Gert
Pinkernell
Prof. em. an der Uni Wuppertal
Namen, Titel und
Daten der französischen Literatur
Ein
chronologisches Repertorium wichtiger Autoren und Werke
Teil
I: 842 bis ca. 1800
(Gewünschte Autoren/Werke
bitte über die Suchfunktion im Menü „Bearbeiten“ ansteuern!)
Vorbemerkung
Die erste Version des Repertoriums
entstand um 1985 als Begleitskript zu einer Überblicksvorlesung. Es war eine
chronologisch geordnete Liste von Namen, Titeln und Daten und erfasste, wie die
Vorlesung, nur solche Autoren und/oder Werke, die für die Entwicklung der
französischen Literatur als bedeutsam gelten und potenziell Gegenstand des
Literaturunterrichts französischer Gymnasiasten bzw. deutscher
Französischstudenten sind.
Im Lauf der Jahre hat sich aus der
Liste eine Sammlung von kürzeren und längeren Artikeln entwickelt. 1998 habe
ich das Ganze ins Internet gestellt und nach und nach um Autoren der zweiten
Reihe vermehrt. Vor allem wurden und werden die Artikel ständig erweitert,
verbessert und korrigiert. Fast wöchentlich lade ich Änderungen hoch, weshalb
ich bitte, jeweils die neueste Version aufzurufen, sie nicht abzuspeichern und
höchstens auszugsweise zu drucken.
Ab 2004 habe ich die meisten Artikel
nach und nach ins Wikipedia übertragen, allerdings werden sie dort
häufig nicht nur von mir selbst verbessert, sondern, gemäß dem Wiki-System,
auch von Dritten verändert. Die berechtigten und nützlichen dieser Änderungen
baue ich, wenn ich sie bemerke, wiederum in mein Repertorium ein; langatmige
Erweiterungen übernehme ich nicht, zumal sie meistens erst von Un- und
Halbrichtigkeiten befreit werden müssten.
Grundlage meiner Artikel sind jeweils
mehrere, überwiegend französischsprachige Quellen, deren Fehler, die sie naturgemäß
alle enthalten, ich durch Vergleich und Nachprüfung zu reduzieren versuche. Insbesondere halte
ich mich an die Nachschlagewerke Dictionnaire
des littératures de langue française und Dictionnaire des œuvres littéraires de langue française von Jean-Pierre
de Beaumarchais, Daniel Couty und Alain Rey (jeweils 4 Bde., Paris: Bordas,
1992 bzw. 1994). Auch
den Vorlesungen zur Geschichte der französischen Literatur von Erich
Köhler (8 Bde., Stuttgart 1983 ff.) verdanke ich viel. Sie sind zwar im
biografischen Detail nicht immer verlässlich, bei der Darstellung der Werke
aber vorzüglich. Auf weiterführende
Literaturangaben verzichte ich, weil man sie sich leicht z.B. über Wikipedia
und vor allem den Online-Katalog der Bonner Uni-Bibliothek beschaffen kann, die
die Französistik als Sondersammelgebiet pflegt. Immerhin mochte ich mich nicht
enthalten, eigene einschlägige Studien jeweils anzuführen oder sogar an Artikel
anzuhängen. Auch gebe ich des öfteren persönliche Deutungshinweise (die ich
meistens nicht ins Wikipedia übertrage), wenn mir Werke aus meiner Lehre
und/oder Forschung besonders vertraut sind.
Ein literarisches Werk ist für die
Leute vom Fach vor allem ein Element innerhalb eines Beziehungsgeflechts von
Werken vor, neben und nach ihm, nämlich Werken, die seinem Autor bekannt waren
und ihm als Vor- oder Gegenbild dienten, und Werken, auf die es seinerseits
gewirkt hat, weil deren Autoren es lasen. Für Nichtfachleute, was ja auch
Studenten noch sind, ist diese intertextuelle Sicht mangels breiteren literarhistorischen
Wissens nur theoretisch nachvollziehbar. Für sie ist ein Werk vor allem ein
Einzelphänomen, nämlich die punktuelle Reaktion des Autors auf eine bestimmte,
oft problematische Situation in seinem Leben und seinem konkreten historischen
Umfeld. Entsprechend finden sie Zugang zum Werk am ehesten über die Biografie
des Autors, die meistens ja auch historisches und literarhistorisches Wissen
vermittelt. Eben diese laiengemäße, biografistische Sicht soll das
Markenzeichen meines Repertoriums sein, zumindest ab dem späten Mittelalter, wo
die biografischen Informationen reichlicher sind. Die einzelnen Artikel könnten
also Autor XY: Leben und Schaffen überschrieben sein, weil sie bemüht
sind, Biografie und Werke im Verbund zu sehen. Hierbei kommt ein wenig auch der
intertextuelle Aspekt zu seinem Recht, indem ich Autoren und/oder Werke häufig,
wenn auch eher pauschal, in ihr engeres literarisches Umfeld und den Gang der
allgemeinen Entwicklung einzuordnen versuche.
P.S. 1: Überflüssig zu sagen, dass mit
„Autor“ auch Autorinnen gemeint sind. Ich habe es mit „AutorIn“ versucht, fand
dies aber wegen der vielen dann nötigen „der/die“, „sein/ihrer“ usw. zu
schwerfällig.
P.S.: 2: Da ich annehme, dass die
meisten Benutzer meines Repertoriums zumindest rudimentäre
Französischkenntnisse haben, nenne ich französische Institutionen und
historische Figuren mit ihren französischen Namen und führe ich Werktitel im
Original an. Wenn es hierzu gängige deutsche Versionen gibt, füge ich sie
häufig in Schrägdruck hinzu, z.B. La Chanson de Roland / Rolandslied;
eigene, möglichst wortgetreue Übersetzungen von Titeln setze ich in Klammern,
z.B. Le Livre du trésor (=das Buch vom Schatz). Gängige
deutsche Versionen von Werktiteln findet man übrigens oft in den betreffenden
Wiki-Artikeln (die Originaltitel dagegen nicht unbedingt).
P.S. 3: Für Anregungen und Hinweise bin
ich dankbar. Anfragen per Mail (pinkerne@uni-wuppertal.de) beantworte ich im Rahmen meiner
Möglichkeiten gern.
Mittelalter
Les Serments de Strasbourg /
Straßburger Eide
(842)
Sie sind zwar keine Literatur, doch beginnen
Literaturgeschichten häufig mit ihnen, weil der franz. Wortlaut dieser auf Altfranzösisch
und Althochdeutsch abgelegten Eide der älteste erhaltene Text in franz. Sprache
ist. (Althochdeutsche Texte sind noch einige ältere erhalten). Die Eide sind
überliefert als Zitate in der lateinisch verfassten Chronik Historiarum
libri IV des Nithard (9. Jh.), die ihrerseits in einer Abschrift aus dem
10. Jh. vorliegt.
Sie wurden geschworen von dem
ostfränkischen König Ludwig dem Deutschen und dem westfränkischen König Karl
dem Kahlen sowie ihren Unterführern, und zwar beim Abschluss eines Bündnisses
dieser beiden Halbbrüder gegen ihren ältesten Bruder, Kaiser Lothar. Dieser
nämlich gab sich nach dem Tod ihres Vaters, Kaiser Ludwigs des Frommen († 840),
und der von ihm verfügten Dreiteilung des Frankenreichs nicht mit dem
Mittelteil zufrieden, der ihm zugefallen war. Vielmehr beanspruchte er, da er
als Ältester auch die Kaiserwürde geerbt hatte, die Oberhoheit über das gesamte
Reich (also grosso modo das Gebiet des jetzigen Frankreichs, der
Benelux-Staaten, der alten Bundesrepublik plus Thüringen, der Schweiz,
Westösterreichs sowie Nord- und Mittelitaliens).
Bei ihrem Treffen in Straßburg schworen
zunächst die offenbar zweisprachigen beiden Könige, und zwar Ludwig der
Deutsche, damit er zugleich auch von Karls Unterführern verstanden wurde, in
"romana lingua", dann Karl analog in "teudisca lingua".
Hiernach legten jeweils die sichtlich nicht zweisprachigen Unterführer den Eid
ab, nämlich die von Karl in ihrer französischen und die von Ludwig in ihrer
deutschen Sprache. Die beiden franz. Textpassagen lauten:
[Ludwig:] Pro deo amur et pro christian
poblo et nostro commun salvament, d'ist di in avant, in quant deus savir et
podir me dunat, si salvarei eo cist meon fradre Karlo et in aiudha et in
cadhuna cosa, si cum om per dreit son fradra salvar dift, in o quid il mi
altresi fazet, et ab Ludher nul plaid nunqua prindrai, qui meon vol cist meon
fradre Karlo in damno sit.
[Karls Unterführer:] Si Lodhuvigs
sagrament, que son fradre Karlo jurat, conservat, et Karlus meus sendra de sue
part lo franit, si returnar non l'int pois, ne io ne neuls, cui eo returnar int
pois, in nulla adhiuda contra Lodhuvig nun li iv er.
(In eigener, möglichst wortgetreuer
Übersetzung): Für Gottes Liebe und für des christlichen Volkes und unsere gemeinsame
Rettung, von diesem Tag vorwärts (=in Zukunft), in soweit Gott Wissen und
Können mir gibt, so werde beistehen ich diesem meinen Bruder Karl sowohl in
Hilfeleistung als auch in jeder Angelegenheit, so wie man zu Recht seinem
Bruder beistehen soll, auf das dass er mir genauso tue; und mit Lothar kein
Abkommen werde ich niemals treffen, das meines Willens diesem meinen Bruder
Karl zum Schaden sei.
Falls Ludwig den Eid, den er seinem
Bruder Karl schwört, wahrt und Karl mein Herr seinerseits ihn bricht, wenn
abhalten nicht ihn davon ich kann, [dann] weder ich noch irgend jemand, den ich
davon abhalten kann, in irgendeiner Hilfeleistung gegen Ludwig nicht ihm dort
werde sein.
Wie man sieht, hatte (der im Auftrag
Karls des Kahlen arbeitende) Nithard bzw. der Schreiber des altfranz. Textes
große Schwierigkeiten, die Sätze, die er gehört hatte, zu verschriftlichen,
denn er hatte, wie damals üblich, Lesen und Schreiben nur anhand lateinischer
Texte gelernt. So etwas wie eine eigene franz. Schriftsprache gab es noch
nicht, denn bis weit über das Jahr 1000 hinaus wurde alles, was für
aufschreibenswert gehalten wurde, von lateinkundigen Spezialisten, meist
theologisch gebildeten „Klerikern“, in Latein aufgeschrieben. (Dieses Latein,
das sog. Kirchen- oder Mittellatein, glich allerdings längst nicht mehr
demjenigen, das um die Zeitenwende herum im alten Rom gesprochen worden war und
dessen literarisches Register wir als klassisches Latein aus den Werken eines
Cäsar, Cicero, Ovid, Horaz oder Vergil kennen).
P.S.: Das damalige Frankenreich war in
sprachlicher Hinsicht sehr heterogen. Im Westteil wurden franz. und
okzitanische Dialekte gesprochen und im Ostteil nieder- und oberdeutsche
Dialekte; das Mittelreich "Lotharingia" (wovon sich die Bezeichnungen
dt. Lothringen und frz. Lorraine ableiten) umfasste zusätzlich auch noch
alpenromanisch- und italienischsprachige Gebiete.
(Stand: Juli 06)
La Cantilène de Sainte Eulalie /
Eulaliasequenz
(ca. 885)
Es ist das älteste bekannte
literarische Werk in franz. Sprache. In Form einer „Sequenz“ (wie sie bei
Gottesdiensten per Sing-Sang vorgetragen wurden) berichtet es von der Hl.
Eulalia, einer jungen spanischen Adeligen, die am 10. Dez. 304 in Mérida den
Märtyrertod erlitten haben soll. Der wahrscheinlich in Nordostfrankreich (vielleicht
im Benediktinerkloster Saint-Amand-les-Eaux) entstandene Text besteht aus 29
Versen unterschiedlicher Länge (8 bis 12 Silben), die paarweise assonieren,
d.h. nur mit den Vokalen und nicht auch mit den Konsonanten der Reimsilben
reimen. Er ist verfasst in Anlehnung an eine inhaltsgleiche lateinische Sequenz
und folgt auch auf diese in der Sammelhandschrift, die sie beide überliefert.
Die betreffende Handschrift, die u.a. auch einen althochdeutschen Text enthält,
wurde übrigens 1837 von Hoffmann von Fallersleben wiederentdeckt und erstmals
abgedruckt.
Die Eulaliasequenz
lässt, wie alle sehr frühen erhaltenen franz. Texte, deutlich die
Schwierigkeiten erkennen, die die sonst nur lateinisch schreibenden Autoren
oder Kopisten bei der Verschriftlichung volkssprachlicher Wörter und Sätze
hatten. Der Anfang lautet (mit eigener, möglichst wortgetreuer Übersetzung):
Buona pulcella fu Eulalia, // Gute
Jungfrau war Eulalia,
bel auret corps, bellezour anima.// schön hatte sie [den] Körper, schöner
[die] Seele.
Voldrent la veintre li deo inimi,// [Es] wollten sie besiegen die Gottes
Feinde,
voldrent la faire diaule servir.// wollten sie machen dem Teufel dienen.
Elle non eskoltet les mals conseillers,// Sie nicht hört die bösen Ratgeber,
qu'elle deo raneiet chi maent sus en ciel, //
dass sie Gott verleugnet, der weilt oben im Himmel,
Ne por or, ned argent, ne paramenz, //
nicht für Gold, noch Silber, noch Schmuck,
por manatce regiel, ne preiement.// [noch] durch Drohung königliche, noch
Bitte.
Niule cose non la pouret omque pleier,// Keine Sache konnte sie nicht jemals
beugen
[...]
Tuit oram que por nos degnet preier// Alle beten wir, dass für uns [sie] geruht
zu bitten,
qued avuisset de nos Christus mercit// dass habe für uns Christus Gnade
post la mort e a lui nos laist venir// nach dem Tod und zu ihm uns lasse kommen
par souue clementia.// durch seine Milde.
Die Eulaliasequenz
ist eines der Zeugnisse dafür, dass spätestens ab 800 im franz. Sprachraum die
Laien auch das eher schlichte Kirchenlatein nicht mehr verstanden. (Schon 813
hatte das Konzil von Tours aus diesem Grund beschlossen, dass die Predigten
nicht mehr in Latein, sondern in „lingua romanica“ zu halten seien.) Sie ist
zugleich ein Zeugnis dafür, dass das geistige und potenzielle literarische
Leben nach wie vor von den Bedürfnissen der Kirche bestimmt wurden, die
ihrerseits die einzige Institution war, die die materiellen und
organisatorischen Möglichkeiten hatte, um intellektuell und künstlerisch
besonders begabte Individuen von den Zwängen der Alltagsarbeit freizustellen,
zu fördern und zu unterhalten.
(Stand: Juli 06)
Vie de saint Léger / Leodegarlied (gegen 1000)
Es ist der älteste erzählende Text, der
in franz. Sprache erhalten ist. Es handelt sich um eine Vita (Kurzbiografie)
des Abtes von Saint-Maixent, dann Bischofs von Autun und königlichen Beraters
Leodegar, der 678 bei einer der im damaligen Frankenreich häufigen
Thronfolgewirren von einem politischen Rivalen, Graf Ebroin, gefangen genommen,
gefoltert und schließlich ermordet worden war und nach seinem Tod, aus
sicherlich ebenfalls politischen Gründen, zum Märtyrer verklärt wurde.
Das Leodegarlied
(so die traditionelle Bezeichnung in der dt. Romanistik) ist offenbar in
Nordostfrankreich entstanden und besteht aus 240 paarweise teils assonierenden,
teils auch schon korrekt reimenden achtsilbigen Versen, den ältesten Versen
dieses Typs, die in der franz. Literatur überliefert sind. Es ist ein Beispiel
der damals florierenden Gattung Heiligenlegende, die aber meist, zumindest wenn
die Texte aufgeschrieben wurden, das Kirchenlatein als Sprache benutzte. Der
Anfang lautet (mit eigener, möglichst wortgetreuer Übersetzung):
Domine deu devemps lauder// Herrn Gott sollen wir loben
et a sos sancz honor porter.// und seinen Heiligen Ehre darbringen.
In su amor cantomps dels sanz// In seiner Liebe singen wir von den Heiligen,
quae por lui augrent granz aanz; // die
für ihn hatten große Qualen;
et or est temps et si est biens// und nun ist Zeit und so ist es gut,
quæ nos cantumps de sant Lethgier.// dass wir singen vom heiligen Leodegar.
Primos didrai vos dels honors// Zuerst werde ich euch sagen von den Ehren,
Quæ il awret ab duos seniors.// die
er hatte bei zwei [hohen] Herren.
Apres ditrai vos dels aanz// Danach werde ich euch sagen von den Qualen,
que li suos corps susting si granz,// die der seinige Körper [=er] aushielt so
große,
et Ewruins, cil deumentiz,// und [von] Ewruin, diesem Gottleugner,
que lui a grant torment occist.// der ihn mit großer Tortur umbrachte.
[...]
Vie de saint
Alexis / Alexiuslied (ca. 1050)
Diese Nachdichtung einer lateinisch
verfassten Heiligenlegende gilt als der erste erhaltene franz. Text, der über
seine religiösen Intentionen hinaus deutlichen
künstlerischen Ehrgeiz zeigt. In Form und Stil ist das Alexiuslied (wie das Werk in der dt. Romanistik traditionell heißt) beeinflusst
von der Gattung Heldenepos (chanson de geste, s.u.), die zu seiner
Entstehungszeit schon florierte. Es war offenbar zum Vortrag per Sing-Sang
bestimmt und besteht aus 125 Strophen von je 5 assonierenden zehnsilbigen
Versen mit Zäsur nach der 4. Silbe, den ersten Strophen und Versen dieses Typs,
die aus der franz. Literatur bekannt sind.
Erzählt wird die Geschichte einer
vermutlich realen Person vom Anfang des 5. Jh.: Alexius ist zu Beginn der
„Handlung“ der lang ersehnte, spät geborene einzige Sohn römischer Adeliger,
der sich vom Vater in eine schöne Karriere einführen und standesgemäß verloben
lassen hat, aber seiner Braut am Vorabend der Hochzeit erklärt, dass er nicht
heiraten, sondern Gott dienen wolle. Er verlässt sie und die Eltern ohne
Abschied und wird über Zwischenstationen nach Edessa geführt (in der heutigen
südlichen Türkei, nahe der Grenze zu Syrien). Dort lebt er 17 Jahre lang als
frommer Asket von Almosen und gibt sich z.B. Bediensteten seiner Familie, die
auf der Suche nach ihm sind, nicht zu erkennen. Als man ihn in Edessa als
Heiligen zu verehren beginnt und eine himmlische Stimme seine Heiligkeit
bestätigt, entzieht er sich der Verehrung und geht erneut auf Wanderschaft, bis
er von einem Sturm zurück nach Rom geführt wird. Dort bittet er auf der Straße
unerkannt seinen Vater, ihm aus Liebe zu seinem verschollenen Sohn einen Platz
unter der Treppe in seinem Haus zu gewähren. Hier verbringt er nochmals 17
Jahre in Armut, ernährt sich von Küchenresten und lässt sich demütig vom
Hauspersonal schikanieren. Sterbend verfasst er ein Schriftstück, dank dem er
vom Papst im Beisein seiner Eltern, seiner Braut und des Kaisers als der Sohn
des Hauses und als heilige Person erkannt wird. Danach wird er mit großem Pomp
und starker Anteilnahme der Bevölkerung bestattet, was zeigt, das ihm ein Platz
im Himmel sicher ist.
Die Alexius-Legende, die zu einer
bedingungslosen „imitatio Christi“ (Nachahmung Christus’) aufruft, kam
ursprünglich aus Syrien, war von dort nach Konstantinopel gelangt und aus dem Griechischen ins Lateinische
übertragen worden. Diese Version wurde in Mittelalter und früher Neuzeit
zur Grundlage für Nachdichtungen in
verschiedenen europäischen Sprachen, von denen die franz. die älteste ist.
Diese ist in fünf z.T. unvollständigen Abschriften aus dem 12. und 13. Jh.
erhalten und entstand vermutlich im Nordosten des franz. Sprachgebietes. Sie
ist jedoch überliefert in einer Sprache, die anglonormannisch gefärbt ist, d.h.
Elemente desjenigen franz. Dialekts enthält, den die normannischen Eroberer
1066 aus der Normandie nach England mitgenommen hatten und als herrschende
Schicht mehrere Generationen lang dort sprachen (bis er vom Angelsächsischen
aufgesogen wurde und mit ihm zum Englischen verschmolz.
Der Anfang des Alexius-Liedes
lautet (möglichst wörtlich übersetzt von mir selbst):
Bons fut li siecles / al tems
ancienour,// Gut war die Welt zur Zeit der Alten,
quer feit i eret / e justise ed amour;// denn Treue dort war und Gerechtigkeit
und Liebe;
s'i eret creance, / dont ore n'i at nul prout;// ebenso dort war Vertrauen,
wovon es jetzt keinen Nutzen gibt;
toz
est mudez, / perdut ad sa coulour:// alles ist verwandelt, verloren hat es
seine Farbe:
ja mais n'iert tel / cum fut as anceisours.// niemals wird es sein solches, wie
es den Vorfahren war.
Al tems Noe / ed al tems Abraam// Zur
Zeit Noahs und zur Zeit Abrahams
Ed al David, / cui Deus par amat tant,// und zur [Zeit] Davids, den Gott gar
liebte so sehr,
Bons fut li siecles; / ja mais n'iert si vaillanz;// gut war die Welt; niemals
wird [sie] sein so wacker;
Vielz est e frailes, / toz s'en vait declinant,// alt ist sie und gebrechlich,
alles ist am niedergehen,
Si'st empeiriez, / toz biens vait remanant.// und ist verschlimmert, alles Gute
ist am fortbleiben.
Puis icel tems / que deus nos vint
salver,// Nach jener Zeit, als Gott (=Christus) uns kam retten,
Nostre anceisour / ourent crestiantet,// [und] unsere Vorfahren bekamen
Christenglauben,
Si fust uns sire / de Rome la citet.// so war da ein Herr von Rom der Stadt.
Riches hom fut, / de grant nobilitet.//
Reicher Mann war er, von großem Adel.
Pour ço'l vous di: / d'un suon fil
vueil parler.// Für das (=deshalb) es euch sage ich:
von einem seinen Sohn will ich reden.
Der Text zeigt, dass zu seiner
Entstehungszeit sichtlich die Grundlagen einer franz. Schriftsprache und
zweifellos auch einer überregional verständlichen „Koiné“ (Verkehrssprache)
geschaffen waren. Diese Schriftsprache pflegte aber, wie oben angedeutet, dialektal
gefärbt zu sein, d.h. Elemente des Dialekts des jeweiligen Autors oder auch
Kopisten aufzuweisen.
(Stand: Apr. 10)
Chansons de
geste
Die Gattung der Chansons de geste (von
lat. gesta „Heldentaten“) zählt zu den ältesten erzählenden Gattungen der
franz. Literatur. Ihre Entstehung fällt in das 11. oder sogar schon 10. Jh.,
doch ist ihre Blütezeit das 12. Jh.. Die Bezeichnung „chansons“ erklärt sich
daraus, dass sie nicht zur schriftlichen Verbreitung und damit zum Lesen oder
Vorlesen bestimmt waren, sondern zum freien Vortrag in einer Art Sing-Sang.
Vortragende waren i. d. R. professionelle reisende Spielleute, die sich selbst
mit einem (Saiten-)Instrument begleiteten oder sich von einem solchen begleiten
ließen. Die Texte richteten sich (anders als der etwas spätere Höfische Roman,
s.u.) an ein soziologisch nicht spezifiziertes Publikum, d.h. an Hörer aus
allen Bevölkerungsgruppen.
Formal bestehen die Chansons aus
beliebig vielen Strophen, sog. Laissen. Diese stellen meistens jeweils eine
Handlungssequenz oder Episode dar, die manchmal in der nachfolgenden Laisse
leicht abgewandelt nochmals dargestellt wird. Die Zahl der Verszeilen pro
Laisse war nicht festgelegt und schwankt zwischen ca. 5 und ca. 20. Die
einzelnen Verszeilen bestehen meistens aus zehn, seltener aus zwölf und ganz
selten aus acht Silben und sind durch Assonanz miteinander verbunden.
Die franz. Literaturgeschichte kennt
gut 80 im Schriftform erhaltene Chansons, davon etliche in differierenden, z.B.
als erweitert oder gekürzt erscheinenden Versionen. Die meisten sind ohne
Autornamen, d.h. anonym, überliefert und beruhen offenbar auf älteren, lange
Zeit hindurch nur mündlich tradierten Vorlagen oder Vorstufen. Häufig ranken
sie sich ähnlich wie Serienromane um ein und dieselbe Heldenfigur, weshalb
schon Zeitgenossen begannen, sie in Gruppen einzuteillen, z.B. den Königs- bzw.
Karlszyklus um Kaiser Karl den Großen und seinen Sohn Ludwig den Frommen oder
den Wilhelmszyklus um Guillaume und/oder dessen Neffen Vivien, die in 24 der
erhaltenen Epen im Mittelpunkt stehen.
Inhaltlich geht es meistens um
siegreiche Kriegszüge der Frankenkönige bzw. ̶kaiser und/oder ihrer Heerführer, z.B.
Wilhelms, gegen die „Heiden“, d.h. die Araber bzw. „Mauren“, die seit ihrem
Einfall nach Europa im Jahr 711/12 Süd- und Mittelspanien beherrschten, ab ca.
1000 aber vom christlich gebliebenen Nordspanien her zurückgedrängt wurden.
Doch werden auch die um 800 geführten Unterwerfungskriege der Franken gegen die
noch länger heidnisch gebliebenen Sachsen behandelt. Nach 1095 kam die Thematik
der Kreuzzüge hinzu, d.h. der Versuche französisch-englisch-deutscher
Ritterheere, das seit 500 Jahren von Moslems beherrschte Jerusalem zu erobern
und das Heilige Grab unter christliche Herrschaft zu bringen.
Die Gattung der Chansons de geste, in
die auch Elemente der zeitgenössischen Heiligenlegenden eingeflossen sind,
scheint besonders in den Klöstern entlang der Pilgerstraßen durch Frankreich
nach Santiago de Compostela in Nordwest-Spanien gepflegt worden zu sein, als
Mittel zur Unterhaltung und Erbauung der dort jeweils übernachtenden Pilger.
Die Chansons kamen aber auch auf Jahrmärkten oder in Burgen zum Vortrag.
Die spätesten Chansons entstanden im
13. Jh.; die Stoffe und zentralen Figuren der langlebigen Gattung dienten jedoch
noch bis ins 15. Jh. hinein als literarisches Material.
Anm., übernommen aus dem Wiki:
Anfang des 13. Jahrhunderts unterteilte
Bertran de Bar-sur-Aube in seinem Girart de Vienne die chansons de
geste in drei Zyklen:
1. den Königszyklus (cycle de Charlemagne),
zu dem z. B. das Rolandslied/ Chanson de Roland (s.u.) zählt;
2. die Aufrührer- und Empörerepen, wie
z. B. Gormond et Isembart
3. den Zyklus über die Familie von
Garin de Monglane, zu der auch Guillaume d’Orange gehört. Wichtigste Beispiele
aus diesem Zyklus sind die Chanson de Guillaume aus dem 12. Jahrhundert,
Le Charroi de Nîmes und Aliscans.
Die moderne Literaturgeschichte
unterscheidet noch drei weitere Zyklen:
1. den Kreuzzugszyklus (cycle de la
croisade), mit Werken wie Le Chevalier au cygne oder die Chanson
d'Antioche
2. die Lothringergeste (geste des
Loherains), mit z. B. Garin le Loherain
3. die Nanteuilgeste (geste de Nanteuil)
(Stand: Juni 10)
La Chanson de
Roland / Rolandslied (ca. 1100).
Dieses Versepos von 4002 assonierenden
Zehnsilbern in 291 Strophen ist eines der ältesten und das vielleicht beste,
heute jedenfalls das bekannteste Werk der Gattung „Chansons de geste“ (s.o.).
Um 1900 wurde es in Frankreich zu einer Art frühem Nationalepos stilisiert, und
zwar wegen der Liebe, mit der es von „la douce France“ spricht, und wegen der
herausragenden Rolle, die es den „Français de France“ in dem multi-ethnischen
Heer Kaiser Karls des Großen zuweist.
Die historische Basis des Rolandsliedes
(wie es in der deutschen Romanistik heißt) ist offenbar ein Überfall
baskischer Krieger auf die von Markgraf Hruotland geführte Nachhut eines
fränkischen Heeres, das im Jahr 778 auf dem Rückzug aus Spanien den
Pyrenäen-Pass von Roncesvaux überquerte.
Es wurde verfasst oder aufgeschrieben,
vielleicht aber auch nur diktiert und/oder öfter vorgetragen von einem sonst
nicht näher bekannten Turoldus, von dem es im Schlussvers nicht genau deutbar
heißt, er habe das Werk „dekliniert“ (Ci falt [=hier endet] la geste que
Turoldus declinet).
Erzählt wird die folgende Geschichte:
Kaiser Karl der Große hat in sieben
Jahren Krieg fast das ganze heidnische Spanien erobert bis auf Zaragosa, dessen
König Marsilie ihm nun Unterwerfung und Konversion zum Christentum anbietet —
beides aber nur zum Schein, um den Abzug des fränkischen Heeres zu erreichen.
Karl versammelt den Rat der Barone, in dem sein Schwiegersohn Ganelon rät, das
Angebot anzunehmen, während sein Neffe Roland, der zugleich ungeliebter
Stiefsohn Ganelons ist, den Kampf fortsetzen will. Karl, der schon alt und
kriegsmüde ist, schließt sich Ganelon an, worauf Roland mit verletzender Ironie
diesen als Sendboten vorschlägt. Der beleidigte Ganelon sinnt auf Rache. Er
begibt sich zu König Marsilie, dem er Roland als einen Kriegstreiber darstellt,
ohne dessen Beseitigung es keinen Frieden geben werde. Marsilie soll deshalb
mit einer Übermacht die Nachhut des abziehenden fränkischen Heeres überfallen;
Ganelon will dafür sorgen, dass Roland ihr Befehlshaber ist. Alles geschieht
wie geplant. Als Roland mit seinen zwölf befreundeten Recken als Unterführern
den Hinterhalt bemerkt, wird er von seinem besonnenen Freund und Schwager in
spe Olivier gedrängt, mit dem Signalhorn Olifant das fränkische Heer zu Hilfe
zu rufen, doch stolz lehnt er ab. Erst als nach verlustreicher Abwehr der
ersten Angriffswelle die Lage aussichtslos ist, bläst er auf Rat des
streitbaren Bischofs Turpin das Horn. Nach der zweiten Welle (deren heldenhafte
Kämpfe wiederum liebevoll-ausführlich dargestellt werden) ist nur noch Roland
übrig. Nachdem auch er durch einen Hagel von Speeren und Pfeilen tödlich
verletzt ist, fliehen die Heiden, weil sie Karls Heer zu hören glauben. Roland
stirbt auf dem Schlachtfeld in der Pose des Siegers, der Erzengel Gabriel und
zwei weitere Engel geleiten seine Seele ins Paradies. Karl, der in der Tat
herbeigeeilt ist, verfolgt und vernichtet die Heiden, deren Reste mit dem
schwer verwundeten König Marsilie nach Saragosa flüchten. Dort trifft gerade
ein riesiges Heidenheer ein, geführt von „Admiral“ Baligant von „Babylonien“,
den Marsilie schon vor Jahren um Beistand gebeten hatte. Doch auch dieses Heer
vernichtet Karl, nicht ohne dass er selbst, der trotz seines Alters noch rüstig
ist, im Schlachtgetümmel auf Baligant trifft und ihn in langem Zweikampf mit
Hilfe eines Engels besiegt. Nach der Einnahme Saragosas und der Zwangsbekehrung
seiner Einwohner kehrt Karl zurück in seine Residenz Aachen. Hier muss er der
Verlobten Rolands, Aude, die Nachricht seines Todes überbringen, was auch ihren
Tod bewirkt. Er will nun Gericht halten lassen über Ganelon, doch 30 Verwandte
stellen sich schützend vor diesen, darunter Pinabel, der ihn im gerichtlichen
Zweikampf vertreten will. Erst als Thierry, der junge Bruder des Grafen von
Anjou, sich für die gerechte Sache zu kämpfen erbietet und Pinabel mit Gottes
Hilfe besiegt, kann Karl Ganelon samt seiner Familie bestrafen. Noch dieselbe
Nacht erscheint ihm der Erzengel Gabriel und fordert ihn auf, König Vivien zu
helfen, der in seiner Stadt „Imphe“ von Heiden belagert wird. Karl weint und rauft
sich den Bart – aber man ahnt: er wird gehen.
Lesen wir die ersten „Laissen“ (d.h.
die für das Genre typischen ungleich langen Strophen aus assonierenden
Zehnsilbern), und zwar in der Version der sog. Oxforder Handschrift, die als
die beste gilt und in anglonormannischem Dialekt, d.h. auf englischem Boden,
redigiert ist. (Übersetzung, möglichst wörtlich, von mir) :
Charles li reis, nostre emperere
magnes,// Karl der König, unser Kaiser großer,
sept anz tuz pleins ad estéd en Espaigne,// sieben Jahre ganz volle ist er
gewesen in Spanien,
Tresqu'en la mer cunquist la terre altaigne;// bis an das Meer eroberte er das
Hochland,
N'i ad castel ki devant lui remaigne,// es gibt dort keine Burg, die vor ihm
verbliebe,
Mur ne citét n'i est remés a fraindre// Mauer noch Stadt ist dort verblieben zu
brechen
Fors Sarraguce, ki est en une muntaigne.// außer Zaragosa, das ist auf einem
Berg.
Li reis Marsilie la tient, ki Deu nen aimet,// Der König Marsilie hält es, der
Gott nicht liebt,
Mahumet sert et Apollin recleimet ;// [sondern] Mohammed dient und Apollo
anruft;
Ne's puet guarder que mals ne l'i ateingnet.// er
kann sich nicht behüten, dass Böses ihn nicht dort trifft.
Aoi! (ein Signal, das im Rolandslied
das Ende einer Laisse markiert)
Li reis Marsilie esteit en Sarraguce,//
Der König Marsilie war in Zaragosa,
Alez en est en un verger suz l'umbre,// gegangen hin ist er in einen Garten
unter dem Schatten,
Sur un perrun de marbre bloi se culched,// auf eine Steinbank aus blauem Marmor
legt er sich,
Envirun lui plus de vint milie humes.// herum um ihn mehr als zwanzigtausend
Mann,
Il en apelet et ses dux et ses cuntes:// er ruft davon sowohl seine Herzöge als
auch seine Grafen an:
„Oez, seignurs, quel peccét nus encumbret://„Hört, Herren, welches Unglück uns
behelligt:
Li empereres Carles de France dulce// Der Kaiser Karl vom süßen (!) Frankreich
En cest pais nos est venuz cunfundre.// in dieses Land uns ist gekommen
zermalmen.
[...]
Das Rolandslied
war nicht nur in Frankreich wohlbekannt und verbreitet, sondern lieferte auch
die Vorlage oder den Stoff für zahlreiche Übertragungen, Bearbeitungen und
sonstige Texte in anderen europäischen Sprachen, darunter Altnordisch,
Niederländisch, Spanisch und Englisch. In Deutschland z.B. wurde es um 1170 vom
Pfaffen Konrad nachgedichtet. In Italien übernahmen noch 1476 Matteo Maria
Boiardo und wenig später Ludovico Ariosto den Stoff für ihre vielgelesenen
heroisch-komischen Versromane Orlando
innamorato (=der verliebte Roland) und Orlando
furioso (Der rasende Roland,
1505-1532), die ihrerseits der Figur Rolands neue große Bekanntheit
verschafften.
(Stand: Sept. 09)
Romanze von
Rainaut und Harembourg (ca.
1100).
Sie
ist ein hübsches Beispiel der meist untergegangenen mittelalterlichen Lyrik im
volkstümlichen Stil, d.h. einer Literatur, die für ein breites, sozial nicht
spezifiziertes Publikum geschaffen wurde und deren AutorIinnen namentlich meist
unbekannt sind:
Quant vient en mai, que l'on dit as
lons jors,
Que Franc de France repairent de roi cort,
Reynauz repaire, devant, el premier front.
Si s'en passa lez lo mes Arembor,
ainz n'en dengna le chef drecier amont.
E
Raynaut, amis !
Als [es] kam in den Mai, den man nennt
[den] mit den langen Tagen, wo die Franken (=die Freien =die Adeligen)
Frankreichs zurückkehren vom Königshof, Reinald kehrt zurück, vorneweg, in der
ersten Reihe. So ging er vorbei neben dem Haus Haremburgas, aber deshalb
geruhte er nicht, den Kopf nach oben zu richten. He, Reinald, Freund!
Bele
Erembors, a la fenestre, au jor,
sor ses genolz tient paile de color.
Voit Frans de France qui repairent de cort
et voit Raynaut devant, el premier front.
En haut parole si a dit sa raison :
E
Raynaut, amis!
Schön Haremburga, am Fenster, am
Tageslicht, auf ihren Knien hält sie Stoff von Farbe (=farbig). Sie sieht die
Franken Frankreichs, die zurückkehren vom Hof, und sie sieht Reinald vorneweg,
in der ersten Reihe. Mit lautem Wort, so hat sie ihm ihre Rede gesagt.
"Amis
Raynaut, j'ai ja veu cel jor,
se passisoiz selon mon pere tor,
dolanz fussiez, se ne parlasse a vos !"
"Ja mesfeistes, fille d'empereor :
Autrui amastes, si obliastes nos."
E
Raynaut, amis!
"Freund Reinald, ich habe schon
jenen Tag gesehen, [wo], wenn [Ihr] bei meines Vaters Burgturm vorbeigegangen
wäret, bekümmert gewesen wäret, wenn ich nicht zu Euch gesprochen hätte."
– "Schon handeltet [Ihr] schlecht, Kaiserstochter, einen andren liebtet
[Ihr], und so vergaßet [Ihr] uns."
"Sire
Raynaut, je m'en escondirai.
A cent puceles, sor sainz, vos jurerai,
A trente dames que avuec moi menrai,
c'onques nul ome fors vostre cors n'aimai.
Prennez l'emmende et je vos baiserai."
E
Raynaut, amis!
"Herr Reinald, ich werde mich
dessen rechtfertigen. Mit hundert Jungfrauen, auf Heiligen[reliquien] werde
[ich] Euch schwören, mit dreißig Damen, die [ich] mit mir führen werde, dass
ich niemals irgendeinen Mann außer Euren Körper (=Euch) liebte. Nehmt die
Wiedergutmachung, und ich werde Euch küssen."
Li
cuens Raynauz en monta lo degré,
gros par espaules, greles par lo baudré,
blond ot le poil, menu recercelé,
en nule terre n'ot si biau bacheler.
Voit l'Erembors, si comence a plorer.
E
Raynaut, amis!
Der Graf Reinald daraufhin erstieg die
Stufe, breit bei [den] Schultern, schmächtig in der Gürtellinie, blond hatte er
das Haar, fein gelockt, in keinem Land hatte [es einen] so schönen Jüngling.
Sieht ihn Haremburga, und so beginnt [sie] zu weinen.
Li
cuens Raynauz est montez en la tor,
si s'est assis en un lit peint a flors.
Dejoste lui se siet bele Erembors
..................................
Lors recomencent lor premieres amors,
E
Raynaut, amis!
Der Graf Reinald ist gestiegen in den
Burgturm, und so hat er sich gesetzt auf ein Bett bemalt mit Blumen. Neben ihm
setzt sich schön Haremburga. Da beginnt neu ihre erste Liebe. (Vers 4 der
Strophe fehlt – vermutlich nicht per Zensur, sondern durch ein Versehen des
Kopisten.)
Philippe de
Thaon, Le Comput (nach 1113, vor 1119)
Der Compoz (so der originale Titel) ist das älteste in franz. Sprache erhaltene
„wissenschaftliche“ Werk. Es handelt in sechssilbigen Reimpaaren von der
Einteilung der Zeit in Stunden, Tage, Wochen, Monate und (Kirchen-)Jahre, von
den Tierzeichen und anderen regelmäßig wiederkehrenden Phänomenen, z.B. Sonnenfinsternissen,
und zeigt den Stand des damaligen Wissens in diesen Bereichen. Philippe, der in
England arbeitete und im anglonormannischen Dialekt schrieb, verfasste gegen
1125 auch ein Tierbuch (Bestiarium), das er der englischen Königin Aelis widmete.
Dieses gibt das zeitgenössische Wissen von den einzelnen Tieren (auch
Fabelwesen) wieder, das in vielen Punkten von Religion und Aberglauben bestimmt
war.
