Gert
Pinkernell
Prof. em. an der Uni Wuppertal
Namen, Titel und Daten der französischen Literatur
Ein
chronologisches Repertorium wichtiger Autoren und Werke
Teil
I: 842 bis ca. 1800
Gewünschte Autoren
oder Werke (möglichst mit originalem Titel) bitte über die Suchfunktion im Menü
„Bearbeiten“ ansteuern!
Vorbemerkung
Die erste Version des Repertoriums
entstand um 1990 als Begleitskript zu einer Überblicksvorlesung. Es war eine
chronologische Liste von Namen, Titeln und Daten und erfasste, wie die
Vorlesung selbst, nur solche Autoren und/oder Werke, die für die Entwicklung
der französischen Literatur als bedeutsam gelten und potenziell Gegenstand des
Literaturunterrichts französischer Gymnasiasten bzw. deutscher
Französischstudenten sind.
Im Lauf der Jahre hat sich aus der
bloßen Liste eine Sammlung von Artikeln entwickelt. 1998 habe ich sie ins
Internet gestellt und nach und nach um Autoren der zweiten Reihe vermehrt. Vor
allem bin ich ständig dabei, Artikel zu erweitern, zu verbessern und zu
korrigieren. Entsprechend lade ich fast monatlich eine partiell aktualisierte
Version des Repertoriums hoch, weshalb ich bitte, jeweils diese aufzurufen, sie
nicht abzuspeichern und höchstens auszugsweise zu drucken.
2004/05 habe ich die meisten Artikel
ins Wikipedia übertragen, allerdings werden sie dort nicht nur von mir
selber verändert, sondern, gemäß dem Wiki-System, auch von Dritten. Berechtigte
und nützliche dieser Änderungen baue ich, wenn ich sie bemerke, wiederum in
mein Repertorium ein; langatmige Erweiterungen und Anhängsel, um die es sich
oft handelt, übernehme ich nicht, zumal sie meistens erst von Un- und
Halbrichtigkeiten befreit werden müssten.
Grundlage meiner Artikel sind jeweils
mehrere, ganz überwiegend französischsprachige Quellen, z.B. die meistens
vorzüglichen Einführungen zu Pléiade-Klassikerbänden und zu Taschenbuchausgaben
renommierter Reihen. Vor allem aber halte ich mich an die Nachschlagewerke Dictionnaire des littératures de langue française
und Dictionnaire des œuvres littéraires
de langue française von Jean-Pierre de Beaumarchais, Daniel Couty und Alain
Rey (jeweils 4 Bde., Paris: Bordas, 1992 bzw. 1994). Als andere nicht zu verachtende Quelle
dient mir die an französischen Schulen jahrzehntelang benutzte sechsbändige
Literaturgeschichte von André Lagarde und Laurent Michard. Auch den Vorlesungen
zur Geschichte der französischen Literatur von Erich Köhler (8 Bde.,
Stuttgart 1983 ff.) verdanke ich viel. Mehr zur Anregung denn als verlässliche
Informationsquellen nutze ich natürlich auch das französische, englische und
ggf. das spanische und italienische Wiki. Auf die Angabe weiterführender
Literatur verzichte ich, weil man sie
leicht über das Wiki oder den Online-Katalog der Bonner Uni-Bibliothek
erschließen kann, die die Französistik als Sondersammelgebiet pflegt. Immerhin
mochte ich mich nicht enthalten, eigene Studien jeweils anzuführen oder sogar
an Artikel anzuhängen. Auch gebe ich, wenn mir Werke aus meiner Lehre und/oder
Forschung besonders vertraut sind, des öfteren persönliche Deutungshinweise
(die ich meistens nicht ins Wiki übertrage).
Ein literarisches Werk, das ist für die
Leute vom Fach vor allem ein Element innerhalb eines Beziehungsgeflechts von
Werken vor, neben und nach ihm, d.h. Werken, die seinem Autor bekannt waren und
ihm als Vor- oder Gegenbild dienten, und Werken, auf die es seinerseits gewirkt
hat, weil deren Autoren es lasen. Für Nichtfachleute, was ja auch Studenten
noch sind, ist diese „intertextuelle“ Sicht mangels breiteren
literarhistorischen Wissens nur theoretisch nachvollziehbar. Für sie ist ein
Werk vor allem ein Einzelphänomen, nämlich die punktuelle Reaktion des Autors
auf eine bestimmte, oft problematische Situation in seinem Leben und seinem
konkreten historischen Umfeld. Entsprechend finden sie Zugang zum Werk am
ehesten über die Biografie des Autors, die meistens ja auch historisches und
literarhistorisches Wissen vermittelt. Eben diese laiengemäße biografistische
Sicht soll das Markenzeichen meines Repertoriums sein, zumindest ab dem späten
Mittelalter, wo die biografischen Informationen reichlicher sind. Die einzelnen
Artikel könnten also Autor XY: Leben und Schaffen überschrieben sein,
weil sie bemüht sind, Biografie und Werke im Verbund zu sehen. Dass mein
Biographismus nicht dem derzeitigen literaturwissenschaftlichen Mainstream
entspricht, soll mich nicht stören. Den Titel eines „Neopositivisten“, den mir
ein amerikanischer Kollege in einem anderen Kontext scherzhaft zuerkannt hat,
trage ich gern.
P.S. 1: Überflüssig zu sagen, dass mit
„Autor“ auch Autorinnen gemeint sind. Ich habe es mit „AutorIn“ versucht, fand
dies aber wegen der vielen dann nötigen „der/die“, „sein/ihrer“ usw. zu
schwerfällig.
P.S.: 2: Da ich annehme, dass die
meisten Benutzer meines Repertoriums zumindest rudimentäre
Französischkenntnisse haben, nenne ich französische Institutionen und
historische Figuren mit ihren französischen Namen und führe ich Werktitel im
Original an. Wenn es hierzu gängige deutsche Versionen gibt, füge ich sie
häufig in Schrägdruck hinzu, z.B. La Chanson de Roland / Rolandslied;
eigene, möglichst wortgetreue Übersetzungen von Titeln setze ich in Klammern,
z.B. Le Livre du trésor (= das Buch vom Schatz).
P.S. 3: Für Anregungen und Hinweise bin
ich dankbar. Anfragen per Mail (pinkerne@uni-wuppertal.de) beantworte ich im Rahmen meiner
Möglichkeiten gern und in der Regel rasch.
Mittelalter
Les Serments de Strasbourg /
Straßburger Eide
(842)
Sie sind zwar keine Literatur, doch beginnen
Literaturgeschichten häufig mit ihnen, weil der franz. Wortlaut dieser auf
Altfranzösisch und Althochdeutsch abgelegten Eide der älteste erhaltene Text in
franz. Sprache ist. (Althochdeutsche Texte sind noch einige ältere erhalten).
Die Eide sind überliefert als Zitate in der lateinischen Chronik Historiarum
libri IV des Mönches Nithard (9. Jh.), die ihrerseits in einer Abschrift
aus dem 10. Jh. vorliegt.
Sie wurden geschworen von dem
ostfränkischen König Ludwig dem Deutschen und dem westfränkischen König Karl
dem Kahlen sowie ihren Unterführern, und zwar beim Abschluss eines Bündnisses
dieser beiden Halbbrüder gegen ihren ältesten Bruder, Kaiser Lothar. Dieser
nämlich gab sich nach dem Tod ihres Vaters, Kaiser Ludwigs des Frommen († 840),
und der von ihm verfügten Dreiteilung des Frankenreichs nicht mit dem
Mittelteil zufrieden, der ihm zugefallen war. Vielmehr beanspruchte er, da er
als Ältester auch die Kaiserwürde geerbt hatte, die Oberhoheit über das gesamte
Reich (also grosso modo das Gebiet des jetzigen Frankreichs, der
Benelux-Staaten, der alten Bundesrepublik plus Thüringen, der Schweiz,
Westösterreichs sowie Nord- und Mittelitaliens).
Bei ihrem Treffen in Straßburg schworen
zunächst die offenbar zweisprachigen beiden Könige, und zwar Ludwig der
Deutsche, damit er zugleich auch von Karls Unterführern verstanden wurde, in
„romana lingua“, dann Karl analog in „teudisca lingua“. Hiernach legten jeweils
die sichtlich nicht zweisprachigen Unterführer den Eid ab, nämlich die von Karl
in ihrer französischen und die von Ludwig in ihrer deutschen Sprache. Die
beiden franz. Textpassagen lauten:
[Ludwig:] Pro deo amur et pro christian
poblo et nostro commun salvament, d'ist di in avant, in quant deus savir et
podir me dunat, si salvarei eo cist meon fradre Karlo et in aiudha et in
cadhuna cosa, si cum om per dreit son fradra salvar dift, in o quid il mi
altresi fazet, et ab Ludher nul plaid nunqua prindrai, qui meon vol cist meon
fradre Karlo in damno sit.
[Karls Unterführer:] Si Lodhuvigs
sagrament, que son fradre Karlo jurat, conservat, et Karlus meus sendra de sue
part lo franit, si returnar non l'int pois, ne io ne neuls, cui eo returnar int
pois, in nulla adhiuda contra Lodhuvig nun li iv er.
(In eigener, möglichst wortgetreuer
Übersetzung): Für Gottes Liebe und für des christlichen Volkes und unsere
gemeinsame Rettung, von diesem Tag vorwärts (=in Zukunft), in soweit Gott
Wissen und Können mir gibt, so werde beistehen ich diesem meinen Bruder Karl
sowohl in Hilfeleistung als auch in jeder Angelegenheit, so wie man von Rechts
wegen seinem Bruder beistehen soll, auf das dass er mir genauso tue; und mit
Lothar kein Abkommen werde ich niemals treffen, das meines Willens diesem
meinen Bruder Karl zum Schaden sei.
Falls Ludwig den Eid, den er seinem
Bruder Karl schwört, wahrt und Karl mein Herr seinerseits ihn bricht, wenn
abhalten nicht ihn davon ich kann, [dann] weder ich noch irgend jemand, den ich
davon abhalten kann, in irgendeiner Hilfeleistung gegen Ludwig nicht ihm dort
werde sein.
Wie man sieht, hatte (der im Auftrag
Karls des Kahlen arbeitende) Nithard bzw. der Schreiber des altfranz. Textes
große Schwierigkeiten, die Sätze, die er gehört hatte, zu verschriftlichen,
denn er hatte, wie damals üblich, Lesen und Schreiben nur anhand lateinischer
Texte gelernt. So etwas wie eine eigene franz. Schriftsprache gab es noch
nicht, denn bis weit über das Jahr 1000 hinaus wurde alles, was für
aufschreibenswert gehalten wurde, von lateinkundigen Spezialisten, meist
theologisch gebildeten „Klerikern“, in Latein aufgeschrieben. (Dieses Latein,
das sog. Kirchen- oder Mittellatein, glich allerdings längst nicht mehr
demjenigen, das um die Zeitenwende herum im alten Rom gesprochen worden war und
dessen literarisches Register wir als klassisches Latein aus den Werken eines
Cäsar, Cicero, Ovid, Horaz oder Vergil kennen).
P.S.: Das damalige Frankenreich war in
sprachlicher Hinsicht sehr heterogen. Im Westteil wurden franz. und
okzitanische Dialekte gesprochen und im Ostteil nieder-, mittel- und
oberdeutsche Dialekte; das Mittelreich „Lotharingia“ (wovon sich die
Bezeichnungen dt. Lothringen und frz. Lorraine ableiten) umfasste zusätzlich
auch noch alpenromanisch- und italienischsprachige Gebiete.
(Stand: Juli 06)
La Cantilène de Sainte Eulalie /
Eulaliasequenz
(ca. 885)
Es ist das älteste bekannte
literarische Werk in franz. Sprache. Es hat die Form einer „Sequenz“ (wie sie
bei Gottesdiensten per Sing-Sang vorgetragen wurden) und berichtet von der Hl.
Eulalia, einer jungen spanischen Adeligen, die am 10. Dez. 304 in Mérida den
Märtyrertod erlitten haben soll. Der wahrscheinlich in Nordostfrankreich
(vielleicht im Benediktinerkloster Saint-Amand-les-Eaux) entstandene Text
besteht aus 29 Versen unterschiedlicher Länge (8 bis 12 Silben), die paarweise
assonieren, d.h. nur mit den Vokalen und nicht auch mit den Konsonanten der
Reimsilben reimen. Er ist verfasst in Anlehnung an eine inhaltsgleiche
lateinische Sequenz und folgt auch auf diese in der Sammelhandschrift, die sie
beide überliefert. Die betreffende Handschrift, die u.a. auch einen
althochdeutschen Text enthält, wurde übrigens 1837 von Hoffmann von
Fallersleben wiederentdeckt und erstmals abgedruckt.
Die Eulaliasequenz
lässt, wie alle sehr frühen erhaltenen franz. Texte, deutlich die
Schwierigkeiten erkennen, die die sonst nur lateinisch schreibenden Autoren
oder Kopisten bei der Verschriftlichung volkssprachlicher Wörter und Sätze
hatten. Der Anfang lautet (mit möglichst wortgetreuer Übersetzung von mir):
Buona pulcella fu Eulalia, // Gute
Jungfrau war Eulalia,
bel auret corps, bellezour anima.// schön hatte sie [den] Körper, schöner
[die] Seele.
Voldrent la veintre li deo inimi,// [Es] wollten sie besiegen die Gottes
Feinde,
voldrent la faire diaule servir.// wollten sie machen dem Teufel dienen.
Elle non eskoltet les mals conseillers,// Sie nicht hört die bösen Ratgeber,
qu'elle deo raneiet chi maent sus en ciel, //
dass sie Gott verleugnet, der weilt oben im Himmel,
Ne por or, ned argent, ne paramenz, //
nicht für Gold, noch Silber, noch Schmuck,
por manatce regiel, ne preiement.// [noch] durch Drohung königliche, noch
Bitte.
Niule cose non la pouret omque pleier,// Keine Sache konnte sie nicht jemals
beugen
[...]
Tuit oram que por nos degnet preier// Alle beten wir, dass für uns [sie] geruht
zu bitten,
qued avuisset de nos Christus mercit// dass habe für uns Christus Gnade
post la mort e a lui nos laist venir// nach dem Tod und zu ihm uns lasse kommen
par souue clementia.// durch seine Milde.
Die Eulaliasequenz
ist eines der Zeugnisse dafür, dass spätestens ab 800 im franz. Sprachraum die
Laien auch das eher schlichte Kirchenlatein nicht mehr verstanden. (Schon 813
hatte das Konzil von Tours aus diesem Grund beschlossen, dass die Predigten
nicht mehr in Latein, sondern in „lingua romanica“ zu halten seien.) Sie ist
zugleich ein Zeugnis dafür, dass das geistige und potenzielle literarische
Leben nach wie vor von den Bedürfnissen der Kirche bestimmt wurden, die
ihrerseits die einzige Institution war, die die materiellen und
organisatorischen Möglichkeiten hatte, um intellektuell und künstlerisch
begabte Individuen von den Zwängen der Alltagsarbeit freizustellen, zu fördern
und zu unterhalten.
(Stand: Juli 06)
Vie de saint Léger / Leodegarlied (gegen 1000)
Es ist der älteste erzählende Text, der
in franz. Sprache erhalten ist. Es handelt sich um eine Vita (Kurzbiografie)
des Abtes von Saint-Maixent und späteren Bischofs von Autun sowie königlichen
Beraters Leodegar, der 678 bei einer der im damaligen Frankenreich häufigen
Thronfolgewirren von einem politischen Rivalen, Graf Ebroin, gefangen genommen,
gefoltert und schließlich ermordet worden war und nach seinem Tod, aus
sicherlich ebenfalls politischen Gründen, zum Märtyrer verklärt wurde.
Das Leodegarlied
(so die traditionelle Bezeichnung in der dt. Romanistik) ist offenbar in
Nordostfrankreich entstanden und besteht aus 240 paarweise teils assonierenden,
teils auch schon korrekt reimenden achtsilbigen Versen, den ältesten Versen
dieses Typs, die in der franz. Literatur überliefert sind. Es ist ein Beispiel
der damals florierenden Gattung Heiligenlegende, die aber meist, zumindest wenn
die Texte aufgeschrieben wurden, das Kirchenlatein als Sprache benutzte. Der
Anfang lautet (mit möglichst wortgetreuer Übersetzung von mir):
Domine deu devemps lauder// Herrn Gott sollen wir loben
et a sos sancz honor porter.// und seinen Heiligen Ehre darbringen.
In su amor cantomps dels sanz// In seiner Liebe singen wir von den Heiligen,
quae por lui augrent granz aanz; //
die für ihn hatten große Qualen;
et or est temps et si est biens// und nun ist Zeit und so ist es gut,
quæ nos cantumps de sant Lethgier.// dass wir singen vom heiligen Leodegar.
Primos didrai vos dels honors// Zuerst werde ich euch sagen von den Ehren,
Quæ il awret ab duos seniors.// die er
hatte bei zwei [hohen] Herren.
Apres ditrai vos dels aanz// Danach werde ich euch sagen von den Qualen,
que li suos corps susting si granz,// die der seinige Körper [=er] aushielt so
große,
et Ewruins, cil deumentiz,// und [von] Ewruin, diesem Gottleugner,
que lui a grant torment occist.// der ihn mit großer Tortur umbrachte.
[...]
Vie de saint
Alexis / Alexiuslied (ca. 1050)
Diese Nachdichtung einer lateinisch
verfassten Heiligenlegende gilt als der erste erhaltene franz. Text, der über
seine religiösen Intentionen hinaus deutlichen
künstlerischen Ehrgeiz zeigt. In Form und Stil ist das Alexiuslied (wie das Werk in der dt. Romanistik traditionell heißt) beeinflusst
von der Gattung Heldenepos (chanson de geste, s.u.), die zu seiner Entstehungszeit
schon florierte. Es war offenbar zum Vortrag per Sing-Sang bestimmt und besteht
aus 125 Strophen von je 5 assonierenden 10- silbigen Versen mit Zäsur nach der
4. Silbe, den ersten Strophen und Versen dieses Typs, die aus der franz.
Literatur bekannt sind. Die erzählte Geschichte beruht vermutlich auf der einer
realen Person vom Anfang des 5. Jh.:
Alexius ist zu Beginn der „Handlung“
der lang ersehnte, spät geborene einzige Sohn römischer Adeliger, der sich vom
Vater in eine schöne Karriere einführen und standesgemäß verloben lassen hat,
aber seiner Braut am Vorabend der Hochzeit erklärt, dass er nicht heiraten,
sondern Gott dienen wolle. Hiernach verlässt er sie und die Eltern ohne
Abschied und wird über Zwischenstationen nach Edessa geführt (in der heutigen
südlichen Türkei, nahe der Grenze zu Syrien). Dort lebt er 17 Jahre lang als
frommer Asket von Almosen und gibt sich z.B. Bediensteten seiner Familie, die
auf der Suche nach ihm sind, nicht zu erkennen. Als man ihn in Edessa als
Heiligen zu verehren beginnt und eine himmlische Stimme seine Heiligkeit
bestätigt, entzieht er sich der Verehrung und geht erneut auf Wanderschaft, bis
er auf einem Schiff vom Sturm zurück nach Rom geführt wird. Dort bittet er auf
der Straße unerkannt seinen Vater, ihm aus Liebe zu seinem verschollenen Sohn
einen Platz unter der Treppe in seinem Haus zu gewähren. Hier verbringt er
nochmals 17 Jahre in Armut, ernährt sich von Küchenresten und lässt sich
demütig vom Hauspersonal schikanieren. Sterbend verfasst er ein Schriftstück,
dank dem er vom Papst im Beisein seiner Eltern, seiner Braut und des Kaisers
als der Sohn des Hauses und als heilige Person erkannt wird. Danach wird er mit
großem Pomp und starker Anteilnahme der Bevölkerung bestattet, was zeigt, das
ihm ein Platz im Himmel sicher ist.
Die Alexius-Legende, die zu einer
bedingungslosen „imitatio Christi“ (Nachahmung Christus’) aufruft, kam
ursprünglich aus Syrien, war von dort nach Konstantinopel gelangt und aus dem Griechischen ins Lateinische
übertragen worden. Diese Version wurde in Mittelalter und früher Neuzeit
zur Grundlage für Nachdichtungen in
verschiedenen europäischen Sprachen, von denen die franz. die älteste ist.
Diese ist in fünf z.T. unvollständigen Abschriften aus dem 12. und 13. Jh.
erhalten und entstand vermutlich im Nordosten des franz. Sprachgebietes. Sie
ist jedoch überliefert in einer Sprache, die anglonormannisch gefärbt ist, d.h.
Elemente desjenigen franz. Dialekts enthält, den die normannischen Eroberer
1066 aus der Normandie nach England mitgenommen hatten und als herrschende
Schicht mehrere Generationen lang dort sprachen (bis er vom Angelsächsischen
aufgesogen wurde und mit ihm zum Englischen verschmolz.
Der Anfang des Alexius-Liedes
lautet (möglichst wörtlich übersetzt von mir):
Bons fut li siecles / al tems
ancienour, // Gut war die Welt zur Zeit der Alten,
quer feit i eret / e justise ed amour; // denn Treue dort war und Gerechtigkeit
und Liebe;
s'i eret creance, / dont ore n'i at nul prout; // ebenso dort war Vertrauen,
wovon es jetzt keinen Nutzen gibt;
toz
est mudez, / perdut ad sa coulour: // alles ist verwandelt, verloren hat es
seine Farbe:
ja mais n'iert tel / cum fut as anceisours. // niemals wird es sein solches,
wie es den Vorfahren war.
Al tems Noe / ed al tems Abraam // Zur
Zeit Noahs und zur Zeit Abrahams
Ed al David, / cui Deus par amat tant,// und zur [Zeit] Davids, den Gott gar
liebte so sehr,
Bons fut li siecles; / ja mais n'iert si vaillanz; // gut war die Welt; niemals
wird [sie] sein so wacker;
Vielz est e frailes, / toz s'en vait declinant, // alt ist sie und gebrechlich,
alles ist am niedergehen,
Si'st empeiriez, / toz biens vait remanant. // und ist verschlimmert, alles
Gute ist am fortbleiben.
