) stammte aus einer Familie reicher Kaufleute der Hafenstadt Bordeaux, die zwei Generationen zuvor die adelige Grundherrschaft Montaigne erworben hatte und so vom großbürgerlichen Patriziat in den Adel hineingewachsen war. Er war das erste überlebende Kind seiner Eltern und ältestes von insgesamt sieben Geschwistern. Wie diese erhielt er eine umfassende Bildung (sein Hauslehrer, ein deutscher Arzt, sprach z.B. nur Latein mit ihm). 1544 wurde sein Vater zum Bürgermeister von Bordeaux gewählt. Seine Jugend wurde somit überschattet von der Rebellion der Stadt Bordeaux gegen die Auferlegung der Salzsteuer durch den König (1548), eine Rebellion, die von königlichen Truppen blutig niedergeschlagen wurde und mit dem Entzug städtischer Privilegien und der Köpfung einer Reihe von Patriziern geahndet wurde.

1554, mit 21, wurde Montaigne nach Jurastudien (in Toulouse?) Gerichtsrat (conseiller) am Steuergericht in Périgueux. Im selben Jahr begleitete er seinen soeben zum Vater zu Verhandlungen nach Paris. Als 1557 das Steuergericht mit dem Parlement von Bordeaux, dem obersten Gerichtshof des Herzogtums Aquitaine, zusammengelegt wurde, wurde auch Montaigne samt seinem Amt dorthin versetzt. In seiner Eigenschaft als Richter reiste er in den Folgejahren öfter im Auftrag von Stadt und Parlement nach Paris, wobei es allerdings mehr und mehr um das Problem der Duldung der im franz. Südwesten stark vertretenen Protestanten ging, die durch den ständig repressiver werdenden katholisch orientierten Staat schikaniert wurden. 1562, in dem Jahr, das rückblickend als Beginn der Religionskriege gelten kann, musste sich Montaigne in Paris, wo er offenbar als verkappter Protestant verdächtigt wurde, feierlich zum Katholizismus bekennen. Inzwischen (1557) hatte er Freundschaft mit dem drei Jahre älteren, humanistisch hochgebildeten Richter-Kollegen Étienne de la Boétie, dessen Schriften er nach seinem frühen Tod (1663) herausgab.

Nachdem er 1568 den Hauptteil des väterlichen Besitzes geerbt hatte (darunter das Gut und Schlösschen Montaigne, nach dem er sich hinfort benannte), verkaufte er 1570 sein Richteramt, um als Privatgelehrter und Landedelmann fern von der Politik auf seinen Besitzungen zu leben. Hier führte er zunächst eine noch für seinen Vater begonnene Übersetzung der Theologia naturalis von Raimundus Sebundus zu Ende und arbeitete ab 1571 an dem, was sein Hauptwerk werden sollte, den Essais. Es sind dies mehr assoziativ als logisch strukturierte, thematisch äußerst vielfältige, kürzere und längere, mit einer immensen Menge von Lesefrüchten angereicherte Betrachtungen über die Welt und vor allem das Leben und das Sterben des Menschen in ihr. Montaignes Perspektive ist die eines den religiösen Dogmen skeptisch und auch allen sonstigen vermeintlich verbürgten Wahrheiten kritisch gegenüberstehenden Geistes, der von der Annahme ausgeht, dass man mittels Beobachtung und Analyse des Denkens und Handelns eines intim bekannten Individuums, nämlich seiner selbst, zu gültigen Aussagen über die Spezies Mensch insgesamt gelangen kann.

Nach der erfolgreichen Publikation einer ersten zweibändigen Version der Essais 1580 (die 1582 und 1586 nachgedruckt wurde) unternahm Montaigne eine längere Reise, die ihn über Paris (mit Audienz bei König Henri III) und viele Städte Süddeutschlands und Italiens bis nach Rom führte und über die er ein Tagebuch schrieb (das erst 1774 gedruckt wurde). Noch während der Reise erhielt er im Herbst 1581 die Nachricht, dass er zum Bürgermeister von Bordeaux gewählt worden war. Etwas widerstrebend und nicht ohne brieflich von Henri III in die Pflicht genommen worden zu sein, akzeptierte er das Amt und übte es vier Jahre lang aus, wobei er einmal mehr zwischen Protestanten und Katholiken zu lavieren bzw. zu vermitteln bemüht war und z.B. 1583 Verhandlungen zwischen Henri de Navarre, dem ihm persönlich bekannten Chef der protestantischen Partei, und Henri III einzufädeln versuchte und es 1585 schaffte, Bordeaux von einer aktiven Kriegsbeteiligung auf Seiten der katholischen Liga abzuhalten.

Hiernach allerdings zog es ihn wieder an seinen Schreibtisch zu den Essais, von denen er 1588 eine stark überarbeitete und um einen dritten Band erweiterte zweite Ausgabe herausbrachte. 1595 publizierte eine Freundin seiner letzten Jahre, Marie de Gournay, postum eine nochmals erheblich überarbeitete dritte Version.

Die Essais stießen gleich bei ihrem Erscheinen auf großes Interesse und wurden jahrhundertelang viel gelesen. Sie wurden epochemachend als erstes europäisches Beispiel der anschließend vor allem in England beliebten Gattung Essay. Montaigne hatte großen Einfluss auch auf die ähnlich über den Menschen und die Welt nachdenkenden, meist allerdings die kürzere und gedrängtere Form des Aphorismus bevorzugenden franz. „Moralisten“ des 17./18. Jh. Er gilt heute neben Rabelais als der bedeutendste franz. Autor des 16. Jh.

(Stand: Jan. 07)

Guillaume de Salluste du Bartas (1544–1590). Er wurde bekannt, ja berühmt als Autor von La Semaine, ou création du monde (1578), einer epischen Dichtung in sieben Gesängen in paarweise reimenden Alexandrinern über die Schöpfung der Welt. Das Epos ist der Versuch eines frommen Protestanten, die Vorstellungen der neueren Philosophie und die Erkenntnisse der sich langsam herausbildenden Naturwissenschaften mit der Schöpfungsgeschichte der Bibel in Einklang zu bringen. Heute ist Du Bartas' Werk wegen der völlig obsolet gewordenen Thematik vergessen, es war aber zu seiner Zeit enorm erfolgreich, wurde allein bis 1632 in 42 Auflagen nachgedruckt, ins Lateinische, Italienische, Spanische, Englische, Niederländische und Schwedische übertragen und von vielen Autoren, z.B. noch Milton, Goethe und Byron, bewundert.

Robert Garnier (* 1544; † 20.9.1590)

Obwohl heute kaum mehr bekannt, ist er der bedeutendste franz. Dramatiker des 16. Jh. und ein wichtiger Vorläufer der großen Klassiker des 17. Jh., vor allem Pierre Corneilles (s.u.). Seine rhetorisch anspruchsvollen und moralisch-erzieherisch intendierten Tragödien gelten zugleich als Höhepunkt des Humanistentheaters in Frankreich.

Der aus La Ferté-Bernard (Dép. Sarthe) gebürtige Garnier studierte Jura in Toulouse, wo er sich auch literarisch zu betätigen begann. Er schrieb zunächst Lyrik im Stil der Pléiade-Schule; sein Sammelband Plaintes amoureuses de Garnier von 1565 scheint jedoch verloren. 1564 und 1566 erhielt er Jahrespreise der Toulouser Académie des Jeux floraux für zwei längere Gedichte, in denen er die 1562 ausgebrochenen Bürgerkriege zwischen Katholiken und Protestanten beklagt und die Rückkehr von Frieden und Ordnung herbeiwünscht. 1565 wurde er anlässlich eines Besuchs des Königs in Toulouse als Texter von Grußinschriften und Autor dreier Begrüßungssonette verpflichtet.

