Gert Pinkernell

Prof. em. an der Uni Wuppertal

Namen, Titel und Daten der französischen Literatur

Ein chronologisches Repertorium wichtiger Autoren und Werke 

Teil I: 842 bis ca. 1800

Gewünschte Autoren oder Werke (möglichst mit originalem Titel) bitte über die Suchfunktion im Menü „Bearbeiten“ ansteuern!

Vorbemerkung

Die erste Version des Repertoriums entstand um 1990 als Begleitskript zu einer Überblicksvorlesung. Es war eine chronologische Liste von Namen, Titeln und Daten und erfasste, wie die Vorlesung selbst, nur solche Autoren und/oder Werke, die für die Entwicklung der französischen Literatur als bedeutsam gelten und potenziell Gegenstand des Literaturunterrichts französischer Gymnasiasten bzw. deutscher Französischstudenten sind.

Im Lauf der Jahre hat sich aus der bloßen Liste eine Sammlung von Artikeln entwickelt. 1998 habe ich sie ins Internet gestellt und nach und nach um Autoren der zweiten Reihe vermehrt. Vor allem bin ich ständig dabei, Artikel zu erweitern, zu verbessern und zu korrigieren. Entsprechend lade ich fast monatlich eine partiell aktualisierte Version des Repertoriums hoch, weshalb ich bitte, jeweils diese aufzurufen, sie nicht abzuspeichern und höchstens auszugsweise zu drucken.

2004/05 habe ich die meisten Artikel ins Wikipedia übertragen, allerdings werden sie dort nicht nur von mir selber verändert, sondern, gemäß dem Wiki-System, auch von Dritten. Berechtigte und nützliche dieser Änderungen baue ich, wenn ich sie bemerke, wiederum in mein Repertorium ein; langatmige Erweiterungen und Anhängsel, um die es sich oft handelt, übernehme ich nicht, zumal sie meistens erst von Un- und Halbrichtigkeiten befreit werden müssten.

Grundlage meiner Artikel sind jeweils mehrere, ganz überwiegend französischsprachige Quellen, z.B. die meistens vorzüglichen Einführungen zu Pléiade-Klassikerbänden und zu Taschenbuchausgaben renommierter Reihen. Vor allem aber halte ich mich an die Nachschlagewerke Dictionnaire des littératures de langue française und Dictionnaire des œuvres littéraires de langue française von Jean-Pierre de Beaumarchais, Daniel Couty und Alain Rey (jeweils 4 Bde., Paris: Bordas, 1992 bzw. 1994). Als andere nicht zu verachtende Quelle dient mir die an französischen Schulen jahrzehntelang benutzte sechsbändige Literaturgeschichte von André Lagarde und Laurent Michard. Auch den Vorlesungen zur Geschichte der französischen Literatur von Erich Köhler (8 Bde., Stuttgart 1983 ff.) verdanke ich viel. Mehr zur Anregung denn als verlässliche Informationsquellen nutze ich natürlich auch das französische, englische und ggf. das spanische und italienische Wiki. Auf die Angabe weiterführender Literatur  verzichte ich, weil man sie leicht über das Wiki oder den Online-Katalog der Bonner Uni-Bibliothek erschließen kann, die die Französistik als Sondersammelgebiet pflegt. Immerhin mochte ich mich nicht enthalten, eigene Studien jeweils anzuführen oder sogar an Artikel anzuhängen. Auch gebe ich, wenn mir Werke aus meiner Lehre und/oder Forschung besonders vertraut sind, des öfteren persönliche Deutungshinweise (die ich meistens nicht ins Wiki übertrage).

Ein literarisches Werk, das ist für die Leute vom Fach vor allem ein Element innerhalb eines Beziehungsgeflechts von Werken vor, neben und nach ihm, d.h. Werken, die seinem Autor bekannt waren und ihm als Vor- oder Gegenbild dienten, und Werken, auf die es seinerseits gewirkt hat, weil deren Autoren es lasen. Für Nichtfachleute, was ja auch Studenten noch sind, ist diese „intertextuelle“ Sicht mangels breiteren literarhistorischen Wissens nur theoretisch nachvollziehbar. Für sie ist ein Werk vor allem ein Einzelphänomen, nämlich die punktuelle Reaktion des Autors auf eine bestimmte, oft problematische Situation in seinem Leben und seinem konkreten historischen Umfeld. Entsprechend finden sie Zugang zum Werk am ehesten über die Biografie des Autors, die meistens ja auch historisches und literarhistorisches Wissen vermittelt. Eben diese laiengemäße biografistische Sicht soll das Markenzeichen meines Repertoriums sein, zumindest ab dem späten Mittelalter, wo die biografischen Informationen reichlicher sind. Die einzelnen Artikel könnten also Autor XY: Leben und Schaffen überschrieben sein, weil sie bemüht sind, Biografie und Werke im Verbund zu sehen. Dass mein Biographismus nicht dem derzeitigen literaturwissenschaftlichen Mainstream entspricht, soll mich nicht stören. Den Titel eines „Neopositivisten“, den mir ein amerikanischer Kollege in einem anderen Kontext scherzhaft zuerkannt hat, trage ich gern.

P.S. 1: Überflüssig zu sagen, dass mit „Autor“ auch Autorinnen gemeint sind. Ich habe es mit „AutorIn“ versucht, fand dies aber wegen der vielen dann nötigen „der/die“, „sein/ihrer“ usw. zu schwerfällig.

P.S.: 2: Da ich annehme, dass die meisten Benutzer meines Repertoriums zumindest rudimentäre Französischkenntnisse haben, nenne ich französische Institutionen und historische Figuren mit ihren französischen Namen und führe ich Werktitel im Original an. Wenn es hierzu gängige deutsche Versionen gibt, füge ich sie häufig in Schrägdruck hinzu, z.B. La Chanson de Roland / Rolandslied; eigene, möglichst wortgetreue Übersetzungen von Titeln setze ich in Klammern, z.B. Le Livre du trésor (= das Buch vom Schatz).

P.S. 3: Für Anregungen und Hinweise bin ich dankbar. Anfragen per Mail (pinkerne@uni-wuppertal.de) beantworte ich im Rahmen meiner Möglichkeiten gern und in der Regel rasch.

Mittelalter

Les Serments de Strasbourg / Straßburger Eide (842)

Sie sind zwar keine Literatur, doch beginnen Literaturgeschichten häufig mit ihnen, weil der franz. Wortlaut dieser auf Altfranzösisch und Althochdeutsch abgelegten Eide der älteste erhaltene Text in franz. Sprache ist. (Althochdeutsche Texte sind noch einige ältere erhalten). Die Eide sind überliefert als Zitate in der lateinischen Chronik Historiarum libri IV des Mönches Nithard (9. Jh.), die ihrerseits in einer Abschrift aus dem 10. Jh. vorliegt.

Sie wurden geschworen von dem ostfränkischen König Ludwig dem Deutschen und dem westfränkischen König Karl dem Kahlen sowie ihren Unterführern, und zwar beim Abschluss eines Bündnisses dieser beiden Halbbrüder gegen ihren ältesten Bruder, Kaiser Lothar. Dieser nämlich gab sich nach dem Tod ihres Vaters, Kaiser Ludwigs des Frommen († 840), und der von ihm verfügten Dreiteilung des Frankenreichs nicht mit dem Mittelteil zufrieden, der ihm zugefallen war. Vielmehr beanspruchte er, da er als Ältester auch die Kaiserwürde geerbt hatte, die Oberhoheit über das gesamte Reich (also grosso modo das Gebiet des jetzigen Frankreichs, der Benelux-Staaten, der alten Bundesrepublik plus Thüringen, der Schweiz, Westösterreichs sowie Nord- und Mittelitaliens).

Bei ihrem Treffen in Straßburg schworen zunächst die offenbar zweisprachigen beiden Könige, und zwar Ludwig der Deutsche, damit er zugleich auch von Karls Unterführern verstanden wurde, in „romana lingua“, dann Karl analog in „teudisca lingua“. Hiernach legten jeweils die sichtlich nicht zweisprachigen Unterführer den Eid ab, nämlich die von Karl in ihrer französischen und die von Ludwig in ihrer deutschen Sprache. Die beiden franz. Textpassagen lauten:

[Ludwig:] Pro deo amur et pro christian poblo et nostro commun salvament, d'ist di in avant, in quant deus savir et podir me dunat, si salvarei eo cist meon fradre Karlo et in aiudha et in cadhuna cosa, si cum om per dreit son fradra salvar dift, in o quid il mi altresi fazet, et ab Ludher nul plaid nunqua prindrai, qui meon vol cist meon fradre Karlo in damno sit.

[Karls Unterführer:] Si Lodhuvigs sagrament, que son fradre Karlo jurat, conservat, et Karlus meus sendra de sue part lo franit, si returnar non l'int pois, ne io ne neuls, cui eo returnar int pois, in nulla adhiuda contra Lodhuvig nun li iv er.

(In eigener, möglichst wortgetreuer Übersetzung): Für Gottes Liebe und für des christlichen Volkes und unsere gemeinsame Rettung, von diesem Tag vorwärts (=in Zukunft), in soweit Gott Wissen und Können mir gibt, so werde beistehen ich diesem meinen Bruder Karl sowohl in Hilfeleistung als auch in jeder Angelegenheit, so wie man von Rechts wegen seinem Bruder beistehen soll, auf das dass er mir genauso tue; und mit Lothar kein Abkommen werde ich niemals treffen, das meines Willens diesem meinen Bruder Karl zum Schaden sei.

Falls Ludwig den Eid, den er seinem Bruder Karl schwört, wahrt und Karl mein Herr seinerseits ihn bricht, wenn abhalten nicht ihn davon ich kann, [dann] weder ich noch irgend jemand, den ich davon abhalten kann, in irgendeiner Hilfeleistung gegen Ludwig nicht ihm dort werde sein.

Wie man sieht, hatte (der im Auftrag Karls des Kahlen arbeitende) Nithard bzw. der Schreiber des altfranz. Textes große Schwierigkeiten, die Sätze, die er gehört hatte, zu verschriftlichen, denn er hatte, wie damals üblich, Lesen und Schreiben nur anhand lateinischer Texte gelernt. So etwas wie eine eigene franz. Schriftsprache gab es noch nicht, denn bis weit über das Jahr 1000 hinaus wurde alles, was für aufschreibenswert gehalten wurde, von lateinkundigen Spezialisten, meist theologisch gebildeten „Klerikern“, in Latein aufgeschrieben. (Dieses Latein, das sog. Kirchen- oder Mittellatein, glich allerdings längst nicht mehr demjenigen, das um die Zeitenwende herum im alten Rom gesprochen worden war und dessen literarisches Register wir als klassisches Latein aus den Werken eines Cäsar, Cicero, Ovid, Horaz oder Vergil kennen).

P.S.: Das damalige Frankenreich war in sprachlicher Hinsicht sehr heterogen. Im Westteil wurden franz. und okzitanische Dialekte gesprochen und im Ostteil nieder-, mittel- und oberdeutsche Dialekte; das Mittelreich „Lotharingia“ (wovon sich die Bezeichnungen dt. Lothringen und frz. Lorraine ableiten) umfasste zusätzlich auch noch alpenromanisch- und italienischsprachige Gebiete.

(Stand: Juli 06)

La Cantilène de Sainte Eulalie / Eulaliasequenz (ca. 885)

Es ist das älteste bekannte literarische Werk in franz. Sprache. Es hat die Form einer „Sequenz“ (wie sie bei Gottesdiensten per Sing-Sang vorgetragen wurden) und berichtet von der Hl. Eulalia, einer jungen spanischen Adeligen, die am 10. Dez. 304 in Mérida den Märtyrertod erlitten haben soll. Der wahrscheinlich in Nordostfrankreich (vielleicht im Benediktinerkloster Saint-Amand-les-Eaux) entstandene Text besteht aus 29 Versen unterschiedlicher Länge (8 bis 12 Silben), die paarweise assonieren, d.h. nur mit den Vokalen und nicht auch mit den Konsonanten der Reimsilben reimen. Er ist verfasst in Anlehnung an eine inhaltsgleiche lateinische Sequenz und folgt auch auf diese in der Sammelhandschrift, die sie beide überliefert. Die betreffende Handschrift, die u.a. auch einen althochdeutschen Text enthält, wurde übrigens 1837 von Hoffmann von Fallersleben wiederentdeckt und erstmals abgedruckt.

Die Eulaliasequenz lässt, wie alle sehr frühen erhaltenen franz. Texte, deutlich die Schwierigkeiten erkennen, die die sonst nur lateinisch schreibenden Autoren oder Kopisten bei der Verschriftlichung volkssprachlicher Wörter und Sätze hatten. Der Anfang lautet (mit möglichst wortgetreuer Übersetzung von mir):

Buona pulcella fu Eulalia, // Gute Jungfrau war Eulalia,
bel auret corps, bellezour anima.// schön hatte sie [den] Körper, schöner [die]  Seele.
Voldrent la veintre li deo inimi,// [Es] wollten sie besiegen die Gottes Feinde,
voldrent la faire diaule servir.// wollten sie machen dem Teufel dienen.
Elle non eskoltet les mals conseillers,// Sie nicht hört die bösen Ratgeber,
qu'elle deo raneiet chi maent sus en ciel,       // dass sie Gott verleugnet, der weilt oben im Himmel,
Ne por or, ned argent, ne paramenz,        // nicht für Gold, noch Silber, noch Schmuck,
por manatce regiel, ne preiement.// [noch] durch Drohung königliche, noch Bitte.
Niule cose non la pouret omque pleier,// Keine Sache konnte sie nicht jemals beugen
[...]
Tuit oram que por nos degnet preier// Alle beten wir, dass für uns [sie] geruht zu bitten,
qued avuisset de nos Christus mercit// dass habe für uns Christus Gnade
post la mort e a lui nos laist venir// nach dem Tod und zu ihm uns lasse kommen
par souue clementia.// durch seine Milde.

Die Eulaliasequenz ist eines der Zeugnisse dafür, dass spätestens ab 800 im franz. Sprachraum die Laien auch das eher schlichte Kirchenlatein nicht mehr verstanden. (Schon 813 hatte das Konzil von Tours aus diesem Grund beschlossen, dass die Predigten nicht mehr in Latein, sondern in „lingua romanica“ zu halten seien.) Sie ist zugleich ein Zeugnis dafür, dass das geistige und potenzielle literarische Leben nach wie vor von den Bedürfnissen der Kirche bestimmt wurden, die ihrerseits die einzige Institution war, die die materiellen und organisatorischen Möglichkeiten hatte, um intellektuell und künstlerisch begabte Individuen von den Zwängen der Alltagsarbeit freizustellen, zu fördern und zu unterhalten.

(Stand: Juli 06)

Vie de saint Léger / Leodegarlied (gegen 1000)

Es ist der älteste erzählende Text, der in franz. Sprache erhalten ist. Es handelt sich um eine Vita (Kurzbiografie) des Abtes von Saint-Maixent und späteren Bischofs von Autun sowie königlichen Beraters Leodegar, der 678 bei einer der im damaligen Frankenreich häufigen Thronfolgewirren von einem politischen Rivalen, Graf Ebroin, gefangen genommen, gefoltert und schließlich ermordet worden war und nach seinem Tod, aus sicherlich ebenfalls politischen Gründen, zum Märtyrer verklärt wurde.

Das Leodegarlied (so die traditionelle Bezeichnung in der dt. Romanistik) ist offenbar in Nordostfrankreich entstanden und besteht aus 240 paarweise teils assonierenden, teils auch schon korrekt reimenden achtsilbigen Versen, den ältesten Versen dieses Typs, die in der franz. Literatur überliefert sind. Es ist ein Beispiel der damals florierenden Gattung Heiligenlegende, die aber meist, zumindest wenn die Texte aufgeschrieben wurden, das Kirchenlatein als Sprache benutzte. Der Anfang lautet (mit möglichst wortgetreuer Übersetzung von mir):

Domine deu devemps lauder// Herrn Gott sollen wir loben
et a sos sancz honor porter.// und seinen Heiligen Ehre darbringen.
In su amor cantomps dels sanz// In seiner Liebe singen wir von den Heiligen,
quae por lui augrent granz aanz;        // die für ihn hatten große Qualen;
et or est temps et si est biens// und nun ist Zeit und so ist es gut,
quæ nos cantumps de sant Lethgier.// dass wir singen vom heiligen Leodegar.
Primos didrai vos dels honors// Zuerst werde ich euch sagen von den Ehren,
Quæ il awret ab duos seniors.// die er hatte bei zwei [hohen] Herren.
Apres ditrai vos dels aanz// Danach werde ich euch sagen von den Qualen,
que li suos corps susting si granz,// die der seinige Körper [=er] aushielt so große,
et Ewruins, cil deumentiz,// und [von] Ewruin, diesem Gottleugner,
que lui a grant torment occist.// der ihn mit großer Tortur umbrachte.
[...]

Vie de saint Alexis / Alexiuslied (ca. 1050)

Diese Nachdichtung einer lateinisch verfassten Heiligenlegende gilt als der erste erhaltene franz. Text, der über seine religiösen Intentionen hinaus deutlichen  künstlerischen Ehrgeiz zeigt. In Form und Stil ist das Alexiuslied (wie das Werk in der dt. Romanistik traditionell heißt) beeinflusst von der Gattung Heldenepos (chanson de geste, s.u.), die zu seiner Entstehungszeit schon florierte. Es war offenbar zum Vortrag per Sing-Sang bestimmt und besteht aus 125 Strophen von je 5 assonierenden 10- silbigen Versen mit Zäsur nach der 4. Silbe, den ersten Strophen und Versen dieses Typs, die aus der franz. Literatur bekannt sind. Die erzählte Geschichte beruht vermutlich auf der einer realen Person vom Anfang des 5. Jh.:

Alexius ist zu Beginn der „Handlung“ der lang ersehnte, spät geborene einzige Sohn römischer Adeliger, der sich vom Vater in eine schöne Karriere einführen und standesgemäß verloben lassen hat, aber seiner Braut am Vorabend der Hochzeit erklärt, dass er nicht heiraten, sondern Gott dienen wolle. Hiernach verlässt er sie und die Eltern ohne Abschied und wird über Zwischenstationen nach Edessa geführt (in der heutigen südlichen Türkei, nahe der Grenze zu Syrien). Dort lebt er 17 Jahre lang als frommer Asket von Almosen und gibt sich z.B. Bediensteten seiner Familie, die auf der Suche nach ihm sind, nicht zu erkennen. Als man ihn in Edessa als Heiligen zu verehren beginnt und eine himmlische Stimme seine Heiligkeit bestätigt, entzieht er sich der Verehrung und geht erneut auf Wanderschaft, bis er auf einem Schiff vom Sturm zurück nach Rom geführt wird. Dort bittet er auf der Straße unerkannt seinen Vater, ihm aus Liebe zu seinem verschollenen Sohn einen Platz unter der Treppe in seinem Haus zu gewähren. Hier verbringt er nochmals 17 Jahre in Armut, ernährt sich von Küchenresten und lässt sich demütig vom Hauspersonal schikanieren. Sterbend verfasst er ein Schriftstück, dank dem er vom Papst im Beisein seiner Eltern, seiner Braut und des Kaisers als der Sohn des Hauses und als heilige Person erkannt wird. Danach wird er mit großem Pomp und starker Anteilnahme der Bevölkerung bestattet, was zeigt, das ihm ein Platz im Himmel sicher ist.

Die Alexius-Legende, die zu einer bedingungslosen „imitatio Christi“ (Nachahmung Christus’) aufruft, kam ursprünglich aus Syrien, war von dort nach Konstantinopel gelangt und aus dem Griechischen ins Lateinische übertragen worden. Diese Version wurde in Mittelalter und früher Neuzeit zur Grundlage für Nachdichtungen in verschiedenen europäischen Sprachen, von denen die franz. die älteste ist. Diese ist in fünf z.T. unvollständigen Abschriften aus dem 12. und 13. Jh. erhalten und entstand vermutlich im Nordosten des franz. Sprachgebietes. Sie ist jedoch überliefert in einer Sprache, die anglonormannisch gefärbt ist, d.h. Elemente desjenigen franz. Dialekts enthält, den die normannischen Eroberer 1066 aus der Normandie nach England mitgenommen hatten und als herrschende Schicht mehrere Generationen lang dort sprachen (bis er vom Angelsächsischen aufgesogen wurde und mit ihm zum Englischen verschmolz.

Der Anfang des Alexius-Liedes lautet (möglichst wörtlich übersetzt von mir):

Bons fut li siecles / al tems ancienour, // Gut war die Welt zur Zeit der Alten,
quer feit i eret / e justise ed amour; // denn Treue dort war und Gerechtigkeit und Liebe;
s'i eret creance, / dont ore n'i at nul prout; // ebenso dort war Vertrauen, wovon es jetzt keinen Nutzen gibt;

toz est mudez, / perdut ad sa coulour: // alles ist verwandelt, verloren hat es seine Farbe:
ja mais n'iert tel / cum fut as anceisours. // niemals wird es sein solches, wie es den Vorfahren war.

Al tems Noe / ed al tems Abraam // Zur Zeit Noahs und zur Zeit Abrahams
Ed al David, / cui Deus par amat tant,// und zur [Zeit] Davids, den Gott gar liebte so sehr,
Bons fut li siecles; / ja mais n'iert si vaillanz; // gut war die Welt; niemals wird [sie] sein so wacker;
Vielz est e frailes, / toz s'en vait declinant, // alt ist sie und gebrechlich, alles ist am niedergehen,
Si'st empeiriez, / toz biens vait remanant. // und ist verschlimmert, alles Gute ist am fortbleiben.

Puis icel tems / que deus nos vint salver, // Nach jener Zeit, als Gott (=Christus) uns kam retten,
Nostre anceisour / ourent crestiantet, // [und] unsere Vorfahren bekamen Christenglauben,
Si fust uns sire / de Rome la citet. // so war [da] ein Herr von Rom der Stadt.
Riches hom fut, / de grant nobilitet. // Reicher Mann war er, von großem Adel.
Pour ço'l vous di: / d'un suon fil vueil parler.// Für das (=deshalb) es euch sage ich: von einem seinen Sohn will ich reden.

Der Text zeigt, dass zu seiner Entstehungszeit sichtlich die Grundlagen einer franz. Schriftsprache und zweifellos auch einer überregional verständlichen „Koiné“ (Verkehrssprache) geschaffen waren. Diese Schriftsprache pflegte aber, wie oben angedeutet, dialektal gefärbt zu sein, d.h. Elemente des Dialekts des jeweiligen Autors oder auch Kopisten aufzuweisen.

(Stand: Apr. 10)

Chansons de geste

Die Gattung der Chansons de geste (von lat. gesta „Heldentaten“) zählt zu den ältesten erzählenden Gattungen der franz. Literatur. Ihre Entstehung fällt in das 11. oder sogar schon 10. Jh., doch ist ihre Blütezeit das 12. Jh.. Die Bezeichnung „chansons“ erklärt sich daraus, dass sie nicht zur schriftlichen Verbreitung und damit zum Lesen oder Vorlesen bestimmt waren, sondern zum freien Vortrag in einer Art Sing-Sang. Vortragende waren i. d. R. professionelle reisende Spielleute, die sich selbst mit einem (Saiten-)Instrument begleiteten oder aber begleiten ließen. Die Texte richteten sich (anders als der etwas spätere Höfische Roman, s.u.) an ein nicht spezifiziertes Publikum, d.h. an Hörer aus allen Bevölkerungsgruppen.

Formal bestehen die Chansons aus beliebig vielen Strophen, sog. Laissen. Diese stellen meistens jeweils eine Handlungssequenz oder Episode dar, die manchmal in der nachfolgenden Laisse leicht abgewandelt wiederholt wird. Die Zahl der Verszeilen pro Laisse war nicht festgelegt und schwankt zwischen ca. 5 und ca. 20. Die einzelnen Verszeilen bestehen meistens aus zehn, seltener aus zwölf und ganz selten aus acht Silben und sind innerhalb ihrer Laisse durch Assonanz miteinander verbunden.

Die franz. Literaturgeschichte kennt gut 80 im Schriftform erhaltene Chansons, davon etliche in mehreren unterschiedlichen, z.B. als erweitert oder gekürzt erscheinenden Versionen. Die meisten sind ohne Autornamen, d.h. anonym, überliefert und beruhen offenbar auf älteren, lange Zeit hindurch nur mündlich tradierten Vorlagen oder Vorstufen. Häufig ranken sie sich ähnlich wie Serienromane um ein und dieselbe Heldenfigur, weshalb schon Zeitgenossen begannen, sie in Gruppen einzuteillen, z.B. den Königs- bzw. Karlszyklus um Kaiser Karl den Großen und seinen Sohn Ludwig den Frommen oder den Wilhelmszyklus um den Heerführer Guillaume und/oder dessen Neffen Vivien, die in 24 der erhaltenen Epen im Mittelpunkt stehen.

Inhaltlich geht es meistens um siegreiche Kriegszüge der Frankenkönige bzw. ̶­kaiser und/oder ihrer Heerführer, z.B. Wilhelms, gegen die „Heiden“, d.h. die Araber bzw. „Mauren“, die seit ihrem Einfall nach Europa im Jahr 711/12 Süd- und Mittelspanien beherrschten, ab ca. 1000 aber vom christlich gebliebenen Nordspanien her zurückgedrängt wurden. Doch werden auch die um 800 geführten Unterwerfungskriege der Franken gegen die noch länger heidnisch gebliebenen Sachsen behandelt. Nach 1095 kam die Thematik der Kreuzzüge hinzu, d.h. der Versuche französisch-englisch-deutscher Ritterheere, das seit 500 Jahren von Moslems beherrschte Jerusalem zu erobern und das Heilige Grab unter christliche Herrschaft zu bringen.

Die Gattung der Chansons de geste, in die auch Elemente der zeitgenössischen Heiligenlegenden eingeflossen sind, scheint besonders in den Klöstern entlang der Pilgerstraßen durch Frankreich nach Santiago de Compostela in Nordwest-Spanien gepflegt worden zu sein, als Mittel zur Unterhaltung und Erbauung der dort jeweils übernachtenden Pilger. Die Chansons kamen aber auch auf Jahrmärkten oder in  Burgen  zum Vortrag.

Die spätesten Chansons entstanden im 13. Jh.; die Stoffe und zentralen Figuren der langlebigen Gattung dienten jedoch noch bis ins 15. Jh. hinein als literarisches Material.

Anm., übernommen aus dem Wiki:

Anfang des 13. Jahrhunderts unterteilte Bertran de Bar-sur-Aube in seinem Girart de Vienne die Chansons in drei Zyklen:

1.    den Königszyklus (cycle de Charlemagne), zu dem z. B. das Rolandslied/ Chanson de Roland  (s.u.) zählt;

2.    die Aufrührer- und Empörerepen, wie z. B. Gormond et Isembart

3.    den Zyklus über die Familie von Garin de Monglane, zu der auch Guillaume d’Orange gehört. Wichtigste Beispiele aus diesem Zyklus sind die Chanson de Guillaume aus dem 12. Jahrhundert, Le Charroi de Nîmes und Aliscans.

Die moderne Literaturgeschichte unterscheidet noch drei weitere Zyklen:

1.    den Kreuzzugszyklus (cycle de la croisade), mit Werken wie Le Chevalier au cygne oder die Chanson d'Antioche

2.    die Lothringergeste (geste des Loherains), mit z. B. Garin le Loherain

3.    die Nanteuilgeste (geste de Nanteuil)

(Stand: Juni 10)

La Chanson de Roland / Rolandslied (ca. 1100).

Dieses Versepos von 4002 assonierenden Zehnsilbern in 291 Strophen ist eines der ältesten und das vielleicht beste, heute jedenfalls das bekannteste Werk der Gattung „Chansons de geste“ (s.o.). Um 1900 wurde es in Frankreich zu einer Art frühem Nationalepos stilisiert, und zwar wegen der Liebe, mit der es von „la douce France“ spricht, und wegen der herausragenden Rolle, die es den „Français de France“ in dem multi-ethnischen Heer Kaiser Karls des Großen zuweist.

Die historische Basis des Rolandsliedes (wie es in der deutschen Romanistik heißt) ist offenbar ein Überfall baskischer Krieger auf die von Markgraf Hruotland geführte Nachhut eines fränkischen Heeres, das im Jahr 778 auf dem Rückzug aus Spanien den Pyrenäen-Pass von Roncesvaux überquerte.

Das Werk wurde verfasst oder aufgeschrieben, vielleicht aber auch nur diktiert und/oder öfter vorgetragen von einem sonst nicht näher bekannten Turoldus, von dem es im Schlussvers nicht genau deutbar heißt, er habe das Werk „dekliniert“ (Ci falt [=hier endet] la geste que Turoldus declinet).

Erzählt wird die folgende Geschichte:

Kaiser Karl der Große hat in sieben Jahren Krieg fast das ganze heidnische Spanien erobert bis auf Zaragosa, dessen König Marsilie ihm nun Unterwerfung und Konversion zum Christentum anbietet — beides aber nur zum Schein, um den Abzug des fränkischen Heeres zu erreichen. Karl versammelt den Rat der Barone, in dem sein Schwiegersohn Ganelon rät, das Angebot anzunehmen, während sein Neffe Roland, der zugleich ungeliebter Stiefsohn Ganelons ist, den Kampf fortsetzen will. Karl, der schon alt und kriegsmüde ist, schließt sich Ganelon an, worauf Roland mit verletzender Ironie diesen als Sendboten vorschlägt. Der beleidigte Ganelon sinnt auf Rache. Er begibt sich zu König Marsilie, dem er Roland als einen Kriegstreiber darstellt, ohne dessen Beseitigung es keinen Frieden geben werde. Marsilie soll deshalb mit einer Übermacht die Nachhut des abziehenden fränkischen Heeres überfallen; Ganelon will dafür sorgen, dass Roland ihr Befehlshaber ist. Alles geschieht wie geplant. Als Roland mit seinen zwölf befreundeten Recken als Unterführern den Hinterhalt bemerkt, wird er von seinem besonnenen Freund und Schwager in spe Olivier gedrängt, mit dem Signalhorn Olifant das fränkische Heer zu Hilfe zu rufen, doch stolz lehnt er ab. Erst als nach verlustreicher Abwehr der ersten Angriffswelle die Lage aussichtslos ist, bläst er auf Rat des streitbaren Bischofs Turpin das Horn. Nach der zweiten Welle (deren heldenhafte Kämpfe wiederum liebevoll-ausführlich dargestellt werden) ist nur noch Roland übrig. Nachdem auch er durch einen Hagel von Speeren und Pfeilen tödlich verletzt ist, fliehen die Heiden, weil sie Karls Heer zu hören glauben. Roland stirbt auf dem Schlachtfeld in der Pose des Siegers, der Erzengel Gabriel und zwei weitere Engel geleiten seine Seele ins Paradies. Karl, der in der Tat herbeigeeilt ist, verfolgt und vernichtet die Heiden, deren Reste mit dem schwer verwundeten König Marsilie nach Saragosa flüchten. Dort trifft gerade ein riesiges Heidenheer ein, geführt von „Admiral“ Baligant von „Babylonien“, den Marsilie schon vor Jahren um Beistand gebeten hatte. Doch auch dieses Heer vernichtet Karl, nicht ohne dass er selbst, der trotz seines Alters noch rüstig ist, im Schlachtgetümmel auf Baligant trifft und ihn in langem Zweikampf mit Hilfe eines Engels besiegt. Nach der Einnahme Saragosas und der Zwangsbekehrung seiner Einwohner kehrt Karl zurück in seine Residenz Aachen. Hier muss er der Verlobten Rolands, Aude, die Nachricht seines Todes überbringen, was auch ihren Tod bewirkt. Er will nun Gericht halten lassen über Ganelon, doch 30 Verwandte stellen sich schützend vor diesen, darunter Pinabel, der ihn im gerichtlichen Zweikampf vertreten will. Erst als Thierry, der junge Bruder des Grafen von Anjou, sich für die gerechte Sache zu kämpfen erbietet und Pinabel mit Gottes Hilfe besiegt, kann Karl Ganelon samt seiner Familie bestrafen. Noch dieselbe Nacht erscheint ihm der Erzengel Gabriel und fordert ihn auf, König Vivien zu helfen, der in seiner Stadt „Imphe“ von Heiden belagert wird. Karl weint und rauft sich den Bart – aber man ahnt: er wird gehen.

Lesen wir die ersten „Laissen“ (d.h. die für das Genre typischen ungleich langen Strophen aus assonierenden Zehnsilbern), und zwar in der Version der sog. Oxforder Handschrift, die als die beste gilt und in anglonormannischem Dialekt, d.h. auf englischem Boden, redigiert ist. (Übersetzung, möglichst wörtlich, von mir) :

Charles li reis, nostre emperere magnes, // Karl der König, unser Kaiser großer,
sept anz tuz pleins ad estéd en Espaigne, // sieben Jahre ganz volle ist er gewesen in Spanien,
Tresqu'en la mer cunquist la terre altaigne; // bis an das Meer eroberte er das Hochland,
N'i ad castel ki devant lui remaigne, // es gibt dort keine Burg, die vor ihm verbliebe,
Mur ne citét n'i est remés a fraindre // Mauer noch Stadt ist dort verblieben zu brechen
Fors Sarraguce, ki est en une muntaigne. // außer Zaragosa, das ist auf einem Berg.
Li reis Marsilie la tient, ki Deu nen aimet, // Der König Marsilie hält es, der Gott nicht liebt,
Mahumet sert et Apollin recleimet ; // [sondern] Mohammed dient und Apollo anruft;
Ne's puet guarder que mals ne l'i ateingnet. // er kann sich nicht behüten, dass Böses ihn nicht dort trifft.

Aoi! (=ein Ausruf, der im Rolandslied regelmäßig das Ende einer Laisse markiert)

Li reis Marsilie esteit en Sarraguce, // Der König Marsilie war in Zaragosa,
Alez en est en un verger suz l'umbre, // gegangen hin ist er in einen Garten unter dem Schatten,
Sur un perrun de marbre bloi se culched, // auf eine Steinbank aus blauem Marmor legt er sich,
Envirun lui plus de vint milie humes. // herum um ihn mehr als zwanzigtausend Mann,
Il en apelet et ses dux et ses cuntes: // er ruft davon sowohl seine Herzöge als auch seine Grafen an:
„Oez, seignurs, quel peccét nus encumbret: //„Hört, Herren, welches Unglück uns behelligt:
Li empereres Carles de France dulce // Der Kaiser Karl vom süßen (!) Frankreich
En cest pais nos est venuz cunfundre. // in dieses Land uns ist gekommen zermalmen.
[...]

Das Rolandslied war nicht nur in Frankreich wohlbekannt und verbreitet, sondern lieferte auch die Vorlage oder den Stoff für zahlreiche Übertragungen, Bearbeitungen und sonstige Texte in anderen europäischen Sprachen, darunter Altnordisch, Niederländisch, Spanisch und Englisch. In Deutschland z.B. wurde es um 1170 vom Pfaffen Konrad nachgedichtet. In Italien übernahmen noch 1476 Matteo Maria Boiardo und etwas später Ludovico Ariosto die Figur Rolands für ihre vielgelesenen heroisch-komischen Versromane Orlando innamorato (= der verliebte Roland) und Orlando furioso (Der rasende Roland, 1505-1532), die ihr ihrerseits neue große Bekanntheit verschafften.

(Stand: Sept. 09)

Romanze von Rainaut und Harembourg (ca. 1100).

Sie ist ein hübsches Beispiel der meist untergegangenen mittelalterlichen Lyrik im volkstümlichen Stil, d.h. einer Literatur, die für ein breites, sozial nicht spezifiziertes Publikum geschaffen wurde und deren AutorIinnen namentlich meist unbekannt sind:

Quant vient en mai, que l'on dit as lons jors,
Que Franc de France repairent de roi cort,
Reynauz repaire, devant, el premier front.
Si s'en passa lez lo mes Arembor,
ainz n'en dengna le chef drecier amont.
                E Raynaut, amis !

Als [es] kam in den Mai, den man nennt [den] mit den langen Tagen, wo die Franken (=die Freien =die Adeligen) Frankreichs zurückkehren vom Königshof, Reinald kehrt zurück, vorneweg, in der ersten Reihe. So ging er vorbei neben dem Haus Haremburgas, aber deshalb geruhte er nicht, den Kopf nach oben zu richten. He, Reinald, Freund!

Bele Erembors, a la fenestre, au jor,
sor ses genolz tient paile de color.
Voit Frans de France qui repairent de cort
et voit Raynaut devant, el premier front.
En haut parole si a dit sa raison :
                E Raynaut, amis!

Schön Haremburga, am Fenster, am Tageslicht, auf ihren Knien hält sie Stoff von Farbe (=farbig). Sie sieht die Franken Frankreichs, die zurückkehren vom Hof, und sie sieht Reinald vorneweg, in der ersten Reihe. Mit lautem Wort, so hat sie ihm ihre Rede gesagt.

"Amis Raynaut, j'ai ja veu cel jor,
se passisoiz selon mon pere tor,
dolanz fussiez, se ne parlasse a vos !"
"Ja mesfeistes, fille d'empereor :
Autrui amastes, si obliastes nos."
                E Raynaut, amis!

"Freund Reinald, ich habe schon jenen Tag gesehen, [wo], wenn [Ihr] bei meines Vaters Burgturm vorbeigegangen wäret, bekümmert gewesen wäret, wenn ich nicht zu Euch gesprochen hätte." – "Schon handeltet [Ihr] schlecht, Kaiserstochter, einen andren liebtet [Ihr], und so vergaßet [Ihr] uns."

"Sire Raynaut, je m'en escondirai.
A cent puceles, sor sainz, vos jurerai,
A trente dames que avuec moi menrai,
c'onques nul ome fors vostre cors n'aimai.
Prennez l'emmende et je vos baiserai."
                E Raynaut, amis!

"Herr Reinald, ich werde mich dessen rechtfertigen. Mit hundert Jungfrauen, auf Heiligen[reliquien] werde [ich] Euch schwören, mit dreißig Damen, die [ich] mit mir führen werde, dass ich niemals irgendeinen Mann außer Euren Körper (=Euch) liebte. Nehmt die Wiedergutmachung, und ich werde Euch küssen."

Li cuens Raynauz en monta lo degré,
gros par espaules, greles par lo baudré,
blond ot le poil, menu recercelé,
en nule terre n'ot si biau bacheler.
Voit l'Erembors, si comence a plorer.
                E Raynaut, amis!

Der Graf Reinald daraufhin erstieg die Stufe, breit bei [den] Schultern, schmächtig in der Gürtellinie, blond hatte er das Haar, fein gelockt, in keinem Land hatte [es einen] so schönen Jüngling. Sieht ihn Haremburga, und so beginnt [sie] zu weinen.

Li cuens Raynauz est montez en la tor,
si s'est assis en un lit peint a flors.
Dejoste lui se siet bele Erembors
..................................
Lors recomencent lor premieres amors,
                E Raynaut, amis!

Der Graf Reinald ist gestiegen in den Burgturm, und so hat er sich gesetzt auf ein Bett bemalt mit Blumen. Neben ihm setzt sich schön Haremburga. Da beginnt neu ihre erste Liebe. (Vers 4 der Strophe fehlt – vermutlich nicht per Zensur, sondern durch ein Versehen des Kopisten.)

Philippe de Thaon, Le Comput (nach 1113, vor 1119)

Der Compoz (so der originale Titel) ist das älteste in franz. Sprache erhaltene Sachbuch. Es handelt in sechssilbigen Reimpaaren von der Einteilung der Zeit in Stunden, Tage, Wochen, Monate und (Kirchen-)Jahre, von den Tierzeichen und anderen regelmäßig wiederkehrenden Phänomenen, z.B. Sonnenfinsternissen, und zeigt den Stand des damaligen Wissens in diesen Bereichen. Philippe, der in England arbeitete und im anglonormannischen Dialekt schrieb, verfasste gegen 1125 auch ein Tierbuch (Bestiarium), das er der englischen Königin Aelis widmete. Dieses gibt das zeitgenössische Wissen von den einzelnen Tieren (auch Fabelwesen) wieder, das in vielen Punkten von Religion und Aberglauben bestimmt war.

(Stand: Juli 06)

Le Voyage de Saint Brendan / Brendansreise (um 1120).

Diese Verserzählung ist eines der ersten Beispiele franz.sprachiger Unterhaltungsliteratur und wirkt wie eine Mischung aus Heiligenlegende, Visionsbericht, Märchen und Abenteuergeschichte. Ihr Autor ist ein sonst nicht näher bekannter Kleriker, der sich selbst Benediz nennt (in Literaturgeschichten aber meist Benoît oder Benedeit heißt). Die 1834 Verse sind verfasst im anglonormannischen Dialekt und bestehen aus paarweise reimenden Achtsilbern, d.h. der Form, die sich inzwischen in der franz.sprachigen Heiligenlegende durchgesetzt hatte. Das Werk ist in immerhin sechs Handschriften erhalten, wurde also zu seiner Zeit offensichtlich häufig abgeschrieben. Es ist der Königin Aelis von England gewidmet und war demnach zur Zerstreuung des englischen Königshofes gedacht, der zu jener Zeit überwiegend frankophon war.

Benediz benutzt als Vorlage die in ganz Europa verbreitete lateinische Navigatio Sancti Brandani (10. Jh.) und berichtet die fiktive Geschichte des historischen irischen Abtes Brendan († 578), der mit vierzehn seiner Mönche zu einer Seefahrt aufbricht. Diese soll ihn, wie von einem Eremiten verheißen, bis zum Paradies führen. Auf seiner siebenjährigen Fahrt begegnet Brendan vielen seltsamen Tierwesen, findet verschiedene wundersame Inseln, von denen sich eine als Rücken eines Riesenfisches erweist, und den Eingang zur Hölle sowie schließlich inmitten eines Nebelringes auch das Paradies. Nachdem ein Engel ihn und die Seinen durch dessen Vorgarten geführt hat, kehrt er nach Irland zurück. Hier wird er dank seiner Frömmigkeit zum Heiligen.