Puis icel tems / que deus nos vint
salver, // Nach jener Zeit, als Gott (=Christus) uns kam retten,
Nostre anceisour / ourent crestiantet, // [und] unsere Vorfahren bekamen
Christenglauben,
Si fust uns sire / de Rome la citet. // so war [da] ein Herr von Rom der Stadt.
Riches hom fut, / de grant nobilitet. // Reicher Mann war er, von großem Adel.
Pour ço'l vous di: / d'un suon fil
vueil parler.// Für das (=deshalb) es euch sage ich:
von einem seinen Sohn will ich reden.
Der Text zeigt, dass zu seiner
Entstehungszeit sichtlich die Grundlagen einer franz. Schriftsprache und
zweifellos auch einer überregional verständlichen „Koiné“ (Verkehrssprache)
geschaffen waren. Diese Schriftsprache pflegte aber, wie oben angedeutet,
dialektal gefärbt zu sein, d.h. Elemente des Dialekts des jeweiligen Autors
oder auch Kopisten aufzuweisen.
(Stand: Apr. 10)
Chansons de
geste
Die Gattung der Chansons de geste (von
lat. gesta „Heldentaten“) zählt zu den ältesten erzählenden Gattungen
der franz. Literatur. Ihre Entstehung fällt in das 11. oder sogar schon 10.
Jh., doch ist ihre Blütezeit das 12. Jh.. Die Bezeichnung „chansons“ erklärt
sich daraus, dass sie nicht zur schriftlichen Verbreitung und damit zum Lesen
oder Vorlesen bestimmt waren, sondern zum freien Vortrag in einer Art
Sing-Sang. Vortragende waren i. d. R. professionelle reisende Spielleute, die
sich selbst mit einem (Saiten-)Instrument begleiteten oder aber begleiten
ließen. Die Texte richteten sich (anders als der etwas spätere Höfische Roman,
s.u.) an ein nicht spezifiziertes Publikum, d.h. an Hörer aus allen
Bevölkerungsgruppen.
Formal bestehen die Chansons aus
beliebig vielen Strophen, sog. Laissen. Diese stellen meistens jeweils eine
Handlungssequenz oder Episode dar, die manchmal in der nachfolgenden Laisse
leicht abgewandelt wiederholt wird. Die Zahl der Verszeilen pro Laisse war
nicht festgelegt und schwankt zwischen ca. 5 und ca. 20. Die einzelnen
Verszeilen bestehen meistens aus zehn, seltener aus zwölf und ganz selten aus
acht Silben und sind innerhalb ihrer Laisse durch Assonanz miteinander
verbunden.
Die franz. Literaturgeschichte kennt
gut 80 im Schriftform erhaltene Chansons, davon etliche in mehreren
unterschiedlichen, z.B. als erweitert oder gekürzt erscheinenden Versionen. Die
meisten sind ohne Autornamen, d.h. anonym, überliefert und beruhen offenbar auf
älteren, lange Zeit hindurch nur mündlich tradierten Vorlagen oder Vorstufen.
Häufig ranken sie sich ähnlich wie Serienromane um ein und dieselbe
Heldenfigur, weshalb schon Zeitgenossen begannen, sie in Gruppen einzuteillen,
z.B. den Königs- bzw. Karlszyklus um Kaiser Karl den Großen und seinen Sohn
Ludwig den Frommen oder den Wilhelmszyklus um den Heerführer Guillaume und/oder
dessen Neffen Vivien, die in 24 der erhaltenen Epen im Mittelpunkt stehen.
Inhaltlich geht es meistens um
siegreiche Kriegszüge der Frankenkönige bzw. ̶kaiser und/oder ihrer Heerführer, z.B.
Wilhelms, gegen die „Heiden“, d.h. die Araber bzw. „Mauren“, die seit ihrem
Einfall nach Europa im Jahr 711/12 Süd- und Mittelspanien beherrschten, ab ca.
1000 aber vom christlich gebliebenen Nordspanien her zurückgedrängt wurden.
Doch werden auch die um 800 geführten Unterwerfungskriege der Franken gegen die
noch länger heidnisch gebliebenen Sachsen behandelt. Nach 1095 kam die Thematik
der Kreuzzüge hinzu, d.h. der Versuche französisch-englisch-deutscher
Ritterheere, das seit 500 Jahren von Moslems beherrschte Jerusalem zu erobern
und das Heilige Grab unter christliche Herrschaft zu bringen.
Die Gattung der Chansons de geste, in
die auch Elemente der zeitgenössischen Heiligenlegenden eingeflossen sind,
scheint besonders in den Klöstern entlang der Pilgerstraßen durch Frankreich
nach Santiago de Compostela in Nordwest-Spanien gepflegt worden zu sein, als Mittel
zur Unterhaltung und Erbauung der dort jeweils übernachtenden Pilger. Die
Chansons kamen aber auch auf Jahrmärkten oder in Burgen zum Vortrag.
Die spätesten Chansons entstanden im
13. Jh.; die Stoffe und zentralen Figuren der langlebigen Gattung dienten
jedoch noch bis ins 15. Jh. hinein als literarisches Material.
Anm., übernommen aus dem Wiki:
Anfang des 13. Jahrhunderts unterteilte
Bertran de Bar-sur-Aube in seinem Girart de Vienne die Chansons in
drei Zyklen:
1. den
Königszyklus (cycle de Charlemagne), zu dem z. B. das Rolandslied/ Chanson
de Roland (s.u.) zählt;
2. die
Aufrührer- und Empörerepen, wie z. B. Gormond et Isembart
3. den
Zyklus über die Familie von Garin de Monglane, zu der auch Guillaume d’Orange
gehört. Wichtigste Beispiele aus diesem Zyklus sind die Chanson de Guillaume
aus dem 12. Jahrhundert, Le Charroi de Nîmes und Aliscans.
Die moderne Literaturgeschichte
unterscheidet noch drei weitere Zyklen:
1. den
Kreuzzugszyklus (cycle de la croisade), mit Werken wie Le Chevalier au cygne
oder die Chanson d'Antioche
2. die
Lothringergeste (geste des Loherains), mit z. B. Garin le Loherain
3. die Nanteuilgeste (geste de
Nanteuil)
(Stand: Juni 10)
La Chanson de
Roland / Rolandslied (ca. 1100).
Dieses Versepos von 4002 assonierenden
Zehnsilbern in 291 Strophen ist eines der ältesten und das vielleicht beste,
heute jedenfalls das bekannteste Werk der Gattung „Chansons de geste“ (s.o.).
Um 1900 wurde es in Frankreich zu einer Art frühem Nationalepos stilisiert, und
zwar wegen der Liebe, mit der es von „la douce France“ spricht, und wegen der
herausragenden Rolle, die es den „Français de France“ in dem multi-ethnischen
Heer Kaiser Karls des Großen zuweist.
Die historische Basis des Rolandsliedes
(wie es in der deutschen Romanistik heißt) ist offenbar ein Überfall
baskischer Krieger auf die von Markgraf Hruotland geführte Nachhut eines
fränkischen Heeres, das im Jahr 778 auf dem Rückzug aus Spanien den
Pyrenäen-Pass von Roncesvaux überquerte.
Das Werk wurde verfasst oder
aufgeschrieben, vielleicht aber auch nur diktiert und/oder öfter vorgetragen
von einem sonst nicht näher bekannten Turoldus, von dem es im Schlussvers nicht
genau deutbar heißt, er habe das Werk „dekliniert“ (Ci falt [=hier endet] la
geste que Turoldus declinet).
Erzählt wird die folgende Geschichte:
Kaiser Karl der Große hat in sieben
Jahren Krieg fast das ganze heidnische Spanien erobert bis auf Zaragosa, dessen
König Marsilie ihm nun Unterwerfung und Konversion zum Christentum anbietet —
beides aber nur zum Schein, um den Abzug des fränkischen Heeres zu erreichen.
Karl versammelt den Rat der Barone, in dem sein Schwiegersohn Ganelon rät, das
Angebot anzunehmen, während sein Neffe Roland, der zugleich ungeliebter
Stiefsohn Ganelons ist, den Kampf fortsetzen will. Karl, der schon alt und
kriegsmüde ist, schließt sich Ganelon an, worauf Roland mit verletzender Ironie
diesen als Sendboten vorschlägt. Der beleidigte Ganelon sinnt auf Rache. Er
begibt sich zu König Marsilie, dem er Roland als einen Kriegstreiber darstellt,
ohne dessen Beseitigung es keinen Frieden geben werde. Marsilie soll deshalb
mit einer Übermacht die Nachhut des abziehenden fränkischen Heeres überfallen;
Ganelon will dafür sorgen, dass Roland ihr Befehlshaber ist. Alles geschieht
wie geplant. Als Roland mit seinen zwölf befreundeten Recken als Unterführern
den Hinterhalt bemerkt, wird er von seinem besonnenen Freund und Schwager in
spe Olivier gedrängt, mit dem Signalhorn Olifant das fränkische Heer zu Hilfe
zu rufen, doch stolz lehnt er ab. Erst als nach verlustreicher Abwehr der
ersten Angriffswelle die Lage aussichtslos ist, bläst er auf Rat des
streitbaren Bischofs Turpin das Horn. Nach der zweiten Welle (deren heldenhafte
Kämpfe wiederum liebevoll-ausführlich dargestellt werden) ist nur noch Roland
übrig. Nachdem auch er durch einen Hagel von Speeren und Pfeilen tödlich
verletzt ist, fliehen die Heiden, weil sie Karls Heer zu hören glauben. Roland
stirbt auf dem Schlachtfeld in der Pose des Siegers, der Erzengel Gabriel und
zwei weitere Engel geleiten seine Seele ins Paradies. Karl, der in der Tat
herbeigeeilt ist, verfolgt und vernichtet die Heiden, deren Reste mit dem
schwer verwundeten König Marsilie nach Saragosa flüchten. Dort trifft gerade
ein riesiges Heidenheer ein, geführt von „Admiral“ Baligant von „Babylonien“,
den Marsilie schon vor Jahren um Beistand gebeten hatte. Doch auch dieses Heer
vernichtet Karl, nicht ohne dass er selbst, der trotz seines Alters noch rüstig
ist, im Schlachtgetümmel auf Baligant trifft und ihn in langem Zweikampf mit
Hilfe eines Engels besiegt. Nach der Einnahme Saragosas und der Zwangsbekehrung
seiner Einwohner kehrt Karl zurück in seine Residenz Aachen. Hier muss er der
Verlobten Rolands, Aude, die Nachricht seines Todes überbringen, was auch ihren
Tod bewirkt. Er will nun Gericht halten lassen über Ganelon, doch 30 Verwandte
stellen sich schützend vor diesen, darunter Pinabel, der ihn im gerichtlichen
Zweikampf vertreten will. Erst als Thierry, der junge Bruder des Grafen von
Anjou, sich für die gerechte Sache zu kämpfen erbietet und Pinabel mit Gottes
Hilfe besiegt, kann Karl Ganelon samt seiner Familie bestrafen. Noch dieselbe
Nacht erscheint ihm der Erzengel Gabriel und fordert ihn auf, König Vivien zu
helfen, der in seiner Stadt „Imphe“ von Heiden belagert wird. Karl weint und rauft
sich den Bart – aber man ahnt: er wird gehen.
Lesen wir die ersten „Laissen“ (d.h.
die für das Genre typischen ungleich langen Strophen aus assonierenden
Zehnsilbern), und zwar in der Version der sog. Oxforder Handschrift, die als
die beste gilt und in anglonormannischem Dialekt, d.h. auf englischem Boden,
redigiert ist. (Übersetzung, möglichst wörtlich, von mir) :
Charles li reis, nostre emperere
magnes, // Karl der König, unser Kaiser großer,
sept anz tuz pleins ad estéd en Espaigne, // sieben Jahre ganz volle ist er
gewesen in Spanien,
Tresqu'en la mer cunquist la terre altaigne; // bis an das Meer eroberte er das
Hochland,
N'i ad castel ki devant lui remaigne, // es gibt dort keine Burg, die vor ihm
verbliebe,
Mur ne citét n'i est remés a fraindre // Mauer noch Stadt ist dort verblieben
zu brechen
Fors Sarraguce, ki est en une muntaigne. // außer Zaragosa, das ist auf einem
Berg.
Li reis Marsilie la tient, ki Deu nen aimet, // Der König Marsilie hält es, der
Gott nicht liebt,
Mahumet sert et Apollin recleimet ; // [sondern] Mohammed dient und Apollo
anruft;
Ne's puet guarder que mals ne l'i ateingnet. // er kann sich nicht behüten,
dass Böses ihn nicht dort trifft.
Aoi! (=ein Ausruf, der im Rolandslied
regelmäßig das Ende einer Laisse markiert)
Li reis Marsilie esteit en Sarraguce,
// Der König Marsilie war in Zaragosa,
Alez en est en un verger suz l'umbre, // gegangen hin ist er in einen Garten
unter dem Schatten,
Sur un perrun de marbre bloi se culched, // auf eine Steinbank aus blauem
Marmor legt er sich,
Envirun lui plus de vint milie humes. // herum um ihn mehr als zwanzigtausend
Mann,
Il en apelet et ses dux et ses cuntes: // er ruft davon sowohl seine Herzöge
als auch seine Grafen an:
„Oez, seignurs, quel peccét nus encumbret: //„Hört, Herren, welches Unglück uns
behelligt:
Li empereres Carles de France dulce // Der Kaiser Karl vom süßen (!) Frankreich
En cest pais nos est venuz cunfundre. // in dieses Land uns ist gekommen
zermalmen.
[...]
Das Rolandslied
war nicht nur in Frankreich wohlbekannt und verbreitet, sondern lieferte auch
die Vorlage oder den Stoff für zahlreiche Übertragungen, Bearbeitungen und
sonstige Texte in anderen europäischen Sprachen, darunter Altnordisch,
Niederländisch, Spanisch und Englisch. In Deutschland z.B. wurde es um 1170 vom
Pfaffen Konrad nachgedichtet. In Italien übernahmen noch 1476 Matteo Maria
Boiardo und etwas später Ludovico Ariosto die Figur Rolands für ihre
vielgelesenen heroisch-komischen Versromane Orlando
innamorato (= der verliebte Roland) und Orlando
furioso (Der rasende Roland,
1505-1532), die ihr ihrerseits neue große Bekanntheit verschafften.
(Stand: Sept. 09)
Romanze von
Rainaut und Harembourg (ca.
1100).
Sie
ist ein hübsches Beispiel der meist untergegangenen mittelalterlichen Lyrik im
volkstümlichen Stil, d.h. einer Literatur, die für ein breites, sozial nicht
spezifiziertes Publikum geschaffen wurde und deren AutorIinnen namentlich meist
unbekannt sind:
Quant vient en mai, que l'on dit as
lons jors,
Que Franc de France repairent de roi cort,
Reynauz repaire, devant, el premier front.
Si s'en passa lez lo mes Arembor,
ainz n'en dengna le chef drecier amont.
E Raynaut, amis !
Als [es] kam in den Mai, den man nennt
[den] mit den langen Tagen, wo die Franken (=die Freien =die Adeligen)
Frankreichs zurückkehren vom Königshof, Reinald kehrt zurück, vorneweg, in der
ersten Reihe. So ging er vorbei neben dem Haus Haremburgas, aber deshalb
geruhte er nicht, den Kopf nach oben zu richten. He, Reinald, Freund!
Bele
Erembors, a la fenestre, au jor,
sor ses genolz tient paile de color.
Voit Frans de France qui repairent de cort
et voit Raynaut devant, el premier front.
En haut parole si a dit sa raison :
E Raynaut, amis!
Schön Haremburga, am Fenster, am
Tageslicht, auf ihren Knien hält sie Stoff von Farbe (=farbig). Sie sieht die
Franken Frankreichs, die zurückkehren vom Hof, und sie sieht Reinald vorneweg,
in der ersten Reihe. Mit lautem Wort, so hat sie ihm ihre Rede gesagt.
"Amis
Raynaut, j'ai ja veu cel jor,
se passisoiz selon mon pere tor,
dolanz fussiez, se ne parlasse a vos !"
"Ja mesfeistes, fille d'empereor :
Autrui amastes, si obliastes nos."
E Raynaut, amis!
"Freund Reinald, ich habe schon
jenen Tag gesehen, [wo], wenn [Ihr] bei meines Vaters Burgturm vorbeigegangen
wäret, bekümmert gewesen wäret, wenn ich nicht zu Euch gesprochen hätte."
– "Schon handeltet [Ihr] schlecht, Kaiserstochter, einen andren liebtet
[Ihr], und so vergaßet [Ihr] uns."
"Sire
Raynaut, je m'en escondirai.
A cent puceles, sor sainz, vos jurerai,
A trente dames que avuec moi menrai,
c'onques nul ome fors vostre cors n'aimai.
Prennez l'emmende et je vos baiserai."
E Raynaut, amis!
"Herr Reinald, ich werde mich
dessen rechtfertigen. Mit hundert Jungfrauen, auf Heiligen[reliquien] werde
[ich] Euch schwören, mit dreißig Damen, die [ich] mit mir führen werde, dass
ich niemals irgendeinen Mann außer Euren Körper (=Euch) liebte. Nehmt die
Wiedergutmachung, und ich werde Euch küssen."
Li
cuens Raynauz en monta lo degré,
gros par espaules, greles par lo baudré,
blond ot le poil, menu recercelé,
en nule terre n'ot si biau bacheler.
Voit l'Erembors, si comence a plorer.
E Raynaut, amis!
Der Graf Reinald daraufhin erstieg die
Stufe, breit bei [den] Schultern, schmächtig in der Gürtellinie, blond hatte er
das Haar, fein gelockt, in keinem Land hatte [es einen] so schönen Jüngling.
Sieht ihn Haremburga, und so beginnt [sie] zu weinen.
Li
cuens Raynauz est montez en la tor,
si s'est assis en un lit peint a flors.
Dejoste lui se siet bele Erembors
..................................
Lors recomencent lor premieres amors,
E Raynaut, amis!
Der Graf Reinald ist gestiegen in den
Burgturm, und so hat er sich gesetzt auf ein Bett bemalt mit Blumen. Neben ihm
setzt sich schön Haremburga. Da beginnt neu ihre erste Liebe. (Vers 4 der
Strophe fehlt – vermutlich nicht per Zensur, sondern durch ein Versehen des
Kopisten.)
Philippe de
Thaon, Le Comput (nach 1113, vor 1119)
Der Compoz (so der originale Titel) ist das älteste in franz. Sprache erhaltene
Sachbuch. Es handelt in sechssilbigen Reimpaaren von der Einteilung der Zeit in
Stunden, Tage, Wochen, Monate und (Kirchen-)Jahre, von den Tierzeichen und
anderen regelmäßig wiederkehrenden Phänomenen, z.B. Sonnenfinsternissen, und
zeigt den Stand des damaligen Wissens in diesen Bereichen. Philippe, der in
England arbeitete und im anglonormannischen Dialekt schrieb, verfasste gegen
1125 auch ein Tierbuch (Bestiarium), das er der englischen Königin Aelis
widmete. Dieses gibt das zeitgenössische Wissen von den einzelnen Tieren (auch
Fabelwesen) wieder, das in vielen Punkten von Religion und Aberglauben bestimmt
war.
(Stand: Juli 06)
Le Voyage de Saint Brendan /
Brendansreise (um 1120).
Diese Verserzählung ist eines der
ersten Beispiele franz.sprachiger Unterhaltungsliteratur und wirkt wie eine
Mischung aus Heiligenlegende, Visionsbericht, Märchen und Abenteuergeschichte.
Ihr Autor ist ein sonst nicht näher bekannter Kleriker, der sich selbst Benediz
nennt (in Literaturgeschichten aber meist Benoît oder Benedeit heißt). Die 1834
Verse sind verfasst im anglonormannischen Dialekt und bestehen aus paarweise
reimenden Achtsilbern, d.h. der Form, die sich inzwischen in der
franz.sprachigen Heiligenlegende durchgesetzt hatte. Das Werk ist in immerhin
sechs Handschriften erhalten, wurde also zu seiner Zeit offensichtlich häufig
abgeschrieben. Es ist der Königin Aelis von England gewidmet und war demnach
zur Zerstreuung des englischen Königshofes gedacht, der zu jener Zeit
überwiegend frankophon war.
Benediz benutzt als Vorlage die in ganz
Europa verbreitete lateinische Navigatio Sancti Brandani (10. Jh.) und
berichtet die fiktive Geschichte des historischen irischen Abtes Brendan (†
578), der mit vierzehn seiner Mönche zu einer Seefahrt aufbricht. Diese soll
ihn, wie von einem Eremiten verheißen, bis zum Paradies führen. Auf seiner
siebenjährigen Fahrt begegnet Brendan vielen seltsamen Tierwesen, findet
verschiedene wundersame Inseln, von denen sich eine als Rücken eines
Riesenfisches erweist, und den Eingang zur Hölle sowie schließlich inmitten
eines Nebelringes auch das Paradies. Nachdem ein Engel ihn und die Seinen durch
dessen Vorgarten geführt hat, kehrt er nach Irland zurück. Hier wird er dank
seiner Frömmigkeit zum Heiligen.
Die Brendansreise
ist eines der vielen Zeugnisse für die beginnende Säkularisierung des geistigen
Lebens, d.h. seine Entkirchlichung und Verweltlichung, die ausgelöst wurde von
dem wachsenden Wohlstand und den zunehmenden Unterhaltungsbedürfnissen der
vielen über das Land verstreuten Fürstenhöfe. Dies waren z.B. die Höfe des
franz. und des englischen Königs sowie die Höfe von Territorialfürsten
(Herzögen und Grafen), an denen sich neue Freiräume und Verdienstmöglichkeiten
boten für nicht kirchengebundene Künstler und Autoren (obwohl letztere von
ihrem Werdegang her meist Kleriker, clercs,
waren).