(Stand: Juli 06)
Le Voyage de Saint Brendan /
Brendansreise (um 1120).
Diese Verserzählung wirkt wie eine
Mischung aus Heiligenlegende, Visionsbericht, Märchen und Abenteuergeschichte
und ist eines der ersten Beispiele franz.sprachiger Unterhaltungsliteratur. Ihr
Autor ist ein sonst nicht näher bekannter Kleriker, der sich selbst Benediz
nennt (in Literaturgeschichten aber meist Benoît oder Benedeit heißt). Die 1834
Verse sind verfasst im anglonormannischen Dialekt und verwenden paarweise
reimende Achtsilber, d.h. die Form, die sich inzwischen in der franz.sprachigen
Heiligenlegende durchgesetzt hatte. Das Werk ist in immerhin sechs
Handschriften erhalten, wurde also zu seiner Zeit offensichtlich häufig
abgeschrieben. Es ist der Königin Aelis von England gewidmet und war demnach
zur Zerstreuung des englischen Königshofes gedacht, der zu jener Zeit
überwiegend frankophon war.
Benediz, der die in ganz Europa
verbreitete lateinische Navigatio Sancti Brandani (10. Jh.) als Vorlage
benutzt, berichtet die (fiktive) Geschichte des historischen irischen Abtes
Brendan († 578), der mit vierzehn seiner Mönche zu einer Seefahrt aufbricht.
Diese soll ihn, wie von einem Eremiten verheißen, bis zum Paradies führen. Auf
seiner siebenjährigen Odyssee begegnet Brendan vielen seltsamen Tierwesen,
findet verschiedene wundersame Inseln, von denen sich eine als Rücken eines
Riesenfisches erweist, und den Eingang zur Hölle sowie schließlich inmitten
eines Nebelringes auch das Paradies. Nachdem ein Engel ihn und die Seinen durch
dessen Vorgarten geführt hat, kehrt er nach Irland zurück. Hier wird er dank
seiner Frömmigkeit zum Heiligen.
Die Brendansreise
ist eines der vielen Zeugnisse für die beginnende Säkularisierung, d.h.
Entkirchlichung und Verweltlichung des geistigen Lebens, die ausgelöst wurde
von dem wachsenden Wohlstand und den zunehmenden Unterhaltungsbedürfnissen der
vielen über das Land verstreuten Fürstenhöfe. Dies waren z.B. die Höfe des
franz. und des englischen Königs sowie die Höfe von Territorialfürsten
(Herzögen und Grafen), an denen sich neue Freiräume und Verdienstmöglichkeiten
boten für nicht kirchengebundene Künstler und Autoren (obwohl letztere von
ihrem Werdegang her meist Kleriker, clercs,
waren).
(Stand. Juli 06)
Lyrisme courtois / höfische Lyrik (ab ca. 1100).
Es ist eine meist sehr kunstvolle
Lyrik, die ursprünglich spanisch-arabischen Vorbildern folgte, sich aber auch
aus volkstümlichen und aus mittellateinischen Quellen speiste und für ein
überwiegend adeliges Publikum an Fürstenhöfen verfasst und dort gesungen
vorgetragen wurde. Die Blütezeit der höfischen Lyrik war um 1200, doch haben
ihre Vorstellungswelt und Bildersprache bis ins 15. Jh. hinein fortgelebt.
Die höfische Lyrik spricht vor allem
von der liebenden Verehrung eines Ichs, das i.d.R. mit dem Autor identisch
gedacht ist, für eine Dame, die zugleich als sozial überlegene Herrin
vorgestellt ist. Hierbei wird diese Dame (das Wort kommt von lat. Domina !) weniger als potenzielle
Geliebte gesehen denn als unerreichbares ideales Ziel der Sehnsucht und des
Strebens.
Wichtigste Dichter (trouvères) im nördlichen Frankreich sind
die Kleinadeligen Gace Brulé (1165–ca. 1212) und Conon de Béthune (ca.
1150–1220), der Stadtbürger Jean Bodel (1165-1209) sowie der hochadelige Graf
Thibaud de Champagne (1201–1253).
Der Ursprung und das Zentrum dieser
Lyrik allerdings lagen im 12. Jh. in der damals okzitanisch sprechenden und
schreibenden Südhälfte Frankreichs mit ihren florierenden Städten und vielen
kleinen und mittleren Höfen, an denen sich zahlreiche trobadors (dt. Troubadours oder Troubadoure) unterschiedlichster
sozialer Herkunft betätigten, sowie auch einige adelige weibliche trobadoriz. Es war eine kulturell sehr
lebendige Welt, die aber zerstört wurde im Gefolge des brutalen „Kreuzzugs“,
den 1209, mit Rückendeckung des Papstes, Graf Simon de Montfort begann, um die
in Südwestfrankreich verbreitete prä-protestantische Sekte der Katharer bzw.
Albigenser zu rekatholisieren – ein Unternehmen, das 20 Jahre Krieg auslöste.
Dies wiederum führte zum wirtschaftlichen Ruin sowie zur politischen
Vereinnahmung der vorher praktisch unabhängigen Region durch die franz. Könige
und anschließend zu ihrer kulturellen Kolonisierung durch Paris.
Einer der bedeutendsten
altokzitanischen Lyriker war der mächtige Territorialfürst Herzog Wilhelm
(Guilhem) von Aquitanien (1071–1126), der als erster Troubadour überhaupt gilt.
Weitere bekannte Namen sind Marcabru (s.u.), Bernart de Ventador, Jaufré Rudel
(s.u.), Bertran de Born, Arnaut Daniel. Die Themen, Motive, Stilmittel und
Formen der Troubadours inspirierten nicht nur die nordfranzösischen Trouvères,
sondern auch die Minnesänger in Deutschland und die Dichter der
süditalienischen „Scuola siciliana“ sowie des Florentiner „dolce stil novo“ um
Cavalcanti und Dante.
Eine Kostprobe (samt eigener, möglichst
wortgetreuer Übersetzung) von Guilhem in Altokzitanisch bzw. „Provenzalisch“,
wie die deutschen Hochschul-Romanisten diese Sprache nannten, als sie sie noch
lernten:
Ab
la dolchor del temps novel// Mit der Süße der neuen [Jahres]Zeit
foillo li bosc, e li aucel// beblättern sich die Wälder, und die Vögel
chanton, chascus en lor lati,// singen, jeder in ihrem „Latein“,
segon lo vers del novel chan;// gemäß dem Vers[maß] des neuen Sanges.
adonc esta ben c'om s'aisi// Da ist es gut, dass man sich erfreut
d'acho dont hom a plus talan.// an dem, wozu man am meisten Lust hat.
De
lai don plus m'es bon e bel// Von dort, wo es mir am besten und schönsten ist
[=von der Geliebten]),
non vei mesager ni sagel,// sehe ich weder Boten noch [Brief]Siegel,
per que mon cor no'm dorm ni ri,// weshalb mein Körper [=ich] mir nicht schläft
noch lacht,
ni no'm aus traire ad enan// noch ich mich wage zu bewegen voran,
tro que eu sacha ben de fi// bis dass ich weiß ganz endgültig,
s'el es aissi com eu deman.// ob sie ist so, wie ich verlange.
La
nostr' amor vai enaissi// Unsere Liebe geht so
com la branca del albespi,// wie der Ast des Weißdorns,
Qu'esta sobre l'arbr' en treman,// der auf dem Baum ist, zitternd,
la nuoit, ab la ploia ez al gel,// die Nacht, beim Regen und beim Frost,
tro l'endeman,qu'el sols s'espan,// bis zum nächsten Morgen, wo die Sonne sich
ausbreitet
par las fueillas verz e'l ramel.// durch die grünen Blätter und das Geäst.
Enquer me menbra d'um mati,// Noch erinnert es mich an einen
Morgen,
que nos fezem de guerra fi,// wo wir machten mit dem Krieg Schluss
e que'm donet un don tan gran:// und wo sie mir gab ein so großes Geschenk:
sa drudari' e son anel.// ihre Trautheit/Zärtlichkeit und ihren Ring.
Enquer me lais Dieus viure tan// Noch lasse Gott mich so lange leben,
c'aia mas mans soz so mantel!// dass ich meine Hände unter ihrem Mantel haben
möge!
Qu'eu no ai soing de lor lati// Denn
ich habe keinen Kummer wegen ihres [=der anderen Leute] „Latein“ [=Gerede]),
Que'm parta de mon Bon-Vezi,// dass es mich trennen könnte von meinem
Gutnachbarn [=der Geliebten],)
Qu'eu sai de paraulas com van,// denn ich weiß von den Worten, wie sie gehen
[=kenne den Wortlaut]
Ab un breu sermon que s'espel:// von einer kurzen Rede [=Sprichwort], die sich
buchstabiert:
Que tal se van d'amor gaban:// Dass [zwar] manche am Sich-Brüsten sind hinsichtlicht
der Liebe [die sie zu genießen behaupten],
nos n'avem la pessa e'l coultel.// wir [aber] haben dazu das Stück [Braten?]
und das Messer.
Wie man sieht, war bei Guilhem, dem es als
reichem und mächtigem Mann sicher nicht schwerfiel, willige Objekte seiner
Wünsche zu finden, die Sicht der Liebe noch nicht so idealistisch wie die
Vorstellung, die sich anschließend im Dichten der meist kleinadeligen
Troubadours herausbildete. Deshalb eine Kostprobe auch aus der späteren Lyrik,
und zwar von Graf Thibaud de Champagne (1201-1253), der als Größter seiner Zeit
gilt und rd. 80 Lieder hinterlassen hat. Thibaud war zwar ein fast ebenso
reicher und mächtiger Fürst wie Guilhem, doch war inzwischen in der höfischen
Lyrik die idealistische „platonische“ Vorstellung von Liebe und ihre Einbettung
in eine bestimmte Begrifflichkeit und Metaphorik so fest etabliert, dass auch
er diese Konventionen respektiert. Ein direkter Bezug zwischen dem Text und der
Lebensrealität des Autors scheint bei Thibaud (sowie den anderen höfischen
Dichtern der Zeit) kaum mehr vorhanden und wird sichtlich auch nicht
angestrebt. Typisch für die späteren Epochen der höfischen Lyrik ist auch die
gängige Verwendung von Allegorien, d.h. Personifikationen von Tugenden, Lastern
u.ä.:
Ausi comme
l'unicorne sui// So wie das Einhorn bin ich,
qui s'esbahist en regardant// das sich erschreckt/fasziniert ist beim Blicken,
quant la pucele va mirant.// wenn es die Jungfrau am Anschauen ist.
Tant est liee de son ennui,// So froh ist es gegenüber seinem [bisherigen?]
Kummer,
pasmee chiet en son giron;// [dass] verzückt es fällt in ihren Schoß.
lors l'ocit on en traïson.// Dann tötet man es verräterisch/heimtückisch.
Et moi ont mort d'autel senblant// Und [auch] mich haben getötet mit demselben
[tückischen] Schein
Amors et ma dame, por voir:// „Liebe“ und meine Dame, fürwahr.
Mon cuer ont, n'en puis point ravoir.//
Mein Herz haben sie, von ihnen kann ich es nicht
zurückhaben.
Dame,
quant je devant vous fui// Dame, als ich vor Euch trat
et je vous vi premierement,// und ich Euch sah zum ersten Mal,
mes cuers aloit si tressaillant// ging mein Herz so erzitternd,
qu'il vous remest quant je m'en mui.// dass es Euch verblieb, als ich mich
hinweg bewegte.
Lors fu menez sanz raençon// Da wurde es geführt ohne Lösegeld[möglichkeit]
en la douce chartre en prison// in den süßen Kerker in Gefangenschaft,
dont li piler sont de Talent// dessen Pfeiler sind aus „Lust/Begehren“,
et li huis sont de Biau Veoir// und die Türen sind aus „Schönem Anschauen“
et li anel de Bon Espoir.// und die Ringe [zum Anketten?] aus „Guter Hoffnung“.
De
la chartre a la clef Amors// Von dem Kerker hat den Schlüssel „Liebe“,
et si i a mis trois portiers:// und so hat sie [Amors ist damals häufig
Femininum!] dort aufgestellt drei Türhüter:
Biau Semblant a nom il premiers,// Schönes Aussehen“ hat Namen der erste,
et Biautez cele en fet seignors;// und „Schönheit“ macht jene [=Amors] davon
[=vom Kerker] zum Oberherrn;
Dangier a mis a l'uis devant,// „Dangier“ [eine in der deutschen Literatur
unbekannte allegorische Figur, die alles den Liebenden Feindliche verkörpert]
hat sie an die Tür vorne gestellt,
un ort, felon, vilain, puant,// einen schrecklichen, niederträchtigen,
grobschlächtigen, stinkenden [Kerl],
qui moult est maus et pautonniers.// der sehr böse und rüpelhaft ist.
Cil troi sont et viste et hardi:// Diese drei sind fix und furchtlos:
Mult ont tost un homme saisi.// sehr bald haben sie einen Mann gegriffen.
Qui
porroit sousfrir les tristors// Wer könnte ertragen die Trübseligkeiten
et les assauz de ces huissiers?// und die Attacken dieser Türhüter?
Onques Rollanz ne Oliviers// Niemals haben Roland und Olivier
Ne vainquirent si grans estors;// besiegt so große Anstürme/Attacken.
il vainquirent en conbatant,// [Und wenn, dann] siegten sie kämpfend,
mais ceus vaint on s'humiliant.// aber jene [Türhüter] besiegt man [nur], indem
man sich demütigt.
Sousfrirs en est gonfanoniers.// „Leiden“
ist ihr Bannerträger.
En cest estor dont je vous di// In diesem Ansturm, von dem ich euch sage,
n'a nul secors fors de Merci.// gibt es keine Hilfe außer von „Gnade/Erbarmen“.
Dame,
je ne doute mais riens plus// Dame, ich fürchte niemals irgendetwas mehr
que tant que faille a vous amer.// als soviel, dass ich es fehlen lassen könnte
am Euch lieben.
Tant ai apris a endurer// So sehr habe ich gelernt auszuhalten,
Que je sui vostres tout par us.// dass ich Euer bin, ganz aus Gewohnheit.
Et se il vous en pesoit bien,// Und [auch] wenn es Euch ziemlich belastete/störte,
ne m'en puis je partir pour rien// ich kann davon mich um nichts fortbewegen,
que je n'aie le remenbrer// ohne dass ich die Erinnerung hätte
et que mes cuers ne soit adés// und ohne dass mein Herz nicht sofort wäre
en la prison et de moi pres.// in der Gefangenschaft und von mir weggenommen.
Dame,
quant je ne sai guiler,// Dame, wenn ich doch nicht zu tricksen verstehe,
merciz seroit de seson mes// wäre Gnade/Erbarmen zur rechten Zeit [=jetzt]
angebracht,
de soustenir si greveus fais.// um eine so große Bürde aushalten [zu können].
(Stand: Juli 10)
Marcabru (1. Hälfte 12. Jahrhundert, Schaffenszeit ca. 1130 bis ca.
1150)
Er sei hier aufgeführt als einer der ältesten bekannten
Troubadours.
Zwar
ist sein Werk mit gut 40 ihm zuschreibbaren bzw. zugeschriebenen Gedichten
(davon vier mit Melodien) relativ gut überliefert, über sein Leben ist jedoch
nichts Genaues bekannt. Die beiden altokzitanischen Kurzbiografien (vidas), die
über ihn erhalten sind, scheinen ihre Daten aus bestimmten seiner Gedichte
bezogen zu haben, d.h. sie sind nicht historisch fundiert und weichen überdies
stark voneinander ab. So wäre er, laut der kürzeren der beiden, Sohn einer
armen Gascognerin namens Marcabruna („brauner [Leber-?]Fleck“) gewesen und habe
schlecht von den Frauen und der Liebe gesprochen. Gemäß der anderen,
ausführlicheren, wäre er als Findelkind einem reichen Mann namens Aldric del
Vilar vor die Tür gelegt, unter dem Namen „Pan perdut“ (verlorenes Brot) von ihm
aufgezogen und von dem (historischen) Spielmann und Troubadour Cercamon im
Dichten und Komponieren unterrichtet worden. Später habe er den Namen Marcabru
angenommen, unter dem er bekannt wurde. Er sei schließlich von den Grafen der
Gascogne, über die er viel Schlimmes gesagt habe, umgebracht worden.
Etwas fundierter als die genannten
Vidas sind die Hypothesen, welche die moderne Philologie aus verstreuten
Angaben und Andeutungen in seinen Texten sowie anderen Indizien aufgestellt
hat. Hiernach würde Marcabru in der Tat wohl aus der Gascogne stammen und aus
kleinen Verhältnissen kommen. In den 1130er Jahren scheint er zunächst in
Beziehung zum Hof von Graf Wilhelm X. von Aquitanien gestanden zu haben (dem
Sohn des ersten Troubadours), der überwiegend in Poitiers residierte. 1137
könnte er der Tochter Wilhelms, Eleonore, nach Paris gefolgt sein, als sie den
französischen König Louis VII heiratete. Sichtlich blieb er dort aber nicht
lange, sondern ging nach Nordspanien, wo er sich Alfonso VII. von León und Kastilien
anschloss, dem Herrscher eines der dortigen kleinen Königreiche, die sich
anschickten, die Reconquista zu aktivieren, d.h. die Rückeroberung der
arabisch-islamisch beherrschten Landesteile. Für den Hof Alfonsos (wo man das
Okzitanische offenbar ausreichend verstand) verfasste Marcabru in den 1140er
Jahren auch politische Lyrik, worin er zum innerspanischen Kreuzzug aufrief,
den er als eine „Waschküche“ (lavador) bezeichnet, in der die die Seelen ebenso
rein gewaschen würden wie beim Kreuzzug ins Heilige Land.
Insgesamt war er offenbar nicht
ungebildet und betätigte er sich in fast allen lyrischen Gattungen der Zeit.
Obwohl er als Autor von den Zeitgenossen durchaus anerkannt wurde, scheint er
als Person schwierig gewesen zu sein. Als Dichter gefiel er sich jedenfalls in
der Rolle des Kritikers und Satirikers, der z.B. die „falsche“, nur den
Lustgewinn anstrebende Liebe der adeligen Herren und auch Damen anprangerte
oder die Heuchelei von Kirchenleuten denunzierte.
Er war weiterhin bedeutsam als Verfasser
der ältesten bekannten Pastourelle (Gedicht um eine Schäferin) und vor allem
als einer der Schöpfer des gewollt hermetischen Dichtungsstils des sog. „trobar
clus“ (verschlossenes Dichten), das nach ihm in Mode kam.
(Stand: Aug. 08)
Jaufré Rudel (um
1150)
Er ist heute einer der bekanntesten provenzalischen Troubadours. Er
verdankt seinen Ruhm nicht zuletzt einer aus dem Mittelalter überkommenen
sentimentalen Kurzbiografie (vida), die allerdings kaum den Fakten entspricht,
sondern aus seinen Gedichten abgeleitet scheint. Sie erzählt, wie Jaufré aufgrund der
Berichte von heimgekehrten Jerusalem-Pilgern und Kreuzfahrern eine unstillbare
Sehnsucht nach der schönen Gräfin von Tripolis im Heiligen Land entwickelt,
deswegen am nächsten Kreuzzug teilnimmt, aber während der Seefahrt erkrankt und
kurz nach seiner Ankunft stirbt - immerhin in den Armen der sofort
benachrichtigten und gerührt herbeigeeilten Gräfin, die anschließend Nonne
wird.
Über
die Person Jaufrés ist wenig bekannt, außer dass er „prince“ (Fürst) des
kleinen Lehens Blaya (um das das heutige Städtchen Blaye im Département
Gironde) war und wohl 1148 seinen Onkel und Lehnsherrn, den Herzog von
Angoulême, auf dem zweiten Kreuzzug (1147-49) begleitete.
Insgesamt
acht Gedichte von ihm sind erhalten, vier davon mit Noten. Das bekannteste, Lanquand
li jorn son lonc en mai (Wenn die Tage lang sind im Mai), umkreist sehr
kunstvoll das Motiv der „Fernliebe“ (amor de lonh) und war wohl der
Ausgangspunkt der o.g. Biografie.
Die
Geschichte Jaufré Rudels wurde zur Zeit der Romantik auch außerhalb Frankreichs
bekannt und in Deutschland von Heinrich Heine und Ludwig Uhland aufgegriffen.
Alfred Döblin zitiert sie, fantasievoll leicht erweitert, in seinem letzten
Roman Hamlet oder Die lange Nacht nimmt ein Ende (1956).
(Stand:
Aug. 08)
Antiken-Romane
/ Romans antiques oder
d’Antiquité
Die Gattung der sog. antikisierenden
oder Antiken-Romane (frz. romans antiques ou d’Antiquité) entstand offenbar um
1120, hatte ihre Blütezeit aber von ca. 1150 bis ca. 1180. Sie spiegelt das im
12. Jh. wachsende Interesse für die Antike und wurde geschaffen von Autoren,
die i.d.R. lateinkundige Kleriker waren. Wie der Name andeutet, stammen die
Stoffe und Figuren der Antiken-Romane aus literarischen und historiografischen
Werken der römischen und griechischen Antike, wobei die letztere jedoch
ausschließlich über lateinische Texte vermittelt ist. Das angesprochene
Publikum waren Fürsten, z.B. der englische König, sowie das adelige Personal
und die Damenwelt ihrer Höfe. Im Sinne der Vorstellungen und Erwartungen dieses
Publikums dichteten die Autoren ihre antiken Vorlagen und Quellen ganz
unbefangen um, ohne Veränderungen des Sinnes sowie sachliche Anachronismen zu
scheuen und ohne ein authentisch wirkendes historisches Kolorit anzustreben (wie
die historischen Romane der Neuzeit dies tun). Die Antiken-Romane bilden, indem
sie erstmals die Darstellung von Rittertaten und das Thema Liebe verbinden,
eine Art Zwischenstufe zwischen der älteren Gattung Chanson de geste und der
neuen Gattung Höfischer Roman, die wenig später von Chrétien de Troyes (s.u.)
geschaffen und perfektioniert wurde. Formal bestehen sie, wie die Höfischen
Romane, überwiegend aus fortlaufenden, paarweise reimenden achtsilbigen Versen.
Sie waren also zur Lektüre bzw. zum Vorlesen bestimmt und nicht mehr, wie die
Chansons de geste, zum freien Vortrag per Sing-Sang.
Die bekanntesten Antiken-Romane sind:
Le Roman de Thèbes
/ Thebenroman (ca. 1152-54).
Er ist zwar nicht das älteste, aber
offenbar ein Schule machendes Werk der Gattung.
Der namentlich nicht bekannte Autor
stammte sichtlich aus einem der damaligen westfranzösischen Lehen des
englischen Königs Henry II Plantagenet und gehörte offenbar zum Umfeld von
dessen Hof.
Seine literarische Vorlage war vor
allem die Thebais des antiken
lateinischen Autors Statius (1. Jh. n. Chr.), ein Epos, das die Sage vom
tragischen Schicksal der Zwillingsbrüder Eteokles und Polineikes verarbeitet,
die nach dem Tod ihres Vaters Ödipus einen Krieg um die Herrschaft im
griechischen Theben führen und sich am Ende gegenseitig im Kampf erschlagen.
Der Theben-Roman umfasst gut 10.000 paarweise reimende Achtsilber und ist in
fünf Handschriften und zwei Versionen erhalten, deren längere offenbar
nachträgliche Einschübe enthält. Der Roman zeigt noch viele thematische und
stilistische Übereinstimmungen mit den Chansons de geste, insbes. bei der
ausführlichen Darstellung von Kämpfen und Schlachten; er nimmt aber auch schon
Elemente des höfischen Romans vorweg, z.B. indem er einigen Frauengestalten wichtige Rollen zuweist. Anders als die
nachfolgenden Werke der Gattung gibt er dem Thema Liebe, ohne es ganz
auszuklammern, relativ geringen Raum.
Le Roman d'Énéas / Äneasroman.
Mit seinen gut
10.000 Versen entstand er um oder eher kurz nach 1160. Sein unbekannter Verfasser
folgt überwiegend dem Rom-Gründungsepos Vergils, der Æneis (um 20 v.
Chr.), benutzt aber auch zusätzliche lateinische Quellen, z.B. Werke Ovids.
Auch er schildert gerne Kämpfe, räumt aber der Liebe einen hohen Stellenwert
ein. Sicherlich war die einfühlsame Darstellung der den Protagonisten Äneas
liebenden Frauen Dido und Lavinia ein Grund dafür, dass kurz nach 1170 der
Minnesänger Heinrich von Veldeke das Werk in mittelhochdeutschen Versen
nachdichtete.
Le Roman
d'Alexandre / Alexanderroman.
Seine
verschiedenen und formal sehr verschiedenartigen Versionen bilden einerseits
den Beginn und andererseits das Ende der Gattung Antiken-Roman. Protagonist ist
der Eroberer und Staatengründer Alexander der Große (356-323 v. Chr.). Der
Stoff ist mehreren lateinischen Vorlagen entnommen, die ihrerseits aus diversen
griechischen Quellen schöpfen, welche von Anbeginn an neben Fakten auch viele
sagen- und märchenartige Elemente enthielten. Die lateinischen Versionen waren
vor allem die romanartige Alexander-Vita des Julius Valerius (ca. 320 n.Chr.)
und die mehr chronikartige Historia de proeliis Alexandri Magni des Leo
von Neapel (10. Jh.).
Die älteste bekannte franz. Fassung,
von der nur ein Fragment von 105 Achtsilblern in 15 einreimigen Strophen
(Laissen) im Stil der zeitgenöss. Chansons de Geste erhalten ist, entstand in
frankoprovenzalischem Dialekt wohl schon gegen 1120. Sie wurde laut dem Pfaffen
Lamprecht, der sie um 1120/30 ins Mittelhochdeutsche übertrug, von einem sonst
unbekannten „Alberich von Bisenzun“ (=Albéric de Pisançon?) verfasst.
Eine zweite, ebenfalls nur
fragmentarisch erhaltene Fassung (785 Zehnsilbler in zehnzeiligen Laissen),
wurde wohl kurz nach der Mitte des 12. Jh. von einem unbekannten Autor
geschrieben.
Die am weitesten verbreitete und mit
knapp 16.000 Zwölfsilblern längste Fassung stammt von Alexandre de Bernay bzw.
de Paris und entstand offenbar um 1180. Sie schildert, nunmehr eher im Stil
eines höfischen Romans, das gesamte Leben Alexanders. Sie besteht aus vier sehr
ungleich langen Teilen oder „Branchen“ (=Zweigen), wobei Alexandre angibt, er
habe die unvollständigen Werke zweier anderer (uns heute nicht näher bekannter)
Autoren eingearbeitet, nämlich eines gewissen Eustache (als Branche II) und
eines Lambert le Tort (als Branche III).
In der zweiten Hälfte des 13. Jh. wurde
der Alexander-Roman in eine Prosafassung umgeschrieben, von der zahlreiche
Handschriften aus dem 14. und 15. Jh. und sogar einige frühe Drucke erhalten
sind. Sie alle zeugen von dem langandauernden Erfolg des Werkes.
Alexandres Alexander-Roman ist das
erste größere Werk der franz. Literatur, das als Versmaß den paarweise
reimenden Zwölfsilbler benutzt, der deshalb in Frankreich „vers alexandrin“
(Alexandriner) heißt. Schon ab ca. 1190 fanden sich Redaktoren, die zusätzliche
Episoden an den Roman anhängten oder in ihn einfügten.
Alexander der Große galt in Antike und
Mittelalter als Prototyp des stets nach neuen Eroberungen und Erfahrungen
dürstenden Helden und hochherzigen Herrschers, aber auch als Verkörperung
menschlicher Hybris.
(Stand: Juli 10)
Le Roman de Troie
/ Trojaroman (ca. 1165).
Dieses in mehr als 50 Handschriften
erhaltene Werk von gut 30.300 Versen war das erfolgreichste und bedeutsamste
der Gattung. Es schildert in der Hauptsache die Eroberung Trojas durch eine
Allianz griechischer Könige, enthält als Vorspann aber auch eine Darstellung
der Argonautensage um Jason und als Anhänge die Geschichten einiger
griechischer Helden, z.B. des Odysseus.
Es wurde verfasst für den Hof des
englischen Königs Henry II. und seiner Gattin Aliénor von Aquitanien, der ein
beachtliches franz.sprachiges intellektuelles Zentrum war. Über die Person des
Autors Benoît ist nichts Näheres bekannt, außer dass er offenbar aus
Sainte-Maure in der Grafschaft Touraine stammte, d.h. aus einer der damaligen
Besitzungen der englischen Könige auf franz. Boden.
Als stoffliche Vorlage des Werkes
diente nicht das damals in Westeuropa nur vom Hörensagen bekannte Epos Homers,
die Ilias, sondern zwei angeblich von
Augenzeugen verfasste, tatsächlich aber aprokryphe spätantike lateinische
Darstellungen des trojanischen Krieges, nämlich die Ephemeris belli Trojani
eines gewissen Dyctis (4. Jh.), der die Dinge auf griechischer Seite erlebt
haben will, und die De excidio Troiae historia eines gewissen Dares (6.
Jh.), der in Troja dabeigewesen zu sein vorgibt und eingangs Homer für seine
märchenhafte Darstellung tadelt (was Benoît übernimmt). Von „Dyctis“ und
„Dares“, vor allem von letzterem, entlehnt Benoît jedoch nur den groben Rahmen,
den er fantasievoll und geschickt mit Liebesgeschichten, ritterlichen
Kampfszenen, Beschreibungen und gelehrten Exkursen ausstaffiert.
Der Roman
de Troie wurde nach 1200 offenbar für ein eher städtisch-bürgerliches
Publikum in eine stark raffende, weitgehend auf die bloße Handlung reduzierte
Prosaversion umgeschrieben, die ihrerseits um 1215 eingefügt wurde in ein
jahrhundertelang gelesenes und abgeschriebenes und hierbei immer wieder
überarbeitetes Kompendium der Alten Geschichte, die sog. Histoire
ancienne jusqu'à César.
Verbreitung in ganz Europa fand der
Troja-Stoff à la Benoît in einer mittellateinischen Prosaversion: der 1272
begonnenen und 1287 abgeschlossenen Historia destructionis Troiae des Sizilianers Guido delle Colonne,
die wohl einer der größten Bucherfolge des gesamten europäischen Mittelalters
war. Etwa gleichzeitig (um 1280) entstanden die mittelhochdeutschen Versionen
Herborts von Fritzlar und Konrads von Würzburg.
Im Frankreich des 13. bis 16. Jh. war
Troja übrigens auch aus ideologischen Gründen bedeutsam, denn die franz. Könige
leiteten damals ihren Stammbaum (Genealogie) von einem legendären Francus her,
der sich bei der Eroberung Trojas durch die Griechen zusammen mit dem späteren
Rom-Gründer Äneas auf ein Schiff gerettet und seinerseits das erste
Frankenreich (Francia) gegründet habe.
(Stand: Juli 10)
Benoît
de Sainte-Maure (2. Hälfte 12. Jh.)
Über die Person Benoîts ist nichts
Näheres bekannt, außer dass er offenbar aus Sainte-Maure in der Grafschaft
Touraine stammte, d.h. aus einer der damaligen Besitzungen der englischen
Könige auf franz. Boden, und dass er für und wohl weitgehend auch an deren Hof
arbeitete.
Sein Hauptwerk ist der um 1165
verfasste Roman de Troie (Trojaroman) (s.o.).
Nach der guten Aufnahme des Trojaromans
wurde Benoît 1174 von König Henry II. beauftragt, eine (ebenfalls gereimte)
Geschichte der Normannenherzöge und dann Könige von England zu schreiben. Aus
unbekanntem Grund (Tod des Autors?) bricht das Werk jedoch bei Vers 44.544 und
König Henry I. ab.
(Stand: Nov. 07)
Le Jeu d'Adam / Adamsspiel
(ca. 1150, evtl.
aber auch erst um 1200).
Dieses Werk eines unbekannten Autors
ist der älteste bekannte dramatische Text in franz. Sprache. Es steht in der Tradition
des lateinischsprachigen kirchlichen Theaters der Zeit (der einzigen
dramatischen Gattung, die es damals gab) und ist entstanden vielleicht auf
englischem Boden, überliefert jedenfalls in einer anglonormannisch gefärbten
Version.
Das nur in einem einzigen Manuskript
und nicht ganz vollständig erhaltene Stück besteht überwiegend aus paarweise
reimenden Achtsilblern, enthält aber auch Strophen aus vierzeilig reimenden
Zehnsilblern. Es zeigt den Sündenfall Adams und Evas, die Erschlagung Abels
durch Kain, das Erscheinen der Propheten des Alten Testaments mit ihren
Weissagungen zum Kommen Christi sowie eine Ankündigung des jüngsten Gerichts.
Die Regieanweisungen sind lateinisch
verfasst, die Aufführenden oder zumindest die Aufführungsleiter waren also offensichtlich
Kleriker; als Aufführungsort dienten zweifellos improvisierte Bühnen vor oder
in Kirchen.
(Stand: Juli 06)
Marie
de France (zweite
Hälfte 12. Jh.).
Sie ist die erste bekannte Autorin der
franz.sprachigen Literatur, doch hat man keine Informationen über ihre Person
außer der eigenen Angabe „Marie ai nun, si suis de France“ (Ich heiße Marie und
bin aus Franzien), wonach sie aus der Île de France, d.h. dem Pariser Raum
gebürtig sein müsste. Ihrer profunden Bildung nach zu urteilen kam sie sicher
(als legitimiertes außereheliches Kind eines Hochadeligen und einer
kleinadeligen Dame?) aus höchsten Kreisen. Ihr Zielpublikum jedenfalls war der
überwiegend noch franz.sprachige englische Hof von Henry II., in dessen Umfeld
sie offenbar lebte und für den sie entsprechend im anglonormannischen Dialekt
schrieb.
Maries bekanntestes und originellstes
Werk sind die Lais, zwölf jeweils
zwischen ca. 100 und ca. 1000 Verse umfassende Versnovellen („lais“). Sind sind
offenbar um 1170 über einen längeren Zeitraum hinweg entstanden und verarbeiten
viele Märchenmotive und Sagenstoffe, wobei letztere meist „britannischer“, d.h.
keltischer Herkunft, sind. Darunter ist
auch der Tristan-Isolde-Stoff, der hier zum ersten Mal greifbar wird,
wenn auch nur in einer einzigen seiner zahlreichen Episoden.
Die Themen der schlicht, aber
feinsinnig erzählten und auch heute noch ansprechenden Novellen sind sehr
unterschiedlich, vor allem aber geht es um die Schwierigkeiten Liebender,
zueinander zu kommen und/oder beieinander zu bleiben.
Ein weiteres, größeres Werk Maries ist
eine Sammlung von 102 Fabeln, der Esope
oder Ysopet (1170-80). Ihre Vorlage,
so gibt sie am Ende an, sei altenglisch und stamme von „König Alfred“, der
seinerseits einer lateinischen Übertragung der griechischen Fabelsammlung
Aesops (6. Jh. v. Chr.?) gefolgt sei (aber sichtlich auch noch andere Quellen benutzt
hat).
Offenbar ebenfalls von Marie stammt das
anonyme, ihr lange Zeit zugeschriebene, dann zwischenzeitlich aber aberkannte
Werk Le Purgatoire de Saint Patrice.
Es entstand wohl um 1190 auf der Grundlage eines lateinischen Prosatextes, den
es in franz. Verse umsetzt.
(Stand: Dez. 09)
Chrétien
de Troyes
(zweite Hälfte 12. Jh.).
Er gilt als der eigentliche Begründer
und zugleich bedeutendste Autor des Höfischen Romans (roman courtois), einer
nach ihm noch jahrhundertelang florierenden Erzählgattung. Von ihm überliefert
sind vor allem fünf Romane, deren Stoffe überwiegend aus der sog. „matière de
Bretagne“ stammen, d.h. aus dem keltisch-britannischen Sagenkreis um König
Artus, dem vermutlich mündlich verbreitete Geschichten zugrunde liegen. Diese Stoffe
reichert Chrétien an mit erfundenen Episoden und verlegt die Handlungen in eine
Welt, wie er sie von den Höfen seiner Zeit und ihrem Personal her kannte. Auch
Vorstellungen des Minnedienstes, wie er in der Troubadourlyrik Südfrankreichs
entwickelt wurde, fließen in seine Epen ein, zumal in deren zahlreiche Dialoge
und innere Monologe. Sein Verfahren, aus diesen verschiedenen Elementen eine
kunstvoll strukturierte und bedeutungsvolle Handlung zu schaffen, nennt
Chrétien mit schriftstellerischem Selbstbewusstsein eine „molt bele
conjointure“ (sehr schöne Verbindung).
Konkrete Lebensdaten von Chrétien sind
nicht bekannt, außer dass er in seinem Roman Érec et Énide Troyes als
Heimatstadt angibt (er schrieb auch im Dialekt der Champagne) und dass er eine
gute Bildung nach Art eines Klerikers genossen haben muss. Seine Schaffenszeit
erstreckte sich offensichtlich von ca. 1160 bis in die 1180er Jahre. Einer
seiner Romane, Lancelot, wurde nach eigener Auskunft im Auftrag der
Gräfin Marie de Champagne verfasst (die diesen Titel durch ihre Heirat 1164
erhielt), sein letztes und unvollendetes Werk, der Conte du Graal, ist
Graf Philippe de Flandre gewidmet, der diesen Titel 1169 übernahm und (was die
offenbar vor diesem Datum verfasste Widmung nicht erwähnt) 1180 Regent von
Frankreich wurde. Chrétien muss also jeweils nach 1164 und vor bzw. um 1180
länger oder zeitweilig in Beziehung zu den genannten Fürsten gestanden haben.
Sein Publikum waren entsprechend diese
und ggf. andere fürstliche Mäzene samt ihren Gattinnen und deren Hofdamen und
Edelfräulein, sowie der an ihren Höfen lebende oder verkehrende kleinere und
mittlere Militär- und Verwaltungsadel. Chrétiens Schaffen dokumentiert den
Höhepunkt der Macht dieser größeren und kleineren Territorialfürsten (Herzöge, Grafen
u.ä.), deren Höfe im 11./12. Jh. als Macht- und Kulturzentren mit dem der
franz. Könige rivalisierten.
Die Werke Chrétiens sind nicht alle
erhalten. Überliefert sind vor allem fünf Romane, deren Stoffe überwiegend aus
der sog. „matière de Bretagne“ stammen, dem keltisch-britannischen Sagenkreis
um König Artus, dem vermutlich mündlich verbreitete Geschichten zugrunde
liegen, wie sie auch in walisischen und irischen Erzählungen verarbeitet sind.
Diese Stoffe reichert Chrétien an mit erfundenen Episoden und verlegt die
Handlungen in eine Welt, wie er sie von den Höfen seiner Zeit kannte. Auch
Vorstellungen des Minnedienstes, wie sie in der Troubadourlyrik entwickelt
worden waren, fließen in seine Romane ein, zumal in deren zahlreiche Dialoge
und innere Monologe. Sein Verfahren, aus diesen verschiedenen Elementen eine
kunstvoll strukturierte und bedeutungsvolle Handlung zu schaffen, nennt
Chrétien mit schriftstellerischem Selbstbewusstsein eine „molt bele
conjointure“ (=sehr schöne Verbindung).
Eine Liste seiner Werke vor etwa 1170
gibt Chrétien selbst zu Beginn seines Romans Cligès. Danach hätte er
zuerst Érec et Énide verfasst, danach je eine Übertragung der Ars
amatoria und der Remedia amoris von Ovid, dann eine Geschichte von
„König Marke und der blonden Isolde“ sowie drei wohl kürzere Bearbeitungen von
Verwandlungssagen aus Ovids Metamorphosen. Diese Werke sind bis auf den Érec
und die Verwandlungssage um Philomena (die Nachtigall) verloren.
Chrétiens erhaltene Werke sind (neben
einigen wenigen Gedichten zum Thema höfische Liebe) vor allem die folgenden in
paarweise reimenden Achtsilblern verfassten Romane:
Érec
et Énide
(entstanden nach 1160): Es ist die Geschichte des Königsohns Érec, der nachdem
er sich früh am Artushof ausgezeichnet hat, heiratet und über der Liebe zu
seiner jungen Frau Énide die Pflichten eines Ritters sträflich vernachlässigt.
Von ihr darauf hingewiesen, erkennt er seinen Fehler, zweifelt aber auch an
ihrer Liebe und zieht deshalb gemeinsam mit ihr zu Abenteuern aus. Hierbei
besteht er zahlreiche Kämpfe, erfährt aber auch ihre Treue, wohnach er
ruhmbedeckt an den Hof von König Artus zurückkehrt und später seinem Vater Lac
als König nachfolgt.