Die Brendansreise ist eines der vielen Zeugnisse für die beginnende Säkularisierung des geistigen Lebens, d.h. seine Entkirchlichung und Verweltlichung, die ausgelöst wurde von dem wachsenden Wohlstand und den zunehmenden Unterhaltungsbedürfnissen der vielen über das Land verstreuten Fürstenhöfe. Dies waren z.B. die Höfe des franz. und des englischen Königs sowie die Höfe von Territorialfürsten (Herzögen und Grafen), an denen sich neue Freiräume und Verdienstmöglichkeiten boten für nicht kirchengebundene Künstler und Autoren (obwohl letztere von ihrem Werdegang her meist Kleriker, clercs, waren).

(Stand. Juli 06)

Lyrisme courtois / höfische Lyrik (ab ca. 1100).

Es ist eine meistens sehr kunstvolle Lyrik, die ursprünglich spanisch-arabischen Vorbildern folgte, sich aber auch aus volkstümlichen und aus mittellateinischen Quellen speiste. Sie wurde für ein überwiegend adeliges Publikum an Fürstenhöfen verfasst und dort gesungen vorgetragen. Ihre Blütezeit war war um 1200, doch haben ihre Vorstellungswelt und Bildersprache bis ins 15. Jh. hinein fortgelebt.

Die höfische Lyrik spricht vor allem von der liebenden Verehrung eines Ichs, das i.d.R. mit dem Autor identisch gedacht ist, für eine Dame, die zugleich als sozial überlegene Herrin vorgestellt ist. Hierbei wird diese Dame (das Wort kommt von lat. Domina !) weniger als potenzielle Geliebte gesehen denn als unerreichbares ideales Ziel der Sehnsucht und des Strebens.

Wichtigste Dichter (trouvères) im nördlichen Frankreich sind die Kleinadeligen Gace Brulé (1165–ca. 1212) und Conon de Béthune (ca. 1150–1220), der Stadtbürger Jean Bodel (1165-1209) sowie der hochadelige Graf Thibaud de Champagne (1201–1253).

Der Ursprung und das Zentrum dieser Lyrik allerdings lagen im 12. Jh. in der damals okzitanisch sprechenden und schreibenden, politisch quasi unabhängigen Südhälfte Frankreichs mit ihren florierenden Städten und vielen kleinen und mittleren Höfen, an denen sich zahlreiche trobadors (dt. Troubadours oder Troubadoure) unterschiedlichster sozialer Herkunft betätigten, sowie auch einige adelige weibliche trobadoriz. Es war eine kulturell sehr lebendige Welt, die aber zerstört wurde im Gefolge des brutalen „Kreuzzugs“, den 1209, mit Rückendeckung des Papstes, Graf Simon de Montfort begann, um die in Südwestfrankreich verbreitete prä-protestantische Sekte der Katharer bzw. Albigenser zu rekatholisieren oder auszumerzen – ein Unternehmen, das 20 Jahre Krieg auslöste. Dies wiederum führte zum wirtschaftlichen Ruin der Region sowie zu ihrer politischen Vereinnahmung durch die franz. Könige und anschließend zu ihrer kulturellen Kolonisierung durch Paris.

Einer der bedeutendsten altokzitanischen Lyriker war der mächtige Territorialfürst Herzog Wilhelm (Guilhem) von Aquitanien (1071–1126), der als erster Troubadour überhaupt gilt. Weitere bekannte Namen sind Marcabru (s.u.), Bernart de Ventador, Jaufré Rudel (s.u.), Bertran de Born, Arnaut Daniel. Die Themen, Motive, Stilmittel und Formen der Troubadours inspirierten nicht nur die nordfranzösischen Trouvères, sondern auch die Minnesänger in Deutschland und die Dichter der süditalienischen „Scuola siciliana“ sowie des Florentiner „dolce stil novo“ um Cavalcanti und Dante.

Eine Kostprobe (samt eigener, möglichst wortgetreuer Übersetzung) von Herzog Guilhem in Altokzitanisch bzw. „Provenzalisch“, wie die deutschen Hochschul-Romanisten diese Sprache nannten, als sie sie noch lernten:

Ab la dolchor del temps novel // Mit der Süße der neuen [Jahres]Zeit
foillo li bosc, e li aucel // beblättern sich die Wälder, und die Vögel
chanton, chascus en lor lati, // singen, jeder in ihrem „Latein“,
segon lo vers del novel chan; // gemäß dem Vers[maß] des neuen Sanges.
adonc esta ben c'om s'aisi // Da ist es gut, dass man sich erfreut
d'acho dont hom a plus talan. // an dem, wozu man am meisten Lust hat.

De lai don plus m'es bon e bel // Von dort, wo es mir am besten und schönsten ist [=von der Geliebten]),
non vei mesager ni sagel, // sehe ich weder Boten noch [Brief]Siegel,
per que mon cor no'm dorm ni ri, // weshalb mein Körper [=ich] mir nicht schläft noch lacht,
ni no'm aus traire ad enan // noch ich mich wage zu bewegen voran,
tro que eu sacha ben de fi // bis dass ich weiß ganz zu Ende (=endgültig),
s'el es aissi com eu deman. // ob sie ist so, wie ich verlange.

La nostr' amor vai enaissi // Unsere Liebe geht so
com la branca del albespi, // wie der Ast des Weißdorns,
Qu'esta sobre l'arbr' en treman, // der auf dem Baum ist, zitternd,
la nuoit, ab la ploia ez al gel, // die Nacht, beim Regen und beim Frost,
tro l'endeman,qu'el sols s'espan, // bis zum nächsten Morgen, wo die Sonne sich ausbreitet
par las fueillas verz e'l ramel. // durch die grünen Blätter und das Geäst.

Enquer me menbra d'um mati, // Noch erinnert es mich eines Morgens,
que nos fezem de guerra fi, // wo wir machten mit dem Krieg Schluss
e que'm donet un don tan gran: // und wo sie mir gab ein so großes Geschenk:
sa drudari' e son anel. // ihre Trautheit/Zärtlichkeit und ihren Ring.
Enquer me lais Dieus viure tan // Noch lasse Gott mich so lange leben,
c'aia mas mans soz so mantel! // dass ich meine Hände unter ihrem Mantel haben möge!

Qu'eu no ai soing de lor lati // Denn ich habe keinen Kummer wegen ihres [=der anderen Leute] „Latein“ [=Gerede]),
Que'm parta de mon Bon-Vezi, // dass es mich trennen könnte von meinem Gutnachbarn [=der Geliebten],)
Qu'eu sai de paraulas com van, // denn ich weiß von den Worten, wie sie gehen [=kenne den Wortlaut]
Ab un breu sermon que s'espel: // von einer kurzen Rede [=Sprichwort], die sich buchstabiert:
Que tal se van d'amor gaban: // Dass [zwar] manche am Sich-Brüsten sind hinsichtlicht der Liebe [die sie zu genießen behaupten],
nos n'avem la pessa e'l coultel. // wir [aber] haben davon das Stück [Braten?] und das Messer.

Wie man sieht, war bei Guilhem, dem es als reichem und mächtigem Mann sicher nicht schwerfiel, willige Objekte seiner Wünsche zu finden, die Sicht der Liebe noch nicht so idealistisch wie die Vorstellung, die sich anschließend im Dichten der meist kleinadeligen Troubadours herausbildete. Deshalb eine Kostprobe auch aus der späteren Lyrik, und zwar von Graf Thibaud de Champagne (1201-1253), der als Größter seiner Zeit gilt und rd. 80 Lieder hinterlassen hat. Thibaud war zwar ein fast ebenso reicher und mächtiger Fürst wie Guilhem, doch war inzwischen in der höfischen Lyrik die idealistische „platonische“ Vorstellung von Liebe und ihre Einbettung in eine bestimmte Begrifflichkeit und Metaphorik so fest etabliert, dass auch er diese Konventionen respektiert. Ein direkter Bezug zwischen dem Text und der Lebensrealität des Autors scheint bei Thibaud (sowie den anderen höfischen Dichtern der Zeit) kaum mehr vorhanden und wird sichtlich auch nicht angestrebt. Typisch für die späteren Epochen der höfischen Lyrik ist auch die gängige Verwendung von Allegorien, d.h. Personifikationen von Tugenden, Lastern u.ä.:

Ausi comme l'unicorne sui // So wie das Einhorn bin ich,
qui s'esbahist en regardant // das sich erschreckt/fasziniert ist beim Blicken,
quant la pucele va mirant. // wenn es die Jungfrau am Anschauen ist.
Tant est liee de son ennui, // So froh ist es gegenüber seinem [bisherigen?] Kummer,
pasmee chiet en son giron // [dass] verzückt es fällt in ihren Schoß.
lors l'ocit on en traïson. // Dann tötet man es verräterisch/heimtückisch.
Et moi ont mort d'autel senblant // Und [auch] mich haben sie getötet mit demselben [tückischen] Schein
Amors et ma dame, por voir: // „Liebe“ und meine Dame, fürwahr.
Mon cuer ont, n'en puis point ravoir. // Mein Herz haben sie, von ihnen kann ich es nicht zurückhaben.

Dame, quant je devant vous fui // Dame, als ich vor Euch trat
et je vous vi premierement, // und ich Euch sah zum ersten Mal,
mes cuers aloit si tressaillant // war mein Herz so erzitternd,
qu'il vous remest quant je m'en mui. // dass es Euch verblieb, als ich mich hinweg bewegte.
Lors fu menez sanz raençon // Da wurde es geführt ohne Lösegeld[möglichkeit]
en la douce chartre en prison // in den süßen Kerker in Gefangenschaft,
dont li piler sont de Talent// dessen Pfeiler sind aus „Lust/Begehren“,
et li huis sont de Biau Veoir // und die Türen sind aus „Schönem Anschauen“
et li anel de Bon Espoir. // und die Ringe [zum Anketten?] aus „Guter Hoffnung“.

De la chartre a la clef Amors // Von dem Kerker hat den Schlüssel „Liebe“,
et si i a mis trois portiers: // und so hat sie [Amors ist damals häufig Femininum!] dort aufgestellt drei Türhüter:
Biau Semblant a nom il premiers, // Schönes Aussehen“ hat Namen der erste,
et Biautez cele en fet seignors; // und „Schönheit“ macht jene [=Amors] davon [=vom Kerker] zum Oberherrn;
Dangier a mis a l'uis devant, // „Dangier“ [eine in der deutschen Literatur unbekannte allegorische Figur, die alles den Liebenden Feindliche verkörpert] hat sie an die Tür vorne gestellt,
un ort, felon, vilain, puant, // einen schrecklichen, niederträchtigen, grobschlächtigen, stinkenden [Kerl],
qui moult est maus et pautonniers. // der sehr böse und rüpelhaft ist.
Cil troi sont et viste et hardi: // Diese drei sind fix und furchtlos:
Mult ont tost un homme saisi. // sehr bald haben sie einen Mann gegriffen.

Qui porroit sousfrir les tristors // Wer könnte ertragen die Trübseligkeiten
et les assauz de ces huissiers?// und die Attacken dieser Türhüter?
Onques Rollanz ne Oliviers // Niemals haben Roland und Olivier
Ne vainquirent si grans estors; // besiegt so große Anstürme/Angriffe.
il vainquirent en conbatant, // [Und wenn, dann] siegten sie kämpfend,
mais ceus vaint on s'humiliant. // aber jene [Türhüter] besiegt man [nur], indem man sich demütigt.
Sousfrirs en est gonfanoniers. // „Leiden“ ist ihr Bannerträger.
En cest estor dont je vous di // In diesem Angriff, von dem ich euch sage,
n'a nul secors fors de Merci. // gibt es keine Hilfe außer von „Gnade/Erbarmen“.

Dame, je ne doute mais riens plus// Dame, ich fürchte niemals irgendetwas mehr
que tant que faille a vous amer. // als soviel, dass ich mich verfehle am Euch lieben.
Tant ai apris a endurer // So sehr habe ich gelernt auszuhalten,
Que je sui vostres tout par us .// dass ich Euer bin, ganz aus Gewohnheit.
Et se il vous en pesoit bien, // Und [auch] wenn es Euch ziemlich belastete/störte,
ne m'en puis je partir pour rien // ich kann davon mich um nichts fortbewegen,
que je n'aie le remenbrer // ohne dass ich die Erinnerung hätte
et que mes cuers ne soit adés // und ohne dass mein Herz nicht sofort wäre
en la prison et de moi pres. // in der Gefangenschaft und von mir weggenommen.

Dame, quant je ne sai guiler, // Dame, wenn ich doch nicht zu tricksen verstehe,
merciz seroit de seson mes // wäre Gnade/Erbarmen zur rechten Zeit [=jetzt] angebracht,
de soustenir si greveus fais. // um eine so große Bürde aushalten [zu können].

(Stand: Juli 10)

Marcabru (1. Hälfte 12. Jahrhundert, Schaffenszeit ca. 1130 bis ca. 1150)

Er zählt zu den ältesten südfranzösischen, d.h. okzitanisch dichtenden Troubadours. Er ist bedeutsam als Verfasser der ältesten überlieferten Pastourelle (Gedicht um die Begegnung eines Ritters in freier Natur mit einer Hirtin, die er zu verführen versucht) und vor allem als einer der Schöpfer des gewollt hermetischen Dichtungsstils des sog. „trobar clus“ (verschlossenes Dichten), das nach ihm in Mode kam.

Zwar ist sein Werk mit gut 40 Gedichten (davon vier mit Melodien) relativ gut überliefert, doch ist über sein Leben nichts Genaues bekannt. Die beiden altokzitanischen Kurzbiografien (vidas), die es über ihn gibt, scheinen ihre Daten aus bestimmten seiner Gedichte bezogen zu haben, d.h. sie sind nicht historisch fundiert und weichen überdies stark voneinander ab. So wäre er, nach der einen, kürzeren, Sohn einer armen Gascognerin namens Marcabruna („brauner [Leber-?]Fleck“) gewesen und habe schlecht von den Frauen und der Liebe geredet. Nach der anderen, ausführlicheren, wäre er als Findelkind einem reichen Mann namens Aldric del Vilar vor die Tür gelegt, unter dem Namen „Pan perdut“ (=verlorenes Brot) von ihm aufgezogen und von dem (historischen) Spielmann und Troubadour Cercamon im Dichten und Komponieren unterrichtet worden. Später habe er den Namen Marcabru angenommen, unter dem er bekannt wurde. Er sei schließlich von den Grafen der Gascogne, über die er viel Schlimmes gesagt habe, umgebracht worden.

Etwas fundierter als die genannten Vidas sind die Hypothesen, welche die moderne Philologie aus verstreuten Angaben und Andeutungen in seinen Texten sowie anderen Indizien aufgestellt hat. Hiernach würde Marcabru in der Tat wohl aus der Gascogne stammen und aus kleinen Verhältnissen kommen. In den 1130er Jahren scheint er zunächst in Beziehung zum Hof von Graf Wilhelm X. von Aquitanien gestanden zu haben (dem Sohn des ersten Troubadours), der überwiegend in Poitiers residierte. 1137 könnte er der Tochter Wilhelms, Eleonore, nach Paris gefolgt sein, als sie den französischen König Louis VII heiratete. Sichtlich blieb er dort aber nicht lange, sondern ging nach Nordspanien, wo er sich Alfonso VII. von León und Kastilien anschloss, dem Herrscher eines der dortigen kleinen Königreiche, die sich anschickten, die Reconquista zu aktivieren, d.h. die Rückeroberung der arabisch-islamisch beherrschten Landesteile. Für den Hof Alfonsos (wo man das Okzitanische offenbar ausreichend verstand) verfasste Marcabru in den 1140er Jahren auch politische Lyrik, worin er zum innerspanischen Kreuzzug aufrief, den er als eine „Waschküche“ (lavador) bezeichnet, in der die die Seelen ebenso rein gewaschen würden wie beim Kreuzzug ins Heilige Land.

Insgesamt war er offenbar nicht ungebildet und betätigte er sich in fast allen lyrischen Gattungen der Zeit. Obwohl er als Autor von den Zeitgenossen durchaus anerkannt wurde, scheint er als Person schwierig gewesen zu sein. Als Dichter gefiel er sich jedenfalls in der Rolle des Kritikers und Satirikers, der z.B. die „falsche“, nur den Lustgewinn anstrebende Liebe der adeligen Herren und auch Damen anprangerte oder die Heuchelei von Kirchenleuten denunzierte.

(Stand: Aug. 08)

Jaufré Rudel (um 1150)

Er ist heute einer der bekanntesten provenzalischen Troubadours. Er verdankt seinen Ruhm nicht zuletzt einer aus dem Mittelalter überkommenen sentimentalen Kurzbiografie (vida), die allerdings kaum den Fakten entspricht, sondern aus seinen Gedichten abgeleitet scheint. Sie erzählt, wie Jaufré aufgrund der Berichte von heimgekehrten Jerusalem-Pilgern und Kreuzfahrern eine unstillbare Sehnsucht nach der schönen Gräfin von Tripolis im Heiligen Land entwickelt, deshalb am nächsten Kreuzzug teilnimmt, aber während der Seefahrt erkrankt und kurz nach seiner Ankunft stirbt - immerhin in den Armen der sofort benachrichtigten und gerührt herbeigeeilten Gräfin, die anschließend Nonne wird.

Über die Person Jaufrés ist wenig bekannt, außer dass er „prince“ (Fürst) des kleinen Lehens Blaya (um das das heutige Städtchen Blaye im Département Gironde) war und wohl 1148 seinen Onkel und Lehnsherrn, den Herzog von Angoulême, auf dem zweiten Kreuzzug (1147-49) begleitete.

Insgesamt acht Gedichte von ihm sind erhalten, vier davon mit Noten. Das bekannteste, Lanquand li jorn son lonc en mai (Wenn die Tage lang sind im Mai), umkreist kunstvoll das Motiv der „Fernliebe“ (amor de lonh) und war wohl der Ausgangspunkt der o.g. Biografie.

Die Geschichte Jaufré Rudels wurde zur Zeit der Romantik auch außerhalb Frankreichs bekannt und in Deutschland von Heinrich Heine und Ludwig Uhland aufgegriffen. Alfred Döblin zitiert sie, fantasievoll leicht erweitert, in seinem letzten Roman Hamlet oder Die lange Nacht nimmt ein Ende (1956).

(Stand: Aug. 08)

Antiken-Romane / Romans antiques oder d’Antiquité

Die Gattung der sog. antikisierenden oder Antiken-Romane (frz. romans antiques ou d’Antiquité) entstand offenbar gegen 1120, hatte ihre Blütezeit aber von ca. 1150 bis ca. 1180. Sie spiegelt das im 12. Jh. wachsende Interesse für die Antike und wurde geschaffen von Autoren, die i.d.R. lateinkundige Kleriker waren. Wie der Name besagt, stammen die Stoffe und Figuren der Antiken-Romane aus literarischen und historiografischen Werken der römischen und der griechischen Antike, wobei diese jedoch ausschließlich über lateinische Texte vermittelt ist. Das angesprochene Publikum waren Fürsten, z.B. der englische König, sowie das adelige Personal und die Damenwelt ihrer Höfe. Im Sinne der Vorstellungswelt und der Erwartungen dieses Publikums dichteten die Autoren ihre antiken Vorlagen und Quellen ganz unbefangen um, ohne sich zu scheuen, deren Sinn zu verändern und ohne ein authentisch wirkendes historisches Kolorit anzustreben (wie die historischen Romane der Neuzeit dies tun). Die Antiken-Romane bilden, indem sie erstmals die Darstellung von Rittertaten und das Thema Liebe verbinden, eine Art Zwischenstufe zwischen der älteren Gattung Chanson de geste und der neuen Gattung Höfischer Roman, die wenig später von Chrétien de Troyes (s.u.) geschaffen und perfektioniert wurde. Formal bestehen sie überwiegend aus fortlaufenden, paarweise reimenden achtsilbigen Versen. Sie waren also zur Lektüre bzw. zum Vorlesen bestimmt und nicht mehr, wie die Chansons de geste, zum freien Vortrag per Sing-Sang.

Die bekanntesten Antiken-Romane sind:

Le Roman de Thèbes / Thebenroman (ca. 1152-54)

Er ist zwar nicht das älteste Werk der Gattung, hat sie aber offenbar stark geprägt.

Der namentlich nicht bekannte Autor stammte sichtlich aus einer der damaligen westfranz. Besitzungen des englischen Königs Henry II Plantagenet und gehörte wohl zum Umfeld von dessen Hof.

Seine literarische Vorlage war vor allem die Thebais des antiken lateinischen Autors Statius (1. Jh. n. Chr.), ein Epos, das die Sage vom tragischen Schicksal der Zwillingsbrüder Eteokles und Polineikes verarbeitet, die nach dem Tod ihres Vaters Ödipus einen Krieg um die Herrschaft im griechischen Theben führen und sich am Ende gegenseitig auf dem Schlachtfeld erschlagen. Der Theben-Roman umfasst gut 10.000 paarweise reimende Achtsilber und ist in fünf Handschriften und zwei Versionen erhalten, deren längere offenbar nachträgliche Einschübe enthält. Der Roman zeigt noch viele thematische und stilistische Übereinstimmungen mit den Chansons de geste, insbes. bei der ausführlichen Darstellung von Kämpfen und Schlachten; er nimmt aber auch schon Elemente des höfischen Romans vorweg, z.B. indem er einigen Frauengestalten wichtige Rollen zuweist. Anders als die nachfolgenden Werke der Gattung gibt er dem Thema Liebe, ohne es ganz auszuklammern, relativ geringen Raum.

Le Roman d'Énéas / Äneasroman (um oder eher kurz nach 1160)

Er umfasst gut 10.000 Verse. Der unbekannte Verfasser folgt überwiegend dem Rom-Gründungsepos Vergils, der Æneis (um 20 v. Chr.), benutzt aber auch zusätzliche lateinische Quellen, z.B. Werke Ovids. Auch er schildert gerne Kämpfe, räumt aber der Liebe einen hohen Stellenwert ein. Vermutlich war es seine einfühlsame Darstellung der den Helden Äneas liebenden Frauen Dido und Lavinia, die kurz nach 1170 den Minnesänger Heinrich von Veldeke anregte, den Roman in mittelhochdeutschen Versen nachzudichten.

Le Roman d'Alexandre / Alexanderroman (ca. 1120 –ca. 1180)

Alexander der Große (356-323 v. Chr.) galt in Antike und Mittelalter als Prototyp des stets nach neuen Eroberungen und Erfahrungen dürstenden Helden und hochherzigen Herrschers, aber auch als Verkörperung menschlicher Hybris. Seine Figur steht im Mittelpunkt drei sehr unterschiedlicher altfranz. Romane, deren ältester zugleich den Beginn der Gattung Antiken-Romane markiert und deren jüngster an ihrem Ende steht. Der Stoff ist mehreren lateinischen Vorlagen entnommen, die ihrerseits aus diversen griechischen Quellen schöpfen, welche von Anbeginn an neben Fakten auch viele sagen- und märchenartige Elemente enthielten. Die lateinischen Vorlagen waren vor allem die romanartige Alexander-Vita des Julius Valerius (ca. 320 n.Chr.) sowie die chronikartige Historia de proeliis Alexandri Magni des Leo von Neapel (10. Jh.).

Die älteste der drei franz. Versionen wurde in frankoprovenzalischem Dialekt wohl schon gegen 1120 verfasst. Sie ist nur als Fragment von 105 Achtsilblern in 15 einreimigen Strophen (Laissen) erhalten. Ihr Stil entspricht dem der zeitgenössischen Chansons de Geste. Laut dem Pfaffen Lamprecht, der sie um 1120/30 ins Mittelhochdeutsche übertrug, wurde sie von einem „Alberich von Bisenzun“ (= Albéric de Pisançon?) verfasst, der aber nicht näher bekannt ist.

Eine zweite, ebenfalls nur fragmentarisch überlieferte Fassung (785 Zehnsilbler in zehnzeiligen Laissen), wurde wohl kurz nach der Mitte des 12. Jh. von einem unbekannten Autor geschrieben.

Die Version, die am weitesten verbreitet und mit knapp 16.000 paarweise reimenden Zwölfsilblern auch am längsten ist, entstand offenbar um 1180. Sie stammt von Alexandre de Bernay bzw. de Paris und schildert, nunmehr eher im Stil eines höfischen Romans, das gesamte Leben Alexanders. Sie besteht aus vier sehr ungleich langen Teilen oder „Branchen“ (=Zweigen), wobei Alexandre angibt, er habe die unvollständigen Werke zweier anderer (nicht mehr näher bekannter) Autoren eingearbeitet, nämlich eines gewissen Eustache (als Branche II) und eines Lambert le Tort (als Branche III). Schon ab ca. 1190 begannen anonyme Redaktoren zusätzliche Episoden an den Roman anzuhängen oder in ihn einzufügen.

In der zweiten Hälfte des 13. Jh. wurde der Alexander-Roman in eine Prosafassung umgeschrieben, von der zahlreiche Handschriften aus dem 14. und 15. Jh. und sogar einige frühe Drucke erhalten sind. Sie alle zeugen von dem langandauernden Erfolg des Werkes.

Alexandres Version ist der erste längere Text der franz. Literatur, der als Versmaß den Zwölfsilbler benutzt, den deshalb in Frankreich so genannten „vers alexandrin“ (Alexandriner).

(Stand: Juli 10)

Le Roman de Troie / Trojaroman (ca. 1165).

Dieses in mehr als 50 Handschriften erhaltene Werk von gut 30.300 Versen war das erfolgreichste und bedeutsamste der Gattung. Es schildert in der Hauptsache die Eroberung Trojas durch ein Bündnis griechischer Könige, enthält als Vorspann aber auch eine Darstellung der Argonautensage um Jason und als Anhänge die Geschichten einiger griechischer Helden, z.B. des Odysseus.

Es wurde verfasst für den Hof des englischen Königs Henry II. und seiner Gattin Aliénor von Aquitanien, der ein beachtliches franz.sprachiges intellektuelles Zentrum war. Über die Person des Autors Benoît ist nichts Näheres bekannt, außer dass er offenbar aus Sainte-Maure in der Grafschaft Touraine stammte, d.h. aus einer der damaligen Besitzungen der englischen Könige auf franz. Boden.

Als stoffliche Vorlage des Werkes diente nicht das damals in Westeuropa nur vom Hörensagen bekannte Epos Homers, die Ilias, sondern zwei angeblich von Augenzeugen verfasste, tatsächlich aber aprokryphe spätantike lateinische Darstellungen des trojanischen Krieges, nämlich die Ephemeris belli Trojani eines gewissen Dyctis (4. Jh.), der die Dinge auf griechischer Seite erlebt haben will, und die De excidio Troiae historia eines gewissen Dares (6. Jh.), der in Troja dabeigewesen zu sein vorgibt und eingangs Homer für seine märchenhafte Darstellung tadelt (was Benoît übernimmt). Von „Dyctis“ und „Dares“, vor allem vom letzteren, entlehnt Benoît jedoch nur den groben Rahmen, den er fantasievoll und geschickt mit Liebesgeschichten, ritterlichen Kampfszenen, Beschreibungen und gelehrten Exkursen ausstaffiert.

Der Roman de Troie wurde nach 1200 offenbar für ein eher städtisch-bürgerliches Publikum in eine stark raffende, weitgehend auf die bloße Handlung reduzierte Prosaversion umgeschrieben, die ihrerseits um 1215 eingefügt wurde in ein jahrhundertelang gelesenes und abgeschriebenes und hierbei immer wieder überarbeitetes Kompendium der Alten Geschichte, die sog. Histoire ancienne jusqu'à César.

Verbreitung in ganz Europa fand der Troja-Stoff à la Benoît in einer mittellateinischen Prosaversion: der 1272 begonnenen und 1287 abgeschlossenen Historia destructionis Troiae des Sizilianers Guido delle Colonne, die wohl einer der größten Bucherfolge des gesamten europäischen Mittelalters war. Etwa gleichzeitig (um 1280) entstanden die mittelhochdeutschen Versionen Herborts von Fritzlar und Konrads von Würzburg.

Im Frankreich des 13. bis 16. Jh. war Troja übrigens auch aus ideologischen Gründen bedeutsam, denn die franz. Könige leiteten damals ihren Stammbaum (Genealogie) von einem legendären Francus her, der sich bei der Eroberung Trojas durch die Griechen zusammen mit dem späteren Rom-Gründer Äneas auf ein Schiff gerettet und seinerseits das erste Frankenreich (Francia) gegründet habe.

(Stand: Dez. 10)

Benoît de Sainte-Maure (2. Hälfte 12. Jh.)

Über die Person Benoîts ist nichts Näheres bekannt, außer dass er offenbar aus Sainte-Maure in der Grafschaft Touraine stammte, d.h. aus einer der damaligen Besitzungen der englischen Könige auf franz. Boden, und dass er für und wohl weitgehend auch an deren Hof arbeitete.

Sein Hauptwerk ist der um 1165 verfasste Roman de Troie (Trojaroman) (s.o.).

Nach der guten Aufnahme des Trojaromans wurde Benoît 1174 von König Henry II. beauftragt, eine (ebenfalls gereimte) Geschichte der Normannenherzöge und dann Könige von England zu schreiben. Aus unbekanntem Grund (Tod des Autors?) bricht das Werk jedoch bei Vers 44.544 und König Henry I. ab.

(Stand: Nov. 07)

Le Jeu d'Adam / Adamsspiel (ca. 1150, evtl. aber auch erst um 1200).

Dieses Werk eines unbekannten Autors ist der älteste bekannte dramatische Text in franz. Sprache. Er kommt aus der Tradition des lateinischsprachigen kirchlichen Theaters der Zeit (der einzigen dramatischen Gattung, die es damals gab) und ist entstanden vielleicht auf englischem Boden, überliefert jedenfalls in einer anglonormannisch gefärbten Version.

Das nur in einem einzigen Manuskript und nicht ganz vollständig erhaltene Stück besteht überwiegend aus paarweise reimenden Achtsilblern, enthält aber auch Strophen aus vierzeilig reimenden Zehnsilblern. Es zeigt, nicht ohne psychologisches Geschick, die Versuchung Adams und vor allem Evas durch den Teufel, die Erschlagung Abels durch Kain, das Erscheinen der Propheten des Alten Testaments mit ihren Weissagungen zum Kommen Christi sowie eine Ankündigung des jüngsten Gerichts.

Die Regieanweisungen sind lateinisch verfasst, die Aufführenden oder zumindest die Aufführungsleiter waren also offensichtlich Kleriker; als Aufführungsort dienten zweifellos improvisierte Bühnen vor oder in Kirchen.

(Stand: Juli 06)

Marie de France (zweite Hälfte 12. Jh.).

Sie ist die erste bekannte Autorin der franz.sprachigen Literatur, doch hat man keine Informationen über ihre Person außer der eigenen Angabe „Marie ai nun, si suis de France“ (Ich heiße Marie und bin aus Franzien), wonach sie aus der Île de France, d.h. dem Pariser Raum gebürtig sein müsste. Ihrer profunden Bildung nach zu urteilen kam sie sicher (als legitimiertes außereheliches Kind eines Hochadeligen und einer kleinadeligen Dame?) aus höchsten Kreisen. Ihr Zielpublikum jedenfalls war der überwiegend franz.sprachige englische Hof von Henry II., in dessen Umfeld sie offenbar lebte und für den sie entsprechend im anglonormannischen Dialekt schrieb.

Maries bekanntestes und originellstes Werk sind die Lais, zwölf jeweils zwischen ca. 100 und ca. 1000 Verse umfassende Versnovellen („lais“). Sind sind offenbar um 1170 über einen längeren Zeitraum hinweg entstanden und verarbeiten viele Märchenmotive und Sagenstoffe, wobei letztere meist „britannischer“, d.h. keltischer Herkunft, sind. Darunter ist  auch der Tristan-Isolde-Stoff, der hier zum ersten Mal greifbar wird, wenn auch nur in einer einzigen seiner zahlreichen Episoden.

Die Themen der schlicht, aber feinsinnig erzählten und auch heute noch ansprechenden Novellen sind sehr unterschiedlich, vor allem aber geht es um die Schwierigkeiten Liebender, zueinander zu kommen und/oder beieinander zu bleiben.

Ein weiteres, größeres Werk von Marie ist eine Sammlung von 102 Fabeln, der Esope oder Ysopet (1170-80). Ihre Vorlage, so gibt sie am Ende an, sei altenglisch und stamme von „König Alfred“, der seinerseits einer lateinischen Übertragung der altgriechischen Fabelsammlung Aesops (6. Jh. v. Chr.?) gefolgt sei (aber sichtlich auch noch andere Quellen benutzt hat).

Offenbar ebenfalls von Marie stammt das anonyme, ihr lange Zeit zugeschriebene, dann zwischenzeitlich aber aberkannte Werk Le Purgatoire de Saint Patrice. Es entstand wohl um 1190 auf der Grundlage eines lateinischen Prosatextes, den es in franz. Verse umsetzt.

(Stand: Dez. 09)

Chrétien de Troyes (zweite Hälfte 12. Jh.).

Er gilt als der eigentliche Begründer und zugleich bedeutendste Autor des Höfischen Romans (roman courtois), einer nach ihm noch jahrhundertelang florierenden Erzählgattung. Von Chrétien überliefert sind vor allem fünf Romane, deren Stoffe überwiegend aus der sog. „matière de Bretagne“ stammen, d.h. aus dem keltisch-britannischen Sagenkreis um König Artus. Diese Stoffe reichert Chrétien an mit erfundenen Episoden und verlegt die Handlungen in eine Welt, wie sie den Vorstellungen und Erwartungen entsprach, die an den Höfen seiner Zeit bestanden. Auch die Ideale des in der Troubadourlyrik entwickelten Minnedienstes fließen in seine Epen ein, zumal in deren zahlreiche Dialoge und innere Monologe. Sein Verfahren, aus diesen verschiedenen Elementen eine kunstvoll strukturierte und bedeutungsvolle Handlung zu schaffen, nennt Chrétien mit schriftstellerischem Selbstbewusstsein eine „molt bele conjointure“ (sehr schöne Verbindung).

Konkrete Lebensdaten von Chrétien sind nicht bekannt, außer dass er in seinem Roman Érec et Énide Troyes als seine Heimatstadt angibt (er schrieb auch im Dialekt der Champagne) und dass er eine gute Bildung nach Art eines Klerikers genossen haben muss. Seine Schaffenszeit erstreckte sich offensichtlich von ca. 1160 bis in die 1180er Jahre. Einer seiner Romane, Lancelot, wurde nach eigener Auskunft im Auftrag der Gräfin Marie de Champagne verfasst, also nach 1164, wo sie diesen Titel durch ihre Heirat erhielt;, sein letztes und unvollendetes Werk dagegen, der Conte du Graal, ist Graf Philippe de Flandre gewidmet, der diesen Titel 1169 übernahm und 1180 Regent von Frankreich wurde, was die offenbar vor diesem Datum verfasste Widmung nicht erwähnt. Chrétien muss also jeweils nach 1164 und vor bzw. um 1180 länger oder zeitweilig in Beziehung zu den genannten Fürsten gestanden haben.

Sein Publikum waren entsprechend diese und ggf. andere fürstliche Mäzene samt ihren Gattinnen und deren Hofdamen und Edelfräulein, sowie der an ihren Höfen lebende oder verkehrende kleinere und mittlere Militär- und Verwaltungsadel. Sein Schaffen dokumentiert den Höhepunkt der Macht dieser größeren und kleineren Territorialfürsten (Herzöge, Grafen u.ä.), deren Höfe im 11./12. Jh. als Macht- und Kulturzentren mit dem Hof der franz. Könige rivalisierten.

Nicht alle Werke Chrétiens sind erhalten. Eine Liste der vor etwa 1170 entstandenen gibt er selbst zu Beginn seines Romans Cligès. Hiernach hätte er zuerst Érec et Énide verfasst, dann je eine Übertragung der Ars amatoria und der Remedia amoris von Ovid, danach eine Geschichte von „König Marke und der blonden Isolde“ sowie drei wohl kürzere Bearbeitungen von Verwandlungssagen aus Ovids Metamorphosen. Bis auf den Érec und die Verwandlungssage um Philomena (die Nachtigall) sind diese Werke jedoch verloren.

Erhalten sind (neben einigen wenigen Gedichten zum Thema höfische Liebe) vor allem die folgenden in paarweise reimenden Achtsilblern verfassten Romane:

Érec et Énide (entstanden nach 1160): Es ist die Geschichte des Königsohns Érec, der nachdem er sich früh am Artushof ausgezeichnet hat, heiratet und über der Liebe zu seiner jungen Frau Énide die Pflicht des Ritters Taten zu vollbringen vernachlässigt. Von Enide darauf hingewiesen, erkennt er seinen Fehler, zweifelt aber auch an ihrer Liebe und zieht deshalb gemeinsam mit ihr zu Abenteuern aus. Hierbei besteht er zahlreiche Kämpfe, erfährt aber auch ihre Treue, wonach er ruhmbedeckt an den Hof von König Artus zurückkehrt und später seinem Vater Lac als König nachfolgt.

Cligès (entstanden wohl zwischen 1165 und 1170). Die 6784 Verse bilden zwei Teile, eine Vorgeschichte und die eigentliche Geschichte. Erstere erzählt vom byzantinischen Kaisersohn Alexandre, der zum Artushof reist, sich dort in die Hofdame Soredamors verliebt, sie heiratet und nach längerer Zeit mit ihr und seinem Söhnchen Cligès nach Byzanz zurückkehrt, wo inzwischen sein jüngerer Bruder Alis den Thron okkupiert hat, den er auch behält, weil Alexandre stirbt. Statt, wie versprochen, unverheiratet zu bleiben und seinem Neffen Cligès die Thronfolge zu überlassen, beschließt Alis, die Tochter Fenice des deutschen Kaisers zu ehelichen. Bald nach der Ankunft der byzantinischen Delegation in Köln verlieben sich Cligès und Fenice und versprechen sich einander. Eine zauberkundige Amme sorgt dafür, dass Fenice, die gleichwohl Alis heiraten muss, von diesem immer nur in seinen Träumen berührt wird. Cligès, der das Warten nicht erträgt, geht auf Abenteuerfahrt zu König Artus. Nachdem er zurückgekehrt ist, bewerkstelligt er es, Fenice als scheinbar Verstorbene zu entführen und im Verborgenen eine Weile zu lieben. Er wird jedoch entdeckt und flüchtet mit ihr, bis er sie nach dem Tod des Onkels schließlich (anders als Tristan die Isolde) heiraten und mit ihr den Thron besteigen kann. Der Anfang des Cligès enthält die berühmte These von der „translatio studii“, wonach die Gelehrsamkeit von den Griechen auf die Römer und von diesen auf die Franzosen übergegangen sei.

Le Chevalier de la charrette (Der Karrenritter, entstanden wohl um 1170): Erzählt wird die bunte Geschichte der Abenteuer, die der junge Ritter Lancelot besteht, um die entführte Königin Guenièvre, die Gattin von König Artus, zu finden und ihr seine entsagungs- und hingebungsvolle Liebe zu beweisen (die immerhin auch einmal kurz belohnt wird). Die letzten rd. 1000 Verse des Lancelot wurden von einem gewissen Godefroi de Lagny verfasst, offenbar mit Wissen und nach Plänen Chrétiens, der in diesem Auftragswerk für Marie de Champagne von Anbeginn an etwas lustlos wirkt.

Le Chevalier au lion (Der Löwenritter, entstanden wohl gegen 1170): Es ist die Geschichte des Artusritters Yvain, der die junge Witwe eines von ihm im ritterlichen Zweikampf getöteten Burgherrn heiratet, sich bald aber von ihr beurlauben lässt und auf Abenteuer und Turniere auszieht, den gesetzten Jahrestermin seiner Rückkehr vergisst, von seiner Frau verstoßen wird und diese Schmach in vielen Prüfungen gutmacht, wo er Bedrängten, u.a. einem von einem Drachen bedrohten Löwen, zu Hilfe eilt und sich so zum idealen Ritter läutert.

Le Conte du Graal (begonnen wohl gegen 1180 für Philipp von Flandern): der Versuch, in der Geschichte des jungen Ritters Perceval die Gattung des Höfischen Romans mit christlichen Elementen zu durchdringen. Das Werk, das Chrétien sichtlich als eine Summe seines Denkens und Schaffens geplant hatte, blieb zunächst, offenbar durch seinen Tod, nach rd. 9000 Versen unvollendet stehen. Es wurde dann von mehreren unbekannten Fortsetzern weitergeführt und auf rd. 32.000 Verse verlängert.

Auch in Deutschland fand Chrétien großen Anklang: Die Romane um Érec und um Yvain wurden gegen oder um 1200 nachgedichtet von Hartmann von Aue, der Roman um Perceval bald nach 1200 von Wolfram von Eschenbach – eines der Zeichen dafür, wie vorbildhaft die franz. Literatur insgesamt in Frankreichs Nachbarländern zu dieser Zeit war.

Fast alle Romane Chrétiens wurden im 13. Jh. für ein überwiegend städtisches Publikum in Prosa umgeschrieben. Vor allem der Prosa-Lancelot fand weite Verbreitung und wurde bis ins 15. Jh. hinein gelesen.

Ein lange Zeit Chrétien zugeschriebener Abenteuer-Roman um einen (nicht historischen) englischen König, der sog. Guillaume d'Angleterre, stammt nach neuerer Forschungsmeinung wohl von einem anderen, sonst unbekannten Verfasser mit dem gleichen Namen Chrestien.