(Stand. Juli 06)
Lyrisme courtois / höfische Lyrik (ab ca. 1100).
Es ist eine meistens sehr kunstvolle
Lyrik, die ursprünglich spanisch-arabischen Vorbildern folgte, sich aber auch
aus volkstümlichen und aus mittellateinischen Quellen speiste. Sie wurde für
ein überwiegend adeliges Publikum an Fürstenhöfen verfasst und dort gesungen
vorgetragen. Ihre Blütezeit war war um 1200, doch haben ihre Vorstellungswelt
und Bildersprache bis ins 15. Jh. hinein fortgelebt.
Die höfische Lyrik spricht vor allem
von der liebenden Verehrung eines Ichs, das i.d.R. mit dem Autor identisch
gedacht ist, für eine Dame, die zugleich als sozial überlegene Herrin
vorgestellt ist. Hierbei wird diese Dame (das Wort kommt von lat. Domina !) weniger als potenzielle
Geliebte gesehen denn als unerreichbares ideales Ziel der Sehnsucht und des
Strebens.
Wichtigste Dichter (trouvères) im nördlichen Frankreich sind
die Kleinadeligen Gace Brulé (1165–ca. 1212) und Conon de Béthune (ca.
1150–1220), der Stadtbürger Jean Bodel (1165-1209) sowie der hochadelige Graf
Thibaud de Champagne (1201–1253).
Der Ursprung und das Zentrum dieser
Lyrik allerdings lagen im 12. Jh. in der damals okzitanisch sprechenden und
schreibenden, politisch quasi unabhängigen Südhälfte Frankreichs mit ihren
florierenden Städten und vielen kleinen und mittleren Höfen, an denen sich
zahlreiche trobadors (dt. Troubadours
oder Troubadoure) unterschiedlichster sozialer Herkunft betätigten, sowie auch
einige adelige weibliche trobadoriz.
Es war eine kulturell sehr lebendige Welt, die aber zerstört wurde im Gefolge
des brutalen „Kreuzzugs“, den 1209, mit Rückendeckung des Papstes, Graf Simon
de Montfort begann, um die in Südwestfrankreich verbreitete prä-protestantische
Sekte der Katharer bzw. Albigenser zu rekatholisieren oder auszumerzen – ein
Unternehmen, das 20 Jahre Krieg auslöste. Dies wiederum führte zum
wirtschaftlichen Ruin der Region sowie zu ihrer politischen Vereinnahmung durch
die franz. Könige und anschließend zu ihrer kulturellen Kolonisierung durch
Paris.
Einer der bedeutendsten
altokzitanischen Lyriker war der mächtige Territorialfürst Herzog Wilhelm
(Guilhem) von Aquitanien (1071–1126), der als erster Troubadour überhaupt gilt.
Weitere bekannte Namen sind Marcabru (s.u.), Bernart de Ventador, Jaufré Rudel
(s.u.), Bertran de Born, Arnaut Daniel. Die Themen, Motive, Stilmittel und
Formen der Troubadours inspirierten nicht nur die nordfranzösischen Trouvères,
sondern auch die Minnesänger in Deutschland und die Dichter der
süditalienischen „Scuola siciliana“ sowie des Florentiner „dolce stil novo“ um
Cavalcanti und Dante.
Eine Kostprobe (samt eigener, möglichst
wortgetreuer Übersetzung) von Herzog Guilhem in Altokzitanisch bzw. „Provenzalisch“,
wie die deutschen Hochschul-Romanisten diese Sprache nannten, als sie sie noch
lernten:
Ab
la dolchor del temps novel // Mit der Süße der neuen [Jahres]Zeit
foillo li bosc, e li aucel // beblättern sich die Wälder, und die Vögel
chanton, chascus en lor lati, // singen, jeder in ihrem „Latein“,
segon lo vers del novel chan; // gemäß dem Vers[maß] des neuen Sanges.
adonc esta ben c'om s'aisi // Da ist es gut, dass man sich erfreut
d'acho dont hom a plus talan. // an dem, wozu man am meisten Lust hat.
De
lai don plus m'es bon e bel // Von dort, wo es mir am besten und schönsten ist
[=von der Geliebten]),
non vei mesager ni sagel, // sehe ich weder Boten noch [Brief]Siegel,
per que mon cor no'm dorm ni ri, // weshalb mein Körper [=ich] mir nicht
schläft noch lacht,
ni no'm aus traire ad enan // noch ich mich wage zu bewegen voran,
tro que eu sacha ben de fi // bis dass ich weiß ganz zu Ende (=endgültig),
s'el es aissi com eu deman. // ob sie ist so, wie ich verlange.
La
nostr' amor vai enaissi // Unsere Liebe geht so
com la branca del albespi, // wie der Ast des Weißdorns,
Qu'esta sobre l'arbr' en treman, // der auf dem Baum ist, zitternd,
la nuoit, ab la ploia ez al gel, // die Nacht, beim Regen und beim Frost,
tro l'endeman,qu'el sols s'espan, // bis zum nächsten Morgen, wo die Sonne sich
ausbreitet
par las fueillas verz e'l ramel. // durch die grünen Blätter und das Geäst.
Enquer me menbra d'um mati, // Noch erinnert es mich eines
Morgens,
que nos fezem de guerra fi, // wo wir machten mit dem Krieg Schluss
e que'm donet un don tan gran: // und wo sie mir gab ein so großes Geschenk:
sa drudari' e son anel. // ihre Trautheit/Zärtlichkeit und ihren Ring.
Enquer me lais Dieus viure tan // Noch lasse Gott mich so lange leben,
c'aia mas mans soz so mantel! // dass ich meine Hände unter ihrem Mantel haben
möge!
Qu'eu no ai soing de lor lati //
Denn ich habe keinen Kummer wegen ihres [=der anderen Leute] „Latein“
[=Gerede]),
Que'm parta de mon Bon-Vezi, // dass es mich trennen könnte von meinem
Gutnachbarn [=der Geliebten],)
Qu'eu sai de paraulas com van, // denn ich weiß von den Worten, wie sie gehen
[=kenne den Wortlaut]
Ab un breu sermon que s'espel: // von einer kurzen Rede [=Sprichwort], die sich
buchstabiert:
Que tal se van d'amor gaban: // Dass [zwar] manche am Sich-Brüsten sind
hinsichtlicht der Liebe [die sie zu genießen behaupten],
nos n'avem la pessa e'l coultel. // wir [aber] haben davon das Stück [Braten?]
und das Messer.
Wie man sieht, war bei Guilhem, dem es
als reichem und mächtigem Mann sicher nicht schwerfiel, willige Objekte seiner
Wünsche zu finden, die Sicht der Liebe noch nicht so idealistisch wie die
Vorstellung, die sich anschließend im Dichten der meist kleinadeligen
Troubadours herausbildete. Deshalb eine Kostprobe auch aus der späteren Lyrik,
und zwar von Graf Thibaud de Champagne (1201-1253), der als Größter seiner Zeit
gilt und rd. 80 Lieder hinterlassen hat. Thibaud war zwar ein fast ebenso
reicher und mächtiger Fürst wie Guilhem, doch war inzwischen in der höfischen
Lyrik die idealistische „platonische“ Vorstellung von Liebe und ihre Einbettung
in eine bestimmte Begrifflichkeit und Metaphorik so fest etabliert, dass auch
er diese Konventionen respektiert. Ein direkter Bezug zwischen dem Text und der
Lebensrealität des Autors scheint bei Thibaud (sowie den anderen höfischen
Dichtern der Zeit) kaum mehr vorhanden und wird sichtlich auch nicht
angestrebt. Typisch für die späteren Epochen der höfischen Lyrik ist auch die
gängige Verwendung von Allegorien, d.h. Personifikationen von Tugenden, Lastern
u.ä.:
Ausi comme
l'unicorne sui // So wie das Einhorn bin ich,
qui s'esbahist en regardant // das sich erschreckt/fasziniert ist beim Blicken,
quant la pucele va mirant. // wenn es die Jungfrau am Anschauen ist.
Tant est liee de son ennui, // So froh ist es gegenüber seinem [bisherigen?]
Kummer,
pasmee chiet en son giron // [dass] verzückt es fällt in ihren Schoß.
lors l'ocit on en traïson. // Dann tötet man es verräterisch/heimtückisch.
Et moi ont mort d'autel senblant // Und [auch] mich haben sie getötet mit
demselben [tückischen] Schein
Amors et ma dame, por voir: // „Liebe“ und meine Dame, fürwahr.
Mon cuer ont, n'en puis point ravoir. // Mein Herz haben sie, von ihnen kann
ich es nicht zurückhaben.
Dame,
quant je devant vous fui // Dame, als ich vor Euch trat
et je vous vi premierement, // und ich Euch sah zum ersten Mal,
mes cuers aloit si tressaillant // war mein Herz so erzitternd,
qu'il vous remest quant je m'en mui. // dass es Euch verblieb, als ich mich
hinweg bewegte.
Lors fu menez sanz raençon // Da wurde es geführt ohne Lösegeld[möglichkeit]
en la douce chartre en prison // in den süßen Kerker in Gefangenschaft,
dont li piler sont de Talent// dessen Pfeiler sind aus „Lust/Begehren“,
et li huis sont de Biau Veoir // und die Türen sind aus „Schönem Anschauen“
et li anel de Bon Espoir. // und die Ringe [zum Anketten?] aus „Guter
Hoffnung“.
De
la chartre a la clef Amors // Von dem Kerker hat den Schlüssel „Liebe“,
et si i a mis trois portiers: // und so hat sie [Amors ist damals häufig
Femininum!] dort aufgestellt drei Türhüter:
Biau Semblant a nom il premiers, // Schönes Aussehen“ hat Namen der erste,
et Biautez cele en fet seignors; // und „Schönheit“ macht jene [=Amors] davon
[=vom Kerker] zum Oberherrn;
Dangier a mis a l'uis devant, // „Dangier“ [eine in der deutschen Literatur
unbekannte allegorische Figur, die alles den Liebenden Feindliche verkörpert]
hat sie an die Tür vorne gestellt,
un ort, felon, vilain, puant, // einen schrecklichen, niederträchtigen,
grobschlächtigen, stinkenden [Kerl],
qui moult est maus et pautonniers. // der sehr böse und rüpelhaft ist.
Cil troi sont et viste et hardi: // Diese drei sind fix und furchtlos:
Mult ont tost un homme saisi. // sehr bald haben sie einen Mann gegriffen.
Qui
porroit sousfrir les tristors // Wer könnte ertragen die Trübseligkeiten
et les assauz de ces huissiers?// und die Attacken dieser Türhüter?
Onques Rollanz ne Oliviers // Niemals haben Roland und Olivier
Ne vainquirent si grans estors; // besiegt so große Anstürme/Angriffe.
il vainquirent en conbatant, // [Und wenn, dann] siegten sie kämpfend,
mais ceus vaint on s'humiliant. // aber jene [Türhüter] besiegt man [nur],
indem man sich demütigt.
Sousfrirs en est gonfanoniers. // „Leiden“ ist ihr Bannerträger.
En cest estor dont je vous di // In diesem Angriff, von dem ich euch sage,
n'a nul secors fors de Merci. // gibt es keine Hilfe außer von
„Gnade/Erbarmen“.
Dame,
je ne doute mais riens plus// Dame, ich fürchte niemals irgendetwas mehr
que tant que faille a vous amer. // als soviel, dass ich mich verfehle am Euch
lieben.
Tant ai apris a endurer // So sehr habe ich gelernt auszuhalten,
Que je sui vostres tout par us .// dass ich Euer bin, ganz aus Gewohnheit.
Et se il vous en pesoit bien, // Und [auch] wenn es Euch ziemlich
belastete/störte,
ne m'en puis je partir pour rien // ich kann davon mich um nichts fortbewegen,
que je n'aie le remenbrer // ohne dass ich die Erinnerung hätte
et que mes cuers ne soit adés // und ohne dass mein Herz nicht sofort wäre
en la prison et de moi pres. // in der Gefangenschaft und von mir weggenommen.
Dame,
quant je ne sai guiler, // Dame, wenn ich doch nicht zu tricksen verstehe,
merciz seroit de seson mes // wäre Gnade/Erbarmen zur rechten Zeit [=jetzt]
angebracht,
de soustenir si greveus fais. // um eine so große Bürde aushalten [zu können].
(Stand: Juli 10)
Marcabru (1. Hälfte 12. Jahrhundert, Schaffenszeit ca. 1130 bis ca.
1150)
Er zählt zu den ältesten
südfranzösischen, d.h. okzitanisch dichtenden Troubadours. Er ist bedeutsam als
Verfasser der ältesten überlieferten Pastourelle (Gedicht um die Begegnung
eines Ritters in freier Natur mit einer Hirtin, die er zu verführen versucht)
und vor allem als einer der Schöpfer des gewollt hermetischen Dichtungsstils
des sog. „trobar clus“ (verschlossenes Dichten), das nach ihm in Mode kam.
Zwar
ist sein Werk mit gut 40 Gedichten (davon vier mit Melodien) relativ gut
überliefert, doch ist über sein Leben nichts Genaues bekannt. Die beiden
altokzitanischen Kurzbiografien (vidas), die es über ihn gibt, scheinen ihre
Daten aus bestimmten seiner Gedichte bezogen zu haben, d.h. sie sind nicht
historisch fundiert und weichen überdies stark voneinander ab. So wäre er, nach
der einen, kürzeren, Sohn einer armen Gascognerin namens Marcabruna („brauner
[Leber-?]Fleck“) gewesen und habe schlecht von den Frauen und der Liebe
geredet. Nach der anderen, ausführlicheren, wäre er als Findelkind einem
reichen Mann namens Aldric del Vilar vor die Tür gelegt, unter dem Namen „Pan
perdut“ (=verlorenes Brot) von ihm aufgezogen und von dem (historischen)
Spielmann und Troubadour Cercamon im Dichten und Komponieren unterrichtet
worden. Später habe er den Namen Marcabru angenommen, unter dem er bekannt
wurde. Er sei schließlich von den Grafen der Gascogne, über die er viel
Schlimmes gesagt habe, umgebracht worden.
Etwas fundierter als die genannten
Vidas sind die Hypothesen, welche die moderne Philologie aus verstreuten
Angaben und Andeutungen in seinen Texten sowie anderen Indizien aufgestellt
hat. Hiernach würde Marcabru in der Tat wohl aus der Gascogne stammen und aus
kleinen Verhältnissen kommen. In den 1130er Jahren scheint er zunächst in
Beziehung zum Hof von Graf Wilhelm X. von Aquitanien gestanden zu haben (dem
Sohn des ersten Troubadours), der überwiegend in Poitiers residierte. 1137
könnte er der Tochter Wilhelms, Eleonore, nach Paris gefolgt sein, als sie den
französischen König Louis VII heiratete. Sichtlich blieb er dort aber nicht
lange, sondern ging nach Nordspanien, wo er sich Alfonso VII. von León und
Kastilien anschloss, dem Herrscher eines der dortigen kleinen Königreiche, die
sich anschickten, die Reconquista zu aktivieren, d.h. die Rückeroberung der
arabisch-islamisch beherrschten Landesteile. Für den Hof Alfonsos (wo man das
Okzitanische offenbar ausreichend verstand) verfasste Marcabru in den 1140er
Jahren auch politische Lyrik, worin er zum innerspanischen Kreuzzug aufrief,
den er als eine „Waschküche“ (lavador) bezeichnet, in der die die Seelen ebenso
rein gewaschen würden wie beim Kreuzzug ins Heilige Land.
Insgesamt war er offenbar nicht
ungebildet und betätigte er sich in fast allen lyrischen Gattungen der Zeit.
Obwohl er als Autor von den Zeitgenossen durchaus anerkannt wurde, scheint er
als Person schwierig gewesen zu sein. Als Dichter gefiel er sich jedenfalls in
der Rolle des Kritikers und Satirikers, der z.B. die „falsche“, nur den
Lustgewinn anstrebende Liebe der adeligen Herren und auch Damen anprangerte
oder die Heuchelei von Kirchenleuten denunzierte.
(Stand: Aug. 08)
Jaufré Rudel (um
1150)
Er ist heute einer der bekanntesten provenzalischen Troubadours. Er
verdankt seinen Ruhm nicht zuletzt einer aus dem Mittelalter überkommenen
sentimentalen Kurzbiografie (vida), die allerdings kaum den Fakten entspricht,
sondern aus seinen Gedichten abgeleitet scheint. Sie erzählt, wie Jaufré aufgrund der
Berichte von heimgekehrten Jerusalem-Pilgern und Kreuzfahrern eine unstillbare
Sehnsucht nach der schönen Gräfin von Tripolis im Heiligen Land entwickelt,
deshalb am nächsten Kreuzzug teilnimmt, aber während der Seefahrt erkrankt und
kurz nach seiner Ankunft stirbt - immerhin in den Armen der sofort
benachrichtigten und gerührt herbeigeeilten Gräfin, die anschließend Nonne
wird.
Über
die Person Jaufrés ist wenig bekannt, außer dass er „prince“ (Fürst) des
kleinen Lehens Blaya (um das das heutige Städtchen Blaye im Département
Gironde) war und wohl 1148 seinen Onkel und Lehnsherrn, den Herzog von
Angoulême, auf dem zweiten Kreuzzug (1147-49) begleitete.
Insgesamt
acht Gedichte von ihm sind erhalten, vier davon mit Noten. Das bekannteste, Lanquand
li jorn son lonc en mai (Wenn die Tage lang sind im Mai), umkreist
kunstvoll das Motiv der „Fernliebe“ (amor de lonh) und war wohl der
Ausgangspunkt der o.g. Biografie.
Die
Geschichte Jaufré Rudels wurde zur Zeit der Romantik auch außerhalb Frankreichs
bekannt und in Deutschland von Heinrich Heine und Ludwig Uhland aufgegriffen.
Alfred Döblin zitiert sie, fantasievoll leicht erweitert, in seinem letzten
Roman Hamlet oder Die lange Nacht nimmt ein Ende (1956).
(Stand:
Aug. 08)
Antiken-Romane
/ Romans antiques oder
d’Antiquité
Die Gattung der sog. antikisierenden
oder Antiken-Romane (frz. romans antiques ou d’Antiquité) entstand offenbar
gegen 1120, hatte ihre Blütezeit aber von ca. 1150 bis ca. 1180. Sie spiegelt
das im 12. Jh. wachsende Interesse für die Antike und wurde geschaffen von
Autoren, die i.d.R. lateinkundige Kleriker waren. Wie der Name besagt, stammen
die Stoffe und Figuren der Antiken-Romane aus literarischen und
historiografischen Werken der römischen und der griechischen Antike, wobei
diese jedoch ausschließlich über lateinische Texte vermittelt ist. Das
angesprochene Publikum waren Fürsten, z.B. der englische König, sowie das
adelige Personal und die Damenwelt ihrer Höfe. Im Sinne der Vorstellungswelt
und der Erwartungen dieses Publikums dichteten die Autoren ihre antiken
Vorlagen und Quellen ganz unbefangen um, ohne sich zu scheuen, deren Sinn zu
verändern und ohne ein authentisch wirkendes historisches Kolorit anzustreben
(wie die historischen Romane der Neuzeit dies tun). Die Antiken-Romane bilden,
indem sie erstmals die Darstellung von Rittertaten und das Thema Liebe
verbinden, eine Art Zwischenstufe zwischen der älteren Gattung Chanson de geste
und der neuen Gattung Höfischer Roman, die wenig später von Chrétien de Troyes
(s.u.) geschaffen und perfektioniert wurde. Formal bestehen sie überwiegend aus
fortlaufenden, paarweise reimenden achtsilbigen Versen. Sie waren also zur
Lektüre bzw. zum Vorlesen bestimmt und nicht mehr, wie die Chansons de geste,
zum freien Vortrag per Sing-Sang.
Die bekanntesten Antiken-Romane sind:
Le Roman de Thèbes
/ Thebenroman (ca. 1152-54)
Er ist zwar nicht das älteste Werk der
Gattung, hat sie aber offenbar stark geprägt.
Der namentlich nicht bekannte Autor
stammte sichtlich aus einer der damaligen westfranz. Besitzungen des englischen
Königs Henry II Plantagenet und gehörte wohl zum Umfeld von dessen Hof.
Seine literarische Vorlage war vor
allem die Thebais des antiken
lateinischen Autors Statius (1. Jh. n. Chr.), ein Epos, das die Sage vom
tragischen Schicksal der Zwillingsbrüder Eteokles und Polineikes verarbeitet,
die nach dem Tod ihres Vaters Ödipus einen Krieg um die Herrschaft im
griechischen Theben führen und sich am Ende gegenseitig auf dem Schlachtfeld
erschlagen. Der Theben-Roman umfasst gut 10.000 paarweise reimende Achtsilber
und ist in fünf Handschriften und zwei Versionen erhalten, deren längere
offenbar nachträgliche Einschübe enthält. Der Roman zeigt noch viele
thematische und stilistische Übereinstimmungen mit den Chansons de geste,
insbes. bei der ausführlichen Darstellung von Kämpfen und Schlachten; er nimmt
aber auch schon Elemente des höfischen Romans vorweg, z.B. indem er einigen
Frauengestalten wichtige Rollen zuweist. Anders als die nachfolgenden Werke der
Gattung gibt er dem Thema Liebe, ohne es ganz auszuklammern, relativ geringen
Raum.
Le Roman d'Énéas / Äneasroman (um oder eher kurz nach 1160)
Er umfasst gut 10.000 Verse. Der unbekannte
Verfasser folgt überwiegend dem Rom-Gründungsepos Vergils, der Æneis (um
20 v. Chr.), benutzt aber auch zusätzliche lateinische Quellen, z.B. Werke
Ovids. Auch er schildert gerne Kämpfe, räumt aber der Liebe einen hohen
Stellenwert ein. Vermutlich war es seine einfühlsame Darstellung der den Helden
Äneas liebenden Frauen Dido und Lavinia, die kurz nach 1170 den Minnesänger
Heinrich von Veldeke anregte, den Roman in mittelhochdeutschen Versen
nachzudichten.