1567 wurde er zum Staatsanwalt am Parlement von Paris ernannt, was er mit der königstreuen Hymne de la monarchie quittierte. 1569 wurde er hochrangiger Richter in Le Mans (wo er später auch verstarb) und 1586 schließlich Mitglied des Staatsrats unter König Henri III. Er war damit ein typischer Vertreter der neu entstehenden Schicht des Amtsadels („noblesse de robe“) zwischen Bürgertum und Adel, aus der in den nächsten 200 Jahren noch viele Autoren hervorgingen.

Zwischen 1569 und 1583 brachte Garnier sieben in Alexandrinern verfasste Tragödien und eine Tragikomödie zur Aufführung: Porcie, 1568; Hippolyte, 1573; Cornélie, 1574; Marc-Antoine, 1578; La Troade, 1579; Antigone, 1580; Les Juives, 1583; Bradamante, 1582. Wie ihre Titel zeigen, bearbeitete Garnier in den Tragödien Stoffe, die er aus der römischen und biblischen Geschichte sowie der griechischen Mythologie und z.T. von seinem großen Vorbild, dem lateinischen Tragöden Seneca (um Chr. Geburt), bezog, wobei er sie im Hinblick auf die wirren Zeitverhältnisse aktualisierte. Mit Bradamante (nach Ariostos Versepos Orlando furioso) etablierte er die Gattung Tragikomödie in Frankreich. Bei seinem Rückgriff auf antike Stoffe und antike Autoren folgte er, wie vorher schon sein älterer Kollege Étienne Jodelle (s.o.), einer aus Italien gekommenen Mode.

Am erfolgreichsten war Garnier mit seiner letzten Tragödie: Les Juives (Die Jüdinnen). Sie handelt von der grausamen, wegen der Unnachgiebigkeit der Chefs beider Seiten unausweichlichen Eroberung Jerusalems durch Nebukadnezar und verweist auf ähnliche Ereignisse während der Religionskriege (deren Ende 1598 der Autor nicht mehr erlebte).

Seine Gattin (seit 1573) Françoise Hubert genoss übrigens zu ihrer Zeit ebenfalls ein gewisses Ansehen als Dichterin.

(Stand: Jan. 07)

17. Jh. (Barock und Klassik)

François de Malherbe (* 1555 in Caen; † 16.10.1628 in Paris)

Heute allenfalls als Name bekannt, gilt er in der franz. Literaturgeschichtsschreibung traditionell als eine Art Markstein zwischen Barock und Klassik.

Malherbe wuchs auf in einer protestantischen Richterfamilie in Caen, wo er früh in humanistischen Zirkeln verkehrte und Gedichte verfasste. Auch er selbst studierte Jura, zunächst in Caen, dann in Basel und in Heidelberg, kalvinistischen Hochburgen der Zeit. 1577 konvertierte er zum Katholizismus und wurde Sekretär des königlichen Statthalters (gouverneur) der Provence, des literaturbeflissenen Bastards von König Henri II, Henri d'Angoulême, der auch Grand Prieur, d.h. Oberhaupt des Malteserordens in Frankreich war. 1581 heiratete Malherbe in Aix die Tochter eines der Vorsitzenden Richter am obersten Gerichtshof (Parlement) der Provence.

Seine ersten Werke (kürzere und längere lyrische Texte) sind geprägt von italienischen Vorbildern und von den Dichtungen der Pléiade-Schule, d.h. der franz. Lyrikergeneration vor ihm. Als 1586 in einer der heißen Phasen der Religionskriege sein Protektor Henri d'Angoulême ermordet wurde, kehrte Malherbe zurück nach Caen und wurde dort städtischer Richter. Ab 1595 lebte und schrieb er jedoch wieder in Aix. Sein Name wurde allmählich bekannt in der Literaturszene der Zeit. Dennoch scheiterte er lange Zeit mit seinen Versuchen, erneut einen hochstehenden Mäzen zu finden oder gar am Hof Fuß zu fassen (z.B. 1600 mittels einer Begrüßungsode an die zweite Gemahlin von König Henri IV, Marie de Médicis).

1605 endlich wurde er Henri IV vorgestellt, dann allerdings sogar zum écuyer (Schildknappen) du Roi und zum Königlichen Kammerherrn (gentilhomme de la Chambre) ernannt und somit geadelt. In den nächsten 20 Jahren war Malherbe anerkannter Hofdichter, denn auch nach König Henris Ermordung 1610 blieb er in der Gunst der Königin und gewann später die des allmächtigen Kardinals de Richelieu.

In seiner Hofdichterrolle verfasste er zahllose Gelegenheitsgedichte (poésies de circonstance) zu den unterschiedlichsten Anlässen, z.B. Prière pour le Roi allant en Limousin (1605, sein Einstiegsgedicht in Paris), Sonnets pour Alcandre (Rollenlyrik im Namen von Henri IV an eine von dessen Geliebten), Ode au Roi Louis XIII allant châtier la rébellion des Rochelois (1628). Zugleich beherrschte er als Kritiker mit seinem Urteil die Pariser Literaturszene und umgab sich mit jüngeren Literaten als Schülern. In dem Maße, wie seine Kreativität abnahm, wurde sein Stil nüchterner, klarer, ausgefeilter, formvollendeter; und während die meisten seiner dichtenden Zeitgenossen der typisch barocken Tendenz zum Gekünstelten und damit oft zum Hermetismus, d.h. dem gewollten Schwierigsein, folgten, war Malherbe der Meinung, dass Dichtung verständlich sein soll. Ebenso verurteilte er das angeblich der Inspiration folgende Drauflosschreiben und vertrat das Prinzip des geduldigen Arbeitens und Feilens am Text.

Mit den strengen formalen und sprachlogischen Maßstäben, die er so setzte, wurde er einer der einflussreichsten Wegbereiter der franz. Klassik. Bekannt geworden ist der Halbvers „Enfin Malherbe vint!“, mit dem der spätere Klassiker Nicolas Boileau (s.u.) ihm Tribut zollte. Für die Romantiker des frühen 19. Jh. allerdings, die sich von den literarischen Normen der Klassik zu befreien versuchten, war Malherbe der Prototyp des inspirationslosen Verseschmieds – ein Klischee, das noch heute oft sein Bild in der Literaturgeschichte bestimmt.

(Stand: Jan. 07)

Honoré d'Urfé (*10.2.1567 Marseille; †1.6.1625 Villefranche-sur-Mer nahe Nizza).

Sein Name ist verbunden vor allem mit L'Astrée, einem so umfang- wie erfolg- und einflussreichen Schäfer-Roman.

D'Urfé kam als fünfter von sechs Söhnen einer altadeligen Familie im Marseiller Haus seines Onkels zur Welt, des Comte de Savoie-Tende, Gouverneur der Provence. Seine Kindheit verbrachte er überwiegend auf Schloss La Bastie im Forez am Oberlauf der Loire, das sein Großvater, der Erzieher der Söhne von König Henri II gewesen war, verschönert und mit einer gutbestückten Bibliothek ausgestattet hatte. Er wurde früh für den Malteserorden bestimmt und besuchte bis 1584 das Jesuiten-Kolleg in Tournon an der Rhône, wo er eine umfassende humanistische Bildung erwarb. Mit 17 schrieb er ein erstes Schäfergedicht, La Sireine. Mit Anfang 20 hatte er die Idee zu einem Schäferroman (roman pastoral) nach italienischen und spanischen Vorbildern, d.h. vor allem Sannazaros Arcadia, Tassos Aminta, Guarinis Il pastor fido, Montemayors Diana und Cervantes' Galatea.