(Stand: Dez. 10)

Les romans de Tristan et Yseut / Tristan-Romane (ca.1170–1180)

Wohl in den 1170er Jahren entstanden die beiden ältesten der uns bekannten romanartigen Versionen des Tristan-Isolde-Stoffes. (Ein vielleicht um 1160 von Chrétien de Troyes (s.o.) verfasster Tristan-Roman ist nicht erhalten.) Die beiden Versionen gehen offensichtlich auf etwas unterschiedliche ältere Texte zurück und sind nur als Fragmente überliefert.

Die erste ist ein ca. 1172-75 für den englischen Hof verfasster Versroman des sonst unbekannten Autors Thomas d'Angleterre, von dem in fünf verschiedenen Handschriften insgesamt acht Teilstücke mit zusammen gut 3000 Versen aus dem letzten Drittel der Handlung erhalten sind (Tristans Heirat mit der nur als Ersatz betrachteten namensgleichen Isolde Weißhand, einige weitere Abenteuer T.s und sein tragisches Ende).

Die andere Version ist ein wohl gegen 1180 entstandener Versroman des ebenfalls als Person nicht näher bekannten Spielmanns Béroul, von dem in einer einzigen Handschrift knapp 4500 Verse des Mittelstücks erhalten sind (Tristans und Isoldes heimliche Liebe am Hof von König Marke, der T.s Onkel und I.s Ehemann ist; die Entdeckung ihres Verhältnisses, T.s Flucht, I.s Verurteilung und ihre Rettung durch T., das gemeinsame Leben der beiden in einer Laubhütte im Wald, ihre schließliche Rückkehr an den Hof, I.s Wiederaufnahme durch Marke und T.s Aufbruch ins Exil).

Die Gesamthandlung des Thomas’schen Romans kennen wir dank einer stark raffend erzählenden altnordischen Prosaübertragung von ca. 1225 und dadurch, dass Gottfried von Straßburg ca. 1200–1210 seinen (unvollendet gebliebenen) mittelhochdeutschen Tristan auf der Basis von Thomas’ Text verfasste. Dem Roman Bérouls wiederum entspricht weitgehend, ohne wohl eine direkte Übertragung oder Bearbeitung zu sein, der in toto erhaltene mittelhochdeutsche Tristan des Eilhart von Oberg von ca. 1180.

In Frankreich kompilierte um 1230-35 ein unbekannter Autor (oder mehrere Autoren?) den sog. Tristan en prose, einen sehr umfänglichen, in zahlreichen Handschriften und leicht divergierenden Versionen überlieferten, bis ins 16. Jh. hinein gelesenen Prosaroman, der den Tristan-Stoff mit anderen Stoffen verbindet, vor allem dem König Artus-Stoff, und somit Tristan zum dicht- und sangeskundigen Ritter der Tafelrunde macht.

Der Tristan-Isolde-Stoff ist übrigens nicht, wie man als Deutscher und Wagner-Adept glauben könnte, germanischer Herkunft, sondern keltischer, denn er stammt aus der schottisch-walisisch-bretonischen Sagenwelt, der sog. matière de Bretagne, aus der in der zweiten Hälfte des 12. Jh. viele Stoffe und Motive in die franz. Literatur eingeflossen sind, z.B. in die höfischen Romane von Chrétien de Troyes (s. o.).

(Stand: Juli 10)

Le Roman de Renard / Fuchsroman (ab 1174).

Die erste Version dieses sehr lange Zeit hindurch populären Werkes verfasste ein sonst nicht näher bekannter Pierre de Saint-Cloud auf der Basis mittellateinischer Vorlagen; sie wurde anschließend über mehr als hundert Jahre hinweg von ca. zwanzig verschiedenen, überwiegend anonymen Autoren erweitert, variiert und umgearbeitet.

Protagonist dieses in paarweise reimenden Achtsilblern erzählenden Tierepos bzw. Tierschwanks ist der schlaue Fuchs, der stets nur seinen Vorteil sucht und diesen mal mehr, mal weniger abenteuerlich und erfolgreich auf Kosten anderer Tiere oder auch von Menschen findet.

Der Roman de Renard scheint ursprünglich in vielem ein humoristisch-realistisches und teils parodistisches Kontrastprogramm zum sehr idealistischen Höfischen Roman à la Chrétien de Troyes gewesen zu sein. Die angesprochene Leser-/Hörerschaft war also zunächst dieselbe wie die des Höfischen Romans. Allerdings fand der Renard rasch Anklang auch beim städtisch-bürgerlichen Publikum, das sich gegen 1200 herauszubilden begann.

Die Figur des verschlagenen Renard wurde durch den Roman so populär, dass sein Name (der dem deutschen ‚Reinhard’ entspricht) zur Vokabel wurde, die das ursprüngliche franz. Wort für „Fuchs“, goupil, verdrängt hat.

Eine erste deutsche Nachdichtung wurde schon gegen Ende des 12. Jh. von Heinrich dem Glichesaere verfasst, wodurch die Figur auch im deutschsprachigen Raum heimisch wurde.

(Stand: Febr. 05)

Die Gattung „Fabliau“ und ein Beispiel: Auberée (ca. 1200).

Im Zentrum der Handlung steht die pfiffige Kupplerin Auberée, die einer jungen Frau und ihrem Galan beim Betrügen (cocuage) des schon ältlichen Ehemanns hilft.

Diese lustige Verserzählung eines anonymen Autors ist eines der ältesten und gelungensten Beispiele für eine im gesamten 13. Jh. sehr erfolgreiche Gattung: das alle erdenklichen komischen Sujets bearbeitende Fabliau oder Fablel (Schwank).

Die Fabliaux, deren Texte meist einen Umfang von 400–500 paarweise reimenden Achtsilblern haben, waren vielleicht die erste literarische Gattung, die sich im bürgerlichen Milieu der franz. Städte entwickelte. Diese hatten sich in Spätantike und frühem Mittelalter stark verkleinert, wuchsen aber seit dem 11. Jh. langsam wieder und etablierten sich im 12./13. Jh. als Zentren wirtschaftlicher und politischer Macht sowie auch als Kulturzentren, in denen nicht nur die Architektur und die bildende Kunst (Kirchen- und Rathausbau samt Ausschmückung) florierten, sondern wo auch die Literatur ein wachsendes und zunehmend gebildetes Publikum fand.

Ähnlich wie der franz. Höfische Roman wurde das Fabliau ein Exportschlager und fand Nachahmung in der englischen, niederländischen, deutschen und italienischen Literatur (hier z.B. bei Boccaccio).

(Stand: Dez. 10)

Jean Bodel (1165-1209).

Dieser Bürger der reichen Tuchweber- und Tuchhändler-Stadt Arras ist in die Literaturgeschichte eingegangen als Verfasser des ältesten mit Autornamen (d.h. nicht anonym) überlieferten dramatischen Textes der franz. Literatur: des erstmals am 5. Dez. 1201 aufgeführten Mirakelspiels Le Jeu de Saint Nicolas (= das Spiel vom Hl. Nikolaus). Das Stück ist in seiner Mischung von ernsten und lustigen Elementen nicht untypisch für die Gattung und wurde bis weit ins 14. Jh. häufig aufgeführt.

Die Handlung beginnt mit ausführlich dargestellten Kämpfen zwischen Heiden und Christen, wobei nur ein einziger Christ überlebt, der aber den Emir der Heiden über die Macht des heiligen Nikolaus bzw. einer Statuette von ihm aufklärt, zu der er sich gerettet hat. Der Emir will nun, um ihre Kraft auf die Probe zu stellen, seinen Schatz von ihr bewachen lassen, der jedoch von drei Dieben samt der Statuette gestohlen wird. Es folgen fabliauxhafte Szenen in einem Wirtshaus, wo die Diebe ihre Beute zu Geld zu machen versuchen. Als ihnen jedoch der Heilige selber erscheint (er ist bekanntlich zuständig für das Wiederfinden verlorener Objekte), bringen sie reumütig alles zurück, worauf sich die Heiden beeindruckt bekehren.

Jean Bodel schrieb auch Fabliaux und war einer der anerkanntesten nordfranz. Trouvères in allen lyrischen Gattungen der Zeit. Er verfasste eine der letzten Chansons de geste (=Heldentatenlieder bzw. -epen), die Chanson des Saisnes. Diese schildert Kriege Karls des Großen, insbes. gegen die noch heidnischen Sachsen (Saisnes), die u.a. in der sich wacker verteidigenden Stadt „Tremoigne“ (Dortmund?) belagert werden. Im Grunde jedoch geht es in den Saisnes um die gerade aktuellen Kreuzzüge, zumal den Vierten (begonnen 1202), an dem Bodel nicht teilnehmen konnte, weil er sich mit Lepra angesteckt hatte.

Er starb in der „léproserie“, vor den Toren seiner Heimatstadt, nicht ohne sich mit einem längeren Gedicht an Freunde und Bekannte verabschiedet zu haben.

Der pikardische Dialekt, den er verwendete, war um 1200 dank dem Mäzenatentum wohlhabender Patrizier in den florierenden pikardischen Tuchmetropolen der wichtigste franz. Literaturdialekt neben dem anglonormannischen.

(Stand: Dez. 10)

Geoffroi de Villehardouin (ca. 1150–1213).

Er ist Autor des ältesten erhaltenen historiografischen (=geschichtsschreibenden) Werks in franz. Prosa, der Histoire de la conquête de Constantinople (1207–1213), womit er in eine Domäne einbrach, die bis dahin dem Lateinischen vorbehalten war.

Der aus einem Adelsgeschlecht der Champagne stammende Villehardouin wurde um 1190 „sénéchal de Champagne“ und nahm vielleicht mit seinem Herzog Henri II am 3. Kreuzzug (1189–92) teil. Als dessen Misserfolg durch einen nächsten Kreuzzug wettgemacht werden sollte, war er ab 1199 einer der Hauptorganisatoren und verhandelte z.B. 1201 mit der Republik Venedig, die die Schiffe für die Überfahrt nach Palestina zur Verfügung stellen sollte.

In seiner Chronik schildert Villehardouin den dann wiederum enttäuschenden Verlauf des Unternehmens: Nämlich wie das Kreuzfahrerheer kleiner blieb als erwartet und wie es, nach seinem Aufbruch 1202, von den Venezianern erst zur Eroberung der dalmatinischen Hafenstadt Zara und danach zur Einmischung in innere Querelen des oströmischen Kaiserreichs Byzanz missbraucht wurde, wo es dem legitimen, aber von einem Usurpator verdrängten Thronfolger Alexis IV. zur Herrschaft verhelfen sollte; weiterhin wie das Heer 1203, statt das wieder heidnisch gewordene Jerusalem zu erobern, das christliche Konstantinopel (das heutige Istanbul) einnahm und es 1204 grausam plünderte, als der neugekrönte Alexis sein Versprechen brach, die Fortführung des Kreuzzugs finanziell und militärisch zu unterstützen; weiter wie Alexis ermordet und danach der Kreuzfahrer Graf Baudouin von Flandern zum Kaiser ausgerufen wurde; wie aber dieser und seine überwiegend aus Franzosen rekrutierte Funktionselite, darunter Villehardouin, das okkupierte Reich nicht in den Griff bekamen und 1207, nach der verlorenen Schlacht von Adrianopel, bei der Balduin in Gefangenschaft geriet, in inneren und äußeren Schwierigkeiten endeten.

Villehardouin selbst, der für seine Verdienste zum „maréchal de Romanie“ befördert worden war und bei Adrianopel den geordneten Rückzug geleitet hatte, blieb in Griechenland, wo sich kurzlebige Kreuzfahrerstaaten etablierten. Er wurde 1207 von dem ursprünglichen Führer des Kreuzzugs, Boniface de Montferrat, der sich zum König von Thessaloniki (Thrakien) ausgerufen hatte, mit der Stadt Mosynopolis als  Lehen ausgestattet. Hier begann er mit der Niederschrift seiner Chronik. Er starb, offenbar bald nach deren Abschluss, wohl im Jahr 1213, wo sein in Frankreich gebliebener Sohn sich erstmals als Herr von Villehardouin bezeugt ist.

Die Chronik gefällt durch ihren nüchternen und realistischen Stil, verfolgt natürlich aber das Ziel, den neuerlichen Misserfolg des Kreuzzugs zu erklären und zu relativieren sowie dessen Anführer und den Autor selbst zu rechtfertigen.

(Stand: Jan. 07)

Le Lancelot en prose (1215–35).

Es ist vermutlich der erste Prosaroman der franz. Literatur und bearbeitet den von Chrétien de Troyes (s.o.) überkommenen Artus-Lancelot-Graal-Stoff. Das sehr umfangreiche Werk wurde vielleicht unter der Leitung eines nicht bekannten Chefredaktors von mehreren ebenfalls anonymen Autoren verfasst und ist in über 60 Handschriften und in mehreren unterschiedlichen Versionen überliefert. Es war also sehr erfolgreich und wurde entsprechend häufig abgeschrieben (was inzwischen übrigens nicht mehr nur in klösterlichen Skriptorien geschah, sondern zunehmend in gewerblichen städtischen Schreibwerkstätten).

Der Lancelot ist der Prototyp des um die Themen Abenteuer, Kampf und Liebe kreisenden Ritterromans, einer seit Chrétien in fast ganz Europa jahrhundertelang florierenden Gattung, zu der u.a. auch die nach 1500 zunächst in Portugal und Spanien florierenden Amadis-Romane gehören.

Mit seiner Verklärung des Rittertums entsprach der Lancelot (wie auch andere franz. Ritterromane nach ihm) offenbar nicht zuletzt einem Evasionsbedürfnis des franz. Adels, dessen Macht ab ca. 1200 durch den energischen König Philippe Auguste († 1223) und seine Nachfolger stark eingeschränkt wurde. Das Buch kam aber sichtlich auch dem Unterhaltungsbedürfnis von Bürgern in den wachsenden und wirtschaftlich aufstrebenden Städten entgegen.

(Stand: Jan. 09)

Aucassin et Nicolette (ca. 1225).

Diese „chantefable“, wie der unbekannte, pikardisch schreibende Autor sein Werk nennt, ist das erste Prosimetron (Mischung aus Prosa- und Versen) der franz. Literatur. Das nicht sehr lange Werk zeugt nicht nur von der Kunst, sondern auch von der Belesenheit seines Autors, denn es enthält zahlreiche, teils parodistische Anlehnungen an die Literatur der Zeit, z.B. an die Chanson de Geste, die höfische Lyrik, den höfischen Roman, den Tristan-Roman, den neuen Prosa-Ritterroman usw. So hübsch und interessant diese „chantefable“ späteren Literaturhistorikern  erscheint, damals hat sie keine Schule gemacht und auch selbst ist sie nur in einer einzigen Handschrift erhalten geblieben. Ob der dargestellte Triumph der Liebenden über den Willen der Väter zu subversiv und die Figur der relativ emanzipierten Nicolette zu kühn war?

Erzählt wird in 21 Vers- und 20 Prosapassagen mit Sympathie und feinem Humor die folgende Geschichte:

Aucassin, der Sohn des Grafen von Beaucaire, liebt die schöne Nicolette, eine Sarrazenin, die ein gräflicher Beamter einst als Kind auf dem Sklavenmarkt erworben, aber getauft und bei sich aufgezogen hat. Als Feinde die Grafschaft angreifen, erklärt Aucassin seinem Vater, dass er nur dann in den Kampf zieht, wenn er Nicolette heiraten darf, doch der Graf lehnt diese Mesalliance ab. Auch der Beamte versucht Aucassin die Heirat auszureden und sperrt, als das nichts nützt, Nicolette ein. Sie kann aber fliehen und tröstet durch eine Mauerspalte Aucassin, der inzwischen seinerseits im Kerker sitzt, weil er im Kampf zwar Heldentaten vollbracht, danach jedoch neuen Streit mit dem unbeugsamen Vater gehabt hat. Sie baut sich nun eine Hütte im Wald und sendet ihm, als er endlich frei ist, Lebenszeichen von dort.

Nachdem er sie gefunden hat, gehen sie gemeinsam in ein fremdes Land, werden dort aber bei einem Überfall nordafrikanischer Piraten gefangen und getrennt verschleppt. Während Aucassin dank einem Schiffbruch just bei Beaucaire wieder freikommt, den Tod seines Vaters erfährt und neuer Graf wird, gerät Nicolette nach Karthago. Hier stellt sich heraus, dass sie die geraubte Tochter des dortigen Königs ist, der sie sogleich mit einem muslimischen Fürsten verheiraten will. Sie flieht jedoch und schlägt sich durch bis Beaucaire, wo sie als Spielmann verkleidet Aucassin ihrer beider Geschichte vorträgt. Als er ergriffen den vermeintlichen Spielmann bittet, ihm die Geliebte zu suchen, steht dem Happy End nichts mehr im Weg.

(Stand: Dez. 10)

Guillaume de Lorris (* um 1205, vermutlich in Lorris-en-Gâtinais, † nach 1240).

Der als Person gänzlich unbekannte Guillaume gilt als Autor eines 4068 Verse zählenden Romanfragments, das er gegen 1240 wohl in Paris für ein überwiegend höfisches Publikum begann und das gegen 1280 von Jean de Meung fortgesetzt und einem Ende zugeführt wurde: des sog. Roman de la Rose / Rosenroman.

Guillaumes besondere Leistung bestand darin, drei Elemente gekonnt miteinander verbunden zu haben, die sämtlich in der Literatur der Zeit zwar vorhanden, aber wenig geläufig waren: die Form der Ich-Erzählung, die Darstellung einer ganzen Romanhandlung in Gestalt eines Traumberichts und die Verwendung allegorischer Figuren als handelnder Personen. Von der Meisterschaft Guillaumes zeugt auch seine so einfühlsame wie anschauliche Darstellung der Psychologie des Verliebtseins.

Offenbar war Guillaume auch der Erfinder der allegorischen Figur des Danger (aus mittellat. domniarium „Herrschaft, Herrschaftsanspruch“). Dieser Unhold, der alles verkörpert, was den Liebenden, vor allem dem liebenden Mann, die Erfüllung ihrer Wünsche erschwert, war anschließend über 200 Jahre hinweg eine außerordentlich verbreitete Figur in der franz. Literatur, vor allem der Lyrik. Wahrscheinlich hat sie die Bedeutungsverschiebung von „Herrschaft“ zu „Gefahr“ verursacht, die das Wort danger im späten Mittelalter im Französischen erlebte. In der deutschen Literatur scheint die Figur des Danger keine Entsprechung zu haben.

(Stand: Jan. 09)

Le Roman de la rose / Rosenroman (ca. 1230–1280).

Dieser lange allegorische Roman in paarweise reimenden Achtsilblern ist das erste große in Paris entstandene Werk der franz. Literatur und war wohl der meistgelesene und einflussreichste franz.sprachige Text des Mittelalters. Er wurde zwischen 1230 und 1240 begonnen von dem als Person nicht näher bekannten Guillaume de Lorris (* ca. 1205, † ca. 1240, s.o.) und blieb zunächst Fragment, das bei Vers 4028 abbrach. Von Guillaume offenbar stammte die bahnbrechende Idee, drei in den Romanen seiner Zeit zwar vorhandene, aber kaum geläufige Elemente miteinander zu verbinden: die Form der Ich-Erzählung, die Darstellung einer ganzen Romanhandlung als Traumbericht und die Verwendung allegorischer Figuren als handelnder Personen. Das Werk wurde fortgesetzt und gegen 1280 mit Vers 21.750 zu einem Abschluss gebracht von Jean de Meung (s.u.).

Der Roman beginnt mit einer kleinen Vorrede, worin der Autor dem Leser/Hörer ankündigt, er wolle seiner Dame zu Gefallen einen quasi Wahrheit gewordenen Traum berichten, den er vor fünf Jahren als Zwanzigjähriger gehabt habe. Der Bericht enthalte „die ganze Kunst der Liebe“ und heiße „der Roman von der Rose“. Denn mit dieser Blume sei seine Dame zu vergleichen.

Der dann folgende Traumbericht ist einem Ich-Erzähler (einem der ersten der franz. Literatur) in den Mund gelegt, der zugleich Protagonist der Handlung und, wie sich bald zeigt, fast die einzige als realer Mensch vorzustellende Figur hierin ist. Alles beginnt damit, dass der Erzähler vor einen mauerumschlossenen paradiesischen Garten gelangt, dessen Besitzer Déduit (Spaß, Vergnügen) dort mit einer fröhlichen Gesellschaft, darunter Amor, tanzt und singt. Er wird von Oiseuse (die Müßige) eingelassen und darf etwas mitfeiern, erkundet dann jedoch den Garten, heimlich verfolgt von Amor. Im Spiegel eines Brunnens, dem von Narziss, erblickt er das Bild einer Rosenknospe, die er fasziniert sofort sucht und an einem großen Busch auch findet. Bei dem Versuch, sich ihr zu nähern, wird er von den Pfeilen Amors getroffen. Sie verwandeln seine Faszination in Liebe und machen ihn zu Amors Vasallen. Nachdem er ihm Treue und Gehorsam gelobt hat, wird er ausführlich belehrt über die Pflichten eines Liebenden (u.a. dass er allen, zumal Frauen, gegenüber zuvorkommend ist, sich sauber hält und adrett kleidet) sowie sehr anschaulich aufgeklärt über die Seelenqualen, die ihn erwarten. Bei seinen weiteren Annäherungsversuchen an die Rose bekommt er es mit vielerlei allegorischen Figuren zu tun, insbes. Bel-Accueil (Freundlicher Empfang), der sich ihm zu helfen erbietet, Raison (Vernunft), die ihn warnt, und den Bösewichten Malebouche (Verleumdung), Peur (Furcht), Honte (Scham) und vor allem Dangier ([unrechtmäßiger] Herrschaftsanspruch), einem anschließend in der franz. Literatur allgegenwärtigen Unhold, der das Zusammenkommen Liebender nach Kräften behindert. Schließlich schafft der Liebende es zwar mit der Hilfe von Venus, Danger zu überlisten und einen Kuss der Rose zu erhaschen, doch lässt nun Jalousie (Eifersucht) um den Rosenbusch herum eine Burg errichten und Bel-Accueil in den Burgturm sperren, so dass der Liebende verzweifelt in eine lange Klage ausbricht – womit der von Guillaume de Lorris verfasste Teil aufhört.

Die ursprüngliche, bis hierher noch deutliche Gesamtkonzeption ist die der Vermittlung einer idealistischen „ars amatoria“ (Liebeskunst) an ein höfisches Publikum. Der liebende adelige Mann sollte durch die theoretischen Belehrungen Amors und durch das praktische Beispiel der Handlung die Kunst des Minnedienstes lernen, der in der völligen Hingabe an die geliebte Dame und der geduldigen Überwindung von Widerständen und Hindernissen besteht und eine moralische Läuterung bewirkt.

Guillaume hatte den Liebenden/Erzähler einerseits beiläufig anmerken lassen, er werde später den tieferen Sinn des Werkes erklären, und hatte ihn an einer anderen Stelle andeuten lassen, er werde die Rose erst am Ende einer langen Schlacht bekommen. Offenbar waren es diese Bemerkungen, die Jean de Meung (s.u.) auf die Idee einer Fortsetzung brachten. Er führt zunächst die Klage des Liebenden fort, doch ändert sich sofort die Atmosphäre des Textes. Der Liebende wirkt skeptischer, offener für Zweifel. Auch lässt Jean ihn Aufklärung suchen, zunächst bei Raison, die ihm einen so nüchternen wie langen Vortrag über die Probleme und Spielarten der Liebe hält, ihn aber noch ausführlicher über moralisches und unmoralisches Handeln überhaupt aufklärt, ihn vor dem launischen Walten Fortunas warnt und ihn zur Aufkündigung seines Vasallenverhältnisses zu Amor drängt, was der Liebende natürlich ablehnt. Auch im nächsten Abschnitt, dem Vortrag über praktische Lebensregeln aller Art, den eine Figur namens Ami (=Freund) auf Bitte des Liebenden hält, geht es nur am Rande um die Probleme Verliebter. Dem Autor Jean ist offensichtlich vor allem an allgemeiner Unterweisung seiner Leser gelegen.

Insgesamt kommt die Handlung in seinem Teil fast zum Stillstand, das eigentliche Ziel, die Rose, scheint eher nebensächlich geworden, auch wenn der Liebende sie schließlich dank der Hilfe von Amor und seiner Mutter Venus und am Ende eines heftigen Kampfes der allegorischen Figuren um die Rosenburg erlangt und pflückt. Jean nämlich verschafft sich bzw. seinen Figuren ständig neue Gelegenheiten zu gelehrten und satirischen Exkursen. So diskutiert er unter häufiger Berufung auf antike und jüngere Autoritäten philosophische, theologische und moralische Probleme, breitet seine beachtlichen mythologischen, astrologischen und naturkundlichen Kenntnisse aus und nimmt zu aktuellen Fragen Stellung, indem er etwa die Bettelmönchsorden satirisch aufs Korn nimmt oder die Herrschenden und die Vertreter der Kirche kritisiert.

Insgesamt steht Jean, der sichtlich für ein vorwiegend städtisches Publikum schrieb, in einer ironischen Distanz zur höfischen Denkungsart seines Vorgängers Guillaume. Aus einer fast misogynen Grundhaltung heraus, wie sie typisch war für den mittelalterlichen Kleriker, sieht er die Liebe nicht als Ideal, sondern als einen von der Natur gesteuerten Trieb, der von moralischen Vorstellungen bestenfalls gezügelt wird. Die Frau sieht er entsprechend nicht als Mittel der Läuterung, sondern als Versuchung, vor der er den Liebenden von Raison nochmals eindringlich warnen lässt.

Dem Erfolg des Romans tat die Diskrepanz der beiden Teile keinen Abbruch. Hierbei wurde von den spätmittelalterlichen Lesern wahrscheinlich weniger der dichterisch schönere Teil Guillaumes geschätzt als der gelehrtere und vielfältigere Teil von Jean. Diesen hielt man denn auch für den Verfasser des Gesamtwerks. Insgesamt sind mehr als 300, häufig prachtvoll illuminierte Manuskripte erhalten (eine enorme Zahl für einen mittelalterlichen Text) und an die 20 frühe Drucke bis 1538. Entsprechend groß war der Einfluss des Werkes auf die franz. Literatur, wo es die Gattung Traumgedicht heimisch machte und (anders als in Deutschland) in allen Gattungen allegorische Figuren zur Selbstverständlichkeit werden ließ. Der Rosenroman wurde von so gut wie allen franz. Autoren zwischen 1300 und 1530 gelesen und als Inspirationsquelle benutzt. 1527 versuchte Clément Marot (s.u.), den Text durch eine sprachliche Modernisierung zu revitalisieren. Diese Fassung des Romans wurde jedoch nur viermal nachgedruckt, ehe er der starken Veränderung des literarischen Geschmacks zum Opfer fiel, die von der Wiederbelebung der Antike durch die Humanisten und dem Einbruch des kulturellen Einflusses Italiens in Frankreich ausgelöst wurde.

In der Übertragung Chaucers hat der Rosenroman die englische Literatur beeinflusst, in einer parodistischen, vielleicht von Dante verfassten Version, auch die italienische. In der deutschen Literatur scheint er keine nennenswerten Spuren hinterlassen zu haben.

(Stand: Juli 08)

Jean de Meung (auch Jean Clopinel oder Chopinel; * um 1240, wahrscheinlich in Meung-sur-Loire; † spätestens 1305, wahrscheinlich in Paris).

Über seine Biografie ist so gut wie nichts Genaueres bekannt. Aus seinem Schaffen lässt sich erschließen, dass er zumindest die Artistenfakultät absolviert haben muss und Kleriker war. Auf jeden Fall hatte er die Möglichkeit, sich eine profunde philosophische, theologische, literarische und naturkundliche Bildung anzueignen. Auch scheint sicher, dass er den größten Teil seiner aktiven Jahre in Paris verbracht hat.

Literarhistorisch bedeutend wurde Jean vor allem durch seine Fortsetzung des um 1230/40 von Guillaume de Lorris begonnenen Rosenromans (Roman de la Rose, s.o.), die er wohl 1275-80 verfasste und durch die er die gut 4000 Verse Guillaumes um fast 18.000 Verse erweiterte. Der Rosenroman war einer der größten Bucherfolge, vielleicht sogar der größte, des franz. Mittelalters, und zwar obwohl die beiden Teile nicht nur in der Länge sehr verschieden sind, sondern auch in ihrem Geist und ihrer Machart. Der Hauptanteil an dem Erfolg gebührt wahrscheinlich nicht dem dichterisch schöneren Teil Guillaumes, sondern dem gelehrteren und vielfältigeren Teil Jeans, unter dessen Namen das Werkganze denn auch anschließend lief.

Die sonstige Aktivität von Jean de Meung bestand vor allem im Übertragen lateinischer Texte ins Franz., womit er offenbar die Bedürfnisse der zunehmenden Zahl von Lesekundigen und Wissensdurstigen vor allem in den wachsenden und prosperierenden Städten seiner Zeit befriedigte. So übertrug er insbes. das Standardwerk der Kriegskunst De re militari von Vegetius (4. Jh. n. Chr.), die Briefe Abälards und Heloises (12. Jh.) und das Trostbuch De Consolatio Philosophiae von Boethius (523/24 n. Chr.). Wie so häufig bei erfolgreichen Autoren, wurden ihm postum auch Werke zugeschrieben, die er nicht verfasst hat.

(Stand: Jan. 09)

La Châtelaine de Vergi (ca. 1250).

Diese anonyme, traurig-schöne höfische Erzählung in 958 Versen gilt seit ihrer Wiederentdeckung zur Zeit der Romantik als ein Juwel der älteren franz. Literatur. Sie variiert das aus der Bibel bekannte Joseph-Putiphar-Motiv1) in folgender Geschichte:

Die Châtelaine (Burgherrin) von Vergi und ein Ritter haben ein geheimes glückliches Verhältnis. Die Herzogin von Burgund verliebt sich in den Ritter, der sie abweist, ohne zu sagen warum. Gekränkt beschuldigt sie ihn beim Herzog mit der Lüge, er stelle ihr nach. Als jener den Ritter tadelt und bestrafen will, weiht dieser ihn in sein Geheimnis ein und lässt ihn versteckt sogar ein Rendez-vous mit der Châtelaine belauschen. Der Herzog, der von der Herzogin zu erklären gedrängt wird, warum er den Ritter nicht bestraft hat, sagt ihr schließlich den Grund. Hierauf deutet die Herzogin der Châtelaine an, sie kenne ihr Geheimnis, und zwar aus dem Munde des Ritters. Die Châtelaine glaubt sich verraten und stirbt vor Kummer; der Ritter nimmt sich das Leben, als er die Tote findet und den Grund ihres Todes erfährt. Der Herzog erdolcht im Zorn seine Frau und geht zur Buße als Tempelritter nach Palästina.

Die offenbar recht erfolgreiche Erzählung (18 mittelalterliche Handschriften sind erhalten), wurde immer wieder modernisiert, ins Italienische sowie ins Niederländische übertragen und zu englischen und deutschen Versionen verarbeitet.

1) Die geläufige Bezeichnung ist eigentlich unkorrekt, denn Putiphar ist der Name des Gatten der Frau, die sich in Joseph verliebt hat.

Rutebeuf (auch Rustebués genannt; Schaffenszeit ca. 1250–1285).

Er gilt heute als der erste bedeutende Pariser Autor in der franz. Literaturgeschichte. Über seine Biografie sind wir nur vage aus flüchtigen Angaben in seinen Werken informiert. Deren Entstehungsdaten müssen aus ihrem Inhalt und anderen Indizien erschlossen werden. Auch sein eigentlicher Name steht nicht fest. Er selbst erklärt „Rutebeuf“ als Beinamen, der seinen Hang zu den heftigen Attacken ausdrücke, die ihn als „rude beuf“ (rüder Ochse) erscheinen ließen.

Offenbar war Rutebeuf zum Studium, wohl aus der Champagne, nach Paris gekommen, das unter den lange und erfolgreich regierenden Königen Philippe "Auguste" (1180-1223) und Louis IX (1226–1270) zum unbestrittenen Macht- und Kulturzentrum Frankreichs aufgerückt war. Er hatte jedoch, wie er angibt, durch eigene Schuld, nämlich Trunk- und Spielsucht, keinen festen Platz in der Gesellschaft gefunden. Vielmehr führte er, zunehmend pessimistisch und verbittert und ständig über seine Armut klagend, eine unsichere Existenz als Auftragsdichter wechselnder Gönner, als Unterhalter mit Text- und Gesangsdarbietungen in den Häusern reicher Leute und wohl vor allem als Spielmann auf Volksfesten.

Als Autor war er sehr vielseitig und betätigte sich in vielen Genres, mit Ausnahme der höfischen Lyrik und des höfischen Romans. Er verfasste Gesellschaftssatiren (z.B. La Bataille des vices contre la vertu), ein Mirakelspiel (Le Miracle de Théophile), Heiligenviten (z.B. Vie de Sainte Marie l’Égyptienne), Fabliaux (=Schwänke), eine satirische allegorische Fuchs-Dichtung (Renart le bétourné), persönliche Lyrik, die meist sein Unglück thematisiert (z.B. Le Mariage de Rutebeuf oder La Complainte de Rutebeuf), aber auch gereimte Kreuzzugspropaganda, die die Lethargie der Christen und ihrer Führung anprangert. Ein nicht unerheblicher Teil seiner Gedichte, z.B. der Renart, diente ganz oder nebenher der Polemik gegen die jungen Bettelmönchsorden, die die Volksbelustigungen bekämpften, von denen er und seine Schausteller- und Spielmannskollegen lebten. Allerdings polemisiert er auf einer eher politischen Ebene, indem er den Einfluss der Mönche auf den König und andere Mächtige geißelt und die Heuchelei anprangert, mit der sie, wie er glaubt, ihren Machthunger und ihre Gier kaschieren. Zugleich versuchte er mit seiner Polemik die Pariser Universität, der er sich verbunden fühlte, in ihrem Abwehrkampf gegen die Orden zu unterstützen, die an ihren Privilegien teilzuhaben trachteten.

Rutebeuf, der sich nicht zu Unrecht unter Wert gehandelt fühlte, ist eine relativ isolierte, unkonventionell wirkende Stimme in der Literatur seiner Zeit. Er wird von anderen Autoren kaum erwähnt oder zitiert und hat auch keine Schule gemacht. Der 200 Jahre jüngere François Villon, mit dem er gern verglichen wird, hat vermutlich nichts von ihm gewusst.

(Stand.: Sept.. 07)

P.S.: Nachdem Paris aufgrund seiner günstigen Lage am Zusammenstrom von vier Flüssen, auf denen sich Lebensmittel heranschaffen ließen, früh zur festen Residenz des Königshofes geworden war, entwickelte es sich im 13. Jh. nicht nur zur eindeutig größten Stadt im Königreich, sondern wurde, nicht zuletzt dank der Universität, auch zum intellektuellen und kulturellen Zentrum, das alle bisherigen anderen Zentren zweitrangig werden ließ. Hieraus erklärt sich auch der im 13. Jh. einsetzende Siegeszug des Dialekts der Île de France, des Franzischen, das allmählich zur Standardsprache wurde und die bisher mit ihm als Literatursprachen rivalisierenden Dialekte bzw. Sprachen verdrängte, d.h. das Anglonormannische (das ohnehin langsam mit dem Angelsächsischen zum Englischen verschmolz), das Normannische, das Champagnische, das Pikardische sowie das Okzitanische Südfrankreichs.

Brunetto Latini bzw. Brunet Latin (ca. 1230–1294)

Der Name dieses ersten Italieners in der franz. Literaturgeschichte verbindet sich mit dem nach 1260 begonnenen Livre du trésor (=das Buch vom Schatz), einem Kompendium des geographisch-naturkundlichen, philosophisch-moralischen und biblisch-althistorischen Wissens der Zeit und zugleich der Politik und Rhetorik.

Das Werk entstand in Paris während einer Verbannung des hochgebildeten Frühhumanisten Brunetto aus seiner von inneren Machtkämpfen zerrissenen Heimatstadt Florenz. Es war gedacht als Lehrbuch und Nachschlagewerk für ein breiteres, d.h. nichtklerikales, vor allem städtisch-patrizisches Publikum.

Der in nüchterner franz. Prosa geschriebene Trésor, für den es damals nur lateinisch verfasste Vorbilder gab, wurde seinerseits Vorbild für zahlreiche ähnliche in den Volkssprachen verfasste Werke in Frankreich und anderswo in Europa. Die Tatsache, dass Brunetto französisch schrieb, um (wie er selbst vermerkt) möglichst viele Leser zu erreichen, bezeugt die Bedeutung, die das Französische inzwischen als europäische Lingua franca gewonnen hatte, d.h. als Verkehrssprache, die vielerorts, bis in den Vorderen Orient hinein, verstanden und benutzt wurde.

Brunetto kehrte übrigens 1267, nachdem seine Partei in Florenz wieder an die Macht gekommen war, dorthin zurück und gelangte in höchste Ämter dieses seinerzeit reichen und mächtigen, als Republik verfassten Stadtstaates. Dante bezeichnet ihn in seiner Divina commedia (I, 15) als seinen Lehrer, versetzt ihn allerdings zu den Sodomiten in die Hölle.

(Stand: Febr. 05)

Adam de la Halle (ca. 1235 – ca. 1285).

Adam, der auch „le Bossu“ (der Bucklige) genannt wurde, ist heute vor allem bekannt als der Autor von Le Jeu de la feuillée (1276/77), dem ersten satirischen Theaterstück der franz. Literatur. Hierin bringt er sich selbst, seinen Vater, seine Frau, Verrückte und Feen sowie diverse reiche Patrizier seiner Heimatstadt Arras auf die Bühne und karikiert sich und sie überwiegend boshaft in einer Serie von Szenen, die wie bissige Rundumschläge aus einer Lebenskrise heraus erscheinen (von der er sich offenbar gern durch einen Wechsel ins intellektuell lebendigere Paris befreit hätte).

Ca. 1284 (Adam stand inzwischen im Dienst des Grafen Robert von Artois) verfasste er in Neapel ein weiteres Stück, das Singspiel Le Jeu de Robin et de Marion. Dieses sollte zur Unterhaltung des franz. Heeres beitragen, mit dem Robert 1283 nach Neapel gezogen war, um dem jüngeren franz. Königssohn Charles d'Anjou (der seit 1266 König von Neapel-Sizilien war) zu helfen, das seit 1282 aufständische Sizilien zurückzuerobern.1) Die Handlung des Jeu de Robin et de Marion spielt in einer halb realistischen, halb konventionell-arkadischen Hirtenwelt und rankt sich um das traditionelle Pastorellen-Motiv, d.h. die Begegnung in freier Natur zwischen einem liebeshungrigen Ritter und einer jungen Schäferin (wobei im vorliegenden Fall Marion ihrem Robin treu bleibt und den Ritter abblitzen lässt – ähnlich wie es oft auch in den zahlreichen anderen, meist in Gedichtform verfassten "Pastourelles" geschieht).

Adam war in seinen jüngeren Jahren auch als Lyriker (und Komponist seiner Texte) nicht unbedeutend. Die reiche Tuchmetropole Arras verfügte zu dieser Zeit durchaus über ein eigenständiges geistiges Leben, z.B. mit regelmäßigen Wettdicht- und Wettsingveranstaltungen („puis“), in denen er sich profilieren konnte.

1) Frankreich war im 13. Jh. dank einer Serie tüchtiger Könige von Philippe II „Auguste“ (1180-1223) bis zu Philippe IV „le Bel“ (1285–1314) die politisch stärkste Macht in Europa! Die Wiedereingliederung Siziliens in das Königreich Neapel allerdings gelang für dieses Mal nicht.

Marco Polo (ca. 1254–1324).

Dieser venezianische Patrizier, Kaufmann und Reisende ist in die franz. Literaturgeschichte eingegangen mit Le Livre des merveilles du monde (1298), dem ersten weitgehend realistischen Bericht über die in Westeuropa bis dahin praktisch unbekannten Länder und Völker in Fernost.

Im Mittelpunkt steht China, wo Polo sich zunächst als noch jugendlicher Begleiter seines Vaters und seines Onkels, dann als Günstling des Großkhans (=Kaisers) 17 Jahre lang (1275–1292) aufgehalten hatte, während derer er viel in dem Riesenreich selbst herumkam, aber auch Indien und Burma bereiste. Ebenfalls beschrieben werden der Hinweg über die berühmte Seidenstraße und der Rückweg, der per Schiff bis Persien, über Land bis Konstantinopel und dann wieder per Schiff nach Venedig führte.

Das Buch entstand durch den Zufall, dass Polo bei einem Seegefecht zwischen Venezianern und Genuesen in genuesische Gefangenschaft geriet und von einem Mitgefangenen, dem auch als Autor anderer Werke bekannten Rustichello da Pisa, gedrängt wurde, ihm den Bericht seiner Reise zu diktieren, wobei die beiden als geeignetste Sprache das ihnen ausreichend vertraute Französische wählten (in das sie allerdings viele Italianismen mischten).

Der "Marco Polo" wurde in den nachfolgenden zwei Jahrhunderten sehr viel gelesen, denn mehr als 80 Handschriften, auch von Übersetzungen in andere Sprachen, sind erhalten. Darüberhinaus wurde er von Gelehrten aller Art ausgewertet, vor allem Geographen, die seine sehr exakt wirkenden Entfernungsangaben für ihre Karten übernahmen. Noch Kolumbus benutzte diese Angaben zur Errechnung der Länge einer Seefahrt quasi hinten herum nach Indien (wobei er aber viel zu optimistisch kalkulierte und verhungert und verdurstet wäre, hätte er nicht Amerika, genauer: eine karibische Insel gefunden).