Cligès (entstanden wohl zwischen 1165 und
1170). Die 6784 Verse bilden zwei Teile, eine Vorgeschichte und die eigentliche
Geschichte. Erstere erzählt vom byzantinischen Kaisersohn Alexandre, der zum
Artushof reist, sich dort in die Hofdame Soredamors verliebt, sie heiratet und
nach längerer Zeit mit ihr und seinem Söhnchen Cligès nach Byzanz zurückkehrt,
wo inzwischen sein jüngerer Bruder Alis den Thron okkupiert hat, den er auch
behält, weil Alexandre stirbt. Statt, wie versprochen, unverheiratet zu bleiben
und seinem Neffen Cligès die Thronfolge zu überlassen, beschließt Alis, die
Tochter des deutschen Kaisers, Fenice, zu ehelichen. Bald nach der Ankunft der
byzantinischen Delegation in Köln verlieben sich Cligès und Fenice und
versprechen sich einander. Eine zauberkundige Amme sorgt dafür, dass Fenice,
die gleichwohl Alis heiraten muss, von diesem immer nur in seinen Träumen
berührt wird. Cligès, der das Warten nicht erträgt, geht auf Abenteuerfahrt zu
König Artus. Nachdem er zurückgekehrt ist, bewerkstelligt er es, Fenice als
scheinbar Verstorbene zu entführen und im Verborgenen eine Weile zu lieben. Er
wird jedoch entdeckt und flüchtet mit ihr, bis er sie nach dem Tod des Onkels
schließlich (anders als Tristan die Isolde) heiraten und mit ihr den Thron
besteigen kann. Der Anfang des Cligès enthält die berühmte These von der
„translatio studii“, der Weitergabe der Gelehrsamkeit, die von den Griechen an
die Römer und von dort an die Franzosen übergegangen sei.
Le
Chevalier de la charrette
(entstanden wohl um 1170): die bunte Geschichte der Abenteuer, die der junge
Ritter Lancelot besteht, um die entführte Königin Guenièvre, die Gattin von
König Artus, zu finden und ihr seine entsagungs- und hingebungsvolle Liebe zu
beweisen (die immerhin auch einmal kurz belohnt wird). Die letzten rd. 1000
Verse des Lancelot wurden von einem gewissen Godefroi de Lagny verfasst,
offenbar mit Wissen und nach Plänen Chrétiens, der in diesem Auftragswerk von
Anbeginn an etwas lustlos wirkt.
Le
Chevalier au lion
(entstanden wohl gegen 1170): die Geschichte des Artusritters Yvain, der die
junge Witwe eines von ihm im ritterlichen Zweikampf getöteten Burgherrn
heiratet, sich bald aber von ihr beurlauben lässt und auf Abenteuer auszieht,
den gesetzten Jahrestermin seiner Rückkehr vergisst und seine Frau erst durch
viele bestandene Prüfungen versöhnen kann, in denen er sich zum idealen Ritter
läutert.
Le
Conte du Graal
(begonnen wohl gegen 1180 für Philipp von Flandern): der Versuch, in der
Geschichte des jungen Ritters Perceval die Gattung des Höfischen Romans mit
christlichen Elementen zu durchdringen. Das Werk, das Chrétien sichtlich als
eine Summe seines Denkens und Schaffens geplant hatte, blieb zunächst, offenbar
durch seinen Tod, nach rd. 9000 Versen unvollendet. Es wurde dann von mehreren
unbekannten Fortsetzern weitergeführt und auf rd. 32000 Verse verlängert.
Auch in Deutschland fand Chrétien
großen Anklang: Die Romane um Érec und um Yvain wurden gegen oder um 1200
nachgedichtet von Hartmann von Aue, der Roman um Perceval bald nach 1200 von
Wolfram von Eschenbach – ein Zeichen dafür, wie vorbildhaft die franz.
Literatur insgesamt in Frankreichs Nachbarländern zu dieser Zeit war.
Fast alle Romane Chrétiens wurden im
13. Jh. für ein überwiegend städtisches Publikum in Prosa umgeschrieben. Vor
allem der Prosa-Lancelot fand weite Verbreitung und wurde bis ins 15. Jh.
hinein gelesen.
Ein lange
Zeit Chrétien zugeschriebener Abenteuer-Roman um einen (nicht historischen) englischen König,
der sog. Guillaume d'Angleterre, stammt nach neuerer Forschungsmeinung von
einem anderen, sonst unbekannten Verfasser mit dem gleichen Namen Chrestien.
(Stand: Juli 10)
Les romans de
Tristan et Yseut / Tristan-Romane (ca.1170–1180)
Wohl in den 1170er Jahren entstanden
die beiden ältesten der uns bekannten romanartigen Versionen des Tristan-Isolde-Stoffes.
(Ein vielleicht um 1160 von Chrétien de Troyes (s.o.) verfasster Tristan-Roman
ist nicht erhalten.) Die beiden Versionen gehen offensichtlich auf etwas
unterschiedliche ältere Texte zurück und sind nur unvollständig überliefert.
Die erste ist ein ca. 1172-75 für den
englischen Hof verfasster Versroman des sonst unbekannten Autors Thomas
d'Angleterre, von dem in fünf verschiedenen Handschriften insgesamt acht
Fragmente mit zusammen gut 3000 Versen aus dem letzten Drittel der Handlung erhalten
sind (Tristans Heirat mit der nur als Ersatz betrachteten namensgleichen Isolde
Weißhand, einige weitere Abenteuer T.s und sein tragisches Ende).
Die andere Version ist ein wohl gegen
1180 entstandener Versroman des ebenfalls als Person nicht näher bekannten
Spielmanns Béroul, von dem in einer einzigen Handschrift knapp 4500 Verse des
Mittelstücks erhalten sind (Tristans und Isoldes heimliche Liebe am Hof von
König Marke, der T.s Onkel und I.s Ehemann ist; die Entdeckung ihres
Verhältnisses, T.s Flucht, I.s Verurteilung und ihre Rettung durch T., das
gemeinsame Leben der beiden in einer Laubhütte im Wald, ihre schließliche
Rückkehr an den Hof, I.s Wiederaufnahme durch Marke und T.s Aufbruch ins Exil).
Die Gesamthandlung des Thomas’schen
Romans kennen wir dank einer stark raffend erzählenden altnordischen
Prosaübertragung von ca. 1225 und dadurch, dass Gottfried von Straßburg ca.
1200–1210 seinen (unvollendet gebliebenen) mittelhochdeutschen Tristan auf der Basis von Thomas' Text
verfasste. Dem Roman Bérouls wiederum entspricht weitgehend, ohne wohl eine
direkte Übertragung oder Bearbeitung zu sein, der in toto erhaltene
mittelhochdeutsche Tristan des
Eilhart von Oberg von ca. 1180.
In Frankreich kompilierte um 1230-35
ein unbekannter Autor (oder mehrere Autoren?) den sog. Tristan en prose, einen sehr umfänglichen, in zahlreichen
Handschriften und leicht divergierenden Versionen überlieferten, bis ins 16.
Jh. hinein gelesenen Prosaroman, der den Tristan-Stoff mit anderen Stoffen
verbindet, vor allem dem König Artus-Stoff, und somit Tristan zum dicht- und
sangeskundigen Ritter der Tafelrunde macht.
Der Tristan-Isolde-Stoff ist übrigens
nicht, wie man als Deutscher und Wagner-Adept glauben könnte, germanischer
Herkunft, sondern keltischer, denn er stammt aus der
walisisch-schottisch-bretonischen Sagenwelt, der sog. matière de Bretagne, aus der in der zweiten Hälfte des 12. Jh.
viele Stoffe und Motive in die franz. Literatur eingeflossen sind, z.B. in die
höfischen Romane von Chrétien de Troyes (s. o.).
(Stand: Juli 10)
Le Roman de Renard / Fuchsroman (ab 1174).
Die erste Version dieses sehr lange
Zeit hindurch populären Werkes verfasste ein sonst nicht näher bekannter Pierre
de Saint-Cloud auf der Basis mittellateinischer Vorlagen; sie wurde
anschließend über mehr als hundert Jahre hinweg von ca. zwanzig verschiedenen,
überwiegend anonym bleibenden Autoren um neue Episoden erweitert, variiert und
umgearbeitet.
Protagonist dieses in paarweise
reimenden Achtsilblern erzählenden Tierepos bzw. Tierschwanks ist der schlaue
Fuchs, der stets nur seinen Vorteil sucht und diesen mal mehr, mal weniger
abenteuerlich und erfolgreich auf Kosten anderer Tiere oder auch von Menschen
findet.
Der Roman
de Renard scheint ursprünglich in vielem ein humoristisch-realistisches und
teils parodistisches Kontrastprogramm zum sehr idealistischen Höfischen Roman à
la Chrétien de Troyes gewesen zu sein. Die angesprochene Leser-/Hörerschaft war
also zunächst dieselbe wie die des Höfischen Romans. Allerdings fand der Renard rasch Anklang auch beim
städtisch-bürgerlichen Publikum, das sich gegen 1200 herauszubilden begann.
Die Figur des verschlagenen Renard
wurde durch den Roman so populär, dass der Name (der dem deutschen ‚Reinhard’
entspricht) zur Vokabel wurde, die das ursprüngliche franz. Wort für „Fuchs“, goupil,
verdrängt hat.
Eine erste deutsche Nachdichtung wurde
schon gegen Ende des 12. Jh. von Heinrich dem Glichesaere verfasst, wodurch die
Figur auch im deutschsprachigen Raum heimisch wurde.
(Stand: Febr. 05)
Auberée (ca. 1200).
Diese lustige Verserzählung eines
anonymen Autors ist eines der ältesten und gelungensten Beispiele für eine im
gesamten 13. Jh. sehr erfolgreiche Gattung: das alle erdenklichen komischen
Sujets bearbeitende Fabliau oder Fablel (Schwank).
Im Zentrum der Handlung steht hier die
pfiffige Kupplerin Auberée, die einer jungen Ehefrau und ihrem Galan beim
Betrügen (cocuage) des schon ältlichen Ehemanns hilft.
Die Gattung Fabliau, deren Texte meist
einen Umfang von 400–500 paarweise reimenden Achtsilblern haben, war vielleicht
die erste literarische Gattung, die sich im bürgerlichen Milieu entwickelt hat,
d.h. in den seit dem 11. Jh. langsam wieder wachsenden franz. Städten, die sich
im 12./13. Jh. als Zentren wirtschaftlicher und politischer Macht etablierten,
aber auch als Kulturzentren, in denen nicht nur die Architektur und die
bildende Kunst (Kirchen- und Rathausbau samt Ausschmückung) florierten, sondern
wo auch die Literatur ein wachsendes und zunehmend gebildetes Publikum fand.
Ähnlich wie der franz. Höfische Roman
wurde das Fabliau ein Exportschlager und fand Nachahmung in der englischen,
niederländischen, deutschen und italienischen Literatur (hier z.B. bei
Boccaccio).
(Stand: Febr. 05)
Jean
Bodel (1165-1209).
Dieser Bürger der reichen Tuchweber-
und Tuchhändler-Stadt Arras ist Verfasser des ältesten mit Autornamen (d.h.
nicht anonym) überlieferten dramatischen Textes der franz. Literatur: des
erstmals am 5. Dez. 1201 aufgeführten Mirakelspiels Le Jeu de Saint Nicolas.
Der Hl. Nikolaus (zuständig für das
Wiederfinden verlorener Gegenstände) ist in dem Stück übrigens nur als Statue
präsent. Im Mittelpunkt der so heterogenen wie bunten Handlung stehen liebevoll
ausgemalte Kämpfe zwischen Heiden und Christen (wobei die Christen verlieren,
die Heiden sich am Ende aber bekehren), lustige Verwicklungen um einen
gestohlenen und von den Dieben aus Angst vor der Statue wieder zurückgebrachten
Schatz sowie fabliauhafte Szenen im Wirtshaus.
Jean Bodel war nämlich auch
Fabliau-Autor, allerdings auch ein fleißiger Lyriker in verschiedenen Gattungen
sowie Verfasser einer der letzten Chansons de geste (=Heldentatenlieder bzw.
-epen), der Chanson des Saisnes, in
der es um die Kriege Karls des Großen gegen die Sachsen (=Saisnes) geht.
Bodel schrieb im pikardischen Dialekt.
Dieser war um 1200 dank dem Mäzenatentum wohlhabender Patrizier in den durch
Tuchproduktion florierenden pikardischen Städten der wichtigste franz.
Literaturdialekt neben dem anglonormannischen.
(Stand: Juli 06)
Geoffroi de Villehardouin (ca. 1150–1213).
Er ist Autor des ältesten erhaltenen
historiografischen (=geschichtsschreibenden) Werks in franz. Prosa, der Histoire de la conquête de Constantinople (1207–1213),
womit er in eine Domäne einbrach, die bis dahin dem Lateinischen vorbehalten
war.
Der aus einem Adelsgeschlecht der
Champagne stammende Villehardouin wurde um 1190 „sénéchal de Champagne“ und
nahm vielleicht mit seinem Herzog Henri II am 3. Kreuzzug (1189–92) teil. Als
dessen Misserfolg durch einen nächsten Kreuzzug wettgemacht werden sollte, war
er ab 1199 einer der Hauptorganisatoren und verhandelte z.B. 1201 mit der
Republik Venedig, die die Schiffe für die Überfahrt nach Palestina zur
Verfügung stellen sollte.
In seiner Chronik schildert
Villehardouin den dann wiederum enttäuschenden Verlauf des Unternehmens:
Nämlich wie das Kreuzfahrerheer kleiner blieb als erwartet und wie es, nach
seinem Aufbruch 1202, von den Venezianern erst zur Eroberung der dalmatinischen
Hafenstadt Zara und danach zur Einmischung in innere Querelen des oströmischen
Kaiserreichs Byzanz missbraucht wurde, wo es dem legitimen, aber von einem
Usurpator verdrängten Thronfolger Alexis IV. zur Herrschaft verhelfen sollte;
weiterhin wie das Heer 1203, statt das heidnisch gewordene Jerusalem zu erobern,
das christliche Konstantinopel (das heutige Istanbul) einnahm und es 1204
grausam plünderte, als der neugekrönte Alexis sein Versprechen brach, die
Fortführung des Kreuzzugs finanziell und militärisch zu unterstützen; weiter
wie Alexis ermordet und danach der Kreuzfahrer Graf Baudouin von Flandern zum
Kaiser ausgerufen wurde; wie aber dieser und seine meist aus Franzosen
rekrutierte Funktionselite, darunter Villehardouin, das okkupierte Reich nicht
in den Griff bekamen und 1207, nach der verlorenen Schlacht von Adrianopel, bei
der Balduin in Gefangenschaft geriet, in inneren und äußeren Schwierigkeiten
endeten.
Villehardouin selbst, der für seine
Verdienste zum „maréchal de Romanie“ befördert worden war und bei Adrianopel
den geordneten Rückzug geleitet hatte, blieb in Griechenland, wo sich
kurzlebige Kreuzfahrerstaaten etablierten. Er wurde 1207 von dem ursprünglichen
Führer des Kreuzzugs, Boniface de Montferrat, der sich zum König von
Thessaloniki (Thrakien) ausgerufen hatte, mit der Stadt Mosynopolis als Lehen ausgestattet. Hier begann er mit der
Niederschrift seiner Chronik, nach deren Abschluss er vermutlich 1213 starb,
dem Jahr, wo sein Sohn erstmals als neuer Herr von Villehardouin bezeugt ist.
Die Chronik gefällt durch ihren nüchternen
und realistischen Stil, verfolgt natürlich aber das Ziel, den neuerlichen
Misserfolg des Kreuzzugs zu erklären und zu relativieren sowie dessen Anführer
und den Autor selbst zu rechtfertigen.
(Stand: Jan. 07)
Le Lancelot en prose (1215–35).
Es ist vermutlich der erste Prosaroman
der franz. Literatur und bearbeitet den von Chrétien de Troyes übernommenen
Artus-Lancelot-Graal-Stoff. Das sehr umfangreiche Werk wurde vielleicht unter
der Leitung eines namentlich nicht bekannten Chefredaktors von mehreren Autoren
verfasst und ist in über 60 Handschriften und in mehreren unterschiedlichen
Versionen überliefert. Es war also sehr erfolgreich und wurde entsprechend
häufig abgeschrieben (was inzwischen übrigens nicht mehr nur in klösterlichen
Skriptorien geschah, sondern zunehmend auch in gewerblichen städtischen
Schreibwerkstätten).
Der Lancelot
ist der Prototyp des um die Themen Abenteuer, Kampf und Liebe kreisenden
Ritterromans, einer seit Chrétien de Troyes (s.o.) in fast ganz Europa
jahrhundertelang florierenden Gattung, der u.a. die nach 1500 zunächst in
Portugal und Spanien florierenden Amadis-Romane angehören, samt ihren Parodien
wie Rabelais' Pantagruel (1532) oder Cervantes' Don Quijote (1605-15).
Mit seiner Verklärung des Rittertums
entsprach der Lancelot (wie auch
andere franz. Ritterromane nach ihm) offenbar nicht zuletzt einem
Evasionsbedürfnis des franz. Adels, dessen Macht ab ca. 1200 durch den
energischen König Philippe Auguste († 1223) und seine Nachfolger stark
eingeschränkt wurde. Das Buch kam aber sichtlich auch dem
Unterhaltungsbedürfnis von Bürgern in den wachsenden und wirtschaftlich
aufstrebenden Städten entgegen.
(Stand: Jan. 09)
Aucassin et
Nicolette (ca. 1225).
Diese „chantefable“, wie der
unbekannte, pikardisch schreibende Autor sein Werk nennt, ist das erste
Prosimetron (Mischung aus Prosa- und Versen) der franz. Literatur. Es erzählt
in 21 Vers- und 20 Prosapassagen mit Sympathie und feinem Humor die folgende
Geschichte:
Aucassin, der Sohn des Grafen von
Beaucaire, liebt die schöne Nicolette, eine Sarrazenin, die ein gräflicher
Beamter einst als Kind auf dem Sklavenmarkt erworben, aber getauft und bei sich
aufgezogen hat. Als Feinde die Grafschaft angreifen, erklärt Aucassin seinem
Vater, dass er nur dann in den Kampf zieht, wenn er Nicolette heiraten darf,
doch der Graf lehnt diese Mesalliance ab. Auch der Beamte versucht Aucassin die
Heirat auszureden und sperrt, als das nichts nützt, Nicolette ein. Sie kann
aber fliehen und tröstet durch eine Mauerspalte Aucassin, der inzwischen seinerseits
im Kerker sitzt, weil er im Kampf zwar Heldentaten vollbracht, danach jedoch
neuen Streit mit dem unbeugsamen Vater gehabt hat. Sie baut sich nun eine Hütte
im Wald und sendet ihm, als er endlich frei ist, Lebenszeichen von dort.
Nachdem er sie gefunden hat, gehen sie
gemeinsam in ein fremdes Land, werden dort aber bei einem Überfall
nordafrikanischer Piraten gefangen und getrennt verschleppt. Während Aucassin
dank einem Schiffbruch just bei Beaucaire wieder freikommt, den Tod seines
Vaters erfährt und neuer Graf wird, gerät Nicolette nach Karthago. Hier stellt
sich heraus, dass sie die geraubte Tochter des dortigen Königs ist, der sie
sogleich mit einem muslimischen Fürsten verheiraten will. Sie flieht jedoch und
schlägt sich durch bis Beaucaire, wo sie als Spielmann verkleidet Aucassin
ihrer beider Geschichte vorträgt. Als er ergriffen den vermeintlichen Spielmann
bittet, ihm die Geliebte zu suchen, steht dem Happy End nichts mehr im Weg.
Das nicht sehr lange Werk zeugt nicht
nur von der Kunst, sondern auch von der Belesenheit seines Autors, denn es
enthält zahlreiche, teils parodistische Anlehnungen an die Literatur der Zeit,
z.B. an die Chanson de Geste, die höfische Lyrik, den höfischen Roman, den
Tristan-Roman, den neuen Prosa-Ritterroman usw. So hübsch und interessant diese
„chantefable“ heutigen Literaturhistorikern
erscheint, damals hat sie keine Schule gemacht und auch selbst ist sie
nur in einer einzigen Handschrift erhalten geblieben. Ob der dargestellte
Triumph der Liebenden über den Willen der Väter zu subversiv und die Figur der
relativ emanzipierten Nicolette zu kühn war?
Guillaume de Lorris (* um 1205, vermutlich in
Lorris-en-Gâtinais, † nach 1240).
Der als Person gänzlich unbekannte Guillaume
gilt als Autor eines 4068 Verse zählenden Romanfragments, das er gegen 1240
wohl in Paris für ein überwiegend höfisches Publikum begann und das gegen 1280
von Jean de Meung fortgesetzt und einem Ende zugeführt wurde: des sog. Rosenromans (franz. Le
Roman de la Rose).
Guillaumes besondere Leistung bestand
darin, drei Elemente gekonnt miteinander verbunden zu haben, die sämtlich in
der Literatur der Zeit zwar vorhanden, aber wenig geläufig waren: die Form der
Ich-Erzählung, die Darstellung einer ganzen Romanhandlung in Gestalt eines
Traumberichts und die Verwendung allegorischer Figuren als handelnder Personen.
Von der Meisterschaft Guillaumes zeugt auch seine so einfühlsame wie
anschauliche Darstellung der Psychologie des Verliebtseins.
Offenbar
war Guillaume auch der Erfinder der allegorischen Figur des Danger (aus
mittellat. domniarium „Herrschaft, Herrschaftsanspruch“). Dieser Unhold,
der alles verkörpert, was den Liebenden, vor allem dem liebenden Mann, die
Erfüllung ihrer Wünsche erschwert, war anschließend über 200 Jahre hinweg eine
außerordentlich verbreitete Figur in der franz. Literatur, vor allem der Lyrik.
Wahrscheinlich hat sie die Bedeutungsverschiebung von „Herrschaft“ zu „Gefahr“
verursacht, die das Wort danger im späten Mittelalter im Französischen
erlebte. In der deutschen Literatur scheint die Figur des Danger keine
Entsprechung zu haben.
(Stand: Jan. 09)
Le Roman de la
rose / Rosenroman (ca. 1230–1280).
Dieser lange allegorische Roman in
paarweise reimenden Achtsilblern ist das erste große in Paris entstandene Werk
der franz. Literatur und war wohl der meistgelesene und einflussreichste
franz.sprachige Text des Mittelalters. Er wurde zwischen 1230 und 1240 begonnen
von dem als Person nicht näher bekannten Guillaume de Lorris (* ca. 1205, † ca.
1240, s.o.) und blieb zunächst Fragment, das bei Vers 4028 abbrach. Von
Guillaume offenbar stammte die bahnbrechende Idee, drei in den Romanen seiner
Zeit zwar vorhandene, aber kaum geläufige Elemente miteinander zu verbinden:
die Form der Ich-Erzählung, die Darstellung einer ganzen Romanhandlung als
Traumbericht und die Verwendung allegorischer Figuren als handelnder Personen.
Das Werk wurde fortgesetzt und gegen 1280 mit Vers 21.750 zu einem Abschluss
gebracht von Jean de Meung (s.u.).
Der Roman beginnt mit einer kleinen
Vorrede, in der Autor dem Leser/Hörer ankündigt, er wolle seiner Dame zu
Gefallen einen quasi Wahrheit gewordenen Traum berichten, den er vor fünf
Jahren als Zwanzigjähriger gehabt habe. Der Bericht enthalte „die ganze Kunst
der Liebe“ und heiße „der Roman von der Rose“. Denn mit dieser Blume sei seine
Dame zu vergleichen.
Der dann folgende Traumbericht ist
einem Ich-Erzähler (einem der ersten der franz. Literatur) in den Mund gelegt,
der zugleich Protagonist der Handlung und, wie sich bald zeigt, fast die
einzige als realer Mensch vorzustellende Figur hierin ist. Alles beginnt damit,
dass der Erzähler vor einen mauerumschlossenen paradiesischen Garten gelangt,
dessen Besitzer Déduit (Spaß, Vergnügen) dort mit einer fröhlichen Gesellschaft,
darunter Amor, tanzt und singt. Er wird von Oiseuse (die Müßige) eingelassen
und darf etwas mitfeiern, erkundet dann jedoch den Garten, heimlich verfolgt
von Amor. Im Spiegel eines Brunnens, dem von Narziss, erblickt er das Bild
einer Rosenknospe, die er fasziniert sofort sucht und an einem großen Busch
auch findet. Bei dem Versuch, sich ihr zu nähern, wird er von den Pfeilen Amors
getroffen. Sie verwandeln seine Faszination in Liebe und machen ihn zu Amors
Vasallen. Nachdem er ihm Treue und Gehorsam gelobt hat, wird er ausführlich
belehrt über die Pflichten eines Liebenden (u.a. dass er allen, zumal Frauen,
gegenüber zuvorkommend ist, sich sauber hält und adrett kleidet) sowie sehr
anschaulich aufgeklärt über die Qualen, die ihn erwarten. Bei seinen weiteren
Annäherungsversuchen an die Rose bekommt er es mit vielerlei allegorischen
Figuren zu tun, insbes. Bel-Accueil (Freundlicher Empfang), der sich ihm zu
helfen erbietet, Raison (Vernunft), die ihn warnt, und den Bösewichten
Malebouche (Verleumdung), Peur (Furcht), Honte (Scham) und vor allem Dangier
([unrechtmäßiger] Herrschaftsanspruch), einem anschließend in der franz.
Literatur allgegenwärtigen Unhold, der das Zusammenkommen Liebender nach
Kräften behindert. Schließlich schafft der Liebende es zwar mit der Hilfe von
Venus, Danger zu überlisten und einen Kuss der Rose zu erhaschen, doch lässt
nun Jalousie (Eifersucht) um den Rosenbusch herum eine Burg errichten und
Bel-Accueil in den Burgturm sperren, so dass der Liebende verzweifelt in eine
lange Klage ausbricht – womit der erste Teil aufhört.
Die ursprüngliche, bis hierher noch
deutliche Gesamtkonzeption ist die der Vermittlung einer idealistischen
"ars amatoria" (Liebeskunst) an ein höfisches Publikum. Der liebende
adelige Mann sollte durch die theoretischen Belehrungen Amors und durch das
praktische Beispiel der Handlung die Kunst des Minnedienstes lernen, der in der
völligen Hingabe an die geliebte Dame und der geduldigen Überwindung von
Widerständen und Hindernissen besteht und eine moralische Läuterung bewirkt.
Guillaume de Lorris hatte den
Liebenden/Erzähler einerseits beiläufig anmerken lassen, er werde später den
tieferen Sinn des Werkes erklären, und hatte ihn an einer anderen Stelle
andeuten lassen, er werde die Rose erst am Ende einer langen Schlacht bekommen.
Offenbar waren es diese Bemerkungen, die Jean de Meung auf die Idee einer
Fortsetzung brachten. Er
führt zunächst die Klage des Liebenden fort, doch ändert sich sofort die
Atmosphäre des Textes. Der Liebende wirkt skeptischer, offener für Zweifel.
Auch lässt Jean ihn Aufklärung suchen, zunächst bei Raison, die ihm einen so
nüchternen wie langen Vortrag über die Probleme und Spielarten der Liebe hält,
ihn aber noch ausführlicher über moralisches und unmoralisches Handeln
überhaupt aufklärt, ihn vor dem launischen Walten Fortunas warnt und ihn zur
Aufkündigung seines Vasallenverhältnisses zu Amor drängt, was der Liebende
natürlich ablehnt. Auch im nächsten Abschnitt, dem Vortrag über praktische
Lebensregeln aller Art, den Jean seine Figur Ami auf Bitte des Liebenden halten
lässt, geht es nur am Rande um die Probleme Verliebter. Jean ist offensichtlich
vor allem an allgemeiner Unterweisung seiner Leser gelegen.
Insgesamt
kommt die Handlung in Jeans Teil fast zum Stillstand, das eigentliche Ziel, die
Rose, scheint eher nebensächlich geworden, auch wenn der Liebende sie
schließlich dank der Hilfe von Amor und seiner Mutter Venus und am Ende eines
heftigen Kampfes der allegorischen Figuren um die Rosenburg erlangt und
pflückt. Jean nämlich verschafft sich bzw. seinen Figuren ständig neue
Gelegenheiten zu gelehrten und satirischen Exkursen. So diskutiert er unter
häufiger Berufung auf antike und jüngere Autoritäten philosophische,
theologische und moralische Probleme, breitet seine beachtlichen
mythologischen, astrologischen und naturkundlichen Kenntnisse aus und nimmt zu
aktuellen Fragen Stellung, indem er etwa die Bettelmönchsorden satirisch
aufs Korn nimmt oder
die Herrschenden und die Vertreter der Kirche kritisiert. Die Liebe sieht er
als ein Phänomen der Natur, das deren Gesetzen unterworfen ist und von
moralischen Vorstellungen nur geringfügig beeinflusst wird.
Insgesamt steht Jean, der sichtlich für
ein vorwiegend städtisches Publikum schrieb, in einer ironischen Distanz zur höfischen
Denkungsart seines Vorgängers Guillaume. Aus einer fast misogynen Grundhaltung
heraus, wie sie typisch war für den mittelalterlichen Kleriker, sieht er die
Liebe nicht als Ideal, sondern als von der Natur gesteuerten Trieb, der von
moralischen Vorstellungen bestenfalls gezügelt wird. Die Frau sieht er
entsprechend nicht als Mittel der Läuterung, sondern als Versuchung, vor der er
den Liebenden von Raison nochmals eindringlich warnen lässt.
Dem Erfolg des Romans tat die
Diskrepanz der beiden Teile keinen Abbruch. Hierbei wurde von den
spätmittelalterlichen Lesern wahrscheinlich weniger der dichterisch schönere
Teil Guillaumes geschätzt als der gelehrtere und vielfältigere Teil von Jean,
den man denn auch für den Verfasser des Gesamtwerks hielt. Insgesamt sind mehr
als 300, häufig prachtvoll illuminierte Manuskripte erhalten (eine enorme Zahl
für einen mittelalterlichen Text) und an die 20 frühe Drucke bis 1538.
Entsprechend groß war der Einfluss des Werkes auf die franz. Literatur, wo es
die Gattung Traumgedicht heimisch machte und (anders als in Deutschland) in
allen Gattungen allegorische Figuren zur Selbstverständlichkeit werden ließ.
Der Rosenroman wurde von so gut wie allen franz. Autoren zwischen 1300 und 1530
gelesen und in dieser oder jener Form verarbeitet. 1527 versuchte Clément Marot
(s.u.), den Text durch eine sprachliche Modernisierung zu revitalisieren. Diese
Fassung erlebte jedoch nur noch vier Auflagen, ehe der Roman der starken
Veränderung des literarischen Geschmacks zum Opfer fiel, die von der
Wiederentdeckung der Antike und dem Einbruch des kulturellen Einflusses
Italiens in Frankreich ausgelöst wurde.
In der Übertragung Chaucers hat der
Rosenroman die englische Literatur beeinflusst, in einer parodistischen,
vielleicht von Dante verfassten Version, auch die italienische. In der
deutschen Literatur scheint er keine nennenswerten Spuren hinterlassen zu
haben.
P.S.: Die Bedeutungveränderung zu
„Gefahr“, die das franz. Wort danger (aus spätlat. dominiarium
„Herrschaft, Herrschaftsanspruch“) im 14. Jahrhundert vollzogen hat, ist
vielleicht dem von Guillaume de Lorris kreierten gefährlichen Unhold Dang(i)er
und seinen zahlreichen Nachfolgern in der franz. Literatur zu verdanken.
(Stand:
Juli 08)
Jean
de Meung
(auch Jean Clopinel oder Chopinel; geb. um 1240, wahrscheinlich in
Meung-sur-Loire; † spätestens 1305, wahrscheinlich in Paris).
Über seine Biografie gibt es so gut wie
keine genaueren Informationen. Aus seinem Schaffen lässt sich erschließen, dass
er zumindest die Artistenfakultät absolviert haben muss und Kleriker war. Auf
jeden Fall hatte er die Möglichkeit, sich eine profunde philosophische,
theologische, literarische und naturkundliche Bildung anzueignen. Auch scheint
sicher, dass er den größten Teil seiner aktiven Jahre in Paris verbracht hat.
Literarhistorisch bedeutend wurde Jean
vor allem durch seine Fortsetzung des um 1230/40 von Guillaume de Lorris
begonnenen Rosenromans (Roman de la Rose,
s.o.), die er wohl 1275-80 verfasste und durch die er die gut 4000 Verse
Guillaumes um fast 18.000 Verse erweiterte. Der Rosenroman war einer der
größten Bucherfolge, vielleicht sogar der größte, des franz. Mittelalters, und
zwar obwohl die beiden Teile nicht nur in der Länge sehr verschieden sind,
sondern auch in ihrem Geist und ihrer Machart. Der Hauptanteil an dem Erfolg
gebührt dabei wahrscheinlich nicht dem dichterisch schöneren Teil Guillaumes,
sondern dem gelehrteren und vielfältigeren Teil Jeans, unter dessen Namen denn
das Werkganze auch anschließend lief.
Die sonstige Aktivität von Jean de
Meung bestand vor allem im Übertragen lateinischer Texte ins Franz., womit er
offenbar die Bedürfnisse der zunehmenden Zahl von Lesekundigen und
Wissensdurstigen vor allem in den wachsenden und prosperierenden Städten seiner
Zeit befriedigte. So übertrug er insbes. das Standardwerk der Kriegskunst De re militari von Vegetius (4. Jh. n.
Chr.), die Briefe Abälards und Heloises (12. Jh.) und das Trostbuch De Consolatio Philosophiae von Boethius
(523/24 n. Chr.). Wie so häufig bei erfolgreichen Autoren, wurden ihm postum
auch Werke zugeschrieben, die er nicht verfasst hat.
(Stand: Jan. 09)
La Châtelaine de
Vergi (ca. 1250).
Diese anonyme, traurig-schöne höfische
Erzählung in 958 Versen gilt seit ihrer Wiederentdeckung zur Zeit der Romantik
als ein Juwel der älteren franz. Literatur. Sie variiert das aus der Bibel
bekannte Joseph-Putiphar-Motiv1) in folgender Geschichte:
Die Châtelaine (Burgherrin) von Vergi
und ein Ritter haben ein geheimes glückliches Verhältnis. Die Herzogin von
Burgund verliebt sich in den Ritter, der sie abweist, ohne zu sagen warum.
Gekränkt beschuldigt sie ihn beim Herzog mit der Lüge, er stelle ihr nach. Als
jener den Ritter tadelt und bestrafen will, weiht dieser ihn in sein Geheimnis
ein und lässt ihn versteckt sogar ein Rendez-vous mit der Châtelaine
belauschen. Der Herzog, der von der Herzogin zu erklären gedrängt wird, warum
er den Ritter nicht bestraft hat, sagt ihr schließlich den Grund. Hierauf
deutet die Herzogin der Châtelaine an, sie kenne ihr Geheimnis, und zwar aus
dem Munde des Ritters. Die Châtelaine glaubt sich verraten und stirbt vor
Kummer; der Ritter nimmt sich das Leben, als er die Tote findet und den Grund
ihres Todes erfährt. Der Herzog erdolcht im Zorn seine Frau und geht zur Buße
als Tempelritter nach Palästina.
Die offenbar recht erfolgreiche
Erzählung (18 mittelalterliche Handschriften sind erhalten), wurde immer wieder
modernisiert, ins Italienische sowie ins Niederländische übertragen und zu
englischen und deutschen Versionen verarbeitet.
1) Die geläufige Bezeichnung ist
eigentlich unkorrekt, denn Putiphar ist der Name des Gatten der Frau, die sich
in Joseph verliebt hat.
Rutebeuf (auch Rustebués genannt; Schaffenszeit
ca. 1250–1285).
Er gilt heute als der erste bedeutende
Pariser Autor in der franz. Literaturgeschichte. Über seine Biografie sind wir
nur vage aus flüchtigen Angaben in seinen Werken informiert. Deren
Entstehungsdaten müssen aus ihrem Inhalt und anderen Indizien erschlossen
werden. Auch sein eigentlicher Name steht nicht fest. Er selbst erklärt „Rutebeuf“
als Beinamen, der seinen Hang zu den heftigen Attacken ausdrücke, die ihn als
„rude beuf“ (rüder Ochse) erscheinen ließen.
Offenbar war Rutebeuf zum Studium, wohl
aus der Champagne, nach Paris gekommen, das unter den lange und erfolgreich
regierenden Königen Philippe "Auguste" (1180-1223) und Louis IX
(1226–1270) zum unbestrittenen Macht- und Kulturzentrum Frankreichs aufgerückt
war. Er hatte jedoch, wie er angibt, durch eigene Schuld, nämlich Trunk- und
Spielsucht, keinen festen Platz in der Gesellschaft gefunden. Vielmehr führte
er, zunehmend pessimistisch und verbittert und ständig über seine Armut
klagend, eine unsichere Existenz als Auftragsdichter wechselnder Gönner, als
Unterhalter mit Text- und Gesangsdarbietungen in den Häusern reicher Leute und
wohl vor allem als Spielmann auf Volksfesten.
Als Autor war er sehr vielseitig und
betätigte sich in vielen Genres, mit Ausnahme der höfischen Lyrik und des
höfischen Romans. Er verfasste Gesellschaftssatiren (z.B. La Bataille des vices contre la vertu), ein Mirakelspiel (Le Miracle de Théophile), Heiligenviten
(z.B. Vie de Sainte Marie l’Égyptienne), Fabliaux (=Schwänke), eine
satirische allegorische Fuchs-Dichtung (Renart
le bétourné), persönliche Lyrik, die meist sein Unglück thematisiert (z.B. Le
Mariage de Rutebeuf oder La Complainte de Rutebeuf), aber auch
gereimte Kreuzzugspropaganda, die die Lethargie der Christen und ihrer Führung
anprangert. Ein nicht unerheblicher Teil seiner Gedichte, z.B. der Renart,
diente ganz oder nebenher der Polemik gegen die jungen Bettelmönchsorden, die
die Volksbelustigungen bekämpften, von denen er und seine Schausteller- und
Spielmannskollegen lebten. Allerdings polemisiert er auf einer eher politischen
Ebene, indem er den Einfluss der Mönche auf den König und andere Mächtige
geißelt und die Heuchelei anprangert, mit der sie, wie er glaubt, ihren
Machthunger und ihre Gier kaschieren. Zugleich versuchte er mit seiner Polemik
die Pariser Universität, der er sich verbunden fühlte, in ihrem Abwehrkampf
gegen die Orden zu unterstützen, die an ihren Privilegien teilzuhaben
trachteten.
Rutebeuf, der sich nicht zu Unrecht
unter Wert gehandelt fühlte, ist eine relativ isolierte, unkonventionell
wirkende Stimme in der Literatur seiner Zeit. Er wird von anderen Autoren kaum
erwähnt oder zitiert und hat auch keine Schule gemacht. Der 200 Jahre jüngere
François
Villon, mit dem er gern verglichen wird, hat vermutlich nichts von ihm gewusst.
(Stand.: Sept.. 07)
P.S.: Nachdem Paris aufgrund seiner
günstigen Lage am Zusammenstrom von vier Flüssen, auf denen sich Lebensmittel
heranschaffen ließen, früh zur festen Residenz des Königshofes geworden war,
entwickelte es sich im 13. Jh. nicht nur zur eindeutig größten Stadt im
Königreich, sondern wurde, nicht zuletzt dank der Universität, auch zum
intellektuellen und kulturellen Zentrum, das alle bisherigen anderen Zentren
zweitrangig werden ließ. Hieraus erklärt sich auch der im 13. Jh. einsetzende
Siegeszug des Dialekts der Île de France, des Franzischen, das allmählich zur
Standardsprache wurde und die bisher mit ihm als Literatursprachen
rivalisierenden Dialekte bzw. Sprachen verdrängte, d.h. das Anglonormannische
(das ohnehin langsam mit dem Angelsächsischen zum Englischen verschmolz), das
Normannische, das Champagnische, das Pikardische sowie das Okzitanische
Südfrankreichs.
Brunetto
Latini bzw. Brunet Latin (ca.
1230–1294)
Der Name dieses ersten Italieners in
der franz. Literaturgeschichte verbindet sich mit dem nach 1260 begonnenen Livre du trésor (=das Buch vom Schatz), einem Kompendium des
geographisch-naturkundlichen, philosophisch-moralischen und
biblisch-althistorischen Wissens der Zeit und zugleich der Politik und
Rhetorik.
Das Werk entstand in Paris während
einer Verbannung des hochgebildeten Frühhumanisten Brunetto aus seiner von
inneren Machtkämpfen zerrissenen Heimatstadt Florenz. Es war gedacht als
Lehrbuch und Nachschlagewerk für ein breiteres, d.h. nichtklerikales, vor allem
städtisch-patrizisches Publikum.