Le Roman
d'Alexandre / Alexanderroman (ca. 1120 –ca. 1180)
Alexander der Große (356-323 v. Chr.)
galt in Antike und Mittelalter als Prototyp des stets nach neuen Eroberungen
und Erfahrungen dürstenden Helden und hochherzigen Herrschers, aber auch als
Verkörperung menschlicher Hybris. Seine Figur steht im Mittelpunkt drei sehr
unterschiedlicher altfranz. Romane, deren ältester zugleich den Beginn der
Gattung Antiken-Romane markiert und deren jüngster an ihrem Ende steht. Der
Stoff ist mehreren lateinischen Vorlagen entnommen, die ihrerseits aus diversen
griechischen Quellen schöpfen, welche von Anbeginn an neben Fakten auch viele
sagen- und märchenartige Elemente enthielten. Die lateinischen Vorlagen waren
vor allem die romanartige Alexander-Vita des Julius Valerius (ca. 320 n.Chr.)
sowie die chronikartige Historia de proeliis Alexandri Magni des Leo von
Neapel (10. Jh.).
Die älteste der drei franz. Versionen
wurde in frankoprovenzalischem Dialekt wohl schon gegen 1120 verfasst. Sie ist
nur als Fragment von 105 Achtsilblern in 15 einreimigen Strophen (Laissen)
erhalten. Ihr Stil entspricht dem der zeitgenössischen Chansons de Geste. Laut
dem Pfaffen Lamprecht, der sie um 1120/30 ins Mittelhochdeutsche übertrug,
wurde sie von einem „Alberich von Bisenzun“ (= Albéric de Pisançon?) verfasst, der aber nicht näher
bekannt ist.
Eine zweite, ebenfalls nur
fragmentarisch überlieferte Fassung (785 Zehnsilbler in zehnzeiligen Laissen),
wurde wohl kurz nach der Mitte des 12. Jh. von einem unbekannten Autor
geschrieben.
Die Version, die am weitesten
verbreitet und mit knapp 16.000 paarweise reimenden Zwölfsilblern auch am
längsten ist, entstand offenbar um 1180. Sie stammt von Alexandre de Bernay
bzw. de Paris und schildert, nunmehr eher im Stil eines höfischen Romans, das
gesamte Leben Alexanders. Sie besteht aus vier sehr ungleich langen Teilen oder
„Branchen“ (=Zweigen), wobei Alexandre angibt, er habe die unvollständigen
Werke zweier anderer (nicht mehr näher bekannter) Autoren eingearbeitet,
nämlich eines gewissen Eustache (als Branche II) und eines Lambert le Tort (als
Branche III). Schon ab ca. 1190 begannen anonyme Redaktoren zusätzliche
Episoden an den Roman anzuhängen oder in ihn einzufügen.
In der zweiten Hälfte des 13. Jh. wurde
der Alexander-Roman in eine Prosafassung umgeschrieben, von der zahlreiche
Handschriften aus dem 14. und 15. Jh. und sogar einige frühe Drucke erhalten
sind. Sie alle zeugen von dem langandauernden Erfolg des Werkes.
Alexandres Version ist der erste
längere Text der franz. Literatur, der als Versmaß den Zwölfsilbler benutzt,
den deshalb in Frankreich so genannten „vers alexandrin“ (Alexandriner).
(Stand: Juli 10)
Le Roman de Troie
/ Trojaroman (ca. 1165).
Dieses in mehr als 50 Handschriften
erhaltene Werk von gut 30.300 Versen war das erfolgreichste und bedeutsamste
der Gattung. Es schildert in der Hauptsache die Eroberung Trojas durch ein
Bündnis griechischer Könige, enthält als Vorspann aber auch eine Darstellung
der Argonautensage um Jason und als Anhänge die Geschichten einiger
griechischer Helden, z.B. des Odysseus.
Es wurde verfasst für den Hof des
englischen Königs Henry II. und seiner Gattin Aliénor von Aquitanien, der ein
beachtliches franz.sprachiges intellektuelles Zentrum war. Über die Person des
Autors Benoît ist nichts Näheres bekannt, außer dass er offenbar aus
Sainte-Maure in der Grafschaft Touraine stammte, d.h. aus einer der damaligen
Besitzungen der englischen Könige auf franz. Boden.
Als stoffliche Vorlage des Werkes
diente nicht das damals in Westeuropa nur vom Hörensagen bekannte Epos Homers,
die Ilias, sondern zwei angeblich von
Augenzeugen verfasste, tatsächlich aber aprokryphe spätantike lateinische
Darstellungen des trojanischen Krieges, nämlich die Ephemeris belli Trojani
eines gewissen Dyctis (4. Jh.), der die Dinge auf griechischer Seite erlebt
haben will, und die De excidio Troiae historia eines gewissen Dares (6.
Jh.), der in Troja dabeigewesen zu sein vorgibt und eingangs Homer für seine
märchenhafte Darstellung tadelt (was Benoît übernimmt). Von „Dyctis“ und
„Dares“, vor allem vom letzteren, entlehnt Benoît jedoch nur den groben Rahmen,
den er fantasievoll und geschickt mit Liebesgeschichten, ritterlichen
Kampfszenen, Beschreibungen und gelehrten Exkursen ausstaffiert.
Der Roman
de Troie wurde nach 1200 offenbar für ein eher städtisch-bürgerliches
Publikum in eine stark raffende, weitgehend auf die bloße Handlung reduzierte
Prosaversion umgeschrieben, die ihrerseits um 1215 eingefügt wurde in ein
jahrhundertelang gelesenes und abgeschriebenes und hierbei immer wieder
überarbeitetes Kompendium der Alten Geschichte, die sog. Histoire
ancienne jusqu'à César.
Verbreitung in ganz Europa fand der
Troja-Stoff à la Benoît in einer mittellateinischen Prosaversion: der 1272
begonnenen und 1287 abgeschlossenen Historia destructionis Troiae des Sizilianers Guido delle Colonne,
die wohl einer der größten Bucherfolge des gesamten europäischen Mittelalters
war. Etwa gleichzeitig (um 1280) entstanden die mittelhochdeutschen Versionen
Herborts von Fritzlar und Konrads von Würzburg.
Im Frankreich des 13. bis 16. Jh. war
Troja übrigens auch aus ideologischen Gründen bedeutsam, denn die franz. Könige
leiteten damals ihren Stammbaum (Genealogie) von einem legendären Francus her,
der sich bei der Eroberung Trojas durch die Griechen zusammen mit dem späteren
Rom-Gründer Äneas auf ein Schiff gerettet und seinerseits das erste
Frankenreich (Francia) gegründet habe.
(Stand: Dez. 10)
Benoît de Sainte-Maure (2. Hälfte 12. Jh.)
Über die Person Benoîts ist nichts
Näheres bekannt, außer dass er offenbar aus Sainte-Maure in der Grafschaft
Touraine stammte, d.h. aus einer der damaligen Besitzungen der englischen
Könige auf franz. Boden, und dass er für und wohl weitgehend auch an deren Hof
arbeitete.
Sein Hauptwerk ist der um 1165
verfasste Roman de Troie (Trojaroman) (s.o.).
Nach der guten Aufnahme des Trojaromans
wurde Benoît 1174 von König Henry II. beauftragt, eine (ebenfalls gereimte)
Geschichte der Normannenherzöge und dann Könige von England zu schreiben. Aus
unbekanntem Grund (Tod des Autors?) bricht das Werk jedoch bei Vers 44.544 und
König Henry I. ab.
(Stand: Nov. 07)
Le Jeu d'Adam / Adamsspiel
(ca. 1150, evtl.
aber auch erst um 1200).
Dieses Werk eines unbekannten Autors
ist der älteste bekannte dramatische Text in franz. Sprache. Er kommt aus der
Tradition des lateinischsprachigen kirchlichen Theaters der Zeit (der einzigen
dramatischen Gattung, die es damals gab) und ist entstanden vielleicht auf
englischem Boden, überliefert jedenfalls in einer anglonormannisch gefärbten
Version.
Das nur in einem einzigen Manuskript
und nicht ganz vollständig erhaltene Stück besteht überwiegend aus paarweise
reimenden Achtsilblern, enthält aber auch Strophen aus vierzeilig reimenden
Zehnsilblern. Es zeigt, nicht ohne psychologisches Geschick, die Versuchung
Adams und vor allem Evas durch den Teufel, die Erschlagung Abels durch Kain,
das Erscheinen der Propheten des Alten Testaments mit ihren Weissagungen zum
Kommen Christi sowie eine Ankündigung des jüngsten Gerichts.
Die Regieanweisungen sind lateinisch
verfasst, die Aufführenden oder zumindest die Aufführungsleiter waren also
offensichtlich Kleriker; als Aufführungsort dienten zweifellos improvisierte
Bühnen vor oder in Kirchen.
(Stand: Juli 06)
Marie
de France (zweite
Hälfte 12. Jh.).
Sie ist die erste bekannte Autorin der
franz.sprachigen Literatur, doch hat man keine Informationen über ihre Person
außer der eigenen Angabe „Marie ai nun, si suis de France“ (Ich heiße Marie und
bin aus Franzien), wonach sie aus der Île de France, d.h. dem Pariser Raum
gebürtig sein müsste. Ihrer profunden Bildung nach zu urteilen kam sie sicher
(als legitimiertes außereheliches Kind eines Hochadeligen und einer
kleinadeligen Dame?) aus höchsten Kreisen. Ihr Zielpublikum jedenfalls war der
überwiegend franz.sprachige englische Hof von Henry II., in dessen Umfeld sie
offenbar lebte und für den sie entsprechend im anglonormannischen Dialekt
schrieb.
Maries bekanntestes und originellstes
Werk sind die Lais, zwölf jeweils
zwischen ca. 100 und ca. 1000 Verse umfassende Versnovellen („lais“). Sind sind
offenbar um 1170 über einen längeren Zeitraum hinweg entstanden und verarbeiten
viele Märchenmotive und Sagenstoffe, wobei letztere meist „britannischer“, d.h.
keltischer Herkunft, sind. Darunter ist
auch der Tristan-Isolde-Stoff, der hier zum ersten Mal greifbar wird,
wenn auch nur in einer einzigen seiner zahlreichen Episoden.
Die Themen der schlicht, aber
feinsinnig erzählten und auch heute noch ansprechenden Novellen sind sehr unterschiedlich,
vor allem aber geht es um die Schwierigkeiten Liebender, zueinander zu kommen
und/oder beieinander zu bleiben.
Ein weiteres, größeres Werk von Marie
ist eine Sammlung von 102 Fabeln, der Esope
oder Ysopet (1170-80). Ihre Vorlage,
so gibt sie am Ende an, sei altenglisch und stamme von „König Alfred“, der
seinerseits einer lateinischen Übertragung der altgriechischen Fabelsammlung
Aesops (6. Jh. v. Chr.?) gefolgt sei (aber sichtlich auch noch andere Quellen benutzt
hat).
Offenbar ebenfalls von Marie stammt das
anonyme, ihr lange Zeit zugeschriebene, dann zwischenzeitlich aber aberkannte
Werk Le Purgatoire de Saint Patrice.
Es entstand wohl um 1190 auf der Grundlage eines lateinischen Prosatextes, den
es in franz. Verse umsetzt.
(Stand: Dez. 09)
Chrétien
de Troyes
(zweite Hälfte 12. Jh.).
Er gilt als der eigentliche Begründer
und zugleich bedeutendste Autor des Höfischen Romans (roman courtois), einer
nach ihm noch jahrhundertelang florierenden Erzählgattung. Von Chrétien
überliefert sind vor allem fünf Romane, deren Stoffe überwiegend aus der sog.
„matière de Bretagne“ stammen, d.h. aus dem keltisch-britannischen Sagenkreis
um König Artus. Diese Stoffe reichert Chrétien an mit erfundenen Episoden und
verlegt die Handlungen in eine Welt, wie sie den Vorstellungen und Erwartungen
entsprach, die an den Höfen seiner Zeit bestanden. Auch die Ideale des in der
Troubadourlyrik entwickelten Minnedienstes fließen in seine Epen ein, zumal in
deren zahlreiche Dialoge und innere Monologe. Sein Verfahren, aus diesen
verschiedenen Elementen eine kunstvoll strukturierte und bedeutungsvolle
Handlung zu schaffen, nennt Chrétien mit schriftstellerischem Selbstbewusstsein
eine „molt bele conjointure“ (sehr schöne Verbindung).
Konkrete Lebensdaten von Chrétien sind
nicht bekannt, außer dass er in seinem Roman Érec et Énide Troyes als
seine Heimatstadt angibt (er schrieb auch im Dialekt der Champagne) und dass er
eine gute Bildung nach Art eines Klerikers genossen haben muss. Seine
Schaffenszeit erstreckte sich offensichtlich von ca. 1160 bis in die 1180er
Jahre. Einer seiner Romane, Lancelot, wurde nach eigener Auskunft im
Auftrag der Gräfin Marie de Champagne verfasst, also nach 1164, wo sie diesen
Titel durch ihre Heirat erhielt;, sein letztes und unvollendetes Werk dagegen,
der Conte du Graal, ist Graf Philippe de Flandre gewidmet, der diesen
Titel 1169 übernahm und 1180 Regent von Frankreich wurde, was die offenbar vor
diesem Datum verfasste Widmung nicht erwähnt. Chrétien muss also jeweils nach
1164 und vor bzw. um 1180 länger oder zeitweilig in Beziehung zu den genannten
Fürsten gestanden haben.
Sein Publikum waren entsprechend diese
und ggf. andere fürstliche Mäzene samt ihren Gattinnen und deren Hofdamen und
Edelfräulein, sowie der an ihren Höfen lebende oder verkehrende kleinere und
mittlere Militär- und Verwaltungsadel. Sein Schaffen dokumentiert den Höhepunkt
der Macht dieser größeren und kleineren Territorialfürsten (Herzöge, Grafen
u.ä.), deren Höfe im 11./12. Jh. als Macht- und Kulturzentren mit dem Hof der
franz. Könige rivalisierten.
Nicht alle Werke Chrétiens sind
erhalten. Eine Liste der vor etwa 1170 entstandenen gibt er selbst zu Beginn
seines Romans Cligès. Hiernach hätte er zuerst Érec et Énide
verfasst, dann je eine Übertragung der Ars amatoria und der Remedia
amoris von Ovid, danach eine Geschichte von „König Marke und der blonden
Isolde“ sowie drei wohl kürzere Bearbeitungen von Verwandlungssagen aus Ovids Metamorphosen.
Bis auf den Érec und die Verwandlungssage um Philomena (die Nachtigall)
sind diese Werke jedoch verloren.
Erhalten sind (neben einigen wenigen
Gedichten zum Thema höfische Liebe) vor allem die folgenden in paarweise
reimenden Achtsilblern verfassten Romane:
Érec
et Énide
(entstanden nach 1160): Es ist die Geschichte des Königsohns Érec, der nachdem
er sich früh am Artushof ausgezeichnet hat, heiratet und über der Liebe zu
seiner jungen Frau Énide die Pflicht des Ritters Taten zu vollbringen
vernachlässigt. Von Enide darauf hingewiesen, erkennt er seinen Fehler,
zweifelt aber auch an ihrer Liebe und zieht deshalb gemeinsam mit ihr zu
Abenteuern aus. Hierbei besteht er zahlreiche Kämpfe, erfährt aber auch ihre
Treue, wonach er ruhmbedeckt an den Hof von König Artus zurückkehrt und später
seinem Vater Lac als König nachfolgt.
Cligès (entstanden wohl zwischen 1165 und
1170). Die 6784 Verse bilden zwei Teile, eine Vorgeschichte und die eigentliche
Geschichte. Erstere erzählt vom byzantinischen Kaisersohn Alexandre, der zum
Artushof reist, sich dort in die Hofdame Soredamors verliebt, sie heiratet und
nach längerer Zeit mit ihr und seinem Söhnchen Cligès nach Byzanz zurückkehrt,
wo inzwischen sein jüngerer Bruder Alis den Thron okkupiert hat, den er auch
behält, weil Alexandre stirbt. Statt, wie versprochen, unverheiratet zu bleiben
und seinem Neffen Cligès die Thronfolge zu überlassen, beschließt Alis, die
Tochter Fenice des deutschen Kaisers zu ehelichen. Bald nach der Ankunft der
byzantinischen Delegation in Köln verlieben sich Cligès und Fenice und
versprechen sich einander. Eine zauberkundige Amme sorgt dafür, dass Fenice,
die gleichwohl Alis heiraten muss, von diesem immer nur in seinen Träumen
berührt wird. Cligès, der das Warten nicht erträgt, geht auf Abenteuerfahrt zu
König Artus. Nachdem er zurückgekehrt ist, bewerkstelligt er es, Fenice als
scheinbar Verstorbene zu entführen und im Verborgenen eine Weile zu lieben. Er
wird jedoch entdeckt und flüchtet mit ihr, bis er sie nach dem Tod des Onkels
schließlich (anders als Tristan die Isolde) heiraten und mit ihr den Thron
besteigen kann. Der Anfang des Cligès enthält die berühmte These von der
„translatio studii“, wonach die Gelehrsamkeit von den Griechen auf die Römer
und von diesen auf die Franzosen übergegangen sei.
Le
Chevalier de la charrette
(Der Karrenritter, entstanden wohl um 1170): Erzählt wird die bunte
Geschichte der Abenteuer, die der junge Ritter Lancelot besteht, um die
entführte Königin Guenièvre, die Gattin von König Artus, zu finden und ihr
seine entsagungs- und hingebungsvolle Liebe zu beweisen (die immerhin auch
einmal kurz belohnt wird). Die letzten rd. 1000 Verse des Lancelot wurden
von einem gewissen Godefroi de Lagny verfasst, offenbar mit Wissen und nach
Plänen Chrétiens, der in diesem Auftragswerk für Marie de Champagne von
Anbeginn an etwas lustlos wirkt.
Le
Chevalier au lion
(Der Löwenritter, entstanden wohl gegen 1170): Es ist die Geschichte des
Artusritters Yvain, der die junge Witwe eines von ihm im ritterlichen Zweikampf
getöteten Burgherrn heiratet, sich bald aber von ihr beurlauben lässt und auf
Abenteuer und Turniere auszieht, den gesetzten Jahrestermin seiner Rückkehr
vergisst, von seiner Frau verstoßen wird und diese Schmach in vielen Prüfungen
gutmacht, wo er Bedrängten, u.a. einem von einem Drachen bedrohten Löwen, zu
Hilfe eilt und sich so zum idealen Ritter läutert.
Le
Conte du Graal
(begonnen wohl gegen 1180 für Philipp von Flandern): der Versuch, in der
Geschichte des jungen Ritters Perceval die Gattung des Höfischen Romans mit
christlichen Elementen zu durchdringen. Das Werk, das Chrétien sichtlich als
eine Summe seines Denkens und Schaffens geplant hatte, blieb zunächst, offenbar
durch seinen Tod, nach rd. 9000 Versen unvollendet stehen. Es wurde dann von
mehreren unbekannten Fortsetzern weitergeführt und auf rd. 32.000 Verse
verlängert.
Auch in Deutschland fand Chrétien
großen Anklang: Die Romane um Érec und um Yvain wurden gegen oder um 1200
nachgedichtet von Hartmann von Aue, der Roman um Perceval bald nach 1200 von
Wolfram von Eschenbach – eines der Zeichen dafür, wie vorbildhaft die franz. Literatur
insgesamt in Frankreichs Nachbarländern zu dieser Zeit war.
Fast alle Romane Chrétiens wurden im
13. Jh. für ein überwiegend städtisches Publikum in Prosa umgeschrieben. Vor
allem der Prosa-Lancelot fand weite Verbreitung und wurde bis ins 15. Jh. hinein
gelesen.
Ein lange
Zeit Chrétien zugeschriebener Abenteuer-Roman um einen (nicht historischen) englischen König,
der sog. Guillaume d'Angleterre, stammt nach neuerer Forschungsmeinung wohl
von einem anderen, sonst unbekannten Verfasser mit dem gleichen Namen
Chrestien.
(Stand: Dez. 10)
Les romans de
Tristan et Yseut / Tristan-Romane (ca.1170–1180)
Wohl in den 1170er Jahren entstanden
die beiden ältesten der uns bekannten romanartigen Versionen des
Tristan-Isolde-Stoffes. (Ein vielleicht um 1160 von Chrétien de Troyes (s.o.)
verfasster Tristan-Roman ist nicht erhalten.) Die beiden Versionen gehen
offensichtlich auf etwas unterschiedliche ältere Texte zurück und sind nur als
Fragmente überliefert.
Die erste ist ein ca. 1172-75 für den
englischen Hof verfasster Versroman des sonst unbekannten Autors Thomas
d'Angleterre, von dem in fünf verschiedenen Handschriften insgesamt acht
Teilstücke mit zusammen gut 3000 Versen aus dem letzten Drittel der Handlung
erhalten sind (Tristans Heirat mit der nur als Ersatz betrachteten
namensgleichen Isolde Weißhand, einige weitere Abenteuer T.s und sein
tragisches Ende).
Die andere Version ist ein wohl gegen
1180 entstandener Versroman des ebenfalls als Person nicht näher bekannten
Spielmanns Béroul, von dem in einer einzigen Handschrift knapp 4500 Verse des
Mittelstücks erhalten sind (Tristans und Isoldes heimliche Liebe am Hof von
König Marke, der T.s Onkel und I.s Ehemann ist; die Entdeckung ihres
Verhältnisses, T.s Flucht, I.s Verurteilung und ihre Rettung durch T., das gemeinsame
Leben der beiden in einer Laubhütte im Wald, ihre schließliche Rückkehr an den
Hof, I.s Wiederaufnahme durch Marke und T.s Aufbruch ins Exil).