Jean de Joinville (* 1224 oder 1225; † 24.12.1317)

Er ist vor allem bekannt als Verfasser einer Darstellung von König Louis IX des Heiligen (1214-70), die als erste franz.sprachige Biographie in einem modernen Sinne gilt.

Joinville gehörte einer Familie an, die nicht zuletzt durch reiche Heiraten in den Hochadel aufgestiegen war und in der das (Richter-)Amt eines Sénéchal de Champagne erblich war. Im Alter von ca. acht Jahren verlor er seinen Vater, wonach er von seiner Mutter erzogen wurde, die aus der Familie der Grafen der Bourgogne stammte.

1241 ist Joinville ein erstes Mal in seinem Rang als Sénéchal nachweisbar, und zwar bei einem königlichen Hoftag in Saumur. Anschließend unternahm er eine Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela. Nach seiner Rückkehr heiratete er.

1245 oder 46 nahm er erstmals als Ritter an Kampfhandlungen teil anlässlich der Fehde eines Onkels, des Grafen von Chalon.

Ostern 1248, inzwischen war er Vater zweier Kinder, darunter eines Sohnes, nahm er das Kreuz, wie es schon mehrere Vorfahren von ihm getan hatten, und schloss sich mit zehn von ihm besoldeten Rittern dem Sechsten Kreuzzug an, zu dem Louis IX von Marseille aus aufbrach. Während der längeren Zwischenstation auf Zypern trat er, nicht zuletzt wohl aus finanziellen Gründen, in das königliche Gefolge ein.

Bei der Landung des Kreuzfahrerheeres im Nil-Delta Anfang 1249 und der Einnahme der dortigen Hafenstadt Damiette zeichnete Joinville sich aus. Wenig später nahm er an der desaströsen Belagerung von al-Mansura teil, an welcher der Kreuzzug scheiterte. Auf dem Rückzug nach Damiette geriet er im Februar zusammen mit König Louis in Gefangenschaft. Gegen Zahlung eines hohen Lösegeldes wurde er im Mai freigelassen, gemeinsam mit Louis, mit dem er sich nach Akkon in Palästina einschiffte. In dieser Hafenfestung, die noch von Kreuzfahrern gehalten wurde, blieb er vier Jahre lang mit ihm zusammen und begleitete ihn 1254 zurück nach Frankreich. In diesen Jahren täglichen Umgangs mit seinem König wurde er zu dessen engen Vertrauten, was er in der Folgezeit als Mitglied des Kronrates blieb.

1267 (inzwischen hatte er sich in zweiter Ehe verheiratet und war vor kurzem wieder Vater geworden) wurde Joinville von Louis gedrängt, an einem neuerlichen Kreuzzug (dem siebten) teilzunehmen, der nach Tunis führen sollte. Er lehnte jedoch ab, weil er sich den Seinen verpflichtet fühlte und überdies das Vorhaben für unrealistisch hielt – zu Recht, denn Louis kam 1270 vor Tunis ums Leben, ohne Erfolge erzielt zu haben.

1282 gehörte Joinville zu den Zeugen im Kanonisierungsverfahren, das für Louis eröffnet worden war und 1290 mit dessen Heiligsprechung endete. Der Wortlaut seiner Aussage ist erhalten.

Da er schon während seines Aufenthalts in Palästina einen Kommentar des Credo verfasst hatte (der ihn als guten Bibelkenner ausweist), begann er 1305 auf Bitten der Königin das Livre des saintes paroles et des bons faits de nostre saint roi Louis (=Das Buch von den heiligen Worten und guten Taten unseres heiligen Königs Ludwig), das er 1309 fertigstellte und dem amtierenden König Philippe le Bel widmete, einem Enkel von Louis IX.

Das Werk sollte der Belehrung und Erbauung des Kronprinzen (des späteren Louis X, *1289) dienen, doch verfolgte es daneben naturgemäß auch politische Ziele, nämlich die Stärkung der Dynastie durch die Präsentation eines mustergültigen Herrschers aus ihren Reihen. Joinville bringt sich aber auch selbst zur Geltung, denn er erzählt als erster Chronist der franz. Literatur in der 1. Person. Der Form nach ist sein Werk ein sehr persönlich wirkender, lebendiger Bericht seiner vielen Begegnungen mit Louis und mischt insofern Gattungsmerkmale von Biografie, Autobiografie, Chronik und Reisebericht, aber auch der meist lateinischen Exempla-Literatur der Zeit.

Joinville nahm noch als Hochbetagter an mehreren Kriegszügen teil und starb im für mittelalterliche Verhältnisse sehr hohen Alter von gut 90 Jahren auf seinen Besitzungen in der Champage.

Sein Image eines ersten Biografen im modernen Sinn resultiert daraus, dass er bestrebt ist, die dargestellte Person trotz aller Sympathie möglichst objektiv darzustellen, d.h. in den unterschiedlichsten, sowohl alltäglichen wie offiziellen Situationen, und ihn weniger apologetisch als Heiligen zu verherrlichen denn als guten Christen und König zu zeigen, der durchaus auch diese oder jene Schwäche aufweist.

Das Werk Joinvilles fand zu seiner Zeit offenbar keine weite Verbreitung, denn nur wenige Manuskripte sind erhalten. Auch hat es, vielleicht aufgrund seiner unkonventionellen Form, nicht als Vorbild gewirkt. Immerhin wurde es 1547 gedruckt unter dem knappen Titel Vie de Saint Louis. Erst im 19. Jh. wurde es von (Literar-)Historikern stärker beachtet. Eine deutsche Übersetzung (Th. Nissle) erschien 1854.

(Stand: Jan. 09)

Ovide moralisé (1291–1328).

Unter diesem Kurztitel figuriert in den Literaturgeschichten eine mit ihren 72.000 paarweise reimenden Achtsilblern enorm lange Nachdichtung der Metamorphosen des klassisch lateinischen Autors Ovid. Der unbekannte Verfasser dichtet den Originaltext allerdings sehr frei nach und erweitert ihn durch umfangreiche Einschübe, in denen er die ovidischen Verwandlungsgeschichten (die meist der griechischen Mythologie entstammen) in einem typisch mittelalterlichen Verfahren rationalisierend („euhemeristisch“) erklärt und theologisch-moralisierend kommentiert.

Der Ovide moralisé ist eines der vielen Zeugnisse für die große Beliebtheit Ovids im Hochmittelalter, wobei dessen Texte allerdings vorzugsweise in ganz verschiedenartig nachgedichteten und bearbeiteten Fassungen gelesen wurden. Das Werk ist zugleich Ausdruck für das auch in Frankreich um diese Zeit stark zunehmende generelle Interesse an der Literatur der römischen Antike, ein Interesse, das gefördert wurde durch die Verlegung des päpstlichen Hofes von Rom nach Avignon (1309), die zusätzliche Kontakte gebildeter Franzosen mit der Kultur Italiens und dem dort beginnenden Früh-Humanismus mit sich brachte.

P.S.: Diese Verlegung hatte der schwache franz. Papst Clemens V. vorgenommen, der 1305 unter dem Druck des franz. Königs Philippe le Bel gewählt worden war. Sie wurde erst 1377 rückgängig gemacht und ging als die "babylonische Gefangenschaft der Kirche" in die Geschichte ein. Naturgemäß schwächte das Residieren fern von Rom die Autorität und auch die Macht der Päpste, denn diese waren ja nicht nur geistliches Oberhaupt der kath. Kirche, sondern auch weltlicher Herrscher im Kirchenstaat, dessen Fläche damals ca. ein Fünftel des heutigen Italiens umfasste.

Guillaume de Machaut (ca. 1300 – 1377).

Er war einer der großen Autoren, aber auch Komponisten seines Jahrhunderts. (In Nachschlagewerken wird er häufig unter "G", d.h. seinem Vornamen, geführt.)

Er wurde geboren wahrscheinlich in Machault, einem Dorf in den Ardennen, als Sohn einer nichtadeligen Familie, die aber sichtlich wohlhabend genug war, um ihm eine gute Bildung zu ermöglichen. Nach Studien an der Domschule von Reims trat er ca. 1323 in die Dienste Herzog Johanns von Luxemburg (1296-1346), eines Sohnes Kaiser Heinrichs II. Zum Sekretär Johanns befördert, der zugleich König von Böhmen, Mähren und Schlesien war, begleitete er diesen auf seinen vielen Reisen durch seine Territorien und auf zahlreichen Kriegszügen. Dank ihm erhielt er 1337, obwohl nie zum Priester geweiht, eine einträgliche Domherrenpfründe im Domkapitel von Reims, wo er ab 1340 auch überwiegend lebte, nachdem Johann erblindet war und weniger umherzog.

Als 1346 Johann in der englisch-franz. Schlacht von Crécy umkam (auf Seiten des Verlierers, König Philippe VI von Frankreich), trat Machaut in die Dienste Guthas (alias Bonne) von Luxemburg, der Tochter Johanns und Schwiegertochter Philippes. Nach Guthas baldigem Tod (1349) war Machaut als Dichter renommiert genug, um keinen festen Dienstherrn mehr zu benötigen. Vielmehr schloss er sich wechselnden fürstlichen Mäzenen an, z.B. dem Dauphin (Kronprinz) und späteren König Charles V (1364–1380) oder dessen kunstliebendem Bruder Herzog Jean de Berry († 1416), an deren Höfen er gastierte und denen er – natürlich gegen Entgelt – seine Werke widmete.

Machaut war Verfasser von längeren, meist allegorischen Versdichtungen verschiedener Gattungen sowie von kürzeren Verserzählungen und -romanen, die in der Regel die Ich-Form benutzen und viele autobiografische Elemente enthalten. Er versuchte sich aber auch in der Gattung Vers-Chronik mit La Prise d'Alexandrie, einem Bericht von der (vorübergehenden) Eroberung Alexandrias 1365, den er 1370-1371 zu Ehren des 1369 ermordeten Eroberers Pierre de Lusignan, Königs von Zypern, verfasste. Vor allem aber war Machaut ein sehr produktiver, seine Kunst reflektierender Lyriker, von dem 234 Balladen, 76 Rondeaus und rd. 100 andere Gedichte erhalten sind. Hauptgegenstand dieser Lyrik, die formal und thematisch überwiegend im Gefolge der höfischen Dichtkunst steht, ist die Liebe oder genauer "das Lob der Damen".

Machaut war übrigens einer der letzten, der viele seiner Gedichte vertont hat, und er gilt auch in der Musikgeschichte als Figur von epochaler Bedeutung.

Von Interesse ist er darüber hinaus als Autor des wohl ersten autobiografischen Liebesromans der franz. Literatur, Le voir dit (=die wahre Dichtung), einer 1362 verfassten Liebesgeschichte um die junge Péronne d'Armentières und den schon ältlichen Dichter, der darin zugleich die Entstehung seines Werkes thematisiert.

Von seinen Zeitgenossen wurde Machaut als ein Meister seiner Kunst verehrt. Sein Einfluss auf die nächsten Lyrikergenerationen, insbes. auf Jean Froissart, Eustache Deschamps und Christine de Pizan war groß. Seine Existenz als eines vor allem für Höfe und fürstliche Mäzene Tätigen wird für die Autoren des 14. und 15. Jh. typisch werden.

P.S.: Die im vorangehenden 13. Jh. so bedeutende kulturtragende Funktion der reichen Stadtbürgerschaft (des Patriziats), war im 14./15. Jh. stark gemindert dadurch, dass die Städte verarmt waren aufgrund eines ganz Europa betreffenden enormen Rückgangs der Bevölkerungszahl und damit der Wirtschaftskraft. Ursache hierfür waren zunächst Serien von Missernten und Hungersnöten, die ausgelöst wurden von einer starken Klimaverschlechterung nach 1300, und dann die Große Pest von 1348–50, bei der weit mehr als die Hälfte aller Europäer starben, und zwar vor allem in den Städten aufgrund der dort größeren Ansteckungsgefahr. In Frankreich kamen ab 1337 verschlimmernd die Auswirkungen der ersten Phasen des Hundertjährigen Krieges zwischen der englischen und der franz. Krone hinzu.

Jean Froissart (* ca. 1337 in Valenciennes, † ca. 1410, wahrscheinlich in Chimay/Belgien).

Er ist von besonderem Interesse als Autor der von 1370 bis 1400 verfassten Chroniques, des wohl ersten franz.sprachigen historiografischen Werks, das Ereignisse der jüngeren und jüngsten Vergangenheit nicht, wie bis dahin üblich, aus der rückblickenden Perspektive eines selbst daran Beteiligten berichtet, sondern sie auf der Grundlage schriftlicher Quellen sowie der Befragung von Teilnehmern und Augenzeugen darstellt.

Froissart wuchs auf im (heute belgischen) Hainaut (Hennegau). Nach einer Ausbildung als Kleriker ging er 1361 nach London an den englischen Hof, da er Anschluss an Philippine de Hainaut, die Gemahlin von König Edward III, gefunden hatte. Seine literarische Laufbahn begann er als höfischer Lyriker und Verfasser längerer, oft allegorischer Versdichtungen im Stile Guillaumes de Machaut. Schon in London jedoch, wo er viele Teilnehmer am Hundertjährigen Krieg zwischen den Kronen Englands und Frankreichs kennenlernte und von wo aus er bald auch zahlreiche Reisen für Recherchen und die Befragung von Zeitzeugen unternahm, begann er sich als Chronist der jüngsten Vergangenheit zu betätigen. Eine erste Chronik, die die Kriegstaten der Engländer feierte und Philippine gewidmet war, ist jedoch nicht erhalten.

1368 begleitete er einen Sohn Philippines zur Verheiratung nach Mailand und erfuhr auf der Rückreise 1369, dass seine Gönnerin gestorben war. Er ließ sich nun im heimatlichen Hainaut nieder und widmete sich seinen Chroniques, nachdem er neue Mäzene gefunden hatte. Dies waren z.B. Robert de Namur und Guy de Châtillon, Comte de Blois, der ihm 1373 die Pfarrei von Estinnes-au-Mont als Absicherung besorgte und ihm 1388 für den Spanien-Teil seiner Chronik eine Reise an den Hof des Grafen von Foix-Béarn nahe der spanischen Grenze finanzierte. Vor allem aber erhielt Froissart die Unterstütztung Wenzels von Luxemburg, Herzogs von Brabant, mit dem ihn ein engeres persönliches Verhältnis verband.

Zentraler Gegenstand der sehr umfangreichen Chroniques de France, d'Angleterre, d'Escoce, d'Espaigne, de Bretaigne, de Gascogne, de Flandres et lieux circonvoisins ist das Hin und Her des von 1337 bis 1458 immer wieder aufflammenden Hundertjährigen Krieges. Hierbei sympathisiert Froissart anfangs eher mit den Engländern, erst später macht er sich zumindest ansatzweise auch die Leiden des Volkes in Frankreich bewusst sowie die Tatsache, dass die englischen Feldzüge auf franz. Boden Raubzüge waren. Insgesamt aber sieht er den Krieg mehr als Ausfluss persönlicher Ruhmbegierden von Fürsten und Herren sowie als Abfolge eindrucksvoller Ritterkämpfe und Schlachten denn als einen blutigen Konflikt, in dem englische Könige und Heerführer die Schwäche ausnutzten, in die Frankreich nach 1314 durch eine Serie rascher Thronwechsel verfiel und die es ihnen ermöglichte, immer wieder große Teile des Landes unter ihre Herrschaft zu bringen.

Neben der Arbeit an den nach und nach auf vier umfangreiche Teile anwachsenden Chroniques schrieb Froissart auch noch andere Werke. So beendete er 1383 den Meliador, einen der letzten franz. Ritterromane in Versform, in den er auch Gedichte des im selben Jahr verstorbenen Herzogs Wenzel einstreute.

Nachdem er sich mit Guy de Châtillon überworfen hatte, fand er in seinen späten Jahren einen Gönner in Philippe le Hardi (Philipp der Kühne, †1404), Herzog von Burgund. Auf einer seiner immer noch fortgesetzten Informationsreisen besuchte er 1395 auch London, verließ es aber bald enttäuscht. Er beendete sein Leben als Kanonikus in Chimay.

Die Chroniques erfuhren im 15. Jh. eine so beachtliche Verbreitung, das sich mehr als 100, z.T. reich illustrierte Manuskripte erhalten haben.

(Stand: Juli 05)

Eustache Deschamps (auch Eustache Morel genannt, ca. 1345–1404).

Er war der bedeutendste franz. Lyriker der zweiten Hälfte des 14. Jh. und war vielleicht ein Neffe von Guillaume de Machaut, jedenfalls aber eine Zeitlang sein Zögling an der Domschule von Reims.

Nach Jurastudien an der Universität Orléans erlangte Deschamps dank seiner Talente als Dichter und als Unterhalter 1368 die Protektion von König Charles V und nach dessen Tod (1380) die von Charles VI sowie vor allem von dessen kunstliebendem und ehrgeizigem jüngeren Bruder Herzog Louis d'Orléans, zu dessen Gefolge er ab 1390 zählte. Von seinen Gönnern erhielt er mehrere kleinere königliche Ämter zugewiesen, von denen er samt seinen Kindern (seine Frau war 1376 jung nach der Geburt des dritten gestorben) passabel leben konnte, obwohl er häufig klagte. 1389 wurde er zum seigneur de Barbonval erhoben und somit geadelt. Er hielt sich meist in Paris am Hof auf, war aber auch viel mit seinen Fürsten und für sie unterwegs. So war er 1384/85 Mitglied einer diplomatischen Mission nach Ungarn und Kroatien, 1397 reiste er als Botschafter von Louis d'Orléans nach Mähren. Um 1400 zog er sich mehr und mehr zurück, gesundheitlich angeschlagen und unzufrieden mit dem Machtgerangel am Hof, wo verschiedene Klüngel, nicht zuletzt der von Louis, den intermittierend geistesgestörten König zu manipulieren versuchten.

Deschamps war mit etwa 1500 erhaltenen Gedichten in allen damals gängigen Genera, darunter vor allem gut 1100 Balladen und an die 200 Rondeaus über vielerlei Sujets, einer der produktivsten und thematisch, formal und stilistisch innovativsten Lyriker des franz. Mittelalters. Sein Einfluss auf die Autoren neben ihm (z.B. auch auf Geoffrey Chaucer) und nach ihm war groß und reicht bis weit ins 15. Jh. hinein, z.B. bis zu Villon.

Während seine dem Thema Liebe gewidmeten Gedichte meist eher konventionell bleiben, wirken seine moralisch-gesellschaftlichen Problemen, z.B. denen des Hoflebens, gewidmeten Texte (meist Balladen) sehr persönlich. Bei den Zeitgenossen hoch angesehen waren auch seine philosophischen, didaktischen und satirischen Balladen.

Ein zentrales Thema Deschamps’ ist der Niedergang Frankreichs durch den nach Charles’ V Tod wieder aufflammenden Hundertjährigen Krieg. In einer Ballade bejammert er z.B., wie (1380) auch sein eigener Landsitz nahe seinem Geburtsort Vertus von englischer Soldateska geplündert und abgebrannt wurde. In der Fragment gebliebenen allegorischen Versdichtung La Fiction du lion, wo er Frankreich als Löwen und England als Leoparden darstellt, beklagt er das Versagen des Nachfolgers von Charles V, der es nicht schaffte, den „Leoparden“ in die Schranken zu weisen. Ein anderes politisches Thema, nämlich das Große Schisma in der Katholischen Kirche, behandelt Deschamps in La Complainte de l'Eglise desolee (1393).

In seinen letzten Jahren arbeitete er an der unvollendet geblieben satirischen Versdichtung Le Miroir du mariage, wo er die Vor- und Nachteile (meist eher diese) der Ehe diskutiert.

Deschamps ist darüber hinaus interessant als Autor der ersten in franz. Sprache verfassten Poetik (Dichtungslehre), L'Art de dicter et de faire chansons (1392), einer Zusammenstellung von Regeln und Rezepten zum Verfassen metrisch gebundener Texte, wobei es ihm mehr auf die „musique naturelle“ der Sprache als auf die „musique artificielle“ der Melodie ankommt (denn er war einer der ersten, die auf eine Vertonung und musikalische Begleitung ihrer lyrischen Texte weitgehend verzichten).

(Stand: Jan. 05)

P.S.: Der mit vielen Pausen insgesamt von 1337 bis 1453 dauernde Krieg zwischen den Kronen Englands und Frankreichs spielte sich ausschließlich auf franz. Boden ab und bestand weitgehend aus den sommerlichen Beutezügen englischer Heere. Seine Schlachten gingen häufig zugunsten der Engländer aus, weil deren Truppen zwar zahlenmäßig meistens unterlegen, aber technisch dank ihrer Bogenschützen und taktisch dank ihrer größeren Disziplin überlegen waren.

Christine de Pizan bzw. de Pisan (1365 – ca. 1430).

In ihren fast 40 Schaffensjahren war Christine die mit Abstand produktivste aller Literaten ihrer Generation. Sie gilt als die erste Autorin der franz. Literatur, die (samt ihrer Familie) mehr oder weniger von ihrer Feder zu leben geschafft hat. Nachdem sie von einer lange Zeit männlich dominierten Literaturgeschichtsschreibung eher vernachlässigt worden war, wird sie heute relativ hoch geschätzt und von Literatur- und Sozialwissenschaftlerinnen als eine Feministin avant la lettre betrachtet.

Geboren in Venedig als Tochter des Astrologen und Arztes Tommaso da Pizzano, kam sie als Mädchen nach Paris, nachdem ihr Vater Leibarzt von König Charles V geworden war. Sie erhielt eine gute Bildung (die sie später durch die fleißige Lektüre antiker und zeitgenössischer Autoren erweiterte) und wurde fünfzehnjährig mit dem 10 Jahre älteren kleinadeligen königlichen Notar und Sekretär Étienne du Castel verheiratet, mit dem sie rasch hintereinander drei Kinder bekam.

Nach dem Tod ihres Gatten während einer Epidemie (1389) und ihrer Verarmung durch Erbschaftsprozesse begann sie zu schreiben. Dank ihrer einstigen Nähe zum Hof gewann sie dort Mäzene und entwickelte das System, von ihren Werken nach deren Fertigstellung Prachthandschriften anfertigen zu lassen, die sie in der Hoffnung auf fürstliches Entgelt Mitgliedern der königlichen Familie überreichte, vor allem der Königin Isabeau de Bavière und den Herzögen Louis d'Orléans, Jean de Berry und Philippe de Bourgogne.

Christine begann als Lyrikerin unter dem Einfluss von Eustache Deschamps (s.o.), wobei sie z.B. in sehr persönlich wirkender Weise den Verlust des geliebten Gatten beklagt (Ballades du veuvage, Cent ballades d'amant et de dame).

Sie schrieb dann mehr lehrhaft-philosophische Werke, u.a. ein Lehrbuch für angehende Fürsten (L'Épître d'Othéa, 1400), Betrachtungen über das Wirken Fortunas in ihrem eigenen Leben und in der antiken Geschichte (La Mutation de Fortune, 1403), und schließlich politisch motivierte Werke, worin sie auf die vielen Kriege und Bürgerkriege im Frankreich des geistesgestörten Königs Charles VI (1380–1422) reagierte, hinter dem ständig verschiedene Personen und Parteien um die Macht im Staate kämpften und dabei immer wieder auch England in ihre Streitereien hineinzogen (z.B. Le Livre des faits d'armes et de chevalerie, 1410; Le Livre de paix, 1412; Lamentations sur les maux de la guerre, 1420).

Ebenfalls politisch intendiert war eine apologetische Biografie (1405) des Protektors ihres Vaters und großen Königs Charles V (1364–1380), der mit Hilfe seines tüchtigen Feldherrn Du Guesclin die Engländer fast aus Frankreich hinausgedrängt und das Land vorübergehend befriedet hatte.

1399, und damit beginnt der „feministische“ Teil ihres Schaffens, kritisierte sie die Misogynie der Männer ihres gesellschaftlichen Umfeldes, insbesondere die des Autors Jean de Meung im Rosenroman. Sie entfesselte damit die sog. Querelle du Roman de la Rose, den ersten Pariser Literatenstreit in der Geschichte der franz. Literatur, in den sie selbst mit ihrer Épître au dieu d'amours (ebenfalls 1399) eingriff. 1400 verfasste sie Le Dit de la rose, der die fiktive Gründung eines die Frauen beschützenden „Rosenordens“ beschreibt. Von 1404 datiert ein Traktat zur richtigen Erziehung der Mädchen, Le Livre des trois vertus. 1405 stellte sie ihr aus heutiger Sicht interessantestes Werk fertig, Le Livre de la Cité des dames, in dem sie an Protagonistinnen aus der biblischen und der antiken Geschichte die Fähigkeiten bedeutender Frauen vorführt und den utopischen Entwurf einer Gesellschaft entwickelt, die den Frauen gleiche Rechte gewährt.

1418, während einer der heißesten Phasen des Hundertjährigen Krieges, zog sie sich zu ihrer Tochter in ein Kloster unweit von Paris zurück.

Hier wurde sie 1429 noch Zeugin der Heldentaten von Jeanne d'Arc, der „Jungfrau von Orléans“, der sie nach schon längerem Schweigen einen Lobpreis widmete (Dictié en l'honneur de la Pucelle, 1429). Danach ist nichts mehr bekannt von ihr.

(Stand: Febr. 07)

Journal d'un bourgeois de Paris (1405–1449). Es ist das älteste erhaltene Tagebuch in franz. Sprache und berichtet aus der Perspektive eines namentlich unbekannten Pariser Klerikers vom Alltagsleben in einer schwierigen Zeit, die in und um Paris geprägt war durch fast pausenlose Kriege bzw. Bürgerkriege, Anarchie, Seuchen, Hunger und Not. Das Journal ist naturgemäß weniger als literarischer Text denn als Informationsquelle für Historiker interessant.

Alain Chartier (ca. 1385–1433)

Er ist als Lyriker und Erzähler mit Abstand der bedeutendste franz. Autor der Zeit um 1425 und galt als solcher auch schon bei den Zeitgenossen.

Chartier (der in Literaturgeschichten und Lexika häufig unter „Alain“ figuriert) stammte aus einer bürgerlichen Familie der normannischen Bischofstadt Bayeux. Wie sein ältester Bruder Guillaume, der später Bischof von Paris wurde, und sein älterer Bruder Thomas, der königlicher Notar wurde, studierte er in Paris. Spätestens um 1415 stand auch er in Beziehung zum Hof als Sekretär des Dauphins, des späteren Königs Charles VII. Diesem diente er praktisch sein ganzes Leben lang und reiste für ihn des öfteren als kompetenter Begleiter ranghöherer, aber weniger kompetenter Botschafter bzw. Unterhändler zu europäischen Fürsten. Zum Dank bekam er von Charles mehrere einträgliche Domherrenpfründen (die kumulierbar waren) verschafft. Er starb auf einer diplomatischen Reise in Avignon. Seine Existenz war überschattet von der schlimmsten Phase des Hundertjährigen Krieges zwischen den Kronen Englands und Frankreichs sowie dem darin eingebetteten innerfranzösischen Bürgerkrieg zwischen Bourguignons und Armagnacs.

Chartier begann als Lyriker im Stil der höfischen Lyrik der Zeit und betätigte sich sein ganzes Leben hindurch in praktisch allen ihren Gattungen (Balladen, Rondeaus, Virelais usw.). Der Grundton der meisten seiner Gedichte ist melancholisch.

Sein erstes längeres Werk war die Verserzählung Le Livre des quatre dames, die er 1416 in Paris verfasste, unter dem Schock der Niederlage eines weit überlegenen franz. Ritterheeres gegen die diszipliniert kämpfenden englischen Bogenschützen bei Azincourt (1415). Hierin berichtet ein Ich-Erzähler von vier Damen, die ihn zu entscheiden bitten, wer die Unglücklichste von ihnen sei: diejenige, deren Freund in der Schlacht gefallen ist, die, deren Freund seitdem vermisst wird, die, deren Freund dort in Gefangenschaft geraten ist, oder schließlich die, deren Freund sich durch feige Flucht gerettet hat.

1418 floh Chartier mit dem Dauphin Charles und dessen Gefolge vor den „Bourguignons“ aus Paris nach Bourges.

Hier schrieb er 1422 das Quadrilogue invectif, ein Vierergespräch zwischen den allegorischen Figuren le Clergé (=der kath. Klerus), la Chevalerie (=der Adel), le Peuple (=das Volk) und Dame France, wobei „Frau Frankreich“ den drei Anderen, d.h. den Franzosen insgesamt, ihre Uneinigkeit angesichts der wirren Verhältnisse in ihrem Land vorwirft. Dieses nämlich hatte 1420 beim Tod des geistesgestörten Charles VI zwei Könige bekommen: Über die Mitte und den Süden regierte von Bourges aus der Ex-Dauphin und Sohn von Charles VI, Charles VII. Im Norden und Westen dagegen herrschte von Paris aus und mit Hilfe englischer Truppen dessen Neffe, der kleine Henry VI., Sohn einer Tochter von Charles VI und des früh verstorbenen englischen Königs Henry V.

In die Literaturgeschichte eingegangen ist Chartier vor allem als Verfasser der Verserzählung La belle dame sans merci (=die gnadenlose schöne Dame), die er 1424 in Bourges verfasste, offenbar zur Zerstreuung des Hofes von Charles VII, der zu dieser Zeit kaum etwas tat, um seine Königsrechte durchzusetzen. Die 100 aus achtzeiligen Achtsilbern bestehenden Strophen („huitains“) enthalten eine kleine Rahmenhandlung um einen mit dem Autor identisch gedachten Ich-Erzähler, in die ein langer, angeblich von ihm belauschter Dialog zwischen einem Liebenden und seiner Dame eingebettet ist. Offensichtlich gelang Chartier mit diesen beiden Figuren eine epochemachende Gestaltung des Typs der spröden, sich verweigernden Frau, eben der „gnadenlosen Schönen“, sowie vor allem des schmachtenden Liebhabers, d.h. des abgewiesenen, sich aber nicht lösen könnenden und sich in seinem Unglück verzehrenden Liebenden, wobei dieser sich hier naiv auf die Ideale und Regeln der höfischen Liebe beruft, während jene ihnen ironisch-distanziert gegenübersteht. Die Belle dame sans merci war enorm erfolgreich und wurde in den nachfolgenden Jahrzehnten unendlich oft von anderen Autoren zitiert, plagiiert, pastichiert und parodiert; noch um 1540 wurde sie von Marguerite de Navarre in ihren Erzählungen als bekannt vorausgesetzt.

Auf die wirre politische Situation in Frankreich reagierte Chartier einmal mehr 1426 mit dem Lai de Paix (=Friedensgedicht), in dem er die französischen Fürsten zum Frieden und zur Einigung aufruft.

1429 machte er sich mit einer Lettre sur Jeanne zur Fürsprecherin von Jeanne d'Arc, der „Jungfrau von Orléans“, die Charles VII soeben zu Hilfe gekommen war, indem sie ihn aufgerüttelt und ihm mit Siegen über die Truppen von Henry VI. die symbolisch wichtige Krönung in der Kathedrale von Reims ermöglicht hatte.

(Stand: Mai 07)

Antoine de la Sale (ca. 1385 – ca. 1460

Er figuriert in der franz. Literaturgeschichte als Autor eines der besten und interessantesten erzählenden Texte seiner Zeit, den manche sogar als ersten modernen Roman betrachten: Le petit Jehan de Saintré (1456).

La Sale entstammte einer kleinadeligen Familie der Provence und verbrachte sein Leben weitgehend im Dienst von Fürsten. So war er zunächst Page und dann Schildknappe (écuyer) bei Herzog Louis II von Anjou († 1417) und diente diesem um 1415 auch als Offizier. Später wurde er Gefolgsmann (als Sekretär?) von Louis’ Sohn, Herzog Louis III († 1434), den er auf vielen Reisen begleitete. 1429/30 bekleidete er einen höheren Militär- und Verwaltungsposten in Arles.

Um 1435 wurde er zum Erzieher von Jean de Calabre, des ältesten Sohnes von Herzog (ab 1434) René I von Anjou ernannt. Für seinen fürstlichen Zögling begann er allerlei erbauliche, lehrreiche und/oder unterhaltsame Geschichten zu schreiben, die er 1441 unter dem witzigen Titel La Salade zusammenfasste.

1438 begleitete er Herzog René nach Neapel, wo jener die ihm angetragene Königskrone in Besitz nahm.

1448 verließ La Sale den Dienst der Anjous und wechselte in den eines burgundischen Granden, Louis de Luxembourg, Graf von Saint-Pol, von dem er zum Erzieher seiner Söhne bestellt wurde. Auch für diese schrieb er didaktisch intendierte erzählende Texte, die er 1451 als La Sale betitelt zusammenfasste. Über seinen Dienstherrn Louis kam er in Kontakt mit dem prächtigen Hof des reichen und mächtigen Herzogs Philippe le Bon (Philipp der Gute) von Burgund.

1456 stellte er im abgeklärten Alter um die 70 sein Hauptwerk fertig, den nicht allzu langen historischen Roman Le petit Jehan de Saintré. Die Handlung spielt Mitte des 14. Jh. und schildert relativ realistisch (im Vergleich zu den oft märchenhaften konventionellen Ritterromanen der Zeit) und mit einer deutlichen ironischen Distanz des Erzählers den Werdegang eines zunächst eher armen jungen Adeligen, der zum angesehenen Ritter aufsteigt: Jehan kommt mit 13 als Knappe an den königlichen Hof und gefällt hier einer reichen jungen Witwe, die ihn protegiert, managt und sponsort. Nachdem er zum Ritter geschlagen ist und sich in Turnieren sowohl am franz. als auch an fremden Höfen bewährt hat, wird er von ihr schließlich auch in die Künste der Liebe eingeführt. Als er aus eigenem Entschluss zu einer längeren Fahrt an den fernen kaiserlichen Hof aufbricht, zieht sich die Dame gekränkt auf ihre Güter zurück, wo sie aber bald der Liebeswerbung eines reichen und stattlichen bürgerlichen Priesters erliegt. Auf diesen stößt Jehan bei seiner Rückkehr und wird von ihm zweimal schmählich im Ringkampf besiegt. Unvorsichtigerweise lässt der Gegner sich auch auf einen Kampf mit ritterlichen Waffen ein, wo Jehan ihn seinerseits besiegen und demütigen kann. Danach rächt er sich an der Dame, indem er am Hof ihr wenig standesgemäßes Verhältnis mit dem bürgerlichen Priester bekannt macht. Dieser allerdings setzt, von seinen Wunden rasch genesen, sein Verhältnis mit der Dame fort.

Der heute als ein Juwel der Gattung geschätzte Roman erfuhr offenbar erst gegen Ende des 15. und Anfang des 16. Jh. eine gewisse Verbreitung in gedruckten Ausgaben, die vermutlich von einem überwiegend bürgerlichen Publikum gelesen wurden.

Die letzten Lebensjahre verbrachte La Sale in Châtelet-sur-Oise. Hier verfasste er 1457/58 für eine Dame, die ihren Sohn verloren hatte, das Trostbuch Le Reconfort [=Trost] de Madame de Fresne. 1459 stellte er ein weiteres didaktisches Werk fertig: Des anciens tournois et faicts d'armes, eine Art Lehrbuch der Wappenkunde und des höfischen Zeremoniells.

Die Satire Les quinze joyes du mariage und die Novellensammlung Cent nouvelles nouvelles, die ihm mitunter zugeschrieben wurden, sind höchstwahrscheinlich nicht von ihm.

(Stand: Mai 07)

Charles d'Orléans (*24.11.1394 in Paris; †5.1.1465 in Amboise)

Er wird heute gern (dank zwei oder drei Gedichten, die in diese Kategorie fallen und in Lesebüchern figurieren) als der erste franz. Verfasser von Naturlyrik gesehen. Zutreffender ist es jedoch, ihn mit seinen beiden allegorischen Traumgedichten und seinen zahlreichen Balladen, Chansons und Rondeaus als einen Vollender der mittelalterlichen Kunstform der höfischen Lyrik zu betrachten. Er war zudem einer der fruchtbarsten Lyriker seiner Zeit.

Charles war ältester Sohn des jüngeren Bruders von König Charles VI, Herzog Louis d’Orléans, und von Valentina Visconti, Tochter des Herzogs Gian Galeazzo von Mailand. Dank dem hohen Bildungsstand und dem Mäzenatentum beider Eltern kam er früh mit Literatur und Kunst in Berührung, aufgrund der hohen Position seiner Familie allerdings ebenso früh und meist schmerzhaft mit der Politik.

So musste er schon 1396 mit seiner Mutter Paris und den Hof verlassen, weil sie von der Königin beschuldigt wurde, Ursache der zunehmenden geistigen Verwirrung des jungen Königs Charles VI zu sein. 1406 wurde er ungefragt als knapp 12-Jähriger mit seiner knapp 17-jährigen Kusine Isabelle de France verlobt (die schon Witwe des 1399 abgesetzten und 1400 ermordeten englischen Königs Richard II war). 1407 verlor er seinen Vater, der auf offener Straße ermordet wurde im Auftrag eines Cousins, Herzogs Jean sans Peur von Burgund, der mit ihm am Hof um die Ausübung der Regierungsgeschäfte für den geistesgestörten König stritt. 1408 verlor er auch seine Mutter, die, erschöpft durch ihr vergebliches Ringen um die Bestrafung des vorerst siegreichen Herzogs Jean, einer Krankheit erlag. Kurz darauf heiratete er, doch starb ihm noch 1409 seine junge Frau im Kindbett, so dass er mit 15 Vollwaise, Witwer, Vater und Familienoberhaupt für seine kleine Tochter und seine vier jüngeren Geschwister war. Zugleich – als ältester Sohn eines ungesühnt ermordeten Mitglieds der königlichen Familie – avancierte er unfreiwillig zum Oberhaupt einer Rächerpartei, die in seinem Namen der ehrgeizige Graf Bernard d’Armagnac organisierte, der ihn zugleich mit seiner 11jährigen Tochter Bonne verheiratete, einer Kusine zweiten Grades (1410). Zur selben Zeit bewies Charles erstmals sein schriftstellerisches Talent, indem er in einem offenen Brief die größeren Städte Frankreichs ersuchte, ihm beizustehen in seinem Kampf um die Sühnung des Mordes.

In der Tat siegte seine Partei, die „Armagnacs“, 1413 fürs erste und Charles hielt Einzug am Hof in Paris. Hier, wo sich einige bekannte Lyriker, u.a. Alain Chartier (s.o.), betätigten, begann er 1414 zu dichten, und zwar Balladen an seine junge Frau Bonne, in die er sich (nach Vollzug der Ehe?) ganz offenbar verliebt hatte. Es sind Gedichte, die die Konventionen der höfischen Lyrik kunstvoll befolgen, aber dennoch einen persönlichen Klang besitzen. Ebenfalls seine Verliebtheit spiegelt die gereimte Traumerzählung La Retenue d'Amours (=Die Vereinnahmung [in den Lehensdienst] Amors).

Wenig später, im Okt. 1415, ereilte Charles im wieder einmal aufflammenden Hundertjährigen Krieg ein neuer Schicksalschlag. Er geriet in der englisch-franz. Schlacht von Azincourt (nahe Arras) in Gefangenschaft und wurde nach England gebracht, als Geisel der Könige Henry V bzw. später Henry VI, die ihn als Faustpfand einzusetzen gedachten gegenüber seinem Cousin, dem Dauphin und späteren (ab 1422) König Charles VII, der jedoch nichts für ihn tat  ̵  schon gar nicht, nachdem ab 1429 dank Jeanne d’Arc das Kriegsglück sich zu Frankreichs Gunsten wendete.

In den 25 Jahren, die Charles in England auf verschiedenen Burgen bei häufig wechselnden Gastgebern-Bewachern verlebte, dichtete er zunächst weiter Balladen, die in oft sehr anrührender Weise überwiegend um die Themen Liebe, Trennung, Sehnsucht und Heimweh kreisen. Später, nachdem er seine Hoffnungen auf einen möglichen Besuch Bonnes in England hatte aufgeben müssen und er (1432?) erneut Witwer geworden war, verfasste er auch Chansons (zum Teil in englischer Sprache) an eine englische Dame, in die er sich verliebt hatte.

Als diese aus seiner Umgebung entfernt worden war und 1437 auch ein Eheprojekt mit der verwitweten Marguerite de Savoie scheiterte, schrieb Charles frustriert eine „Traumerzählung in Klageform“ (Songe en complainte), ein Gegenstück zur Retenue von einst. Hierin bittet er Amor, ihn aus seinem Dienst zu entlassen, und gelobt Verzicht auf „alles, was mit Liebe zu tun hat“.

1440 endlich wurde er, als Geisel offenbar nutzlos geworden, gegen das enorme Lösegeld von 200.000 Goldtalern freigelassen. Er bekam es vorgeschossen von Herzog Philippe le Bon von Burgund, seinem Cousin zweiten Grades und Sohn des 1419 selber ermordeten Mörders seines Vaters. Zum Dank ließ er sich von Philippe, dem daran gelegen war, ihn an sich zu binden, mit dessen Nichte Maria von Kleve verheiraten.

Charles hatte bei seiner Heimkehr gehofft, er könne Frieden zwischen den Kronen Englands und Frankreichs stiften, darüberhinaus das mit England verbündete, praktisch souveräne Herzogtum Burgund wieder an Frankreich heranführen und insgesamt eine seinem Status gemäße Position neben seinem Cousin König Charles VII einnehmen. Doch er scheiterte er an dem Misstrauen, das dieser ihm als vermeintlichem Parteigänger Burgunds entgegenbrachte. Auch die 1447/48 unternommenen Versuche Charles’, seine von der Mutter geerbten Ansprüche in Norditalien durchzusetzen, blieben mangels Unterstützung des Königs erfolglos. Er zog sich enttäuscht fast völlig auf sein Schloss in Blois zurück.