Der in nüchterner franz. Prosa
geschriebene Trésor, für den es damals
nur lateinisch verfasste Vorbilder gab, wurde seinerseits Vorbild für
zahlreiche ähnliche in den Volkssprachen verfasste Werke in Frankreich und
anderswo in Europa. Die Tatsache, dass Brunetto französisch schrieb, um (wie er
selbst vermerkt) möglichst viele Leser zu erreichen, bezeugt die Bedeutung, die
das Französische inzwischen als europäische Lingua
franca gewonnen hatte, d.h. als Verkehrssprache, die vielerorts, bis in den
Vorderen Orient hinein, verstanden und benutzt wurde.
Brunetto kehrte übrigens 1267, nachdem
seine Partei in Florenz wieder an die Macht gekommen war, dorthin zurück und
gelangte in höchste Ämter dieses seinerzeit reichen und mächtigen, als Republik
verfassten Stadtstaates. Dante bezeichnet ihn in seiner Divina commedia
(I, 15) als seinen Lehrer, versetzt ihn allerdings zu den Sodomiten in die
Hölle.
(Stand: Febr. 05)
Adam de la Halle (ca. 1235 – ca.
1285).
Adam, der auch „le Bossu“ (der
Bucklige) genannt wurde, ist heute vor allem bekannt als der Autor von Le Jeu de la feuillée (1276/77), dem
ersten satirischen Theaterstück der franz. Literatur. Hierin bringt er sich
selbst, seinen Vater, seine Frau, Verrückte und Feen sowie diverse reiche
Patrizier seiner Heimatstadt Arras auf die Bühne und karikiert sich und sie
überwiegend boshaft in einer Serie von Szenen, die wie bissige Rundumschläge
aus einer Lebenskrise heraus erscheinen (von der er sich offenbar gern durch
einen Wechsel ins intellektuell lebendigere Paris befreit hätte).
Ca. 1284 (Adam stand inzwischen im
Dienst des Grafen Robert von Artois) verfasste er in Neapel ein weiteres Stück,
das Singspiel Le Jeu de Robin et de
Marion. Dieses sollte zur Unterhaltung des franz. Heeres beitragen, mit dem
Robert 1283 nach Neapel gezogen war, um dem jüngeren franz. Königssohn Charles
d'Anjou (der seit 1266 König von Neapel-Sizilien war) zu helfen, das seit 1282
aufständische Sizilien zurückzuerobern.1)
Die Handlung des Jeu de Robin et de
Marion spielt in einer halb realistischen, halb konventionell-arkadischen
Hirtenwelt und rankt sich um das traditionelle Pastorellen-Motiv, d.h. die
Begegnung in freier Natur zwischen einem liebeshungrigen Ritter und einer
jungen Schäferin (wobei im vorliegenden Fall Marion ihrem Robin treu bleibt und
den Ritter abblitzen lässt – ähnlich wie es oft auch in den zahlreichen
anderen, meist in Gedichtform verfassten "Pastourelles" geschieht).
Adam war in seinen jüngeren Jahren auch
als Lyriker (und Komponist seiner Texte) nicht unbedeutend. Die reiche
Tuchmetropole Arras verfügte zu dieser Zeit durchaus über ein eigenständiges
geistiges Leben, z.B. mit regelmäßigen Wettdicht- und Wettsingveranstaltungen
(„puis“), in denen er sich profilieren konnte.
1) Frankreich war im 13. Jh. dank einer
Serie tüchtiger Könige von Philippe II "Auguste" (1180-1223) bis zu
Philippe IV "le Bel" (1285–1314) die politisch stärkste Macht in
Europa! Die Wiedereingliederung Siziliens in das Königreich Neapel allerdings
gelang für dieses Mal nicht.
Marco Polo (ca. 1254–1324).
Dieser venezianische Patrizier, Kaufmann und Reisende ist in
die franz. Literaturgeschichte eingegangen mit Le Livre des merveilles du monde (1298), dem ersten weitgehend
realistischen Bericht über die in Westeuropa bis dahin praktisch unbekannten
Länder und Völker in Fernost.
Im Mittelpunkt steht China, wo Polo sich zunächst als noch
jugendlicher Begleiter seines Vaters und seines Onkels, dann als Günstling des
Großkhans (=Kaisers) 17 Jahre lang (1275–1292) aufgehalten hatte, während derer
er viel in dem Riesenreich selbst herumkam, aber auch Indien und Burma
bereiste. Ebenfalls beschrieben werden der Hinweg über die berühmte
Seidenstraße und der Rückweg, der per Schiff bis Persien, über Land bis
Konstantinopel und dann wieder per Schiff nach Venedig führte.
Das Buch entstand durch den Zufall, dass Polo bei einem
Seegefecht zwischen Venezianern und Genuesen in genuesische Gefangenschaft
geriet und von einem Mitgefangenen, dem auch als Autor anderer Werke bekannten
Rustichello da Pisa, gedrängt wurde, ihm den Bericht seiner Reise zu diktieren,
wobei die beiden als geeignetste Sprache das ihnen ausreichend vertraute
Französische wählten (in das sie allerdings viele Italianismen mischten).
Der "Marco Polo" wurde in den nachfolgenden zwei
Jahrhunderten sehr viel gelesen, denn mehr als 80 Handschriften, auch von
Übersetzungen in andere Sprachen, sind erhalten. Darüberhinaus wurde er von
Gelehrten aller Art ausgewertet, vor allem Geographen, die seine sehr exakt
wirkenden Entfernungsangaben für ihre Karten übernahmen. Noch Kolumbus benutzte
diese Angaben zur Errechnung der Länge einer Seefahrt quasi hinten herum nach
Indien (wobei er aber viel zu optimistisch kalkulierte und verhungert und
verdurstet wäre, hätte er nicht Amerika, genauer: eine karibische Insel
gefunden).
Jean de Joinville (* 1224 oder 1225;
† 24.12.1317)
Er ist vor allem bekannt als Verfasser
einer Darstellung von König Louis IX des Heiligen (1214-70), die als erste
franz.sprachige Biographie in einem modernen Sinne gilt.
Joinville gehörte einer Familie an, die
nicht zuletzt durch reiche Heiraten in den Hochadel aufgestiegen war und in der
das (Richter-)Amt eines Sénéchal de Champagne erblich war. Im Alter von ca.
acht Jahren verlor er seinen Vater, wonach er von seiner Mutter erzogen wurde,
die aus der Familie der Grafen der Bourgogne stammte.
1241 ist Joinville ein erstes Mal in
seinem Rang als Sénéchal nachweisbar, und zwar bei einem königlichen Hoftag in
Saumur. Anschließend unternahm er eine Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela.
Nach seiner Rückkehr heiratete er.
1245 oder 46 nahm er erstmals als
Ritter an Kampfhandlungen teil anlässlich der Fehde eines Onkels, des Grafen
von Chalon.
Ostern 1248, inzwischen war er Vater
zweier Kinder, darunter eines Sohnes, nahm er das Kreuz, wie es schon mehrere
Vorfahren von ihm getan hatten, und schloss sich mit zehn von ihm besoldeten
Rittern dem Sechsten Kreuzzug an, zu dem Louis IX von Marseille aus aufbrach.
Während der längeren Zwischenstation auf Zypern trat er, nicht zuletzt wohl aus
finanziellen Gründen, in das königliche Gefolge ein.
Bei der Landung des Kreuzfahrerheeres
im Nil-Delta Anfang 1249 und der Einnahme der dortigen Hafenstadt Damiette
zeichnete Joinville sich aus. Wenig später nahm er an der desaströsen
Belagerung von al-Mansura teil, an welcher der Kreuzzug scheiterte. Auf dem Rückzug
nach Damiette geriet er im Februar zusammen mit König Louis in Gefangenschaft.
Gegen Zahlung eines hohen Lösegeldes wurde er im Mai freigelassen, gemeinsam
mit Louis, mit dem er sich nach Akkon in Palästina einschiffte. In dieser
Hafenfestung, die noch von Kreuzfahrern gehalten wurde, blieb er vier Jahre
lang mit ihm zusammen und begleitete ihn 1254 zurück nach Frankreich. In diesen
Jahren täglichen Umgangs mit seinem König wurde er zu dessen engen Vertrauten,
was er in der Folgezeit als Mitglied des Kronrates blieb.
1267 (inzwischen hatte er sich in
zweiter Ehe verheiratet und war vor kurzem wieder Vater geworden) wurde
Joinville von Louis gedrängt, an einem neuerlichen Kreuzzug (dem siebten)
teilzunehmen, der nach Tunis führen sollte. Er lehnte jedoch ab, weil er sich
den Seinen verpflichtet fühlte und überdies das Vorhaben für unrealistisch
hielt – zu Recht, denn Louis kam 1270 vor Tunis ums Leben, ohne Erfolge erzielt
zu haben.
1282 gehörte Joinville zu den Zeugen im
Kanonisierungsverfahren, das für Louis eröffnet worden war und 1290 mit dessen
Heiligsprechung endete. Der Wortlaut seiner Aussage ist erhalten.
Da er schon während seines Aufenthalts
in Palästina einen Kommentar des Credo verfasst hatte (der ihn als guten
Bibelkenner ausweist), begann er 1305 auf Bitten der Königin das Livre des
saintes paroles et des bons faits de nostre saint roi Louis (=Das Buch von
den heiligen Worten und guten Taten unseres heiligen Königs Ludwig), das er
1309 fertigstellte und dem amtierenden König Philippe le Bel widmete, einem
Enkel von Louis IX.
Das Werk sollte der Belehrung und
Erbauung des Kronprinzen (des späteren Louis X, *1289) dienen, doch verfolgte
es daneben naturgemäß auch politische Ziele, nämlich die Stärkung der Dynastie
durch die Präsentation eines mustergültigen Herrschers aus ihren Reihen.
Joinville bringt sich aber auch selbst zur Geltung, denn er erzählt als erster
Chronist der franz. Literatur in der 1. Person. Der Form nach ist sein Werk ein
sehr persönlich wirkender, lebendiger Bericht seiner vielen Begegnungen mit
Louis und mischt insofern Gattungsmerkmale von Biografie, Autobiografie,
Chronik und Reisebericht, aber auch der meist lateinischen Exempla-Literatur
der Zeit.
Joinville nahm noch als Hochbetagter an
mehreren Kriegszügen teil und starb im für mittelalterliche Verhältnisse sehr
hohen Alter von gut 90 Jahren auf seinen Besitzungen in der Champage.
Sein Image eines ersten Biografen im
modernen Sinn resultiert daraus, dass er bestrebt ist, die dargestellte Person
trotz aller Sympathie möglichst objektiv darzustellen, d.h. in den
unterschiedlichsten, sowohl alltäglichen wie offiziellen Situationen, und ihn
weniger apologetisch als Heiligen zu verherrlichen denn als guten Christen und
König zu zeigen, der durchaus auch diese oder jene Schwäche aufweist.
Das Werk Joinvilles fand zu seiner Zeit
offenbar keine weite Verbreitung, denn nur wenige Manuskripte sind erhalten.
Auch hat es, vielleicht aufgrund seiner unkonventionellen Form, nicht als
Vorbild gewirkt. Immerhin wurde es 1547 gedruckt unter dem knappen Titel Vie
de Saint Louis. Erst im 19. Jh. wurde es von (Literar-)Historikern stärker
beachtet. Eine deutsche Übersetzung (Th. Nissle) erschien 1854.
(Stand: Jan. 09)
Guillaume de Machaut (ca. 1300 – 1377).
Er war einer der großen Autoren, aber
auch Komponisten seines Jahrhunderts. (In Nachschlagewerken wird er häufig
unter "G", d.h. seinem Vornamen, geführt.)
Er wurde geboren wahrscheinlich in
Machault, einem Dorf in den Ardennen, als Sohn einer nichtadeligen Familie, die
aber sichtlich wohlhabend genug war, um ihm eine gute Bildung zu ermöglichen.
Nach Studien an der Domschule von Reims trat er ca. 1323 in die Dienste Herzog
Johanns von Luxemburg (1296-1346), eines Sohnes Kaiser Heinrichs II. Zum
Sekretär Johanns befördert, der zugleich König von Böhmen, Mähren und Schlesien
war, begleitete er diesen auf seinen vielen Reisen durch seine Territorien und
auf zahlreichen Kriegszügen. Dank ihm erhielt er 1337, obwohl nie zum Priester
geweiht, eine einträgliche Domherrenpfründe im Domkapitel von Reims, wo er ab
1340 auch überwiegend lebte, nachdem Johann erblindet war und weniger umherzog.
Als 1346 Johann in der englisch-franz.
Schlacht von Crécy umkam (auf Seiten des Verlierers, König Philippe VI von
Frankreich), trat Machaut in die Dienste Guthas (alias Bonne) von Luxemburg,
der Tochter Johanns und Schwiegertochter Philippes. Nach Guthas baldigem Tod
(1349) war Machaut als Dichter renommiert genug, um keinen festen Dienstherrn
mehr zu benötigen. Vielmehr schloss er sich wechselnden fürstlichen Mäzenen an,
z.B. dem Dauphin (Kronprinz) und späteren König Charles V (1364–1380) oder
dessen kunstliebendem Bruder Herzog Jean de Berry († 1416), an deren Höfen er
gastierte und denen er – natürlich gegen Entgelt – seine Werke widmete.
Machaut war Verfasser von längeren,
meist allegorischen Versdichtungen verschiedener Gattungen sowie von kürzeren
Verserzählungen und -romanen, die in der Regel die Ich-Form benutzen und viele
autobiografische Elemente enthalten. Er versuchte sich aber auch in der Gattung
Vers-Chronik mit La Prise d'Alexandrie,
einem Bericht von der (vorübergehenden) Eroberung Alexandrias 1365, den er
1370-1371 zu Ehren des 1369 ermordeten Eroberers Pierre de Lusignan, Königs von
Zypern, verfasste. Vor
allem aber war Machaut ein sehr produktiver, seine Kunst reflektierender
Lyriker, von dem 234 Balladen, 76 Rondeaus und rd. 100 andere Gedichte erhalten
sind. Hauptgegenstand dieser Lyrik, die formal und thematisch überwiegend im
Gefolge der höfischen Dichtkunst steht, ist die Liebe oder genauer "das
Lob der Damen".
Machaut war übrigens einer der letzten,
der viele seiner Gedichte vertont hat, und er gilt auch in der Musikgeschichte
als Figur von epochaler Bedeutung.
Von Interesse ist er darüber hinaus als
Autor des wohl ersten autobiografischen Liebesromans der franz. Literatur, Le voir dit (=die wahre Dichtung), einer
1362 verfassten Liebesgeschichte um die junge Péronne d'Armentières und den
schon ältlichen Dichter, der darin zugleich die Entstehung seines Werkes
thematisiert.
Von seinen Zeitgenossen wurde Machaut
als ein Meister seiner Kunst verehrt. Sein Einfluss auf die nächsten
Lyrikergenerationen, insbes. auf Jean Froissart, Eustache Deschamps und
Christine de Pizan war groß. Seine Existenz als eines vor allem für Höfe und
fürstliche Mäzene Tätigen wird für die Autoren des 14. und 15. Jh. typisch
werden.
P.S.: Die im vorangehenden 13. Jh. so
bedeutende kulturtragende Funktion der reichen Stadtbürgerschaft (des
Patriziats), war im 14./15. Jh. stark gemindert dadurch, dass die Städte
verarmt waren aufgrund eines ganz Europa betreffenden enormen Rückgangs der
Bevölkerungszahl und damit der Wirtschaftskraft. Ursache hierfür waren zunächst
Serien von Missernten und Hungersnöten, die ausgelöst wurden von einer starken
Klimaverschlechterung nach 1300, und dann die Große Pest von 1348–50, bei der
weit mehr als die Hälfte aller Europäer starben, und zwar vor allem in den
Städten aufgrund der dort größeren Ansteckungsgefahr. In Frankreich kamen ab
1337 verschlimmernd die Auswirkungen der ersten Phasen des Hundertjährigen
Krieges zwischen der englischen und der franz. Krone hinzu.
Jean
Froissart (*
ca. 1337 in Valenciennes, † ca. 1410, wahrscheinlich in Chimay/Belgien).
Er ist von besonderem Interesse als
Autor der von 1370 bis 1400 verfassten Chroniques,
des wohl ersten franz.sprachigen historiografischen Werks, das Ereignisse der
jüngeren und jüngsten Vergangenheit nicht, wie bis dahin üblich, aus der
rückblickenden Perspektive eines selbst daran Beteiligten berichtet, sondern
sie auf der Grundlage schriftlicher Quellen sowie der Befragung von Teilnehmern
und Augenzeugen darstellt.
Froissart wuchs auf im (heute
belgischen) Hainaut (Hennegau). Nach einer Ausbildung als Kleriker ging er 1361
nach London an den englischen Hof, da er Anschluss an Philippine de Hainaut,
die Gemahlin von König Edward III, gefunden hatte. Seine literarische Laufbahn
begann er als höfischer Lyriker und Verfasser längerer, oft allegorischer
Versdichtungen im Stile Guillaumes de Machaut. Schon in London jedoch, wo er
viele Teilnehmer am Hundertjährigen Krieg zwischen den Kronen Englands und
Frankreichs kennenlernte und von wo aus er bald auch zahlreiche Reisen für
Recherchen und die Befragung von Zeitzeugen unternahm,
begann er sich
als Chronist der jüngsten Vergangenheit zu betätigen. Eine erste Chronik, die
die Kriegstaten der Engländer feierte und Philippine gewidmet war, ist jedoch
nicht erhalten.
1368 begleitete er einen Sohn
Philippines zur Verheiratung nach Mailand und erfuhr auf der Rückreise 1369,
dass seine Gönnerin gestorben war. Er ließ sich nun im heimatlichen Hainaut
nieder und widmete sich seinen Chroniques,
nachdem er neue Mäzene gefunden hatte. Dies waren z.B. Robert de Namur und Guy
de Châtillon, Comte de Blois, der ihm 1373 die Pfarrei von Estinnes-au-Mont als
Absicherung besorgte und ihm 1388 für den Spanien-Teil seiner Chronik eine
Reise an den Hof des Grafen von Foix-Béarn nahe der spanischen Grenze
finanzierte. Vor allem aber erhielt Froissart die Unterstütztung Wenzels von
Luxemburg, Herzogs von Brabant, mit dem ihn ein engeres persönliches Verhältnis
verband.
Zentraler Gegenstand der sehr
umfangreichen Chroniques de France,
d'Angleterre, d'Escoce, d'Espaigne, de Bretaigne, de Gascogne, de Flandres et
lieux circonvoisins ist das Hin und Her des von 1337 bis 1458 immer wieder
aufflammenden Hundertjährigen Krieges. Hierbei sympathisiert Froissart anfangs
eher mit den Engländern, erst später macht er sich zumindest ansatzweise auch
die Leiden des Volkes in Frankreich bewusst sowie die Tatsache, dass die
englischen Feldzüge auf franz. Boden Raubzüge waren. Insgesamt aber sieht er
den Krieg mehr als Ausfluss persönlicher Ruhmbegierden von Fürsten und Herren
sowie als Abfolge eindrucksvoller Ritterkämpfe und Schlachten denn als einen
blutigen Konflikt, in dem englische Könige und Heerführer die Schwäche
ausnutzten, in die Frankreich nach 1314 durch eine Serie rascher Thronwechsel
verfiel und die es ihnen ermöglichte, immer wieder große Teile des Landes unter
ihre Herrschaft zu bringen.
Neben der Arbeit an den nach und nach
auf vier umfangreiche Teile anwachsenden Chroniques
schrieb Froissart auch noch andere Werke. So beendete er 1383 den Meliador, einen der letzten franz.
Ritterromane in Versform, in den er auch Gedichte des im selben Jahr
verstorbenen Herzogs Wenzel einstreute.
Nachdem er sich mit Guy de Châtillon
überworfen hatte, fand er in seinen späten Jahren einen Gönner in Philippe le
Hardi (Philipp der Kühne, †1404), Herzog von Burgund. Auf einer seiner immer
noch fortgesetzten Informationsreisen besuchte er 1395 auch London, verließ es
aber bald enttäuscht. Er beendete sein Leben als Kanonikus in Chimay.
Die Chroniques erfuhren im 15. Jh. eine
so beachtliche Verbreitung, das sich mehr als 100, z.T. reich illustrierte
Manuskripte erhalten haben.
(Stand: Juli 05)
Eustache
Deschamps (auch
Eustache Morel genannt, ca. 1345–1404).
Er war der bedeutendste franz. Lyriker
der zweiten Hälfte des 14. Jh. und war vielleicht ein Neffe von Guillaume de
Machaut, jedenfalls aber eine Zeitlang sein Zögling an der Domschule von Reims.
Nach Jurastudien an der Universität
Orléans erlangte Deschamps dank seiner Talente als Dichter und als Unterhalter
1368 die Protektion von König Charles V und nach dessen Tod (1380) die von
Charles VI sowie vor allem von dessen kunstliebendem und ehrgeizigem jüngeren
Bruder Herzog Louis d'Orléans, zu dessen Gefolge er ab 1390 zählte. Von seinen
Gönnern erhielt er mehrere kleinere königliche Ämter zugewiesen, von denen er
samt seinen Kindern (seine Frau war 1376 jung nach der Geburt des dritten
gestorben) passabel leben konnte, obwohl er häufig klagte. 1389 wurde er zum
seigneur de Barbonval erhoben und somit geadelt. Er hielt sich meist in Paris
am Hof auf, war aber auch viel mit seinen Fürsten und für sie unterwegs. So war
er 1384/85 Mitglied einer diplomatischen Mission nach Ungarn und Kroatien, 1397
reiste er als Botschafter von Louis d'Orléans nach Mähren. Um 1400 zog er sich
mehr und mehr zurück, gesundheitlich angeschlagen und unzufrieden mit dem
Machtgerangel am Hof, wo verschiedene Klüngel, nicht zuletzt der von Louis, den
intermittierend geistesgestörten König zu manipulieren versuchten.
Deschamps war mit etwa 1500 erhaltenen
Gedichten in allen damals gängigen Genera, darunter vor allem gut 1100 Balladen
und an die 200 Rondeaus über vielerlei Sujets, einer der produktivsten und
thematisch, formal und stilistisch innovativsten Lyriker des franz.
Mittelalters. Sein Einfluss auf die Autoren neben ihm (z.B. auch auf Geoffrey
Chaucer) und nach ihm war groß und reicht bis weit ins 15. Jh. hinein, z.B. bis
zu Villon.
Während seine dem Thema Liebe
gewidmeten Gedichte meist eher konventionell bleiben, wirken seine
moralisch-gesellschaftlichen Problemen, z.B. denen des Hoflebens, gewidmeten
Texte (meist Balladen) sehr persönlich. Bei den Zeitgenossen hoch angesehen
waren auch seine philosophischen, didaktischen und satirischen Balladen.
Ein zentrales Thema Deschamps’ ist der
Niedergang Frankreichs durch den nach Charles’ V Tod wieder aufflammenden
Hundertjährigen Krieg. In einer Ballade bejammert er z.B., wie (1380) auch sein
eigener Landsitz nahe seinem Geburtsort Vertus von englischer Soldateska
geplündert und abgebrannt wurde. In der Fragment gebliebenen allegorischen
Versdichtung La Fiction du lion, wo
er Frankreich als Löwen und England als Leoparden darstellt, beklagt er das
Versagen des Nachfolgers von Charles V, der es nicht schaffte, den „Leoparden“
in die Schranken zu weisen. Ein anderes politisches Thema, nämlich das Große
Schisma in der Katholischen Kirche, behandelt Deschamps in La Complainte de l'Eglise desolee (1393).
In seinen letzten Jahren arbeitete er
an der unvollendet geblieben satirischen Versdichtung Le Miroir du mariage, wo er die Vor- und Nachteile (meist eher
diese) der Ehe diskutiert.
Deschamps ist darüber hinaus
interessant als Autor der ersten in franz. Sprache verfassten Poetik
(Dichtungslehre), L'Art de dicter et de
faire chansons (1392), einer Zusammenstellung von Regeln und Rezepten zum
Verfassen metrisch gebundener Texte, wobei es ihm mehr auf die „musique
naturelle“ der Sprache als auf die „musique artificielle“ der Melodie ankommt
(denn er war einer der ersten, die auf eine Vertonung und musikalische
Begleitung ihrer lyrischen Texte weitgehend verzichten).
(Stand: Jan. 05)
P.S.: Der mit vielen Pausen insgesamt
von 1337 bis 1453 dauernde Krieg zwischen den Kronen Englands und Frankreichs
spielte sich ausschließlich auf franz. Boden ab und bestand weitgehend aus den
sommerlichen Beutezügen englischer Heere. Seine Schlachten gingen häufig
zugunsten der Engländer aus, weil deren Truppen zwar zahlenmäßig meistens
unterlegen, aber technisch dank ihrer Bogenschützen und taktisch dank ihrer
größeren Disziplin überlegen waren.
Christine de Pizan bzw. de Pisan (1365 – ca. 1430).
In ihren fast 40 Schaffensjahren war
Christine die mit Abstand produktivste aller Literaten ihrer Generation. Sie
gilt als die erste Autorin der franz. Literatur, die (samt ihrer Familie) mehr
oder weniger von ihrer Feder zu leben geschafft hat. Nachdem sie von einer
lange Zeit männlich dominierten Literaturgeschichtsschreibung eher
vernachlässigt worden war, wird sie heute relativ hoch geschätzt und von
Literatur- und Sozialwissenschaftlerinnen als eine Feministin avant la lettre
betrachtet.
Geboren in Venedig als Tochter des
Astrologen und Arztes Tommaso da Pizzano, kam sie als Mädchen nach Paris,
nachdem ihr Vater Leibarzt von König Charles V geworden war. Sie erhielt
eine gute Bildung (die sie später durch die fleißige Lektüre antiker und
zeitgenössischer Autoren erweiterte) und wurde fünfzehnjährig mit dem 10 Jahre
älteren kleinadeligen königlichen Notar und Sekretär Étienne du Castel
verheiratet, mit dem sie rasch hintereinander drei Kinder bekam.
Nach dem Tod ihres Gatten während einer
Epidemie (1389) und ihrer Verarmung durch Erbschaftsprozesse begann sie zu
schreiben. Dank ihrer einstigen Nähe zum Hof gewann sie dort Mäzene und
entwickelte das System, von ihren Werken nach deren Fertigstellung
Prachthandschriften anfertigen zu lassen, die sie in der Hoffnung auf
fürstliches Entgelt Mitgliedern der königlichen Familie überreichte, vor allem
der Königin Isabeau de Bavière und den Herzögen Louis d'Orléans, Jean de Berry
und Philippe de Bourgogne.
Christine begann als Lyrikerin unter
dem Einfluss von Eustache Deschamps (s.o.), wobei sie z.B. in sehr persönlich
wirkender Weise den Verlust des geliebten Gatten beklagt (Ballades du veuvage, Cent
ballades d'amant et de dame).
Sie schrieb dann mehr
lehrhaft-philosophische Werke, u.a. ein Lehrbuch für angehende Fürsten (L'Épître d'Othéa, 1400), Betrachtungen
über das Wirken Fortunas in ihrem eigenen Leben und in der antiken Geschichte (La Mutation de Fortune, 1403), und
schließlich politisch motivierte Werke, worin sie auf die vielen Kriege und
Bürgerkriege im Frankreich des geistesgestörten Königs Charles VI (1380–1422)
reagierte, hinter dem ständig verschiedene Personen und Parteien um die Macht
im Staate kämpften und dabei immer wieder auch England in ihre Streitereien
hineinzogen (z.B. Le Livre des faits
d'armes et de chevalerie, 1410; Le
Livre de paix, 1412; Lamentations sur
les maux de la guerre, 1420).
Ebenfalls politisch intendiert war eine
apologetische Biografie (1405) des Protektors ihres Vaters und großen Königs
Charles V (1364–1380), der mit Hilfe seines tüchtigen Feldherrn Du Guesclin die
Engländer fast aus Frankreich hinausgedrängt und das Land vorübergehend
befriedet hatte.
1399, und damit beginnt der
„feministische“ Teil ihres Schaffens, kritisierte sie die Misogynie der Männer
ihres gesellschaftlichen Umfeldes, insbesondere die des Autors Jean de Meung im
Rosenroman. Sie entfesselte damit die
sog. Querelle du Roman de la Rose, den ersten Pariser Literatenstreit in
der Geschichte der franz. Literatur, in den sie selbst mit ihrer Épître au dieu d'amours (ebenfalls 1399)
eingriff. 1400 verfasste sie Le Dit de la
rose, der die fiktive Gründung eines die Frauen beschützenden „Rosenordens“
beschreibt. Von 1404 datiert ein Traktat zur richtigen Erziehung der Mädchen, Le Livre des trois vertus. 1405 stellte
sie ihr aus heutiger Sicht interessantestes Werk fertig, Le Livre de la Cité des dames, in dem sie an Protagonistinnen aus
der biblischen und der antiken Geschichte die Fähigkeiten bedeutender Frauen
vorführt und den utopischen Entwurf einer Gesellschaft entwickelt, die den
Frauen gleiche Rechte gewährt.
1418, während einer der heißesten
Phasen des Hundertjährigen Krieges, zog sie sich zu ihrer Tochter in ein
Kloster unweit von Paris zurück.
Hier wurde sie 1429 noch Zeugin der
Heldentaten von Jeanne d'Arc, der „Jungfrau von Orléans“, der sie nach schon
längerem Schweigen einen Lobpreis widmete (Dictié
en l'honneur de la Pucelle, 1429). Danach ist nichts mehr bekannt von ihr.
(Stand: Febr. 07)
Journal d'un
bourgeois de Paris (1405–1449). Es ist das älteste erhaltene Tagebuch
in franz. Sprache und berichtet aus der Perspektive eines namentlich
unbekannten Pariser Klerikers vom Alltagsleben in einer schwierigen Zeit, die
in und um Paris geprägt war durch fast pausenlose Kriege bzw. Bürgerkriege,
Anarchie, Seuchen, Hunger und Not. Das Journal
ist naturgemäß weniger als literarischer Text denn als Informationsquelle für
Historiker interessant.
Alain Chartier (ca. 1385–1433)
Er ist als Lyriker und Erzähler mit
Abstand der bedeutendste franz. Autor der Zeit um 1425 und galt als solcher
auch schon bei den Zeitgenossen.
Chartier (der in Literaturgeschichten
und Lexika häufig unter „Alain“ figuriert) stammte aus einer bürgerlichen
Familie der normannischen Bischofstadt Bayeux. Wie sein ältester Bruder
Guillaume, der später Bischof von Paris wurde, und sein älterer Bruder Thomas,
der königlicher Notar wurde, studierte er in Paris. Spätestens um 1415 stand
auch er in Beziehung zum Hof als Sekretär des Dauphins, des späteren Königs
Charles VII. Diesem diente er praktisch sein ganzes Leben lang und reiste für
ihn des öfteren als kompetenter Begleiter ranghöherer, aber weniger kompetenter
Botschafter bzw. Unterhändler zu europäischen Fürsten. Zum Dank bekam er von
Charles mehrere einträgliche Domherrenpfründen (die kumulierbar waren)
verschafft. Er starb auf einer diplomatischen Reise in Avignon. Seine Existenz
war überschattet von der schlimmsten Phase des Hundertjährigen Krieges zwischen
den Kronen Englands und Frankreichs sowie dem darin eingebetteten
innerfranzösischen Bürgerkrieg zwischen Bourguignons und Armagnacs.
Chartier begann als Lyriker im Stil der
höfischen Lyrik der Zeit und betätigte sich sein ganzes Leben hindurch in
praktisch allen ihren Gattungen (Balladen, Rondeaus, Virelais usw.). Der
Grundton der meisten seiner Gedichte ist melancholisch.
Sein erstes längeres Werk war die Verserzählung
Le Livre des quatre dames, die er 1416 in Paris verfasste, unter dem
Schock der Niederlage eines weit überlegenen franz. Ritterheeres gegen die
diszipliniert kämpfenden englischen Bogenschützen bei Azincourt (1415). Hierin
berichtet ein Ich-Erzähler von vier Damen, die ihn zu entscheiden bitten, wer
die Unglücklichste von ihnen sei: diejenige, deren Freund in der Schlacht
gefallen ist, die, deren Freund seitdem vermisst wird, die, deren Freund dort
in Gefangenschaft geraten ist, oder schließlich die, deren Freund sich durch
feige Flucht gerettet hat.
1418 floh Chartier mit dem Dauphin
Charles und dessen Gefolge vor den „Bourguignons“ aus Paris nach Bourges.
Hier schrieb er 1422 das Quadrilogue
invectif, ein Vierergespräch zwischen den allegorischen Figuren le Clergé
(=der kath. Klerus), la Chevalerie (=der Adel), le Peuple (=das Volk) und Dame
France, wobei „Frau Frankreich“ den drei Anderen, d.h. den Franzosen insgesamt,
ihre Uneinigkeit angesichts der wirren Verhältnisse in ihrem Land vorwirft. Dieses
nämlich hatte 1420 beim Tod des geistesgestörten Charles VI zwei Könige
bekommen: Über die Mitte und den Süden regierte von Bourges aus der Ex-Dauphin
und Sohn von Charles VI, Charles VII. Im Norden und Westen dagegen herrschte
von Paris aus und mit Hilfe englischer Truppen dessen Neffe, der kleine Henry
VI., Sohn einer Tochter von Charles VI und des früh verstorbenen englischen
Königs Henry V.
In die Literaturgeschichte eingegangen
ist Chartier vor allem als Verfasser der Verserzählung La belle dame sans
merci (=die gnadenlose schöne Dame), die er 1424 in Bourges verfasste,
offenbar zur Zerstreuung des Hofes von Charles VII, der zu dieser Zeit kaum
etwas tat, um seine Königsrechte durchzusetzen. Die 100 aus achtzeiligen
Achtsilbern bestehenden Strophen („huitains“) enthalten eine kleine
Rahmenhandlung um einen mit dem Autor identisch gedachten Ich-Erzähler, in die
ein langer, angeblich von ihm belauschter Dialog zwischen einem Liebenden und
seiner Dame eingebettet ist. Offensichtlich gelang Chartier mit diesen beiden
Figuren eine epochemachende Gestaltung des Typs der spröden, sich verweigernden
Frau, eben der „gnadenlosen Schönen“, sowie vor allem des schmachtenden
Liebhabers, d.h. des abgewiesenen, sich aber nicht lösen könnenden und sich in
seinem Unglück verzehrenden Liebenden, wobei dieser sich hier naiv auf die
Ideale und Regeln der höfischen Liebe beruft, während jene ihnen
ironisch-distanziert gegenübersteht. Die Belle dame sans merci war enorm
erfolgreich und wurde in den nachfolgenden Jahrzehnten unendlich oft von
anderen Autoren zitiert, plagiiert, pastichiert und parodiert; noch um 1540
wurde sie von Marguerite de Navarre in ihren Erzählungen als bekannt
vorausgesetzt.
Auf die wirre politische Situation in
Frankreich reagierte Chartier einmal mehr 1426 mit dem Lai de Paix
(=Friedensgedicht), in dem er die französischen Fürsten zum Frieden und zur
Einigung aufruft.
1429 machte er sich mit einer Lettre
sur Jeanne zur Fürsprecherin von Jeanne d'Arc, der „Jungfrau von Orléans“,
die Charles VII soeben zu Hilfe gekommen war, indem sie ihn aufgerüttelt und
ihm mit Siegen über die Truppen von Henry VI. die symbolisch wichtige Krönung
in der Kathedrale von Reims ermöglicht hatte.
(Stand: Mai 07)
Antoine
de la Sale (ca.
1385 – ca. 1460
Er
figuriert in der franz. Literaturgeschichte als Autor eines der besten und
interessantesten erzählenden Texte seiner Zeit, den manche sogar als ersten
modernen Roman betrachten: Le petit Jehan de Saintré (1456).
La
Sale entstammte einer kleinadeligen Familie der Provence und verbrachte sein
Leben weitgehend im Dienst von Fürsten. So war er zunächst Page und dann
Schildknappe (écuyer) bei Herzog Louis II von Anjou († 1417) und diente diesem
um 1415 auch als Offizier. Später wurde er Gefolgsmann (als Sekretär?) von
Louis’ Sohn, Herzog Louis III († 1434), den er auf vielen Reisen begleitete.
1429/30 bekleidete er einen höheren Militär- und Verwaltungsposten in Arles.
Um
1435 wurde er zum Erzieher von Jean de Calabre, des ältesten Sohnes von Herzog
(ab 1434) René I von Anjou ernannt. Für seinen fürstlichen Zögling begann er
allerlei erbauliche, lehrreiche und/oder unterhaltsame Geschichten zu
schreiben, die er 1441 unter dem witzigen Titel La Salade zusammenfasste.
1438
begleitete er Herzog René nach Neapel, wo jener die ihm angetragene Königskrone
in Besitz nahm.
1448
verließ La Sale den Dienst der Anjous und wechselte in den eines burgundischen
Granden, Louis de Luxembourg, Graf von Saint-Pol, von dem er zum Erzieher
seiner Söhne bestellt wurde. Auch für diese schrieb er didaktisch intendierte
erzählende Texte, die er 1451 als La Sale betitelt zusammenfasste. Über
seinen Dienstherrn Louis kam er in Kontakt mit dem prächtigen Hof des reichen
und mächtigen Herzogs Philippe le Bon (Philipp der Gute) von Burgund.
1456
stellte er im abgeklärten Alter um die 70 sein Hauptwerk fertig, den nicht
allzu langen historischen Roman Le petit Jehan de Saintré. Die Handlung
spielt Mitte des 14. Jh. und schildert relativ realistisch (im Vergleich zu den
oft märchenhaften konventionellen Ritterromanen der Zeit) und mit einer
deutlichen ironischen Distanz des Erzählers den Werdegang eines zunächst eher
armen jungen Adeligen, der zum angesehenen Ritter aufsteigt: Jehan kommt mit 13
als Knappe an den königlichen Hof und gefällt hier einer reichen jungen Witwe,
die ihn protegiert, managt und sponsort. Nachdem er zum Ritter geschlagen ist
und sich in Turnieren sowohl am franz. als auch an fremden Höfen bewährt hat,
wird er von ihr schließlich auch in die Künste der Liebe eingeführt. Als er aus
eigenem Entschluss zu einer längeren Fahrt an den fernen kaiserlichen Hof
aufbricht, zieht sich die Dame gekränkt auf ihre Güter zurück, wo sie aber bald
der Liebeswerbung eines reichen und stattlichen bürgerlichen Priesters erliegt.
Auf diesen stößt Jehan bei seiner Rückkehr und wird von ihm zweimal schmählich
im Ringkampf besiegt. Unvorsichtigerweise lässt der Gegner sich auch auf einen
Kampf mit ritterlichen Waffen ein, wo Jehan ihn seinerseits besiegen und
demütigen kann. Danach rächt er sich an der Dame, indem er am Hof ihr wenig
standesgemäßes Verhältnis mit dem bürgerlichen Priester bekannt macht. Dieser
allerdings setzt, von seinen Wunden rasch genesen, sein Verhältnis mit der Dame
fort.
Der
heute als ein Juwel der Gattung geschätzte Roman erfuhr offenbar erst gegen
Ende des 15. und Anfang des 16. Jh. eine gewisse Verbreitung in gedruckten
Ausgaben, die vermutlich von einem überwiegend bürgerlichen Publikum gelesen
wurden.
Die
letzten Lebensjahre verbrachte La Sale in Châtelet-sur-Oise. Hier verfasste er
1457/58 für eine Dame, die ihren Sohn verloren hatte, das Trostbuch Le
Reconfort [=Trost] de Madame de Fresne. 1459 stellte er ein weiteres
didaktisches Werk fertig: Des anciens tournois et faicts d'armes, eine
Art Lehrbuch der Wappenkunde und des höfischen Zeremoniells.
Die
Satire Les quinze joyes du mariage und die Novellensammlung Cent
nouvelles nouvelles, die ihm mitunter zugeschrieben wurden, sind
höchstwahrscheinlich nicht von ihm.
(Stand: Mai 07)
Charles d'Orléans (*24.11.1394 in
Paris; †5.1.1465 in Amboise)
Er wird heute gern (dank zwei oder drei
Gedichten, die in diese Kategorie fallen und in Lesebüchern figurieren) als der
erste franz. Verfasser von Naturlyrik gesehen. Zutreffender ist es jedoch, ihn
mit seinen beiden allegorischen Traumgedichten und seinen zahlreichen Balladen,
Chansons und Rondeaus als einen Vollender der mittelalterlichen Kunstform der
höfischen Lyrik zu betrachten. Er war zudem einer der fruchtbarsten Lyriker
seiner Zeit.