Doch wurde zunächst nichts daraus, denn 1590 unterbrach d'Urfé sein Leben als lesender und schreibender (und offenbar nicht eben mönchisch-keuscher) junger Edelmann und schloss sich der Armee der Katholischen Liga an, die 1589 den zunächst noch protestantischen neuen König Henri IV nicht anerkannte und im Bündnis mit dem König von Spanien und dem Herzog von Savoyen-Piemont gegen ihn einen Bürgerkrieg führte. Zweimal geriet er hierbei in Gefangenschaft, kam aber durch die Intervention von Verwandten jeweils wieder frei. 1595, nach der Niederlage der Liga und seiner zweiten Freilassung, ging er ins Exil nach Virieu in Savoyen, mit dessen Herzog er über seine Mutter verwandt war.

In Virieu und am savoyischen Hof in Turin schriftstellerte er wieder: Er verfasste die Versepisteln Épîtres morales (begonnen schon während der zweiten Gefangenschaft, gedruckt in zwei Bänden 1598 und 1603) und begann seinen seit langem projektierten Schäferroman, L'Astrée.

1600 heiratete er seine Jugendliebe, die Frau eines älteren Bruders, nachdem ihre Ehe vom Papst für nichtig erklärt und er selbst von seinem Ordensgelübde entbunden worden war. Allerdings trennten sich die neuen Gatten ziemlich bald, wenn auch gütlich. L'Astrée, die von der Liebe des Schäfers Céladon zu der Schäferin Astrée erzählt, verarbeitet in vielerlei Hinsicht d'Urfés zunächst unerlaubte, schwierige Liebe zu seiner Schwägerin.

1603 machte er, so wie viele andere zuvor oppositionelle Adelige, seinen Frieden mit Henri IV und weilte hiernach häufig in Paris. Dort versah er am Hof das Amt eines gentilhomme ordinaire (eine Art Edeldomestik des Königs), verkehrte vor allem aber aber mit Literaten, u.a. Malherbe (s.o.), und frequentierte die tonangebenden Salons, z.B. den der Marquise de Rambouillet. Allerdings hielt er sich auch oft in Turin oder seinen Besitzungen auf.

Zugleich führte er L’Astrée fort: 1607 wurde der erste Band gedruckt, 1610 und 1619 erschienen Bd. II und III. 1624 folgte Teil I von Bd. IV, 1627 (schon postum) der Rest des Bandes, dem d'Urfés langjähriger Sekretär Baro 1627 einen fünften Band hinzufügte, der wohl grosso modo der originalen Konzeption d’Urfés entsprach.

Dieser nämlich hatte inzwischen trotz seines vorgerückten Alters im Dienst des Herzogs von Savoyen an dessen Krieg um das Veltlin teilgenommen und war bei einem Sturz mit seinem Pferd ums Leben gekommen.

Wie der Name der Titelfigur des Romans, Astrée, andeutet, spielt die Handlung nicht, wie in den o.g. ital. und span. Vorbildern, in einem räumlich und zeitlich fernen, legendären Arkadien, sondern in Frankreich, genauer in d'Urfés Heimatgegend, dem Forez. Immerhin wird sie zurückverlegt in das 5. Jh. n. Chr., d.h. die Zeit der Völkerwanderung, von deren Wirren, das Forez aber ausgenommen scheint, ebenso wie es noch frei ist von der Herrschaft einer zentralistischen und tendenziell absolutistischen Monarchie, wie sie dem Aristokraten d’Urfé insgeheim zuwider war. Die mehr als 5000 (!) Seiten des Werkes umfassen eine Haupthandlung, in die nach dem Schubladenprinzip mehrere Nebenhandlungen, zahlreiche Binnenerzählungen sowie lange Diskussionen der Figuren über alle Aspekte der Liebe eingebettet sind. Haupthandlung ist die Geschichte der Liebe des anfangs 14-jährigen Céladon zu der 12-jährigen Astrée, die ihn wegen seiner vermeintlichen Untreue verstößt und erst nach langen, langen Prüfungen wieder aufnimmt. (In Bd. III z.B. lebt Céladon als angebliche Druidentochter unerkannt mit Astrée in engster Freundschaft zusammen, was ihn öfters in Bedrängnis bringt.)

Die Astrée ist von der Technik her eine Summe der Romankunst der Zeit. Vor allem aber hatte sie wegen der psychologischen Einfühlsamkeit der Personen-Darstellung, der salongemäß kultivierten Reden dieser Personen und des schönen Dekors, in dem die Handlung spielt, einen enormen und langandauernden Erfolg in adeligen, aber auch in bürgerlichen Kreisen. Sie diente als Vorlage für andere Schäferromane, Schäfergedichte, Schäferspiele, Schäferopern und -ballette, sowie für viele Gemälde, Stiche, Wandteppiche usw. Der männliche Protagonist Céladon wurde zum Prototyp des schmachtenden, schüchternen Liebhabers; sein Name ist ins franz. Lexikon eingegangen in der Wendung „être un Céladon“.

Die Astrée wurde früh auch ins Deutsche übersetzt.

(Stand: Juli 05)

Alexandre Hardy (* um 1570 in Paris; † 1632)

Zwar ist er auch in Frankreich kaum mehr bekannt, doch war er einer der fruchtbarsten Dramatiker der franz. Literaturgeschichte überhaupt mit seinen offenbar mehr als 600 Stücken. Sein Einfluss auf die Dramatiker neben und unmittelbar nach ihm sowie auf den Publikumsgeschmack der Zeit war groß.

Die meisten seiner Tragödien, Tragikomödien und Pastoralen schrieb er ab 1593 für die Truppe um den Schauspieler Valleran Lecomte, die im Saal des Pariser Hôtel de Bourgogne auftrat, aber auch in der Provinz umherzog. Sein Publikum waren demnach nicht nur die gebildeten Kreise in Adel und Bürgertum, sondern auch ungebildete Zuschauer z. B. auf Jahrmärkten.

Da Hardy lange exklusiv für eine bestimmte Truppe arbeitete, ließ er seine Stücke während dieser Zeit ungedruckt. Nach dem Druck nämlich wären sie frei gewesen und hätten auch von konkurrierendenTruppen  aufgeführt werden dürfen.

Seine Stoffe bezog Hardy relativ wahllos aus der klassisch-antiken und spätantiken, aber auch der jüngeren franz., italienischen und spanischen Literatur. Hierbei arbeitete er häufig ältere und neuere Stücke anderer Autoren nach seinen Vorstellungen und denen seiner Schauspieler einfach nur um. Er dramatisierte aber auch erzählende Werke und überführte z. B. den berühmten Liebes- und Abenteuer-Roman Theagenes und Chariklea von Heliodor (3./4. Jh.), der in Frankreich seit 1548 in der Übersetzung Jacques Amyots (s.o.) verbreitet war, in eine Serie von acht Folgen. Naturgemäß wirken Komposition und Stil seiner meist sehr rasch verfassten Stücke oft flüchtig, doch war er ein routinierter Praktiker, der sein Publikum durch aktionsreiche Handlungen, spannende, mitunter brutale Szenen und lebendig wirkende Figuren zu fesseln verstand.

Als Hardy nach Lecomtes Tod nicht mehr für nur eine Truppe arbeitete (auch wenn er überwiegend das Pariser Théâtre du Marais belieferte), ließ er eine Auswahl von 34 Stücken drucken (Paris., 6 Bde., 1624-28; Neudruck in 5 Bdn. Marburg 1883-84). Nur sie sind erhalten geblieben.