Die Gesamthandlung des Thomas’schen
Romans kennen wir dank einer stark raffend erzählenden altnordischen
Prosaübertragung von ca. 1225 und dadurch, dass Gottfried von Straßburg ca.
1200–1210 seinen (unvollendet gebliebenen) mittelhochdeutschen Tristan auf der Basis von Thomas’ Text
verfasste. Dem Roman Bérouls wiederum entspricht weitgehend, ohne wohl eine
direkte Übertragung oder Bearbeitung zu sein, der in toto erhaltene
mittelhochdeutsche Tristan des
Eilhart von Oberg von ca. 1180.
In Frankreich kompilierte um 1230-35
ein unbekannter Autor (oder mehrere Autoren?) den sog. Tristan en prose, einen sehr umfänglichen, in zahlreichen
Handschriften und leicht divergierenden Versionen überlieferten, bis ins 16.
Jh. hinein gelesenen Prosaroman, der den Tristan-Stoff mit anderen Stoffen
verbindet, vor allem dem König Artus-Stoff, und somit Tristan zum dicht- und sangeskundigen
Ritter der Tafelrunde macht.
Der Tristan-Isolde-Stoff ist übrigens
nicht, wie man als Deutscher und Wagner-Adept glauben könnte, germanischer
Herkunft, sondern keltischer, denn er stammt aus der
schottisch-walisisch-bretonischen Sagenwelt, der sog. matière de Bretagne, aus der in der zweiten Hälfte des 12. Jh.
viele Stoffe und Motive in die franz. Literatur eingeflossen sind, z.B. in die
höfischen Romane von Chrétien de Troyes (s. o.).
(Stand: Juli 10)
Le Roman de Renard / Fuchsroman (ab 1174).
Die erste Version dieses sehr lange
Zeit hindurch populären Werkes verfasste ein sonst nicht näher bekannter Pierre
de Saint-Cloud auf der Basis mittellateinischer Vorlagen; sie wurde
anschließend über mehr als hundert Jahre hinweg von ca. zwanzig verschiedenen,
überwiegend anonymen Autoren erweitert, variiert und umgearbeitet.
Protagonist dieses in paarweise
reimenden Achtsilblern erzählenden Tierepos bzw. Tierschwanks ist der schlaue
Fuchs, der stets nur seinen Vorteil sucht und diesen mal mehr, mal weniger
abenteuerlich und erfolgreich auf Kosten anderer Tiere oder auch von Menschen
findet.
Der Roman
de Renard scheint ursprünglich in vielem ein humoristisch-realistisches und
teils parodistisches Kontrastprogramm zum sehr idealistischen Höfischen Roman à
la Chrétien de Troyes gewesen zu sein. Die angesprochene Leser-/Hörerschaft war
also zunächst dieselbe wie die des Höfischen Romans. Allerdings fand der Renard rasch Anklang auch beim
städtisch-bürgerlichen Publikum, das sich gegen 1200 herauszubilden begann.
Die Figur des verschlagenen Renard
wurde durch den Roman so populär, dass sein Name (der dem deutschen ‚Reinhard’
entspricht) zur Vokabel wurde, die das ursprüngliche franz. Wort für „Fuchs“, goupil,
verdrängt hat.
Eine erste deutsche Nachdichtung wurde
schon gegen Ende des 12. Jh. von Heinrich dem Glichesaere verfasst, wodurch die
Figur auch im deutschsprachigen Raum heimisch wurde.
(Stand: Febr. 05)
Die Gattung „Fabliau“ und ein Beispiel: Auberée (ca. 1200).
Im Zentrum der Handlung steht die
pfiffige Kupplerin Auberée, die einer jungen Frau und ihrem Galan beim Betrügen
(cocuage) des schon ältlichen Ehemanns hilft.
Diese lustige Verserzählung eines
anonymen Autors ist eines der ältesten und gelungensten Beispiele für eine im
gesamten 13. Jh. sehr erfolgreiche Gattung: das alle erdenklichen komischen
Sujets bearbeitende Fabliau oder Fablel (Schwank).
Die Fabliaux, deren Texte meist einen
Umfang von 400–500 paarweise reimenden Achtsilblern haben, waren vielleicht die
erste literarische Gattung, die sich im bürgerlichen Milieu der franz. Städte
entwickelte. Diese hatten sich in Spätantike und frühem Mittelalter stark
verkleinert, wuchsen aber seit dem 11. Jh. langsam wieder und etablierten sich
im 12./13. Jh. als Zentren wirtschaftlicher und politischer Macht sowie auch
als Kulturzentren, in denen nicht nur die Architektur und die bildende Kunst
(Kirchen- und Rathausbau samt Ausschmückung) florierten, sondern wo auch die
Literatur ein wachsendes und zunehmend gebildetes Publikum fand.
Ähnlich wie der franz. Höfische Roman
wurde das Fabliau ein Exportschlager und fand Nachahmung in der englischen,
niederländischen, deutschen und italienischen Literatur (hier z.B. bei
Boccaccio).
(Stand: Dez. 10)
Jean
Bodel (1165-1209).
Dieser Bürger der reichen Tuchweber-
und Tuchhändler-Stadt Arras ist in die Literaturgeschichte eingegangen als
Verfasser des ältesten mit Autornamen (d.h. nicht anonym) überlieferten
dramatischen Textes der franz. Literatur: des erstmals am 5. Dez. 1201
aufgeführten Mirakelspiels Le Jeu de
Saint Nicolas (= das Spiel vom Hl. Nikolaus). Das Stück ist in seiner
Mischung von ernsten und lustigen Elementen nicht untypisch für die Gattung und
wurde bis weit ins 14. Jh. häufig aufgeführt.
Die Handlung beginnt mit ausführlich
dargestellten Kämpfen zwischen Heiden und Christen, wobei nur ein einziger
Christ überlebt, der aber den Emir der Heiden über die Macht des heiligen
Nikolaus bzw. einer Statuette von ihm aufklärt, zu der er sich gerettet hat.
Der Emir will nun, um ihre Kraft auf die Probe zu stellen, seinen Schatz von
ihr bewachen lassen, der jedoch von drei Dieben samt der Statuette gestohlen
wird. Es folgen fabliauxhafte Szenen in einem Wirtshaus, wo die Diebe ihre
Beute zu Geld zu machen versuchen. Als ihnen jedoch der Heilige selber erscheint
(er ist bekanntlich zuständig für das Wiederfinden verlorener Objekte), bringen
sie reumütig alles zurück, worauf sich die Heiden beeindruckt bekehren.
Jean Bodel schrieb auch Fabliaux und
war einer der anerkanntesten nordfranz. Trouvères in allen lyrischen Gattungen
der Zeit. Er verfasste eine der letzten Chansons de geste (=Heldentatenlieder
bzw. -epen), die Chanson des Saisnes.
Diese schildert Kriege Karls des Großen, insbes. gegen die noch heidnischen Sachsen (Saisnes), die u.a. in der
sich wacker verteidigenden Stadt „Tremoigne“ (Dortmund?) belagert werden. Im
Grunde jedoch geht es in den Saisnes um die gerade aktuellen Kreuzzüge,
zumal den Vierten (begonnen 1202), an dem Bodel nicht teilnehmen konnte, weil
er sich mit Lepra angesteckt hatte.
Er starb in der „léproserie“, vor den
Toren seiner Heimatstadt, nicht ohne sich mit einem längeren Gedicht an Freunde
und Bekannte verabschiedet zu haben.
Der pikardische Dialekt, den er
verwendete, war um 1200 dank dem Mäzenatentum wohlhabender Patrizier in den
florierenden pikardischen Tuchmetropolen der wichtigste franz. Literaturdialekt
neben dem anglonormannischen.
(Stand: Dez. 10)
Geoffroi de Villehardouin (ca. 1150–1213).
Er ist Autor des ältesten erhaltenen historiografischen
(=geschichtsschreibenden) Werks in franz. Prosa, der Histoire de la conquête de Constantinople (1207–1213), womit er in
eine Domäne einbrach, die bis dahin dem Lateinischen vorbehalten war.
Der aus einem Adelsgeschlecht der
Champagne stammende Villehardouin wurde um 1190 „sénéchal de Champagne“ und
nahm vielleicht mit seinem Herzog Henri II am 3. Kreuzzug (1189–92) teil. Als
dessen Misserfolg durch einen nächsten Kreuzzug wettgemacht werden sollte, war
er ab 1199 einer der Hauptorganisatoren und verhandelte z.B. 1201 mit der
Republik Venedig, die die Schiffe für die Überfahrt nach Palestina zur
Verfügung stellen sollte.
In seiner Chronik schildert
Villehardouin den dann wiederum enttäuschenden Verlauf des Unternehmens:
Nämlich wie das Kreuzfahrerheer kleiner blieb als erwartet und wie es, nach
seinem Aufbruch 1202, von den Venezianern erst zur Eroberung der dalmatinischen
Hafenstadt Zara und danach zur Einmischung in innere Querelen des oströmischen
Kaiserreichs Byzanz missbraucht wurde, wo es dem legitimen, aber von einem
Usurpator verdrängten Thronfolger Alexis IV. zur Herrschaft verhelfen sollte;
weiterhin wie das Heer 1203, statt das wieder heidnisch gewordene Jerusalem zu
erobern, das christliche Konstantinopel (das heutige Istanbul) einnahm und es
1204 grausam plünderte, als der neugekrönte Alexis sein Versprechen brach, die
Fortführung des Kreuzzugs finanziell und militärisch zu unterstützen; weiter
wie Alexis ermordet und danach der Kreuzfahrer Graf Baudouin von Flandern zum
Kaiser ausgerufen wurde; wie aber dieser und seine überwiegend aus Franzosen
rekrutierte Funktionselite, darunter Villehardouin, das okkupierte Reich nicht
in den Griff bekamen und 1207, nach der verlorenen Schlacht von Adrianopel, bei
der Balduin in Gefangenschaft geriet, in inneren und äußeren Schwierigkeiten
endeten.
Villehardouin selbst, der für seine
Verdienste zum „maréchal de Romanie“ befördert worden war und bei Adrianopel
den geordneten Rückzug geleitet hatte, blieb in Griechenland, wo sich
kurzlebige Kreuzfahrerstaaten etablierten. Er wurde 1207 von dem ursprünglichen
Führer des Kreuzzugs, Boniface de Montferrat, der sich zum König von
Thessaloniki (Thrakien) ausgerufen hatte, mit der Stadt Mosynopolis als Lehen ausgestattet. Hier begann er mit der
Niederschrift seiner Chronik. Er starb, offenbar bald nach deren Abschluss,
wohl im Jahr 1213, wo sein in Frankreich gebliebener Sohn sich erstmals als
Herr von Villehardouin bezeugt ist.
Die Chronik gefällt durch ihren nüchternen
und realistischen Stil, verfolgt natürlich aber das Ziel, den neuerlichen
Misserfolg des Kreuzzugs zu erklären und zu relativieren sowie dessen Anführer
und den Autor selbst zu rechtfertigen.
(Stand: Jan. 07)
Le Lancelot en prose (1215–35).
Es ist vermutlich der erste Prosaroman
der franz. Literatur und bearbeitet den von Chrétien de Troyes (s.o.)
überkommenen Artus-Lancelot-Graal-Stoff. Das sehr umfangreiche Werk wurde
vielleicht unter der Leitung eines nicht bekannten Chefredaktors von mehreren
ebenfalls anonymen Autoren verfasst und ist in über 60 Handschriften und in
mehreren unterschiedlichen Versionen überliefert. Es war also sehr erfolgreich
und wurde entsprechend häufig abgeschrieben (was inzwischen übrigens nicht mehr
nur in klösterlichen Skriptorien geschah, sondern zunehmend in gewerblichen
städtischen Schreibwerkstätten).
Der Lancelot
ist der Prototyp des um die Themen Abenteuer, Kampf und Liebe kreisenden
Ritterromans, einer seit Chrétien in fast ganz Europa jahrhundertelang
florierenden Gattung, zu der u.a. auch die nach 1500 zunächst in Portugal und
Spanien florierenden Amadis-Romane gehören.
Mit seiner Verklärung des Rittertums
entsprach der Lancelot (wie auch
andere franz. Ritterromane nach ihm) offenbar nicht zuletzt einem Evasionsbedürfnis
des franz. Adels, dessen Macht ab ca. 1200 durch den energischen König Philippe
Auguste († 1223) und seine Nachfolger stark eingeschränkt wurde. Das Buch kam
aber sichtlich auch dem Unterhaltungsbedürfnis von Bürgern in den wachsenden
und wirtschaftlich aufstrebenden Städten entgegen.
(Stand: Jan. 09)
Aucassin et
Nicolette (ca. 1225).
Diese „chantefable“, wie der
unbekannte, pikardisch schreibende Autor sein Werk nennt, ist das erste
Prosimetron (Mischung aus Prosa- und Versen) der franz. Literatur. Das nicht
sehr lange Werk zeugt nicht nur von der Kunst, sondern auch von der Belesenheit
seines Autors, denn es enthält zahlreiche, teils parodistische Anlehnungen an
die Literatur der Zeit, z.B. an die Chanson de Geste, die höfische Lyrik, den
höfischen Roman, den Tristan-Roman, den neuen Prosa-Ritterroman usw. So hübsch
und interessant diese „chantefable“ späteren Literaturhistorikern erscheint, damals hat sie keine Schule
gemacht und auch selbst ist sie nur in einer einzigen Handschrift erhalten geblieben.
Ob der dargestellte Triumph der Liebenden über den Willen der Väter zu
subversiv und die Figur der relativ emanzipierten Nicolette zu kühn war?
Erzählt wird in 21 Vers- und 20
Prosapassagen mit Sympathie und feinem Humor die folgende Geschichte:
Aucassin, der Sohn des Grafen von
Beaucaire, liebt die schöne Nicolette, eine Sarrazenin, die ein gräflicher
Beamter einst als Kind auf dem Sklavenmarkt erworben, aber getauft und bei sich
aufgezogen hat. Als Feinde die Grafschaft angreifen, erklärt Aucassin seinem
Vater, dass er nur dann in den Kampf zieht, wenn er Nicolette heiraten darf,
doch der Graf lehnt diese Mesalliance ab. Auch der Beamte versucht Aucassin die
Heirat auszureden und sperrt, als das nichts nützt, Nicolette ein. Sie kann
aber fliehen und tröstet durch eine Mauerspalte Aucassin, der inzwischen
seinerseits im Kerker sitzt, weil er im Kampf zwar Heldentaten vollbracht,
danach jedoch neuen Streit mit dem unbeugsamen Vater gehabt hat. Sie baut sich
nun eine Hütte im Wald und sendet ihm, als er endlich frei ist, Lebenszeichen
von dort.
Nachdem er sie gefunden hat, gehen sie
gemeinsam in ein fremdes Land, werden dort aber bei einem Überfall
nordafrikanischer Piraten gefangen und getrennt verschleppt. Während Aucassin
dank einem Schiffbruch just bei Beaucaire wieder freikommt, den Tod seines
Vaters erfährt und neuer Graf wird, gerät Nicolette nach Karthago. Hier stellt
sich heraus, dass sie die geraubte Tochter des dortigen Königs ist, der sie
sogleich mit einem muslimischen Fürsten verheiraten will. Sie flieht jedoch und
schlägt sich durch bis Beaucaire, wo sie als Spielmann verkleidet Aucassin
ihrer beider Geschichte vorträgt. Als er ergriffen den vermeintlichen Spielmann
bittet, ihm die Geliebte zu suchen, steht dem Happy End nichts mehr im Weg.
(Stand: Dez. 10)
Guillaume de Lorris (* um 1205, vermutlich in
Lorris-en-Gâtinais, † nach 1240).
Der als Person gänzlich unbekannte
Guillaume gilt als Autor eines 4068 Verse zählenden Romanfragments, das er
gegen 1240 wohl in Paris für ein überwiegend höfisches Publikum begann und das
gegen 1280 von Jean de Meung fortgesetzt und einem Ende zugeführt wurde: des
sog. Roman de la Rose / Rosenroman.
Guillaumes besondere Leistung bestand
darin, drei Elemente gekonnt miteinander verbunden zu haben, die sämtlich in
der Literatur der Zeit zwar vorhanden, aber wenig geläufig waren: die Form der
Ich-Erzählung, die Darstellung einer ganzen Romanhandlung in Gestalt eines
Traumberichts und die Verwendung allegorischer Figuren als handelnder Personen.
Von der Meisterschaft Guillaumes zeugt auch seine so einfühlsame wie
anschauliche Darstellung der Psychologie des Verliebtseins.
Offenbar
war Guillaume auch der Erfinder der allegorischen Figur des Danger (aus
mittellat. domniarium „Herrschaft, Herrschaftsanspruch“). Dieser Unhold,
der alles verkörpert, was den Liebenden, vor allem dem liebenden Mann, die
Erfüllung ihrer Wünsche erschwert, war anschließend über 200 Jahre hinweg eine
außerordentlich verbreitete Figur in der franz. Literatur, vor allem der Lyrik.
Wahrscheinlich hat sie die Bedeutungsverschiebung von „Herrschaft“ zu „Gefahr“
verursacht, die das Wort danger im späten Mittelalter im Französischen
erlebte. In der deutschen Literatur scheint die Figur des Danger keine
Entsprechung zu haben.
(Stand: Jan. 09)
Le Roman de la
rose / Rosenroman (ca. 1230–1280).
Dieser lange allegorische Roman in
paarweise reimenden Achtsilblern ist das erste große in Paris entstandene Werk
der franz. Literatur und war wohl der meistgelesene und einflussreichste
franz.sprachige Text des Mittelalters. Er wurde zwischen 1230 und 1240 begonnen
von dem als Person nicht näher bekannten Guillaume de Lorris (* ca. 1205, † ca.
1240, s.o.) und blieb zunächst Fragment, das bei Vers 4028 abbrach. Von
Guillaume offenbar stammte die bahnbrechende Idee, drei in den Romanen seiner
Zeit zwar vorhandene, aber kaum geläufige Elemente miteinander zu verbinden:
die Form der Ich-Erzählung, die Darstellung einer ganzen Romanhandlung als
Traumbericht und die Verwendung allegorischer Figuren als handelnder Personen.
Das Werk wurde fortgesetzt und gegen 1280 mit Vers 21.750 zu einem Abschluss
gebracht von Jean de Meung (s.u.).
Der Roman beginnt mit einer kleinen
Vorrede, worin der Autor dem Leser/Hörer ankündigt, er wolle seiner Dame zu
Gefallen einen quasi Wahrheit gewordenen Traum berichten, den er vor fünf
Jahren als Zwanzigjähriger gehabt habe. Der Bericht enthalte „die ganze Kunst
der Liebe“ und heiße „der Roman von der Rose“. Denn mit dieser Blume sei seine
Dame zu vergleichen.
Der dann folgende Traumbericht ist
einem Ich-Erzähler (einem der ersten der franz. Literatur) in den Mund gelegt,
der zugleich Protagonist der Handlung und, wie sich bald zeigt, fast die
einzige als realer Mensch vorzustellende Figur hierin ist. Alles beginnt damit,
dass der Erzähler vor einen mauerumschlossenen paradiesischen Garten gelangt,
dessen Besitzer Déduit (Spaß, Vergnügen) dort mit einer fröhlichen
Gesellschaft, darunter Amor, tanzt und singt. Er wird von Oiseuse (die Müßige)
eingelassen und darf etwas mitfeiern, erkundet dann jedoch den Garten, heimlich
verfolgt von Amor. Im Spiegel eines Brunnens, dem von Narziss, erblickt er das
Bild einer Rosenknospe, die er fasziniert sofort sucht und an einem großen
Busch auch findet. Bei dem Versuch, sich ihr zu nähern, wird er von den Pfeilen
Amors getroffen. Sie verwandeln seine Faszination in Liebe und machen ihn zu
Amors Vasallen. Nachdem er ihm Treue und Gehorsam gelobt hat, wird er
ausführlich belehrt über die Pflichten eines Liebenden (u.a. dass er allen,
zumal Frauen, gegenüber zuvorkommend ist, sich sauber hält und adrett kleidet)
sowie sehr anschaulich aufgeklärt über die Seelenqualen, die ihn erwarten. Bei
seinen weiteren Annäherungsversuchen an die Rose bekommt er es mit vielerlei
allegorischen Figuren zu tun, insbes. Bel-Accueil (Freundlicher Empfang), der
sich ihm zu helfen erbietet, Raison (Vernunft), die ihn warnt, und den
Bösewichten Malebouche (Verleumdung), Peur (Furcht), Honte (Scham) und vor
allem Dangier ([unrechtmäßiger] Herrschaftsanspruch), einem anschließend in der
franz. Literatur allgegenwärtigen Unhold, der das Zusammenkommen Liebender nach
Kräften behindert. Schließlich schafft der Liebende es zwar mit der Hilfe von
Venus, Danger zu überlisten und einen Kuss der Rose zu erhaschen, doch lässt
nun Jalousie (Eifersucht) um den Rosenbusch herum eine Burg errichten und
Bel-Accueil in den Burgturm sperren, so dass der Liebende verzweifelt in eine
lange Klage ausbricht – womit der von Guillaume de Lorris verfasste Teil
aufhört.
Die ursprüngliche, bis hierher noch
deutliche Gesamtkonzeption ist die der Vermittlung einer idealistischen „ars
amatoria“ (Liebeskunst) an ein höfisches Publikum. Der liebende adelige Mann
sollte durch die theoretischen Belehrungen Amors und durch das praktische
Beispiel der Handlung die Kunst des Minnedienstes lernen, der in der völligen
Hingabe an die geliebte Dame und der geduldigen Überwindung von Widerständen
und Hindernissen besteht und eine moralische Läuterung bewirkt.