Charles war ältester Sohn des jüngeren
Bruders von König Charles VI, Herzog Louis d’Orléans, und von Valentina
Visconti, Tochter des Herzogs Gian Galeazzo von Mailand. Dank dem hohen
Bildungsstand und dem Mäzenatentum beider Eltern kam er früh mit Literatur und
Kunst in Berührung, aufgrund der hohen Position seiner Familie allerdings
ebenso früh und meist schmerzhaft mit der Politik.
So musste er schon 1396 mit seiner
Mutter Paris und den Hof verlassen, weil sie von der Königin beschuldigt wurde,
Ursache der zunehmenden geistigen Verwirrung des jungen Königs Charles VI zu
sein. 1406 wurde er ungefragt als knapp 12-Jähriger mit seiner knapp
17-jährigen Kusine Isabelle de France verlobt (die schon Witwe des 1399
abgesetzten und 1400 ermordeten englischen Königs Richard II war). 1407 verlor
er seinen Vater, der auf offener Straße ermordet wurde im Auftrag eines
Cousins, Herzogs Jean sans Peur von Burgund, der mit ihm am Hof um die Ausübung
der Regierungsgeschäfte für den geistesgestörten König stritt. 1408 verlor er
auch seine Mutter, die, erschöpft durch ihr vergebliches Ringen um die
Bestrafung des vorerst siegreichen Herzogs Jean, einer Krankheit erlag. Kurz
darauf heiratete er, doch starb ihm noch 1409 seine junge Frau im Kindbett, so
dass er mit 15 Vollwaise, Witwer, Vater und Familienoberhaupt für seine kleine
Tochter und seine vier jüngeren Geschwister war. Zugleich – als ältester Sohn
eines ungesühnt ermordeten Mitglieds der königlichen Familie – avancierte er
unfreiwillig zum Oberhaupt einer Rächerpartei, die in seinem Namen der
ehrgeizige Graf Bernard d’Armagnac organisierte, der ihn zugleich mit seiner
11jährigen Tochter Bonne verheiratete, einer Kusine zweiten Grades (1410). Zur
selben Zeit bewies Charles erstmals sein schriftstellerisches Talent, indem er
in einem offenen Brief die größeren Städte Frankreichs ersuchte, ihm
beizustehen in seinem Kampf um die Sühnung des Mordes.
In der Tat siegte seine Partei, die
„Armagnacs“, 1413 fürs erste und Charles hielt Einzug am Hof in Paris. Hier, wo
sich einige bekannte Lyriker, u.a. Alain Chartier (s.o.), betätigten, begann er
1414 zu dichten, und zwar Balladen an seine junge Frau Bonne, in die er sich
(nach Vollzug der Ehe?) ganz offenbar verliebt hatte. Es sind Gedichte, die die
Konventionen der höfischen Lyrik kunstvoll befolgen, aber dennoch einen persönlichen
Klang besitzen. Ebenfalls seine Verliebtheit spiegelt die gereimte
Traumerzählung La Retenue d'Amours
(=Die Vereinnahmung [in den Lehensdienst] Amors).
Wenig später, im Okt. 1415, ereilte
Charles im wieder einmal aufflammenden Hundertjährigen Krieg ein neuer
Schicksalschlag. Er geriet in der englisch-franz. Schlacht von Azincourt (nahe
Arras) in Gefangenschaft und wurde nach England gebracht, als Geisel der Könige
Henry V bzw. später Henry VI, die ihn als Faustpfand einzusetzen gedachten
gegenüber seinem Cousin, dem Dauphin und späteren (ab 1422) König Charles VII,
der jedoch nichts für ihn tat ̵
schon gar nicht, nachdem ab 1429 dank Jeanne d’Arc das Kriegsglück sich
zu Frankreichs Gunsten wendete.
In den 25 Jahren, die Charles in
England auf verschiedenen Burgen bei häufig wechselnden Gastgebern-Bewachern
verlebte, dichtete er zunächst weiter Balladen, die in oft sehr anrührender
Weise überwiegend um die Themen Liebe, Trennung, Sehnsucht und Heimweh kreisen.
Später, nachdem er seine Hoffnungen auf einen möglichen Besuch Bonnes in
England hatte aufgeben müssen und er (1432?) erneut Witwer geworden war,
verfasste er auch Chansons (zum Teil in englischer Sprache) an eine englische
Dame, in die er sich verliebt hatte.
Als diese aus seiner Umgebung entfernt
worden war und 1437 auch ein Eheprojekt mit der verwitweten Marguerite de
Savoie scheiterte, schrieb Charles frustriert eine „Traumerzählung in Klageform“ (Songe en complainte),
ein Gegenstück zur Retenue von einst.
Hierin bittet er Amor, ihn aus seinem Dienst zu entlassen, und gelobt Verzicht
auf „alles, was mit Liebe zu tun hat“.
1440 endlich wurde er, als Geisel
offenbar nutzlos geworden, gegen das enorme Lösegeld von 200.000 Goldtalern
freigelassen. Er bekam es vorgeschossen von Herzog Philippe le Bon von Burgund,
seinem Cousin zweiten Grades und Sohn des 1419 selber ermordeten Mörders seines
Vaters. Zum Dank ließ er sich von Philippe, dem daran gelegen war, ihn an sich
zu binden, mit dessen Nichte Maria von Kleve verheiraten.
Charles hatte bei seiner Heimkehr
gehofft, er könne Frieden zwischen den Kronen Englands und Frankreichs stiften,
darüberhinaus das mit England verbündete, praktisch souveräne Herzogtum Burgund
wieder an Frankreich heranführen und insgesamt eine seinem Status gemäße
Position neben seinem Cousin König Charles VII einnehmen. Doch er scheiterte er
an dem Misstrauen, das dieser ihm als vermeintlichem Parteigänger Burgunds
entgegenbrachte. Auch die 1447/48 unternommenen Versuche Charles’, seine von
der Mutter geerbten Ansprüche in Norditalien durchzusetzen, blieben mangels
Unterstützung des Königs erfolglos. Er zog sich enttäuscht fast völlig auf sein
Schloss in Blois zurück.
Hier verarbeitete er seine wechselnden,
häufig melancholischen Stimmungen und Gedanken in zahlreichen Balladen und,
mehr und mehr, in Rondeaus, die wie Seiten eines poetischen Tagebuchs und damit
sehr authentisch wirken, aber virtuos alle Möglichkeiten der Gattung
ausschöpfen. Zugleich versuchte er nicht ohne Erfolg, seinen Hof zu einem literarischen
Zentrum zu machen, indem er Dichter aus ganz Frankreich zu kürzeren und
längeren Besuchen bei sich aufnahm, darunter François Villon (s.u.). Auch seine
Höflinge und Freunde sowie seine Gattin Marie hielt er zum Versemachen an.
Schon
um 1445 hatte er seine bis dahin verfassten Gedichte und Dichtungen von einem
Kalligraphen in ein Sammelmanuskript kopieren lassen. In dieses (das erhalten
ist) ließ er anschließend auch seine jeweils neuen Balladen und Rondeaus sowie
die Gedichte von Gästen und Höflingen eintragen oder tat es gelegentlich selbst
bzw. ließ es die betreffenden Autoren tun. Viele dieser jüngeren Texte sind
Repliken auf den oder die jeweils vorangehenden eigenen oder fremden Texte,
bilden also Paare oder Gruppen, die thematisch und häufig auch situativ
zusammenhängen. Bekannt ist die Ende 1457 entstandene Gruppe von elf Balladen
zum Thema „Durst an der Quelle“, die offenbar Ergebnis eines Wettdichtens war,
an dem sich auch Villon beteiligte (der kurz danach
in Unfrieden gegangen zu sein scheint).
1457,
59 und 62 wurde Charles noch Vater, nachdem er sein Verzichtgelöbnis von 1437,
das er während der ersten 16 Jahre seiner Ehe offenbar einhielt, endlich doch
gebrochen hatte. Er erkrankte und starb Anfang 1465 auf der winterlichen
Heimreise von einem Fürstentreffen in Tours, wo er vom neuen König Louis XI
öffentlich gedemütigt worden war. Schon einige Jahre zuvor hatte er
(anscheinend bald nach dem Zerwürfnis mit Villon) der Dichtkunst den Abschied
erklärt.
Sein Sohn Herzog Louis d’Orléans (1462-1515)
übernahm 1498 die Königskrone von seinem erbenlos verstorbenen Neffen zweiten
Grades Charles VIII.
(Stand: Jan.
09)
Arnoul Gréban (ca. 1420 – ca.
1470).
Er ist vor allem bekannt als Autor des gegen 1450
entstandenen Passionsspiels Le Mystère de
la Passion. Das monumentale Werk, in dem nicht nur die eigentliche Passion
dargestellt wird, sondern das ganze Leben Christi samt den der Geburt
vorangehenden und der Kreuzigung folgenden Episoden, ist ein Höhepunkt des
mittelalterlichen Passionsspiels. Es umfasst an die 35.000 Verse, enthält 393
verschiedene Rollen und erforderte 4 Tage Spielzeit. Aufführungsort war Paris,
wo Gréban als Organist von Notre-Dame tätig war und wo seit 1436, d.h. der
Vertreibung der englischen Truppen aus der Stadt, nach jahrzehntelangem
Bürgerkrieg und Krieg, endlich wieder Frieden herrschte.
Auch andere franz. Städte, z.B. Arras, hatten damals ihre
Mysterien- und Passionsspiele, von denen viele sich am Vorbild Grébans
orientierten.
François Villon (1431 – ca. 1463).
Der eigentliche Nachname (Montcorbier?
Monterbier? Des Loges?) dieses wohl jedem Franzosen und auch vielen Deutschen
bekannten Dichters steht nicht fest.
Laut eigener Aussage in kleinsten
Verhältnissen in Paris geboren, muss François, nach frühem Tod seines Vaters,
in die Obhut des Pariser Stiftsherrn und Kirchenrechtsdozenten Guillaume de
Villon gelangt sein, dessen Namen er spätestens ab 1455 benutzte und den er
1461 halb ironisch, halb liebevoll als seinen "plus que père" (mehr
als ein Vater) bezeichnete. Offenbar dank der Fürsorge Guillaumes erhielt er
eine gute Bildung und brachte es bis zum Magister an der propädeutische Studien
vermittelnden Artistenfakultät.
Statt jedoch sein anschließend
begonnenes Fachstudium, wohl der Theologie, zu Ende zu führen, glitt er,
vermutlich während des langen Vorlesungsstreiks der Pariser Professoren
1453/54, ab ins Kriminellenmilieu. Nach einer Messerstecherei mit tödlichem
Ausgang für seinen Gegner, einen ebenfalls messerbewaffneten Priester, verließ
er im Juni 1455 Paris, konnte aber Anfang 56 dank zweier (erhaltener)
königlicher Freibriefe zurückkehren.
Ende 1456 beteiligte er sich an einem
(in erhaltenen Dokumenten beschriebenen) Einbruch mit stattlicher Beute und
verschwand kurz darauf von neuem aus der Stadt. Hierbei hinterließ er den
Kumpanen im Milieu sein erstes längeres Werk: Le Lais (=das Legat) oder Le
petit testament.
Ende 1457 saß er offenbar zum Tode
verurteilt in einem Kerker von Herzog Charles d'Orléans (s.o.), wurde aber von
ihm amnestiert und sogar für kurze Zeit – denn
Charles selbst war Lyriker – an seinen Hof in Blois aufgenommen, wo er
einige Gedichte verfasste, ehe er offenbar in Ungnade fiel und gehen musste.
1458–60 führte er wohl ein unstetes
Wander- und Gaunerleben, 1461 finden wir ihn wieder im Kerker, diesmal dem des
Bischofs von Orléans in Meung-sur-Loire, aus dem ihn Anfang Oktober ein
Gnadenakt des durchreisenden Königs Louis XI befreite.
Zurück in Paris oder Umgebung,
versuchte er sich zu resozialisieren, scheiterte aber und schrieb sein Hauptwerk,
Le Testament.
Im November 1462 saß er (laut
erhaltenem Dokument) wegen Diebstahls im Pariser Stadtgefängnis. Kurz nach
seiner Freilassung zogen ihn (wie ein erhaltenes Dokument beschreibt) Kumpane
in eine Schlägerei hinein, in der ein päpstlicher Notar einen Messerstich
abkriegte. Villon wurde erneut eingekerkert, offenbar gefoltert und sogar zum
Tode verurteilt, aber Anfang 1463 dank eingelegter Berufung zu zehn Jahren
Verbannung begnadigt. Hiernach verliert sich seine Spur.
Sein erhaltenes Œuvre ist schmal. Es
umfasst:
1) das Ende 1456/Anfang 57 vor
seinem Fortgehen aus Paris für das Gaunermilieu geschriebene
spöttisch-parodistische Vermächtnis Le
Lais (320 Verse);
2) das im Herbst 1461 in oder bei
Paris wohl für potentielle Gönner begonnene, dann aber ebenfalls vor allem fürs
Milieu verfasste, halb elegische, halb satirische, zahlreiche eingestreute
Balladen enthaltende Pseudo-Testament Le
Testament (2023 Verse);
3) sechzehn zwischen 1455 und 1463
entstandene Gedichte (meist Balladen), von denen einige an Herzog Charles
d'Orléans gerichtet sind und z.T. an dessen Hof in Blois verfasst wurden;
4) elf schwer verständliche
Balladen im Gaunerjargon, die Villon wohl 1462 in der Rolle eines Gauners für
das Pariser Gaunermilieu, und speziell die Maffia der
"Muschelbrüder", gedichtet hat.
Vor allem das Testament (das ab 1489 zusammen mit dem Lais und einigen anderen Texten Villons auch gedruckt vorlag) war
ein beachtlicher Bucherfolg im Paris des späten 15. Jh., zweifellos aufgrund
Villons witziger und bissiger Hiebe auf viele, namentlich genannte Pariser
Honoratioren, die mit satirischen Legaten bedacht werden, welche ihre
tatsächlichen und angeblichen Schwächen und Laster aufdecken.
Formal sind die Texte Villons eher
schlicht und konventionell, auch wenn er ein beachtlicher Reimkünstler ist.
Seine Genialität zeigt er vor allem in der ungewöhnlichen Prägnanz,
Lebendigkeit und Ausdruckskraft der Bilder und der Sprache. Da seine Texte fast
allesamt prekäre Momente oder Krisenphasen einer bewegten Existenz verarbeiten
und den Eindruck einer starken persönlichen Betroffenheit des Autors
vermitteln, sprechen sie auch heutige Leser noch an. Villon wird deshalb oft
als erster moderner Lyriker betrachtet.
Dank einiger Plagiate Bert Brechts aus
der ersten deutschen Villon-Übertragung K. L. Ammers von 1907 und vor allem
aufgrund der sehr freien, aber farbigen Villon-Nachdichtungen des
expressionistischen Lyrikers (1931 und 1962) ist sein Name heute auch im
deutschen Sprachraum gut bekannt.
P.S.: Vgl. auch meine sehr viel
ausführlichere Webseite François Villon,
Leben und Werk (http://www.pinkernell.de/romanistikstudium)
sowie meine Bücher François Villons LAIS.
Versuch einer Gesamtdeutung (Heidelberg
1979), François Villon et Charles
d'Orléans (Heidelberg 1992) und François
Villon: Biographie critique et autres études (Heidelberg 2002). Vgl.
darüberhinaus im Anhang dieses Repertoriums meine Studie zu Paul Zechs Lasterhaften
Balladen und Liedern des F. V.
Raoul Lefèvre († ca. 1465).
Dieser kaum mehr bekannte Autor (von
dem wir nichts weiter wissen, als dass er aus dem äußersten Norden des franz.
Sprachgebietes stammte, Kleriker war und um 1460 mit dem Hof der
Burgunder-Herzöge in Verbindung stand) ist interessant als Verfasser von L'Histoire de Jason (ca. 1460).
Es ist ein heute kurios und hybrid
wirkender, für die Zeitgenossen offensichtlich aber kaum befremdlicher Roman um
den antiken griechischen Sagenhelden Jason, der einst im fernen Kolchis mit
Hilfe Medeas das Goldene Vlies erkämpft hatte, seine Helferin dann geheiratet,
später aber für eine andere Frau verlassen hatte.
Das Herzog Philippe de Bourgogne
(=Philipp der Gute, 1419–1467) gewidmete Werk, das ganz im Stil der
zeitgenössischen Ritterromane geschrieben ist und den mythologischen Stoff mit
vielen selbsterfundenen Episoden anreichert, hatte offensichtlich die Funktion,
Jasons Untreue zu relativieren und zu entschuldigen. Das wiederum sollte die
Ehre dieses Schutzpatrons des Ordens vom Goldenen Vlies retten, den Herzog
Philippe 1429 gegründet hatte, um darin den Adel seiner sehr heterogenen
Territorien zu vereinigen, zu denen außer der Bourgogne und der Franche Comté
auch Teile der Picardie, Flandern sowie das jetzige Belgien, Holland und Luxemburg
gehörten.
Kurze Zeit nach dem Jason verfasste Lefèvre ein weiteres
romanartiges Werk mit mythologischem Stoff, den unvollendeten Recueil des histoires de Troie, den er
ebenfalls Herzog Philippe widmete. Dessen prächtiger und unterhaltungsbedürftiger,
überwiegend frankophoner Brüsseler Hof war um 1450 ein bedeutendes, wenn nicht
das bedeutendste Zentrum der franz.sprachigen Literatur.
Lefèvres Jason war übrigens durchaus erfolgreich: er ist nicht nur in
mehreren Handschriften überliefert (darunter dem Widmungsexemplar, das offenbar
vom Autor selbst geschrieben wurde), sondern erlebte zwischen 1476 und 1530
sieben Druckauflagen. Eine von William Caxton, dem ersten englischen
Buchdrucker, verfasste Übersetzung des Jason
war 1477 das erste auf englischem Boden gedruckte Buch.
Vgl. hierzu: Gert Pinkernell (Hrsg.), Raoul Lefèvres Histoire de Jason. Ein Roman aus dem 15. Jh. (Frankfurt 1971)
Les cent nouvelles
nouvelles (ca. 1462). Diese anonyme Novellensammlung in der Tradition
von Giovanni Boccaccios berühmtem Novellenbuch Il Decamerone (das um 1440 von Laurent de Premierfait ins Franz.
übersetzt worden war) ist das erste eigenständige Unternehmen dieser Art in der
franz. Literatur und wurde verfasst für den meist in Brüssel residierenden Hof
der Burgunder-Herzöge Philippe le Bon (bzw. Philipp der Gute, † 1467) und
seines Nachfolgers Charles le Téméraire (bzw. Karl der Kühne, † 1477).
P.S.: Der Brüsseler Hof büßte übrigens nach dem frühen Tod von
Herzog Charles seine Rolle als Zentrum der französischsprachigen Literatur
ziemlich bald ein, da nach der Heirat von Charles' Tochter Marie de Bourgogne
mit Maximilian von Habsburg die eigentliche Bourgogne an Frankreich zurückfiel
und die anderen, überwiegend niederländischsprachigen Territorien des
burgundischen Herrschaftsgebietes sich mehr nach Deutschland hin orientierten
(wobei Brüssel auch weiterhin deren Macht- und Verwaltungszentrum blieb).
La Farce de Maître Pierre Pathelin
(ca. 1465,
anonym, mitunter fälschlich François Villon zugeschrieben).
Das kleine Theaterstück ist ein erstes
Meisterwerk der Gattung Farce, d.h. einer überwiegend von der Situationskomik
lebenden Kurzkomödie. Es behandelt witzig und mit allen Raffinessen der
Situationskomik das vielgestaltige Motiv vom betrogenen Betrüger in einer
Vier-Personen-Konstellation aus einem dümmlichen Tuchhändler, dem gerissenen
Winkeladvokaten Pathelin, seiner pfiffigen Frau und einem scheinbar naiven,
bauernschlauen Hirten, der sie schließlich alle in die Tasche steckt.
Die Gattung Farce à la Pathelin wird in der Folgezeit sehr gute
Konjunktur haben; ihre Techniken und Gags werden noch von Molière in seinen
Stücken benutzt. Der Name Pathelin ist übrigens als Adjektiv (patelin,e = geheuchelt naiv-nett) ins
franz. Lexikon eingegangen.
1470–1480
Blütezeit der
Dichterschule der sog. Rhétoriqueurs am
burgundischen Hof in Brüssel. Die Rhétoriqueurs sind eine der ersten für die
spätere franz. Literatur so typischen Dichtergruppen (die sich dann jedoch in
aller Regel in Paris konstituieren werden). Gemäß ihrer Funktion als Hofdichter
und ihrer Betonung des technischen, quasi kunsthandwerklichen Aspekts des
Dichtens verfassen sie meist pompöse, manieristisch ausgefeilte Gedichte zu
festlichen und sonstigen Anlässen. Die wichtigsten Namen sind Georges Chastellain (ca. 1410–1475) und
Jean Molinet (1435–1507). Beide sind
auch als Verfasser von umfangreichen Chroniken ihrer Zeit bekannt, Chroniken,
die im Sinne ihrer „burgundischen“ Auftraggeber Herzog Philippe le Bon, Herzog
Charles le Téméraire und dessen Tochter Marie de Bourgogne eine
antifranzösische Tendenz haben; d.h. sie attackieren vor allem den 1461–1483
herrschenden König Louis XI, der es auf eine Zerstörung und weitgehende
Annexion des burgundischen Herrschaftsgebietes abgesehen hatte.
P.S.: Dieses bildete um 1470 einen de
facto selbständigen Staat, dessen Territorien de jure aber etwa je zur Hälfte
auf dem Boden des Königreichs Frankreich und dem des deutschem Reiches lagen.
Louis XI hatte übrigens nach dem Tod von Charles le Téméraire 1477 versucht,
dessen Erbin Marie mit seinem kleinen Sohn, dem späteren Charles VIII, zu
verheiraten, war aber von Maximilian von Habsburg, dem späteren Kaiser,
ausgestochen worden. Für das Haus Habsburg war diese Heirat, d.h. die mit ihr
verbundene territoriale Mitgift, einer jener Fischzüge – später folgten noch
andere, z.B. Spanien, Böhmen und Ungarn – die den Spruch entstehen ließen
„Bella gerant alii, tu felix Austria nube!“ – „Andere mögen Kriege führen, du
glückliches Österreich [=Habsburg] heirate!“
Philippe de Commynes (1447;
†18.10.1511).
Er ist bedeutend
als Verfasser von Les memoires sur les
principaux faicts et gestes de Louis onzieme et de Charles huitieme, son filz,
roys de France (1489–98), die als erstes Werk der Gattung Memoiren im
heutigen Sinne in der franz. Literatur
gelten. Sie wurden erst postum 1524 gedruckt.
Commynes stammte aus einer flandrischen
Familie von Amtsträgern in Dienst der Herzöge von Burgund und kam als junger
Knappe an den Brüsseler Hof. Hier war er in den 1460er Jahren enger Vertrauter
von Herzog Charles le Téméraire (=Karl der Kühne), der sein quasi selbständiges
Territorium zwischen Frankreich und dem Deutschen Reich auf beider Kosten
überwiegend kriegerisch zu erweitern versuchte. 1472 verließ Commynes Charles
und lief über zu dessen Erzfeind, dem verschlagenen und politisch geschickten
franz. König Louis XI. Dieser entlohnte ihn mit Grundbesitz sowie einer
Einheirat in den höheren Adel und nutzte ihn einige Jahre als Berater bei
seinen gegen Charles gerichteten militärischen und diplomatischen Aktionen, die
1477 mit dessen Niederlage und Tod endeten.
Nach König Louis’ Tod (1483) hatte
Commynes Mühe, einen angemessenen Platz unter dessen Nachfolger Charles VIII
bzw. der zunächst für diesen die Regentschaft führenden Anne de Beaujeu zu
finden. Als Charles 1494 einen Feldzug nach Italien unternahm, um längst
obsolet geglaubte franz. Ansprüche auf die Krone des Königreichs Neapel geltend
zu machen, wurde Commynes als Diplomat nach Venedig geschickt, um den mächtigen
Stadtsstaat zu bewegen, neutral zu bleiben zwischen Frankreich und der rasch
entstandenen gegnerischen Allianz aus dem Haus Habsburg, dem Haus Aragón und
dem Papst als Herrscher des mittelitalienischen Kirchenstaates. Commynes’
Mission blieb jedoch erfolglos (und die Franzosen mussten Italien vorerst
räumen).
In schildert er in erster Linie seine
Zeit bei Herzog Charles und bei König Louis, die er als Fürsten zeichnet, die
es jeweils verdienen, dass man sie verlässt bzw. sich ihnen anschließt. Er
schildert aber auch seine spätere, wenig erfolgreiche Zeit unter Charles VIII
(1483-98), insbes. seine Tätigkeit als Diplomat.
Die Mémoires sind sichtbar von dem Bedürfnis
getragen, den Misserfolg Commynes’ in Venedig, vor allem aber seine Untreue
gegenüber Charles le Téméraire zu rechtfertigen, weshalb er z.B. an passender
Stelle auch andere Überläufer anführt und ihre Motive analysiert.
Spätestens mit den Mémoires halten in Frankreich die politischen Ideen des Florentiner
Autors Niccolò Machiavelli Einzug, gemäß denen ein Fürst „machiavellistisch“ zu
handeln habe, d.h. sich über die Regeln der Moral hinwegsetzen muss und darf,
wenn der Nutzen seines Staates dies erfordert. Die Mémoires gelten als ein quasi
klassischer Text ihrer Gattung und wurden lange Zeit als Lehrbuch für Politik
und (Geheim-)Diplomatie gelesen.
(Stand: Juli 10)
16.
Jahrhundert (Renaissance)
Jean
Lemaire de Belges (*
ca. 1473 im Hennegau/Hainaut im heutigen Belgien; † nach 1515).
Lemaire wurde erzogen von seinem Onkel,
dem bekannten Chronisten und Rhétoriqueur Jean Molinet. Nach Studien in Paris
bekleidete er Ämter bei verschiedenen Fürsten, insbesondere der Regentin der
Niederlande, Margarete von Habsburg1), und der französischen Königin
Anne de Bretagne2). 1506 und 1508 reiste er in Italien und kam dort
mit der voll erblühten italienischen Renaissance-Kultur in Berührung.
Er begann als Lyriker im Stil der sog.
Rhétoriqueurs, d.h. Verfasser meist pompöser Gedichte für ein höfisches
Publikum, und führte 1504 die italienische Form der Terzine in die
franz.sprachige Lyrik ein. 1505 verfasste er die heiter-melancholischen Lettres
de l'amant vert (dt. Briefe des grünen Liebhabers), fiktive Briefe des
realen grünen Papageis von Margarete, der angeblich wegen einer langen Abwesenheit
seines Frauchens vor Gram stirbt und dann von seinen Erlebnissen aus dem
Jenseits berichtet.
Lemaires Name ist vor allem aber
verbunden mit dem zu seiner Zeit vielgelesenen Werk Les illustrations de
Gaule et singularités de Troye (1511–13; dt. etwa: Die Ruhmesblätter
Galliens und die Einzigartigkeiten Trojas). Es ist eine Nacherzählung der sich
um Troja rankenden Geschichten (Buch I und II), gefolgt von einer Genealogie
der Gründer Galliens und des Frankenreichs bis hin zu Karl dem Großen (Buch
III). Lemaire verknüpft Trojaner und Franken über die Figur des Francus, eines
(bei Homer nicht erwähnten) angeblichen Sohnes von Hektor, der sich zusammen
mit dem späteren Rom-Gründer Äneas aus dem von den Griechen eroberten Troja
gerettet habe, um seinerseits das alte Gallien zu gründen, dessen Fortführung
wiederum das frühmittelalterliche Francia, das Frankenreich, gewesen sei.
Die Illustrations stützen sich
auf viele im heutigen Sinne pseudoantike und pseudohistorische Quellen (z.B. eine
zeitgenössische lateinische Ilias-Bearbeitung). Sie sind motiviert vom
Wunschtraum des Autors, das alte Frankenreich, also Frankreich, Deutschland und
die Niederlande (d.h. etwa die jetzigen Benelux-Staaten) wieder zu vereinen,
und sei es zunächst nur zum Zweck eines gemeinsamen Kreuzzugs gegen die Türken,
die 1453 das christliche Byzanz (heute Istanbul) erobert hatten.
Lemaire begann die Illustrations 1505
als Sekretär Margaretes in den Niederlanden und stellte sie fertig als Sekretär
und Chronist der französischen Königin Anne. Er selber bildete also
gewissermaßen eine Klammer zwischen dem Ost- und dem Westteil des alten
Frankenreichs (das sich unter Karl dem Großen um 800 von Lübeck bis Barcelona
und von Brest bis Rom erstreckt hatte).
Um 1550 wurden die Illustrations
eine wesentliche Inspirationsquelle für Pierre de Ronsard (s.u.), der mit
seinem (unvollendeten) Versepos La Franciade den Franzosen ein
nationales Epos zu geben versuchte.
1509 und 1511 unterstützte Lemaire
literarisch-propagandistisch Annes Gatten, König Louis XII, und versuchte
dessen Eroberungskrieg in Norditalien zu rechtfertigen sowie seine Bestrebungen
schönzureden, eine von Rom (denn der Papst zählte zu seinen Kriegsgegnern)
relativ unabhängige franz. Kirche zu schaffen, etwa im Sinne des späteren
Gallikanismus.
1) Margarete von Habsburg (1480–1530)
war Tochter Maximilians von Habsburg und der Herzogin Maria von Burgund. Sie
wurde mit außenpolitischen Intentionen schon als Kind verheiratet mit dem
jungen franz. König Charles VIII und kam so an den franz. Hof. Als Charles 1491
aus politischen Gründen die noch nicht vollzogene Ehe mit ihr vom Papst
auflösen ließ und die Erb-Herzogin Anne de Bretagne (s.u.) heiratete, wurde
Margarete zu ihren Eltern zurückgeschickt. 1495 wurde sie mit dem spanischen
Thronerben Juan vermählt, der aber zwei Jahre später starb. 1501 heiratete sie
Herzog Philibert von Savoyen und wurde bald darauf erneut Witwe. Als 1506 ihr
älterer Bruder Philipp der Schöne starb, der 1496 mit Johanna der Wahnsinnigen
vermählt worden war, die als spanische Thronerbin nachgerückt war, wurde
Margarete Vormund von Philipps Kindern, insbes. ihres Neffen Karl (der 1516
König von Spanien und 1519 deutscher Kaiser wurde). Zugleich wurde sie Regentin
der Niederlande, wo sie bis zu ihrem Tod mit Geschick und Energie amtierte und
sich als Mäzenin betätigte.
2) Anne de Bretagne (1476-1514) war
einziges Kind und damit Erbin von Herzog François de Bretagne. 1490 wurde sie
mit dem verwitweten deutschen König und späteren Kaiser Maximilian verlobt,
dann aber 1491 handstreichartig mit dem franz. König Charles VIII verheiratet,
wodurch die quasi selbständige Bretagne zum integrierenden Bestandteil
Frankreichs wurde. Mit Charles hatte sie mehrere Kinder, von denen aber keines
überlebte. Als Charles 1498 starb, heiratete Anne seinen Cousin zweiten Grades
und Nachfolger, König Louis XII, mit dem sie zwei Töchter bekam: Claude, die
mit ihrem entfernten Cousin und präsumptiven Thronfolger François d’Angoulême
(später König François Ier) verheiratet wurde, und Renée, die
Herzogin von Ferrara wurde (und dort in den 1530/40er Jahren protestantischen
Intellektuellen Unterschlupf bot).
3) Louis XII (1462-1515, König ab 1498)
hatte von seinem Vater Charles d'Orléans († 1464) Ansprüche auf das Herzogtum
Mailand geerbt, das er 1499 überfiel und besetzte. 1504 versuchte er auch das
Königreich Neapel zu erobern, das schon sein Vorgänger Charles VIII beansprucht
und zu erobern versucht hatte. Hierauf reagierten 1511 der Papst (als Oberhaupt
des Kirchenstaates) und die Republik Venedig, aber auch Österreich, Spanien und
England mit dem Bündnis der „Heiligen Liga“, das die Franzosen aus Italien
vertrieb (bis Louis’ Schwiegersohn und Nachfolger François Ier 1515
die franz. Expansionspolitik sogleich, aber letztlich ebenfalls erfolglos,
wieder aufnahm).
Pierre Gringore (ca. 1475 – ca.
1538).
Sein Name ist bzw. war im 19./20. Jh.
vielen Franzosen dadurch bekannt, dass Victor Hugo ihn als
"Gringoire" in seinem vielgelesenen historischen Roman Notre-Dame de Paris (1831) auftreten
lässt, und zwar als Typ des inmitten des Pariser Volkes lebenden Dichters und
Intellektuellen.
Gringores bekanntestes Werk ist das
vielleicht erste politisch intendierte Stück der franz. Literatur: Le Jeu du prince des sots et de mère sotte (1512, 1831 von einem
anderen Romantiker, Gérard de Nerval, bearbeitet). Le Jeu ist ein Fastnachtsspiel und zugleich
eine pro-französische Satire gegen Papst Julius II, der im Stück in der
lächerlichen Rolle der "mère sotte" auftritt, weil er zum Ärger der
Franzosen gerade erfolgreich das Militärbündnis der "Heiligen Liga"
gegen Louis XII und dessen Expansionsversuche in Nord- und Süditalien
zusammengebracht hatte. Gringore ist aber auch Lyriker, u.a. als Verfasser
vieler politisch-satirischer Gedichte. Er war zudem viele Jahre als Texter und
Organisator von Passionsspielen, vor allem aber der jährlichen Fastnachtsspiele
der Pariser Vereinigung der "enfants sans souci" tätig.
Jacques Lefèvre d'Étaples (*ca. 1450
Étaples/Picardie; † 1536 Nérac).
Sein Name verbindet sich vor allem mit La Sainte Bible en français (1523–30), der ersten vollständigen und
textgetreuen franz. Übersetzung der
Bibel, genauer von deren quasi offizieller lateinischen Version, der
"Vulgata".
Nach einem Theologiestudium in Paris
unternahm Lefèvre 1491 und 1499 Bildungsreisen nach Padua und Pavia als
damaligen Zentren der humanistischen Gelehrsamkeit in Italien und begann in
diesen Jahren seine eigene Gelehrtenkarriere mit textkritischen Editionen von
Schriften des großen altgriechischen Philosophen Aristoteles, womit er einer
der ersten französischen Humanisten und Gräzisten war.
1505 ließ er sich in der Pariser Abtei
Saint-Germain-des-Prés nieder, die von Guillaume Briçonnet geleitet wurde,
einem der vielen Reformtheologen der Zeit. Hier erarbeitete und publizierte er
textkritische Editionen verschiedener Teile der ''Vulgata'' (z.B. 1509 die
Psalmen und 1512 die Paulus-Briefe). Als 1521 Briçonnet zum Bischof von Meaux
ernannt wurde, folgte ihm Lefèvre als Generalvikar dorthin und begann mit seiner
Bibel-Übersetzung.
Ganz wie der fast zeitgleich arbeitende
Luther (der allerdings von den griechischen und hebräischen Originaltexten
ausging) verfolgte auch Lefèvre die reformatorische Intention, den normalen
Gläubigen die Möglichkeit zu geben, selbst die Bibel zu lesen oder sich
vorlesen zu lassen und deren Wortlaut ohne die Vermittlung der katholischen
Geistlichkeit und ihrer Deutungskonventionen auszulegen. Als er 1523 ohne
Genehmigung (die er auch kaum erhalten hätte) seine Übersetzung des Neuen Testaments
drucken ließ, wurde er von der Pariser Sorbonne, die auf Erhaltung ihres
Deutungsmonopols bedacht war, zum Ketzer erklärt.
Da inzwischen auch sein Protektor
Briçonnet, u.a. weil er Anhänger des gerade exkommunizierten Luthers hatte
predigen lassen, von den Konservativen in der Kirche attackiert wurde,
flüchtete Lefèvre 1525 in die freie Reichsstadt Straßburg, eine Hochburg des
Humanismus. 1529 ging er nach Nérac (SW-Frankreich), an den Hof der zu dieser
Zeit noch offen mit dem Protestantismus à la Luther sympathisierenden Schwester
von König François Ier, Marguerite de Navarre. Hier beendete er die Übersetzung
auch des Alten Testaments und verbrachte er seine letzten Jahre.
Seine Gesamt-Bibel wurde 1530 in der
damals weltoffenen, reichen und noch pro-reformatorischen Stadt Antwerpen
gedruckt, jedoch sofort vom Pariser Parlement verboten.
Obwohl sie mehrfach nachgedruckt wurde,
erreichte Lefèvres Bibel im französischen Sprachraum nicht dieselbe Bedeutung
wie die luthersche im deutschen, u.a. auch deshalb nicht, weil der Reformator
Calvin und mit ihm die frankophonen Protestanten die etwas spätere (ziemlich
hölzerne) Übersetzung von Pierre Robert Olivetan (1535 ff.) bevorzugten.
(Stand: Juni 06)
Marguerite de Navarre (geb. duchesse d'Angoulême, verwitwete
duchesse d'Alençon, Königin von Navarra; * 11.4.1492 in Angoulême; †
21.12.1549 in Odos/Pyrenäen).
Diese hochgebildete etwas ältere
Schwester von König François Ier
1) war durch ihre zweite Heirat (1527)
mit Henri d'Albret Titularkönigin des 1512 zerschlagenen baskischen Königreichs
Navarra geworden. Den Zeitgenossen war sie vor allem bekannt als eine neben und
hinter ihrem königlichen Bruder politisch sehr aktive Frau sowie als
Sympathisantin erst Luthers und dann eines über den konfessionellen Fronten
stehenden "Evangelismus", in dessen Namen sie gefährdete
pro-protestantische Intellektuelle wie z.B. den Bibel-Übersetzer Lefèvre
d'Etaples (s. o.) oder den Lyriker Clément Marot (s. u.) beschützte oder in
ihren südwestfranzösischen Residenzstädtchen Nérac oder Pau beherbergte
Heute ist sie vor allem als Autorin ein
Begriff. So publizierte sie 1524 die Versmeditation Dialogue en forme de vision nocturne und 1531 drei religiöse
Langgedichte unter dem Titel des längsten von ihnen, Le Miroir de l'âme pécheresse. Das Bändchen spiegelt das enorme
Interesse, das die rasch von Reformatoren und Anti-Reformatoren polarisierten
gebildeten Schichten, nicht zuletzt auch der Adel, theologischen Problemen
entgegenbrachten, insbes. der neuen Frage nach dem Verhältnis des einzelnen
Gläubigen zu "seinem" Gott.
In die franz. Literaturgeschichte
eingegangen ist Marguerite als die Autorin einer Novellensammlung mit
Rahmenhandlung, L'Heptaméron, die wie
praktisch alle Novellensammlungen der Zeit in der Tradition von Giovanni
Boccaccios Il Decamerone (um 1350)
steht. Das ab 1542 wohl per Diktat und z.T. auf Reisen entstandene Werk sollte
ursprünglich ebenfalls hundert Novellen umfassen, die in der Fiktion an zehn
Tagen von zehn Personen (fünf Damen und fünf Herren) erzählt werden sollten; es
blieb jedoch unvollendet durch den Tod Marguerites bei Nummer 72. Hauptthema
ist, wie in allen Sammlungen dieser Art, die Anziehungskraft der Geschlechter
aufeinander und die vielgestaltigen Verwicklungen, die sie zu verursachen
pflegt. Neu ist Marguerites Behauptung absoluter Wahrheitstreue des Erzählten
und neu auch ihre Idee, ihr Zehnergremium nach jeder Novelle mehr oder weniger
ausführlich über deren jeweilige Moral diskutieren zu lassen. Da diese
Diskussionen (wie im richtigen Leben!) häufig etwas konfus verlaufen und der
Leser den sehr idealistischen Standpunkt der Autorin selbst nicht immer recht
erkennt oder nicht nachvollziehen kann, wirkten sie schon auf jüngere
Zeitgenossen, z.B. Montaigne, eher aufgesetzt und, im Gegensatz zu den Novellen
selbst, etwas blutlos.
Das Werk wurde postum 1559 im Auftrag
von Marguerites Tochter Jeanne d'Albret (der Mutter des späteren Königs Henri
IV) im Originaltext und mit dem etwa passenden Titel L'Heptaméron (=Sieben-Tage-Werk) veröffentlicht, nachdem schon 1558
unter dem Titel Histoires des amants
fortunés ein Raubdruck erschienen war, dessen Text im Sinne des
antireformatorischen Konzils von Trient (1545-49) theologisch und moralisch
"gereinigt", d.h. mitunter ziemlich verstümmelt worden war.
Noch zu ihren Lebzeiten dagegen
erschien eine Sammlung von Gedichten unter dem hübschen Titel Marguerites de la marguerite des princesses (1547).
Erhalten sind darüber hinaus einige ungedruckt gebliebene Theaterstücke sowie
zahlreiche Briefe.