Die Autoren der Generation nach ihm, z. B. Jean Chapelain (s.u.) oder Jean Mairet (s.u.), die um 1635 die Regeln und Vorstellungen des klassischen französischen Theaters entwickelten, taten dies nicht zuletzt in direkter Reaktion auf Hardy, dem sie Regellosigkeit, Mangel an Geschmack und Rohheit vorwarfen. Schon vorher hatte es seinem Image geschadet, dass der Pariser Literatur-Guru François de Malherbe (s.o.) seinen Stil für unlesbar erklärte.

(Stand: März 08)

Claude Favre de Vaugelas (*6.1.1585 in Meximieux/Bresse ; † 26.2.1650 in Paris).

Sein Name ist jedem Historiker der franz. Sprache bekannt.

Vaugelas (wie er i.d.R. schlicht genannt wird) war Sohn eines klein- bzw. neuadeligen Richters in der bis 1601 zu Savoyen gehörenden Provinz Bresse nahe dem schweizerischen Genf. 1624 erbte er den Titel eines „baron de Pérouges“.

Er erhielt eine solide klassische Bildung, überwiegend durch seinen Vater, und trat jung in die Dienste des Duc de Nemours, eines Cousins des Herzogs von Savoyen. In seinem Gefolge reiste er viel und erwarb gute Kenntnisse des Italienischen und Spanischen. Er ließ sich schließlich in Paris nieder, wo er sich mit wechselnden Aktivitäten über Wasser hielt, z.B. indem er einen franz. Hochadeligen als Dolmetscher nach Spanien begleitete oder sich als Hauslehrer in einer anderen hochadeligen Familie verdingte. Auch ließ er sich die niederen Weihen erteilen, um vielleicht einträgliche Kirchenpfründen bekommen und möglichst kumulieren zu können. Immerhin gelang es ihm, Zugang zu einigen mondänen Salons der Hauptstadt zu erhalten, wo man ihn geschätzt zu haben scheint, und Kontakte mit anerkannten Autoren zu pflegen, u.a. Malherbe (s.o).

Er selbst war als Literat nur ein mäßig erfolgreicher Übersetzer aus dem Lateinischen und Spanischen. Doch erarbeitete er sich hierbei einen Ruf als Grammatiker und Sprachgelehrter. 1634 gehörte er, als Mitglied des Kreises um Valentin Conrart (s.u.), zu den Gründungsmitgliedern der Académie Française (s.u.). Er war danach von Anbeginn an aktiv an dem wichtigsten Projekt der Académie beteiligt, dem Wörterbuch der franz. Sprache, dessen Konzept er entwarf, wobei er selber für die Buchstaben A bis I zuständig war.

Unzufrieden über die Langsamkeit, mit der dieses und die anderen Académie-Projekte vorankamen, insbes. die Grammatik (die erst 1932 erschien und sofort als veraltet galt), brachte er seine eigenen Überlegungen zu Papier als Remarques sur la langue française, utiles à ceux qui veulent bien parler et écrire, die er 1647 publizierte. Das Buch, ein Ratgeber für das „richtige“ Sprechen und Schreiben, wurde rasch mehrfach aufgelegt und zur allseits bekannten Autorität (die Molière in seinen Femmes savantes ironisiert). Mit den Remarques wurde Vaugelas zum Ahnherrn der in Frankreich (anders als im deutschen Sprachraum) sehr zahlreichen, noch heute höchst aktiven Wächter und Hüter der franz. Sprache.

Als Norm für den „guten Gebrauch“ (le bon usage) des Franz. setzte er den mündlichen Sprachgebrauch des überwiegend in Paris lebenden Hochadels und den schriftlichen Sprachgebrauch der bons auteurs, d.h. der anerkannten, in Paris arbeitenden und in Pariser Salons verkehrenden Autoren. Er bestärkte damit den wachsenden, auf Paris ausgerichteten politischen Zentralismus auch auf sprachlichem Gebiet und initiierte eine Entwicklung, die bis heute alle Personen benachteiligt, die nicht das pariserisch geprägte français standard beherrschen.

(Stand: Dez. 08)

La marquise de Rambouillet (* 1588 in Rom; † 2.12.1665 in Paris)

Sie war zwar keine Autorin, ist aber als Schirmherrin eines der wichtigsten „Salons“  in die Geistes- und insbesonders die Literaturgeschichte eingegangen.

Geboren als Tochter des französischen Marquis Jean de Vivonne und der aus altem römischen Adel stammenden Giulia Savelli, war sie sehr jung mit dem reichen Marquis de Rambouillet verheiratet worden. Sie war hochgebildet und beherrschte mehere Sprachen. Da sie gesundheitlich anfällig war und die regelmäßige Anwesenheit am Pariser Königshof scheute, schuf sie sich ab ca. 1620 eine Art kleinen eigenen Hof in ihrem nahe dem Louvre gelegenen Stadtpalast, dem Hôtel de Rambouillet, das mehr oder weniger nach ihren Plänen erbaut worden war. Hier führte sie bis gegen 1660 ein offenes Haus, in dem sich geistig interessierte Hochadelige, darunter Le Grand Condé oder Richelieu, mit kleinadeligen sowie auch bürgerlichen Intellektuellen trafen. Zugleich, um keine reine Männergesellschaft entstehen zu lassen, sorgte sie für die Anwesenheit adeliger Damen sowie auch adeliger junger Mädchen, darunter, neben ihrer Tochter Julie, Marie de Rabutin-Chantal, die spätere Mme de Sévigné (s.u.) oder Marie-Madeleine Pioche de la Vergne, die spätere Mme de La Fayette (s.u.).

Der sich durchaus als elitär und exklusiv empfindende Kreis um die Marquise sowie den einfallsreichen Animateur Vincent Voiture (s.u.) übte sich vor allem in der Kunst der geistreichen Konversation sowie der galanten Gelegenheitsdichtung. Hierbei entwickelte man das im Prinzip egalitäre, d. h. nicht ständisch gebundene Ideal des honnête homme (ein Begriff, der vielleicht in Analogie zu „gentilhomme - Edelmann“ kreiert wurde und mit „Ehrenmann“ sehr unzutreffend übersetzt ist).

Die bewusst kunst- und anspruchsvollen Ausdrucksweisen des Kreises fanden starken Widerhall in der Literatur der Epoche, wirkten aber auch in die Pariser Gesellschaft hinein, wo sie bald teils nachgeahmt, teils aber auch als „preziös“ (eigentlich „kostbar“) belächelt wurden.

Nach dem Tod Voitures (1648) und mit Beginn der Wirren der Fronde (1648-52) war die Glanzzeit des Hôtel de Rambouillet vorbei. Als 1661 Molière (s.u.) mit Les Précieuses ridicules die Preziosität in Gestalt zweier überkandidelter Bügerstöchter karikierte, war sie schon eine Art abgesunkenes Kulturgut geworden.

(Stand: Nov. 09)

Théophile de Viau (*1590 in Clairac ; † 25.9.1626 in Chantilly).

Er war zu seinen Lebzeiten ein sehr erfolgreicher Autor, der zur Zeit der Klassik aber in Vergessenheit geriet und erst von den Romantikern als einer der besten Lyriker des 17. Jh. wiederentdeckt wurde.

Viau (in Literaturgeschichten häufig liebevoll schlicht „Théophile“ genannnt) war jüngerer Sohn aus einer protestantischen adeligen Familie und besuchte kalvinistische Schulen in Montauban und in Leiden/Holland.