Guillaume hatte den Liebenden/Erzähler
einerseits beiläufig anmerken lassen, er werde später den tieferen Sinn des
Werkes erklären, und hatte ihn an einer anderen Stelle andeuten lassen, er
werde die Rose erst am Ende einer langen Schlacht bekommen. Offenbar waren es
diese Bemerkungen, die Jean de Meung (s.u.) auf die Idee einer Fortsetzung
brachten. Er führt
zunächst die Klage des Liebenden fort, doch ändert sich sofort die Atmosphäre
des Textes. Der Liebende wirkt skeptischer, offener für Zweifel. Auch lässt
Jean ihn Aufklärung suchen, zunächst bei Raison, die ihm einen so nüchternen
wie langen Vortrag über die Probleme und Spielarten der Liebe hält, ihn aber
noch ausführlicher über moralisches und unmoralisches Handeln überhaupt
aufklärt, ihn vor dem launischen Walten Fortunas warnt und ihn zur Aufkündigung
seines Vasallenverhältnisses zu Amor drängt, was der Liebende natürlich
ablehnt. Auch im nächsten Abschnitt, dem Vortrag über praktische Lebensregeln
aller Art, den eine Figur namens Ami (=Freund) auf Bitte des Liebenden hält,
geht es nur am Rande um die Probleme Verliebter. Dem Autor Jean ist
offensichtlich vor allem an allgemeiner Unterweisung seiner Leser gelegen.
Insgesamt
kommt die Handlung in seinem Teil fast zum Stillstand, das eigentliche Ziel,
die Rose, scheint eher nebensächlich geworden, auch wenn der Liebende sie schließlich
dank der Hilfe von Amor und seiner Mutter Venus und am Ende eines heftigen
Kampfes der allegorischen Figuren um die Rosenburg erlangt und pflückt. Jean
nämlich verschafft sich bzw. seinen Figuren ständig neue Gelegenheiten zu
gelehrten und satirischen Exkursen. So diskutiert er unter häufiger Berufung
auf antike und jüngere Autoritäten philosophische, theologische und moralische
Probleme, breitet seine beachtlichen mythologischen, astrologischen und
naturkundlichen Kenntnisse aus und nimmt zu aktuellen Fragen Stellung, indem er
etwa die Bettelmönchsorden satirisch aufs Korn nimmt oder die Herrschenden und die
Vertreter der Kirche kritisiert.
Insgesamt steht Jean, der sichtlich für
ein vorwiegend städtisches Publikum schrieb, in einer ironischen Distanz zur
höfischen Denkungsart seines Vorgängers Guillaume. Aus einer fast misogynen
Grundhaltung heraus, wie sie typisch war für den mittelalterlichen Kleriker,
sieht er die Liebe nicht als Ideal, sondern als einen von der Natur gesteuerten
Trieb, der von moralischen Vorstellungen bestenfalls gezügelt wird. Die Frau
sieht er entsprechend nicht als Mittel der Läuterung, sondern als Versuchung,
vor der er den Liebenden von Raison nochmals eindringlich warnen lässt.
Dem Erfolg des Romans tat die
Diskrepanz der beiden Teile keinen Abbruch. Hierbei wurde von den
spätmittelalterlichen Lesern wahrscheinlich weniger der dichterisch schönere
Teil Guillaumes geschätzt als der gelehrtere und vielfältigere Teil von Jean.
Diesen hielt man denn auch für den Verfasser des Gesamtwerks. Insgesamt sind
mehr als 300, häufig prachtvoll illuminierte Manuskripte erhalten (eine enorme
Zahl für einen mittelalterlichen Text) und an die 20 frühe Drucke bis 1538.
Entsprechend groß war der Einfluss des Werkes auf die franz. Literatur, wo es
die Gattung Traumgedicht heimisch machte und (anders als in Deutschland) in
allen Gattungen allegorische Figuren zur Selbstverständlichkeit werden ließ.
Der Rosenroman wurde von so gut wie allen franz. Autoren zwischen 1300 und 1530
gelesen und als Inspirationsquelle benutzt. 1527 versuchte Clément Marot
(s.u.), den Text durch eine sprachliche Modernisierung zu revitalisieren. Diese
Fassung des Romans wurde jedoch nur viermal nachgedruckt, ehe er der starken
Veränderung des literarischen Geschmacks zum Opfer fiel, die von der
Wiederbelebung der Antike durch die Humanisten und dem Einbruch des kulturellen
Einflusses Italiens in Frankreich ausgelöst wurde.
In der Übertragung Chaucers hat der
Rosenroman die englische Literatur beeinflusst, in einer parodistischen,
vielleicht von Dante verfassten Version, auch die italienische. In der
deutschen Literatur scheint er keine nennenswerten Spuren hinterlassen zu
haben.
(Stand:
Juli 08)
Jean
de Meung
(auch Jean Clopinel oder Chopinel; * um 1240, wahrscheinlich in
Meung-sur-Loire; † spätestens 1305, wahrscheinlich in Paris).
Über seine Biografie ist so gut wie
nichts Genaueres bekannt. Aus seinem Schaffen lässt sich erschließen, dass er
zumindest die Artistenfakultät absolviert haben muss und Kleriker war. Auf jeden
Fall hatte er die Möglichkeit, sich eine profunde philosophische, theologische,
literarische und naturkundliche Bildung anzueignen. Auch scheint sicher, dass
er den größten Teil seiner aktiven Jahre in Paris verbracht hat.
Literarhistorisch bedeutend wurde Jean
vor allem durch seine Fortsetzung des um 1230/40 von Guillaume de Lorris
begonnenen Rosenromans (Roman de la Rose,
s.o.), die er wohl 1275-80 verfasste und durch die er die gut 4000 Verse
Guillaumes um fast 18.000 Verse erweiterte. Der Rosenroman war einer der
größten Bucherfolge, vielleicht sogar der größte, des franz. Mittelalters, und
zwar obwohl die beiden Teile nicht nur in der Länge sehr verschieden sind,
sondern auch in ihrem Geist und ihrer Machart. Der Hauptanteil an dem Erfolg
gebührt wahrscheinlich nicht dem dichterisch schöneren Teil Guillaumes, sondern
dem gelehrteren und vielfältigeren Teil Jeans, unter dessen Namen das Werkganze
denn auch anschließend lief.
Die sonstige Aktivität von Jean de
Meung bestand vor allem im Übertragen lateinischer Texte ins Franz., womit er
offenbar die Bedürfnisse der zunehmenden Zahl von Lesekundigen und
Wissensdurstigen vor allem in den wachsenden und prosperierenden Städten seiner
Zeit befriedigte. So übertrug er insbes. das Standardwerk der Kriegskunst De re militari von Vegetius (4. Jh. n.
Chr.), die Briefe Abälards und Heloises (12. Jh.) und das Trostbuch De Consolatio Philosophiae von Boethius
(523/24 n. Chr.). Wie so häufig bei erfolgreichen Autoren, wurden ihm postum auch
Werke zugeschrieben, die er nicht verfasst hat.
(Stand: Jan. 09)
La Châtelaine de
Vergi (ca. 1250).
Diese anonyme, traurig-schöne höfische
Erzählung in 958 Versen gilt seit ihrer Wiederentdeckung zur Zeit der Romantik
als ein Juwel der älteren franz. Literatur. Sie variiert das aus der Bibel
bekannte Joseph-Putiphar-Motiv1) in folgender Geschichte:
Die Châtelaine (Burgherrin) von Vergi
und ein Ritter haben ein geheimes glückliches Verhältnis. Die Herzogin von
Burgund verliebt sich in den Ritter, der sie abweist, ohne zu sagen warum.
Gekränkt beschuldigt sie ihn beim Herzog mit der Lüge, er stelle ihr nach. Als
jener den Ritter tadelt und bestrafen will, weiht dieser ihn in sein Geheimnis
ein und lässt ihn versteckt sogar ein Rendez-vous mit der Châtelaine
belauschen. Der Herzog, der von der Herzogin zu erklären gedrängt wird, warum
er den Ritter nicht bestraft hat, sagt ihr schließlich den Grund. Hierauf
deutet die Herzogin der Châtelaine an, sie kenne ihr Geheimnis, und zwar aus
dem Munde des Ritters. Die Châtelaine glaubt sich verraten und stirbt vor
Kummer; der Ritter nimmt sich das Leben, als er die Tote findet und den Grund
ihres Todes erfährt. Der Herzog erdolcht im Zorn seine Frau und geht zur Buße
als Tempelritter nach Palästina.
Die offenbar recht erfolgreiche
Erzählung (18 mittelalterliche Handschriften sind erhalten), wurde immer wieder
modernisiert, ins Italienische sowie ins Niederländische übertragen und zu
englischen und deutschen Versionen verarbeitet.
1) Die geläufige Bezeichnung ist
eigentlich unkorrekt, denn Putiphar ist der Name des Gatten der Frau, die sich
in Joseph verliebt hat.
Rutebeuf (auch Rustebués genannt; Schaffenszeit
ca. 1250–1285).
Er gilt heute als der erste bedeutende
Pariser Autor in der franz. Literaturgeschichte. Über seine Biografie sind wir
nur vage aus flüchtigen Angaben in seinen Werken informiert. Deren
Entstehungsdaten müssen aus ihrem Inhalt und anderen Indizien erschlossen
werden. Auch sein eigentlicher Name steht nicht fest. Er selbst erklärt
„Rutebeuf“ als Beinamen, der seinen Hang zu den heftigen Attacken ausdrücke,
die ihn als „rude beuf“ (rüder Ochse) erscheinen ließen.
Offenbar war Rutebeuf zum Studium, wohl
aus der Champagne, nach Paris gekommen, das unter den lange und erfolgreich
regierenden Königen Philippe "Auguste" (1180-1223) und Louis IX
(1226–1270) zum unbestrittenen Macht- und Kulturzentrum Frankreichs aufgerückt
war. Er hatte jedoch, wie er angibt, durch eigene Schuld, nämlich Trunk- und
Spielsucht, keinen festen Platz in der Gesellschaft gefunden. Vielmehr führte
er, zunehmend pessimistisch und verbittert und ständig über seine Armut
klagend, eine unsichere Existenz als Auftragsdichter wechselnder Gönner, als
Unterhalter mit Text- und Gesangsdarbietungen in den Häusern reicher Leute und
wohl vor allem als Spielmann auf Volksfesten.
Als Autor war er sehr vielseitig und
betätigte sich in vielen Genres, mit Ausnahme der höfischen Lyrik und des
höfischen Romans. Er verfasste Gesellschaftssatiren (z.B. La Bataille des vices contre la vertu), ein Mirakelspiel (Le Miracle de Théophile), Heiligenviten
(z.B. Vie de Sainte Marie l’Égyptienne), Fabliaux (=Schwänke), eine
satirische allegorische Fuchs-Dichtung (Renart
le bétourné), persönliche Lyrik, die meist sein Unglück thematisiert (z.B. Le
Mariage de Rutebeuf oder La Complainte de Rutebeuf), aber auch
gereimte Kreuzzugspropaganda, die die Lethargie der Christen und ihrer Führung
anprangert. Ein nicht unerheblicher Teil seiner Gedichte, z.B. der Renart,
diente ganz oder nebenher der Polemik gegen die jungen Bettelmönchsorden, die
die Volksbelustigungen bekämpften, von denen er und seine Schausteller- und
Spielmannskollegen lebten. Allerdings polemisiert er auf einer eher politischen
Ebene, indem er den Einfluss der Mönche auf den König und andere Mächtige geißelt
und die Heuchelei anprangert, mit der sie, wie er glaubt, ihren Machthunger und
ihre Gier kaschieren. Zugleich versuchte er mit seiner Polemik die Pariser
Universität, der er sich verbunden fühlte, in ihrem Abwehrkampf gegen die Orden
zu unterstützen, die an ihren Privilegien teilzuhaben trachteten.
Rutebeuf, der sich nicht zu Unrecht
unter Wert gehandelt fühlte, ist eine relativ isolierte, unkonventionell
wirkende Stimme in der Literatur seiner Zeit. Er wird von anderen Autoren kaum
erwähnt oder zitiert und hat auch keine Schule gemacht. Der 200 Jahre jüngere
François
Villon, mit dem er gern verglichen wird, hat vermutlich nichts von ihm gewusst.
(Stand.: Sept.. 07)
P.S.: Nachdem Paris aufgrund seiner
günstigen Lage am Zusammenstrom von vier Flüssen, auf denen sich Lebensmittel
heranschaffen ließen, früh zur festen Residenz des Königshofes geworden war,
entwickelte es sich im 13. Jh. nicht nur zur eindeutig größten Stadt im
Königreich, sondern wurde, nicht zuletzt dank der Universität, auch zum
intellektuellen und kulturellen Zentrum, das alle bisherigen anderen Zentren
zweitrangig werden ließ. Hieraus erklärt sich auch der im 13. Jh. einsetzende
Siegeszug des Dialekts der Île de France, des Franzischen, das allmählich zur
Standardsprache wurde und die bisher mit ihm als Literatursprachen
rivalisierenden Dialekte bzw. Sprachen verdrängte, d.h. das Anglonormannische
(das ohnehin langsam mit dem Angelsächsischen zum Englischen verschmolz), das
Normannische, das Champagnische, das Pikardische sowie das Okzitanische
Südfrankreichs.
Brunetto
Latini bzw. Brunet Latin (ca.
1230–1294)
Der Name dieses ersten Italieners in
der franz. Literaturgeschichte verbindet sich mit dem nach 1260 begonnenen Livre du trésor (=das Buch vom Schatz), einem Kompendium des geographisch-naturkundlichen,
philosophisch-moralischen und biblisch-althistorischen Wissens der Zeit und
zugleich der Politik und Rhetorik.
Das Werk entstand in Paris während
einer Verbannung des hochgebildeten Frühhumanisten Brunetto aus seiner von inneren
Machtkämpfen zerrissenen Heimatstadt Florenz. Es war gedacht als Lehrbuch und
Nachschlagewerk für ein breiteres, d.h. nichtklerikales, vor allem
städtisch-patrizisches Publikum.
Der in nüchterner franz. Prosa
geschriebene Trésor, für den es
damals nur lateinisch verfasste Vorbilder gab, wurde seinerseits Vorbild für
zahlreiche ähnliche in den Volkssprachen verfasste Werke in Frankreich und
anderswo in Europa. Die Tatsache, dass Brunetto französisch schrieb, um (wie er
selbst vermerkt) möglichst viele Leser zu erreichen, bezeugt die Bedeutung, die
das Französische inzwischen als europäische Lingua
franca gewonnen hatte, d.h. als Verkehrssprache, die vielerorts, bis in den
Vorderen Orient hinein, verstanden und benutzt wurde.
Brunetto kehrte übrigens 1267, nachdem
seine Partei in Florenz wieder an die Macht gekommen war, dorthin zurück und
gelangte in höchste Ämter dieses seinerzeit reichen und mächtigen, als Republik
verfassten Stadtstaates. Dante bezeichnet ihn in seiner Divina commedia
(I, 15) als seinen Lehrer, versetzt ihn allerdings zu den Sodomiten in die
Hölle.
(Stand: Febr. 05)
Adam de la Halle (ca. 1235 – ca.
1285).
Adam, der auch „le Bossu“ (der
Bucklige) genannt wurde, ist heute vor allem bekannt als der Autor von Le Jeu de la feuillée (1276/77), dem
ersten satirischen Theaterstück der franz. Literatur. Hierin bringt er sich
selbst, seinen Vater, seine Frau, Verrückte und Feen sowie diverse reiche
Patrizier seiner Heimatstadt Arras auf die Bühne und karikiert sich und sie
überwiegend boshaft in einer Serie von Szenen, die wie bissige Rundumschläge
aus einer Lebenskrise heraus erscheinen (von der er sich offenbar gern durch
einen Wechsel ins intellektuell lebendigere Paris befreit hätte).
Ca. 1284 (Adam stand inzwischen im
Dienst des Grafen Robert von Artois) verfasste er in Neapel ein weiteres Stück,
das Singspiel Le Jeu de Robin et de
Marion. Dieses sollte zur Unterhaltung des franz. Heeres beitragen, mit dem
Robert 1283 nach Neapel gezogen war, um dem jüngeren franz. Königssohn Charles
d'Anjou (der seit 1266 König von Neapel-Sizilien war) zu helfen, das seit 1282
aufständische Sizilien zurückzuerobern.1)
Die Handlung des Jeu de Robin et de
Marion spielt in einer halb realistischen, halb konventionell-arkadischen Hirtenwelt
und rankt sich um das traditionelle Pastorellen-Motiv, d.h. die Begegnung in
freier Natur zwischen einem liebeshungrigen Ritter und einer jungen Schäferin
(wobei im vorliegenden Fall Marion ihrem Robin treu bleibt und den Ritter
abblitzen lässt – ähnlich wie es oft auch in den zahlreichen anderen, meist in
Gedichtform verfassten "Pastourelles" geschieht).
Adam war in seinen jüngeren Jahren auch
als Lyriker (und Komponist seiner Texte) nicht unbedeutend. Die reiche
Tuchmetropole Arras verfügte zu dieser Zeit durchaus über ein eigenständiges
geistiges Leben, z.B. mit regelmäßigen Wettdicht- und Wettsingveranstaltungen
(„puis“), in denen er sich profilieren konnte.
1) Frankreich war im 13. Jh. dank einer
Serie tüchtiger Könige von Philippe II „Auguste“ (1180-1223) bis zu Philippe IV
„le Bel“ (1285–1314) die politisch stärkste Macht in Europa! Die
Wiedereingliederung Siziliens in das Königreich Neapel allerdings gelang für
dieses Mal nicht.
Marco Polo (ca. 1254–1324).
Dieser venezianische Patrizier, Kaufmann
und Reisende ist in die franz. Literaturgeschichte eingegangen mit Le Livre des merveilles du monde (1298),
dem ersten weitgehend realistischen Bericht über die in Westeuropa bis dahin
praktisch unbekannten Länder und Völker in Fernost.
Im Mittelpunkt steht China, wo Polo
sich zunächst als noch jugendlicher Begleiter seines Vaters und seines Onkels,
dann als Günstling des Großkhans (=Kaisers) 17 Jahre lang (1275–1292)
aufgehalten hatte, während derer er viel in dem Riesenreich selbst herumkam,
aber auch Indien und Burma bereiste. Ebenfalls beschrieben werden der Hinweg
über die berühmte Seidenstraße und der Rückweg, der per Schiff bis Persien,
über Land bis Konstantinopel und dann wieder per Schiff nach Venedig führte.
Das Buch entstand durch den Zufall,
dass Polo bei einem Seegefecht zwischen Venezianern und Genuesen in genuesische
Gefangenschaft geriet und von einem Mitgefangenen, dem auch als Autor anderer
Werke bekannten Rustichello da Pisa, gedrängt wurde, ihm den Bericht seiner
Reise zu diktieren, wobei die beiden als geeignetste Sprache das ihnen
ausreichend vertraute Französische wählten (in das sie allerdings viele
Italianismen mischten).
Der "Marco Polo" wurde in den
nachfolgenden zwei Jahrhunderten sehr viel gelesen, denn mehr als 80 Handschriften,
auch von Übersetzungen in andere Sprachen, sind erhalten. Darüberhinaus wurde
er von Gelehrten aller Art ausgewertet, vor allem Geographen, die seine sehr
exakt wirkenden Entfernungsangaben für ihre Karten übernahmen. Noch Kolumbus
benutzte diese Angaben zur Errechnung der Länge einer Seefahrt quasi hinten
herum nach Indien (wobei er aber viel zu optimistisch kalkulierte und
verhungert und verdurstet wäre, hätte er nicht Amerika, genauer: eine
karibische Insel gefunden).
Jean de Joinville (* 1224 oder
1225; † 24.12.1317)
Er ist vor allem bekannt als Verfasser
einer Darstellung von König Louis IX des Heiligen (1214-70), die als erste
franz.sprachige Biographie in einem modernen Sinne gilt.
Joinville gehörte einer Familie an, die
nicht zuletzt durch reiche Heiraten in den Hochadel aufgestiegen war und in der
das (Richter-)Amt eines Sénéchal de Champagne erblich war. Im Alter von ca.
acht Jahren verlor er seinen Vater, wonach er von seiner Mutter erzogen wurde,
die aus der Familie der Grafen der Bourgogne stammte.
1241 ist Joinville ein erstes Mal in
seinem Rang als Sénéchal nachweisbar, und zwar bei einem königlichen Hoftag in
Saumur. Anschließend unternahm er eine Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela.
Nach seiner Rückkehr heiratete er.
1245 oder 46 nahm er erstmals als
Ritter an Kampfhandlungen teil anlässlich der Fehde eines Onkels, des Grafen
von Chalon.
Ostern 1248, inzwischen war er Vater
zweier Kinder, darunter eines Sohnes, nahm er das Kreuz, wie es schon mehrere
Vorfahren von ihm getan hatten, und schloss sich mit zehn von ihm besoldeten
Rittern dem Sechsten Kreuzzug an, zu dem Louis IX von Marseille aus aufbrach.
Während der längeren Zwischenstation auf Zypern trat er, nicht zuletzt wohl aus
finanziellen Gründen, in das königliche Gefolge ein.
Bei der Landung des Kreuzfahrerheeres
im Nil-Delta Anfang 1249 und der Einnahme der dortigen Hafenstadt Damiette
zeichnete Joinville sich aus. Wenig später nahm er an der desaströsen
Belagerung von al-Mansura teil, an welcher der Kreuzzug scheiterte. Auf dem
Rückzug nach Damiette geriet er im Februar zusammen mit König Louis in
Gefangenschaft. Gegen Zahlung eines hohen Lösegeldes wurde er im Mai
freigelassen, gemeinsam mit Louis, mit dem er sich nach Akkon in Palästina
einschiffte. In dieser Hafenfestung, die noch von Kreuzfahrern gehalten wurde,
blieb er vier Jahre lang mit ihm zusammen und begleitete ihn 1254 zurück nach
Frankreich. In diesen Jahren täglichen Umgangs mit seinem König wurde er zu
dessen engen Vertrauten, was er in der Folgezeit als Mitglied des Kronrates
blieb.