Hier verarbeitete er seine wechselnden, häufig melancholischen Stimmungen und Gedanken in zahlreichen Balladen und, mehr und mehr, in Rondeaus, die wie Seiten eines poetischen Tagebuchs und damit sehr authentisch wirken, aber virtuos alle Möglichkeiten der Gattung ausschöpfen. Zugleich versuchte er nicht ohne Erfolg, seinen Hof zu einem literarischen Zentrum zu machen, indem er Dichter aus ganz Frankreich zu kürzeren und längeren Besuchen bei sich aufnahm, darunter François Villon (s.u.). Auch seine Höflinge und Freunde sowie seine Gattin Marie hielt er zum Versemachen an.

Schon um 1445 hatte er seine bis dahin verfassten Gedichte und Dichtungen von einem Kalligraphen in ein Sammelmanuskript kopieren lassen. In dieses (das erhalten ist) ließ er anschließend auch seine jeweils neuen Balladen und Rondeaus sowie die Gedichte von Gästen und Höflingen eintragen oder tat es gelegentlich selbst bzw. ließ es die betreffenden Autoren tun. Viele dieser jüngeren Texte sind Repliken auf den oder die jeweils vorangehenden eigenen oder fremden Texte, bilden also Paare oder Gruppen, die thematisch und häufig auch situativ zusammenhängen. Bekannt ist die Ende 1457 entstandene Gruppe von elf Balladen zum Thema „Durst an der Quelle“, die offenbar Ergebnis eines Wettdichtens war, an dem sich auch Villon beteiligte (der kurz danach in Unfrieden gegangen zu sein scheint).

1457, 59 und 62 wurde Charles noch Vater, nachdem er sein Verzichtgelöbnis von 1437, das er während der ersten 16 Jahre seiner Ehe offenbar einhielt, endlich doch gebrochen hatte. Er erkrankte und starb Anfang 1465 auf der winterlichen Heimreise von einem Fürstentreffen in Tours, wo er vom neuen König Louis XI öffentlich gedemütigt worden war. Schon einige Jahre zuvor hatte er (anscheinend bald nach dem Zerwürfnis mit Villon) der Dichtkunst den Abschied erklärt.

Sein Sohn Herzog Louis d’Orléans (1462-1515) übernahm 1498 die Königskrone von seinem erbenlos verstorbenen Neffen zweiten Grades Charles VIII.

(Stand: Jan. 09)

Arnoul Gréban (ca. 1420 – ca. 1470).

Er ist vor allem bekannt als Autor des gegen 1450 entstandenen Passionsspiels Le Mystère de la Passion. Das monumentale Werk, in dem nicht nur die eigentliche Passion dargestellt wird, sondern das ganze Leben Christi samt den der Geburt vorangehenden und der Kreuzigung folgenden Episoden, ist ein Höhepunkt des mittelalterlichen Passionsspiels. Es umfasst an die 35.000 Verse, enthält 393 verschiedene Rollen und erforderte 4 Tage Spielzeit. Aufführungsort war Paris, wo Gréban als Organist von Notre-Dame tätig war und wo seit 1436, d.h. der Vertreibung der englischen Truppen aus der Stadt, nach jahrzehntelangem Bürgerkrieg und Krieg, endlich wieder Frieden herrschte.

Auch andere franz. Städte, z.B. Arras, hatten damals ihre Mysterien- und Passionsspiele, von denen viele sich am Vorbild Grébans orientierten.

François Villon (1431 – ca. 1463).

Der eigentliche Nachname (Montcorbier? Monterbier? Des Loges?) dieses wohl jedem Franzosen und auch vielen Deutschen bekannten Dichters steht nicht fest.

Laut eigener Aussage in kleinsten Verhältnissen in Paris geboren, muss François, nach frühem Tod seines Vaters, in die Obhut des Pariser Stiftsherrn und Kirchenrechtsdozenten Guillaume de Villon gelangt sein, dessen Namen er spätestens ab 1455 benutzte und den er 1461 halb ironisch, halb liebevoll als seinen "plus que père" (mehr als ein Vater) bezeichnete. Offenbar dank der Fürsorge Guillaumes erhielt er eine gute Bildung und brachte es bis zum Magister an der propädeutische Studien vermittelnden Artistenfakultät.

Statt jedoch sein anschließend begonnenes Fachstudium, wohl der Theologie, zu Ende zu führen, glitt er, vermutlich während des langen Vorlesungsstreiks der Pariser Professoren 1453/54, ab ins Kriminellenmilieu. Nach einer Messerstecherei mit tödlichem Ausgang für seinen Gegner, einen ebenfalls messerbewaffneten Priester, verließ er im Juni 1455 Paris, konnte aber Anfang 56 dank zweier (erhaltener) königlicher Freibriefe zurückkehren.

Ende 1456 beteiligte er sich an einem (in erhaltenen Dokumenten beschriebenen) Einbruch mit stattlicher Beute und verschwand kurz darauf von neuem aus der Stadt. Hierbei hinterließ er den Kumpanen im Milieu sein erstes längeres Werk: Le Lais (=das Legat) oder Le petit testament.

Ende 1457 saß er offenbar zum Tode verurteilt in einem Kerker von Herzog Charles d'Orléans (s.o.), wurde aber von ihm amnestiert und sogar für kurze Zeit – denn  Charles selbst war Lyriker – an seinen Hof in Blois aufgenommen, wo er einige Gedichte verfasste, ehe er offenbar in Ungnade fiel und gehen musste.

1458–60 führte er wohl ein unstetes Wander- und Gaunerleben, 1461 finden wir ihn wieder im Kerker, diesmal dem des Bischofs von Orléans in Meung-sur-Loire, aus dem ihn Anfang Oktober ein Gnadenakt des durchreisenden Königs Louis XI befreite.

Zurück in Paris oder Umgebung, versuchte er sich zu resozialisieren, scheiterte aber und schrieb sein Hauptwerk, Le Testament.

Im November 1462 saß er (laut erhaltenem Dokument) wegen Diebstahls im Pariser Stadtgefängnis. Kurz nach seiner Freilassung zogen ihn (wie ein erhaltenes Dokument beschreibt) Kumpane in eine Schlägerei hinein, in der ein päpstlicher Notar einen Messerstich abkriegte. Villon wurde erneut eingekerkert, offenbar gefoltert und sogar zum Tode verurteilt, aber Anfang 1463 dank eingelegter Berufung zu zehn Jahren Verbannung begnadigt. Hiernach verliert sich seine Spur.

Sein erhaltenes Œuvre ist schmal. Es umfasst:

1) das Ende 1456/Anfang 57 vor seinem Fortgehen aus Paris für das Gaunermilieu geschriebene spöttisch-parodistische Vermächtnis Le Lais (320 Verse);

2) das im Herbst 1461 in oder bei Paris wohl für potentielle Gönner begonnene, dann aber ebenfalls vor allem fürs Milieu verfasste, halb elegische, halb satirische, zahlreiche eingestreute Balladen enthaltende Pseudo-Testament Le Testament (2023 Verse);

3) sechzehn zwischen 1455 und 1463 entstandene Gedichte (meist Balladen), von denen einige an Herzog Charles d'Orléans gerichtet sind und z.T. an dessen Hof in Blois verfasst wurden;

4) elf schwer verständliche Balladen im Gaunerjargon, die Villon wohl 1462 in der Rolle eines Gauners für das Pariser Gaunermilieu, und speziell die Maffia der "Muschelbrüder", gedichtet hat.

Vor allem das Testament (das ab 1489 zusammen mit dem Lais und einigen anderen Texten Villons auch gedruckt vorlag) war ein beachtlicher Bucherfolg im Paris des späten 15. Jh., zweifellos aufgrund Villons witziger und bissiger Hiebe auf viele, namentlich genannte Pariser Honoratioren, die mit satirischen Legaten bedacht werden, welche ihre tatsächlichen und angeblichen Schwächen und Laster aufdecken.

Formal sind die Texte Villons eher schlicht und konventionell, auch wenn er ein beachtlicher Reimkünstler ist. Seine Genialität zeigt er vor allem in der ungewöhnlichen Prägnanz, Lebendigkeit und Ausdruckskraft der Bilder und der Sprache. Da seine Texte fast allesamt prekäre Momente oder Krisenphasen einer bewegten Existenz verarbeiten und den Eindruck einer starken persönlichen Betroffenheit des Autors vermitteln, sprechen sie auch heutige Leser noch an. Villon wird deshalb oft als erster moderner Lyriker betrachtet.

Dank einiger Plagiate Bert Brechts aus der ersten deutschen Villon-Übertragung K. L. Ammers von 1907 und vor allem aufgrund der sehr freien, aber farbigen Villon-Nachdichtungen des expressionistischen Lyrikers (1931 und 1962) ist sein Name heute auch im deutschen Sprachraum gut bekannt.

P.S.: Vgl. auch meine sehr viel ausführlichere Webseite François Villon, Leben und Werk  (http://www.pinkernell.de/villon/Villond.htm) sowie meine Bücher François Villons LAIS. Versuch einer Gesamtdeutung (Heidelberg 1979), François Villon et Charles d'Orléans (Heidelberg 1992) und François Villon: Biographie critique et autres études (Heidelberg 2002). Vgl. darüberhinaus im Anhang dieses Repertoriums meine Studie zu Paul Zechs Lasterhaften Balladen und Liedern des F. V.

Raoul Lefèvre († ca. 1465).

Dieser kaum mehr bekannte Autor (von dem wir nichts weiter wissen, als dass er aus dem äußersten Norden des franz. Sprachgebietes stammte, Kleriker war und um 1460 mit dem Hof der Burgunder-Herzöge in Verbindung stand) ist interessant als Verfasser von L'Histoire de Jason (ca. 1460).

Es ist ein heute kurios und hybrid wirkender, für die Zeitgenossen offensichtlich aber kaum befremdlicher Roman um den antiken griechischen Sagenhelden Jason, der einst im fernen Kolchis mit Hilfe Medeas das Goldene Vlies erkämpft hatte, seine Helferin dann geheiratet, später aber für eine andere Frau verlassen hatte.

Das Herzog Philippe de Bourgogne (=Philipp der Gute, 1419–1467) gewidmete Werk, das ganz im Stil der zeitgenössischen Ritterromane geschrieben ist und den mythologischen Stoff mit vielen selbsterfundenen Episoden anreichert, hatte offensichtlich die Funktion, Jasons Untreue zu relativieren und zu entschuldigen. Das wiederum sollte die Ehre dieses Schutzpatrons des Ordens vom Goldenen Vlies retten, den Herzog Philippe 1429 gegründet hatte, um darin den Adel seiner sehr heterogenen Territorien zu vereinigen, zu denen außer der Bourgogne und der Franche Comté auch Teile der Picardie, Flandern sowie das jetzige Belgien, Holland und Luxemburg gehörten.

Kurze Zeit nach dem Jason verfasste Lefèvre ein weiteres romanartiges Werk mit mythologischem Stoff, den unvollendeten Recueil des histoires de Troie, den er ebenfalls Herzog Philippe widmete. Dessen prächtiger und unterhaltungsbedürftiger, überwiegend frankophoner Brüsseler Hof war um 1450 ein bedeutendes, wenn nicht das bedeutendste Zentrum der franz.sprachigen Literatur.

Lefèvres Jason war übrigens durchaus erfolgreich: er ist nicht nur in mehreren Handschriften überliefert (darunter dem Widmungsexemplar, das offenbar vom Autor selbst geschrieben wurde), sondern erlebte zwischen 1476 und 1530 sieben Druckauflagen. Eine von William Caxton, dem ersten englischen Buchdrucker, verfasste Übersetzung des Jason war 1477 das erste auf englischem Boden gedruckte Buch.

Vgl. hierzu: Gert Pinkernell (Hrsg.), Raoul Lefèvres Histoire de Jason. Ein Roman aus dem 15. Jh. (Frankfurt 1971)

Les cent nouvelles nouvelles (ca. 1462). Diese anonyme Novellensammlung in der Tradition von Giovanni Boccaccios berühmtem Novellenbuch Il Decamerone (das um 1440 von Laurent de Premierfait ins Franz. übersetzt worden war) ist das erste eigenständige Unternehmen dieser Art in der franz. Literatur und wurde verfasst für den meist in Brüssel residierenden Hof der Burgunder-Herzöge Philippe le Bon (bzw. Philipp der Gute, † 1467) und seines Nachfolgers Charles le Téméraire (bzw. Karl der Kühne, † 1477).

P.S.: Der Brüsseler Hof büßte übrigens nach dem frühen Tod von Herzog Charles seine Rolle als Zentrum der französischsprachigen Literatur ziemlich bald ein, da nach der Heirat von Charles' Tochter Marie de Bourgogne mit Maximilian von Habsburg die eigentliche Bourgogne an Frankreich zurückfiel und die anderen, überwiegend niederländischsprachigen Territorien des burgundischen Herrschaftsgebietes sich mehr nach Deutschland hin orientierten (wobei Brüssel auch weiterhin deren Macht- und Verwaltungszentrum blieb).

La Farce de Maître Pierre Pathelin (ca. 1465, anonym, mitunter fälschlich François Villon zugeschrieben).

Das kleine Theaterstück ist ein erstes Meisterwerk der Gattung Farce, d.h. einer überwiegend von der Situationskomik lebenden Kurzkomödie. Es behandelt witzig und mit allen Raffinessen der Situationskomik das vielgestaltige Motiv vom betrogenen Betrüger in einer Vier-Personen-Konstellation aus einem dümmlichen Tuchhändler, dem gerissenen Winkeladvokaten Pathelin, seiner pfiffigen Frau und einem scheinbar naiven, bauernschlauen Hirten, der sie schließlich alle in die Tasche steckt.

Die Gattung Farce à la Pathelin wird in der Folgezeit sehr gute Konjunktur haben; ihre Techniken und Gags werden noch von Molière in seinen Stücken benutzt. Der Name Pathelin ist übrigens als Adjektiv (patelin,e = geheuchelt naiv-nett) ins franz. Lexikon eingegangen.

1470–1480 Blütezeit der Dichterschule der sog. Rhétoriqueurs am burgundischen Hof in Brüssel. Die Rhétoriqueurs sind eine der ersten für die spätere franz. Literatur so typischen Dichtergruppen (die sich dann jedoch in aller Regel in Paris konstituieren werden). Gemäß ihrer Funktion als Hofdichter und ihrer Betonung des technischen, quasi kunsthandwerklichen Aspekts des Dichtens verfassen sie meist pompöse, manieristisch ausgefeilte Gedichte zu festlichen und sonstigen Anlässen. Die wichtigsten Namen sind Georges Chastellain (ca. 1410–1475) und Jean Molinet (1435–1507). Beide sind auch als Verfasser von umfangreichen Chroniken ihrer Zeit bekannt, Chroniken, die im Sinne ihrer „burgundischen“ Auftraggeber Herzog Philippe le Bon, Herzog Charles le Téméraire und dessen Tochter Marie de Bourgogne eine antifranzösische Tendenz haben; d.h. sie attackieren vor allem den 1461–1483 herrschenden König Louis XI, der es auf eine Zerstörung und weitgehende Annexion des burgundischen Herrschaftsgebietes abgesehen hatte.

P.S.: Dieses bildete um 1470 einen de facto selbständigen Staat, dessen Territorien de jure aber etwa je zur Hälfte auf dem Boden des Königreichs Frankreich und dem des deutschem Reiches lagen. Louis XI hatte übrigens nach dem Tod von Charles le Téméraire 1477 versucht, dessen Erbin Marie mit seinem kleinen Sohn, dem späteren Charles VIII, zu verheiraten, war aber von Maximilian von Habsburg, dem späteren Kaiser, ausgestochen worden. Für das Haus Habsburg war diese Heirat, d.h. die mit ihr verbundene territoriale Mitgift, einer jener Fischzüge – später folgten noch andere, z.B. Spanien, Böhmen und Ungarn – die den Spruch entstehen ließen „Bella gerant alii, tu felix Austria nube!“ – „Andere mögen Kriege führen, du glückliches Österreich [=Habsburg] heirate!“

Philippe de Commynes (1447; †18.10.1511 auf Schloss Argenton).

Er gilt als einer der Vorläufer der modernen Geschichtsschreibung und als Verfasser der ersten franz. Memoiren im modernen Sinne mit seinem Werk Les memoires sur les principaux faicts et gestes de Louis onzieme et de Charles huitieme, son filz, roys de France.

Er wurde geboren in der Grafschaft Flandern, die zum damaligen Herzogtum Burgund gehörte, einem quasi selbständigen Territorium zwischen Frankreich und dem Deutschen Reich. Er stammte aus einer Familie von Amtsträgern im Dienst der Herzöge und kam selber schon als Jugendlicher an den herzoglichen Hof in Brüssel, wo er als Knappe dem angehenden Herzog Karl dem Kühnen zugeordnet wurde (frz. Charles le Téméraire, 1433-77, Herzog ab 1467). Trotz seiner Jugend entwickelte er ein enges Vertrauensverhältnis zu seinem Fürsten. So soll er ihn 1468 erfolgreich davon abgehalten haben, dem französischen König Louis XI nach dem Leben zu trachten, als jener in Péronne in burgundische Gefangenschaft geraten war.

1472 verließ Commynes Herzog Karl überraschend und wechselte in den Dienst von dessen Erzfeind König Louis, was für damalige Verhältnisse ein ungeheuerlicher Treuebruch war. Dank seiner intimen Kenntnis der Person und der Pläne Karls konnte er den verschlagenen und politisch geschickten Louis beraten bei seinen militärischen und diplomatischen Aktionen gegen Burgund, die nicht unbeteiligt waren an Karls Niederlage und Tod 1477.

Zugleich entwickelte er sich dank der Kontakte, die er am franz. Hof zu den Botschaftern der diversen italienischen Staaten pflegte, zu einem Kenner der dortigen Verhältnisse. 1478 reiste er seinerseits als Botschafter nach Turin, Mailand und Florenz.

Zum Lohn für seine Dienste erhielt er von Louis größere Besitzungen übereignet, so dass er in den höheren Adel einheiraten konnte.

Nach dem Tod seines Gönners Louis (1483) fand Commynes keinen angemessenen Platz unter dem neuen jungen König Charles VIII bzw. seiner zunächst die Regentschaft führenden älteren Schwester Anne de Beaujeu. Er bekam große Teile seines Besitzes wieder abgenommen und beteiligte sich 1488 an den Intrigen und bewaffneten Kämpfen des französischen Hochadels gegen die Regentin. Hierbei wurde er vorübergehend gefangen gesetzt und vom Hof verbannt. In dieser Situation begann er 1489 mit der Abfassung jenes Teiles seiner Erinnerungen, der seine Zeit bei Herzog Karl und bei König Louis beschreibt, die er als Fürsten darstellt, die es verdienen, dass man sich von ihnen ab- bzw. ihnen zuwendet, weshalb er z.B. an passender Stelle auch andere Überläufer anführt und ihre Motive analysiert.

1492 erhielt er wieder Zutritt zum Hof. Als Charles VIII 1494 einen Feldzug nach Italien unternahm, um längst obsolet geglaubte franz. Ansprüche auf die Krone des Königreichs Neapel geltend zu machen, wurde Commynes als Botschafter nach Venedig geschickt, um den mächtigen Stadtstaat zu bewegen, neutral zu bleiben zwischen Frankreich und der rasch entstandenen gegnerischen „Heiligen Liga“ aus dem Haus Habsburg, dem Haus Aragón und dem Papst (als Herrscher des mittelitalienischen Kirchenstaates und territorialer Nachbar Neapels). Seine Mission blieb jedoch erfolglos. Die Franzosen mussten Neapel vorerst wieder räumen.

Zurück aus Venedig, griff Commynes wieder zur Feder und verfasste von Ende 1495 bis Ende 98 den zweiten Teil (Buch VII und VIII) der Memoiren, worin er seine Zeit unter Charles VIII schildert, insbes. die Vorbereitung und Durchführung des Italienfeldzuges sowie seine Tätigkeit als Diplomat. Ein zentrales Motiv scheint hierbei sein Bedürfnis, seinen Misserfolg in Venedig zu erklären, so wie er vorher nicht zuletzt seine Untreue gegenüber Herzog Karl zu rechtfertigen versucht hatte. Ein großes Interesse Commynes’ gilt aber auch den Existenzbedingungen und Motivationen der Fürsten, die er kennen gelernt hatte, bzw. allgemein der Psychologie der Herrscher.

Die Erinnerungen kamen erst 1524/25, also postum, heraus. Sie wurden jahrhundertelang immer wieder nachgedruckt und als eine Art Lehrbuch für Politik und (Geheim-)Diplomatie gelesen.

(Stand: Sept. 10)

16. Jahrhundert (Renaissance)

Jean Lemaire de Belges (* ca. 1473 im Hennegau/Hainaut im heutigen Belgien; † nach 1515).

Lemaire wurde erzogen von seinem Onkel, dem bekannten Chronisten und Rhétoriqueur Jean Molinet. Nach Studien in Paris bekleidete er Ämter bei verschiedenen Fürsten, insbesondere der Regentin der Niederlande, Margarete von Habsburg1), und der französischen Königin Anne de Bretagne2). 1506 und 1508 reiste er in Italien und kam dort mit der voll erblühten italienischen Renaissance-Kultur in Berührung.

Er begann als Lyriker im Stil der sog. Rhétoriqueurs, d.h. Verfasser meist pompöser Gedichte für ein höfisches Publikum, und führte 1504 die italienische Form der Terzine in die franz.sprachige Lyrik ein. 1505 verfasste er die heiter-melancholischen Lettres de l'amant vert (dt. Briefe des grünen Liebhabers), fiktive Briefe des realen grünen Papageis von Margarete, der angeblich wegen einer langen Abwesenheit seines Frauchens vor Gram stirbt und dann von seinen Erlebnissen aus dem Jenseits berichtet.

Lemaires Name ist vor allem aber verbunden mit dem zu seiner Zeit vielgelesenen Werk Les illustrations de Gaule et singularités de Troye (1511–13; dt. etwa: Die Ruhmesblätter Galliens und die Einzigartigkeiten Trojas). Es ist eine Nacherzählung der sich um Troja rankenden Geschichten (Buch I und II), gefolgt von einer Genealogie der Gründer Galliens und des Frankenreichs bis hin zu Karl dem Großen (Buch III). Lemaire verknüpft Trojaner und Franken über die Figur des Francus, eines (bei Homer nicht erwähnten) angeblichen Sohnes von Hektor, der sich zusammen mit dem späteren Rom-Gründer Äneas aus dem von den Griechen eroberten Troja gerettet habe, um seinerseits das alte Gallien zu gründen, dessen Fortführung wiederum das frühmittelalterliche Francia, das Frankenreich, gewesen sei.

Die Illustrations stützen sich auf viele im heutigen Sinne pseudoantike und pseudohistorische Quellen (z.B. eine zeitgenössische lateinische Ilias-Bearbeitung). Sie sind motiviert vom Wunschtraum des Autors, das alte Frankenreich, also Frankreich, Deutschland und die Niederlande (d.h. etwa die jetzigen Benelux-Staaten) wieder zu vereinen, und sei es zunächst nur zum Zweck eines gemeinsamen Kreuzzugs gegen die Türken, die 1453 das christliche Byzanz (heute Istanbul) erobert hatten.

Lemaire begann die Illustrations 1505 als Sekretär Margaretes in den Niederlanden und stellte sie fertig als Sekretär und Chronist der französischen Königin Anne. Er selber bildete also gewissermaßen eine Klammer zwischen dem Ost- und dem Westteil des alten Frankenreichs (das sich unter Karl dem Großen um 800 von Lübeck bis Barcelona und von Brest bis Rom erstreckt hatte).

Um 1550 wurden die Illustrations eine wesentliche Inspirationsquelle für Pierre de Ronsard (s.u.), der mit seinem (unvollendeten) Versepos La Franciade den Franzosen ein nationales Epos zu geben versuchte.

1509 und 1511 unterstützte Lemaire literarisch-propagandistisch Annes Gatten, König Louis XII, und versuchte dessen Eroberungskrieg in Norditalien zu rechtfertigen sowie seine Bestrebungen schönzureden, eine von Rom (denn der Papst zählte zu seinen Kriegsgegnern) relativ unabhängige franz. Kirche zu schaffen, etwa im Sinne des späteren Gallikanismus.

1) Margarete von Habsburg (1480–1530) war Tochter Maximilians von Habsburg und der Herzogin Maria von Burgund. Sie wurde mit außenpolitischen Intentionen schon als Kind verheiratet mit dem jungen franz. König Charles VIII und kam so an den franz. Hof. Als Charles 1491 aus politischen Gründen die noch nicht vollzogene Ehe mit ihr vom Papst auflösen ließ und die Erb-Herzogin Anne de Bretagne (s.u.) heiratete, wurde Margarete zu ihren Eltern zurückgeschickt. 1495 wurde sie mit dem spanischen Thronerben Juan vermählt, der aber zwei Jahre später starb. 1501 heiratete sie Herzog Philibert von Savoyen und wurde bald darauf erneut Witwe. Als 1506 ihr älterer Bruder Philipp der Schöne starb, der 1496 mit Johanna der Wahnsinnigen vermählt worden war, die als spanische Thronerbin nachgerückt war, wurde Margarete Vormund von Philipps Kindern, insbes. ihres Neffen Karl (der 1516 König von Spanien und 1519 deutscher Kaiser wurde). Zugleich wurde sie Regentin der Niederlande, wo sie bis zu ihrem Tod mit Geschick und Energie amtierte und sich als Mäzenin betätigte.

2) Anne de Bretagne (1476-1514) war einziges Kind und damit Erbin von Herzog François de Bretagne. 1490 wurde sie mit dem verwitweten deutschen König und späteren Kaiser Maximilian verlobt, dann aber 1491 handstreichartig mit dem franz. König Charles VIII verheiratet, wodurch die quasi selbständige Bretagne zum integrierenden Bestandteil Frankreichs wurde. Mit Charles hatte sie mehrere Kinder, von denen aber keines überlebte. Als Charles 1498 starb, heiratete Anne seinen Cousin zweiten Grades und Nachfolger, König Louis XII, mit dem sie zwei Töchter bekam: Claude, die mit ihrem entfernten Cousin und präsumptiven Thronfolger François d’Angoulême (später König François Ier) verheiratet wurde, und Renée, die Herzogin von Ferrara wurde (und dort in den 1530/40er Jahren protestantischen Intellektuellen Unterschlupf bot).

3) Louis XII (1462-1515, König ab 1498) hatte von seinem Vater Charles d'Orléans († 1464) Ansprüche auf das Herzogtum Mailand geerbt, das er 1499 überfiel und besetzte. 1504 versuchte er auch das Königreich Neapel zu erobern (das schon sein Vorgänger Charles VIII beansprucht und 1494 zu erobern versucht hatte). Hierauf reagierten 1511 der Papst (als Oberhaupt des Kirchenstaates) und die Republik Venedig, aber auch Österreich, Spanien und England mit dem Bündnis der „Heiligen Liga“, das die Franzosen aus Italien vertrieb (bis Louis’ Schwiegersohn und Nachfolger François Ier 1515 die franz. Expansionspolitik sogleich, aber letztlich ebenfalls erfolglos, wieder aufnahm).

Pierre Gringore (ca. 1475 – ca. 1538).

Sein Name ist bzw. war im 19./20. Jh. vielen Franzosen dadurch bekannt, dass Victor Hugo ihn als "Gringoire" in seinem vielgelesenen historischen Roman Notre-Dame de Paris (1831) auftreten lässt, und zwar als Typ des inmitten des Pariser Volkes lebenden Dichters und Intellektuellen.

Gringores bekanntestes Werk ist das vielleicht erste politisch intendierte Stück der franz. Literatur: Le Jeu du prince des sots et de mère sotte (1512, 1831 von einem anderen Romantiker, Gérard de Nerval, bearbeitet). Le Jeu ist ein Fastnachtsspiel und zugleich eine pro-französische Satire gegen Papst Julius II, der im Stück in der lächerlichen Rolle der "mère sotte" auftritt, weil er zum Ärger der Franzosen gerade erfolgreich das Militärbündnis der "Heiligen Liga" gegen Louis XII und dessen Expansionsversuche in Nord- und Süditalien zusammengebracht hatte. Gringore ist aber auch Lyriker, u.a. als Verfasser vieler politisch-satirischer Gedichte. Er war zudem viele Jahre als Texter und Organisator von Passionsspielen, vor allem aber der jährlichen Fastnachtsspiele der Pariser Vereinigung der "enfants sans souci" tätig.

Jacques Lefèvre d’Étaples (*ca. 1450 oder 1455 in Étaples/Picardie; † 1536 in Nérac).

Er war einer der ersten franz. Humanisten. Sein Name verbindet sich jedoch vor allem mit der ersten vollständigen franz. Übersetzung  der Bibel (1523–30).

Nach Theologiestudiem und der Priesterweihe in Paris wurde Lefèvre Dozent für Philosophie an einem Kolleg der Sorbonne. Daneben begann er bei einem der neu aus Italien nach Paris gekommenen Gräzisten Altgriechisch zu lernen. Vielleicht schon vor 1486, auf jeden Fall aber 1491 und 1499 unternahm er Bildungsreisen nach Padua und Pavia als Zentren der in Italien schon voll erblühten humanistischen Gelehrsamkeit. Zurück in Paris wurde er auch selber als humanistischer Gelehrter aktiv insbes. mit textkritischen Editionen zentraler Schriften des griechischen Philosophen Aristoteles, die er zudem, unter Abkehr von den erstarrten scholastischen mittelalterlichen Deutungstraditionen, neu kommentierte. Spätestens 1505 wurde er Mittelpunkt eines kleinen Kreises humanistisch interessierter Adeliger, Theologen und Juristen, darunter Guillaume Budé, der 1530 mit Unterstützung von König François Ier das Collège des trois langues gründete, die erste an den Universitäten vorbei eingerichtete Hochschule Frankreichs.

Ein anderer Getreuer war Guillaume Briçonnet (1470-1534), Bischof von Lodève in Südfrankreich, der sich meistens aber in Paris aufhielt, um am Hof präsent zu sein. Als Briçonnet 1507 auch die Pfründe des Abtes der Benediktinerabtei Saint-Germain-des-Prés vor den Toren der Stadt erhielt, ließ sich Lefèvre dort nieder und half ihm bei der Einführung eines strenger am Evangelium orientierten Ordenslebens. Zugleich erarbeitete und publizierte er textkritische und kommentierte Editionen von Teilen der Bibel: 1509 die Psalmen, bei denen ihm klar wurde, dass die mittelalterliche Deutung des Alten Testaments auf vier verschiedenen Sinnebenen artifiziell und deshalb unhaltbar war; 1512 die Paulus-Briefe, an denen ihm bewusst wurde, dass viele Dogmen und Regeln der Kirche nicht der Bibel entsprachen und dass für das Seelenheil des Menschen der Glaube wichtiger sei als gute Werke.

1521 wurde Briçonnet, der die Gunst von François Ier besaß und Beichtvater von dessen Schwester Marguerite d’Alençon war, zum Bischof von Meaux befördert. Als er konsequent vor Ort zu residieren und sein Bistum im Sinne der aus Deutschland herüberstrahlenden Ideen Luthers zu evangelisieren beschloss, folgte ihm Lefèvre. Er wurde Mitglied des Kreises reformwilliger Theologen und Gelehrter um den Bischof  sowie sein Generalvikar .

Zugleich arbeitete er an einer Übersetzung der Bibel, zunächst des Neuen Testaments, wobei er von der quasi offiziellen lateinischen Version, der „Vulgata“, ausging, die gegen 400 n. Chr. Hieronymus nach den griechischen und hebräischen Texten hergestellt hatte. Mit seiner Übersetzung verfolgte er, ganz wie der fast zeitgleich tätige Luther (der allerdings von den griechischen Originaltexten ausging) die typisch reformatorische Absicht, den Gläubigen die Möglichkeit zu geben, selbst die Bibel zu lesen oder sich vorlesen zu lassen und sie ohne die Vermittlung der katholischen Geistlichkeit und ihrer Deutungskonventionen auszulegen. Als er 1523 ohne Genehmigung (die er auch kaum erhalten hätte) sein Neues Testament drucken ließ, wurde er von der Sorbonne, die inzwischen agressiv ihre Deutungshoheit verteidigte, zum Ketzer erklärt.

Auch sein Gönner Briçonnet wurde zunehmend angefeindet, u.a. weil er die Franziskaner aus seinem Bistum verbannt und Anhänger des kürzlich exkommunizierten Luthers predigen lassen hatte. Als ihm 1525 vorübergehend die Rückendeckung des Königs fehlte, der bei der Schlacht von Pavia in die Gefangenschaft von Kaiser Karl V. geraten war, musste er seinen konservativen Gegnern in der Sorbonne und dem Pariser Parlement Konzessionen machen und sich dezidiert von Luther lossagen. Als zugleich ein Mitglied seines Kreises verhaftet wurde, hielt es Lefèvre, zusammen mit anderen, für geraten, aus Meaux zu verschwinden. Er flüchtete in die freie Reichsstadt Straßburg, eine Hochburg des Humanismus und seit kurzem auch der Reformation.

Nach der Rückkehr des Königs 1526 konnte auch er nach Frankreich zurück und wurde mit dem Posten eines Bibliothekars der königlichen Bibliothek in Blois versorgt. 1529 folgte er der Einladung Marguerites, die 1527 in zweiter Ehe Königin des Restkönigreiches Navarra geworden war, und ging nach Nérac in SW-Frankreich, wo ihr Gatte und sie einen kleinen Hof für ihre Aufenthalte dort unterhielten. Besoldet von ihr, die ihn über Briçonnet gut kannte und die mit dem „Luthéranisme“ sympathisierte, beendete er seine Übersetzung auch des Alten Testaments und verbrachte er seine letzten Jahre, übrigens ohne dezidiert mit der Katholischen Kirche zu brechen.

Seine Gesamt-Bibel erschien 1530 in der damals weltoffenen, reichen und noch pro-reformatorischen Stadt Antwerpen als La Sainte Bible en français, translatée selon la pure et entière traduction de Saint-Hierosme. Sie wurde sofort vom Pariser Parlement verboten.

Obwohl sie mehrfach nachgedruckt wurde, erreichte Lefèvres Bibel im franz. Sprachraum nicht entfernt dieselbe Bedeutung wie die luthersche im deutschen. Ein wichtiger Grund war sicher, dass der Reformator Jean Calvin (s.u.) und mit ihm die frankophonen Protestanten die etwas spätere (eher hölzerne) Übersetzung von Pierre Robert Olivétan und seinem Team (1535 ff.) bevorzugten, die wie Luther von den hebräischen und griechischen Texten ausgegangen waren.

(Stand: Jan. 11)

Marguerite de Navarre (geb. duchesse d’Angoulême, verw. duchesse d’Alençon, Königin von Navarra ab 1527; * 11.4.1492 in Angoulême; † 21.12.1549 in  Odos/ Pyrenäen).

Diese hochgebildete, etwas ältere Schwester von König François Ier 1) war siebzehnjährig mit dem Duc Charles d’Alençon verheiratet worden und wurde, nach ihrer Verwitwung 1526, durch ihre zweite Ehe mit Henri d’Albret Titularkönigin der Nordhälfte des 1512 zerschlagenen baskischen Königreichs Navarra. Den Zeitgenossen war sie vor allem bekannt als eine neben und hinter ihrem königlichen Bruder aktive und einflussreiche Frau, die z.B. zu Verhandlungen mit Kaiser Karl V. nach Madrid reiste, als François in der verlorenen Schlacht von Pavia (1525) in dessen Gefangenschaft geraten war. Darüber hinaus spielte sie eine bedeutsame Rolle als Sympathisantin erst Luthers und dann eines über den konfessionellen Fronten stehenden „Evangelismus“, in dessen Namen sie gefährdete pro-reformatorische Intellektuelle wie z.B. den Bibel-Übersetzer Lefèvre d’Etaples (s.o.) oder den Lyriker Clément Marot (s.u.) zu beschützen versuchte und z.T. in ihrem südwestfranz. Residenzstädtchen Nérac beherbergte

Heute ist sie vor allem als Autorin ein Begriff. So publizierte sie 1524 die Versmeditation Dialogue en forme de vision nocturne (= D. in Gestalt einer nächtlichen Vision) und 1531 drei religiöse Langgedichte unter dem Titel des längsten von ihnen, Le Miroir de l'âme pécheresse (= der Spiegel der sündigen Seele). Das Bändchen spiegelt das enorme Interesse, das die rasch von Reformatoren und Anti-Reformatoren polarisierten gebildeten Schichten, nicht zuletzt auch der Adel, theologischen Problemen entgegen brachten, insbes. der neuen Frage nach dem Verhältnis des einzelnen Gläubigen zu „seinem“ Gott. Es wurde sofort von der Sorbonne verurteilt, aber trotzdem 25 Jahre hindurch immer wieder nachgedruckt.

In die franz. Literaturgeschichte eingegangen ist Marguerite mit L'Heptaméron (= das Siebentagewerk), einer Novellensammlung mit Rahmenhandlung, die wie praktisch alle Novellensammlungen der Zeit in der Tradition von Giovanni Boccaccios Il Decamerone (= das Zehntagewerk, um 1350) steht. Das Werk entstand ab 1542 wohl per Diktat und z.T. auf Reisen, nachdem Marguerite im offiziellen Paris, das sich prokatholisch radikalisierte, als konfessionell unzuverlässig ins Abseits geraten war und meistens in ihrem kleinen Königreich weilte, wo auch die Rahmenhandlung spielt. Es sollte ursprünglich ebenfalls hundert Novellen umfassen, die in der Fiktion an zehn Tagen von zehn Personen (fünf Damen und fünf Herren) erzählt werden sollten; es blieb jedoch unvollendet durch den Tod Marguerites bei Nummer 72. Hauptthema ist, wie in allen Sammlungen dieser Art, die Anziehungskraft der Geschlechter aufeinander und die vielgestaltigen Verwicklungen, die sie zu verursachen pflegt. Neu ist Marguerites Behauptung absoluter Wahrheitstreue des Erzählten und neu auch ihre Idee, ihr Zehnergremium nach jeder Novelle mehr oder weniger ausführlich über deren jeweilige Moral diskutieren zu lassen. Da diese Diskussionen (wie im richtigen Leben!) häufig etwas konfus verlaufen und der Leser den als richtig zu betrachtenen Standpunkt nicht immer klar erkennt oder nicht recht nachvollziehen kann, wirkten sie schon auf jüngere Zeitgenossen, z.B. Montaigne (s.u.), eher aufgesetzt und, im Gegensatz zu den Novellen selbst, etwas blutlos.

Das Werk wurde postum 1559 im Auftrag von Marguerites Tochter Jeanne d'Albret (der Mutter des späteren Königs Henri IV) im Originaltext und mit dem etwa passenden Titel L'Heptaméron veröffentlicht. Schon im Vorjahr war unter dem Titel Histoires des amants fortunés (= Geschichten der glücklich Liebenden) ein Raubdruck erschienen, dessen Text im Sinne des antireformatorischen Konzils von Trient (1545-49) theologisch und moralisch „gereinigt“, d.h. mitunter ziemlich verstümmelt worden war.

Noch zu Lebzeiten der Autorin dagegen erschien ein Sammelband ihrer Versdichtungen (darunter auch der Âme pécheresse) unter dem hübschen Titel: Marguerites de la marguerite des princesses (1547). Erhalten sind darüber hinaus einige ungedruckt und unaufgeführt gebliebene Theaterstücke sowie zahlreiche Briefe.

(Stand: Aug. 11)

1) François Ier, geb. 1494, König 1515-1547 (Schwiegersohn und Nachfolger von Louis XII), kämpfte nach seiner Thronbesteigung fast pausenlos mit Kaiser Karl V. um die Vorherrschaft in Italien, wobei er 1525 in der Schlacht bei Pavia sogar in Karls Gefangenschaft geriet, aus der ihn Marguerite als Unterhändlerin zu befreien versuchte. Er entwickelte ein prächtiges Hofleben und gilt als repräsentativster franz. Renaissancefürst. 1530 gründete er das Collège des Lecteurs du roi (später Collège royal de France, heute Collège de France), weil die Sorbonne sich dem humanistischen Einfluss, z.B. dem Studium altgriechischer Texte, verschloss, bzw. sich überhaupt allem Neuen verweigerte. Ab Ende 1534 ergriff François immer eindeutiger Partei gegen den Protestantismus, der in Frankreich zunächst ebenfalls Lutherischer, dann aber zunehmend Calvinscher Prägung war und sich vor allem im Süden ausbreitete, während er im übrigen Land mehr auf Teile des Adels und des Bürgertums beschränkt blieb. François’ zunehmend brutale prokatholische Parteinahme erscheint im Nachhinein als schleichender Beginn der Religionskriege (Guerres de religion), die Frankreich von 1562 bis 1594 erschütterten und (anders als der ähnlich motivierte und ähnlich lange Dreißigjährige Krieg in Deutschland) mit einer weitgehenden Rekatholisierung des Landes endeten.

François Rabelais (*1483 oder, wahrscheinlicher, 1494, auf dem Gut La Devinière bei Chinon/Touraine; † 9.4.1553 Paris).