Nachdem er 1615, in einer der immer wieder noch aufflammenden kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Protestanten und Katholiken, zunächst auf protestantischer Seite gegen die Armee des jungen Königs Louis XIII gekämpft hatte, machte er seinen Frieden mit diesem, um in Paris Zugang zum Hof und zur guten Gesellschaft zu erhalten und leichter Mäzene zu finden. 1619 bekam er jedoch Schwierigkeiten mit der Justiz, weil Jesuiten ihn als unchristlichen libertin (Freidenker), aber auch als sittenlosen, womöglich homosexuellen Lebemann denunzierten. Er zog es deshalb vor, vorübergehend aus Paris zu verschwinden. 1620 kämpfte er in der königlichen Armee gegen Truppen der Protestanten. 1622 konvertierte er offiziell zum Katholizismus, so wie viele französische Protestanten, die es leid waren, Bürger zweiter Klasse zu sein. De facto war und blieb Viau jedoch libertin und Epikuräer (Anhänger des die Lust und den Genuss bejahenden griechischen Philosophen Epikur), wobei vielleicht seine mutmaßliche Homosexualität eine Rolle spielte, die ihn letztlich sowohl bei Katholiken wie bei Protestanten Außenseiter sein ließ und ihm die Prekarität und Flüchtigkeit der menschlichen Existenz besonders bewusst machte.

Als Lyriker, der er hauptsächlich war, orientierte sich Viau formal an Malherbe (s.o.), akzeptierte aber nicht dessen Nüchternheit und quasi kunsthandwerkliche Feilerei, sondern ließ der Phantasie und der Spontaneität der Gefühle und Gedanken freieren Lauf. Ein Sammelband seiner thematisch vielfältigen und oft sehr persönlich wirkenden Dichtungen erschien erstmals 1621 als Œuvres poétiques, traf ganz offenbar den Zeitgeschmack und erlebte mehrere jeweils erweiterte Auflagen, deren letzte postum noch rd. 90 (!) Male nachgedruckt wurde.

Auch als Dramatiker war Viau erfolgreich mit Les amours de Pyrame et de Thisbé (1621), einem Stück, das die unglückliche Liebe der Nachbarskinder Pyramus und Thisbe darstellt, die von beiden Familien und dazu dem König als Nebenbuhler behindert wird und im irrtümlichen doppelten Selbstmord endet. Das Stück wurde zwischen 1623 und 1698 73 Male nachgedruckt und diente vielen späteren Autoren als Vorbild.

1623 floh Viau einmal mehr aus Paris, als ihm ein anonymes erotisches Gedicht mit homosexueller Pointe zugeschrieben wurde. In Abwesenheit zum Scheiterhaufen verurteilt, wurde er bald danach verhaftet und 1625, nach einem nochmaligen, zweijährigen, demütigenden Prozess, zu einer Verbannung aus Paris „begnadigt“. Offensichtlich wollte man ein Exempel an ihm statuieren, um die anderen libertins zu disziplinieren, mochte dann aber nicht bis zum Äußersten gehen, weil der Prozess ein großes öffentliches Für und Wider erregte und hochstehende Personen sich für ihn einsetzten. Viau wurde hiernach von Freunden in der Provinz aufgenommen, starb jedoch mit 36 an den gesundheitlichen Folgen der Haft, kurz nachdem ihm die Rückkehr nach Paris erlaubt worden war.

(Stand: Juli 09)

Jean Chapelain (* 4.12.1595 in Paris; † 22.2.1674 ebd.)

Er stammte aus einer kleinbürgerlichen Juristenfamilie, konnte aber gute Kenntnisse der klassischen Sprachen und des Italienischen und Spanischen erwerben. Seinen Unterhalt verdiente er zunächst als Hauslehrer. Dieser als Autor eher nur mittelmäßige Literat ist gleichwohl sehr bedeutsam geworden durch seine Lettre sur la règle des vingt-quatre heures (1630). Es ist ein poetologischer Traktat über die aristotelische Lehre von den drei Einheiten des Dramas, wonach die Handlung eines Stücks zielstrebig und einlinig sein soll (Einheit der Handlung), möglichst nur an einem Ort spielen darf (Einheit des Ortes) und innerhalb von 24 Stunden abgeschlossen sein muss (Einheit der Zeit). Chapelain orientierte sich hierbei an italienischen Dramatikern und Theoretikern, vor allem Giulio Cesare Scaligero. Er reagierte damit gegen das seines Erachtens regellose Theater des fruchtbarsten Dramatikers der ersten Jahrzehnte des 17. Jh., Alexandre Hardy (ca. 1570–1632, angeblich über 600 Stücke!, s.o.).

Nach dem Erfolg seines Traktats und dank dem Umstand, dass er 1634 zu den Gründungsmitgliedern der Académie Française (s.u.) gehörte, war Chapelain fast 40 Jahre lang einer der Platzhirsche des Pariser Literaturbetriebs. Mehr nebenher betätigte er sich als Gelegenheitsdichter im Dienste hochstehender Personen, als Chefkritiker der Académie (die laut Gründungsauftrag über den guten Geschmack in Sprache und Literatur wachen sollte) sowie als Epiker. Sein episches Hauptwerk, La Pucelle d'Orléans (1656), war bei seinem Erscheinen allerdings nur deshalb kurz erfolgreich, weil er die potenziellen Leser lange hinzuhalten verstanden hatte.

Ab 1661 führte Chapelain im Auftrag des neuen allmächtigen Ministers Colbert eine königliche Pensions-Liste, auf die solche Autoren gesetzt wurden, die dem Minister und seinem jungen König Louis XIV genehm waren und damit als einer jährlichen Gratifikation würdig erschienen.

(Stand: Dez. 08)

Vincent Voiture (* 1597 in Amiens; † 26.5.1648 in Paris)

Voiture verkörperte perfekt den im deutschen Sprachraum der Zeit kaum bekannten Typ des Fürstendieners, Lebemannes, Gesellschaftsmenschen und Literaten in einer Person. Er war zugleich Produkt und Akteur der Pariser Salonkultur vor und um 1650, die ihn formte und die er maßgeblich mitgeformt hat. Viele Autoren neben und nach ihm hat er beeinflusst.

Er wuchs auf als Sohn eines vermögenden Weinhändlers, der sein Geschäft von Amiens nach Paris verlegt hatte und hier den Hof belieferte. Er genoss eine gute Bildung und kam über einen adeligen Schulfreund früh mit hochgestellten Personen in Berührung, insbes. dem jüngeren Bruder von König Louis XIII, Gaston d'Orléans, bei dem er sich als Sechzehnjähriger mit einem geistreichen Gedicht einführte. Früh auch pflegte er einen quasi adeligen Lebensstil mit Mätresse, Spiel und Duellen.

Um seinem gesellschaftlichen Ehrgeiz eine solidere Basis zu geben, kaufte er 1626 das Amt eines Königlichen Rates (conseiller du Roi), das seinen Inhaber nach Ablauf einer bestimmten Frist in den Adelstand erhob. Im selben Jahr erhielt er Zugang zum „preziösen“ schöngeistigen Salon der Marquise de Rambouillet, dessen hohe Zeit die gut zwanzig Jahre wurden, während derer er dort mit seiner Konversation, seinen unterhaltsamen Einfällen sowie seinen Versen und Briefen tonangebend war.

Ebenfalls 1626 wurde er von Gaston d’Orléans als „gentilhomme ordinaire“ in sein Personal aufgenommen und bald mit der protokollarischen Aufgabe betraut, ihm die Botschafter ausländischer Fürsten zu präsentieren. Denn Gaston war aufgrund der bis 1638 währenden Kinderlosigkeit von Louis XIII lange Zeit hindurch erster Thronanwärter nach diesem und wurde als solcher nicht nur häufig in Adelskomplotte gegen den allmächtigen Minister Kardinal de Richelieu hineingezogen, sondern auch von auswärtigen Fürsten umworben, die mit oder gegen Frankreich am Dreißigjährigen Krieg (1618-48) beteiligt waren.