1267 (inzwischen hatte er sich in
zweiter Ehe verheiratet und war vor kurzem wieder Vater geworden) wurde
Joinville von Louis gedrängt, an einem neuerlichen Kreuzzug (dem siebten)
teilzunehmen, der nach Tunis führen sollte. Er lehnte jedoch ab, weil er sich
den Seinen verpflichtet fühlte und überdies das Vorhaben für unrealistisch
hielt – zu Recht, denn Louis kam 1270 vor Tunis ums Leben, ohne Erfolge erzielt
zu haben.
1282 gehörte Joinville zu den Zeugen im
Kanonisierungsverfahren, das für Louis eröffnet worden war und 1290 mit dessen
Heiligsprechung endete. Der Wortlaut seiner Aussage ist erhalten.
Da er schon während seines Aufenthalts
in Palästina einen Kommentar des Credo verfasst hatte (der ihn als guten
Bibelkenner ausweist), begann er 1305 auf Bitten der Königin das Livre des
saintes paroles et des bons faits de nostre saint roi Louis (=Das Buch von
den heiligen Worten und guten Taten unseres heiligen Königs Ludwig), das er
1309 fertigstellte und dem amtierenden König Philippe le Bel widmete, einem
Enkel von Louis IX.
Das Werk sollte der Belehrung und
Erbauung des Kronprinzen (des späteren Louis X, *1289) dienen, doch verfolgte
es daneben naturgemäß auch politische Ziele, nämlich die Stärkung der Dynastie
durch die Präsentation eines mustergültigen Herrschers aus ihren Reihen.
Joinville bringt sich aber auch selbst zur Geltung, denn er erzählt als erster
Chronist der franz. Literatur in der 1. Person. Der Form nach ist sein Werk ein
sehr persönlich wirkender, lebendiger Bericht seiner vielen Begegnungen mit
Louis und mischt insofern Gattungsmerkmale von Biografie, Autobiografie,
Chronik und Reisebericht, aber auch der meist lateinischen Exempla-Literatur
der Zeit.
Joinville nahm noch als Hochbetagter an
mehreren Kriegszügen teil und starb im für mittelalterliche Verhältnisse sehr
hohen Alter von gut 90 Jahren auf seinen Besitzungen in der Champage.
Sein Image eines ersten Biografen im
modernen Sinn resultiert daraus, dass er bestrebt ist, die dargestellte Person
trotz aller Sympathie möglichst objektiv darzustellen, d.h. in den
unterschiedlichsten, sowohl alltäglichen wie offiziellen Situationen, und ihn
weniger apologetisch als Heiligen zu verherrlichen denn als guten Christen und
König zu zeigen, der durchaus auch diese oder jene Schwäche aufweist.
Das Werk Joinvilles fand zu seiner Zeit
offenbar keine weite Verbreitung, denn nur wenige Manuskripte sind erhalten.
Auch hat es, vielleicht aufgrund seiner unkonventionellen Form, nicht als Vorbild
gewirkt. Immerhin wurde es 1547 gedruckt unter dem knappen Titel Vie de
Saint Louis. Erst im 19. Jh. wurde es von (Literar-)Historikern stärker
beachtet. Eine deutsche Übersetzung (Th. Nissle) erschien 1854.
(Stand: Jan. 09)
Guillaume de Machaut (ca. 1300 – 1377).
Er war einer der großen Autoren, aber
auch Komponisten seines Jahrhunderts. (In Nachschlagewerken wird er häufig
unter "G", d.h. seinem Vornamen, geführt.)
Er wurde geboren wahrscheinlich in
Machault, einem Dorf in den Ardennen, als Sohn einer nichtadeligen Familie, die
aber sichtlich wohlhabend genug war, um ihm eine gute Bildung zu ermöglichen.
Nach Studien an der Domschule von Reims trat er ca. 1323 in die Dienste Herzog
Johanns von Luxemburg (1296-1346), eines Sohnes Kaiser Heinrichs II. Zum
Sekretär Johanns befördert, der zugleich König von Böhmen, Mähren und Schlesien
war, begleitete er diesen auf seinen vielen Reisen durch seine Territorien und
auf zahlreichen Kriegszügen. Dank ihm erhielt er 1337, obwohl nie zum Priester
geweiht, eine einträgliche Domherrenpfründe im Domkapitel von Reims, wo er ab
1340 auch überwiegend lebte, nachdem Johann erblindet war und weniger umherzog.
Als 1346 Johann in der englisch-franz.
Schlacht von Crécy umkam (auf Seiten des Verlierers, König Philippe VI von
Frankreich), trat Machaut in die Dienste Guthas (alias Bonne) von Luxemburg,
der Tochter Johanns und Schwiegertochter Philippes. Nach Guthas baldigem Tod
(1349) war Machaut als Dichter renommiert genug, um keinen festen Dienstherrn
mehr zu benötigen. Vielmehr schloss er sich wechselnden fürstlichen Mäzenen an,
z.B. dem Dauphin (Kronprinz) und späteren König Charles V (1364–1380) oder
dessen kunstliebendem Bruder Herzog Jean de Berry († 1416), an deren Höfen er
gastierte und denen er – natürlich gegen Entgelt – seine Werke widmete.
Machaut war Verfasser von längeren,
meist allegorischen Versdichtungen verschiedener Gattungen sowie von kürzeren
Verserzählungen und -romanen, die in der Regel die Ich-Form benutzen und viele
autobiografische Elemente enthalten. Er versuchte sich aber auch in der Gattung
Vers-Chronik mit La Prise d'Alexandrie,
einem Bericht von der (vorübergehenden) Eroberung Alexandrias 1365, den er
1370-1371 zu Ehren des 1369 ermordeten Eroberers Pierre de Lusignan, Königs von
Zypern, verfasste. Vor
allem aber war Machaut ein sehr produktiver, seine Kunst reflektierender
Lyriker, von dem 234 Balladen, 76 Rondeaus und rd. 100 andere Gedichte erhalten
sind. Hauptgegenstand dieser Lyrik, die formal und thematisch überwiegend im
Gefolge der höfischen Dichtkunst steht, ist die Liebe oder genauer "das
Lob der Damen".
Machaut war übrigens einer der letzten,
der viele seiner Gedichte vertont hat, und er gilt auch in der Musikgeschichte
als Figur von epochaler Bedeutung.
Von Interesse ist er darüber hinaus als
Autor des wohl ersten autobiografischen Liebesromans der franz. Literatur, Le voir dit (=die wahre Dichtung), einer
1362 verfassten Liebesgeschichte um die junge Péronne d'Armentières und den
schon ältlichen Dichter, der darin zugleich die Entstehung seines Werkes
thematisiert.
Von seinen Zeitgenossen wurde Machaut
als ein Meister seiner Kunst verehrt. Sein Einfluss auf die nächsten
Lyrikergenerationen, insbes. auf Jean Froissart, Eustache Deschamps und
Christine de Pizan war groß. Seine Existenz als eines vor allem für Höfe und fürstliche
Mäzene Tätigen wird für die Autoren des 14. und 15. Jh. typisch werden.
P.S.: Die im vorangehenden 13. Jh. so
bedeutende kulturtragende Funktion der reichen Stadtbürgerschaft (des
Patriziats), war im 14./15. Jh. stark gemindert dadurch, dass die Städte
verarmt waren aufgrund eines ganz Europa betreffenden enormen Rückgangs der
Bevölkerungszahl und damit der Wirtschaftskraft. Ursache hierfür waren zunächst
Serien von Missernten und Hungersnöten, die ausgelöst wurden von einer starken
Klimaverschlechterung nach 1300, und dann die Große Pest von 1348–50, bei der
weit mehr als die Hälfte aller Europäer starben, und zwar vor allem in den
Städten aufgrund der dort größeren Ansteckungsgefahr. In Frankreich kamen ab
1337 verschlimmernd die Auswirkungen der ersten Phasen des Hundertjährigen
Krieges zwischen der englischen und der franz. Krone hinzu.
Jean
Froissart (*
ca. 1337 in Valenciennes, † ca. 1410, wahrscheinlich in Chimay/Belgien).
Er ist von besonderem Interesse als
Autor der von 1370 bis 1400 verfassten Chroniques,
des wohl ersten franz.sprachigen historiografischen Werks, das Ereignisse der
jüngeren und jüngsten Vergangenheit nicht, wie bis dahin üblich, aus der
rückblickenden Perspektive eines selbst daran Beteiligten berichtet, sondern
sie auf der Grundlage schriftlicher Quellen sowie der Befragung von Teilnehmern
und Augenzeugen darstellt.
Froissart wuchs auf im (heute
belgischen) Hainaut (Hennegau). Nach einer Ausbildung als Kleriker ging er 1361
nach London an den englischen Hof, da er Anschluss an Philippine de Hainaut,
die Gemahlin von König Edward III, gefunden hatte. Seine literarische Laufbahn
begann er als höfischer Lyriker und Verfasser längerer, oft allegorischer
Versdichtungen im Stile Guillaumes de Machaut. Schon in London jedoch, wo er
viele Teilnehmer am Hundertjährigen Krieg zwischen den Kronen Englands und
Frankreichs kennenlernte und von wo aus er bald auch zahlreiche Reisen für
Recherchen und die Befragung von Zeitzeugen unternahm,
begann er sich
als Chronist der jüngsten Vergangenheit zu betätigen. Eine erste Chronik, die
die Kriegstaten der Engländer feierte und Philippine gewidmet war, ist jedoch
nicht erhalten.
1368 begleitete er einen Sohn
Philippines zur Verheiratung nach Mailand und erfuhr auf der Rückreise 1369,
dass seine Gönnerin gestorben war. Er ließ sich nun im heimatlichen Hainaut
nieder und widmete sich seinen Chroniques,
nachdem er neue Mäzene gefunden hatte. Dies waren z.B. Robert de Namur und Guy
de Châtillon, Comte de Blois, der ihm 1373 die Pfarrei von Estinnes-au-Mont als
Absicherung besorgte und ihm 1388 für den Spanien-Teil seiner Chronik eine
Reise an den Hof des Grafen von Foix-Béarn nahe der spanischen Grenze
finanzierte. Vor allem aber erhielt Froissart die Unterstütztung Wenzels von
Luxemburg, Herzogs von Brabant, mit dem ihn ein engeres persönliches Verhältnis
verband.
Zentraler Gegenstand der sehr
umfangreichen Chroniques de France,
d'Angleterre, d'Escoce, d'Espaigne, de Bretaigne, de Gascogne, de Flandres et
lieux circonvoisins ist das Hin und Her des von 1337 bis 1458 immer wieder
aufflammenden Hundertjährigen Krieges. Hierbei sympathisiert Froissart anfangs
eher mit den Engländern, erst später macht er sich zumindest ansatzweise auch
die Leiden des Volkes in Frankreich bewusst sowie die Tatsache, dass die
englischen Feldzüge auf franz. Boden Raubzüge waren. Insgesamt aber sieht er
den Krieg mehr als Ausfluss persönlicher Ruhmbegierden von Fürsten und Herren
sowie als Abfolge eindrucksvoller Ritterkämpfe und Schlachten denn als einen
blutigen Konflikt, in dem englische Könige und Heerführer die Schwäche
ausnutzten, in die Frankreich nach 1314 durch eine Serie rascher Thronwechsel
verfiel und die es ihnen ermöglichte, immer wieder große Teile des Landes unter
ihre Herrschaft zu bringen.
Neben der Arbeit an den nach und nach
auf vier umfangreiche Teile anwachsenden Chroniques
schrieb Froissart auch noch andere Werke. So beendete er 1383 den Meliador, einen der letzten franz.
Ritterromane in Versform, in den er auch Gedichte des im selben Jahr
verstorbenen Herzogs Wenzel einstreute.
Nachdem er sich mit Guy de Châtillon
überworfen hatte, fand er in seinen späten Jahren einen Gönner in Philippe le
Hardi (Philipp der Kühne, †1404), Herzog von Burgund. Auf einer seiner immer
noch fortgesetzten Informationsreisen besuchte er 1395 auch London, verließ es
aber bald enttäuscht. Er beendete sein Leben als Kanonikus in Chimay.
Die Chroniques erfuhren im 15. Jh. eine
so beachtliche Verbreitung, das sich mehr als 100, z.T. reich illustrierte
Manuskripte erhalten haben.
(Stand: Juli 05)
Eustache
Deschamps (auch
Eustache Morel genannt, ca. 1345–1404).
Er war der bedeutendste franz. Lyriker
der zweiten Hälfte des 14. Jh. und war vielleicht ein Neffe von Guillaume de Machaut,
jedenfalls aber eine Zeitlang sein Zögling an der Domschule von Reims.
Nach Jurastudien an der Universität
Orléans erlangte Deschamps dank seiner Talente als Dichter und als Unterhalter
1368 die Protektion von König Charles V und nach dessen Tod (1380) die von
Charles VI sowie vor allem von dessen kunstliebendem und ehrgeizigem jüngeren
Bruder Herzog Louis d'Orléans, zu dessen Gefolge er ab 1390 zählte. Von seinen
Gönnern erhielt er mehrere kleinere königliche Ämter zugewiesen, von denen er
samt seinen Kindern (seine Frau war 1376 jung nach der Geburt des dritten
gestorben) passabel leben konnte, obwohl er häufig klagte. 1389 wurde er zum
seigneur de Barbonval erhoben und somit geadelt. Er hielt sich meist in Paris
am Hof auf, war aber auch viel mit seinen Fürsten und für sie unterwegs. So war
er 1384/85 Mitglied einer diplomatischen Mission nach Ungarn und Kroatien, 1397
reiste er als Botschafter von Louis d'Orléans nach Mähren. Um 1400 zog er sich
mehr und mehr zurück, gesundheitlich angeschlagen und unzufrieden mit dem
Machtgerangel am Hof, wo verschiedene Klüngel, nicht zuletzt der von Louis, den
intermittierend geistesgestörten König zu manipulieren versuchten.
Deschamps war mit etwa 1500 erhaltenen
Gedichten in allen damals gängigen Genera, darunter vor allem gut 1100 Balladen
und an die 200 Rondeaus über vielerlei Sujets, einer der produktivsten und
thematisch, formal und stilistisch innovativsten Lyriker des franz.
Mittelalters. Sein Einfluss auf die Autoren neben ihm (z.B. auch auf Geoffrey Chaucer)
und nach ihm war groß und reicht bis weit ins 15. Jh. hinein, z.B. bis zu
Villon.
Während seine dem Thema Liebe
gewidmeten Gedichte meist eher konventionell bleiben, wirken seine
moralisch-gesellschaftlichen Problemen, z.B. denen des Hoflebens, gewidmeten
Texte (meist Balladen) sehr persönlich. Bei den Zeitgenossen hoch angesehen
waren auch seine philosophischen, didaktischen und satirischen Balladen.
Ein zentrales Thema Deschamps’ ist der
Niedergang Frankreichs durch den nach Charles’ V Tod wieder aufflammenden
Hundertjährigen Krieg. In einer Ballade bejammert er z.B., wie (1380) auch sein
eigener Landsitz nahe seinem Geburtsort Vertus von englischer Soldateska
geplündert und abgebrannt wurde. In der Fragment gebliebenen allegorischen
Versdichtung La Fiction du lion, wo
er Frankreich als Löwen und England als Leoparden darstellt, beklagt er das
Versagen des Nachfolgers von Charles V, der es nicht schaffte, den „Leoparden“
in die Schranken zu weisen. Ein anderes politisches Thema, nämlich das Große
Schisma in der Katholischen Kirche, behandelt Deschamps in La Complainte de l'Eglise desolee (1393).
In seinen letzten Jahren arbeitete er
an der unvollendet geblieben satirischen Versdichtung Le Miroir du mariage, wo er die Vor- und Nachteile (meist eher diese)
der Ehe diskutiert.
Deschamps ist darüber hinaus
interessant als Autor der ersten in franz. Sprache verfassten Poetik
(Dichtungslehre), L'Art de dicter et de
faire chansons (1392), einer Zusammenstellung von Regeln und Rezepten zum
Verfassen metrisch gebundener Texte, wobei es ihm mehr auf die „musique
naturelle“ der Sprache als auf die „musique artificielle“ der Melodie ankommt
(denn er war einer der ersten, die auf eine Vertonung und musikalische
Begleitung ihrer lyrischen Texte weitgehend verzichten).
(Stand: Jan. 05)
P.S.: Der mit vielen Pausen insgesamt
von 1337 bis 1453 dauernde Krieg zwischen den Kronen Englands und Frankreichs
spielte sich ausschließlich auf franz. Boden ab und bestand weitgehend aus den
sommerlichen Beutezügen englischer Heere. Seine Schlachten gingen häufig
zugunsten der Engländer aus, weil deren Truppen zwar zahlenmäßig meistens
unterlegen, aber technisch dank ihrer Bogenschützen und taktisch dank ihrer
größeren Disziplin überlegen waren.
Christine de Pizan bzw. de Pisan (1365 – ca. 1430).
In ihren fast 40 Schaffensjahren war
Christine die mit Abstand produktivste aller Literaten ihrer Generation. Sie
gilt als die erste Autorin der franz. Literatur, die (samt ihrer Familie) mehr
oder weniger von ihrer Feder zu leben geschafft hat. Nachdem sie von einer
lange Zeit männlich dominierten Literaturgeschichtsschreibung eher
vernachlässigt worden war, wird sie heute relativ hoch geschätzt und von
Literatur- und Sozialwissenschaftlerinnen als eine Feministin avant la lettre
betrachtet.
Geboren in Venedig als Tochter des
Astrologen und Arztes Tommaso da Pizzano, kam sie als Mädchen nach Paris,
nachdem ihr Vater Leibarzt von König Charles V geworden war. Sie erhielt
eine gute Bildung (die sie später durch die fleißige Lektüre antiker und zeitgenössischer
Autoren erweiterte) und wurde fünfzehnjährig mit dem 10 Jahre älteren
kleinadeligen königlichen Notar und Sekretär Étienne du Castel verheiratet, mit
dem sie rasch hintereinander drei Kinder bekam.
Nach dem Tod ihres Gatten während einer
Epidemie (1389) und ihrer Verarmung durch Erbschaftsprozesse begann sie zu
schreiben. Dank ihrer einstigen Nähe zum Hof gewann sie dort Mäzene und
entwickelte das System, von ihren Werken nach deren Fertigstellung
Prachthandschriften anfertigen zu lassen, die sie in der Hoffnung auf
fürstliches Entgelt Mitgliedern der königlichen Familie überreichte, vor allem
der Königin Isabeau de Bavière und den Herzögen Louis d'Orléans, Jean de Berry
und Philippe de Bourgogne.
Christine begann als Lyrikerin unter
dem Einfluss von Eustache Deschamps (s.o.), wobei sie z.B. in sehr persönlich
wirkender Weise den Verlust des geliebten Gatten beklagt (Ballades du veuvage, Cent
ballades d'amant et de dame).
Sie schrieb dann mehr
lehrhaft-philosophische Werke, u.a. ein Lehrbuch für angehende Fürsten (L'Épître d'Othéa, 1400), Betrachtungen
über das Wirken Fortunas in ihrem eigenen Leben und in der antiken Geschichte (La Mutation de Fortune, 1403), und
schließlich politisch motivierte Werke, worin sie auf die vielen Kriege und
Bürgerkriege im Frankreich des geistesgestörten Königs Charles VI (1380–1422)
reagierte, hinter dem ständig verschiedene Personen und Parteien um die Macht
im Staate kämpften und dabei immer wieder auch England in ihre Streitereien
hineinzogen (z.B. Le Livre des faits
d'armes et de chevalerie, 1410; Le
Livre de paix, 1412; Lamentations sur
les maux de la guerre, 1420).
Ebenfalls politisch intendiert war eine
apologetische Biografie (1405) des Protektors ihres Vaters und großen Königs
Charles V (1364–1380), der mit Hilfe seines tüchtigen Feldherrn Du Guesclin die
Engländer fast aus Frankreich hinausgedrängt und das Land vorübergehend
befriedet hatte.
1399, und damit beginnt der
„feministische“ Teil ihres Schaffens, kritisierte sie die Misogynie der Männer
ihres gesellschaftlichen Umfeldes, insbesondere die des Autors Jean de Meung im
Rosenroman. Sie entfesselte damit die
sog. Querelle du Roman de la Rose, den ersten Pariser Literatenstreit in
der Geschichte der franz. Literatur, in den sie selbst mit ihrer Épître au dieu d'amours (ebenfalls 1399)
eingriff. 1400 verfasste sie Le Dit de la
rose, der die fiktive Gründung eines die Frauen beschützenden „Rosenordens“
beschreibt. Von 1404 datiert ein Traktat zur richtigen Erziehung der Mädchen, Le Livre des trois vertus. 1405 stellte
sie ihr aus heutiger Sicht interessantestes Werk fertig, Le Livre de la Cité des dames, in dem sie an Protagonistinnen aus
der biblischen und der antiken Geschichte die Fähigkeiten bedeutender Frauen
vorführt und den utopischen Entwurf einer Gesellschaft entwickelt, die den
Frauen gleiche Rechte gewährt.
1418, während einer der heißesten
Phasen des Hundertjährigen Krieges, zog sie sich zu ihrer Tochter in ein
Kloster unweit von Paris zurück.
Hier wurde sie 1429 noch Zeugin der
Heldentaten von Jeanne d'Arc, der „Jungfrau von Orléans“, der sie nach schon
längerem Schweigen einen Lobpreis widmete (Dictié
en l'honneur de la Pucelle, 1429). Danach ist nichts mehr bekannt von ihr.
(Stand: Febr. 07)
Journal d'un
bourgeois de Paris (1405–1449). Es ist das älteste erhaltene Tagebuch
in franz. Sprache und berichtet aus der Perspektive eines namentlich
unbekannten Pariser Klerikers vom Alltagsleben in einer schwierigen Zeit, die
in und um Paris geprägt war durch fast pausenlose Kriege bzw. Bürgerkriege,
Anarchie, Seuchen, Hunger und Not. Das Journal
ist naturgemäß weniger als literarischer Text denn als Informationsquelle für
Historiker interessant.