(Stand: März 07
1) François Ier, geb. 1494,
König 1515-1547 (Schwiegersohn und Nachfolger von Louis XII), kämpfte nach
seiner Thronbesteigung fast pausenlos mit Kaiser Karl V. um die Vorherrschaft
in Mitteleuropa und Italien, wobei er 1525 in der Schlacht bei Pavia sogar in
Karls Gefangenschaft geriet, aus der ihn Marguerite als Unterhändlerin zu
befreien versuchte. Er entwickelte ein prächtiges Hofleben und gilt als
repräsentativster franz. Renaissancefürst. 1530 gründete er das Collège des Lecteurs du roi (später Collège royal de France, heute Collège de France), weil die Sorbonne
sich dem humanistischen Einfluss verschloss, bzw. sich überhaupt allem Neuen
verweigerte. Ab 1534 ergriff François immer eindeutiger Partei gegen den
Protestantismus, der in Frankreich zunächst ebenfalls Lutherischer, dann aber
zunehmend Calvinscher Prägung war und sich vor allem im Süden ausbreitete,
während er im übrigen Land mehr auf Teile des Adels und des Bürgertums beschränkt
blieb. François' zunehmend brutale prokatholische Parteinahme erscheint im
Nachhinein als schleichender Beginn der jahrzehntelangen Religionskriege (Guerres de religion), die Frankreich von
1662 bis 1698 erschütterten und (anders als der ähnlich motivierte und ähnlich
lange Dreißigjährige Krieg in Deutschland) mit einer weitgehenden
Rekatholisierung des Landes endeten.
François
Rabelais (*1483
oder, wahrscheinlicher, 1494, in La Devinière bei Chinon/Touraine; † 9.4.1553
Paris).
Sein wohl fast jedem Franzosen
bekannter Name, der sich sogar als Adjektiv in Ausdrücken wie „une plaisanterie
rabelaisienne“ verselbständigt hat, ist verknüpft mit Gargantua et Pantagruel, einem locker komponierten Romanzyklus,
dessen 5 Bände 1532, 1534, 1545, 1552 und 1564 erschienen, wobei der letzte
postum herauskam und z.T. apokryph, d.h. nicht mehr authentisch ist. Vor allem
die Bände I und II waren sehr erfolgreich; die Protagonisten, d.h. der junge
Riese Pantagruel und sein Vater Gargantua, sind noch heute ein Begriff, und sei
es nur dank der Adjektive pantagruélique (avoir
un appétit pantagruélique) und gargantuesque
(un repas gargantuesque). Rabelais war jedoch auch als humanistischer Gelehrter
aktiv. Seine äußerst mobile Existenz im Schlepptau fürstlicher Gönner und auf
der ständigen Suche nach Weiterbildung, zumal im Kontakt mit anderen Gelehrten,
ist typisch für die Intellektuellen der Epoche.
Über seine Kindheit und Jugend ist
wenig bekannt. Er wurde geboren als jüngster von drei Söhnen eines wohlhabenden
Richters am Amt Chinon und erhielt eine passable Bildung, vielleicht in einer
nahen Benediktiner-Abtei. 1510 oder 1511 wurde er Novize im Franziskaner-Orden,
wohl in La Baumette nahe Angers. Um 1520 ist er als Mönch im
Franziskanerkloster von Fontenay-le-Comte (Vendée) bezeugt. Hier war er
inzwischen durch einen älteren Mitbruder in Berührung mit dem von Italien her
ausstrahlenden Humanismus gekommen und hatte Griechisch zu lernen begonnen, was
mangels kompetenter Lehrer und geeigneter Bücher schwierig war und zudem im
eher bildungsfeindlichen Franziskanerorden ungern gesehen wurde. Auch hatte er
Aufnahme gefunden in den kleinen Zirkel gebildeter Leute, die es in Fontenay
als lokalem Verwaltungszentrum gab. Darüber hinaus hatte er begonnen,
briefliche Kontakte zu Gelehrten zu knüpfen, wie ein erhaltenes Schreiben von
ca. 1520 an den bekannten Humanisten Guillaume Budé beweist, den Initiator des
Collège Royal. Im Rahmen seiner griechischen Studien verfasste er gegen 1522
eine (verschollene) lateinische Übertragung von Buch I der Geschichte der
Perserkriege des Herodot (5. Jh. v. Chr.).
Als 1523 alle Griechischstudien von der
reformfeindlichen Pariser Theologiefakultät, der Sorbonne, als Vorstufe zur
Ketzerei gebrandmarkt wurden, bekam Rabelais Schwierigkeiten mit seinen Oberen.
Durch Vermittlung des Bischofs von Poitiers, der zugleich Abt eines
Benediktinerklosters war, erhielt er 1524 die päpstliche Erlaubnis, die für
einen Ordenswechsel nötig war, und schlüpfte unter bei den traditionell
bildungsfreundlichen Benediktinern. Offenbar lebte er aber meistens im Gefolge
des Bischofs, dem er als Sekretär und vielleicht auch Hauslehrer eines Neffen
diente und den er auf Reisen durch sein Bistum begleitete. Möglicherweise hörte
er in diesen Jahren auch Vorlesungen an der Universität Poitiers.
1524 erschien sein erstes gedrucktes
Werk, eine lateinische Versepistel an einen gelehrten Freund. Von den
französischen Versen, die er als junger Mann ebenfalls schrieb, ist so gut wie
nichts erhalten.
1528 ging Rabelais nach Paris. Auf nicht
bekannte Weise konnte er sich hier den Status eines Weltgeistlichen
verschaffen, als der er freier war, seine Studien, offenbar vor allem der
Medizin, fortzusetzen und gelehrte Kontakte zu pflegen. Aus den Kontakten mit
einer Witwe gingen zwei uneheliche Kinder hervor, François und Junine.
Dies hielt ihn nicht in Paris, vielmehr
schrieb er sich im Herbst 1530 an der
berühmten medizinischen Fakultät in Montpellier ein, wo er schon im
Winter Baccalaureus wurde. Die Medizin war damals ein fast reines Buchstudium
mit den Schriften von Hippokrates und/oder Galenus als Quasi-Bibeln. Der
Humanist Rabelais scheint sich denn auch vor allem philologisch mit der Medizin
beschäftigt zu haben, denn in Vorlesungen kommentierte 1531/32 Texte der
genannten Koryphäen, wobei er in revolutionärer Weise die griechischen
Originale zugrunde legte.
Im
Sommer 1532 findet man ihn in Lyon, wo er sich als Arzt niederließ und zugleich
bei dem Drucker und Verleger Gryphe (Greiff) diverse gelehrte Werke herausgab.
Hiervon ließ er sich jedoch nicht absorbieren, sondern verfasste auch einen Roman, der Ende 1532,
ebenfalls in Lyon, erschien: Les
horribles et épouvantables faits et prouesses du très renommé Pantagruel, Roi
des Dipsodes, fils du grand géant Gargantua. Composés nouvellement par maître Alcofrybas Nasier. Das Werk war also schon am Titel als Parodie der Gattung
Ritterroman erkennbar und der Autorenname als ein witziges Pseudonym (übrigens
ein Anagramm aus f-r-a-n-c-o-y-s-r-a-b-e-l-a-i-s). Der Erfolg des Buches war
beachtlich. Eines der Indizien hierfür ist seine rasch erfolgte Verurteilung
durch die Sorbonne.
Ebenfalls Ende 1532 erhielt Rabelais
eine Anstellung am Lyoner Krankenhaus, dem Hôtel Dieu. Neben seiner ärztlichen
Tätigkeit frequentierte er die intellektuellen Zirkel der Stadt, die es zu
dieser Zeit geistig und wirtschaftlich mit Paris aufnehmen konnte. Doch fand er
weiterhin Muße auch für die Schriftstellerei. So verfasste er je einen
horoskopartigen Almanach für die Jahre 1533 und 1535 und edierte 1534 ein
gelehrtes Buch über die Topographie des antiken Roms; im Frühjahr nämlich hatte
er den Bischof von Paris und Mitglied des Kronrates Jean du Bellay als Leibarzt
und Sekretär auf einer diplomatischen Reise nach Rom begleitet.
Daneben schrieb er einen neuen Roman,
der den Erfolg des Pantagruel
fortsetzen sollte und auch tat: das Ende 1534 unter demselben Pseudonym
gedruckte La Vie très horrifique du grand
Gargantua, père de Pantagruel. Es enthält, wie der Titel anzeigt, eine
Vorgeschichte zum Pantagruel und figuriert in Gesamtausgaben des Zyklus
deshalb meist als Band I. Der Gargantua enthält auch das berühmte
Kapitel über die Abtei Thélème, einen idealen utopischen Ort, an dem eine
geistige und soziale Elite von Personen beiderlei Geschlechts ein
selbstbestimmtes, aber auch durch Vernunft und Selbstbeherrschung gezügeltes
Leben führt. (Die erheblich später entstandenen weiteren Bände des Zyklus
erschienen unter Rabelais’ richtigem Namen und hatten als Le tiers livre, Le quart
livre, und Le cinquième livre
nüchterne Titel, standen allerdings auch kaum mehr in der Tradition der
Ritterroman-Parodien.)
1535 gab Rabelais den wohl nur mäßig
geliebten Krankenhausposten auf, um ganz in den Dienst Du Bellays zu treten und
erneut mit ihm, der kurz zuvor zum Erzbischof befördert worden war, nach
Italien zu reisen. Hier traf er bei einem Aufenthalt in Ferrara Clément Marot
(s.u.) und andere dorthin geflüchtete Sympathisanten der Reformation.
Anschließend verbrachte er ein halbes Jahr mit Du Bellay in Rom. Zweifellos
über ihn erhielt er hier 1536 die Erlaubnis des Papstes, pro forma in den
Benediktinerorden zurückzukehren, und zwar als Angehöriger eines Klosters nahe
Paris, dessen Abtposten Du Bellay innehatte. Dort sollte er nach der
beabsichtigten Umwandlung des Klosters in ein Stift eine Pfründe als Stiftsherr
mit regelmäßigen Einkünften bekommen.
Naturgemäß wehrten sich die anderen
Mönche gegen den Quereinsteiger. Rabelais musste eine Eingabe an den Papst
richten. Der Ausgang der Angelegenheit ist nicht bekannt.
Vermutlich ebenfalls 1536 (oder 1539?)
wurde sein Sohn Théodulus geboren, der jedoch zweijährig starb.
Anfang 1537 erwarb Rabelais in
Montpellier den medizinischen Doktortitel und hielt anschließend Vorlesungen
über die Schriften des Hippokrates, wobei er erneut das griechische Original
zugrundelegte und die gängige lateinische Version als fehlerhaft kritisierte.
Im Sommer erregte er Aufsehen bei einem Besuch in Lyon, als er dort die Leiche
eines Gehenkten sezierte.
1538 finden wir ihn in Aigues Mortes
mit Du Bellay, der hier an einem Treffen zwischen König François I. und Kaiser
Karl V. teilnahm und dem er anschließend nach Lyon folgte.
Ende 1539 wurde er von seinem Gönner an
dessen offenbar kränkelnden älteren Bruder Guillaume de Langey weitergereicht,
einen Militär, der zum stellvertretenden Statthalter Frankreichs im von franz.
Truppen besetzten Piemont ernannt worden war. Von ihm wurde er nach Turin
mitgenommen, wo er, unter dem Titel Stratagemata, eine Geschichte der
militärischen Karriere Langeys verfasste, die aber verloren ist. Die nächsten
Jahre bis zum Tod seines Dienstherrn Anfang 1543 pendelte Rabelais mit ihm
zwischen Norditalien und Frankreich.
1541 und 1544 brachte er erneut je
einen Almanach heraus, letzteren unter dem Titel Grande et vraye pronostication
nouvelle pour l’an 1544.
1542 reagierte er auf die Vorwürfe, der
Pantagruel und der Gargantua seien obszön und theologisch
bedenklich, und publizierte in Lyon eine gereinigte Fassung beider Bände, die aber
trotzdem von der Sorbonne verurteilt wurde. Ein Grund hierfür war wohl, dass
der Drucker Étienne Dolet, ein einstiger Freund, kurz zuvor ohne Einverständnis
Rabelais’ die ursprüngliche Fassung nachgedruckt hatte.
Rabelais schrieb dennoch eine Fortsetzung
des Romans, das Tiers livre, in dem er vor allem die Frage diskutiert,
ob Pantagruel heiraten soll, oder besser nicht. Als er den Band 1545
fertig hatte, durfte er ihn zwar der Schwester von François I, Marguerite de Navarre (s.u.),
widmen und in Paris mit einem königlichen Druckprivileg veröffentlichen, doch
geriet er erneut in die Schusslinie der Sorbonne. Er verließ deshalb für eine
Weile Frankreich und verdingte sich als Arzt und städtischer Sekretär in der
damaligen freien Reichsstadt Metz. In seinen Mußestunden arbeitete er an einer
weiteren Fortsetzung, dem Quart livre, das die fiktive Entdeckungsreise schildert
(Berichte von realen waren gerade in Mode), die Pantagruel auf der Suche nach
der „göttlichen Flasche“ (dive bouteille) unternimmt.
Nach dem Tod von König François I (1547) reiste Jean du Bellay (der
inzwischen Kardinal und oberster franz. Diplomat in Italien geworden war)
einmal mehr nach Rom und nahm Rabelais mit. Auf der Durchreise übergab dieser
in Lyon einem Drucker die ersten elf Kapitel des Quart livre, die
1548 erschienen. In Rom, wo er mit seinem Dienstherrn bis 1549 blieb, stellte
er das Buch fertig, so dass es Anfang 1552, nunmehr in Paris, als Ganzes
herauskommen konnte. Wieder einmal erregte Rabelais den Unwillen der Sorbonne,
die sich an Passagen stieß, die als Rom-Satire verstanden werden konnten. Auch
das Pariser Parlement verurteilte das Buch.
Rabelais, der 1551 über Du Bellay eine
Pfründe in Meudon bei Paris und eine weitere im Bistum Le Mans erhalten hatte,
musste diese Anfang 1553 aufgeben. Hiernach ist nichts mehr von ihm bekannt.
Offenbar hatte er aber noch bis kurz vor seinem Tod im April an einem weiteren
Fortsetzungsband gearbeitet, der vermutlich auf Initiative seines Druckers von
unbekannter Hand zu einem Abschluss gebracht wurde und 1664 erschien.
Zwar hatte Rabelais sich in seinen
letzten Jahren noch am andauernden Erfolg seines Romanzyklus freuen können,
doch galt er als theologisch und konfessionell suspekt. Zugleich wurde er,
wegen seiner freimütigen Darstellung aller menschlichen Lebensäußerungen,
zunehmend auch als unmoralisch gerügt, und zwar sowohl von den prüder werdenden
katholischen Theologen als auch von Protestanten, nachdem ihn der Reformator
Jean Calvin schon 1550 in seinem Traité des scandales heftig angegriffen
hatte.
Heute gilt er, auch wenn er aufgrund
seiner archaisch gewordenen Sprache und seiner nur noch schwer verständlichen
Wortspiele und Anspielungen wenig gelesen wird, als der größte franz. Autor des
16. Jh., einer der Großen der franz. Literatur überhaupt und speziell als
Galionsfigur des moralisch nicht immer korrekten, dafür aber
volkstümlich-heiteren esprit gaulois
oder eben rabelaisien. Der Erfolg
seines Romanzyklus beruht auf einer unnachahmlichen Kunst der Mischung: auf der
Stilebene mengt Rabelais Ernst und Scherz, spielerische Ironie und bissigen
Sarkasmus, derben Witz und hypergelehrte Pedanterie, lustige Wortspielereien
und komisch verwendete echte und fiktive Zitate; auf der Strukturebene
kombiniert er geschickt meist knappe, immer wieder die Grenzen zum
Phantastischen und Grotesken überschreitende Handlungssequenzen und meist
längere Erzähler- und Figurenreden, deren letztlich satirische Intentionen kaum
zu übersehen sind, auch wenn sie sich oft verstecken, z.B. hinter einer scheinbaren
Naivität. Nicht zu Unrecht erkannte die Sorbonne in dem Humoristen und
Fabulisten den kritisch-selbständigen Geist und Anhänger eines unorthodoxen,
überkonfessionellen „Evangelismus“.
Der Zyklus insgesamt scheint in seiner
Motivation erklärbar als Ausdruck einer Spottlust, die sich je länger, je mehr
aus der Verbitterung des Autors über bestimmte Verhältnisse speist. Von den
Lesern wurde er vermutlich als erheiterndes Evasionsangebot genutzt in einer
Zeit, wo es wenig zu lachen gab angesichts einer Realität, die beherrscht war
von einer enormen religiösen und ideologischen Polarisierung. Denn diese
reichte bis in die Familien hinein, bewirkte eine zunehmende Intoleranz der
konfessionellen Parteien und ihrer Propagandisten und führte zu einer brutaler werdenden
Unterdrückung der Protestanten durch den Staat, der ab 1534 offen die
katholische Partei unterstützte.
Die erste deutsche Teil-Übertragung des
Zyklus wurde von dem Straßburger Humanisten Johann Fischart verfasst und
erschien 1575 unter dem Titel: Abenteuerliche und ungeheuerliche
Geschichtsschrift vom Leben, Raten und Taten der Herren Grandgusier, Gargantua
und Pantagruel.
(Stand: Okt.
09)
Clément Marot (* 1496 Cahors;
† 1544 Turin)
Er gilt als der bedeutendste franz.
Lyriker der ersten Hälfte des 16. Jh.
Er
wurde geboren als Sohn des Kaufmanns und angesehenen Dichters Jean Marot.
Dieser stammte aus der Normandie, die Mutter aus Cahors in Südfrankreich. Hier
verbrachte Marot seine Kindheit, wobei er zunächst zweisprachig aufwuchs, d.h.
französisch und vor allem okzitanisch. 1506 zog die Familie nach Paris, denn
der Vater war Sekretär im Dienst der Königin, Anne de Bretagne, geworden.
Später wurde er zum Kammerdiener (valet de chambre) bei ihrem Gatten Louis XII
befördert.
Durch
seinen Vater erhielt der junge Marot früh Kontakt zum Hof und bekam er eine
Stelle als Page bei einem hochrangigen Adeligen, der ihn auch weiterhin
protegierte und ihm etwas später einen Schreiberposten in der Chancellerie
(quasi beim Justizminister) verschaffte. Eine solide Schulbildung genoss er
offenbar nicht, doch lernte er Latein sowie Italienisch und konnte sich eine
gewisse klassische Bildung aneignen.
Ab
ca. 1511 schrieb er Verse, angeleitet vom Vater und von dessen Dichter- und
Sekretärskollegen Jean Lemaire de Belges (s.o.). Daneben schulte er seine Feder
mit Übertragungen von Texten Vergils und Lukians. 1514 trat er erstmals an die
Öffentlichkeit mit der Versepistel (épître) Le Temple de Cupido, die er
verfasst hatte zur Hochzeit von Claude de France, der Tochter von Louis XII,
mit ihrem Cousin François d’Angoulême, der aufgrund des Fehlens eines direkten
männlichen Thronerben engster Anwärter auf die franz. Krone war. Im selben Jahr
wurde auch ein erstes Werk Marots gedruckt, die Épître de Maguelonne.
Nachdem
François d’Angoulême als François Ier schon 1515 in der Tat den
Thron bestiegen (und Marots Vater Jean als Kammerdiener übernommen) hatte,
schaffte es Marot, dem nur zwei Jahre älteren jungen König mit weiteren
Gedichten zu gefallen, z.B. einer witzigen Petite épître au Roi, und
seine Sympathie zu gewinnen. 1519 wurde er von François dessen älterer
Schwester empfohlen, Marguerite d’Angoulême (bzw. de Navarre, s.o.), die ihn
als Kammerdiener und Sekretär in ihre Dienste aufnahm.
Dies
hinderte Marot nicht, François 1521 und 22 auf Feldzügen gegen Kaiser Karl V.
in Flandern und im Hennegau zu begleiten. Meist jedoch lebte er als vom König
geschätzter Dichter und Unterhalter am Hof in Paris. Hier verfasste er bei den
verschiedensten Anlässen und Gelegenheiten Texte in allen lyrischen Gattungen
der Zeit. Eine Spezialität dieser frühen Schaffensphase waren, neben weiteren
Versepisteln, kürzere Gedichte zum Thema Liebe, insbesondere Rondeaus und
Chansons. Seine Texte verbreitete er in der Regel zunächst durch Lesung oder Vortrag
vor seinem Zielpublikum, doch kursierten meistens rasch auch Abschriften
Dritter.
Zweifellos
war es durch den Einfluss Marguerites und ihrer Umgebung, dass Marot sich dem
reformatorischem Gedankengut Luthers öffnete. Dies, aber zweifellos auch ein
etwas lockerer Lebenswandel und eine spöttische Zunge, trug ihm Anfeindungen
und bald auch Probleme ein. Insbesondere scheint er die Richter des Obersten
Gerichts, des Parlements und die konservativen Theologen der Sorbonne gegen
sich eingenommen zu haben.
Als
1525 der König bei der Schlacht von Pavia in die Gefangenschaft von Kaiser Karl
geraten war und seine Schwester Marguerite sich zu Freilassungsverhandlungen in
Madrid aufhielt, wurde Marot von einer rachsüchtigen Frau denunziert, er habe
in der Fastenzeit Speck gegessen. Seine Feinde und Neider nutzten die
Abwesenheit seiner fürstlichen Gönner und ließen ihn im Februar 26 inhaftieren
und im berüchtigten Pariser Stadtgefängnis, dem Châtelet, einkerkern. Dank der
Fürbitte eines Freundes zog jedoch der Bischof von Chartres den Fall an sich
und ließ Marot in sein erheblich humaneres Gefängnis überstellen. Im Mai
befreite ihn ein Gnadenakt des eben zurückgekehrten Königs. Seine misslichen
Erlebnisse im Châtelet schildert er sehr realistisch und mit bissigem Humor in
einer Epistel mit dem sprechenden Titel L’Enfer, die er aber
vorsichtshalber in der Schublade ließ, weil sie nur zu richtig als Attacke auf
die Welt der Pariser Gerichtsbarkeit verstanden werden konnte.
Wenig
später wurde Marot zum Nachfolger seines kürzlich verstorbenen Vaters im
Kammerdieneramt ernannt. Als er 1527 er erneut im Kerker landete, weil er einem
gerade von der Polizei festgenommenen Bekannten zur Flucht verholfen hatte,
befreite ihn König François umgehend selbst. Die betreffende Anordnung und der
vorangehende Hilferuf Marots in Gedichtform sind erhalten, ebenso ein launiges
Dankgedicht.
Die
Jahre nach 1526 waren sehr fruchtbar für Marot, zunächst auch dank seiner
Verliebtheit in Anne d’Alençon, eine junge Nichte von Marguerites erstem Gatten,
die ihn zu vielen Gedichten, vor allem Rondeaus, inspirierte. Vor allem jedoch
fungierte er weiterhin als Hofdichter mit Gelegenheitsgedichten aller Art und
zu allen möglichen Anlässen, wobei er u.a. die Gattung Epigramm, d.h. witzige,
oft bissige, einstrophige Texte, entwickelte. Finanziell ging es ihm ebenfalls
gut, so dass er 1529 (?) heiraten konnte und angeblich seine bald vorhandenen
drei Kinder täglich dankbar für den König beten ließ.
Nachdem
1531 als Raubdruck in Lyon eine erste Sammlung seiner Gedichte erschienen war,
gab Marot 1532 unter dem etwas burschikosen Titel L'Adolescence clémentine erstmals
selber einen Sammelband heraus, dem er 1534 einen weiteren Band, die Suite
de l'adolescence clémentine, folgen ließ.
Schon
um 1525 hatte er die Idee gehabt, nach quasi humanistischen Editionsprinzipien
Werke der älteren franz. Literatur gedruckt herauszugeben. So hatte er 1526 den
Roman de la rose (Rosenroman, 13. Jahrhundert, s.o.) in leicht
modernisierter Sprache ediert. 1533 besorgte er eine Ausgabe der Dichtungen von
François Villon (15. Jahrhundert, s.o.).
Der Oktober 1534 brachte einen
tiefen Einschnitt im Leben Marots. Er wurde in die sog. Affaire des Placards
verwickelt, eine Plakataktion protestantischer Aktivisten, die bewirkte, dass
König François seine bis dahin geübte religiöse Toleranz (oder auch
Gleichgültigkeit) aufgab, Partei auf Seiten der konservativen Kräfte des
Katholizismus bezog und einer scharfen Repression des Protestantismus freien
Lauf ließ, was zu einer Reihe von Todesurteilen und Hinrichtungen führte, sowie
eine erste Fluchtwelle auslöste (der z.B. auch der spätere Reformator Jean
Calvin angehörte).
Als
Marot erfuhr, dass er auf einer Liste von Verdächtigen stand, flüchtete er zu
Marguerite nach Nérac im Béarn, das als Hauptort des franz. Teils des kleinen
Königreichs Navarra diente, mit dessen Titularkönig Henri d’Albret sie sich
inzwischen in zweiter Ehe verheiratet hatte. Nachdem er 1535 vom Pariser
Parlement in Abwesenheit verurteilt worden war, ging er auf Anraten Marguerites
nach Ferrara an den Hof der Herzogin Renée d'Este, der mit Luthers Lehren
sympathisierenden jüngeren Tochter von Louis XII.
Von
dort aus richtete er eine Bitt-Epistel an den König, worin er den Vorwurf, er
sei „Luthériste“, zu entkräften versuchte und sich über seine Feinde in der
Pariser Justiz und der Sorbonne beklagte. Er bekam aber keine Antwort, so dass
er eine weitere Epistel, nunmehr an den Dauphin, verfasste.
Als
er in Ferrara wenig später mit Duldung des Herzogs (der de jure Lehensmann des
Papstes war) von der Inquisition bedrängt wurde, floh er 1536 weiter nach
Venedig. Hier erhielt er 1537 die Nachricht, dass amnestiert worden war, und
kehrte, nachdem er in Lyon dem Protestantismus abgeschworen hatte, nach Paris
und zu seiner Familie zurück. Wieder aufgenommen am Hof wurde er dort zunächst
in eine Fehde mit Gedichten verwickelt von einem alten Rivalen namens François
de Sagon, der sich inzwischen als Platzhirsch betrachtete. Marot setzte sich
durch und erreichte hiernach den Höhepunkt seiner Anerkennung.
1538
ließ er bei dem bekannten Drucker Étienne Dolet in Lyon unter dem schlichten
Titel Les Œuvres eine erste Gesamtausgabe seiner Werke erscheinen. Im
selben Jahr übertrug er Gedichte Francesco Petrarcas, darunter sechs Sonette.
1539 bekam er vom König ein Haus in Paris geschenkt. Seine Stellung als bester
Dichter seiner Zeit schien gesichert.
Schon
1533 hatte er einen Bibel-Psalm in Gedichtform übertragen. Nach seiner Rückkehr
aus dem Exil hatte er, auf Vorschlag von König François, diese Arbeit wieder
aufgenommen und fortgeführt. 1541 gab er das Ergebnis unter dem Titel Trente
psaumes de David mis en français in Druck und durfte das Buch sogar Kaiser Karl
widmen, als dieser auf Durchreise in Paris weilte.
Nachdem
ihm die Trente Psaumes zunächst viel Lob eingebracht hatten als der
erste gelungene Versuch einer künstlerisch adäquaten Nachdichtung der Psalmen
in franz. Versen und Strophen, wurden sie 1542 auf Betreiben der Sorbonne
überraschend verboten. Ein Grund war, dass soeben Dolet ohne Zustimmung Marots L’Enfer
gedruckt hatte; ein anderer war der Umstand, dass auch der in Genf gerade an
die Macht gelangte Reformator Calvin die Psalmen-Nachdichtung lobte und seinen
Anhängern empfahl.
Marot
floh einmal mehr aus Paris und ging nach Genf, wo er weitere 20 Psalmen
übertrug, so dass er 1643 eine Neuauflage mit nunmehr 50 Psalmen herausbringen
konnte. Kurz danach jedoch verließ er Genf, weil er Probleme mit Calvin und
dessen fundamentalistisch strengem Regime bekam. Er zog weiter in das von
franz. Truppen besetzte Savoyen, von wo aus er vergeblich Kontakt mit König
François aufzunehmen versuchte. Nach kürzeren Aufenthalten in Annecy und
Chambéry starb er 1544 verbittert in Turin. Kurz nach seinem Tod (dessen
genaues Datum ebenso unbekannt ist wie das seiner Geburt) erschien eine
Neuauflage der Œuvres.
Marots
literarhistorische Bedeutung liegt darin, dass er (im Sinne seiner beiden
Lehrmeister) einerseits die reiche eigenständige franz. lyrische Tradition mit
ihrem vielfältigen Formenbestand weiterführte, sich andererseits aber als einer
der ersten franz. Autoren auch an der zu dieser Zeit tonangebenden
italienischen Lyrik inspirierte. Anscheinend war er es, der das Sonett in
Frankreich einführte. Er pflegte vor allem die Gattung Versepistel, wobei er
oft sehr persönlich wirkende Passagen einflicht, und er gilt als erster
Meister, wenn nicht sogar Erfinder der Kurzform Epigramm. Insgesamt verfasste
er 65 Episteln, 80 Rondeaus, 15 Balladen, 300 Epigramme, 27 Elegien.
Viele
seiner Gedichte gelten dem Thema Liebe, insbesondere Rondeaus und Chansons, in
denen er höchst kunstvoll, mal eher ernst, mal eher scherzhaft und leicht
anzüglich, die Begrifflichkeit und die Vorstellungswelt der überkommenen
höfischen Lyrik aufnimmt und variiert.
Das
Markenzeichen vor allem dieser Gedichte ist ihre formale und stilistische
Vielfalt bei gleichzeitiger Eleganz und spielerischer, oft verspielter
Leichtigkeit des Ausdrucks: der sprichwörtlich gewordene „style marotique“.
Die
Beurteilung Marots in Frankreich war nicht immer frei von konfessionell
geprägten Motiven. Dennoch war seine Nachwirkung groß (allein im 16.
Jahrhundert wurden die Œuvres weit über zweihundertmal neu aufgelegt), und
er blieb bis ins 19. Jahrhundert hinein ein von vielen Lesern und Autoren sehr
geschätzter und gern pastichierter (spaßhaft nachgeahmter) Dichter, der als
prototypisch galt für die vermeintlich guten alten Zeiten.
Seine
Cinquante psaumes wurden zum Kern des sog. Genfer Psalters
(Hugenottenpsalter).
Sein
Sohn Michel Marot, der Page von Marguerite wurde, versuchte sich ebenfalls als
Dichter, erreichte aber nicht entfernt die Bedeutung seines Vaters oder auch
des Großvaters.
(Stand: Mai 10)
Maurice Scève (* ca. 1500 in Lyon; † ca. 1560,
vermutlich ebenfalls in Lyon).
Er gilt als der bedeutendste Vertreter
der um 1550 blühenden sog. Lyoneser Dichterschule, deren einigendes geistiges
Band die idealistische neoplatonistische Vorstellung von Liebe war, die man aus
Italien übernommen hatte.
Über die Biografie Scèves ist wenig
bekannt. Er war Sohn eines städtischen Richters aus alter Lyoneser Familie und
erhielt eine gute humanistische Bildung. Er lebte überwiegend in und nahe Lyon,
das zu dieser Zeit dank seiner Nähe zu Italien wirtschaftlich und geistig
florierte und ein der Hauptstadt Paris fast ebenbürtiges intellektuelles
Zentrum war, weil es nicht von stockkonservativen Institutionen wie der
Sorbonne oder dem Parlement kontrolliert und erstickt wurde.
Scèves bekanntere Werke sind die Elegie
Arion (1536), die Ekloge La Saulaie, églogue de la vie solitaire
(1547) und vor allem Microcosme, ein
3000 Verse langes enzyklopädisches Gedicht, das den Sündenfall Adams und Evas
als Voraussetzung für die Entwicklung der menschlichen Fähigkeiten und damit
allen Fortschritts sieht, den es in Form einer Traumvision Adams von der
Zukunft der Menschheit an Beispielen darstellt (postum 1562 gedruckt). Des
weiteren verfasste Scève sog. Blasons, d.h. damals beliebte Gedichte, die (weibliche)
Körperteile besingen, z.B. Le Sourcil
oder Le Front oder Le soupir oder La Gorge.
Seinen Ruhm verdankte Scève vor allem
dem 1544 erschienenen Gedichtzyklus Délie,
objet de plus haute vertu, den er 1537 begonnenen hatte, nach der Begegnung
mit seiner großen, aber unerfüllten Liebe, der ebenfalls dichtenden Pernette du
Guillet (ca. 1520-1545). Der Zyklus beginnt mit einem achtzeiligen
Zueignunggedicht und umfasst dann 449 zehnzeilige Gedichte, die im Druck durch
eingefügte Embleme in Gruppen unterteilt sind, und zwar nach dem System
5+(9×49)+3. Die in zehnsilbigen Versen verfassten Gedichte sind allesamt sehr
kunstvoll, oft hermetisch. Sie sprechen von oder sind gerichtet an eine ideale
Geliebte, die als grundsätzlich unerreichbar vorgestellt wird, ähnlich der
Beatrice von Dante oder der Laura von Francesco Petrarca, deren Grab Scève 1533
in Avignon gefunden zu haben glaubte. Mit Délie
(der Name ist ein Anagramm aus L’-I-D-E-E)
steht Scève stilistisch und thematisch in der Tradition der sog. petrarkistischen
Lyrik, einer von dem o.g. Petrarca um 1330 inaugurierten Art der
Liebesdichtung, die in ganz Mittel- und Westeuropa rezipiert und mehr als zwei
Jahrhunderte hindurch imitiert wurde.
Scève kannte sich übrigens nicht nur in
der italienischen Literatur aus (sowie selbstverständlich in der lateinischen
und griechischen), sondern auch in der spanischen, deren "siglo de
oro" (Goldenes Zeitalter) gerade begann und zu deren ersten franz. Mittlern er zählte
mit seiner Übertragung La deplourable fin
de Flamecte, élégante invention de Jehan de Flores [=Juan de Flores],
espaignol, traduicte en langue françoise (1535).
(Stand: Dez. 06)
Jean
Calvin (eigentlich
Jean Cauvin, 1509–1564).
Der aus einer Juristenfamilie in
Nyon/Picardie stammende Calvin studierte nach seiner Schulzeit in Paris
zunächst Jura in Orléans und in Bourges. Wieder in Paris (1531), begann er
humanistische Studien am neu gegründeten Collège
des Lecteurs du roi und gelangte hierüber in Kontakt mit lutherischem
Gedankengut. Ab 1533 war er erklärter Protestant, musste 1534 wie so viele
Sympathisanten der Reformation Paris fluchtartig verlassen und lebte danach
unstet im Exil (Nérac, Basel, Ferrara, Genf, Straßburg), wobei er eine Vielzahl
theologischer Schriften verfasste.
Ab 1541 wirkte er im schweizerischen
Stadtstaat Genf, der unter ihm zum geistigen Zentrum der Reformation im franz.
Sprachraum und ansatzweise zu einer Art fundamentalistischem Gottesstaat wurde,
in dem es auch nicht eben tolerant zuging.
Für die franz. Literatur- und
Sprachgeschichte interessant ist dieser neben Luther einflussreichste
Reformator durch seine Institution de la
religion chrétienne (1541). Es
ist die von ihm selbst verfasste Übertragung seines 1535 in Basel publizierten
lateinischen Buches Christianae
religionis institutio und wurde gedruckt in der freien Reichsstadt
Straßburg, die damals eine der Hochburgen des frühen deutschen Druckereiwesens
war. Die bald zur Grundlage des Protestantismus kalvinistischer Ausprägung
werdende Institution war vermutlich
das erste weitverbreitete theologische Werk in franz. Sprache und einer der
meistgelesenen franz.sprachigen Texte des 16. Jh. Calvin setzte mit ihm
(ähnlich wie Luther in Deutschland) sprachliche und stilistische Maßstäbe dank
seiner nüchternen und klaren Ausdrucksweise, die auch weniger Gebildete
verstehen können sollten und die selbst seine Feinde bewunderten. 1542 wurde
die Institution in Frankreich
verboten, 1544 sogar öffentlich verbrannt, was jedoch der Verbreitung nur
nutzte.
(Stand: Febr. 05)
Bonaventure
des Périers (1510–1543 ?).
Über das Leben dieses jung verstorbenen
(vermutlich durch Selbstmord geendeten) Autors ist wenig bekannt, außer dass er
einige Zeit Kammerherr und Sekretär von Marguerite de Navarre war (s.o.).
Sein wichtigstes Werk neben einer Sammlung
von Schwänken und Novellen sowie Übertragungen von Plato- und Horaz-Texten ist
das unter einem Pseudonym 1537 gedruckte Cymbalum
mundi en français, contenant quatre dialogues poétiques fort antiques, joyeux
et facétieux (=das Tschinderassa-Becken der Welt auf Französisch, das vier
ziemlich alte, spaßige und witzige poetische Dialoge enthält). Es sind
satirische Dialoge nach dem Muster des altgriechischen Autors Lukian, in denen
die Borniertheit und das leere Gerede, der Fanatismus und die Intoleranz sowohl
der katholischen als auch der sich inzwischen untereinander befehdenden
protestantischen Theologen und Wortführer ironisiert und gegeißelt wird. (Im
zweiten Dialog z.B. glauben ein gewisser Rhetulus [=Lutherus] und Cubercus
[=Bucerus] den Stein der Weisen gefunden zu haben.)
Das Buch war der erste literarische
Ausdruck von Skeptizismus und religiösem Freidenkertum zwischen den
konfessionellen Fronten. Es wurde auf Antrag von König François Ier vom Parlement und von der Sorbonne als ketzerisch verurteilt
und auf dem Scheiterhaufen verbrannt, zugleich aber auch von Calvin getadelt.
Die Autorschaft Des Périers’ ist übrigens nur wahrscheinlich, aber nicht
vollständig sicher.
(Stand: Febr.
08)
Jacques Amyot (* 29. Oktober 1513 in Melun; † 6. Februar
1593 in Auxerre).
Er ist zwar heute auch als Name kaum
mehr bekannt, hat aber mit seinen vielgelesenen Übertragungen griechischer
Werke die Entwicklung der franz. Literatur stark beeinflusst.
Amyot stammte aus relativ kleinen
Verhältnissen, doch konnte er sich in Paris eine gute theologische und vor
allem humanistische Bildung verschaffen. Wie so viele Humanisten dieser Jahre
sympathisierte auch er mit der Reformation und geriet 1534, als deren
Unterdrückung in Frankreich begann, kurz in Schwierigkeiten. Um 1536 war er
einige Zeit Lektor (eine Art Privatdozent) für Griechisch an der Universität
von Bourges, bevor er 1540 Hauslehrer der Kinder eines Königlichen Sekretärs
wurde, der als Euripides-Übersetzer dilettierte. Über ihn erhielt er Kontakt zu
König François Ier, der ihn 1542 mit einer Übertragung von Plutarchs
„parallelen Biografien“ berühmter Griechen und Römer (ca. 110 n. Chr.)
beauftragte und ihm kurz vor seinem Tod 1547 eine einträgliche Kirchenpfründe
zuwies.
Die erste Übertragung, die Amyot
erscheinen ließ, war allerdings 1548 die der Äthiopika von Heliodor (3. Jh. n. Chr.), der abenteuerreichen
Liebesgeschichte des Theagenes und der schönen Chariklea. Das anonym
publizierte Buch (denn Liebesromane ziemten sich für einen Geistlichen nicht)
wurde in Frankreich, und nicht nur hier, unendlich viel gelesen und nachgeahmt,
zu Theaterstücken verarbeitet (z.B. von Jean Racine, s.u.) und noch 1758 von
Voltaire in Candide parodiert.
Zwischen 1548 und 52 unternahm Amyot
mehrere längere Reisen nach Venedig und Rom, um dort Manuskripte seiner
griechischen Autoren einzusehen. 1554 brachte er eine Übertragung von sieben
Büchern der monumentalen Universalgeschichte des Diodoros von Sizilien († ca.
30 v. Chr.) heraus.
1557 wurde er von König Henri II und
seiner Gemahlin Catherine de Médicis zum Hauslehrer ihrer Söhne Charles und
Henri bestellt. Als Charles 1560 sehr jung auf den Thron kam, wurde Amyot von
ihm zum „Grand aumônier (=Großalmosenier) de France“ befördert.
Kurz zuvor (1559) hatte er die
Übertragung herausgebracht, die als seine wichtigste gilt: Les vies des hommes illustres grecs et romains, comparées l'une avec
l'autre par Plutarque, eine 46 historische Figuren paarweise (z.B.