Sein Name ist wohl fast jedem Franzosen bekannt und hat sich sogar als Adjektiv verselbständigt in Ausdrücken wie „une plaisanterie rabelaisienne“ (= ein deftiger Witz/Scherz). Er ist verknüpft mit Gargantua et Pantagruel, einem locker komponierten Romanzyklus, dessen 5 Teile 1532, 1534, 1546, 1548-52 und 1562-63 erschienen, wobei der letzte postum herauskam und z.T. nicht mehr authentisch ist. Vor allem die ersten Bände waren sehr erfolgreich; die Protagonisten, d.h. der junge Riese Pantagruel und sein Vater Gargantua, sind noch heute ein Begriff und haben ebenfalls Adjektive gezeugt: pantagruélique (avoir un appétit pantagruélique) und gargantuesque (un repas gargantuesque). Rabelais war jedoch auch als Gelehrter und als Arzt aktiv. Seine sehr mobile Existenz im Schlepptau hochstehender Gönner und auf der ständigen Suche nach Weiterbildung, zumal im Kontakt mit anderen Gelehrten, ist typisch für die humanistischen europäischen Intellektuellen der Zeit. Als Zeitgenosse Martin Luthers (1483-1546) und Jean Calvins (1509-1564) war er involviert in die heftigen religiösen Querelen der Epoche, wobei er selbst, wie so viele Humanisten, lange mit der Reformation sympathisierte, und zwar stärker als die offizielle franz. Literaturgeschichte dies zu sehen pflegt. Auch fand er als Gönner mehrfach Kirchenfürsten, die offenbar ebenfalls den Anliegen der Reformatoren relativ aufgeschlossen gegenüber standen und ihn protegierten.

Über Rabelais’ Kindheit und Jugend ist wenig bekannt. Geboren wurde er vermutlich auf dem o.g. Landgut nahe Chinon als jüngster von drei Söhnen eines wohlhabenden Grundbesitzers und Juristen, der nacheinander verschiedene Ämter in Chinon bekleidete. Er erhielt, vielleicht in der Benediktiner-Abtei von Seuilly bei Chinon, eine passable Bildung gemäß den damals gängigen Methoden (die er später im Roman karikiert). 1510 oder 11 wurde er Novize bei den Franziskanern, wohl in La Baumette nahe Angers. Um 1520 ist er als Mönch in Fontenay-le-Comte (Vendée) bezeugt.

Hier war er inzwischen durch einen älteren Mitbruder in Berührung gekommen mit dem von Italien her ausstrahlenden Humanismus und hatte (Alt-)Griechisch zu lernen begonnen. Auch hatte er Anschluss an den kleinen Zirkel gebildeter Leute gefunden, die es in Fontenay als regionalem Verwaltungs- und Justizzentrum gab. Darüber hinaus war er brieflich in Kontakt mit Gelehrten getreten, wie ein erhaltenes, 1521 datiertes und offenbar schon zweites Schreiben an den bekannten Humanisten Guillaume Budé beweist. Im Rahmen seiner griechischen Studien verfasste Rabelais gegen 1522 eine nicht erhaltene Übertragung von Buch I der Geschichte der Perserkriege des Herodot (5. Jh. v. Chr.) ins Lateinische.

In den 1520er Jahren wurde auch er, wie die meisten humanistisch Interessierten, von den Reformideen Luthers erfasst. Als 1523 alle Griechischstudien von der reformfeindlichen Pariser Theologiefakultät, der Sorbonne, als Vorstufe zur Ketzerei gebrandmarkt wurden, bekam er seine griechischen Bücher entzogen. Durch Vermittlung des Bischofs von Poitiers, Geoffroy d’Estissac, der zugleich Abt eines Benediktinerklosters war, erhielt er 1524 jedoch die päpstliche Erlaubnis, in dieses zu wechseln, und konnte so die eher bildungsfeindlichen Franziskaner mit den traditionell bildungsfreundlichen Benediktinern vertauschen. Offenbar lebte er aber meistens im Gefolge von Estissac in der Abtei von Ligugé bei Poitiers, wobei er ihm als Sekretär und vielleicht auch als Hauslehrer eines Neffen diente. Als sein Begleiter auf Reisen durch das Bistum kam er sichtlich in Kontakt mit Menschen verschiedenster Art und Herkunft. Möglicherweise besuchte er in diesen Jahren auch juristische Vorlesungen an der Universität Poitiers.

Wohl 1526 erschien sein erstes gedrucktes Werk, eine lateinische Versepistel an einen befreundeten Dichter-Juristen aus Ligugé. Von den franz. Versen, die er als junger Mann ebenfalls schrieb, ist so gut wie nichts erhalten.

1528 findet man ihn in Paris, vermutlich nach Zwischenstationen an den Universitäten Bordeaux, Toulouse und Orléans. Anscheinend hatte er unter der Hand den Status eines Weltgeistlichen angenommen, als der er freier war, seine Studien, nunmehr vor allem der Medizin, fortzusetzen und gelehrte Kontakte zu pflegen. Aus dem Kontakt mit einer Witwe gingen zwei uneheliche Kinder hervor, François und Junine.

Dies hielt ihn nicht in Paris, vielmehr schrieb er sich im September 1530 an der  berühmten medizinischen Fakultät in Montpellier ein, wo er schon im November Baccalaureus wurde. Die Medizin war damals ein fast reines Buchstudium mit den Schriften von Hippokrates und/oder Galenus als Quasi-Bibeln. Der Humanist Rabelais scheint sich denn auch vor allem philologisch mit der Medizin beschäftigt zu haben, denn in einer Vorlesung kommentierte er im Frühjahr und Sommer 1531 Texte der genannten Koryphäen, wobei er in revolutionärer Weise die griechischen Originale zugrunde legte.

Im Sommer 1532 findet man ihn in Lyon, wo er sich als Arzt betätigte und zugleich bei dem Drucker und Verleger Gryphe (Greiff) diverse gelehrte Werke herausgab. Hiervon ließ er sich jedoch nicht absorbieren, sondern verfasste auch einen Roman, der Ende 1532 in Lyon erschien: Les horribles et épouvantables faits et prouesses du très renommé Pantagruel, Roi des Dipsodes, fils du grand Gargantua. Composés nouvellement par maître Alcofrybas Nasier (= die schrecklichen und Furcht erregenden Taten und Mutbeweise des sehr berühmten P., Königs der Dipsoden, Sohnes des großen Riesen G. Kürzlich verfasst von Magister A. N.). Das Werk war also schon am Titel als Parodie erkennbar, und zwar vor allem der Gattung volkstümlicher Ritterroman. In der Tat hatte Rabelais sich an ein kurz zuvor anonym erschienenes Volksbuch angehängt: Les grandes et inestimables croniques du grand et énorme géant Gargantua (= die großen und unschätzbaren Chroniken des großen und enormen Riesen G.), wobei er einen Sohn zu dem Riesen erfand. Auch der kuriose Autorname war als humoristisches Pseudonym erkennbar (gebildet übrigens als Anagramm aus f-r-a-n-c-o-y-s-r-a-b-e-l-a-i-s).

In Pantagruel schildert Rabelais in der Rolle des Ich-Erzählers und Domestiken Alcofrybas die Kindheit und Jugend, die Studienjahre sowie die erste militärische Bewährung des Protagonisten, doch führt er zu Beginn der Studienzeit eine zweite, zunehmend wichtige Figur in die Handlung ein, nämlich den ewigen Studenten und Tausendsassa Panurge, mit dem er sich offensichtlich mehr identifiziert als mit dem Ich-Erzähler. Am Ende macht er jedoch auch diesen zur handelnden Person, die im Mund des jungen Riesen eine ganze Welt entdeckt, die der unseren ähnelt. Der Erfolg des äußerst locker strukturierten, mit zahllosen burlesken Anekdoten, witzigen Zitaten und satirischen Seitenhieben gewürzten Werkes war beachtlich. Es wurde allein 1533 und 34 acht Male, z. T. in Raubdrucken, neu aufgelegt. Die Theologen der Sorbonne allerdings stießen sich an Passagen, in denen ihre scholastische Haarspalterei karikiert und Positionen vertreten wurden, die dem „Evangelismus“ der Reformatoren entsprachen. Auch die hohen Richter des Parlements fühlten sich verspottet. Die Reaktion war eine Verurteilung des Buches durch die Sorbonne. Rabelais dagegen nutzte den Erfolg, indem er sogleich einen witzigen, z.T. horoskopartigen Almanach für das Jahr 1533 hinterherschob: La Pantagruéline Pronostication [=Vorhersage], die bei späteren Nachdrucken des Pantagruel oft an diesen angefügt wurde.

Ende 1532 erhielt er eine Anstellung am Lyoner Krankenhaus, dem Hôtel Dieu. Neben seiner ärztlichen Tätigkeit frequentierte er die intellektuellen Zirkel der Stadt, die es zu dieser Zeit wirtschaftlich und auch geistig mit Paris aufnehmen konnte.

Wohl Anfang 1534 lernte er den Bischof von Paris und Mitglied des Kronrates Jean du Bellay (1498-1560) kennen, einen hochgebildeten, humanistisch interessierten Mann, der sich auf einer Reise nach Rom im Auftrag des Königs befand und in Lyon Station machte. Von ihm, dem wenig Jüngeren, wurde er als Leibarzt und Gesellschafter-Sekretär engagiert.

Bei seinem Aufenthalt in Rom (Febr. bis Apr. 34) erhielt Rabelais Einblicke in die Verhältnisse am päpstlichen Hof, wo man zwischen Frankreich und Kaiser Karl V. lavierte, mit dem Papst Klemens VII. seit der Eroberung und Plünderung Roms durch kaiserliche spanische Truppen 1527 unfreiwillig verbündet war. Vor allem interessierte er sich aber für die zahlreichen Spuren der Antike in der Stadt und ihrer Umgebung. Zurück in Lyon edierte er ein gelehrtes lateinisches Werk eines Italieners über die Topographie des antiken Rom.

Im Schlusswort des Pantagruel hatte Rabelais eine Fortsetzung mit weiteren Abenteuern seines Helden angekündigt. Statt dessen ließ er Ende 34 oder Anfang 35 anonym einen Roman erscheinen, dessen Handlung umgekehrt eine Vorgeschichte enthält: La Vie inestimable du grand Gargantua, père de Pantagruel, jadis composée par l’abstracteur de quinte essence. Livre plein de Pantagruélisme (= das unschätzbare Leben des großen G., Vaters von P., einst verfasst vom Quintessenz-Abstraktor. Ein Buch voller Pantagruelismus). Sichtlich hoffte Rabelais, mit den Verweisen auf den Pantagruel, an dessen Erfolg anzuknüpfen, was jedoch, sieht man die geringe Zahl der Nachdrucke, nur mäßig gelang. Zugleich aber vernebelte er seine Identität als Autor noch stärker und verlegte er die Entstehungszeit des Buches zurück auf ein vages „einst“. Sichtlich fürchtete er (zu Recht, wie sich zeigen sollte) eine erneute Verurteilung durch die Sorbonne. Denn dezidierter noch als im Pantagruel karikiert er anhand des Bildungsganges, den er seinen Protagonisten Gargantua durchlaufen lässt, die überkommenen scholastisch geprägten Lerninhalte und –methoden und propagiert er die neuen humanistischen Bildungsideale. Und auch der Schlussteil über die Abtei Thélème, einen idealen utopischen Ort, an dem eine geistige und soziale Elite von jungen Personen beiderlei Geschlechts ein Leben führt, das nur durch Vernunft, Selbstbeherrschung und die Lehren des Evangeliums geregelt ist, wirkt alles andere als orthodox katholisch. Nicht oder kaum kontrovers war vermutlich nur die ausführliche, wenn auch recht burleske Darstellung des legitimen Abwehrkrieges, den Rabelais seinen Gargantua gegen einen Agressor führen lässt, hinter dem man Kaiser Karl V. vermuten konnte, mit dem König François Ier seit Jahren um die Vorherrschaft in Italien, wenn nicht in Europa kämpfte.

Anfang 1535, soeben hatte er wieder einen Almanach drucken lassen, verschwand Rabelais aus Lyon, vermutlich um sich einer möglichen Verfolgung als Sympathisant der Reformation zu entziehen. Denn François Ier hatte Ende Oktober 34 entschieden Partei gegen die Reformatoren ergriffen und grünes Licht für Ketzer-Prozesse gegen sie gegeben, was eine Fluchtwelle auslöste. Glücklicherweise konnte Rabelais, der vielleicht bei Estissac untergeschlüpft war, wieder in den Dienst Du Bellays treten und ihn, der im Mai zum Kardinal erhoben worden war, erneut nach Rom begleiten. Bei einem Aufenthalt in Ferrara traf er auf Clément Marot (s.u.) und andere dorthin geflüchtete Sympathisanten der Reformation, die Asyl bei der Herzogin, einer Tochter von König Louis XII, gefunden hatten, die dem „Lutherismus“ nahestand.

Anschließend verbrachte Rabelais 1535/36 sieben Monate mit Du Bellay in Rom. Zweifellos über ihn erhielt er die Erlaubnis des Papstes (inzwischen Paul III.), pro forma in den Benediktinerorden zurückzukehren, und zwar als Mönch einer Abtei nahe Paris, deren Prior Du Bellay war. Dort sollte er, nach der beabsichtigten Umwandlung der Abtei in ein Stift, eine Pfründe als Stiftsherr mit regelmäßigen Einkünften bekommen. Die Umwandlung fand 1536 statt, doch wehrten sich die anderen Nutznießer gegen den Quereinsteiger. Rabelais musste eine Eingabe an den Papst richten. Der Ausgang der Angelegenheit ist unbekannt.

Anfang 1537 erwarb er, da ihm der Papst zugleich gestattet hatte, als Arzt tätig zu bleiben, in Montpellier auch den Doktortitel und hielt anschließend Vorlesungen über die Schriften des Hippokrates. Hierbei legte er erneut das griechische Original zugrunde und kritisierte die gängige lateinische Version als fehlerhaft. Im Sommer erregte er Aufsehen in Lyon, als er bei einem Aufenthalt dort die Leiche eines Gehenkten sezierte. Im Winter 37/38 hielt er wieder Kurse in Montpellier.

1538 finden wir ihn in Aigues Mortes mit Du Bellay, der hier an einem Treffen von König François mit Kaiser Karl teilnahm, die soeben einen Waffenstillstand und die Verheiratung eines Sohnes des Königs mit einer Tochter des Kaisers ausgehandelt hatten. Anschließend folgte Rabelais seinem Gönner nach Lyon.

Vermutlich 1539 (oder schon 1536?) wurde ihm ein Sohn, Théodule, geboren, der jedoch zweijährig starb.

Ende 1539 wurde er von Du Bellay an dessen kränkelnden älteren Bruder Guillaume de Langey weitergereicht, einen hohen Militär und ebenfalls sehr gebildeten Mann, der zum Gouverneur des Herzogtums Savoyen-Piemont ernannt worden war, das von franz. Truppen besetzt gehalten wurde. Von ihm wurde er nach Turin mitgenommen, der piemontesischen Hauptstadt. Hier verfasste er, unter dem Titel Stratagemata, auf Latein eine Geschichte der Feldzüge Langeys, die aber verloren ist. Die nächsten drei Jahre bis zu dessen Tod Anfang 1543 pendelte Rabelais mit ihm zwischen Norditalien und Frankreich.

1541 und 1544 brachte er erneut je einen Almanach heraus, letzteren unter dem Titel Grande et vraye pronostication nouvelle pour l’an 1544 (= große und wahre neue Vorhersage für das Jahr 1544).

1542 publizierte er in Lyon Versionen des Pantagruel und des Gargantua, deren Text etwas gereinigt und leicht entschärft war. Offenbar reagierte er hiermit auf die Vorwürfe, beide Bücher seien obszön und theologisch bedenklich, und hoffte er, als linientreuer Katholik zu erscheinen und so seine Ruhe zu haben. Auch die Titel wurden verändert. Das erste Buch hieß nun Pantagruel, Roi des Dipsodes. Restitué à son naturel, avec ses faits et prouesses épouvantables. Composés par feu M. Alcofribas, abstracteur de quinte essence (=P., König der Dipsoden. Naturgetreu wiederhergestellt (?), mitsamt seinen Schrecken erregenden Taten und Mutbeweisen. Verfasst von dem verstorbenen M. A., Quintessenz-Abstraktor). Der andere lautete, nur leicht verändert, La Vie très horrifique du grand Gargantua [etc.]. Etwa gleichzeitig druckte allerdings der pro-protestantische Drucker Étienne Dolet, ein einstiger Freund Rabelais’, sehr zu dessen Ärger eigenmächtig nochmals die ursprünglichen Versionen nach, wobei übrigens erstmals der Gargantua als Band I und der Pantagruel als ihn fortsetzender (und seinerseits noch weiter fortzusetzender) Band II figurierte.

Rabelais übernahm sofort diese Praxis und brachte noch 1542 ebenfalls eine zweibändige Ausgabe heraus unter dem Titel Grands annales ou chroniques très véritables des gestes merveilleux du grand Gargantua et Pantagruel son fils, roi des Dipsodes, enchroniqués par feu Maistre Alcofribas, abstracteur de quinte essence. Im Vorwort der Neuausgabe (deren Text heute i.d.R. den kritischen Editionen zugrunde liegt) attackierte er Dolet, dennoch wurde sie von der Sorbonne verurteilt.

Trotz der Verurteilung schrieb Rabelais einen Fortsetzungsband, mit dem er offensichtlich auf ein misogynes Buch von 1541, L’Amie de cour (=die Freundin am Hof) und eine profeministische Antwort darauf von 1542 reagierte, La parfaite amie (=die perfekte Freundin) von Antoine Hérouet. Hierin meidet er politisch-religiös brisante Themen und auch sein Humor ist weniger derb. Zudem wird Pantagruel kaum mehr als Riese darstellt, der allein durch seine Körpergröße groteske Effekte bewirkt. Im Zentrum der Handlung steht die Frage, ob Panurge, der neben oder gar vor Pantagruel die zentrale Figur ist, heiraten soll, oder – so sichtlich die Tendenz Rabelais’ - lieber nicht. Als dieser das Buch 1545 fertig hatte, durfte er es sogar der Schwester von König François, Marguerite de Navarre (s.u.), widmen und mit einem königlichen Privileg in Paris drucken lassen. Es erschien 1546, unter seinem richtigen Namen, als Le tiers livre des faits et dits héroïques du noble Pantagruel, composés par M. Franc. Rabelais, docteur en médicine (=das dritte Buch der heldenhaften Taten und Worte des edlen P. [etc.]).

Dennoch wurde es erneut verurteilt. Da zur selben Zeit das Parlement eine spezielle Kammer für Ketzer-Prozesse einrichtete (die anschließend 500 Todesurteile fällte) verschwand Rabelais aus Frankreich und schlüpfte unter bei einem Klienten Du Bellays in der damaligen freien Reichsstadt Metz. Dort verdingte er sich als städtischer Arzt und begann zugleich einen weiteren Fortsetzungsband. Dieser inspirierte sich an Berichten von den spektakulären Entdeckungsreisen der Zeit (z.B. Jacques Cartier, 1534-43) und schildert parodistisch eine fiktive Seefahrt, die Pantagruel und Panurge unternehmen, um das Orakel der „göttlichen [Wein-]Flasche“ (dive bouteille) zu finden, das die Frage, ob Heirat oder nicht, beantworten soll.

Nach dem Tod von König François (1547) ging Du Bellay einmal mehr in diplomatischer Mission nach Rom und nahm Rabelais dorthin mit. Auf der Durchreise übergab dieser in Lyon einem Drucker die ersten elf Kapitel des neuen Bandes, die 1548 als Le Quart livre des faits et dits héroïques [etc.] erschienen. In Rom, wo er mit Du Bellay zwei Jahre bis 1549 blieb, stellte er das Buch dann fertig. Hierbei beschreibt er u.a. satirisch ein Inselreich von asketischen Protestanten, den „Papefigues“ (Papstspöttern/-verächtern), aber auch eines von naiv papsttreuen Katholiken, den „Papimanes“, deren Bischof den Reisenden erklärt, wie Rom aus Frankreich Geld absaugt. Sichtlich meinte Rabelais damit dem neuen franz. König Henri II zu Gefallen zu sein, der die Etablierung einer von Rom unabhängigen „gallikanischen“ Kirche anstrebte. Als Anfang 1552, nunmehr in Paris, das Quart livre als Ganzes herauskam, hatte sich allerdings der Wind gedreht: König und Papst hatten sich arrangiert, Kritik an Rom war nicht mehr erwünscht. Entsprechend zögerte die Sorbonne nicht, das Buch zu verurteilen. Das Pariser Parlement zog nach und verbot es. Dass Rabelais es dem Kardinal Odet de Châtillon gewidmet hatte, war sicher wenig hilfreich gewesen, denn der war Neffe von Admiral Coligny, eines der Chefs der Protestanten.

Dem Erfolg des Buches tat das Verbot keinen Abbruch. Rabelais selbst musste allerdings Anfang 1553 die Pfründe in Meudon und eine weitere im Bistum Le Mans aufgeben, die er erst 1551 über Du Bellay erhalten hatte. Hiernach ist nichts mehr von ihm bekannt. Offenbar aber hatte er noch bis kurz vor seinem Tod im April 53 an einem weiteren Band gearbeitet, der die Fortsetzung und das Ende der Seefahrt schildern sollte. 1562 erschien postum, vermutlich auf Initiative seines Druckers, ein Teilstück unter dem Titel L’Île sonnante (= die klingende Insel), das den Besuch der Reisenden auf einer burlesk dargestellten Insel schildert, hinter der unschwer Rom zu erkennen war. 1563 kam, von unbekannter Hand komplettiert, der geamte Band heraus als Le cinquième livre [etc.] (= das fünfte Buch). Dieses wurde in die Gesamtausgaben des Zyklus aufgenommen, die kurz nach dem Tod Rabelais’ zu erscheinen begannen und lange Zeit mit beachtlicher Regelmäßigkeit erschienen.

Letzteres erstaunt umso mehr, weil Rabelais nicht nur der katholischen, sondern auch der protestantischen Seite konfessionell suspekt war. Auch wurde er, wegen seiner freimütigen Akzeptanz der Körperlichkeit des Menschen und von dessen Bedürfnis nach Lustgewinn, zunehmend als unmoralisch gerügt, und zwar ebenfalls sowohl von den prüder und rigoristischer werdenden katholischen Theologen als auch von ihren ohnehin moralinsauren protestantischen Kollegen, deren Vordenker Calvin (s.u.) ihn schon 1550 in seinem Traité des scandales heftig angegriffen hatte.

Vom zeitgenössischen Lesepublikum dagegen wurden Rabelais’ Romane vermutlich als erheiterndes Evasionsangebot genutzt in einer Zeit, wo es wenig zu lachen gab angesichts einer Realität, die beherrscht war von einer enormen religiösen und ideologischen Polarisierung. Denn diese reichte bis in die Familien hinein, bewirkte eine zunehmende Intoleranz der konfessionellen Parteien und ihrer Propagandisten und führte zu einer immer brutaleren Unterdrückung der Protestanten durch den Staat, der seit 1534 offen die katholische Partei unterstützte. Den Ausbruch der Religionskriege 1562 erlebte Rabelais nicht mehr.

Heute gilt er, auch wenn er aufgrund seiner archaisch gewordenen Sprache und seiner nur noch schwer verständlichen Wortspiele und Anspielungen wenig gelesen wird, als der größte franz. Autor des 16. Jh., einer der Großen der franz. Literatur überhaupt und speziell als Galionsfigur des moralisch nicht immer korrekten, dafür aber volkstümlich-heiteren esprit gaulois oder eben rabelaisien. Der Erfolg seines Romanzyklus beruht auf einer unnachahmlichen Kunst der Mischung: auf der Stilebene mengt Rabelais Ernst und Scherz, spielerische Ironie und bissigen Sarkasmus, derben Witz und hypergelehrte Pedanterie, lustige Wortspielereien und komisch verwendete echte und fiktive Zitate; auf der Strukturebene kombiniert er meist knappe, immer wieder die Grenzen zum Phantastischen und Grotesken überschreitende Handlungssequenzen und meist längere Erzähler- und Figurenreden, deren letztlich satirische Intentionen kaum zu übersehen sind, auch wenn sie sich oft verstecken, z.B. hinter einer scheinbaren Naivität der Sprecher. Nicht zu Unrecht erkannte die Sorbonne in dem Humoristen und Fabulisten den kritisch-selbständigen Geist und Anhänger eines unorthodoxen Evangelismus, auch wenn er letztlich, wie viele franz. Autoren der Zeit, pro forma Katholik geblieben war, vielleicht weil ihn der zunehmende religiöse und moralische Rigorismus der Protestanten abstieß.

Die erste deutsche Teil-Übertragung des Zyklus wurde von dem Straßburger Humanisten Johann Fischart verfasst und erschien 1575 unter dem Titel: Abenteuerliche und ungeheuerliche Geschichtsschrift von Leben, Raten und Taten der Herren Grandgusier, Gargantua und Pantagruel.

(Stand: Dez. 10)

 

Clément Marot (* 1496 Cahors; † 1544 Turin)

Er galt schon zu seinen Lebzeiten als der bedeutendste franz. Lyriker der Zeit und blieb bis ins 19. Jahrhundert hinein ein sehr geschätzter und gern imitierter bzw. pastichierter (spaßhaft nachgeahmter) Dichter, den man als prototypisch betrachtete für die vermeintlich guten alten Zeiten.

Er wurde geboren als Sohn des Kaufmanns und angesehenen Dichters Jean Marot. Dieser stammte aus der Normandie, die Mutter aus Cahors in Südfrankreich. Hier verbrachte Marot seine Kindheit, wobei er zunächst zweisprachig aufwuchs, d.h. vor allem okzitanisch. Eine solide Schulbildung genoss er offenbar nicht, doch lernte er Latein sowie Italienisch und konnte sich eine gewisse klassische Bildung aneignen.

1506 erhielt der Vater durch Vermittlung einer adeligen Bewunderin einen Posten als Sekretär im Dienst der Königin, Anne de Bretagne. Später wurde er zum Kammerdiener (valet de chambre) bei ihrem Gatten Louis XII befördert.

Durch seinen Vater, dem er nach Paris gefolgt war, erhielt der junge Marot Kontakt zum Hof und bekam eine Stelle als Page bei einem hochrangigen Adeligen. Dieser verschaffte ihm etwas später einen Schreiberposten in der Chancellerie (quasi beim Justizminister) und protegierte ihn auch weiterhin.

Ab ca. 1511 schrieb Marot Verse, angeleitet vom Vater und von dessen Dichter- und Sekretärskollegen Jean Lemaire de Belges (s.o.). Daneben schulte er seine Feder mit Übertragungen von Texten der römischen Klassiker Vergil und Lukian. 1514 trat er erstmals an die Öffentlichkeit mit der Versepistel (épître) Le Temple de Cupido, verfasst zur Hochzeit von Claude de France, der Tochter von Louis XII, mit ihrem Cousin François d’Angoulême, der aufgrund des Fehlens eines direkten männlichen Thronerben engster Anwärter auf die franz. Krone war. Im selben Jahr wurde auch ein erstes Werk Marots gedruckt, die Épître de Maguelonne.

Nachdem François d’Angoulême schon 1515 als François Ier auf den Thron gelangt war (und Marots Vater Jean als Kammerdiener übernommen hatte), schaffte es Marot, dem nur zwei Jahre älteren jungen König mit weiteren Gedichten zu gefallen, z.B. einer witzigen Petite épître au Roi, und seine Sympathie zu gewinnen. 1519 wurde er von François dessen älterer Schwester empfohlen, Marguerite d’Angoulême (bzw. de Navarre, s.o.), die ihn als Kammerdiener und Sekretär in ihre Dienste aufnahm.

Dies hinderte Marot nicht, König François 1521 und 22 auf Feldzügen gegen Kaiser Karl V. in Flandern und im Hennegau zu begleiten. Meist jedoch lebte er als von ihm geschätzter Dichter und Unterhalter am Hof in Paris. Hier verfasste er bei den verschiedensten Anlässen und Gelegenheiten Texte in fast allen lyrischen Gattungen der Zeit. Eine Spezialität dieser frühen Schaffensphase waren, neben weiteren Versepisteln, kürzere Gedichte zum Thema Liebe, insbesondere Rondeaus und Chansons. Seine Texte verbreitete er in der Regel zunächst durch Lesung oder Vortrag vor seinem Zielpublikum, doch kursierten meistens rasch auch Abschriften Dritter.

Zweifellos war es durch den Einfluss Marguerites und ihrer Umgebung, dass Marot sich dem reformatorischem Gedankengut Luthers öffnete, das sich um 1520 als „Evangelismus“ auch in Frankreich zu verbreiten begann. Dies, aber zweifellos auch ein etwas lockerer Lebenswandel und vor allem eine spöttische Zunge, trug ihm Anfeindungen und bald auch Probleme ein. Insbesondere scheint er Richter des Obersten Gerichts, des Parlement, und Theologen der Sorbonne gegen sich eingenommen zu haben.

Als 1525 der König bei der Schlacht von Pavia in die Gefangenschaft von Kaiser Karl geraten und seine Schwester Marguerite zu Freilassungsverhandlungen nach Madrid gereist war, wurde Marot von einer rachsüchtigen Frau denunziert, er habe in der Fastenzeit Speck gegessen. Seine Feinde und Neider nutzten die Abwesenheit seiner fürstlichen Gönner und bewirkten im Februar 26 seine Inhaftierung im berüchtigten Pariser Stadtgefängnis, dem Châtelet. Dank der Fürbitte eines Freundes zog jedoch wenig später der Bischof von Chartres den Fall an sich und nahm Marot in eine Art Schutzhaft. Im Mai befreite ihn ein Gnadenakt des soeben zurückgekehrten Königs. Seine misslichen Erlebnisse im Châtelet schildert er sehr realistisch und mit bissigem Humor in einer Epistel mit dem sprechenden Titel L’Enfer, die er aber vorsichtshalber in der Schublade ließ, weil sie nur zu richtig als Attacke auf die Welt der Pariser Gerichtsbarkeit verstanden werden konnte.

Wenig später wurde Marot zum Nachfolger seines kürzlich verstorbenen Vaters im Kammerdieneramt ernannt. Als er 1527 er erneut im Kerker landete, weil er einem gerade von der Polizei festgenommenen Bekannten zur Flucht verholfen hatte, befreite ihn König François umgehend selbst. Die betreffende Anordnung und der vorangehende Hilferuf Marots in Gedichtform sind erhalten, ebenso ein launiges Dankgedicht.

Die Jahre nach 1526 waren sehr fruchtbar für Marot, zunächst auch dank seiner Verliebtheit in Anne d’Alençon, eine junge Nichte von Marguerites erstem Gatten, die ihn zu vielen Gedichten inspirierte. Vor allem jedoch fungierte er weiterhin als Hofdichter mit Gelegenheitsgedichten aller Art und zu allen möglichen Anlässen, wobei er u.a. die Gattung Epigramm, d.h. witzige, oft bissige, einstrophige Texte, entwickelte. Finanziell ging es ihm ebenfalls gut, so dass er 1529 (?) heiraten konnte und angeblich seine bald vorhandenen zwei Kinder täglich dankbar für den König beten ließ.

Nachdem 1531 als Raubdruck in Lyon eine erste Sammlung seiner Gedichte erschienen war, gab Marot 1532 unter dem etwas burschikosen Titel L'Adolescence [Jugendzeit] clémentine erstmals selber einen Sammelband heraus. Da dieser sehr erfolgreich war, ließ er 1534 einen weiteren Band folgen, die Suite [Fortsetzung] de l'Adolescence clémentine.

Schon um 1525 hatte er die Idee gehabt, nach quasi humanistischen Editionsprinzipien Werke der älteren franz. Literatur gedruckt herauszugeben. So hatte er 1526 ein Lieblingswerk seines Vaters, den Roman de la rose (Rosenroman, 13. Jh., s.o.), in leicht modernisierter Sprache ediert. 1533 besorgte er eine Ausgabe der Dichtungen von François Villon (15. Jh., s.o.).

Der Oktober 1534 brachte einen tiefen Einschnitt im Leben Marots. Er sah sich in die sog. Affaire des Placards verwickelt, eine Plakat-Aktion protestantischer Aktivisten (vielleicht aber auch verkappter katholischer Scharfmacher). Diese bewirkte, dass König François seine bis dahin geübte religiöse Toleranz oder auch Gleichgültigkeit aufgab, Partei bezog auf Seiten der konservativen Kräfte des Katholizismus und einer scharfen Repression des Protestantismus freien Lauf ließ, was rasch zu einer Reihe von Ketzerprozessen vor dem Parlement und zahlreichen Todesurteilen und Hinrichtungen führte.

Als Marot erfuhr, dass auch er auf einer Liste von Verdächtigen stand, entschloss er sich, wie viele andere Gesinnungsgenossen, zur Flucht. Er ging nach Nérac im Béarn, das als Hauptort des franz. Teils des kleinen Rest-Königreichs Navarra diente, mit dessen Titularkönig Henri d’Albret seine Gönnerin Marguerite sich 1527 in zweiter Ehe verheiratet hatte. Nachdem er 1535 vom Pariser Parlement in Abwesenheit verurteilt worden war, zog Marot auf Anraten Marguerites weiter nach Ferrara an den Hof der Herzogin Renée d'Este, der jüngeren Tochter von König Louis XII, die mit Luthers Lehren sympathisierte und schon andere franz. Flüchtlinge beherbergte.

Von dort aus richtete er eine Bitt-Epistel an König François, worin er den Vorwurf, er sei „Luthériste“, zu entkräften versuchte und sich über seine Feinde in der Pariser Justiz und der Sorbonne beklagte. Er bekam aber keine Antwort, so dass er eine weitere Epistel verfasste, nunmehr an den Dauphin (Thronfolger).

Als er in Ferrara wenig später mit Duldung des Herzogs, der de jure Lehensmann des Papstes war, von der Inquisition bedrängt wurde, floh er 1536 weiter nach Venedig. Hier erreichte ihn die Nachricht, dass er vom König amnestiert worden war. Nachdem er in Lyon dem Protestantismus abgeschworen und sich von Lyoneser Sympathisanten etwas feiern lassen hatte, kehrte er Anfang 1537 zurück nach Paris und zu seiner Familie. Wieder aufgenommen am Hof wurde er dort zunächst in eine Fehde mit Gedichten verwickelt von einem alten Rivalen namens François de Sagon, der sich inzwischen als Platzhirsch betrachtete. Marot konnte sich durchsetzen und erreichte hiernach den Höhepunkt seiner Anerkennung.

1538 ließ er bei dem bekannten Drucker Étienne Dolet in Lyon unter dem schlichten Titel Les Œuvres eine erste Gesamtausgabe seiner Werke erscheinen. Im selben Jahr übertrug er Gedichte Francesco Petrarcas, darunter sechs Sonette, die vielleicht die ersten in franz. Sprache sind. 1539 bekam er vom König ein Haus in Paris geschenkt. Seine Stellung als bester Dichter seiner Zeit schien gesichert.

Schon 1533 hatte er einen Bibel-Psalm in franz. Versen und Strophen nachgedichtet. Nach seiner Rückkehr aus dem Exil hatte er, auf Vorschlag von König François, diese Arbeit wieder aufgenommen und fortgeführt. 1541 gab er das Ergebnis unter dem Titel Trente psaumes de David mis en français in Druck und durfte das Buch sogar dem großen Gegner von François, Kaiser Karl V., widmen, als dieser während einer Kriegspause Paris besuchte.

Nachdem ihm die Trente Psaumes zunächst viel Lob eingebracht hatten als der erste gelungene Versuch einer künstlerisch adäquaten Nachdichtung der Psalmen, wurden sie 1542 auf Betreiben der Sorbonne überraschend verboten. Ein Grund war wohl, dass soeben Dolet ohne Zustimmung Marots L’Enfer gedruckt hatte; ein anderer war sicher der Umstand, dass auch der Reformator Calvin, der in Genf  gerade an die Macht gelangt war, die Psalmen-Nachdichtung lobte und seinen Anhängern empfahl.

Da zugleich das Parlement eine neue Prozessaktion gegen Protestanten startete, verschwand Marot (so wie u.a. auch Rabelais, s.o.) aus Paris und ging nach Genf zu Calvin. Hier übertrug er weitere 20 Psalmen, so dass er 1643 eine Neuauflage mit nunmehr 50 Psalmen drucken lassen konnte. Kurz danach jedoch verließ er Genf, weil er Probleme mit Calvin und dessen fundamentalistisch strengem und asketischem Regime bekam. Er zog weiter in das von franz. Truppen besetzte Herzogtum Piemont-Savoyen, von wo aus er vergeblich Kontakt mit König François aufzunehmen versuchte. Nach kürzeren Aufenthalten in Annecy und Chambéry starb er 1544 verbittert in Turin. Kurz nach seinem Tod (dessen genaues Datum ebenso unbekannt ist wie das seiner Geburt) erschien eine Neuauflage der Œuvres.

Marots literarhistorische Bedeutung liegt darin, dass er (im Sinne seiner beiden Lehrmeister) einerseits die reiche eigenständige franz. lyrische Tradition mit ihrem vielfältigen Formenbestand weiterführte, sich andererseits aber als einer der ersten franz. Autoren auch an der zu dieser Zeit tonangebenden italienischen Lyrik inspirierte. Anscheinend war er es, der das Sonett in Frankreich einführte. Er pflegte vor allem die Gattung Versepistel, wobei er oft sehr persönlich wirkende Passagen einflicht; und er gilt als erster Meister, wenn nicht gar Erfinder der Kurzform Epigramm. Insgesamt verfasste er 65 Episteln, 80 Rondeaus, 15 Balladen, 300 Epigramme, 27 Elegien.

Viele seiner Gedichte gelten dem Thema Liebe, insbesondere Rondeaus und Chansons, in denen er höchst kunstvoll, mal eher ernst, mal eher scherzhaft und mitunter auch leicht anzüglich, die Begrifflichkeit und die Vorstellungswelt der überkommenen höfischen Lyrik aufnimmt und variiert.

Das Markenzeichen vor allem der Gedichte, die der leichteren Muse gelten, ist ihre formale und stilistische Vielfalt bei gleichzeitiger Eleganz und spielerischer, oft verspielter Leichtigkeit des Ausdrucks: der sprichwörtlich gewordene „style marotique“.

Die Beurteilung Marots in Frankreich war nicht immer frei von konfessionell bestimmten Motiven. Dennoch war seine Nachwirkung groß, allein im 16. Jahrhundert wurden die Œuvres weit über zweihundertmal nachgedruckt.

Seine Cinquante psaumes wurden zum Kern des sog. Genfer Psalters (Hugenottenpsalter).

Sein Sohn Michel Marot, der Page bei Marguerite wurde, versuchte sich ebenfalls als Dichter, erreichte aber nicht entfernt die Bedeutung seines Vaters oder auch des Großvaters.

(Stand: Dez. 10)

Maurice Scève (* ca. 1500 in Lyon; † ca. 1560, vermutlich ebenfalls in Lyon).

Er gilt als der bedeutendste Vertreter der um 1550 blühenden sog. Lyoneser Dichterschule, deren einigendes geistiges Band die idealistische neoplatonistische Vorstellung von Liebe war, die man aus Italien übernommen hatte.

Über die Biografie Scèves ist wenig bekannt. Er war Sohn eines städtischen Richters aus alter Lyoneser Familie und erhielt eine gute humanistische Bildung. Er lebte überwiegend in und bei Lyon, das zu dieser Zeit dank seiner Nähe zu Italien wirtschaftlich florierte und auch geistig ein der Hauptstadt Paris fast ebenbürtiges Zentrum war, weil es nicht von stockkonservativen Institutionen wie der Sorbonne oder dem Parlement kontrolliert und erstickt wurde.

Scèves bekanntere Werke sind die Elegie Arion (1536), die Ekloge La Saulaie, églogue de la vie solitaire (1547) und vor allem Microcosme, ein 3000 Verse langes enzyklopädisches Gedicht (postum 1562 gedruckt). Hierin sieht Scève den Sündenfall Adams und Evas, bzw. ihre Vertreibung aus dem Paradies, als Voraussetzung für die Entwicklung der menschlichen Fähigkeiten und damit allen Fortschritts, der in Form einer Traumvision Adams von der Zukunft der Menschheit an Beispielen dargestellt wird. Des weiteren verfasste Scève sog. Blasons, d.h. damals beliebte Gedichte, die (weibliche) Körperteile besingen, z.B. Le Sourcil oder Le Front oder Le soupir oder La Gorge.

Seinen Ruhm schon zu Lebzeiten verdankte Scève vor allem dem 1544 erschienenen Gedichtzyklus Délie, objet de plus haute vertu, den er 1537 begonnen hatte, nach der Begegnung mit seiner großen, aber unerfüllten Liebe, der ebenfalls dichtenden Pernette du Guillet (ca. 1520-1545). Der Zyklus beginnt mit einem achtzeiligen Zueignungsgedicht und umfasst dann 449 zehnzeilige Gedichte, die im Druck durch eingefügte Embleme in Gruppen unterteilt sind, und zwar nach dem System 5+(9×49)+3. Die in zehnsilbigen Versen verfassten Gedichte sind allesamt sehr kunstvoll, oft hermetisch. Sie sprechen von oder richten sich an eine ideale Geliebte, die als grundsätzlich unerreichbar vorgestellt wird, ähnlich wie die Beatrice von Dante oder die Laura von Francesco Petrarca, deren Grab Scève 1533 in Avignon gefunden zu haben glaubte. Mit Délie (der Name ist ein Anagramm aus L’-I-D-E-E) steht Scève gedanklich in der Tradition des italienischen Neoplatonismus und stilistisch in der der sog. petrarkistischen Liebeslyrik, wie sie von dem o.g. Petrarca um 1330 inauguriert, in ganz Mittel- und Westeuropa rezipiert und mehr als zwei Jahrhunderte hindurch imitiert wurde.