Als 1628 Gaston ein erstes Mal vom König mit Verbannung bestraft wurde, folgte Voiture ihm ins Exil nach Lothringen, das noch zum Deutschen Reich gehörte; 1631 folgte er ihm ins damals spanische (d.h. feindliche) Brüssel. 1633 reiste er für ihn, denn offenbar besaß er Spanischkenntnisse, in diplomatischer Mission nach Madrid, wobei er einen Abstecher ins nordafrikanische Ceuta machte und über Lissabon und England zurückkehrte. Die Briefe und Versepisteln, die er jeweils aus der Ferne an Freunde vom Hôtel de Rambouillet schickte, waren dort stets ein Ereignis und wahrten ihm in Abwesenheit seinen Platz als zentrale Figur.

Über das Hôtel de Rambouillet und die dort verkehrenden Autoren hatte Voiture naturgemäß Anschluss an Pariser Literatenzirkel gefunden. Insbes. gehörte er zu dem um Valentin Conrart (s.u.) vereinten Kreis und zählte so, als dieser 1634 von Richelieu zum Gründungskern der Académie Française erhoben wurde, zu deren ersten Mitgliedern.

Spätestens hierdurch trat er, trotz seiner Nähe zu Gaston d’Orléans, in ein näheres Verhältnis auch zu Richelieu, dem er sich 1636 durch ein Gedicht über die Rückeroberung der pikardischen Stadt Corbie empfahl, die zuvor von spanischen Truppen eingenommen worden war.

1638 reiste Voiture, der auch über Italienischkenntnisse verfügte, in diplomatischer Mission, nunmehr des Königs, zum Großherzog von Toscana. Bei einem Abstecher nach Rom kümmerte er sich dort um einen Prozess der aus Italien stammenden Marquise de Rambouillet, traf Literaten und wurde in eine „Akademie der Humoristen“ aufgenommen.

Zurück in Paris erreichte er den Höhepunkt seiner Höflingskarriere, als er 1639 von Louis XIII zum Königlichen Hofmeister (maître d’hôtel du Roi) ernannt wurde, eine Beinahe-Sinekure mit erfreulichem Gehalt, das vermehrt wurde durch eine jährliche Zahlung (pension) von 1000 Talern (écus), die ihm die Königin aus ihrer Schatulle gewährte. Als ihn 1642 sein alter Schulfreund, der in der Steuererhebung tätig war, zu einer Art Bürochef mit 4000 Talern Einkommen machte, war er mehr als nur wohlhabend.

Nach dem Tod von Richelieu (1642) und Louis XIII (1643) schaffte es Voiture, die Gunst auch des neuen mächtigen Mannes, des Kardinals Mazarin, zu erlangen.

Nach wie vor verkehrte er im Hôtel de Rambouillet. So war er dort 1645 Protagonist eines literarischen Duells in Sonetten, zu dem ihn ein gewisser Claude de Malleville herausforderte und das lange Diskussionen auslöste. Und noch nach seinem Tod, sorgte er für Gesprächsstoff, als 1650 der vor allem als Dramatiker aktive Isaac de Benserade ein Sonett von ihm mit einem themengleichen Gedicht zu übertreffen versuchte.

Da er als Autor letztlich nur dilettierte, beschränkte Voiture sich hierbei auf kürzere Versgattungen, d.h. Sonette, Balladen, Rondeaus, Episteln u.ä., sowie Briefe. Das Markenzeichen dieser Texte sind Gefälligkeit, Esprit und Leichtigkeit bei formaler Perfektion. So sind seine Verse in Metrik und Sprache sowie in ihrer Metaphorik und Gedanklichkeit durchaus kunstvoll, wirken aber selten angestrengt oder gar gekünstelt. Gemäß dem in der Salonliteratur geltenden Ideal eines „mittleren“ Stils, vermeiden sie Pathos und Emphase ebenso wie Gelehrsamkeit, Derbheit oder Schlüpfrigkeit. Ihr Gegenstand ist zum einen meist das Thema Frauenschönheit und Liebe, das, sichtlich in Anlehnung an Clément Marot (s.o.), spielerisch-galant behandelt wird, sowie zum anderen Fürstenlob in verschiedenster Form, das aber unaufdringlich-launig zu sein versucht. Die Briefe sind, ohne ihren Charakter als ausgefeilte Kunstwerke zu leugnen, nicht für ein anonymes Publikum oder gar die Nachwelt verfasst, sondern stets an konkrete Empfänger gerichtet. Mit ihrer Orientierung an der kultivierten gesprochenen Sprache der Salons, ihrem Humor und ihren diskreten privaten Anspielungen sollten sie spontan und vor allem persönlich wirken, obwohl sie sichtlich dazu bestimmt waren, auch von Dritten, vor allem gemeinsamen Bekannten, gelesen und goutiert zu werden.

Da ihm der Beifall seines engeren Hörer- und Leserkreises genügte, bemühte Voiture sich nicht um die Verbreitung seiner Texte per Druck. So wurde er einem größeren Publikum erst postum bekannt dank einer einbändigen Sammelausgabe seiner Gedichte und Briefe, die kurz nach seinem Tod ein Neffe besorgte. Sie wurde bis 1745 häufig neu aufgelegt und hat viele spätere Autoren beeinflusst, z.B. Jean de La Fontaine, Nicolas Boileau oder Mme de Sévigné.

(Stand: Jan. 09)

Charles Sorel (*1599 in Paris; † 7.3.1674 ebd.).

Er ist im deutschen Sprachraum kaum bekannt geworden, gilt in der franz. Literaturgeschichte aber durchaus als bedeutsamer Autor.

Sorel stammte aus einer Pariser Juristenfamilie und erhielt eine passable Bildung. 1623 betrat er als ganz junger Mann höchst erfolgreich die literarische Bühne mit La vraie histoire comique de Francion, dem ersten französischen Picaro-Roman nach spanischen Vorbildern (wie z.B. dem Lazarillo de Tormes von 1554). Es ist die Geschichte eines jungen Provinzadeligen, der zunächst ein Liebesabenteuer mit einer verheirateten Frau hat, dann aber eine ideale Geliebte wiederzufinden versucht, die nach Italien entschwunden ist und die er schließlich auch bekommt. Eingefügt in diese in der dritten Person erzählte Haupthandlung, die zunächst bei und in Paris, dann in und bei Rom spielt, sind längere Einschübe, in denen verschiedene Erzähler und Erzählerinnen, darunter der Titelheld Francion selbst, in der Ich-Form rückblickend aus ihrem mehr oder weniger bewegten Leben berichten. Hierbei gibt Sorel in einer für die Zeit sehr realistischen Weise Einblick in die Lebensverhältnisse fast aller Schichten der damaligen franz. Gesellschaft, die im Rahmen spannender Handlungssequenzen nicht ohne Witz und Satire dargestellt werden. Der Francion wurde das ganze 17. Jh. hindurch ständig nachgedruckt und vielfach imitiert.

1627/28 publizierte Sorel einen weiteren, aber nur mäßig erfolgreichen Roman, Le Berger extravagant. Es ist die quasi mit pädagogischen Intentionen erzählte Geschichte eines jungen Pariser Bourgeois, der nach allzu ausgiebiger Lektüre von Schäferromanen als Hirte mit dem romanesken Namen Lysis zu leben versucht, dank dem Spott seiner Freunde schließlich aber von seiner Torheit geheilt wird. In diesem teilweise reichlich lehrhaften "Anti-Roman" (so der Titel der überarbeiteten Version von 1633/34) persiflierte Sorel die von Honoré d'Urfé (s.o.) mit seinem Schäferroman L'Astrée ausgelöste Mode der Schäfergedichte, Schäferstücke, Schäferromane und schäferlichen Gesellschaftsspiele aller Art.