Alexander und Cäsar) verknüpfende Biografiensammlung. Der für heutige Begriffe
sehr frei übersetzte Text war offenbar dem Erwartungshorizont franz. Leser
gelungen angepasst und wurde sofort ein großer Bucherfolg. Noch zu Lebzeiten
Amyots erschienen vier von ihm überarbeitete Neuauflagen sowie jeweils zahlreiche
Nachdrucke. Auch in den nachfolgenden Jahrhunderten wurde der Plutarque immer wieder gedruckt, war
obligatorische Lektüre für alle Gebildeten und eine wichtige Stoffquelle für
Roman- und Theaterautoren.
Ebenfalls 1559 publizierte Amyot,
einmal mehr anonym, eine Übertragung von Longos’ idyllischem kleinen
Liebesroman um die jungen Hirten Daphnis und Chloe (2. Jh. n. Chr.), der die
Schäferliteratur im Frankreich der Zeit etablieren half.
1572 brachte er unter dem Titel Œuvres morales eine Übertragung vermischter
moralphilosophischer Schriften Plutarchs heraus. Auch sie war ein großer
Erfolg, wurde z.B. von Montaigne bewundert und beeinflusste die nachfolgende
franz. Essayistik und Moralistik.
Kurz zuvor, 1570, war Amyot zum Bischof
von Auxerre ernannt worden. In dieser Rolle entwickelte er sich zum energischen
Verfechter eines katholisch orientierten staatlichen Zentralismus in
Frankreich, der seines Erachtens das einzige Heilmittel war gegen die ab 1562
ständig neu aufflammenden Religionskriege zwischen Protestanten und Katholiken
(deren Ende 1598 er nicht mehr erlebte).
(Stand: Juli 09)
Louise
Labé (*
1524 nahe Lyon; † 25.4.1566 nahe Lyon).
Zu ihren Lebzeiten vor allem als
emanzipierte Frau avant la lettre bekannt, gilt sie seit ihrer Wiederentdeckung
gegen Ende des 18. Jh. als eine der bedeutendsten franz. Lyrikerinnen.
Sie war Tochter aus der zweiten Ehe des
wohlhabenden Seilfabrikanten Pierre Charly, genannt L’abbé oder Labé, und wuchs
auf im damals wirtschaftlich und intellektuell prosperierenden Lyon. Sie
erhielt eine für eine junge Bürgerliche der Zeit vorzügliche und vielseitige
Bildung und lernte nicht nur mehrere Sprachen sowie die Laute spielen, sondern
auch (wenn man ihrer dritten Elegie glaubt), kunstvoll zu sticken, zu reiten
und sogar zu fechten. Sie wurde jung mit einem deutlich älteren reichen
Seilfabrikanten verheiratet und hieß fortan „la Belle Cordière“, die schöne
Seilerin.
In ihrem Salon versammelte sie die
Lyoneser Schöngeister und Literaten, z.B. den bekannten Lyriker Maurice Scève
(s.o.), ließ sich von ihnen anhimmeln und animierte sie, über alle Aspekte der
Liebe und nicht zuletzt auch über die Stellung und Rolle der Frau in Dichtung
und Gesellschaft zu diskutieren und zu schreiben. Auch selbst schrieb sie
zumindestens gelegentlich. Nach ihrer frühen Verwitwung stellte sie 1555 einen
Sammelband zusammen und brachte ihn bei dem sehr aktiven Lyoneser Drucker Jean
de Tournes heraus unter dem Titel Œuvres
de Louise Labé, Lyonnaise.
Der schmale Band enthält (neben 24
Gedichten befreundeter Autoren) den Prosatext Le Débat d'Amour et de Folie, ein naturgemäß unernster Disput zwischen
Amor und der Torheit samt Plädoyers von Apollo und Merkur sowie dem
Schiedspruch Jupiters, weiter drei kürzere Elegien im Stil Clément Marots
(s.o.) und vor allem die berühmten 24 petrarkistischen Sonette, deren 3 oder 4
schönsten zu den besten Gedichten in franz. Sprache zählen. Insgesamt wirken
die Sonette für die Epoche ungewöhnlich bekenntnishaft und handeln, wie schon
die Elegien, von der Leidenschaft eines weiblichen Ich, zweifellos der Autorin
selbst, zu einem seinerseits nur lauen Geliebten, hinter dem sich wohl der
heute praktisch unbekannte Literat Olivier de Magny verbirgt.
Labé
zog sich einige Jahre später (1560) auf ein Landgut nahe Lyon zurück, wo sie
relativ jung verstarb. Ihr Testament ist eines der wenigen Dokumente, die aus
ihrem Leben erhalten sind.
Nachdem
ihr Werkband bald nach seinem Erscheinen mehrfach, auch an anderen Orten,
nachgedruckt worden war, geriet sie im schon im späten 16. Jh. in Vergessenheit.
Eine Ursache war sicher der Ausbruch der Religionskriege 1562, ein anderer
Grund war vielleicht, dass der Reformator Calvin, der wohl im nahen Genf von
ihr gehört hatte, sie um 1560 wegen ihres unkonventionellen, für eine Frau
leicht als unschicklich empfundenen Lebenswandels als „ordinäre Hure“ (plebeia
meretrix) geschmäht hatte und auch die wieder prüder gewordenen Katholiken
diese negative Wertung übernahmen. Ihre Wiederentdeckung wurde eingeleitet von
einer Neuausgabe ihres Werkes um 1760. Seitdem gilt sie neben Scève als die
bedeutendste Vertreterin der um 1550 blühenden sog. Lyoneser Dichter-Schule.
In Deutschland ist sie nicht unbekannt
dank der naturgemäß recht freien Übertragungen ihrer Sonette durch Rilke (1917)
und der noch freieren von Paul Zech (postum 1947). Auch in andere Sprachen
wurden die Sonette im 19./20. Jh. erstaunlich oft übertragen.
2006 stellte eine Pariser
Literaturhistorikerin die These auf, dass die unter Labés Namen gedruckten
Werke in Wahrheit nicht von ihr selbst verfasst seien, sondern von anderen
Lyoneser Autoren (z.B. der Débat von Scève und die Sonette von Magny).
Die These ist jedoch angesichts des Fehlens von einschlägigen Dokumenten oder
Zeugnissen schwer zu erhärten. Zu einem angemesseneren oder gar richtigeren
Verständnis der Texte führt sie nicht.
(Stand: Jan. 08)
Joachim du Bellay (* um 1522 auf dem Herrensitz La Turmelière in Liré bei
Angers; † 1.1.1560 in Paris).
Er gilt neben Pierre de Ronsard (s.u.)
als der bedeutendste franz. Lyriker der Mitte des 16. Jh.
Du
Bellay (alphabetisch unter D einzuordnen!) war jüngerer Sohn aus einer ärmeren
Linie eines alten Adelsgeschlechts des Anjou. Über seine jungen Jahre ist
nichts Genaues bekannt. Offenbar verlor er früh seine Mutter, war mit 10 Jahren
Vollwaise und verlebte, von Kindesbeinen an kränklich, unter der Vormundschaft
seines ältesten Bruders René eine freudlose Jugend, ohne eine profundere
Bildung zu erhalten. Als junger Mann begann er 1540 ein Jurastudium, zweifellos
mit der Absicht, sich für einen Posten in der königlichen Verwaltung bzw.
Gerichtsbarkeit zu qualifizieren, den er sich dank der Beziehungen eines
Cousins seines Vaters, des Kardinal-Bischofs von Paris, Jean du Bellay,
erhoffen konnte.
In
der Universitätsstadt Poitiers fand er Anschluss an einige humanistisch
gebildete Literaten, insbes. Jacques Le Peletier du Mans (1517-82), und
neulateinische Dichter, in deren Kreis er erste Gedichte verfasste, ebenfalls
zum Teil auf Latein. Spätestens hier lernte er zudem Italienisch und
beschäftigte sich mit den Klassikern der italienischen Renaissance, vor allem
der Lyrik von Petrarca und seiner Schüler.
Vielleicht
schon 1543, bei der Beerdigung eines hochstehenden Verwandten, hatte er den
wenig jüngeren Dichterkollegen Ronsard kennen gelernt. Bei einem Treffen 1547
ließ er sich von ihm bereden, nach Paris zu kommen, um dort, wie jener, bei dem
bekannten Gräzisten Jean Dorat (1508-88) am Collège Coqueret Studien auch der
altgriechischen Literatur zu treiben. Wenig später gründete er mit Ronsard
sowie einigen anderen, heute wenig bekannten Autoren einen Dichterkreis, den
man zunächst „la brigade“ (=Trupp, Gruppe) nannte und später in „la Pléiade“
(=Siebengestirn) umtaufte.
Der Wechsel Du Bellays nach Paris trug
rasch Früchte. Schon im März 1549 publizierte er zwei seiner zentralen Werke:
die programmatische Schrift La Défense et
illustration de la langue française (=Verteidigung und Verherrlichung der
franz. Sprache), die er seinem Verwandten, dem Kardinal, widmen durfte, und die
Gedichtsammlung L'Olive et quelques
autres œuvres poétiques (=die Olive und einige andere lyrische Texte).
Die Défense, die seinerzeit nur
mäßig beachtet, jedoch im 19./20. Jh von patriotischen Literarhistorikern zu
einem Schlüsseltext erklärt wurde, war eine Art Manifest der Theorien und der Praxis der Pléiade-Autoren. Im
ersten Teil wird das Französische zur Literatursprache von der gleichen
Dignität proklamiert wie das Griechische, Lateinische oder Italienische. Im
zweiten Teil, einer der vielen Poetiken, die damals in ganz Europa erschienen,
werden vor allem Regeln zum Dichten vermittelt, wobei eine Orientierung der
franz. Literatur, insbes. der Lyrik, am Formenschatz der antiken sowie der
inzwischen als vorbildhaft geltenden italienischen Literatur gefordert wird,
unter Abkehr von der als mittelalterlich-gestrig erklärten eigenen franz.
Tradition, wie sie vor allem der eine Generation ältere Hofdichter Clément
Marot (s.o.) und seine Schüler repräsentierten.
L’Olive war die erste Sonett-Sammlung der
franz. Literatur und, neben dem Gedichtband Délie von Maurice Scève
(1544, s.o.), eine der ersten franz. Sammlungen petrarkistischer Lyrik. Die äußerst
kunstvollen, auf heutige Leser oft maniriert wirkenden Sonette des Bändchens
inspirieren sich überwiegend an italienischen Vorbildern und kreisen zumeist um
eine unerreichbare ideale Geliebte namens Olive (deren Identität unbekannt,
aber auch unerheblich ist). Hierbei nimmt Du Bellay Gedankengut des
Neoplatonismus auf, sowie gelegentlich auch christliche Vorstellungen. Ende
1550 brachte er eine zweite, von 50 auf 115 Stücke erweiterte Neuauflage
heraus. Diese durfte er der Prinzessin Marguerite zueignen, der er im Vorjahr
mit einem Begrüßungsgedicht an ihren Bruder, den neuen König Henri II, aufgefallen
war und die auch weiterhin seine Gönnerin blieb.
Seinen humanistischen Interessen
folgend betätigte er sich zugleich als Übersetzer aus dem Lateinischen und ließ
1552 eine Nachdichtung von Buch IV der Äneis Vergils und andere
Übertragungen erscheinen. Anfang 1553 publizierte er eine weitere
Gedichtsammlung, Recueil de poésie
(=Gedichtsammlung).
Sein
Gesundheitszustand in diesen Jahren war offenbar prekär (Tuberkulose?); u.a.
litt er zunehmend unter Schwerhörigkeit, die ihm, dem ohnehin eher Depressiven,
das Leben zusätzlich verdüsterte. Ebenfalls prekär war seine materielle
Situation, anscheinend war er gezwungen, längere Prozesse um seinen Besitz
zuführen.
Im April 53 trat er, da er nach dem Tod
seines Bruders René einen Neffen zu versorgen hatte, in die Dienste von
Kardinal du Bellay und folgte ihm, der gerade wieder einmal als Gesandter des franz.
Königs nach Rom aufbrach, dorthin.
Sein Aufenthalt hier dauerte vier Jahre,
wobei er als Majordomus des Kardinals fungierte. Zwar öffnete die Stadt ihm
neue Horizonte und bekam er Anschluss an Literatenkreise, wobei er einen Freund
in (dem heute kaum bekannten) Olivier de Magny gewann, doch absorbierte ihn
sein Posten offenbar mehr als erwartet. Auch die Einblicke in die Politik und
die Verhältnisse am päpstlichen Hof, die er erhielt, frustrierten ihn. 1555
erlebte er zwei Papstwechsel mit, und Rom erschien ihm wie ein Schlangennest
aufgrund der Schaukelpolitik der Päpste, d.h. des Kirchenstaates, zwischen
Frankreich und dem Kaiser bzw. Spanien.
Im Spätsommer 1557 kehrte er mit dem
Kardinal zurück nach Paris, wobei er von ihm mit mehreren Pfründen versorgt
wurde. Denn offensichtlich hatte er sich irgendwann zumindest die niederen
Weihen erteilen lassen. Er fand wieder Anschluss an die alten sowie auch an
neue Literatenkollegen und versuchte mit Gedichten zu verschiedenen offiziellen
und anderen Anlässen auch am Königshof Fuß zu fassen, wie dies während seiner
Abwesenheit Freund Ronsard gelungen
war.
Das Jahr 1558 war sehr fruchtbar. Im
Januar ließ Du Bellay sein wohl bedeutendstes Werk erscheinen, Les regrets
(=Klagen), eine Sammlung von 191 größtenteils in Rom verfassten Sonetten von
vielfältiger Thematik, aber mit einem gemeinsamen Unterton von Nostalgie,
Frustration und Desillusion. Der Band war insofern epochemachend, als er die
Gattung Sonett als passendes Medium für fast alle denkbaren Themen etablierte.
Zugleich allerdings war die Schärfe, mit der viele Texte die Höflinge und ihre
Welt ironisierten, nicht dazu angetan, dem Autor am Hof Sympathien zu verschaffen.
Ebenfalls im Januar brachte er den
Sammelband Divers jeux rustiques (=Diverse ländliche Spiele) heraus.
Dieser enthält Gedichte der verschiedensten Gattungen und zeigt, wie der Titel
andeutet, häufig einen überraschend witzigen, manchmal sogar heiteren Du
Bellay.
Den melancholischen wiederum bietet Le premier livre des antiquités de Rome,
ein im März gedrucktes Bändchen mit 32 Sonetten. Deren Hauptthema sind die
überall in Rom (das damals recht klein war) und seiner Umgebung verstreuten
antiken Ruinen bzw. das Gefühl von Vergänglichkeit und Vergeblichkeit, das sie
in Du Bellay auslösten.
Zugleich mit den Antiquités
erschien eine vierbändige Sammlung der lateinischen Gedichte des Autors, von denen
einige eine nicht nur ideale Geliebte namens Faustina besingen. Ende des Jahres
kam seine Übertragung von Platos Symposion heraus.
Ebenfalls 1558 konnte Du Bellay einen
beachtlichen Karrieresprung verzeichnen mit seiner Ernennung zum Großvikar Jean
du Bellays, d.h. zu dessen Stellvertreter in seiner Funktion des Bischofs von
Paris. Allerdings profitierte er kaum mehr von seiner neuen Position, denn er
starb, depressiv und nach längerer Krankheit, mit 37(?) am Neujahrstag 1560.
Postum erschienen 1561 nochmals ein
Bändchen Lyrik sowie einige andere Texte, darunter politisch intendierte Discours
(=Reden) in Versform, wie sie wenig später auch Ronsard verfasste.
1568/69 wurde die erste Gesamtausgabe
seiner Werke zusammengestellt, die in der Folgezeit mehrere Auflagen erlebte.
(Stand: Aug. 10)
Pierre de Ronsard (*6.9.1524 auf La
Possonnière/Vendômois; †27.12.1585 in Croix-Val/Vendômois).
Von den Zeitgenossen hochgeschätzt,
danach lange Zeit vergessen, gilt er heute als der bedeutendste franz. Lyriker
der 2. Hälfte des 16. Jh.
Er war jüngerer Sohn aus adeliger
Familie und wurde zunächst von seinem Vater unterrichtet, einem gebildeten
Mann, der sich als Offizier in den Italienfeldzügen der Könige Louis XII und
dann François Ier ausgezeichnet und dessen beiden
ältesten Söhnen als Haushofmeister gedient hatte, als sie von 1526 bis 1530 in
Madrid als Geiseln Kaiser Karls V. festgehalten wurden.
Mit 9 wurde er aus dem ländlichen
väterlichen Schlösschen ins ferne Paris geschickt, um dort als Internatsschüler
das Collège de Navarre zu besuchen. Schon nach sechs Monaten holte man ihn
jedoch wieder heim. Mit 12 kam er erneut in die Hauptstadt, diesmal an den Hof.
Hier wurde er, sicher dank der Nähe seines Vaters zum König und zu dessen
Söhnen, Page bei dem ältestem, dem Dauphin (=Thronfolger). Als dieser kurz
darauf starb, wurde er dem dritten Sohn, Charles, zugeordnet. Wenig später, im
Sommer 1537, wurde er der 17jährigen Tochter des Königs, Madeleine, zugeordnet,
die soeben mit dem jungen schottischen König James Stuart verheiratet worden
war. In ihrem Gefolge reiste er nach Schottland und blieb dort bis zu ihrem
frühen Tod (1538). Mit 14 zurück in Paris, wurde er wieder Page bei Charles.
1539 reiste er erneut nach Schottland, diesmal im Gefolge der neuen Braut des
Schottenkönigs, Marie de Guise. 1540 begleitete er als Sekretär den franz.
Diplomaten Lazare de Baïf, einen Verwandten, auf einer längeren Mission ins Elsass,
wobei er durch ihn mit humanistischem Gedankengut in Kontakt kam.
Kurz danach erlitt er eine Krankheit
(Mittelohrentzündung?), die ihn „halb taub“
(einseitig ganz taub? beiderseits schwerhörig?) werden ließ. Er gab
deshalb die bis dahin angestrebte Offiziers- und/oder Höflings- und
Diplomatenlaufbahn auf und kehrte nach Hause zurück. Hier las er, insbes.
lateinische Literatur, und übte seine Feder an lateinischen Versen und
Nachdichtungen von Texten der großen römischen Dichter Vergil und vor allem
Horaz (ca. 65 - ca. 8 v. Chr.).
Mit 18 (1543) ließ er sich die niederen
Weihen erteilen, um bei Gelegenheit eine der gut dotierten Kirchenpfründen
besetzen zu können, mit denen der König dank seines Verfügungsrechtes
vorzugsweise jüngere Söhne adeliger Familien bedachte. Im selben Jahr zeigte
Ronsard seine Nachdichtungen horazischer Oden dem bekannten Humanisten Jacques
Le Peletier du Mans, der ihn ermutigte.
1545, nach dem Tod seines Vaters, ging
er zurück nach Paris. Hier fand er Aufnahme bei L. de Baïf und nahm teil an dem Unterricht, den
dessen (sechs Jahre jüngerer) Sohn Antoine von seinem Hauslehrer erhielt, dem
jungen Gräzisten Jean Dorat (1508-1588). Beide Schüler folgten Dorat, als er
1547 Direktor des humanistisch ausgerichteten Collège (de) Coqueret wurde.
Ronsard mietete sich sogar bei ihm ein und begann unter seinem Einfluss, Oden
auch des altgriechischen Autors Pindar (521-441) nachzudichten.
Schon 1543 hatte er bei einer
Beerdigung den wenig älteren Joachim du Bellay (s.o.) kennengelernt, der
ähnliche Interessen verfolgte. Ende 1547 traf er ihn auf einer Reise wieder und
beredete ihn, ebenfalls nach Paris zu kommen, um bei Dorat in die Schule zu
gehen. Zweifellos war Ronsard hiernach als Diskussionspartner beteiligt an der
Konzeption von Du Bellays programmatischer Schrift La Défense et
illustration de la langue française (s.o.), die Anfang 1549 erschien.
Im selben Jahr 49 schlossen sich
Ronsard, Du Bellay, Antoine de Baïf, Dorat sowie drei weitere
humanistisch interessierte Literaten zu einem Kreis zusammen, den sie zunächst
„La Brigade“ (=die Gruppe/der Trupp) nannten und später umtauften in „La
Pléiade“ (=Siebengestirn). Informeller Chef des Zirkels wurde rasch Ronsard.
1550 publizierte dieser seine bis dahin
verfassten Oden in dem Sammelband Les quatre premiers livres des Odes,
dem er 1552 eine Fortsetzung folgen ließ als Le cinquième livre des Odes.
Der Publikumserfolg der Oden, mit denen
Ronsard eine neue Gattung in der franz. Literatur zu etablieren gedachte, war
geringer als erhofft. Zwar behandelten sie in einer Vielfalt von Formen eine
Vielzahl von Themen, z.B. das Lob mehr oder weniger bedeutender Personen (à la
Pindar) oder das Glück eines einfachen, den Augenblick genießenden Lebens in
ländlicher Idylle (à la Horaz). Doch waren sie - vor allem die
pompösen pindarischen Oden von Buch I – häufig mit Gelehrsamkeit überfrachtet
und zielten sichtlich mehr auf den Beifall der Freunde als einer breiteren
Leser-/Hörerschaft. Zumal der Hof, zu dem Ronsard als Jugendgefährte des seit
1547 herrschenden Henri II Zutritt hatte, reagierte kühl und bevorzugte die
gefälligen Gedichte, wie sie insbes. der quasi offizielle Hofdichter Mellin de
Saint-Gelais im Stil Clément Marots (s.o.) produzierte.
Ronsard nahm sich die Lektion zu
Herzen. So ließ er noch 1552 unter dem Titel Les Amours de Cassandre
einen Sammelband seiner neben den Oden entstandenen Liebesgedichte – ganz
überwiegend Sonette - erscheinen. In ihnen besingt er eine gewisse Cassandra
Salviati, die er am 21. April 1545 bei einem Hoffest in Blois als 13jähriges
Mädchen in einer ähnlich flüchtigen poetischen Szene erblickt haben will wie
Dante seine Muse Beatrice oder Petrarca am 6. April 1327 seine Laura. Wie weit
diese Fernliebe real gefühlt war oder nur imaginiert, ist kaum zu entscheiden.
Ein wichtiges Motiv Ronsards beim Verfassen der Sonette war sicher auch, dass
sein Freund Du Bellay schon vor ihm begonnen hatte, Sonette auf eine Muse
namens Olive zu verfassen (die er 1549 als erste Sammlung petrarkistischer
Liebesgedichte in Frankreich herausgab).
Obwohl sie im rhetorisch oft
überladenen Stil des Petrarkismus der Zeit verfasst waren, trafen die Gedichte
der Amours den Geschmack am Hof erheblich besser als die Odes.
Vor allem aber näherte Ronsard sich mit den Texten, die er hiernach schrieb,
dem Stil Marots und seiner Schule an, den er in der Vorrede zu den Odes
noch herablassend kritisiert hatte, um sich stolz als Jünger der alten Griechen
und Römer zu präsentieren. Darüber hinaus inspirierte er sich an den von Liebe,
Wein und Lebenslust handelnden Liedern, die sein Pléiade-Freund Henri Estienne
gerade als vermeintliche Werke des alten Griechen Anakreon herausgab (ersch.
1554) und mit deren Übertragung sich ein weiterer Pléiade-Freund, Rémi Belleau,
befasste (ersch. 1556).
Die nächsten Sammelbände Ronsards
zeigen deutlich seine Hinwendung zu einem breiteren, überwiegend höfischen
Publikum, das ihn nun auch gern akzeptierte. Sie vereinen in bunter Mischung
längere Oden sowie kürzere „odelettes“, Sonette, chansons, élégies, épigrammes
und andere Gedichte verschiedener zeitgenössischer Gattungen zu den
verschiedensten Themen. Ihre Titel lauten bezeichnenderweise Le Livret des folâtries, 1553 (=das Büchlein der Späße), Le
Bocage, 1554 (=das Wäldchen) und Mélanges, 1554 ( =Vermischtes).
Ronsards Bemühungen wurden belohnt:
1553 bekam er von Henri II einige Pfründen (die man kumulieren konnte)
zugewiesen, was ihn finanziell erfreulich unabhängig machte, so dass er z.B.
seine unmündigen Nichten und Neffen unterstützen konnte, als 1556 sein älterer
Bruder verstarb.
1555 hatte er wieder eine Serie
Liebesgedichte zusammen, die er in dem Bändchen La Continuation
[Fortsetzung] des Amours herausgab, dem er 1556 ein weiteres folgen ließ: La
nouvelle continuation des Amours. Es sind Gedichte unterschiedlicher Form,
in denen er in einem natürlicher wirkenden „niederen“ Stil ein einfaches
Mädchen namens Marie besingt, die er als 15-Jährige kennengelernt hatte.
Ebenfalls 1555 und 56, aber wie ein
Kontrastprogramm, ließ er zwei Bände mit dem Titel Hynnes (=Hymnen)
erscheinen. Denn er pflegte seit einiger Zeit eine weitere Versgattung nach
griechischen Mustern, sog. „hymnes“, d.h.
längere Texte zum Lob bedeutender Personen am Hof, z.B. des Kardinals Charles
de Guise, aber auch mythologischer Figuren oder abstrakter Wesenheiten wie die
Ewigkeit oder der Tod. Auch hiermit vermochte er offensichtlich seine Position
am Hof zu verbessern.
1558, nach dem Tod von Saint-Gelais,
bekam Ronsard dessen Amt eines „conseiller et aumônier du roi“ (Königlicher Rat
und Almosenier) übertragen. Zugleich fiel ihm wie selbstverständlich die Rolle
eines Hofdichters zu, der zu vielerlei Anlässen, z.B. Festivitäten, Gelegenheitsgedichte
produzierte.
Als Anerkennung erhielt er 1560 von dem
neuen jungen König François II (1559-60) weitere Pfründen und war damit ein
wohlhabender Mann.
Ebenfalls 1560 ließ er eine erste
Gesamtausgabe seiner Werke erscheinen, die er in die vier Sektionen bzw. Bände Les
Amours, Les Odes, Les Poèmes (Gedichte verschiedenster Art)
und Les Hynnes einteilte. Diese Einteilung behielt er in den nächsten
Neuausgaben bei, wobei er die jeweils zwischenzeitlich entstandenen Gedichte in
die passenden Sektionen einfügte.
1561 präsentierte er dem 12jährigen
neuen König Charles IX (1560-74) einen Ratgeber in Alexandrinern für junge
Monarchen (Institution pour l’adolescence du Roi), womit er sich
naturgemäß zugleich den Beifall der Königinmutter und Regentin Catherine de
Médicis erhoffte.
Als im selben Jahr 62 die Spannungen
zwischen Katholiken und Reformierten (den Protestanten calvinscher Couleur) zum
offenen Bürgerkrieg führten, engagierte sich Ronsard, der bis dahin der
Reformation nicht völlig ablehnend gegenüberstand, entschieden auf Seiten der
katholisch bleibenden Krone, wobei er sicher auch an seine hübschen
Kirchenpfründen dachte. Er wurde zum gefürchteten Pamphletisten mit drei in
Alexandrinern verfassten Discours (D.
à la Reine = Rede an die Königin; D. sur les misères de ce
temps = Rede über die Nöte der
Gegenwart; Rémontrance au peuple
de France = Mahnung an das franz. Volk, alle drei 1562). Als ihm die
Gegenseite, um ihn zu diskreditieren, einen starken Hang zum Wohlleben vorwarf,
konterte er mit der Réponse aux injures
et calomnies de je ne sais quels prédicantereaux et ministreaux de Genève
(=Antwort auf die Anwürfe und Verleumdungen irgendwelcher [protestantischer]
Genfer Prediger- und Priester-Heinis, 1563). Auch begleitete er 1564 und 1566
Charles IX und die Königinmutter auf zweien ihrer Befriedungsreisen in die
Provinz.
Zwischendurch (1565) publizierte er
aber auch den eher der leichten Muse geltenden Gedichtband Élégies, mascarades et bergeries [Schäfereien].
Nach 1566 zog er sich aus der Politik
wieder zurück und weilte immer häufiger in seinem Priorat Saint-Cosme in der
Touraine, das er 1565 erhalten hatte. Hier stellte er 1567 eine neue
Gesamtausgabe seiner Werke fertig und 1569 zwei Bändchen mit diversen „poèmes“.
Anschließend machte er sich an das
große Projekt seines Lebens: das Versepos La Franciade. Schon 1554 hatte
er Henri II den Plan eines Epos um den legendären Frankenreichgründer Francus
unterbreitet, das sich an den Illustrations de Gaule et singularités de
Troye von Jean Lemaire de Belges (1511-13, s.o.) inspirierte. Jetzt, 15
Jahre später, nahm er es endlich in Angriff, nicht zuletzt mit der Absicht, dem
konfessionell gespaltenen und von Religionskriegen erschütterten Frankreich ein
nationales Epos nach dem Muster von Vergils Aeneis zu geben. Allerdings
kam er trotz intensiver Bemühungen über 4 von 24 geplanten Gesängen nicht
hinaus, die er 1572 in Druck gab. Offensichtlich war der Zehnsilbler, den er
als Metrum gewählt hatte, nicht recht geeignet und war er selber letztlich kein
Epiker. Vermutlich aber konnten er sowie sein Publikum sich auch nicht mehr
richtig erwärmen für die apokryphe Figur des Francus, jenes erst im Mittelalter
erfundenen Sohnes des trojanischen Helden Hektor, der sich zusammen mit dem
legendären Rom-Gründer Äneas aus dem brennenden Troja gerettet und seinerseits
„Francia“ und sogar die Dynastie der Kapetinger gegründet habe. Denn inzwischen
(1560) war das sehr erfolgreiche Buch Recherches
de la France von Étienne Pasquier (s.u.) erschienen, das die Vorstellungen
der Franzosen rasch in dem Sinne veränderte, dass nicht die Römer und schon gar
nicht irgend ein Francus ihre Urväter seien, sondern die keltischen Gallier.
Nach dem Scheitern der Franciade und angesichts auch seiner
geringeren Wertschätzung durch den neuen König Henri III (seit 1574), zog
Ronsard sich auf seine beiden Lieblingspfründen zurück, Saint-Cosme nahe Tours
und Croixval im Vendômois. Hier überarbeitete er seine Werke im Hinblick auf
eine weitere (die inzwischen fünfte) Gesamtausgabe. Sie erschien 1578 und
enthielt als neue Elemente der Sektion Les Amours eine Serie
melancholischer Gedichte über den Tod Maries und vor allem die rd. 130 Sonnets pour Hélène (sc. H. de Surgères,
eine Ehrenjungfer der Königinmutter). Mit ihnen feierte Ronsard ein spätes, so
überraschendes wie anrührendes Come back als Liebeslyriker.
Zunehmend kränklich und von Gicht
geplagt, überarbeitete er in den folgenden Jahren nochmals grundlegend das Korpus
seiner Werke und ließ 1584 eine sechste Gesamtausgabe erscheinen,
die unter dem Titel Bocage royal eine weitere Sektion vermischter
Gedichte enthält.
Daneben und danach schrieb er, wie immer, auch Neues. Seine letzten Gedichte,
die er z.T. noch angesichts des Todes verfasste, kamen postum (1586) als Les
derniers vers heraus.
Trotz
seines Ruhmes zu Lebzeiten geriet Ronsard im 17. und 18. Jh. weitgehend in
Vergessenheit. Grund waren die abwertenden Urteile, die eine bzw. zwei
Generationen später die Literatur-Gurus Malherbe (s.u.) und Boileau (s.u.) über
ihn fällten. Die Romantiker entdeckten den im engeren Sinne lyrischen Teil
seines Schaffens wieder und die Literarhistoriker des 19./20. Jh. wiesen ihm
den insgesamt sehr hohen Rang zu, von dem er selbst schon durchaus überzeugt
war.
(Stand: Aug. 10)
Étienne Pasquier (* 7.6.1529 Paris;
† 30.8.1615 ebd.).
Für die Zeitgenossen und die Nachwelt
war und ist er vor allem der Autor der Recherches
de la France (=Forschungen über Frankreich), eines teils historiographischen,
teils essayistischen Werkes, das erstmals 1560 und dann 1565, 1596, 1607 sowie
postum 1621 in überarbeiteten und um neue Kapitel erweiterten Versionen
erschien und eine wichtige Rolle bei der Herausbildung der nationalen Identität
der Franzosen gespielt hat.
Pasquier stammte aus dem gebildeten
Pariser Bürgertum und studierte Jura in Paris und Toulouse sowie in Bologna und
Pavia, wo er neben seiner juristischen auch seine humanistische Bildung
vervollkommnete und sich mit der seinerzeit als vorbildhaft geltenden
italienischen Literatur beschäftigte. Hier aber auch, im gerade zwischen
Frankreich und Deutschland/Spanien umkämpften Norditalien, wurde er sich seiner
Identität als Franzose bewusst.
1549 zurück in Paris, erhielt er die
Zulassung als Anwalt am Obersten Pariser Gericht, dem Parlement. Neben seiner
offenbar nicht absorbierenden Tätigkeit als Jurist verkehrte er mit Autoren der
Dichtergruppe der Pléiade, u.a. Ronsard und Du Bellay, und publizierte diverse
kleinere Texte, in denen er häufig das idealistische neoplatonische Liebesideal
hinterfragt, einen modischen Import aus Italien, dem er die realistischere
Sicht des Franzosen entgegensetzt.
Vor allem aber verfolgte Pasquier das
Thema Frankreich, genauer das des Werdens und der Identität der franz. Nation.
Deren Wurzeln sah er nicht, wie bis dahin üblich, bei den Römern oder den
Franken oder gar dem legendären Trojaner Francus, sondern bei den keltischen
Galliern. Sein Hauptziel war der Nachweis einer geradezu exemplarischen
konstitutionellen und kulturellen Eigenständigkeit Frankreichs, die schon bei
den Galliern angelegt gewesen, nach dem Intermezzo der Römerzeit wiederbelebt
und dann von Königen, intellektueller Elite und Volk kontinuierlich
weiterentwickelt worden sei. Mit diesen durchaus nationalistische Züge
tragenden Vorstellungen, die er in den Recherches ausführte, propagierte
Pasquier zugleich die Idee, dass die Belange der in Jahrhunderten organisch
gewachsenen Nation Vorrang hätten vor den wechselnden Partikularinteressen und
insbes. vor der religiös motivierten Parteilichkeit, mit der Katholiken und
Protestanten Frankreich spalteten und sogar fremde Mächte in ihren Konflikt
hineinzogen.
Mit seiner Idee vom Vorrang des
Interesses der Nation war Pasquier einer der ersten „politiques“, jener bald
wachsenden Zahl überkonfessionell denkender Intellektueller und politischer
Köpfe, die angesichts der 1562 ausgebrochenen Religionskriege Frankreich zu
befrieden versuchten, dies allerdings erst 1598 unter dem vom Protestantismus
zum Katholizismus konvertierten neuen König Henri IV1) schafften.
1564 machte Pasquier von sich reden
durch ein fulminantes Plädoyer für die traditionsreiche, so typisch
französische Pariser Universität und gegen die ultramontan orientierten
Jesuiten, die gerade das neuartige Collège de Clermont gegründet hatten. Mit
seiner Schelte der quasi vaterlandslosen Jesuiten hatte er ein Thema gefunden,
das ihn immer wieder beschäftigen sollte, z.B. 1602 mit dem sarkastischen Catéchisme des Jésuites, dem später
Blaise Pascal manche Anregung für seine anti-jesuitischen Lettres provinciales (1656-57) entnahm.
1585 wurde Pasquier (sicherlich auch
dank dem Erfolg der Recherches)
Generalstaatsanwalt am königlichen Rechnungshof, was er zwei Jahrzehnte lang
blieb. Auch dieser Posten absorbierte ihn sichtlich nicht völlig, denn neben
diversen kleineren, häufig polemischen Texten publizierte er ab 1586 viele
Bände literarischer Briefe, die mit denen des Römers Plinius oder des
Italieners Claudio Tolomei rivalisieren sollten.
1588 bis 94 war Pasquier Abgeordneter
der Stadt Paris bei der intermittierend tagenden Versammlung der Generalstände
in Blois.
Mit seinem Werdegang war er ein
typischer Vertreter des neuen Amtsadels, der „noblesse de robe“, d.h. einer aus
der königlichen Justiz- und Verwaltungselite samt ihren Familien bestehenden
Schicht zwischen dem höheren Bürgertum und dem älteren Adel, der „noblesse
d'épée“ (Schwertadel).
Vielleicht kann man Pasquier mit seiner
Hervorhebung der keltischen Ursprünge Frankreichs als den entfernten geistigen
Vater der urkeltischen Ur-Franzosen Astérix und Obélix betrachten.
(Stand: Jan. 07)
1) Henri IV, König von 1589 bis 1610.
Der 1553 geborene Henri de Navarre (Enkel von Marguerite de Navarre) stammte
aus einer Seitenlinie des franz. Königshauses und war ursprünglich Protestant,
teilweise sogar Chef der protestantischen Bürgerkriegspartei. Als 1584 der
präsumptive Erbe des kinderlosen Königs Henri III, dessen jüngerer Bruder
Herzog François d'Alençon, ermordet wurde und 1589 auch der König selbst, war Henri
de Navarre unverhofft Nr. 1 in der Rangfolge der Thronanwärter. Er musste
jedoch sein Recht auf den Thron in jahrelangen Kriegen gegen die von Spanien und Savoyen
unterstützte Katholische Liga und deren Gegenkönig Charles de Bourbon
durchsetzen. Kurz nach seinem Griff nach der Krone konvertierte Henri mit dem
berühmten Satz „Paris vaut bien une messe!“ (Paris ist eine Messe wert), und
nach seinem endgültigen Sieg über die Liga (1598) verstand er es, Frankreich zu
befrieden, nicht zuletzt durch das Toleranzedikt von Nantes, das den
Protestanten Religionsfreiheit und volle Bürgerrechte einräumte. 1610 wurde
auch er von einem religiösen Fanatiker ermordet. Henri IV ging als besonders
volkstümlicher Herrscher, „le bon roi“, in die franz. Geschichte ein und ist
bis heute jedem auch nur halbwegs gebildeten Franzosen ein Begriff.
Jean
Bodin (*1529
oder 1530 in Angers ; † 1596 in Laon)
Er gilt als der erste große franz.
Staatstheoretiker, zwar weniger bekannt als der Italiener Macchiavelli
(1469-1527), aber an Bedeutung mit diesem vergleichbar.
Er wuchs auf in kleinbürgerlichen
Verhältnissen (als Sohn eines Schneiders?) und war zunächst Karmeliternovize in
Angers. In den 1550er Jahren studierte und lehrte er Recht in Toulouse, wobei
er sich besonders für den Vergleich von Rechtssystemen interessierte. Offenbar
sympathisierte er längere Zeit mit dem Protestantismus, weshalb er mindestens
einmal, vielleicht auch mehrfach im Gefängnis saß und einmal knapp dem
Scheiterhaufen entging.
1561 ließ er sich in Paris nieder und
erhielt hier die Zulassung als Anwalt am Obersten Gericht, dem Parlement.
Seine rechts- und staatstheoretischen
Interessen verfolgte er weiter. 1566 publizierte er eine erste Schrift, Methodus
ad facilem historiarum cognitionem (=Methode zum leichten Begreifen der
Geschichte), worin er die Wichtigkeit historischen Wissens für das Verstehen
der Gegenwart nachweist. Sein nächstes Werk, Réponse de J. Bodin aux paradoxes de M. de Malestroit, erschien
1568: Hierin analysiert er als offenbar erster quasi wissenschaftlich das vor
dem 16. Jh. unbekannte Phänomen der Inflation oder schleichenden Geldentwertung
und erklärt es zutreffend aus der starken Vermehrung der Zahl der Münzen, die
mit dem Gold und Silber aus den spanischen Kolonien geprägt wurden.
Von März 1569 bis August 1570 war er in
Paris inhaftiert, möglicherweise allerdings in einer Art Schutzhaft, um ihn den
Verfolgungen katholischer Eiferer zu entziehen, die ihn vermutlich als
verkappten Protestanten betrachteten. Ab 1570 gehörte er zum Personal und
Beraterstab des ehrgeizigen jüngeren Bruders von Charles IX und präsumptiven
Thronerben François d'Alençon (bzw. d'Anjou), der 1574 König wurde, aber kurz
darauf einem Mordanschlag zum Opfer fiel. Aus diesen Jahren direkter
politischer Betätigung stammt das bedeutendste Werk Bodins, Les six livres de la république (Sechs
Bücher vom Staat, 1576), das als erstes staatstheoretisches Buch von Rang in
franz. Sprache gilt. Ausgehend von der Annahme, dass das Klima eines Landes den
Charakter seiner Bewohner prägt und damit auch die für sie geeignetste
Staatsform in weitem Umfang vorgibt, postuliert Bodin als ideales Regime für
die Bewohner des klimatisch gemäßigten Frankreichs eine Monarchie, die zwar
zentralistisch und letztlich absolut, d.h. keiner anderen Instanz unterworfen
sein, aber einer gewissen Kontrolle
unterliegen soll durch Institutionen wie die Parlements (=obersten
Gerichtshöfen) und die États généraux (=Ständeversammlungen). Vor allem jedoch
soll sie religiös neutral und tolerant sein, d.h. über den konfessionellen
Parteien stehen. Mit dem letzteren Postulat reagierte Bodin auf die Tatsache,
dass die ständigen Bürgerkriege und mörderischen Auseinandersetzungen zwischen
Katholiken und Protestanten nicht zuletzt deshalb schwer beizulegen waren, weil
die Könige stets auf Seiten der Katholiken standen, somit immer Partei waren
und nicht als schlichtende Instanz auftreten konnten. Mit seinem sofort sehr
erfolgreichen Buch gehörte Bodin zu den Begründern der Bewegung der pragmatisch
gesonnenen „politiques“, die in den Folgejahren an Einfluss gewannen und
schließlich, unter Henri IV, das Ende der Religionskriege und das Toleranzedikt
von Nantes (1598) erreichten.