Scève kannte sich übrigens nicht nur in der italienischen Literatur gut aus (sowie selbstverständlich in der lateinischen und der griechischen), sondern auch in der spanischen, deren „siglo de oro“ (Goldenes Zeitalter) gerade begann. Er zählt zu deren ersten franz. Mittlern mit seiner Übertragung La deplourable fin de Flamecte, élégante invention de Jehan de Flores, espaignol, traduicte en langue françoise (1535, = das beklagenswerte Ende Flamettas. Eine elegante Erfindung von Juan de Flores…).

(Stand: Dez. 10)

Jean Calvin (eigentlich Jean Cauvin, *10.7.1509 in Nyon/Picardie, † 27.5.1564 in Genf).

In Deutschland praktisch nur in als wichtigster Reformator neben Luther und als Vordenker der „reformierten“ Protestanten bekannt, ist er in Frankreich, ähnlich wie Luther bei uns, zugleich eine bedeutende Figur der Literatur- und Sprachgeschichte.

Calvin war Sohn eines wohlhabenden Juristen, der im Dienst des Bischofs von Nyon stand und ihn zunächst für die kirchliche Laufbahn bestimmte. Er durfte am häuslichen Unterricht der Neffen des Bischofs teilnehmen und erhielt im Vorgriff einen Anteil an einer Pfründe an der Kathedrale von Nyon. Mit 14 wurde er nach Paris geschickt, wo er auf Kollegien (collèges) der Sorbonne die propädeutischen Studien der Septem Artes liberales absolvierte und dann theologische und kirchenrechtliche Studien betrieb. 1528 begann er jedoch auf Wunsch seines Vaters, der inzwischen in einen Rechtsstreit mit dem Bistum geraten war, ein Studium auch des Zivilrechts in Orléans, das er in Bourges fortsetzte und abschloss. Zurück in Paris, hängte er nach dem Tod des Vaters (1531) die Juristerei jedoch an den Nagel und widmete sich vor allem den im Trend liegenden humanistischen Studien, für die er sich schon in Bourges zu interessieren begonnen hatte. In diesem Sinne frequentierte er das soeben (1530) von König François Ier gegründete Collège des trois langues (Latein, Griechisch und Hebräisch) bzw. Collège des Lecteurs du roi und publizierte er 1532 als erste Frucht seiner neuen Studien einen lateinischen Kommentar zu einem Werk des römischen Klassikers Seneca.

Schon gegen 1528 war er in Paris über seinen Landsmann Pierre Robert, genannt Olivetan (den späteren Bibelübersetzer), in Berührung mit den Gedanken Luthers gekommen. Seine humanistischen Studien und seine Kontakte zu anderen franz. Humanisten, die damals in der Regel ebenfalls mit Luther sympatisierten, vertieften seinen reformatorischen Elan. 1533 erregte er Anstoß mit einer Rede, die er für den mit ihm befreundeten neuen Rektor der Universität zum Amtsantritt verfasst hatte und worin er energisch für die Reformation eintrat. Als die empörten Theologen der Sorbonne den Rektor und ihn vor dem Parlement als Ketzer verklagten, verschwand er aus Paris und fand zunächst unter falschem Namen Unterschlupf bei einem Freund in Angoulême. 1534 reiste er kurz nach Nyon, um seine Teilpfründe offiziell aufzugeben. Anschließend traute er sich zurück in die Hauptstadt. Als nach der sog. Affaire des placards (17./18. Okt. 34) in Frankreich eine systematische Verfolgung der Sympathisanten der Reformation begann, flüchtete auch er erneut und fand Zuflucht in Nérac, am kleinen Hof der Schwester des Königs, Marguerite de Navarre (s.o.), die mit den „Evangelischen“ sympathisierte. Hier lernte er den Bibelübersetzer Jacques Lefèvre d’Étaples (s.o.) kennen, der sich schon vorher dorthin zurückgezogen hatte. Die nachfolgenden Jahre lebte Calvin, wie so viele Gesinnungsgenossen, unstet im Exil. Hierbei verfasste er, überwiegend auf Latein, eine Vielzahl theologischer Schriften.

Eine davon war Christianae religionis institutio (=Unterweisung in der christlichen Religion), die seine Hauptschrift werden sollte und die er 1535 in Basel konzipierte und publizierte, einem Zentrum des deutschen Humanismus und Druckereiwesens der Zeit. In einem an François Ier gerichteten Vorwort distanziert sich Calvin von protestantischen Eiferern wie den Bilderstürmern von Münster und gibt der Hoffnung Ausdruck, dass der König, der ja so lange dem Humanismus aufgeschlossen gegenüber gestanden hatte, auch die Reformation unterstützt.

1536 hielt er sich einige Zeit bei der Herzogin von Ferrara auf, der Schwägerin von François Ier, die zu dieser Zeit zahlreiche emigrierte franz. Intellektuelle beherbergte, z.B. Clément Marot (s.o.). Auf der Rückreise kam er erstmals in den schweizerischen Stadtstaat Genf und blieb dort bei dem hierhin geflüchteten franz. Reformsympathisanten Guillaume Farel, der zu diesem Zeitpunkt den Stadtrat dominierte und ihn als Verbündeten in die Politik hineinzog. Ein Wechsel der Mehrheitsverhältnisse im Rat vertrieb sie jedoch beide 1538.

Calvin ging nach Straßburg, einem anderen geistigen Zentrum der Zeit, wo er, als Gast des bedeutenden Humanisten und Reformators Bucer, seine Institutio ins Franz. übertrug und 1541 als Institution de la religion chrétienne publizierte. Die Schrift wurde 1542 vom Pariser Parlement verboten und 1544 sogar vom Henker verbrannt, was der Verbreitung naturgemäß nutzte.

Inzwischen, 1541, war Calvin nach einem neuerlichen Mehrheitswechsel im Stadtrat von Genf dorthin zurückgerufen worden. In der nunmehr von protestantischen Emigranten majorisierten Stadt hielt er hinfort als Pastor (frz. pasteur) jeden Tag eine Predigt und wurde mit seinen Schriften und seiner rastlosen Aktivität zur zentralen Figur der Reformation im franz. Sprachraum sowie den Niederlanden, Teilen des westlichen Deutschlands und auch Englands. In dieser Rolle beriet und ermahnte er brieflich zahlreiche protestantische Fürsten und hochgestellte Persönlichkeiten. Daneben machte er Genf zu einer Art fundamentalistischen puritanischen Gottesstaat, wo es auch nicht eben tolerant zuging (und wo z.B. der Dissident Michel Servet 1559 abgeurteilt und verbrannt wurde).

1560 ließ Calvin eine Neuausgabe der Institution erscheinen, die er sprachlich und stilistisch im Sinne einer guten Lesbarkeit auch für weniger Gebildete überarbeitet hatte. Sie wurde das erste weitverbreitete theologische Werk in franz. Sprache und vermutlich einer der meistgelesenen franz.sprachigen Texte des 16. Jh. überhaupt. Die nüchterne und klare Ausdrucksweise wurde auch von Gegnern bewundert und zum Vorbild genommen.

(Stand: März 11)

Bonaventure des Périers (*ca. 1510, wahrscheinlich in Arnay-le–Duc/Bourgogne ; † ca. 1543, wohl in Lyon, vermutlich durch Selbstmord).

Über die Herkunft und Jugend Des Périers’ ist so gut wie nichts bekannt. Möglicherweise stammte er aus einer kleinadeligen Familie und erhielt jedenfalls eine passable humanistische Bildung. 1534/35 wird er erstmals greifbar, und zwar als Randfigur in dem Team junger Humanisten, das unter der Regie von Pierre Robert Olivetan in Neuchâtel mit protestantischen Intentionen die Bibel übersetzte. Danach findet man ihn als Mitarbeiter des bekannten Humanisten und Druckers Étienne Dolet in Lyon. Sichtlich verkehrte er auch in den intellektuellen Zirkeln der Stadt, denn er unterstützte z.B. 1536 mit einem Gedicht den aus dem Exil heimgekehrten Lyriker Clément Marot (s.o.) in seiner siegreichen Fehde mit einem anderen Hofdichter. In Lyon auch und ebenfalls 1536 begegnete er Marguerite de Navarre (s.o.), der mit der Reformation sympathisierenden hochgebildeten älteren Schwester von König François Ier. Er schaffte es, sie mit einem Gedicht auf sich aufmerksam machen und wurde als Kammerherr und Sekretär in ihren Dienst aufgenommen.

Seine Tätigkeit für Marguerite ließ ihm die Muße für eigene Werke. Das wichtigste ist das unter Pseudonym Anfang 1538 herausgekommene Cymbalum mundi en français, contenant quatre dialogues poétiques fort antiques, joyeux et facétieux (=die Pauke der Welt auf Französisch, die vier ziemlich alte, spaßige und witzige poetische Dialoge enthält). Das Büchlein erzählt in vier Kapiteln mit hohem Anteil von Figurenreden satirisch von einen Besuch des Jupiter-Sohnes Merkur im alten Athen, wo er mit allerlei seltsamen Personen und ihrem Gerede konfrontiert wird. Dieses Gerede spiegelt und ironisiert sichtlich die Borniertheit, den Fanatismus und den Egoismus sowohl der katholischen als auch der sich inzwischen untereinander befehdenden protestantischen Theologen und Wortführer. Im zweiten Kapitel z.B. glauben ein gewisser Rhetulus (=Lutherus) und Cubercus (=Bucerus, der bekannte Straßburger Humanist und Reformator) Stücke des Steines der Weisen finden zu können. Im letzten Kapitel, dem einzigen Dialog im engeren Sinne, unterhalten sich zwei Hunde über die Leichtgläubigkeit, mit der Menschen vermeintlich neuen Ideen aufsitzen.

Das sich an dem griechischen Satiriker Lukian (2. Jh. n. Chr.) inspirierende Werk scheint vordergründig vor allem humoristisch intendiert, ist jedoch bei näherer Betrachtung ein erster literarischer Ausdruck von Skeptizismus und religiösem Freidenkertum zwischen den konfessionellen Fronten. Es wurde von der Sorbonne als ketzerisch verurteilt und vom Parlement verboten, und zwar auf persönliche Initiative von König François (der vielleicht über seine Schwester die hintergründigen Motive des Werkes zu kennen glaubte?). Der Drucker wurde vorübergehend eingesperrt; Des Periers kam selbst mit dem Schrecken davon, scheint hiernach aber nur noch verdeckt von Marguerite protegiert worden zu sein. Auch der Reformator Jean Calvin (s.u.) tadelte später das Cymbalum in seinem Traité des scandales (1555). Die Autorschaft Des Périers’ ist übrigens nicht vollständig sicher, jedoch sehr wahrscheinlich.

Weitere Texte von ihm, vor allem Gedichte, wurden 1544 als Sammelband von einem Freund herausgegeben (der im Vorwort den Tod des Autors mitteilt). Erst 1558 erschien das Büchlein Nouvelles Récréations et joyeux devis (=neue Unterhaltsamkeiten und lustige Reden), eine für die Zeit typische Sammlung von Schwänken und Novellen, die von manchen Literarhistorikern als das beste Werk Des Périers’ betrachtet wird. Er hatte es offenbar zur etwa gleichen Zeit begonnen wie seine Gönnerin Maguerite ihre Sammlung L’Heptaméron.

Über die Umstände seines frühen Todes ist nichts Verlässliches bekannt, doch ist Selbstmord wahrscheinlich.

(Stand: Dez. 10)

Jacques Amyot (* 29. Oktober 1513 in Melun; † 6. Februar 1593 in Auxerre).

Er ist zwar heute auch als Name kaum mehr bekannt, hat aber mit seinen vielgelesenen Übertragungen griechischer Werke die Entwicklung der franz. Literatur stark beeinflusst.

Amyot stammte aus relativ kleinen Verhältnissen, doch konnte er sich in Paris eine theologische Bildung einschließlich Priesterweihe verschaffen und vor allem auch humanistische Studien betreiben. Wie so viele Humanisten dieser Jahre sympathisierte auch er mit der Reformation und geriet 1534, als deren Unterdrückung in Frankreich begann, kurz in Schwierigkeiten. Um 1536 war er einige Zeit Lektor (eine Art Privatdozent) für Griechisch an der Universität von Bourges, bevor er 1540 Hauslehrer der Kinder eines Königlichen Sekretärs wurde, der als Euripides-Übersetzer dilettierte. Über ihn erhielt er Kontakt zu König François Ier, der ihn 1542 mit einer Übertragung von Plutarchs „parallelen Biografien“ berühmter Griechen und Römer (ca. 110 n. Chr.) beauftragte und ihm kurz vor seinem Tod 1547 eine einträgliche Kirchenpfründe zuwies.

Die erste Übertragung, die Amyot erscheinen ließ, war allerdings 1548 die der Äthiopika von Heliodor (3. Jh. n. Chr.), der abenteuerreichen Liebesgeschichte des Theagenes und der schönen Chariklea. Das ohne Nennung des Übersetzers publizierte Buch (denn Liebesromane waren für Geistliche eher tabu) wurde in Frankreich, und nicht nur hier, unendlich viel gelesen und nachgeahmt, zu Theaterstücken verarbeitet (z.B. von Jean Racine, s.u.) und noch 1758 von Voltaire (s.u.) in Candide parodiert.

Zwischen 1548 und 52 unternahm Amyot mehrere längere Reisen nach Venedig und Rom, um dort Manuskripte seiner griechischen Autoren einzusehen. 1554 brachte er eine Übertragung von sieben Büchern der monumentalen Universalgeschichte des Diodoros von Sizilien († ca. 30 v. Chr.) heraus.

1557 wurde er von König Henri II und seiner Gemahlin Catherine de Médicis zum Hauslehrer ihrer jüngeren Söhne Charles (*1550) und Henri (*1551) bestellt. Als Charles nach dem raschen Tod seines soeben auf den Thron gelangten älteren Bruders François II (1559-60) diesem nachfolgte, wurde Amyot von ihm zum „Grand aumônier (=Großalmosenier) de France“ befördert.

Kurz zuvor (1559) hatte er endlich die Übertragung herausgebracht, an der er seit langem arbeitete und die als seine wichtigste gilt: Les vies des hommes illustres grecs et romains, comparées l'une avec l'autre par Plutarque, eine Sammlung von 46 Biografien historischer Figuren, die paarweise (z.B. Alexander und Cäsar) mit einander verknüpft sind. Die für heutige Begriffe sehr freie Übertragung war offenbar dem Erwartungshorizont franz. Leser gelungen angepasst und wurde sofort ein großer Bucherfolg. Noch zu Lebzeiten Amyots erschienen vier von ihm überarbeitete Neuauflagen sowie jeweils zahlreiche Nachdrucke. Auch in den nachfolgenden Jahrhunderten wurde der Plutarque immer wieder gedruckt, war obligate Lektüre für alle Gebildeten und eine wichtige Stoffquelle für Roman- und Theaterautoren.

Ebenfalls 1559 publizierte Amyot, einmal mehr ohne sich zu nennen, eine Übertragung von Longos’ idyllischem kleinen Liebesroman um die jungen Hirten Daphnis und Chloe (2. Jh. n. Chr.), der die Schäferliteratur im Frankreich der Zeit etablieren half.

Die 1562 beginnenden Bürgerkriege zwischen Protestanten und Katholiken tangierten ihn offenbar nicht sofort und unmittelbar. Vielmehr konnte er eine Übertragung vermischter moralphilosophischer Schriften Plutarchs vollenden, die 1572 unter dem Titel Œuvres morales erschien. Auch sie war ein großer Erfolg, wurde z.B. von Montaigne (s.u.) bewundert und beeinflusste die nachfolgende franz. Essayistik und Moralistik.

Inzwischen, 1570, war Amyot zum Bischof von Auxerre ernannt worden. In dieser Rolle entwickelte er sich zum energischen Verfechter eines katholisch orientierten staatlichen Zentralismus in Frankreich, in dem er das einzige Heilmittel sah gegen die ständig neu aufflammenden Religionskriege (deren Ende 1598 er nicht mehr erlebte).

(Stand: Jan. 11)

Louise Labé (* 1524 nahe Lyon; † 25.4.1566 nahe Lyon).

Zu ihren Lebzeiten vor allem als emanzipierte Frau avant la lettre bekannt, gilt sie seit ihrer Wiederentdeckung gegen Ende des 18. Jh. als eine der bedeutendsten franz. Lyrikerinnen.

Sie war Tochter aus der zweiten Ehe des wohlhabenden Seilfabrikanten Pierre Charly, genannt L’Abbé oder Labé, und wuchs auf im damals wirtschaftlich und intellektuell prosperierenden Lyon. Sie erhielt eine für eine junge Bürgerliche der Zeit vorzügliche und vielseitige Bildung und lernte nicht nur mehrere Sprachen sowie die Laute spielen, sondern auch (wenn man ihrer dritten Elegie glaubt), kunstvoll zu sticken, zu reiten und sogar zu fechten. Sie wurde jung mit einem deutlich älteren reichen Seilfabrikanten verheiratet und hieß fortan „la Belle Cordière“, die schöne Seilerin.

In ihrem Salon versammelte sie die Lyoneser Schöngeister und Literaten, z.B. den bekannten Lyriker Maurice Scève (s.o.). Sie ließ sich von ihnen anhimmeln und animierte sie, über alle Aspekte der Liebe und nicht zuletzt auch über die Stellung und Rolle der Frau in Dichtung und Gesellschaft zu diskutieren und zu schreiben. Auch selbst schrieb sie zumindest gelegentlich. Nach ihrer frühen Verwitwung stellte sie 1555 einen Sammelband ihrer Werke zusammen und brachte ihn bei dem sehr aktiven Lyoneser Drucker Jean de Tournes heraus unter dem Titel Œuvres de Louise Labé, Lyonnaise.

Der schmale Band enthält (neben 24 Gedichten befreundeter Autoren) den Prosatext Le Débat d'Amour et de Folie, ein naturgemäß unernster Disput zwischen Amor und der Torheit samt Plädoyers von Apollo und Merkur sowie dem Schiedspruch Jupiters, weiter drei kürzere Elegien im Stil Clément Marots (s.o.) und vor allem die berühmten 24 petrarkistischen Sonette, deren 3 oder 4 besten zu den schönsten Gedichten in franz. Sprache zählen. Insgesamt wirken die Sonette für die Epoche ungewöhnlich bekenntnishaft und handeln, wie schon die Elegien, von der Leidenschaft eines weiblichen Ich, zweifellos der Autorin selbst, zu einem seinerseits nur lauen Geliebten, hinter dem sich wohl der heute praktisch unbekannte Literat Olivier de Magny verbirgt.

Einige Jahre später (1560) zog sich Labé auf ein Landgut nahe Lyon zurück, wo sie relativ jung verstarb. Ihr Testament ist eines der wenigen Dokumente, die aus ihrem Leben erhalten sind.

Obwohl ihre Œuvres bald nach dem Erscheinen mehrfach, auch an anderen Orten, nachgedruckt worden waren, geriet sie im schon im späten 16. Jh. in Vergessenheit. Eine Ursache war sicher der Ausbruch der Religionskriege 1562, ein anderer Grund war vielleicht, dass der Reformator Calvin, der wohl im nahen Genf von ihr gehört hatte, sie um 1560 wegen ihres unkonventionellen, für eine Frau leicht als unschicklich empfundenen Lebenswandels als „ordinäre Hure“ (plebeia meretrix) geschmäht hatte und auch die wieder prüder gewordenen Katholiken diese negative Wertung übernahmen. Ihre Wiederentdeckung wurde eingeleitet von einer Neuausgabe ihres Werkes um 1760. Seitdem gilt sie neben Scève als die bedeutendste Vertreterin der um 1550 blühenden sog. Lyoneser Dichter-Schule.

In Deutschland ist sie nicht unbekannt dank der naturgemäß recht freien Übertragungen ihrer Sonette durch Rilke (1917) und der noch freieren von Paul Zech (postum 1947). Auch in andere Sprachen wurden die Sonette im 19./20. Jh. erstaunlich oft übertragen.

2006 stellte eine Pariser Literaturhistorikerin die These auf, dass die unter Labés Namen gedruckten Werke in Wahrheit nicht von ihr selbst verfasst seien, sondern von anderen Lyoneser Autoren (z.B. der Débat von Scève und die Sonette von Magny). Die These ist jedoch angesichts des Fehlens von einschlägigen Dokumenten oder Zeugnissen schwer zu erhärten. Zu einem angemesseneren oder gar richtigeren Verständnis der Texte führt sie nicht.

(Stand: Jan. 08)

Joachim du Bellay (* um 1522 auf dem Herrensitz La Turmelière in Liré bei Angers; † 1.1.1560 in Paris).

Er gilt neben Pierre de Ronsard (s.u.) als der bedeutendste franz. Lyriker der Mitte des 16. Jh.

Du Bellay (alphabetisch unter D einzuordnen!) war jüngerer Sohn aus einer ärmeren Linie eines alten Adelsgeschlechts des Anjou. Über seine jungen Jahre ist nichts Genaues bekannt. Offenbar verlor er sehr früh seine Mutter, war mit 10 Jahren Vollwaise und verlebte, von Kindheit an kränklich, unter der Vormundschaft seines 15 Jahre älteren Bruders eine freudlose Jugend. Eine solide Bildung erhielt er angeblich nicht, doch will er früh gedichtet haben. 1540 begann er ein Jurastudium in Poitiers, sicher mit der Absicht, sich für einen Posten in der königlichen Verwaltung bzw. Gerichtsbarkeit zu qualifizieren, den er sich erhoffen konnte dank der Protektion zweier Cousins seines Vaters: des Heerführers Guillaume de Langey und vor allem des Bischofs von Paris und Kardinals Jean du Bellay.

In Poitiers fand er Anschluss an einige humanistisch gebildete Literaten, insbes. Jacques Peletier du Mans (1517-82), und neulateinische Dichter. In diesem Kreis verfasste er Verse, ebenfalls zum Teil auf Latein. Spätestens hier lernte er zudem Italienisch und beschäftigte sich mit den Autoren der italienischen Renaissance, vor allem der Lyrik von Francesco Petrarca und dessen Nachfolgern.

Vielleicht schon 1543, bei der Beerdigung Langeys, hatte er den wenig jüngeren Dichterkollegen Pierre de Ronsard (s.u.) kennen gelernt. Bei einer Wiederbegegnung 1547 ließ er sich von ihm bereden, nach Paris zu kommen, um dort mit ihm bei dem bekannten Gräzisten Jean Dorat (1508-88) am Collège de Coqueret Studien auch der altgriechischen Literatur zu treiben. Wenig später gründete er mit Ronsard sowie einigen anderen, heute kaum bekannten Autoren einen Dichterkreis, den man zunächst „la brigade“ (= Trupp, Gruppe) nannte und der später (wohl 1556) von Ronsard in „la Pléiade“ (= Siebengestirn) umgetauft wurde.

Der Wechsel Du Bellays nach Paris trug rasch Früchte. Schon im März 1549 publizierte er zwei bedeutsame Werke: das programmatische Büchlein La Défense et illustration de la langue française (= Verteidigung und Berühmtmachung der franz. Sprache), das er seinem Verwandten, dem Kardinal, widmen durfte, sowie die Gedichtsammlung L'Olive et quelques autres œuvres poétiques (= die Olive und einige andere lyrische Texte).

Die Défense war ein Manifest der Theorien und der künftigen Praxis der Brigade-Autoren und war sicher die Frucht vieler Diskussionen in ihrem Kreis. Im ersten Teil wird das Französische zu einer Sprache von der gleichen Dignität proklamiert wie das Griechische, Lateinische oder auch Italienische; allerdings seien seine Ausdrucksmöglichkeiten und damit seine Eignung als Literatursprache durch die Dichter noch zu verbessern, und zwar vor allem durch die produktive Anverwandlung bedeutender Werke der genannten Sprachen. Der zweite Teil ist eine Poetik (die viele Anstöße einer im Vorjahr erschienenen Poetik des Pariser Juristen Thomas Sébillet verdankt), d.h. eine Anleitung zum Dichten. Neu ist, dass auch hier eine Orientierung der franz. Literatur, insbes. der Lyrik, an den Themen und am Formenschatz der antiken sowie der inzwischen als vorbildhaft geltenden italienischen Literatur gefordert wird, und zwar unter konsequenter Abkehr von der eigenen, angeblich mittelalterlich-gestrigen franz. Tradition, wie sie vor allem der eine Generation ältere Clément Marot (s.o.) und seine Schüler repräsentierten. Die zu ihrer Zeit zwar kurz diskutierte, dann aber nur noch mäßig beachtete Défense wurde im 19./20. Jh. von patriotischen Literarhistorikern, denen der selbstbewusste, quasi nationalistische Tenor Du Bellays gefiel, zu einem Schlüsseltext stilisiert.

L’Olive war die erste Sonett-Sammlung der franz. Literatur und, neben dem Gedichtband Délie von Maurice Scève (1544, s.o.), eine der ersten franz. Sammlungen petrarkistischer Lyrik. Die äußerst kunstvollen, auf heutige Leser oft manieriert wirkenden Sonette des Bändchens inspirieren sich überwiegend an italienischen Vorbildern und kreisen zumeist um eine unerreichbare ideale Geliebte namens Olive (deren eventuelle reale Identität unbekannt, aber auch unerheblich ist). Hierbei nimmt Du Bellay Gedankengut des Neoplatonismus auf, sowie gelegentlich auch christliche Vorstellungen. Ende 1550 brachte er eine zweite, von 50 auf 115 Stücke erweiterte Auflage heraus. Diese durfte er der Prinzessin Marguerite zueignen, der er im Vorjahr mit einem Begrüßungsgedicht an ihren Bruder, den neuen König (ab 1547) Henri II, aufgefallen war und die ihm auch weiterhin eine Gönnerin blieb.

Seinen humanistischen Interessen folgend betätigte Du Bellay sich zugleich als Vermittler lateinischer Klassiker und ließ 1552 eine Nachdichtung von Buch IV der Äneis Vergils und andere freie Übertragungen erscheinen. Anfang 1553 publizierte er ein weiteres Bändchen Gedichte, Recueil de poésie (=Gedichtsammlung).

Sein Gesundheitszustand in diesen Jahren war offenbar prekär (Tuberkulose?); u.a. litt er zunehmend unter Schwerhörigkeit, die ihm, dem ohnehin eher Depressiven, das Leben zusätzlich verdüsterte. Ebenfalls prekär war seine materielle Situation; anscheinend war er gezwungen, längere Prozesse um Besitzansprüche zu führen.

Im April 53 ließ er sich, da er nach dem Tod seines Bruders einen Neffen zu versorgen hatte, in die Dienste seines Onkels zweiten Grades, Kardinal du Bellay, aufnehmen, eines hochgebildeten Mannes, der bis kurz zuvor François Rabelais (s.o.) protegiert hatte. Wenig später begleitete er ihn nach Rom, wohin jener, einmal mehr, als Gesandter des franz. Königs reiste, um den Papst, d.h. den Kirchenstaat, auf die Seite Frankreichs zu ziehen in dessen kriegerischem Ringen mit Kaiser Karl V. (der auf dem 1551 beendeten Konzil von Trient gerade seine Macht gegenüber dem Papst demonstriert hatte).

Der Rom-Aufenthalt Du Bellays dauerte gut vier Jahre, wobei er als Majordomus des Kardinals dessen prächtigen Palazzo und Hausstand verwaltete. Zwar bot ihm die Stadt dank der vielfältigen Beziehungen seines Dienstherrn neue Horizonte und bekam er Anschluss an Literatenkreise, wobei er einen Freund gewann in dem (heute kaum bekannten) Dichter Olivier de Magny, dem Sekretär eines anderen franz. Kardinals; doch absorbierte ihn sein Posten offenbar mehr als erwartet, ohne, wie es ihm schien, Karriereperspektiven zu eröffnen. Auch desillusionierten ihn die Einblicke, die er in die Verhältnisse am päpstlichen Hof und in die große Politik erhielt. So erlebte er 1555 zwei Papstwahlen samt ihren Intrigen hautnah mit, zumal bei der zweiten auch Du Bellay kurz Kandidat war; und 1556 sah er enttäuscht, wie jener in Ungnade fiel bei König Henri, der ohne Rücksicht auf ihn und die Bundesgenossen, insbes. den Papst, überraschend einen Waffenstillstand mit dem spanischen König Philipp II. schloss, dem Sohn Kaiser Karls, der dessen italienische Interessen weiter verfolgte.

Immerhin verfasste Du Bellay in diesen römischen Jahren zahlreiche Gedichte. Auch hatte er, mit einer nicht nur idealen Faustina, ein reales Verhältnis.

Im Spätsommer 1557 kehrte er mit dem Kardinal zurück nach Paris, wo er von ihm mit mehreren Pfründen versorgt wurde, deren Einkünfte er allerdings, wie üblich, mit den Priestern teilen musste, die ihn jeweils vor Ort vertraten. Ob er sich im Hinblick auf die Übernahme solcher Pfründen irgendwann zumindest die niederen Weihen erteilen lassen hatte, scheint nicht bekannt. Unbedingt nötig war dies nicht.

In Paris fand er wieder Anschluss an die alten sowie auch an neue Literatenkollegen. Darüber hinaus versuchte er mit Gedichten zu verschiedenen offiziellen und anderen Anlässen am Königshof Fuß zu fassen, so wie dies während seiner Abwesenheit Freund Ronsard geschafft hatte, den er sichtlich beneidete.

Die Zeit nach der Rückkehr war sehr fruchtbar für Du Bellay. Im Januar 1558 ließ er sein wohl bedeutendstes Werk erscheinen: Les regrets (= Klagen). Es ist eine Sammlung von 191 Sonetten mit vielfältiger Thematik, aber einem gemeinsamen Unterton von Nostalgie, Frustration und Desillusion. Der größte Teil der Texte ist in Rom verfasst, ein kleinerer nach der Heimkehr. Sie beklagen, erstaunlich bekenntnishaft, existenzielle und psychische Nöte des Autors, insbes. sein Heimweh in Rom und die Enttäuschung seiner Karrierehoffnungen dort sowie, anschließend, auch in Paris. Andere kommentieren, zunächst meist im Vergleich mit den vermeintlich besseren franz. Verhältnissen, aktuelle Ereignisse und Zustände der hohen und der weniger hohen Politik in Rom. Wieder andere karikieren sarkastisch die Höflinge dort, danach aber auch deren Kollegen in Paris, was natürlich wenig dazu beitrug, dem heimgekehrten Autor Sympathien am franz. Hof zu verschaffen. Viele der Gedichte sind, so als wären sie Briefe, an namentlich genannte Freunde (z.B. Ronsard) und Bekannte gerichtet. Insgesamt war der Band der Regrets insofern neuartig und epochemachend, als er die Gattung Sonett als geeignetes Medium nicht nur für das Thema Liebe, sondern für ein breites Themenspektrum etablierte.

Ebenfalls im Januar 58 brachte Du Bellay den Sammelband Divers jeux rustiques (= diverse ländliche Spiele) heraus. Dieser enthält, ähnlich wie Ronsards Bändchen Folâtries von 1553, Gedichte der verschiedensten Gattungen und Sujets und zeigt, wie der Titel andeutet, einen überraschend heiteren, manchmal sogar witzigen Du Bellay.

Den melancholischen wiederum bietet Le premier livre des antiquités de Rome (= Buch I der römischen Altertümer), ein im März gedrucktes Bändchen mit 32 Sonetten. Hauptthema der ebenfalls zumeist in Rom verfassten Gedichte sind die in der Stadt (die in der Spätantike stark geschrumpft war) und in ihrer Umgebung verstreuten antiken Ruinen bzw. das Gefühl von Vergänglichkeit und Vergeblichkeit, das sie in Du Bellay auslösten. Dasselbe Gefühl spiegeln die 15 Sonette, die unter dem Sammeltitel Songe (= Traum) an die Antiquités angehängt sind und eine Traumvision in 15 Bildern schildern, worin jeweils eine zunächst glanzvolle Erscheinung am Ende unrühmlich in sich zusammenfällt.

Zugleich mit den Antiquités gab Du Bellay eine vierbändige Sammlung seiner lateinischen Gedichte heraus, von denen einige relativ offen sein Verhältnis zu Faustina behandeln. Ende des Jahres erschien seine Übertragung von Platos Symposion.

Ebenfalls 1558 konnte er endlich den lange erhofften Karrieresprung verzeichnen: Er erhielt einen höheren Posten in der Verwaltung des Erzbistums Paris. Allerdings profitierte er kaum noch hiervon, denn er starb, depressiv und nach längerem Kränkeln, mit 37(?) an einem Herzschlag in der Nacht vom 1. auf den 2. Jan. 1560.

Postum kamen 1561 nochmals ein Bändchen Lyrik sowie einige andere Texte heraus. Hierunter sind einige politisch intendierte Discours (= Reden) in Versform, mit denen Du Bellay auf die Eskalation der innenpolitischen Spannungen gegen Ende der 1550er Jahre reagiert hatte. Die grausame Bestrafung der sog. Verschwörung von Amboise (1560) und den Ausbruch der Religionskriege 1562 erlebte er nicht mehr.

1568/69, in einer Friedenspause zwischen dem Zweiten und dem Dritten Religionskrieg, erschien die erste Gesamtausgabe seiner Werke, die mehrfach nachgedruckt wurde.

Auch aus der Distanz von fast fünf Jahrhunderten gesehen wirken viele seiner Gedichte lebendig und authentisch, seine Figur in ihrer Tragik sympathisch. Für sich selbst und seine Umgebung war er zweifellos (anders als sein glücklicherer Freund und Rivale Ronsard) ein schwieriger Fall.

(Stand: Dez. 10)

Pierre de Ronsard (* 6.9.1524 auf dem Herrensitz La Possonnière/Vendômois; † 27.12.1585 in Croix-Val/Vendômois).

Obwohl von den Zeitgenossen als “prince [Fürst] des poètes“ hoch geschätzt, geriet er nach 1600 in Vergessenheit. Seit seiner Wiederentdeckung durch die Romantiker gilt er als der bedeutendste franz. Lyriker der 2. Hälfte des 16. Jh.

Ronsard war jüngerer Sohn eines gebildeten und literarisch dilettierenden Adeligen, der sich als Offizier in den Italienkriegen der Könige Louis XII und dann François Ier hervorgetan hatte und von 1526 bis 1530 länger von seiner Familie getrennt war, weil er den beiden ältesten Söhnen von König François als Haushofmeister diente, während sie in Madrid von Kaiser Karl V. als Geiseln festgehalten wurden.

Nachdem er zunächst von seinem Vater unterrichtet worden war, wurde Ronsard mit 9 aus dem ländlichen Schlösschen der Familie ins ferne Paris geschickt, um dort als Internatsschüler das Collège de Navarre zu besuchen. Schon nach sechs Monaten holte man ihn jedoch wieder heim. Mit 12 kam er erneut in die Hauptstadt, diesmal an den Hof. Hier wurde er, sicher dank der Nähe seines Vaters zum König und zu dessen Söhnen, Page bei dem ältestem, dem Thronfolger. Als dieser wenig später starb, wurde er dem dritten Sohn, Charles, zugewiesen. Nicht lange danach, im Sommer 1537, wurde er an die 17jährige Tochter des Königs, Madeleine, weitergereicht, die soeben mit dem jungen schottischen König James Stuart verheiratet worden war. In ihrem Gefolge fuhr er nach Schottland und blieb dort bis zu ihrem frühen Tod (1538). Die Heimreise führte ihn auf dem Landweg durch England und Flandern. Mit 14 zurück in Paris, wurde er wieder Page bei Charles. 1539 ging es erneut nach Schottland, diesmal im Gefolge der neuen Braut des Schottenkönigs, Marie de Guise.

1540 begleitete er den franz. Diplomaten Lazare de Baïf, einen Verwandten, auf einer dreimonatigen Reise ins westliche deutsche Reich, u.a. ins Elsass, von wo aus jener Kontakt mit protestantischen deutschen Fürsten aufnehmen sollte als potenziellen Bundesgenossen Frankreichs gegen Kaiser Karl V.. Über den hochgebildeten Baïf kam Ronsard mit humanistischem Gedankengut in Berührung.

Von der Reise zurück, erlitt er eine Krankheit (Mittelohrentzündung?), die ihn „halb taub“  (einseitig ganz taub? beiderseits schwerhörig?) werden ließ. Er gab deshalb die bis dahin wohl angestrebte Offiziers- und/oder Höflings- und Diplomatenlaufbahn auf und kehrte nach Hause zurück. Hier las er, insbes. lateinische Literatur, und übte seine Feder an franz. und lateinischen Versen sowie an Nachdichtungen von Texten der großen römischen Dichter Vergil (ca. 70 – ca. 20 v. Chr.) und vor allem Horaz (ca. 65 - ca. 8 v. Chr.).

Mit 18 (1543) ließ er sich die niederen Weihen erteilen, um bei Gelegenheit eine oder sogar mehrere Kirchenpfründen bekommen zu können, über die die franz. Könige das Verfügungsrecht hatten und mit denen sie vorzugsweise jüngere Söhne adeliger Familien versorgten. Im selben Jahr zeigte er seine Nachdichtungen horazischer Oden dem etwas älteren Humanisten Jacques Peletier du Mans, der ihn ermutigte.

1545, nach dem Tod des Vaters, ging er zurück nach Paris. Hier fand er Aufnahme bei Baïf und nahm teil an dem Unterricht, den dessen (gut sieben Jahre jüngerer) Sohn Jean Antoine von seinem Hauslehrer erhielt, dem Gräzisten Jean Dorat (1508-1588). Beide Schüler folgten Dorat, als er 1547 Direktor des humanistisch ausgerichteten Pariser Collège de Coqueret wurde. Ronsard mietete sich sogar bei Dorat ein und begann unter seinem Einfluss, Oden auch des altgriechischen Autors Pindar (521-441) nachzudichten.

Vielleicht schon 1543, bei einer Beerdigung, hatte er den wenig älteren Joachim du Bellay (s.o.) kennengelernt, der ähnliche Interessen verfolgte wie er. Ende 1547 traf er ihn auf einer Reise wieder und bewog ihn, ebenfalls nach Paris zu kommen, um bei Dorat in die Schule zu gehen. Zweifellos war er hiernach ein wichtiger Diskussionspartner Du Bellays und somit beteiligt an der Konzeption von dessen programmatischer Schrift La Défense et illustration de la langue française (s.o.), die Anfang 1549 erschien.

Im selben Jahr 49 schlossen sich Ronsard, Du Bellay, Jean Antoine de Baïf, Dorat sowie einige weitere humanistisch interessierte Literaten zu einem Kreis zusammen, den sie zunächst „La Brigade“ = Schaar, Gruppe nannten (und der um 1556 von Ronsard, der rasch zum informellen Chef avancierte, auf sieben Mitglieder eingegrenzt und in „La Pléiade“ = Siebengestirn umgetauft wurde).

1550 publizierte er seine bis dahin verfassten Oden in dem Sammelband Les quatre premiers livres des Odes, dem er 1552 eine Fortsetzung folgen ließ als Le cinquième livre des Odes.

Der Publikumserfolg der Oden, mit denen er eine neue Gattung in der franz. Literatur heimisch zu machen und sich selbst als „erster französischer lyrischer Autor“ (Vorwort) zu etablieren gedachte, war geringer als erhofft. Zwar behandelten die Texte in einer Vielfalt von Formen eine Vielzahl von Themen, z.B. das Preisen mehr oder weniger bedeutender Personen (à la Pindar), das Lob schöner Natur oder des Glücks eines einfachen, den Augenblick genießenden Lebens in ländlicher Idylle (à la Horaz). Doch waren sie - vor allem die pompösen pindarischen Oden von Buch I und Buch V – häufig mit Gelehrsamkeit überfrachtet und zielten sichtlich mehr auf den Beifall der Freunde als einer breiteren Leser-/Hörerschaft. Zumal der Hof, zu dem Ronsard als Jugendgefährte des seit 1547 herrschenden Königs Henri II Zutritt hatte, reagierte kühl und bevorzugte die gefälligen Gedichte, wie sie insbes. der quasi offizielle Hofdichter Mellin de Saint-Gelais im Stil Clément Marots (s.o.) produzierte.

Ronsard nahm sich die Lektion zu Herzen. So ließ er noch 1552 unter dem Titel Les Amours de Cassandre einen Sammelband seiner neben den Oden verfassten Liebesgedichte – fast ausschließlich Sonette - erscheinen. In ihnen besingt er eine gewisse Cassandra Salviati, die er am 21. April 1545 bei einem Hoffest in Blois als 13jähriges Mädchen in einer ähnlich flüchtigen poetischen Szene erblickt haben will wie Dante seine Muse Beatrice oder Petrarca am 6. April 1327 seine Laura. Wie weit diese Fernliebe echt empfunden war oder nur imaginiert, ist kaum zu entscheiden. Ein wichtiger Ansporn für Ronsard war sicher der Umstand, dass sein Freund Du Bellay schon vor ihm begonnen hatte, eine Muse namens Olive in Sonetten zu bedichten, die 1549 und 1550 als die erste Sammlung petrarkistischer Liebessonette in Frankreich erschienen waren.

Die Gedichte der Amours trafen, obwohl sie im manieristischen Stil des Petrarkismus der Zeit gehalten waren, den Geschmack am Hof schon besser als die Odes. Vor allem aber näherte Ronsard sich mit den Texten, die er anschließend schrieb, dem Stil Marots und seiner Schule an, den er in der Vorrede zu den Odes noch herablassend kritisiert hatte, um sich stolz als Jünger der Griechen und der Römer zu präsentieren. Darüber hinaus imitierte er, neben Horaz, nun auch Anakreon, d.h. die von Liebe, Wein und Lebenslust handelnden Lieder, die (fälschlich, wie man heute weiß) dem alten Griechen Anakreon zugeschrieben wurden und die sein Brigade-Freund Henri Estienne gerade herausgab (ersch. 1554), während sich zugleich ein weiterer Brigade-Freund, Rémi Belleau, mit ihrer Übertragung befasste (ersch. 1556).