1635 kaufte Sorel von einem Onkel das Amt eines Historiographe de France, das zwar nur mäßig dotiert war, aber eine Beinahe-Sinekure darstellte, die es einem Literaten erlaubte, einigermaßen unabhängig von Mäzenen und von der Gunst des Publikums zu schriftstellern. Dies tat er denn auch mit Fleiß noch viele Jahre, wobei er neben zwei weiteren Romanen vorwiegend ernsthaftere "livres d'histoire, de morale et politique" verfasste (z.B. eine Histoire de Louis XIII, 1646). Er konnte jedoch nicht mehr anknüpfen an den großen Erfolg des Francion und den immerhin passablen des Berger, die die Entwicklung der franz. Literatur beeinflusst haben und ihrem Autor bis heute eine gewisse Bekanntheit sichern.

Von Interesse ist Sorel übrigens auch als Historiker der Literatur seiner Zeit mit den Büchern La Bibliothèque française (1664) und De la connaissance des bons livres (1671), wobei er der erste in Frankreich war, der so etwas versuchte.

(Stand: Febr. 08)

René Descartes (* 31.3.1596 in La Haye/Touraine; † 11.2.1650 in Stockholm)

Er gilt den Franzosen als einer ihrer wichtigsten Denker und hat, so das verbreitete Klischee, den franz. Nationalcharakter im Sinne von Logik, Ordnung und Rationalität geprägt: des nach ihm benannten esprit cartésien.

Er wurde geboren als viertes Kind einer kleinadeligen Familie der Touraine; sein Vater war Gerichtsrat (conseiller) am Parlement von Rennes, dem Obersten Gerichtshof der Bretagne. Da seine Mutter gut ein Jahr nach seiner Geburt starb und der Vater sich rasch wieder verheiratete, verlebte Descartes seine Kindheit bei einer Amme und einer Großmutter. Mit 8 kam er als Internatsschüler auf das Jesuitenkolleg von La Flèche, das er 1614 mit einer soliden klassischen, aber auch mathematischen Bildung verließ sowie mit überwiegend positiven Erinnerungen an seine Lehrer und Mitschüler, von denen einer, der spätere Pariser Privatgelehrte und Naturforscher Marin Mersenne (1588-1648) eine enge Bezugsperson blieb.

Bis 1616 studierte Descartes Jura in Poitiers und legte ein juristisches Examen ab, so als wolle er in die Fußstapfen seines Vaters treten. Anschließend absolvierte er jedoch an einer Pariser „Académie“ für junge Adelige einen Lehrgang in Fechten, Reiten, Tanzen und gutem Benehmen und verdingte sich (ebenfalls noch 1616) bei dem berühmten Feldherrn Moritz von Nassau im holländischen Breda, so als wolle er die andere Option eines jungen Adeligen ausüben, nämlich eine Offizierskarriere. In Breda lernte er den 6 Jahre älteren Arzt und Naturforscher Isaac Beeckmann kennen, der ihn für die Physik begeisterte und dem er, dankbar für diese Initiation, sein erstes naturwissenschaftliches Werk widmete, das mathematisch-physikalisch orientierte Musicae compendium (1618).

1619, nach Reisen durch Dänemark und Deutschland, verdingte sich Descartes nochmals als Soldat, nunmehr bei Herzog Maximilian von Bayern, unter dem er auf kaiserlich-katholischer Seite an der Eroberung Prags teilnahm, d.h. den ersten Kämpfen des Dreißigjährigen Krieges (1618-48).

Im November 1619, kurz nachdem er in Prag die Arbeitsstätte der Astronomen Tycho Brahe (1546-1601) und Johannes Kepler (1571-1630) besichtigt hatte, bekam er in einer Art Vision die Idee, dass es „eine universale Methode zur Erforschung der Wahrheit“ geben müsse und dass er berufen sei, sie zu finden, wobei er keine Erkenntnis akzeptieren dürfe außer der, die er in sich selbst oder dem „großen Buch der Welt“ endeckt und auf ihre Plausibilität und Logik hin überprüft habe.

1620 hängte er also den Soldatenrock an den Nagel, machte die Pilgerfahrt, die er der Jungfrau Maria zum Dank für die Vision gelobt hatte, und ging einige Jahre lang auf jeweils vielmonatige Reisen durch Deutschland, Holland, die Schweiz und Italien. Sein Anliegen war, Einblicke jeglicher Art zu gewinnen und mit den verschiedensten Leuten, vor allem Gelehrten, Gespräche zu führen.

1625, nachdem er sein Erbe liquidiert und so angelegt hatte, dass es ihm ein bescheiden auskömmliches Leben erlaubte, ließ er sich nieder in Paris. Hier verkehrte er mit Intellektuellen und in der guten Gesellschaft (bestand auch siegreich ein Duell), las, schrieb (z.B. den kleinen Traktat Regulae ad directionem ingenii =Regeln zur Leitung des Intellekts, 1628) und machte sich einen Namen als scharfsinniger Kopf. Insbesondere beeindruckte er auf einer Abendgesellschaft den Kardinal Pierre de Bérulle so sehr, dass dieser ihn zu einer Privataudienz einlud und ihn danach aufforderte, seine Theorien ausführlicher darzustellen und damit die Philosophie zu reformieren.

Descartes zog deshalb 1629 aus Paris nach Holland, wohin ihn vielleicht die noch bestehende (aber bald in die Brüche gehende) Freundschaft mit Beeckmann zog sowie zweifellos das anregende und tolerantere geistige Klima, das in diesem multireligiösen und wirtschaftlich potenten Land mit großer Schul- und Hochschuldichte sowie vielen Buchdruckern herrschte. Hier verbrachte er, zwar im Austausch mit Intellektuellen unterschiedlichster Herkunft und Ausrichtung, aber dennoch relativ zurückgezogen, die nächsten 18 Jahre, wobei er seltsam unstet die Städte und Wohnungen wechselte (mit einer Dienstmagd aber auch ein Kind, ein Mädchen, zeugte, deren Tod ihn erschütterte, als sie fünfjährig starb). Vor allem jedoch schrieb er fleißig, darunter zahlreiche Briefe, die er über seinen Pariser Freund Mersenne, der allein seine jeweilige Adresse wusste, mit Gelehrten aus ganz Europa sowie auch einigen geistig interessierten hochstehenden Damen wechselte.

Die ersten Monate in Holland arbeitete Descartes an einem Traktat zur Metaphysik, in welchem er einen klaren und definitiven Gottesbeweis zu führen hoffte. Er legte ihn jedoch beiseite, um an einem großangelegten naturwissenschaftlichen Werk zu arbeiten, das er in der sich langsam profilierenden Wissenschaftssprache Französisch verfasste und nicht mehr, wie seine bisherigen Texte, in dem bis dahin dominierenden Latein. Diesen Traité du Monde (=Abhandlung über die Welt), wie er heißen sollte, ließ er jedoch unvollendet, als er vom Schicksal Galileo Galileis erfuhr, der soeben (1633) von der Inquisition zum Widerruf seiner Erkenntnisse gezwungen worden war, die das heliozentrische Weltbild von Kopernikus und Kepler bestätigten.