1576 war er Abgeordneter des Dritten
Standes auf der Versammlung der États généraux in Narbonne und versuchte
mäßigend auf die Katholiken einzuwirken.
Im selben Jahr verheiratete er sich in
Laon und übernahm dort von seinem Schwiegervater das Amt des königlichen
Generalleutnants und Staatsanwalts, das er bis zu seinem Tod in einer
Pestepidemie ausübte. Vielleicht resultierte aus dieser Amtstätigkeit seine
nachfolgende offene Annäherung an die katholische Partei.
Sicher ebenfalls durch sein Amt
gefördert war sein Interesse für Hexenprozesse. 1580 nämlich publizierte er ein
weiteres sehr erfolgreiches, in mehrere Sprachen (auch ins Deutsche)
übersetztes, heute in Literaturgeschichten meist übergangenes Werk, La Démonomanie des sorciers. Es ist ein
Handbuch der Hexer- und Hexenkunde samt Verfahrensratschlägen und Argumentationshilfen
für die betroffenen Richter, die seines Erachtens vor Todesstrafen nicht
zurückscheuen dürfen. (Laut einer Interview-Aussage der Historikerin Martine
Ostorero in Le Monde vom 5.9.08 waren die Jahre 1560 bis 1630 die hohe
Zeit der Hexenprozesse in Mitteleuropa.)
In politisch-ideologischer Hinsicht
blieb Bodin jedoch eher seiner Tendenz zu Pragmatismus und Toleranz treu.
Hiervon zeugt ein als Manuskript nachgelassenes Werk (dessen Echtheit von
manchen bezweifelt wird), das Colloqium heptaplomeres de rerum sublimium
arcanis abditis. Dieses „Siebenergespräch über die verborgenen Geheimnisse
der erhabenen Dinge“ zeigt eine friedliche Diskussion unter sieben Vertretern
verschiedener Religionen und Weltanschauungen, die sich am Ende auf die
grundsätzliche Gleichwertigkeit ihrer Überzeugungen einigen.
(Stand: Sept. 08)
Étienne Jodelle (1532–1573).
Obwohl heute kaum mehr bekannt, hat er
in der franz. Literaturgeschichte eine gewisse Bedeutung durch seine Stücke L'Eugène
(1552) und Cléopâtre captive (1553). Das letztere Werk, das
darstellt, wie die besiegte ägyptische Königin Kleopatra sich durch Selbstmord
der Demütigung durch ihren Besieger, den römischen Kaiser Augustus, entzieht,
ist die erste franz. Tragödie nach antikem Muster und zugleich das erste ernste
(d.h. nicht komische) franz. Stück über ein profanes (=nichtreligiöses) Thema.
Es wurde von allen literarisch Interessierten als gewissermaßen längst
notwendige Errungenschaft begrüßt, war aber darüber hinaus ein großer
Publikumserfolg bei der Pariser Erstaufführung. Auch der ein Jahr zuvor
verfasste L'Eugène orientierte sich an antiken Vorbildern, nämlich
Komödien der römischen Autoren Plautus und Terenz, und nicht an der
zeitgenössischen franz. Farce oder der inzwischen auch in Frankreich
verbreiteten italienischen Stegreifkomödie (commedia dell'arte). Mit beiden
Stücken folgte Jodelle einer aus Italien kommenden Tendenz. Dort gab es schon
etwas länger Bestrebungen und Versuche, das Theater in Anlehnung an antike
lateinische und griechische Vorbilder zu erneuern.
(Stand: Febr. 08)
Michel
[Eyquem] de Montaigne (*
28. 2. 1533 auf Schloss Montaigne/Périgord; † 13.9. 1592 ebd.)
Montaigne (wie er in der
Literaturgeschichte heißt) stammte aus einer Familie reicher Kaufleute der
Hafenstadt Bordeaux, die zwei Generationen zuvor die adelige Grundherrschaft
Montaigne erworben hatte und so vom großbürgerlichen Patriziat in den Adel
hineingewachsen war. Er war das erste überlebende Kind seiner Eltern und
ältestes von insgesamt sieben Geschwistern. Wie diese erhielt er eine
umfassende Bildung (sein Hauslehrer, ein deutscher Arzt, sprach z.B. nur Latein
mit ihm). 1544 wurde sein Vater zum Bürgermeister von Bordeaux gewählt. Seine
Jugend wurde somit überschattet von der Rebellion der Stadt Bordeaux gegen die
Auferlegung der Salzsteuer durch den König (1548), eine Rebellion, die von
königlichen Truppen blutig niedergeschlagen wurde und mit dem Entzug
städtischer Privilegien und der Köpfung einer Reihe von Patriziern geahndet
wurde.
1554, mit 21, wurde Montaigne nach
Jurastudien (in Toulouse?) Gerichtsrat (conseiller) am Steuergericht in
Périgueux. Im selben Jahr begleitete er seinen soeben zum Vater zu
Verhandlungen nach Paris. Als 1557 das Steuergericht mit dem Parlement von Bordeaux, dem obersten
Gerichtshof des Herzogtums Aquitaine, zusammengelegt wurde, wurde auch
Montaigne samt seinem Amt dorthin versetzt. In seiner Eigenschaft als Richter
reiste er in den Folgejahren öfter im Auftrag von Stadt und Parlement nach
Paris, wobei es allerdings mehr und mehr um das Problem der Duldung der im
franz. Südwesten stark vertretenen Protestanten ging, die durch den ständig
repressiver werdenden katholisch orientierten Staat schikaniert wurden. 1562,
in dem Jahr, das rückblickend als Beginn der Religionskriege gelten kann,
musste sich Montaigne in Paris, wo er offenbar als verkappter Protestant
verdächtigt wurde, feierlich zum Katholizismus bekennen. Inzwischen (1557)
hatte er Freundschaft mit dem drei Jahre älteren, humanistisch hochgebildeten
Richter-Kollegen Étienne de la Boétie, dessen Schriften er nach seinem frühen
Tod (1663) herausgab.
Nachdem er 1568 den Hauptteil des
väterlichen Besitzes geerbt hatte (darunter das Gut und Schlösschen Montaigne,
nach dem er sich hinfort benannte), verkaufte er 1570 sein Richteramt, um als
Privatgelehrter und Landedelmann fern von der Politik auf seinen Besitzungen zu
leben. Hier führte er zunächst eine noch für seinen Vater begonnene Übersetzung
der Theologia naturalis von Raimundus
Sebundus zu Ende und arbeitete ab 1571 an dem, was sein Hauptwerk werden
sollte, den Essais. Es sind dies mehr
assoziativ als logisch strukturierte, thematisch äußerst vielfältige, kürzere
und längere, mit einer immensen Menge von Lesefrüchten angereicherte
Betrachtungen über die Welt und vor allem das Leben und das Sterben des
Menschen in ihr. Montaignes Perspektive ist die eines den religiösen Dogmen
skeptisch und auch allen sonstigen vermeintlich verbürgten Wahrheiten kritisch
gegenüberstehenden Geistes, der von der Annahme ausgeht, dass man mittels
Beobachtung und Analyse des Denkens und Handelns eines intim bekannten
Individuums, nämlich seiner selbst, zu gültigen Aussagen über die Spezies
Mensch insgesamt gelangen kann.
Nach der erfolgreichen Publikation
einer ersten zweibändigen Version der Essais
1580 (die 1582 und 1586 nachgedruckt wurde) unternahm Montaigne eine längere
Reise, die ihn über Paris (mit Audienz bei König Henri III) und viele Städte
Süddeutschlands und Italiens bis nach Rom führte und über die er ein Tagebuch
schrieb (das erst 1774 gedruckt wurde). Noch während der Reise erhielt er im
Herbst 1581 die Nachricht, dass er zum Bürgermeister von Bordeaux gewählt
worden war. Etwas widerstrebend und nicht ohne brieflich von Henri III in die
Pflicht genommen worden zu sein, akzeptierte er das Amt und übte es vier Jahre
lang aus, wobei er einmal mehr zwischen Protestanten und Katholiken zu lavieren
bzw. zu vermitteln bemüht war und z.B. 1583 Verhandlungen zwischen Henri de
Navarre, dem ihm persönlich bekannten Chef der protestantischen Partei, und
Henri III einzufädeln versuchte und es 1585 schaffte, Bordeaux von einer
aktiven Kriegsbeteiligung auf Seiten der katholischen Liga abzuhalten.
Hiernach allerdings zog es ihn wieder
an seinen Schreibtisch zu den Essais,
von denen er 1588 eine stark überarbeitete und um einen dritten Band erweiterte
zweite Ausgabe herausbrachte. 1595 publizierte eine Freundin seiner letzten
Jahre, Marie de Gournay, postum eine nochmals erheblich überarbeitete dritte
Version.
Die Essais
stießen gleich bei ihrem Erscheinen auf großes Interesse und wurden
jahrhundertelang viel gelesen. Sie wurden epochemachend als erstes europäisches
Beispiel der anschließend vor allem in England beliebten Gattung Essay.
Montaigne hatte großen Einfluss auch auf die ähnlich über den Menschen und die
Welt nachdenkenden, meist allerdings die kürzere und gedrängtere Form des
Aphorismus bevorzugenden franz. „Moralisten“ des 17./18. Jh. Er gilt heute
neben Rabelais als der bedeutendste franz. Autor des 16. Jh.
(Stand: Jan. 07)
Guillaume de Salluste du Bartas (1544–1590). Er wurde bekannt, ja berühmt als Autor
von La Semaine, ou création du monde (1578), einer epischen Dichtung in sieben
Gesängen in paarweise reimenden
Alexandrinern über die Schöpfung der Welt. Das Epos ist der Versuch eines
frommen Protestanten, die Vorstellungen der neueren Philosophie und die
Erkenntnisse der sich langsam herausbildenden Naturwissenschaften mit der
Schöpfungsgeschichte der Bibel in Einklang zu bringen. Heute ist Du Bartas'
Werk wegen der völlig obsolet gewordenen Thematik vergessen, es war aber zu
seiner Zeit enorm erfolgreich, wurde allein bis 1632 in 42 Auflagen
nachgedruckt, ins Lateinische, Italienische, Spanische, Englische,
Niederländische und Schwedische übertragen und von vielen Autoren, z.B. noch
Milton, Goethe und Byron, bewundert.
Robert
Garnier (*
1544; † 20.9.1590)
Obwohl
heute kaum mehr bekannt, ist er der bedeutendste franz. Dramatiker des 16. Jh.
und ein wichtiger Vorläufer der großen Klassiker des 17. Jh., vor allem Pierre
Corneilles (s.u.). Seine rhetorisch anspruchsvollen und moralisch-erzieherisch
intendierten Tragödien gelten zugleich als Höhepunkt des Humanistentheaters in
Frankreich.
Der
aus La Ferté-Bernard (Dép. Sarthe) gebürtige Garnier studierte Jura in
Toulouse, wo er sich auch literarisch zu betätigen begann. Er schrieb zunächst
Lyrik im Stil der Pléiade-Schule; sein Sammelband Plaintes amoureuses de
Garnier von 1565 scheint jedoch verloren. 1564 und 1566 erhielt er
Jahrespreise der Toulouser Académie des Jeux floraux für zwei längere
Gedichte, in denen er die 1562 ausgebrochenen Bürgerkriege zwischen Katholiken
und Protestanten beklagt und die Rückkehr von Frieden und Ordnung
herbeiwünscht. 1565 wurde er anlässlich eines Besuchs des Königs in Toulouse
als Texter von Grußinschriften und Autor dreier Begrüßungssonette verpflichtet.
1567
wurde er zum Staatsanwalt am Parlement von Paris ernannt, was er mit der
königstreuen Hymne de la monarchie quittierte. 1569 wurde er
hochrangiger Richter in Le Mans (wo er später auch verstarb) und 1586
schließlich Mitglied des Staatsrats unter König Henri III. Er war damit ein
typischer Vertreter der neu entstehenden Schicht des Amtsadels („noblesse de
robe“) zwischen Bürgertum und Adel, aus der in den nächsten 200 Jahren noch
viele Autoren hervorgingen.
Zwischen
1569 und 1583 brachte Garnier sieben in Alexandrinern verfasste Tragödien und
eine Tragikomödie zur Aufführung: Porcie, 1568; Hippolyte, 1573; Cornélie,
1574; Marc-Antoine, 1578; La Troade, 1579; Antigone, 1580;
Les Juives, 1583; Bradamante, 1582. Wie ihre Titel zeigen,
bearbeitete Garnier in den Tragödien Stoffe, die er aus der römischen und
biblischen Geschichte sowie der griechischen Mythologie und z.T. von seinem
großen Vorbild, dem lateinischen Tragöden Seneca (um Chr. Geburt), bezog, wobei
er sie im Hinblick auf die wirren Zeitverhältnisse aktualisierte. Mit Bradamante
(nach Ariostos Versepos Orlando furioso) etablierte er die Gattung
Tragikomödie in Frankreich. Bei seinem Rückgriff auf antike Stoffe und antike
Autoren folgte er, wie vorher schon sein älterer Kollege Étienne Jodelle
(s.o.), einer aus Italien gekommenen Mode.
Am
erfolgreichsten war Garnier mit seiner letzten Tragödie: Les Juives (Die
Jüdinnen). Sie handelt von der grausamen, wegen der Unnachgiebigkeit der Chefs
beider Seiten unausweichlichen Eroberung Jerusalems durch Nebukadnezar und
verweist auf ähnliche Ereignisse während der Religionskriege (deren Ende 1598
der Autor nicht mehr erlebte).
Seine
Gattin (seit 1573) Françoise Hubert genoss übrigens zu ihrer Zeit ebenfalls ein
gewisses Ansehen als Dichterin.
(Stand: Jan. 07)
17. Jh. (Barock
und Klassik)
François de Malherbe (* 1555 in Caen;
† 16.10.1628 in Paris)
Heute allenfalls als Name bekannt, gilt er in der franz. Literaturgeschichtsschreibung
traditionell als eine Art Markstein zwischen Barock und Klassik.
Malherbe wuchs auf in einer protestantischen Richterfamilie
in Caen, wo er früh in humanistischen Zirkeln verkehrte und Gedichte verfasste.
Auch er selbst studierte Jura, zunächst in Caen, dann in Basel und in
Heidelberg, kalvinistischen Hochburgen der Zeit. 1577 konvertierte er zum
Katholizismus und wurde Sekretär des königlichen Statthalters (gouverneur) der Provence, des
literaturbeflissenen Bastards von König Henri II, Henri d'Angoulême, der auch Grand Prieur, d.h. Oberhaupt des
Malteserordens in Frankreich war. 1581 heiratete Malherbe in Aix die Tochter
eines der Vorsitzenden Richter am obersten Gerichtshof (Parlement) der Provence.
Seine ersten Werke (kürzere und längere lyrische Texte) sind
geprägt von italienischen Vorbildern und von den Dichtungen der Pléiade-Schule, d.h. der franz.
Lyrikergeneration vor ihm. Als 1586 in einer der heißen Phasen der
Religionskriege sein Protektor Henri d'Angoulême ermordet wurde, kehrte
Malherbe zurück nach Caen und wurde dort städtischer Richter. Ab 1595 lebte und
schrieb er jedoch wieder in Aix. Sein Name wurde allmählich bekannt in der
Literaturszene der Zeit. Dennoch scheiterte er lange Zeit mit seinen Versuchen,
erneut einen hochstehenden Mäzen zu finden oder gar am Hof Fuß zu fassen (z.B.
1600 mittels einer Begrüßungsode an die zweite Gemahlin von König Henri IV,
Marie de Médicis).
1605 endlich wurde er Henri IV vorgestellt, dann allerdings
sogar zum écuyer (Schildknappen) du Roi und zum Königlichen Kammerherrn
(gentilhomme de la Chambre) ernannt
und somit geadelt. In den nächsten 20 Jahren war Malherbe anerkannter
Hofdichter, denn auch nach König Henris Ermordung 1610 blieb er in der Gunst
der Königin und gewann später die des allmächtigen Kardinals de Richelieu.
In seiner Hofdichterrolle verfasste er
zahllose Gelegenheitsgedichte (poésies de
circonstance) zu den unterschiedlichsten Anlässen, z.B. Prière pour le Roi allant en Limousin (1605, sein Einstiegsgedicht in Paris), Sonnets pour Alcandre (Rollenlyrik im
Namen von Henri IV an eine von dessen Geliebten), Ode au Roi Louis XIII allant châtier la rébellion des Rochelois
(1628). Zugleich beherrschte er als Kritiker mit seinem Urteil die Pariser
Literaturszene und umgab sich mit jüngeren Literaten als Schülern. In dem Maße,
wie seine Kreativität abnahm, wurde sein Stil nüchterner, klarer, ausgefeilter,
formvollendeter; und während die meisten seiner dichtenden Zeitgenossen der
typisch barocken Tendenz zum Gekünstelten und damit oft zum Hermetismus, d.h.
dem gewollten Schwierigsein, folgten, war Malherbe der Meinung, dass Dichtung
verständlich sein soll. Ebenso verurteilte er das angeblich der Inspiration
folgende Drauflosschreiben und vertrat das Prinzip des geduldigen Arbeitens und
Feilens am Text.
Mit
den strengen formalen und sprachlogischen Maßstäben, die er so setzte, wurde er
einer der einflussreichsten Wegbereiter der franz. Klassik. Bekannt geworden
ist der Halbvers „Enfin Malherbe vint!“, mit dem der spätere Klassiker Nicolas
Boileau (s.u.) ihm Tribut zollte. Für die Romantiker des frühen 19. Jh.
allerdings, die sich von den literarischen Normen der Klassik zu befreien
versuchten, war Malherbe der Prototyp des inspirationslosen Verseschmieds – ein
Klischee, das noch heute oft sein Bild in der Literaturgeschichte bestimmt.
(Stand: Jan. 07)
Honoré d'Urfé (*10.2.1567
Marseille; †1.6.1625 Villefranche-sur-Mer nahe Nizza).
Sein Name ist verbunden vor allem mit L'Astrée, einem so umfang- wie erfolg-
und einflussreichen Schäfer-Roman.
D'Urfé kam als fünfter von sechs Söhnen
einer altadeligen Familie im Marseiller Haus seines Onkels zur Welt, des Comte
de Savoie-Tende, Gouverneur der Provence. Seine Kindheit verbrachte er
überwiegend auf Schloss La Bastie im Forez am Oberlauf der Loire, das sein
Großvater, der Erzieher der Söhne von König Henri II gewesen war, verschönert
und mit einer gutbestückten Bibliothek ausgestattet hatte. Er wurde früh für
den Malteserorden bestimmt und besuchte bis 1584 das Jesuiten-Kolleg in Tournon
an der Rhône, wo er eine umfassende humanistische Bildung erwarb. Mit 17
schrieb er ein erstes Schäfergedicht, La
Sireine. Mit Anfang 20 hatte er die Idee zu einem Schäferroman (roman
pastoral) nach italienischen und spanischen Vorbildern, d.h. vor allem Sannazaros
Arcadia, Tassos Aminta, Guarinis Il pastor
fido, Montemayors Diana und
Cervantes' Galatea.
Doch wurde zunächst nichts daraus, denn
1590 unterbrach d'Urfé sein Leben als lesender und schreibender (und offenbar nicht
eben mönchisch-keuscher) junger Edelmann und schloss sich der Armee der
Katholischen Liga an, die 1589 den zunächst noch protestantischen neuen König
Henri IV nicht anerkannte und im Bündnis mit dem König von Spanien und dem
Herzog von Savoyen-Piemont gegen ihn einen Bürgerkrieg führte. Zweimal geriet
er hierbei in Gefangenschaft, kam aber durch die Intervention von Verwandten
jeweils wieder frei. 1595, nach der Niederlage der Liga und seiner zweiten
Freilassung, ging er ins Exil nach Virieu in Savoyen, mit dessen Herzog er über
seine Mutter verwandt war.
In Virieu und am savoyischen Hof in
Turin schriftstellerte er wieder: Er verfasste die Versepisteln Épîtres morales (begonnen schon während
der zweiten Gefangenschaft, gedruckt in zwei Bänden 1598 und 1603) und begann
seinen seit langem projektierten Schäferroman, L'Astrée.
1600 heiratete er seine Jugendliebe,
die Frau eines älteren Bruders, nachdem ihre Ehe vom Papst für nichtig erklärt
und er selbst von seinem Ordensgelübde entbunden worden war. Allerdings
trennten sich die neuen Gatten ziemlich bald, wenn auch gütlich. L'Astrée,
die von der Liebe des Schäfers Céladon zu der Schäferin Astrée erzählt,
verarbeitet in vielerlei Hinsicht d'Urfés zunächst unerlaubte, schwierige Liebe
zu seiner Schwägerin.
1603 machte er, so wie viele andere
zuvor oppositionelle Adelige, seinen Frieden mit Henri IV und weilte hiernach
häufig in Paris. Dort versah er am Hof das Amt eines gentilhomme ordinaire (eine Art Edeldomestik des Königs), verkehrte
vor allem aber aber mit Literaten, u.a. Malherbe (s.o.), und frequentierte die
tonangebenden Salons, z.B. den der Marquise de Rambouillet. Allerdings hielt er
sich auch oft in Turin oder seinen Besitzungen auf.
Zugleich führte er L’Astrée fort: 1607 wurde der erste Band
gedruckt, 1610 und 1619 erschienen Bd. II und III. 1624 folgte Teil I von Bd.
IV, 1627 (schon postum) der Rest des Bandes, dem d'Urfés langjähriger Sekretär
Baro 1627 einen fünften Band hinzufügte, der wohl grosso modo der originalen
Konzeption d’Urfés entsprach.
Dieser nämlich hatte inzwischen trotz
seines vorgerückten Alters im Dienst des Herzogs von Savoyen an dessen Krieg um
das Veltlin teilgenommen und war bei einem Sturz mit seinem Pferd ums Leben
gekommen.
Wie der Name der Titelfigur des Romans,
Astrée, andeutet, spielt die Handlung
nicht, wie in den o.g. ital. und span. Vorbildern, in einem räumlich und
zeitlich fernen, legendären Arkadien, sondern in Frankreich, genauer in d'Urfés
Heimatgegend, dem Forez. Immerhin wird sie zurückverlegt in das 5. Jh. n. Chr.,
d.h. die Zeit der Völkerwanderung, von deren Wirren, das Forez aber ausgenommen
scheint, ebenso wie es noch frei ist von der Herrschaft einer zentralistischen
und tendenziell absolutistischen Monarchie, wie sie dem Aristokraten d’Urfé
insgeheim zuwider war. Die mehr als 5000 (!) Seiten des Werkes umfassen
eine Haupthandlung, in die nach dem Schubladenprinzip mehrere Nebenhandlungen,
zahlreiche Binnenerzählungen sowie lange Diskussionen der Figuren über alle
Aspekte der Liebe eingebettet sind. Haupthandlung ist die Geschichte der Liebe
des anfangs 14-jährigen Céladon zu der 12-jährigen Astrée, die ihn wegen seiner
vermeintlichen Untreue verstößt und erst nach langen, langen Prüfungen wieder
aufnimmt. (In Bd. III z.B. lebt Céladon als angebliche Druidentochter unerkannt
mit Astrée in engster Freundschaft zusammen, was ihn öfters in Bedrängnis
bringt.)
Die Astrée
ist von der Technik her eine Summe der Romankunst der Zeit. Vor allem aber
hatte sie wegen der psychologischen Einfühlsamkeit der Personen-Darstellung,
der salongemäß kultivierten Reden dieser Personen und des schönen Dekors, in
dem die Handlung spielt, einen enormen und langandauernden Erfolg in adeligen,
aber auch in bürgerlichen Kreisen. Sie diente als Vorlage für andere
Schäferromane, Schäfergedichte, Schäferspiele, Schäferopern und -ballette,
sowie für viele Gemälde, Stiche, Wandteppiche usw. Der männliche Protagonist
Céladon wurde zum Prototyp des schmachtenden, schüchternen Liebhabers; sein
Name ist ins franz. Lexikon eingegangen in der Wendung „être un Céladon“.
Die Astrée wurde früh auch ins
Deutsche übersetzt.
(Stand: Juli 05)
Alexandre Hardy (* um 1570 in Paris; † 1632)
Zwar ist er auch in Frankreich kaum mehr bekannt, doch
war er einer der fruchtbarsten Dramatiker der franz. Literaturgeschichte
überhaupt mit seinen offenbar mehr als 600 Stücken. Sein Einfluss auf die
Dramatiker neben und unmittelbar nach ihm sowie auf den Publikumsgeschmack der
Zeit war groß.
Die meisten seiner Tragödien, Tragikomödien und
Pastoralen schrieb er ab 1593 für die Truppe um den Schauspieler Valleran
Lecomte, die im Saal des Pariser Hôtel de Bourgogne auftrat, aber auch in der
Provinz umherzog. Sein Publikum waren demnach nicht nur die gebildeten Kreise
in Adel und Bürgertum, sondern auch ungebildete Zuschauer z. B. auf
Jahrmärkten.
Da Hardy lange ausschließlich für eine bestimmte
Truppe arbeitete, ließ er seine Stücke während dieser Zeit ungedruckt. Nach dem
Druck nämlich wären sie frei gewesen und hätten auch von
konkurrierendenTruppen aufgeführt
werden dürfen.
Seine Stoffe bezog Hardy relativ wahllos aus der
klassisch-antiken und spätantiken, aber auch der jüngeren franz., italienischen
und spanischen Literatur. Hierbei arbeitete er häufig ältere und neuere Stücke
anderer Autoren nach seinen Vorstellungen und denen seiner Schauspieler einfach
nur um. Er dramatisierte aber auch erzählende Werke und überführte z. B. den
berühmten Liebes- und Abenteuer-Roman Theagenes und Chariklea von
Heliodor (3./4. Jh.), der in Frankreich seit 1548 in der Übersetzung Jacques
Amyots (s.o.) verbreitet war, in eine Serie von acht Folgen. Naturgemäß wirken
Komposition und Stil seiner meist sehr rasch verfassten Stücke oft flüchtig,
doch war er ein routinierter Praktiker, der sein Publikum durch aktionsreiche
Handlungen, spannende, mitunter brutale Szenen und lebendig wirkende Figuren zu
fesseln verstand.
Als Hardy nach Lecomtes Tod nicht mehr für nur eine
Truppe arbeitete (auch wenn er überwiegend das Pariser Théâtre du Marais
belieferte), ließ er eine Auswahl von 34 Stücken drucken (Paris., 6 Bde.,
1624-28; Neudruck in 5 Bdn. Marburg 1883-84). Nur sie sind erhalten geblieben.
Die Autoren der Generation nach ihm, z. B. Jean
Chapelain (s.u.) oder Jean Mairet (s.u.), die um 1635 die Regeln und
Vorstellungen des klassischen französischen Theaters entwickelten, taten dies
nicht zuletzt in direkter Reaktion auf Hardy, dem sie Regellosigkeit, Mangel an
Geschmack und Rohheit vorwarfen. Schon vorher hatte es seinem Image geschadet,
dass der Pariser Literatur-Guru François de Malherbe (s.o.) seinen Stil für
unlesbar erklärte.
(Stand: März
08)
Claude Favre de Vaugelas (*6.1.1585 in Meximieux/Bresse ; † 26.2.1650 in
Paris).
Sein Name ist jedem Historiker der
franz. Sprache bekannt.
Vaugelas (wie er i.d.R. schlicht
genannt wird) war Sohn eines klein- bzw. neuadeligen Richters in der bis 1601
zu Savoyen gehörenden Provinz Bresse nahe dem schweizerischen Genf. 1624 erbte
er den Titel eines „baron de Pérouges“.
Er erhielt eine solide klassische
Bildung, überwiegend durch seinen Vater, und trat jung in die Dienste des Duc
de Nemours, eines Cousins des Herzogs von Savoyen. In seinem Gefolge reiste er
viel und erwarb gute Kenntnisse des Italienischen und Spanischen. Er ließ sich
schließlich in Paris nieder, wo er sich mit wechselnden Aktivitäten über Wasser
hielt, z.B. indem er einen franz. Hochadeligen als Dolmetscher nach Spanien
begleitete oder sich als Hauslehrer in einer anderen hochadeligen Familie
verdingte. Auch ließ er sich die niederen Weihen erteilen, um vielleicht
einträgliche Kirchenpfründen bekommen und möglichst kumulieren zu können.
Immerhin gelang es ihm, Zugang zu einigen mondänen Salons der Hauptstadt zu
erhalten, wo man ihn geschätzt zu haben scheint, und Kontakte mit anerkannten
Autoren zu pflegen, u.a. Malherbe (s.o).
Er selbst war als Literat nur ein mäßig
erfolgreicher Übersetzer aus dem Lateinischen und Spanischen. Doch erarbeitete
er sich hierbei einen Ruf als Grammatiker und Sprachgelehrter. 1634 gehörte er,
als Mitglied des Kreises um Valentin Conrart (s.u.), zu den
Gründungsmitgliedern der Académie Française (s.u.). Er war danach von Anbeginn
an aktiv an dem wichtigsten Projekt der Académie beteiligt, dem Wörterbuch der
franz. Sprache, dessen Konzept er entwarf, wobei er selber für die Buchstaben A
bis I zuständig war.
Unzufrieden über die Langsamkeit, mit
der dieses und die anderen Académie-Projekte vorankamen, insbes. die Grammatik
(die erst 1932 erschien und sofort als veraltet galt), brachte er seine eigenen
Überlegungen zu Papier als Remarques sur
la langue française, utiles à ceux
qui veulent bien parler et écrire, die er 1647 publizierte. Das Buch, ein
Ratgeber für das „richtige“ Sprechen und Schreiben, wurde rasch mehrfach
aufgelegt und zur allseits bekannten Autorität (die Molière in seinen Femmes
savantes ironisiert). Mit den Remarques wurde Vaugelas zum Ahnherrn
der in Frankreich (anders als im deutschen Sprachraum) sehr zahlreichen, noch
heute höchst aktiven Wächter und Hüter der franz. Sprache.
Als Norm für den „guten Gebrauch“ (le bon usage) des Franz. setzte er den
mündlichen Sprachgebrauch des überwiegend in Paris lebenden Hochadels und den
schriftlichen Sprachgebrauch der bons
auteurs, d.h. der anerkannten, in Paris arbeitenden und in Pariser Salons
verkehrenden Autoren. Er bestärkte damit den wachsenden, auf Paris
ausgerichteten politischen Zentralismus auch auf sprachlichem Gebiet und
initiierte eine Entwicklung, die bis heute alle Personen benachteiligt, die
nicht das pariserisch geprägte français
standard beherrschen.
(Stand: Dez. 08)
La marquise de
Rambouillet (* 1588 in Rom; † 2.12.1665 in Paris)
Sie
war zwar keine Autorin, ist aber als Schirmherrin eines der wichtigsten
„Salons“ in die Geistes- und
insbesonders die Literaturgeschichte eingegangen.
Geboren
als Tochter des französischen Marquis Jean de Vivonne und der aus altem
römischen Adel stammenden Giulia Savelli, war sie sehr jung mit dem reichen
Marquis de Rambouillet verheiratet worden. Sie war hochgebildet und beherrschte
mehere Sprachen. Da sie gesundheitlich anfällig war und die regelmäßige
Anwesenheit am Pariser Königshof scheute, schuf sie sich ab ca. 1620 eine Art
kleinen eigenen Hof in ihrem nahe dem Louvre gelegenen Stadtpalast, dem Hôtel
de Rambouillet, das mehr oder weniger nach ihren Plänen erbaut worden war. Hier
führte sie bis gegen 1660 ein offenes Haus, in dem sich geistig interessierte
Hochadelige, darunter Le Grand Condé oder Richelieu, mit kleinadeligen sowie
auch bürgerlichen Intellektuellen trafen. Zugleich, um keine reine
Männergesellschaft entstehen zu lassen, sorgte sie für die Anwesenheit adeliger
Damen sowie auch adeliger junger Mädchen, darunter, neben ihrer Tochter Julie,
Marie de Rabutin-Chantal, die spätere Mme de Sévigné (s.u.) oder
Marie-Madeleine Pioche de la Vergne, die spätere Mme de La Fayette (s.u.).
Der
sich durchaus als elitär und exklusiv empfindende Kreis um die Marquise sowie
den einfallsreichen Animateur Vincent Voiture (s.u.) übte sich vor allem in der
Kunst der geistreichen Konversation sowie der galanten Gelegenheitsdichtung.
Hierbei entwickelte man das im Prinzip egalitäre, d. h. nicht ständisch
gebundene Ideal des honnête homme (ein Begriff, der vielleicht in Analogie zu
„gentilhomme - Edelmann“ kreiert wurde und mit „Ehrenmann“ sehr unzutreffend übersetzt
ist).
Die
bewusst kunst- und anspruchsvollen Ausdrucksweisen des Kreises fanden starken
Widerhall in der Literatur der Epoche, wirkten aber auch in die Pariser
Gesellschaft hinein, wo sie bald teils nachgeahmt, teils aber auch als
„preziös“ (eigentlich „kostbar“) belächelt wurden.
Nach
dem Tod Voitures (1648) und mit Beginn der Wirren der Fronde (1648-52) war die
Glanzzeit des Hôtel de Rambouillet vorbei. Als 1661 Molière (s.u.) mit Les
Précieuses ridicules die Preziosität in Gestalt zweier überkandidelter
Bügerstöchter karikierte, war sie schon eine Art abgesunkenes Kulturgut
geworden.
(Stand:
Nov. 09)
Théophile de Viau (*1590 in Clairac ; † 25.9.1626 in Chantilly).
Er war zu seinen Lebzeiten ein sehr
erfolgreicher Autor, der zur Zeit der Klassik aber in Vergessenheit geriet und
erst von den Romantikern als einer der besten Lyriker des 17. Jh.
wiederentdeckt wurde.
Viau (in Literaturgeschichten häufig
liebevoll schlicht „Théophile“ genannnt) war jüngerer Sohn aus einer
protestantischen adeligen Familie und besuchte kalvinistische Schulen in
Montauban und in Leiden/Holland.
Nachdem er 1615, in einer der immer
wieder noch aufflammenden kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen
Protestanten und Katholiken, zunächst auf protestantischer Seite gegen die
Armee des jungen Königs Louis XIII gekämpft hatte, machte er seinen Frieden mit
diesem, um in Paris Zugang zum Hof und zur guten Gesellschaft zu erhalten und
leichter Mäzene zu finden. 1619 bekam er jedoch Schwierigkeiten mit der Justiz,
weil Jesuiten ihn als unchristlichen libertin
(Freidenker), aber auch als sittenlosen, womöglich homosexuellen Lebemann
denunzierten. Er zog es deshalb vor, vorübergehend aus Paris zu verschwinden.
1620 kämpfte er in der königlichen Armee gegen Truppen der Protestanten. 1622
konvertierte er offiziell zum Katholizismus, so wie viele französische
Protestanten, die es leid waren, Bürger zweiter Klasse zu sein. De facto war
und blieb Viau jedoch libertin und
Epikuräer (Anhänger des die Lust und den Genuss bejahenden griechischen
Philosophen Epikur), wobei vielleicht seine mutmaßliche Homosexualität eine
Rolle spielte, die ihn letztlich sowohl bei Katholiken wie bei Protestanten
Außenseiter sein ließ und ihm die Prekarität und Flüchtigkeit der menschlichen
Existenz besonders bewusst machte.
Als Lyriker, der er hauptsächlich war,
orientierte sich Viau formal an Malherbe (s.o.), akzeptierte aber nicht dessen
Nüchternheit und quasi kunsthandwerkliche Feilerei, sondern ließ der Phantasie
und der Spontaneität der Gefühle und Gedanken freieren Lauf. Ein Sammelband
seiner thematisch vielfältigen und oft sehr persönlich wirkenden Dichtungen
erschien erstmals 1621 als Œuvres
poétiques, traf ganz offenbar den Zeitgeschmack und erlebte mehrere jeweils
erweiterte Auflagen, deren letzte postum noch rd. 90 (!) Male nachgedruckt
wurde.
Auch als Dramatiker war Viau
erfolgreich mit Les amours de Pyrame et
de Thisbé (1621), einem Stück, das die unglückliche Liebe der
Nachbarskinder Pyramus und Thisbe darstellt, die von beiden Familien und dazu
dem König als Nebenbuhler behindert wird und im irrtümlichen doppelten
Selbstmord endet. Das Stück wurde zwischen 1623 und 1698 73 Male nachgedruckt
und diente vielen späteren Autoren als Vorbild.
1623 floh Viau einmal mehr aus Paris,
als ihm ein anonymes erotisches Gedicht mit homosexueller Pointe zugeschrieben
wurde. In Abwesenheit zum Scheiterhaufen verurteilt, wurde er bald danach
verhaftet und 1625, nach einem nochmaligen, zweijährigen, demütigenden Prozess,
zu einer Verbannung aus Paris „begnadigt“. Offensichtlich wollte man ein
Exempel an ihm statuieren, um die anderen libertins
zu disziplinieren, mochte dann aber nicht bis zum Äußersten gehen, weil der
Prozess ein großes öffentliches Für und Wider erregte und hochstehende Personen
sich für ihn einsetzten. Viau wurde hiernach von Freunden in der Provinz
aufgenommen, starb jedoch mit 36 an den gesundheitlichen Folgen der Haft, kurz
nachdem ihm die Rückkehr nach Paris erlaubt worden war.
(Stand: Juli 09)
Jean Chapelain (* 4.12.1595 in Paris; † 22.2.1674 ebd.)
Er stammte aus einer kleinbürgerlichen
Juristenfamilie, konnte aber gute Kenntnisse der klassischen Sprachen und des
Italienischen und Spanischen erwerben. Seinen Unterhalt verdiente er zunächst
als Hauslehrer. Dieser als Autor eher nur mittelmäßige Literat ist gleichwohl
sehr bedeutsam geworden durch seine Lettre
sur la règle des vingt-quatre heures (1630). Es ist ein poetologischer
Traktat über die aristotelische Lehre von den drei Einheiten des Dramas, wonach
die Handlung eines Stücks zielstrebig und einlinig sein soll (Einheit der
Handlung), möglichst nur an einem Ort spielen darf (Einheit des Ortes) und
innerhalb von 24 Stunden abgeschlossen sein muss (Einheit der Zeit). Chapelain
orientierte sich hierbei an italienischen Dramatikern und Theoretikern, vor
allem Giulio Cesare Scaligero. Er reagierte damit gegen das seines Erachtens
regellose Theater des fruchtbarsten Dramatikers der ersten Jahrzehnte des 17.
Jh., Alexandre Hardy (ca. 1570–1632, angeblich über 600 Stücke!, s.o.).
Nach dem Erfolg seines Traktats und
dank dem Umstand, dass er 1634 zu den Gründungsmitgliedern der Académie
Française (s.u.) gehörte, war Chapelain fast 40 Jahre lang einer der
Platzhirsche des Pariser Literaturbetriebs. Mehr nebenher betätigte er sich als
Gelegenheitsdichter im Dienste hochstehender Personen, als Chefkritiker der
Académie (die laut
Gründungsauftrag über den guten Geschmack in Sprache und Literatur wachen
sollte) sowie als Epiker. Sein episches Hauptwerk, La Pucelle d'Orléans (1656), war bei seinem Erscheinen allerdings
nur deshalb kurz erfolgreich, weil er die potenziellen Leser lange hinzuhalten
verstanden hatte.
Ab 1661 führte Chapelain im Auftrag des
neuen allmächtigen Ministers Colbert eine königliche Pensions-Liste, auf die
solche Autoren gesetzt wurden, die dem Minister und seinem jungen König Louis
XIV genehm waren und damit als einer jährlichen Gratifikation würdig
erschienen.
(Stand: Dez. 08)
Vincent
Voiture (* 1597 in Amiens; † 26.5.1648 in Paris)
Voiture verkörperte perfekt den im deutschen Sprachraum der Zeit kaum bekannten Typ des Fürstendieners, Lebemannes, Gesellschaftsmenschen und Literaten in ein