Seine Hinwendung zu einem breiteren, wenn auch überwiegend höfischen Publikum zeigen die nächsten Sammelbände Ronsards. Sie vereinen in bunter Mischung längere Oden sowie kürzere „Ödchen“ (odelettes), Sonette, Lieder, Elegien, Epigramme und andere Gedichte verschiedener Gattungen und unterschiedlichster Thematik. Ihre Titel lauten bezeichnenderweise Le Livret des folâtries, 1553 (= das Büchlein der Späße), Le Bocage, 1554 (= das Wäldchen) und Mélanges, 1554 (= Vermischtes).

Ronsards Bemühungen wurden nicht nur durch die Gunst des Publikums belohnt, sondern auch von König Henri, der ihm 1553 einige Pfründen zuwies (die kumulierbar waren). Hiermit war er finanziell erfreulich unabhängig, so dass er z.B. seine unmündigen Nichten und Neffen unterstützen konnte, als 1556 sein älterer Bruder verstarb.

1555 hatte er wieder ein Bändchen Liebesgedichte zusammen, die er als La Continuation [Fortsetzung] des Amours in Druck gab. 1556 ließ er ein weiteres Bändchen folgen: La nouvelle [neue] continuation des Amours. Beide enthalten Gedichte unterschiedlicher Form, die in einem natürlicher wirkenden „niederen“ Stil anfangs noch Cassandre besingen und später ein einfaches Mädchen namens Marie, die Ronsard  Anfang 1555 als 15-Jährige kennengelernt hatte.

Ebenfalls 1555 und 56, aber wie ein Kontrastprogramm, ließ er zwei Bände mit dem Titel Innes (= Hymnen) erscheinen. Denn er pflegte seit einiger Zeit eine weitere Versgattung nach griechischem Vorbild: längere Texte in paarweise reimenden Zehnsilblern oder Alexandrinern zum Lobpreis bedeutender Personen am Hof, z.B. des Kanzlers Michel de l’Hospital, aber auch mythologischer Figuren oder abstrakter Wesenheiten wie die Ewigkeit oder der Tod. Die Innes trugen sichtlich dazu bei, das Ansehen Ronsards am Hof zu erhöhen.

1558, nach dem Tod von Saint-Gelais, er bekam dessen Amt eines „conseiller et aumônier du roi“ (Königlicher Rat und Almosenier) übertragen. Zugleich fiel ihm wie selbstverständlich die Rolle eines Hofdichters zu, der zu vielerlei Anlässen Gelegenheitsgedichte produzierte.

Auch nach dem Unfalltod von Henri II (1559) blieb die Position Ronsards am Hof intakt. 1560 erhielt er von dem neuen jungen König François II (1559-60) bzw. der Königinmutter und Regentin Catherine de Médicis weitere Pfründen und war damit ein wohlhabender Mann.

Ebenfalls 1560 ließ er eine erste Gesamtausgabe seiner Werke erscheinen, die er in vier Sektionen bzw. Bände einteilte: Les Amours, Les Odes, Les Poèmes (Gedichte verschiedenster Art) und Les Hynnes. Diese Einteilung behielt er in den nächsten Neuausgaben bei, wobei er die zwischenzeitlich neu entstandenen Gedichte jeweils in die passenden Sektionen einfügte.

1561 präsentierte er dem neuen, erst 12jährigen König Charles IX (1560-74) ein Lehrbuch für junge Monarchen (Institution [Unterweisung] pour l’adolescence du Roi). Das in Alexandrinern verfasste Büchlein zielte zweifellos vor allem auf den Beifall der Regentin. Den verdeckten Hintergrund bildete allerdings die innenpolitische Situation in Frankreich, wo seit dem Vorjahr 1560 die Spannungen zwischen Katholiken und Reformierten stark eskaliert waren. 

Als 1562 offener Bürgerkrieg ausbrach, konnte Ronsard, der sich bis dahin eher als ein Hohepriester der Dichtkunst gesehen hatte, die Politik nicht mehr nur indirekt behandeln. Da er offenbar der Reformation nicht völlig ablehnend gegenüber gestanden hatte, versuchte er zunächst ausgleichend zu wirken und veröffentlichte in diesem Sinne als Broschüren mehrere „Reden“ (discours) in gereimten Alexandrinern: D. à la Reine = Rede an die Königin; D. sur les misères de ce temps = Rede über die Nöte der Gegenwart; Rémontrance au peuple de France = Mahnung an das franz. Volk (alle 1562). Wenig später allerdings engagierte er sich entschieden auf Seiten der katholisch gebliebenen Krone und wurde zum gefürchteten Pamphletisten, wobei er sicher auch an seine hübschen Kirchenpfründen dachte, die er als Protestant hätte aufgeben müssen. Als ihm die Gegenseite, um ihn zu diskreditieren, einen Hang zum Wohlleben vorwarf, konterte er mit der Réponse aux injures et calomnies de je ne sais quels prédicantereaux et ministreaux de Genève (= Antwort auf die Anwürfe und Verleumdungen irgendwelcher [protestantischer] Genfer Prediger- und Priester-Laffen, 1563). Naturgemäß war er hiermit für die Protestanten abgestempelt als katholischer Autor.

1564 und 1566 begleitete er Charles IX und die Königinmutter auf zweien ihrer nur kurzfristig erfolgreichen Befriedungsreisen in die Provinz. Zwischendurch, 1565, publizierte er jedoch auch wieder Unpolitisches: den Gedichtband Élégies, mascarades et bergeries [Schäfereien], der vor allem Gelegenheitslyrik aus seiner Rolle als Hofdichter enthält, sowie einen Abrégé de l'art poétique [=Abriss der Dichtkunst], worin er grosso modo das Programm der Pléiade resümiert.

Nach 1566 zog er sich aus der Politik wieder zurück und weilte immer häufiger in seinem Priorat Saint-Cosme in der Touraine, das er 1565 erhalten hatte. Hier stellte er 1567 eine neue Gesamtausgabe seiner Werke fertig, der er 1569 zwei Bändchen mit diversen „poèmes“ folgen ließ.

Anschließend machte er sich an das große Projekt seines Lebens: das Versepos La Franciade. Schon 1550 hatte er Henri II den Plan eines Epos um den legendären Frankenreichgründer Francus unterbreitet, das sich inspirierte an den Illustrations de Gaule et singularités de Troye von Jean Lemaire de Belges (1511-13, s.o.). Jetzt, fast 20 Jahre später, nahm er das Werk endlich in Angriff, nicht zuletzt mit der Absicht, dem konfessionell gespaltenen und soeben in den Dritten Religionskrieg (1569/70) gerutschten Frankreich ein nationales Epos nach dem Muster von Vergils Aeneis zu geben. 1572 gab er 4 von 24 geplanten Gesängen in Druck, sie erschienen wenige Tage vor dem Protestantenmassaker der Bartholomäus-Nacht (22./23. August). Hiernach brach er die Arbeit ab. Sichtlich hatten sich die Hoffnungen auf eine innere Befriedung Frankreichs als Illusion erwiesen. Vielleicht auch sah er, dass er letztlich doch kein Epiker war. Zudem hatte sich wohl der Zehnsilbler, den er als Metrum gewählt hatte, als nicht recht geeignet erwiesen. Hinzu kam vermutlich aber auch, dass er selbst sowie sein Publikum sich nur noch mühsam erwärmen konnten für die apokryphe Figur des Francus, jenes erst im Mittelalter erfundenen Sohnes des trojanischen Helden Hektor, der sich zusammen mit dem legendären Rom-Gründer Äneas aus dem brennenden Troja gerettet und seinerseits „Francia“ und sogar die Dynastie der Kapetinger gegründet habe. Denn inzwischen (1560) war das sehr erfolgreiche Buch Recherches de la France von Étienne Pasquier (s.u.) erschienen, das die Vorstellungen der Franzosen rasch in dem Sinne veränderte, dass nicht irgend ein Francus (und auch nicht die Römer) ihre Urväter seien, sondern die keltischen Gallier.

Nach dem Scheitern der Franciade und angesichts der fast pausenlosen Religionskriege, aber wohl auch des Umstands, dass ihn der neue König Henri III (seit 1574) nicht gebührend schätzte, zog Ronsard sich zurück auf seine beiden Lieblingspfründen Saint-Cosme nahe Tours und Croixval im Vendômois. Hier überarbeitete er seine Werke im Hinblick auf eine weitere (die inzwischen fünfte) Gesamtausgabe. Sie erschien 1578 und enthielt als neue Elemente der Sektion Les Amours eine Serie melancholischer Gedichte über den Tod Maries und vor allem die rd. 130 Sonnets pour Hélène. Mit diesen Gedichten auf Hélène de Surgères, eine Ehrenjungfer der Königinmutter, feierte Ronsard ein spätes, so überraschendes wie anrührendes Comeback als Liebeslyriker.

Zunehmend kränklich, überarbeitete er in den folgenden Jahren nochmals grundlegend das Korpus seiner Werke, wobei er, wie schon bei den vorangehenden Überarbeitungen, manche heute als gelungen erscheinende Texte tilgte und andere eher verschlimmbesserte. 1584 ließ er die sechste und letzte Gesamtausgabe erscheinen, die als Bocage royal eine weitere Sektion vermischter Gedichte enthielt.

Daneben und danach schrieb er, wie immer, auch Neues. Seine letzten Gedichte, die er z.T. angesichts des nahen Todes verfasste, kamen postum 1586 als Les derniers vers heraus.

Trotz seines Ruhmes und seiner tonangebenden Rolle zu Lebzeiten geriet Ronsard relativ rasch in Vergessenheit. Grund waren nicht zuletzt die abwertenden Urteile, die eine bzw. zwei Generationen später die Literatur-Gurus François de Malherbe (s.u.) und Nicolas Boileau (s.u.) über ihn fällten. Die Romantiker entdeckten den im engeren Sinne lyrischen Teil seines Schaffens wieder und die Literarhistoriker des 19./20. Jh. wiesen ihm den insgesamt sehr hohen Rang zu, von dem er selbst durchaus stets überzeugt war.

(Stand: Dez. 10)

Étienne Pasquier (* 7.6.1529 Paris; † 30.8.1615 ebd.).

Für die Zeitgenossen und die Nachwelt war und ist er vor allem der Autor der Recherches de la France (=Forschungen über Frankreich), eines teils historiographischen, teils essayistischen Werkes, das erstmals 1560 und dann 1565, 1596, 1607 sowie postum 1621 in überarbeiteten und um neue Kapitel erweiterten Versionen erschien und eine wichtige Rolle bei der Herausbildung der nationalen Identität der Franzosen gespielt hat.

Pasquier stammte aus dem gebildeten Pariser Bürgertum und studierte Jura in Paris und Toulouse sowie in Bologna und Pavia, wo er neben seiner juristischen auch seine humanistische Bildung vervollkommnete und sich mit der seinerzeit als vorbildhaft geltenden italienischen Literatur beschäftigte. Hier aber auch, im gerade zwischen Frankreich und Deutschland/Spanien umkämpften Italien, wurde er sich seiner Identität als Franzose bewusst.

1549 zurück in Paris, erhielt er die Zulassung als Anwalt am Obersten Pariser Gericht, dem Parlement. Neben seiner offenbar nicht absorbierenden Tätigkeit als Jurist verkehrte er mit Autoren der Dichtergruppe der Pléiade, u.a. Ronsard (s.o.) und Du Bellay (s.o.), und publizierte diverse kleinere Texte, in denen er häufig das idealistische neoplatonische Liebesideal hinterfragt und diesem modischen Import aus Italien die realistischere Sicht des Franzosen entgegensetzt.

Vor allem aber verfolgte er das Thema Frankreich, genauer das des Werdens und der Identität der franz. Nation, deren innerer Zusammenhalt durch die seit 1534 zunehmende konfessionelle Spaltung gefährdet war. Hierbei sah Pasquier die Wurzeln der Nation nicht, wie bis dahin üblich, bei den Römern oder den Franken oder gar dem legendären Trojaner Francus, sondern bei den keltischen Galliern. Entsprechend war sein Hauptziel der Nachweis einer geradezu exemplarischen konstitutionellen und kulturellen Eigenständigkeit Frankreichs, die schon bei den Galliern angelegt gewesen, nach dem Intermezzo der Römerzeit wiederbelebt und dann von Königen, intellektueller Elite und Volk kontinuierlich weiterentwickelt worden sei. Mit diesen durchaus nationalistische Züge tragenden Vorstellungen, die er in den Recherches ausführte, propagierte Pasquier zugleich die Idee, dass die Belange der in Jahrhunderten organisch gewachsenen Nation Vorrang hätten vor den wechselnden Partikularinteressen und insbes. vor der konfessionell motivierten Parteilichkeit, mit der Katholiken und Protestanten ihr Vaterland spalteten und sogar auswärtige Mächte wie England oder Spanien in ihren Konflikt hineinzogen.

Mit seiner Idee vom Vorrang des Interesses der Nation war Pasquier einer der ersten „Politischen“ (politiques), d.h. jener bald wachsenden Zahl überkonfessionell denkender Intellektueller und Amtsträger, die angesichts der seit 1562 immer wieder aufflammenden Religionskriege Frankreich zu befrieden versuchten, dies allerdings erst 1598 unter dem vom Protestantismus zum Katholizismus konvertierten König Henri IV1) schafften.

1564 machte Pasquier von sich reden durch ein fulminantes Plädoyer für die traditionsreiche, so typisch französische Pariser Universität und gegen die ultramontan orientierten Jesuiten, die gerade das neuartige Collège de Clermont gegründet hatten. Mit seiner Schelte der quasi vaterlandslosen Jesuiten hatte er ein Thema gefunden, das ihn immer wieder beschäftigen sollte, z.B. 1602 mit dem sarkastischen Catéchisme des Jésuites, dem später Blaise Pascal (s.o.) manche Anregung für seine anti-jesuitischen Lettres provinciales (1656-57) entnahm.

1585 wurde Pasquier (sicherlich auch dank dem Erfolg der Recherches) Generalstaatsanwalt am königlichen Rechnungshof, was er zwei Jahrzehnte lang blieb. Auch dieser Posten absorbierte ihn sichtlich nicht völlig, denn neben diversen kleineren, häufig polemischen Texten publizierte er ab 1586 viele Bände literarischer Briefe, die mit denen des Römers Plinius oder des Italieners Claudio Tolomei rivalisieren sollten.

1588 bis 94 war Pasquier Abgeordneter der Stadt Paris bei der intermittierend tagenden Versammlung der Generalstände in Blois.

Mit seinem Werdegang war er ein typischer Vertreter des neuen Amtsadels, der „noblesse de robe“, d.h. einer aus der königlichen Justiz- und Verwaltungselite samt ihren Familien bestehenden Schicht zwischen dem höheren Bürgertum und dem älteren Adel, der „noblesse d'épée“ (Schwertadel).

Vielleicht könnte man Pasquier, mit seiner Hervorhebung der keltischen Ursprünge Frankreichs, als den entfernten geistigen Vater der urkeltischen Ur-Franzosen Astérix und Obélix betrachten.

(Stand: Jan. 11)

1) Henri IV, König von 1589 bis 1610. Der 1553 geborene Henri de Navarre (Enkel von Marguerite de Navarre) stammte aus einer Seitenlinie des franz. Königshauses und war ursprünglich Protestant, ab 1576 sogar Chef des protestantischen Lagers. Als 1584 der präsumptive Nachfolger des kinderlosen Königs Henri III, dessen jüngerer Bruder François d'Alençon, starb und 1589 Henri selbst ermordet wurde, war Henri de Navarre die Nr. 1 in der Rangfolge der Thronanwärter. Er musste jedoch sein Anrecht auf den Thron in jahrelangen Kriegen gegen die von Spanien und Savoyen unterstützte Katholische Liga und deren Gegenkönig Charles de Bourbon durchsetzen. 1594, also einige Jahre nach seinem Griff nach der Krone konvertierte Henri mit dem berühmten Satz „Paris vaut bien une messe!“ (Paris ist eine Messe wert), und nach seinem endgültigen Sieg über die Liga (1598) verstand er es, Frankreich zu befrieden, nicht zuletzt durch das Toleranzedikt von Nantes, das den Protestanten Religionsfreiheit und volle Bürgerrechte einräumte. 1610 wurde auch er von einem religiösen Fanatiker ermordet. Henri IV ging als besonders volkstümlicher Herrscher, „le bon roi“, in die franz. Geschichte ein und ist bis heute jedem auch nur halbwegs gebildeten Franzosen ein Begriff. Legendär war er auch als „l’amant vert“ (der jugendlich vitale Liebhaber).

Jean Bodin (*1529 oder 1530 in Angers ; † 1596 in Laon)

Er gilt als der erste franz. Staatstheoretiker von Rang. Sein Hauptwerk Les six livres de la république / Sechs Bücher über den Staat wird als einer der Gründungstexte der Politikwissenschaft betrachtet.

Bodin wuchs auf in kleinbürgerlichen Verhältnissen (als Sohn eines Schneiders?) in Angers. Er konnte sich aber eine passable Bildung verschaffen, offenbar bei den Karmelitermönchen seiner Stadt, wo er auch Novize wurde. Die gelegentlich zu findende Information, er habe sich zeitweilig in Genf aufgehalten und sei 1547/48 in Ketzerprozesse verwickelt gewesen, betrifft vielleicht einen sonst unbekannten Namensvetter.

1549 verließ er das Kloster, ohne das Gelübde abzulegen, und ging nach Paris. Hier trieb er theologische Studien, hörte aber auch am Collège des trois langues und kam so mit dem Humanismus in Kontakt. Er kehrte der Theologie den Rücken und studierte und lehrte im weiteren Verlauf der 1550er Jahre Recht in Toulouse, wobei er sich besonders für den Vergleich von Rechtssystemen interessierte.

1561 ließ er sich in Paris nieder und erhielt hier die Zulassung als Anwalt am Obersten Gericht, dem Parlement.

Seine rechts- und staatstheoretischen Interessen verfolgte er in Paris auch nach Beginn der sog. Religionskriege 1662 weiter. 1566 publizierte er eine erste Schrift, Methodus ad facilem historiarum cognitionem (= Methode zum leichten Begreifen der Geschichte), worin er aufzeigt, dass historische Kenntnisse, insbes. der verschiedenen Rechtssysteme, nützlich sein können für die Gesetzgebung der Gegenwart.

Sein nächstes Werk, Réponse de J. Bodin aux paradoxes de M. de Malestroit, erschien 1568: Hierin analysiert er als offenbar erster quasi wissenschaftlich das vor dem 16. Jh. unbekannte Phänomen der Inflation oder schleichenden Geldentwertung und erklärt es zutreffend, wenn auch zu monokausal, aus der starken Vermehrung der Zahl der Silbermünzen, die vor allem mit dem Silber geprägt wurden, das reichlich aus den spanischen Kolonien in Amerika kam. Vermutlich war Bodin mit seinen Thesen nicht unbeteiligt daran, dass 1577 König Henri III (letztlich vergeblich) per Erlass versuchte, den Wert der Silbermünzen (livres) im Verhältnis zum Goldtaler (écu) zu stabilisieren.

Von März 1569 bis August 1570, während des inzwischen Dritten Religionskrieges, war er in Paris inhaftiert, vielleicht jedoch in einer Art Schutzhaft, um ihn, der offenbar als verkappter Protestant verdächtigt wurde, den Verfolgungen katholischer Eiferer zu entziehen. Danach gehörte er zu dem hochkarätigen Berater- und Diskussionskreis um Prinz François d'Alençon (bzw. ab 1576 d’Anjou), den intelligenten und ehrgeizigen vierten und jüngsten Sohn von Henri II, der sich 1574, beim Tod seines zweitältesten Bruders König Charles IX schon auf dem Thron sah, dann aber zugunsten des drittältesten Bruders Henri III zurückstehen musste, weil der die ihm gerade angetragene Königskrone von Polen ausschlug und nach Paris zurückkam.

Die 1560er und 70er Jahre waren in Frankreich, aufgrund des Unfalltodes von König Henri II (1559) und der Jugend der drei Söhne, die ihm nacheinander auf dem Thron folgten, eine Zeit der Schwäche der Monarchie und damit zugleich eine Zeit zentrifugaler Tendenzen, die durch die konfessionelle Spaltung des Landes verstärkt wurden und ab 1662 immer wieder religiös verbrämte Bürgerkriege ausbrechen ließen. Da in diesen Kriegen die Monarchie sich letztlich immer wieder auf die Seite des katholischen Lagers schlug, versuchte das protestantische Lager, die Herrschaftsrechte des Monarchen einzuschränken oder ganz in Zweifel zu ziehen. In diesen Jahren allgemeinen Streites um die beste Staatsform, aber auch unter dem Eindruck von grausamen Ereignissen wie insbes. den Potestantenmassakern der Bartholomäusnacht (1572) konzipierte Bodin sein bedeutendstes Werk, Les six livres de la république (1576).

Mit ihm versuchte er einen mittleren Weg einzuschlagen zwischen dem von vielen Katholiken vertretenen Macchiavellismus, wonach ein Herrscher die Pflicht und damit das Recht habe, ohne moralische Rücksichten zum Vorteil seines Staates zu handeln, und dem von protestantischen Theoretikern vertretenen Ideal einer Volksherrschaft oder zumindest einer Wahlmonarchie. Ausgehend von der neuartigen These, dass das Klima eines Landes den Charakter seiner Einwohner präge und damit auch die für sie geeignetste Staatsform in weitem Umfang vorgebe, postuliert er als ideales Regime für das klimatisch gemäßigte Frankreich die erbliche Monarchie. Hierbei soll der Monarch/König „souverän“, d.h. keiner anderen Instanz unterworfen sein, wenn auch einer gewissen Kontrolle unterliegen durch Institutionen wie die Obersten Gerichtshöfe (Parlements) und die Ständeversammlungen (États). Vor allem jedoch soll er „nur Gott verantwortlich“ sein, d.h. über den konfessionellen Parteien stehen. Mit seinem Postulat einer durch Erblichkeit legitimierten, souveränen und religiös neutralen Monarchie reagierte Bodin darauf, dass die Unfähigkeit der jungen Könige bzw. der für sie herrschenden Königinmutter und Regentin Catherine de Médicis, die Bürgerkriege zu beenden, nicht zuletzt daraus resultierte, dass die Krone seit 1534 fast immer auf Seiten der Katholiken stand somit nicht als schlichtende überparteiliche Instanz auftreten konnte.

Die Six livres waren sofort sehr erfolgreich und wurden umgehend mehrfach nachgedruckt. 1586 erschien eine erweiterte und vom Autor selbst überarbeitete lateinische Version. Mit seinem Buch gehörte Bodin zu den Begründern der Bewegung der pragmatisch gesonnenen „Politischen“ (politiques), die in den Folgejahren an Einfluss gewannen und schließlich, unter König Henri IV, das Ende der Religionskriege und den Erlass des Toleranzedikts von Nantes (1598) erreichten.

Nach dem Scheitern der Hoffnungen von François d’Alençon hatte sich Bodin dem neuen König Henri III angeschlossen. Dessen Gunst verlor er aber, nachdem er 1576 als Delegierter des Dritten Standes auf dem Ständetag von Blois versucht hatte, mäßigend auf die katholische Partei einzuwirken und finanzielle Sondermittel für den König zwecks einer intensiveren Kriegsführung zu verhindern. Bodin zog sich aus der Politik zurück und verheiratete sich in Laon. Im selben Jahr 76 wurde er dort Nachfolger seines Schwiegervaters im Amt des königlichen Generalleutnants und Staatsanwaltes.

Zweifellos motiviert durch sein Amt entwickelte er ein besonderes Interesse für Hexenprozesse. 1580 nämlich publizierte er ein weiteres sehr erfolgreiches, in mehrere Sprachen (auch ins Deutsche) übersetztes Werk, das in Literaturgeschichten gerne übergangen wird: La Démonomanie des sorciers (= die Dämonenmanie der Hexer). Es ist ein Handbuch der Hexer- und Hexenkunde samt Ratschlägen und Argumentationshilfen für die mit Prozessen befassten Richter, die nach Bodin vor Todesstrafen nicht zurückscheuen dürfen. (Laut einer Interview-Aussage der Historikerin Martine Ostorero in Le Monde vom 5.9.08 waren die Jahre 1560 bis 1630 die hohe Zeit der Hexenprozesse in Mitteleuropa.)

1581 trat Bodin noch einmal in den Dienst von François d’Alençon und hielt sich mehrere Monate in England auf, um dort über eine Eheschließung seines Herrn mit Königin Elisabeth zu verhandeln. 

In politisch-ideologischer Hinsicht blieb er seiner Tendenz zu Pragmatismus und Toleranz treu. Hiervon zeugt (wenn, was manche Forscher bezweifeln, er der Autor ist) ein als Manuskript erhaltenes Werk: das Colloqium heptaplomeres de rerum sublimium arcanis abditis. Dieses „Siebenergespräch über die verborgenen Geheimnisse der erhabenen Dinge“ zeigt eine friedliche Diskussion unter sieben Vertretern verschiedener Religionen und Weltanschauungen, die sich am Ende auf die grundsätzliche Gleichwertigkeit ihrer Überzeugungen einigen.

In den Kriegen, mit denen nach 1584, dem Tod von François, die Katholische Liga die Ansprüche des zunächst noch protestantischen Henri IV auf die Thronfolge abzuwehren und einen Gegenkandidaten durchzusetzen versuchte, stand Bodin anfangs auf Seiten der mächtigen Liga, deren raschen Sieg er wohl für unausweichlich hielt.

Er starb in einer der zahlreichen Pestepidemien, die das von den jahrzehntelangen Bürgerkriegen geschwächte Frankreich immer wieder heimsuchten.

(Stand: Dez. 10)

Étienne de La Boétie (gesprochen: laboeßi ; * 1.11.1530 in Sarlat/Dordogne ; † 18.8.1563 nahe Bordeaux)

Dieser Jurist, Humanist und Gelegenheitsautor ist heute praktisch nur noch als enger Freund Montaignes (s.u.) bekannt. Zu seiner Zeit war er jedoch sehr einflussreich mit seiner um 1550 entstandenen, lange Zeit nur anonym verbreiteten kleinen Schrift Discours de la servitude volontaire (=Rede/Abhandlung über die freiwillige Knechtschaft), die die Protestanten bestärkte in ihrem Kampf gegen die Unterdrückung durch die franz. Krone.

La Boétie entstammte dem niederen Beamtenadel der Bischofsstadt Sarlat. Er erhielt eine gute Bildung, u.a. auf dem renommierten Collège de Guyenne in Bordeaux, und interessierte sich früh für die klassischen griechischen und lateinischen Autoren. 1548 erlebte er zweifellos aus der Nähe mit, wie, nachdem der neue König Henri II auch in Südwestfrankreich die Salzsteuer eingeführt hatte, dort Revolten ausbrachen und diese durch königliche Truppen blutig niedergeschlagen wurden.

Um dieselbe Zeit begann er ein Jurastudium an der Universität von Orléans. Zu seinen Professoren gehörte Anne du Bourg, der einige Jahre später Gerichtsrat („Conseiller“) am Parlement von Paris wurde und dort offensiv für die Rechte der Protestanten eintrat, was ihm 1559 einen Ketzerprozess und die Todesstrafe eintrug und ihn zum Märtyrer machte.

Vermutlich war es während seiner Studienzeit, dass La Boétie, sichtlich unter dem Eindruck der genannten Revolten und ihrer blutigen Niederschlagung, seinen flammenden Discours verfasste, worin er die These vertritt, dass die Unterdrückung vieler Menschen durch einen einzigen eigentlich nur deshalb möglich sei, weil die vielen sich unterwerfen statt sich kollektiv zu widersetzen.

Nach Abschluss seines Studiums wurde La Boétie 1553 mit 23 Jahren Gerichtsrat am Parlement von Bordeaux, dem obersten Gericht der Provinz Aquitaine. Hier befreundete er sich mit dem gut zwei Jahre jüngeren Montaigne, als dieser 1557 ebenfalls Gerichtsrat in Bordeaux wurde. Montaigne hat später berichtet, er sei schon vorher durch den Discours auf La Boétie aufmerksam geworden.

Ab 1560 wurde dieser verschiedentlich von Michel de l'Hospital, dem „Kanzler“ (chancelier) von Frankreich, mit dem er freundschaftlich verbunden war, zur Teilnahme an Verhandlungen gebeten, die das konfessionell zunehmend gespaltene und in Gewalt abgleitende Frankreich befrieden sollten. Er galt also (ähnlich wie sein Freund Montaigne) als jemand, der einerseits loyal hinter der Krone stand, andererseits jedoch genug Verständnis für die Anliegen und Überzeugungen der Protestanten hatte, um ausgleichend wirken zu können.

Diese versöhnliche Haltung vertrat er auch in seiner letzten Schrift, dem Mémoire sur l’édit de janvier [1562] (=Memorandum über den Januar-Erlass), worin er den König unterstützt, der gerade den Protestanten in gewissem Umfang entgegengekommen war.

La Boétie starb jung und plötzlich an einer der häufigen Seuchen der Zeit. Montaigne war bei dem Sterbenden und bewunderte dessen stoische Fassung, wie er in einem Brief an seinen Vater berichtet.

1570 gab Montaigne in Paris verschiedene Schriften aus dem Nachlass von La Boétie in Druck. Es handelte sich um lateinische und französische Verse – die letzteren meist im Stil der Pléiade – sowie um Übersetzungen von Texten der alten Griechen Xenophon und Plutarch (der Anstöße für den Discours geliefert hatte). Darüber hinaus auch den Discours zu drucken, hielt Montaigne für unangebracht, denn jener diente inzwischen der protestantischen Seite als Munition gegen den wieder unnachgiebigen König und seinen Anspruch, absolut zu herrschen und insbes. auch die Religion seiner Untertanen zu bestimmen. Zudem entsprach das revoluzzerhafte kleine Werk nicht mehr der ausgleichenden Loyalität, wie sie der späte La Boétie praktiziert hatte und auch Montaigne sie vertrat.

Der Discours wurde erstmals 1574 gedruckt als Teil einer protestantischen Kampfschrift und nochmals 1577 im Rahmen der propagandistischen Mémoires des états de France sous Charles IX. Auch spätere Generationen von Oppositionellen, z.B. prärevolutionäre Autoren der Spätaufklärung und sozialistische und anarchistische Denker des 19. Jh., griffen häufig auf das Werk La Boéties zurück und seinen Kernsatz: „Soyez résolus de ne servir plus, et vous voilà libres!“ (Seid entschlossen, nicht mehr zu dienen, und ihr seid frei!).

(Stand. April 11)

Étienne Jodelle (* ca. 1532 in Paris, † 1573 ebd.).

Dieser heute kaum mehr bekannte Dramatiker hat in der franz. Literaturgeschichte eine gewisse Bedeutung durch zwei zu ihrer Zeit neuartige Stücke, die er als ganz junger Mann verfasste: die Komödie Eugène (1552) und vor allem die Tragödie Cléopâtre captive (= die gefangene Kleopatra) von 1553.

Die Tragödie, welche darstellt, wie die besiegte ägyptische Königin Kleopatra sich durch Selbstmord der Demütigung durch ihren Besieger, den römischen Kaiser Octavian alias Augustus, entzieht, war in mehrfacher Hinsicht neu: Zum einen ist sie das erste ernste, also nicht komische, franz. Stück mit nichtreligiöser Thematik. Weiterhin ist sie das erste franz. Stück mit antikem Stoff (den Jodelle aus den „parallelen“ Biografien des Griechen Plutarch [um 100 n. Chr.] bezog). Vor allem aber ist sie die erste franz. Tragödie nach antikem Muster, insbes. mit ihrem Aufbau in fünf Akten und dem Auftreten eines Chores. Auch die zumindest teilweise Abfassung in Alexandrinern war eine Neuerung. Das Stück war ein Publikumserfolg bei der Pariser Erstaufführung und wurde in den literarisch interessierten Kreisen als gewissermaßen längst notwendige Errungenschaft begrüßt. Für die Mitglieder der humanistisch orientierten Pariser Dichtergruppe der Pléiade, zu denen Jodelle zählte, bedeutete es die Umsetzung ihrer Theorien, wonach sich die franz. Literatur durch Orientierung an der klassischen Antike erneuern sollte.

Im selben Sinne hatte Jodelle schon ein Jahr zuvor den Eugène verfasst, ein Stück, das zwar in Paris spielt und das typische Farcenthema des Cocuage bearbeitet, sich aber in der Machart ebenfalls an antiken Vorbildern, nämlich Komödien der klass. römischen Autoren Plautus und Terenz orientierte.

1555 schrieb er eine weitere antikisierende Tragödie, Didon se sacrifiant (= die sich opfernde Dido).

Sowohl mit seinen Tragödien als auch der Komödie verwirklichte Jodelle allerdings nicht nur Ideen der Pléiade-Gruppe, sondern folgte zugleich auch Vorbildern aus Italien, wo man schon seit etwas längerer Zeit versuchte, das volksprachliche Theater in Anlehnung an antike lateinische und griechische Vorbilder zu erneuern.

Seine Lyrik, die er schon sehr jung zu verfassen begann, gilt als weniger bedeutend.

(Stand: Nov. 10)

Michel Eyquem, seigneur de Montaigne (* 28.2.1533 auf dem Schlösschen Montaigne/Périgord; † 13.9.1592 ebd.)

Montaigne (wie er in der Literaturgeschichte schlicht heißt) stammte aus einer Familie reicher Kaufleute in Bordeaux. Nachdem der Urgroßvater die adelige Grundherrschaft Montaigne erworben hatte, waren die Eyquems vom großbürgerlichen Patriziat in den Adel hineingewachsen, besetzten aber weiterhin hohe Ämter in der Stadt. Montaignes Vater hatte 1525 König François Ier auf dessen Italienfeldzug begleitet und war so mit der italienischen Renaissance-Kultur in Berührung gekommen. Nach seiner Heimkehr hatte er 1528 eine adelige Frau geheiratet und war 1530 Chef des Ordnungswesens (prévôt) von Bordeaux geworden. Ab 1533 war er stellvertretender Bürgermeister; 1554 wurde er Bürgermeister.

Montaigne war das erste Kind seiner Eltern und bekam noch etliche Geschwister, von denen jedoch nur drei das Erwachsenenalter erreichten. Er wurde zunächst zu einer Amme in einem nahen Dorf in Pflege gegeben und erhielt dann einen Hauslehrer, einen deutschen Arzt, der nur lateinisch mit ihm sprach. 1539 bis 46 besuchte er das Collège de Guyenne in Bordeaux, wo er auch Griechisch lernte. Anschließend absolvierte er vermutlich propädeutische Studien an der Artistenfakultät der dortigen Universität.

Unbekannt ist, ob er 1548 direkt die Revolte miterlebte, mit der Bordeaux auf die Auferlegung der Salzsteuer durch den neuen König Henri II reagierte, eine Revolte, die von königlichen Truppen blutig niedergeschlagen wurde, die Stadt den Verlust ihrer Gerichtsamkeit und die Gruppe der Patrizier etliche Köpfe kostete.

1554, mit 21, erhielt Montaigne nach Jurastudien in Toulouse und vielleicht auch Paris das Amt eines Gerichtsrats (conseiller) am Steuergericht in Périgueux. Im selben Jahr begleitete er seinen soeben zum Bürgermeister gewählten Vater, der es vorgezogen hatte Katholik zu bleiben, zu Verhandlungen mit dem König nach Paris.

Als 1557 das Steuergericht in Périgueux aufgelöst wurde, erhielt Montaigne einen Gerichtsratsposten am Parlement von Bordeaux, dem obersten Gerichtshof der Guyenne.

Hier schloss er eine (wie er es rückblickend sah) geradezu symbiotische Freundschaft mit dem gut zwei Jahre älteren, humanistisch hochgebildeten und literarisch dilettierenden Richter-Kollegen Étienne de la Boétie (1530-63), dessen frühen Tod er lange betrauerte.

In seiner Eigenschaft als Gerichtsrat am Parlement reiste er 1559, 1560 und 1562 nach Paris, wobei es vor allem um die Frage der Unterdrückung oder Duldung des im franz. Südwesten stark verbreiteten Protestantismus ging. Bei dem letztgenannten Parisaufenthalt, der vom Beginn der offenen Kriege zwischen Protestanten und Katholiken, der sog. Religionskriege, überschattet wurde, musste sich Montaigne, zusammen mit den anderen Richtern der diversen franz. Parlements, feierlich zum Katholizismus bekennen.

1565 heiratete er in einer Konventionalehe, die dies offenbar auch blieb, die Tochter eines Richterkollegen. Beim Tod des Vaters 1568 erbte er, nach den Regeln der adeligen Erbteilung, den Hauptteil von dessen Besitz, darunter das Gut und Schlösschen Montaigne, nach dem er sich hinfort benannte, um seinen Status als Adeliger zu betonen.

1569 beendete er eine kommentierte Übersetzung der Theologia naturalis des Toulouser Theologen und Mediziners Raimundus Sebundus († 1436). Er hatte sie noch auf Wunsch seines Vaters begonnen, der sich – sehr verständlich in Zeiten heftiger konfessioneller Streitereien – offenbar für die These von Sebundus interessierte, wonach Gott und die christlichen Lehren quasi aus der Natur ableitbar seien.

Zugleich mit seiner Sebundus-Übertragung gab er in Paris eine Sammlung von französischen und lateinischen Gedichten seines Freundes La Boétie in Druck.

1571, mit 38, quittierte er sein Richteramt und zog sich auf sein Schlösschen zurück. Ein Grund zu diesem Entschluss war vielleicht die Enttäuschung darüber, dass seine Versuche, in eine der wichtigeren und damit interessanteren Kammern des Gerichts zu wechseln, gescheitert waren, weil in der einen als zu naher Verwandter schon sein Schwiegervater saß und in der anderen schon ein Schwager. Vielleicht spielte aber auch der Umstand eine Rolle, dass er zum zweiten Mal Vater wurde, nachdem ein im Vorjahr geborenes erstes Kind, ebenfalls ein Mädchen, bald nach der Geburt gestorben war  (so wie auch vier weitere 1573, 74, 77 und 83 geborene Kinder, allesamt Töchter, das Säuglingsalter nicht überleben sollten).

Mit der Rolle des Landedelmanns, als der Montaigne sich nach seinem Rückzug ins Private offenbar sah, vertrug es sich durchaus, zu lesen und literarisch zu dilettieren. Dies tat er sogleich, mit Hilfe der schönen Bibliothek, die er besaß und die zum Teil aus der bestand, die ihm La Boétie übermacht hatte. Hierbei begann er, markante Sätze aus klassischen, meistens lateinischen Autoren, aufzuschreiben und zum Ausgangspunkt eigener Überlegungen zu machen. Diese betrachtete er als Versuche, der Natur des menschlichen Wesens und den Problemen der Existenz auf den Grund zu kommen. Die passende Darstellungsweise für diese „Versuche“ (essais) musste er jedoch selber tastend entwickeln, denn erst später, dank ihm, konstituierte sich der essai als neue literarische Gattung.

Insgesamt sind die Essais Montaignes mehr assoziativ als logisch strukturiert aneinandergereihte, thematisch äußerst vielfältige, kürzere und längere, mit einer immensen Menge von meistens lateinischen Lesefrüchten angereicherte Betrachtungen über sich selbst und die Welt, insbes. den Tod, dessen Allgegenwart ihm die kriegerischen Zeitläufte und das Sterben seiner Töchter nur zu bewusst sein ließen. Seine Perspektive ist hierbei die eines Geistes, der den religiösen Dogmen distanziert gegenüber steht und auch alle sonstigen vermeintlich verbürgten Wahrheiten kritisch betrachtet. Basis seiner Überlegungen ist die Prämisse, dass man mittels der Beobachtung des Fühlens, Denkens und Handelns eines einzigen intim bekannten Individuums, nämlich seiner selbst, zu allgemein gültigen Aussagen über den Menschen insgesamt gelangen könne.

Allerdings konnte Montaigne nach dem Wechsel ins Private nicht, wie sicher erhofft, seine Tage ungestört von den Kriegswirren der Zeit verbringen. Denn als nach den Protestantenmassakern der Bartholomäusnacht (22./23.8.1572) die Spaltung im Land sich vertiefte und beide Seiten sich erneut bekämpften, hielt er es für seine Pflicht, sich der königlichen, d.h. der katholischen Armee anzuschließen. 1574 versuchte er, mit einer Rede vor den Richtern des Parlements in Bordeaux, zur Versöhnung der Konfessionen beizutragen. Nach dem Friedensschluss von 1575, der den Protestanten (vorübergehend) Bürgerrechte gewährte, ließ er sich von Henri de Navarre, dem Chef des protestantischen Lagers und de facto-Herrscher in weiten Teilen Westfrankreichs, pro forma zum Kammerherrn ernennen.

Dank der kurzen Ruhe im Land schloss er 1579 Buch I der Essais ab und erweiterte er sie um ein Buch II. Sie erschienen 1580 in Bordeaux und waren so erfolgreich, dass sie schon 1582 leicht erweitert nachgedruckt wurden.

Da Montaigne seit 1577 unter Nierenkoliken litt (deren starken Einfluss auf sein Leben und auch sein Denken und Fühlen er in den Essais thematisierte), ging er 1580 trotz der soeben wieder ausgebrochenen Kriegshandlungen auf eine Bäder-Reise, von der er sich Linderung erhoffte. Sie führte ihn über Paris, wo er von König Henri III empfangen w