1637 publizierte er im holländischen Leiden den Discours sur la méthode pour bien conduire sa raison et chercher la vérité dans les sciences, plus la Dioptrique, les Météores et la Géométrie qui sont des essais de cette méthode (=Rede/Vortrag über die Methode, seine Vernunft gut zu führen und die Wahrheit in den Wissenschaften zu suchen, dazu die Lichtbrechung, die Meteore und die Geometrie als Versuchsanwendungen dieser Methode). Der als populärwissenschaftliches Werk auf hohem Niveau angelegte Discours sur la méthode (den auch Damen lesen können sollten) wurde Descartes' langfristig wirksamstes Buch, das nach Meinung vieler Franzosen ihr Denken im Sinne einer auf Logik und Systematik bedachten analytischen Intellektualität geformt hat. Fixpunkte des Discours sind eine Erkenntnistheorie, die nur das als richtig akzeptiert, was durch die eigene schrittweise Analyse und logische Reflexion als plausibel verifiziert ist; eine Ethik, gemäß der das Individuum sich im Sinne bewährter gesellschaftlicher Konventionen pflichtbewusst und moralisch zu verhalten hat; eine Metaphysik, die zwar (durch logischen Beweis) die Existenz eines vollkommenen Schöpfer-Gottes annimmt, aber kirchenartigen Institutionen wenig Raum lässt; eine Physik, die die Natur als durch allgemein gültige Gesetze geregelt betrachtet (göttliche und sonstige Wunder also ausschließt) und dem Menschen ihre rationale Erklärung und damit ihre Beherrschung zur Aufgabe macht.

Langfristig weniger wirksam, aber in Fachkreisen zunächst offenbar anstößiger waren die nächsten Werke von Descartes: die 1641 gedruckten Méditations sur la philosophie première, dans laquelle sont démontrées l'existence de Dieu et l'immortalité de l'âme (so der Titel einer franz. Übersetzung von 1647) und die Principia philosophiae (=Grundlagen der Philosophie, 1644). Die letzteren veranlassten Utrechter und Leidener Theologen zu einer derart agressiven Polemik, dass Descartes 1645 an einen Umzug nach England dachte und in den Folgejahren mehrmals fluchtartig aus Holland nach Frankreich verreiste.

Sicher ließ ihn diese Situation nachdenken über die Beweggründe menschlichen Verhaltens, und sie ist vielleicht nicht unbeteiligt an dem Traktat Les passions de l'âme (=die Leidenschaften der Seele, 1649), den er für seine eifrigste, kritischste und kompetenteste Briefpartnerin, Elisabeth von Böhmen, verfasste. Hierin interpretiert er nicht nur die direkten Reflexe, z.B. die Angst, sondern auch die spontanen Gefühlsregungen, z.B. Liebe oder Hass, als nur zu natürliche Ausflüsse der kreatürlichen Körperlichkeit des Menschen, verpflichtet jedoch diesen, als ein zugleich mit einer Seele begabtes Wesen, zu ihrer Kontrolle durch den Willen und zu ihrer Überwindung durch vernunftgelenkte Regungen wie z.B. selbstlosen Verzicht oder großmütige Vergebung. Mit diesem Ethos der Pflicht und der Selbstüberwindung hat Descartes die Literatur der franz. Klassik des 17. Jahrhunderts, insbes. den Dramatiker Pierre Corneille (s.u.), stark beeinflusst.

Um 1645 hatte er einen BriefwechseI begonnen mit der hochgebildeten jungen Königin Christina von Schweden (1626-89), die durch den franz. Botschafter auf ihn aufmerksam gemacht worden war. Im Spätsommer 1649 folgte er ihrem Wunsch, er möge sie persönlich in seine Philosophie einführen, und reiste nach Stockholm. Hier wohnte er bei dem Botschafter, musste aber wochenlang auf die zunächst abwesende Königin warten, ehe es Ende Januar zu einigen wenigen Audienzen kam (übrigens jeweils morgens um fünf). Anfang Februar 1650 erkrankte Descartes und starb zehn Tage später. Hatte man bisher der Annahme den Vorzug gegeben, er sei an einer Lungenentzündung gestorben, so konnte kürzlich Theodor Ebert (Der rätselhafte Tod des René Descartes, 2009) durch akribische Recherchen die schon unter Zeitgenossen kursierende Vermutung bestätigen, dass er vergiftet wurde. Der Täter war dann vermutlich ein franz. Augustinermönch, der ebenfalls im Haus des Botschafters wohnte, viel mit Descartes diskutiert hatte und offenbar verhindern wollte, dass dieser die Königin durch seine rationalistischen Lehren von dem Gedanken abbringen könnte, katholisch zu werden (was sie wohl schon damals überlegte und wenig später, 1654, tat).

Die berühmte Maxime „cogito, ergo sum“ (=ich denke, also bin ich existent), die der Erkenntnistheorie Descartes’ zugrunde liegt, ist gebildeten Europäern bis heute geläufig. Als seine dauerhafteste Leistung sollte sich allerdings sein Beitrag zur Mathematik erweisen: die Entwicklung der analytischen Geometrie.

(Stand: Nov. 09)

Tristan L’Hermite (eigentlich François L’Hermite, seigneur du Solier; * 1601 auf Schloss Solier/Marche; † 11.9.1655 in Paris)

Dieser als Lyriker und Dramatiker von den Zeitgenossen sehr geschätzte Autor stammte aus einer alten, aber verarmten Adelsfamilie. Schon als 5-Jähriger wurde er Page bei einem legitimierten Bastard von König Henri IV, wobei er, teils als Spielgefährten, viele hochadelige Personen kennenlernte. Mit 13 verletzte er in einem Duell einen königlichen Gardisten tödlich und musste fliehen. Nach einem unsteten Wanderleben vor allem in England und Schottland kam er 1619 nach Frankreich zurück, trat in die Dienste eines höherrangigen Adeligen und wurde vom jungen König Louis XIII begnadigt. 1621 avancierte er sogar zum gentilhomme ordinaire (einer Art Edeldomestik) bei Gaston d'Orléans, dem jüngeren Bruder des Königs, dem er bis 1634 diente und mehrfach bei dessen Verbannungen vom Hof ins Exil folgte.

Nachdem er sich schon seit etwa 1624 unter dem Pseudonym „Tristan“ literarisch betätigt hatte, versuchte er ab 1634 als Autor zu leben, d.h. von den Zuwendungen verschiedener Mäzene, aber auch von der Vermarktung seiner Werke, insbes. seiner Theaterstücke – was nicht ausschloss, dass er von Zeit zu Zeit wieder hochstehenden Personen zu Diensten war, z.B. Gaston oder dem duc de Guise.

1633 war das Gedichtbändchen Les Plaintes d'Acante sein Durchbruch, 1638 gab er seine Lyrik gesammelt heraus als Les amours de Tristan. 1636 verfasste er das erste und erfolgreichste seiner rd. 10 Stücke, die Tragödie La Marianne, die den Herodes-Mariamne-Stoff aus der jüdischen Geschichte behandelt. 1642 stellte er Le Page disgrâcié fertig, einen autobiografischen Roman im Stil der Picaro-Romane, der den jungen Tristan als Spielball eines launischen Schicksals darstellt und als einer der ersten franz. autobiografischen Romane von Bedeutung gilt.

1648 wurde er in die Académie Française (s.u.) aufgenommen. Bald nach seinem Tod jedoch geriet er in den Schatten der Generation der Klassiker, die nach ihm die literarische Bühne betrat und so gut wie alle Autoren davor als zweitrangig erscheinen ließ.

(Stand: Juli 05)

Georges de Scudéry (* 22. 8. 1601 in Le Havre; † 14. 5. 1667 in Paris)

Er ist heute praktisch nur noch bekannt als Bruder der Autorin Madeleine de Scudéry (s.u.), die einen Großteil ihres Romanschaffens unter seinem Namen veröffentlichte, in der Literaturgeschichte aber ungleich größere Geltung genießt.

Scudéry stammte aus einer ursprünglich südfranzösischen adeligen Familie. Sein Vater war jedoch Marineoffizier geworden und befehlig