Alain Chartier (ca. 1385–1433)
Er ist als Lyriker und Erzähler mit
Abstand der bedeutendste franz. Autor der Zeit um 1425 und galt als solcher
auch schon bei den Zeitgenossen.
Chartier (der in Literaturgeschichten
und Lexika häufig unter „Alain“ figuriert) stammte aus einer bürgerlichen
Familie der normannischen Bischofstadt Bayeux. Wie sein ältester Bruder
Guillaume, der später Bischof von Paris wurde, und sein älterer Bruder Thomas,
der königlicher Notar wurde, studierte er in Paris. Spätestens um 1415 stand
auch er in Beziehung zum Hof als Sekretär des Dauphins, des späteren Königs
Charles VII. Diesem diente er praktisch sein ganzes Leben lang und reiste für
ihn des öfteren als kompetenter Begleiter ranghöherer, aber weniger kompetenter
Botschafter bzw. Unterhändler zu europäischen Fürsten. Zum Dank bekam er von
Charles mehrere einträgliche Domherrenpfründen (die kumulierbar waren)
verschafft. Er starb auf einer diplomatischen Reise in Avignon. Seine Existenz
war überschattet von der schlimmsten Phase des Hundertjährigen Krieges zwischen
den Kronen Englands und Frankreichs sowie dem darin eingebetteten innerfranzösischen
Bürgerkrieg zwischen Bourguignons und Armagnacs.
Chartier begann als Lyriker im Stil der
höfischen Lyrik der Zeit und betätigte sich sein ganzes Leben hindurch in
praktisch allen ihren Gattungen (Balladen, Rondeaus, Virelais usw.). Der Grundton
der meisten seiner Gedichte ist melancholisch.
Sein erstes längeres Werk war die
Verserzählung Le Livre des quatre dames, die er 1416 in Paris verfasste,
unter dem Schock der Niederlage eines weit überlegenen franz. Ritterheeres
gegen die diszipliniert kämpfenden englischen Bogenschützen bei Azincourt
(1415). Hierin berichtet ein Ich-Erzähler von vier Damen, die ihn zu
entscheiden bitten, wer die Unglücklichste von ihnen sei: diejenige, deren
Freund in der Schlacht gefallen ist, die, deren Freund seitdem vermisst wird,
die, deren Freund dort in Gefangenschaft geraten ist, oder schließlich die,
deren Freund sich durch feige Flucht gerettet hat.
1418 floh Chartier mit dem Dauphin
Charles und dessen Gefolge vor den „Bourguignons“ aus Paris nach Bourges.
Hier schrieb er 1422 das Quadrilogue
invectif, ein Vierergespräch zwischen den allegorischen Figuren le Clergé
(=der kath. Klerus), la Chevalerie (=der Adel), le Peuple (=das Volk) und Dame
France, wobei „Frau Frankreich“ den drei Anderen, d.h. den Franzosen insgesamt,
ihre Uneinigkeit angesichts der wirren Verhältnisse in ihrem Land vorwirft.
Dieses nämlich hatte 1420 beim Tod des geistesgestörten Charles VI zwei Könige
bekommen: Über die Mitte und den Süden regierte von Bourges aus der Ex-Dauphin
und Sohn von Charles VI, Charles VII. Im Norden und Westen dagegen herrschte
von Paris aus und mit Hilfe englischer Truppen dessen Neffe, der kleine Henry
VI., Sohn einer Tochter von Charles VI und des früh verstorbenen englischen
Königs Henry V.
In die Literaturgeschichte eingegangen
ist Chartier vor allem als Verfasser der Verserzählung La belle dame sans
merci (=die gnadenlose schöne Dame), die er 1424 in Bourges verfasste,
offenbar zur Zerstreuung des Hofes von Charles VII, der zu dieser Zeit kaum
etwas tat, um seine Königsrechte durchzusetzen. Die 100 aus achtzeiligen
Achtsilbern bestehenden Strophen („huitains“) enthalten eine kleine
Rahmenhandlung um einen mit dem Autor identisch gedachten Ich-Erzähler, in die
ein langer, angeblich von ihm belauschter Dialog zwischen einem Liebenden und
seiner Dame eingebettet ist. Offensichtlich gelang Chartier mit diesen beiden
Figuren eine epochemachende Gestaltung des Typs der spröden, sich verweigernden
Frau, eben der „gnadenlosen Schönen“, sowie vor allem des schmachtenden
Liebhabers, d.h. des abgewiesenen, sich aber nicht lösen könnenden und sich in
seinem Unglück verzehrenden Liebenden, wobei dieser sich hier naiv auf die
Ideale und Regeln der höfischen Liebe beruft, während jene ihnen
ironisch-distanziert gegenübersteht. Die Belle dame sans merci war enorm
erfolgreich und wurde in den nachfolgenden Jahrzehnten unendlich oft von
anderen Autoren zitiert, plagiiert, pastichiert und parodiert; noch um 1540
wurde sie von Marguerite de Navarre in ihren Erzählungen als bekannt
vorausgesetzt.
Auf die wirre politische Situation in
Frankreich reagierte Chartier einmal mehr 1426 mit dem Lai de Paix
(=Friedensgedicht), in dem er die französischen Fürsten zum Frieden und zur
Einigung aufruft.
1429 machte er sich mit einer Lettre
sur Jeanne zur Fürsprecherin von Jeanne d'Arc, der „Jungfrau von Orléans“,
die Charles VII soeben zu Hilfe gekommen war, indem sie ihn aufgerüttelt und
ihm mit Siegen über die Truppen von Henry VI. die symbolisch wichtige Krönung
in der Kathedrale von Reims ermöglicht hatte.
(Stand: Mai 07)
Antoine
de la Sale (ca.
1385 – ca. 1460
Er
figuriert in der franz. Literaturgeschichte als Autor eines der besten und
interessantesten erzählenden Texte seiner Zeit, den manche sogar als ersten
modernen Roman betrachten: Le petit Jehan de Saintré (1456).
La
Sale entstammte einer kleinadeligen Familie der Provence und verbrachte sein
Leben weitgehend im Dienst von Fürsten. So war er zunächst Page und dann
Schildknappe (écuyer) bei Herzog Louis II von Anjou († 1417) und diente diesem
um 1415 auch als Offizier. Später wurde er Gefolgsmann (als Sekretär?) von
Louis’ Sohn, Herzog Louis III († 1434), den er auf vielen Reisen begleitete.
1429/30 bekleidete er einen höheren Militär- und Verwaltungsposten in Arles.
Um
1435 wurde er zum Erzieher von Jean de Calabre, des ältesten Sohnes von Herzog
(ab 1434) René I von Anjou ernannt. Für seinen fürstlichen Zögling begann er
allerlei erbauliche, lehrreiche und/oder unterhaltsame Geschichten zu
schreiben, die er 1441 unter dem witzigen Titel La Salade zusammenfasste.
1438
begleitete er Herzog René nach Neapel, wo jener die ihm angetragene Königskrone
in Besitz nahm.
1448
verließ La Sale den Dienst der Anjous und wechselte in den eines burgundischen
Granden, Louis de Luxembourg, Graf von Saint-Pol, von dem er zum Erzieher
seiner Söhne bestellt wurde. Auch für diese schrieb er didaktisch intendierte
erzählende Texte, die er 1451 als La Sale betitelt zusammenfasste. Über
seinen Dienstherrn Louis kam er in Kontakt mit dem prächtigen Hof des reichen
und mächtigen Herzogs Philippe le Bon (Philipp der Gute) von Burgund.
1456
stellte er im abgeklärten Alter um die 70 sein Hauptwerk fertig, den nicht
allzu langen historischen Roman Le petit Jehan de Saintré. Die Handlung
spielt Mitte des 14. Jh. und schildert relativ realistisch (im Vergleich zu den
oft märchenhaften konventionellen Ritterromanen der Zeit) und mit einer
deutlichen ironischen Distanz des Erzählers den Werdegang eines zunächst eher
armen jungen Adeligen, der zum angesehenen Ritter aufsteigt: Jehan kommt mit 13
als Knappe an den königlichen Hof und gefällt hier einer reichen jungen Witwe,
die ihn protegiert, managt und sponsort. Nachdem er zum Ritter geschlagen ist
und sich in Turnieren sowohl am franz. als auch an fremden Höfen bewährt hat,
wird er von ihr schließlich auch in die Künste der Liebe eingeführt. Als er aus
eigenem Entschluss zu einer längeren Fahrt an den fernen kaiserlichen Hof
aufbricht, zieht sich die Dame gekränkt auf ihre Güter zurück, wo sie aber bald
der Liebeswerbung eines reichen und stattlichen bürgerlichen Priesters erliegt.
Auf diesen stößt Jehan bei seiner Rückkehr und wird von ihm zweimal schmählich
im Ringkampf besiegt. Unvorsichtigerweise lässt der Gegner sich auch auf einen
Kampf mit ritterlichen Waffen ein, wo Jehan ihn seinerseits besiegen und
demütigen kann. Danach rächt er sich an der Dame, indem er am Hof ihr wenig
standesgemäßes Verhältnis mit dem bürgerlichen Priester bekannt macht. Dieser
allerdings setzt, von seinen Wunden rasch genesen, sein Verhältnis mit der Dame
fort.
Der
heute als ein Juwel der Gattung geschätzte Roman erfuhr offenbar erst gegen
Ende des 15. und Anfang des 16. Jh. eine gewisse Verbreitung in gedruckten
Ausgaben, die vermutlich von einem überwiegend bürgerlichen Publikum gelesen
wurden.
Die
letzten Lebensjahre verbrachte La Sale in Châtelet-sur-Oise. Hier verfasste er
1457/58 für eine Dame, die ihren Sohn verloren hatte, das Trostbuch Le
Reconfort [=Trost] de Madame de Fresne. 1459 stellte er ein weiteres
didaktisches Werk fertig: Des anciens tournois et faicts d'armes, eine
Art Lehrbuch der Wappenkunde und des höfischen Zeremoniells.
Die
Satire Les quinze joyes du mariage und die Novellensammlung Cent
nouvelles nouvelles, die ihm mitunter zugeschrieben wurden, sind
höchstwahrscheinlich nicht von ihm.
(Stand: Mai 07)
Charles d'Orléans (*24.11.1394 in
Paris; †5.1.1465 in Amboise)
Er wird heute gern (dank zwei oder drei
Gedichten, die in diese Kategorie fallen und in Lesebüchern figurieren) als der
erste franz. Verfasser von Naturlyrik gesehen. Zutreffender ist es jedoch, ihn
mit seinen beiden allegorischen Traumgedichten und seinen zahlreichen Balladen,
Chansons und Rondeaus als einen Vollender der mittelalterlichen Kunstform der
höfischen Lyrik zu betrachten. Er war zudem einer der fruchtbarsten Lyriker
seiner Zeit.
Charles war ältester Sohn des jüngeren
Bruders von König Charles VI, Herzog Louis d’Orléans, und von Valentina
Visconti, Tochter des Herzogs Gian Galeazzo von Mailand. Dank dem hohen
Bildungsstand und dem Mäzenatentum beider Eltern kam er früh mit Literatur und
Kunst in Berührung, aufgrund der hohen Position seiner Familie allerdings
ebenso früh und meist schmerzhaft mit der Politik.
So musste er schon 1396 mit seiner
Mutter Paris und den Hof verlassen, weil sie von der Königin beschuldigt wurde,
Ursache der zunehmenden geistigen Verwirrung des jungen Königs Charles VI zu
sein. 1406 wurde er ungefragt als knapp 12-Jähriger mit seiner knapp
17-jährigen Kusine Isabelle de France verlobt (die schon Witwe des 1399
abgesetzten und 1400 ermordeten englischen Königs Richard II war). 1407 verlor
er seinen Vater, der auf offener Straße ermordet wurde im Auftrag eines
Cousins, Herzogs Jean sans Peur von Burgund, der mit ihm am Hof um die Ausübung
der Regierungsgeschäfte für den geistesgestörten König stritt. 1408 verlor er
auch seine Mutter, die, erschöpft durch ihr vergebliches Ringen um die
Bestrafung des vorerst siegreichen Herzogs Jean, einer Krankheit erlag. Kurz
darauf heiratete er, doch starb ihm noch 1409 seine junge Frau im Kindbett, so
dass er mit 15 Vollwaise, Witwer, Vater und Familienoberhaupt für seine kleine
Tochter und seine vier jüngeren Geschwister war. Zugleich – als ältester Sohn
eines ungesühnt ermordeten Mitglieds der königlichen Familie – avancierte er
unfreiwillig zum Oberhaupt einer Rächerpartei, die in seinem Namen der
ehrgeizige Graf Bernard d’Armagnac organisierte, der ihn zugleich mit seiner
11jährigen Tochter Bonne verheiratete, einer Kusine zweiten Grades (1410). Zur
selben Zeit bewies Charles erstmals sein schriftstellerisches Talent, indem er
in einem offenen Brief die größeren Städte Frankreichs ersuchte, ihm
beizustehen in seinem Kampf um die Sühnung des Mordes.
In der Tat siegte seine Partei, die
„Armagnacs“, 1413 fürs erste und Charles hielt Einzug am Hof in Paris. Hier, wo
sich einige bekannte Lyriker, u.a. Alain Chartier (s.o.), betätigten, begann er
1414 zu dichten, und zwar Balladen an seine junge Frau Bonne, in die er sich
(nach Vollzug der Ehe?) ganz offenbar verliebt hatte. Es sind Gedichte, die die
Konventionen der höfischen Lyrik kunstvoll befolgen, aber dennoch einen
persönlichen Klang besitzen. Ebenfalls seine Verliebtheit spiegelt die gereimte
Traumerzählung La Retenue d'Amours
(=Die Vereinnahmung [in den Lehensdienst] Amors).
Wenig später, im Okt. 1415, ereilte
Charles im wieder einmal aufflammenden Hundertjährigen Krieg ein neuer
Schicksalschlag. Er geriet in der englisch-franz. Schlacht von Azincourt (nahe
Arras) in Gefangenschaft und wurde nach England gebracht, als Geisel der Könige
Henry V bzw. später Henry VI, die ihn als Faustpfand einzusetzen gedachten
gegenüber seinem Cousin, dem Dauphin und späteren (ab 1422) König Charles VII,
der jedoch nichts für ihn tat ̵
schon gar nicht, nachdem ab 1429 dank Jeanne d’Arc das Kriegsglück sich
zu Frankreichs Gunsten wendete.
In den 25 Jahren, die Charles in
England auf verschiedenen Burgen bei häufig wechselnden Gastgebern-Bewachern
verlebte, dichtete er zunächst weiter Balladen, die in oft sehr anrührender
Weise überwiegend um die Themen Liebe, Trennung, Sehnsucht und Heimweh kreisen.
Später, nachdem er seine Hoffnungen auf einen möglichen Besuch Bonnes in
England hatte aufgeben müssen und er (1432?) erneut Witwer geworden war,
verfasste er auch Chansons (zum Teil in englischer Sprache) an eine englische
Dame, in die er sich verliebt hatte.
Als diese aus seiner Umgebung entfernt
worden war und 1437 auch ein Eheprojekt mit der verwitweten Marguerite de
Savoie scheiterte, schrieb Charles frustriert eine „Traumerzählung in Klageform“ (Songe en complainte),
ein Gegenstück zur Retenue von einst.
Hierin bittet er Amor, ihn aus seinem Dienst zu entlassen, und gelobt Verzicht
auf „alles, was mit Liebe zu tun hat“.
1440 endlich wurde er, als Geisel offenbar
nutzlos geworden, gegen das enorme Lösegeld von 200.000 Goldtalern
freigelassen. Er bekam es vorgeschossen von Herzog Philippe le Bon von Burgund,
seinem Cousin zweiten Grades und Sohn des 1419 selber ermordeten Mörders seines
Vaters. Zum Dank ließ er sich von Philippe, dem daran gelegen war, ihn an sich
zu binden, mit dessen Nichte Maria von Kleve verheiraten.
Charles hatte bei seiner Heimkehr
gehofft, er könne Frieden zwischen den Kronen Englands und Frankreichs stiften,
darüberhinaus das mit England verbündete, praktisch souveräne Herzogtum Burgund
wieder an Frankreich heranführen und insgesamt eine seinem Status gemäße
Position neben seinem Cousin König Charles VII einnehmen. Doch er scheiterte er
an dem Misstrauen, das dieser ihm als vermeintlichem Parteigänger Burgunds
entgegenbrachte. Auch die 1447/48 unternommenen Versuche Charles’, seine von
der Mutter geerbten Ansprüche in Norditalien durchzusetzen, blieben mangels
Unterstützung des Königs erfolglos. Er zog sich enttäuscht fast völlig auf sein
Schloss in Blois zurück.
Hier verarbeitete er seine wechselnden,
häufig melancholischen Stimmungen und Gedanken in zahlreichen Balladen und,
mehr und mehr, in Rondeaus, die wie Seiten eines poetischen Tagebuchs und damit
sehr authentisch wirken, aber virtuos alle Möglichkeiten der Gattung
ausschöpfen. Zugleich versuchte er nicht ohne Erfolg, seinen Hof zu einem
literarischen Zentrum zu machen, indem er Dichter aus ganz Frankreich zu
kürzeren und längeren Besuchen bei sich aufnahm, darunter François Villon
(s.u.). Auch seine Höflinge und Freunde sowie seine Gattin Marie hielt er zum
Versemachen an.
Schon
um 1445 hatte er seine bis dahin verfassten Gedichte und Dichtungen von einem
Kalligraphen in ein Sammelmanuskript kopieren lassen. In dieses (das erhalten
ist) ließ er anschließend auch seine jeweils neuen Balladen und Rondeaus sowie
die Gedichte von Gästen und Höflingen eintragen oder tat es gelegentlich selbst
bzw. ließ es die betreffenden Autoren tun. Viele dieser jüngeren Texte sind
Repliken auf den oder die jeweils vorangehenden eigenen oder fremden Texte,
bilden also Paare oder Gruppen, die thematisch und häufig auch situativ
zusammenhängen. Bekannt ist die Ende 1457 entstandene Gruppe von elf Balladen
zum Thema „Durst an der Quelle“, die offenbar Ergebnis eines Wettdichtens war,
an dem sich auch Villon beteiligte (der kurz danach
in Unfrieden gegangen zu sein scheint).
1457,
59 und 62 wurde Charles noch Vater, nachdem er sein Verzichtgelöbnis von 1437,
das er während der ersten 16 Jahre seiner Ehe offenbar einhielt, endlich doch
gebrochen hatte. Er erkrankte und starb Anfang 1465 auf der winterlichen
Heimreise von einem Fürstentreffen in Tours, wo er vom neuen König Louis XI
öffentlich gedemütigt worden war. Schon einige Jahre zuvor hatte er (anscheinend
bald nach dem Zerwürfnis mit Villon) der Dichtkunst den Abschied erklärt.
Sein Sohn Herzog Louis d’Orléans
(1462-1515) übernahm 1498 die Königskrone von seinem erbenlos verstorbenen
Neffen zweiten Grades Charles VIII.
(Stand: Jan.
09)
Arnoul Gréban (ca. 1420 – ca.
1470).
Er ist vor allem bekannt als Autor des gegen 1450
entstandenen Passionsspiels Le Mystère de
la Passion. Das monumentale Werk, in dem nicht nur die eigentliche Passion
dargestellt wird, sondern das ganze Leben Christi samt den der Geburt
vorangehenden und der Kreuzigung folgenden Episoden, ist ein Höhepunkt des
mittelalterlichen Passionsspiels. Es umfasst an die 35.000 Verse, enthält 393
verschiedene Rollen und erforderte 4 Tage Spielzeit. Aufführungsort war Paris,
wo Gréban als Organist von Notre-Dame tätig war und wo seit 1436, d.h. der
Vertreibung der englischen Truppen aus der Stadt, nach jahrzehntelangem
Bürgerkrieg und Krieg, endlich wieder Frieden herrschte.
Auch andere franz. Städte, z.B. Arras, hatten damals ihre
Mysterien- und Passionsspiele, von denen viele sich am Vorbild Grébans
orientierten.
François Villon (1431 – ca. 1463).
Der eigentliche Nachname (Montcorbier?
Monterbier? Des Loges?) dieses wohl jedem Franzosen und auch vielen Deutschen
bekannten Dichters steht nicht fest.
Laut eigener Aussage in kleinsten
Verhältnissen in Paris geboren, muss François, nach frühem Tod seines Vaters,
in die Obhut des Pariser Stiftsherrn und Kirchenrechtsdozenten Guillaume de
Villon gelangt sein, dessen Namen er spätestens ab 1455 benutzte und den er
1461 halb ironisch, halb liebevoll als seinen "plus que père" (mehr
als ein Vater) bezeichnete. Offenbar dank der Fürsorge Guillaumes erhielt er
eine gute Bildung und brachte es bis zum Magister an der propädeutische Studien
vermittelnden Artistenfakultät.
Statt jedoch sein anschließend
begonnenes Fachstudium, wohl der Theologie, zu Ende zu führen, glitt er,
vermutlich während des langen Vorlesungsstreiks der Pariser Professoren
1453/54, ab ins Kriminellenmilieu. Nach einer Messerstecherei mit tödlichem
Ausgang für seinen Gegner, einen ebenfalls messerbewaffneten Priester, verließ
er im Juni 1455 Paris, konnte aber Anfang 56 dank zweier (erhaltener)
königlicher Freibriefe zurückkehren.
Ende 1456 beteiligte er sich an einem
(in erhaltenen Dokumenten beschriebenen) Einbruch mit stattlicher Beute und
verschwand kurz darauf von neuem aus der Stadt. Hierbei hinterließ er den
Kumpanen im Milieu sein erstes längeres Werk: Le Lais (=das Legat) oder Le
petit testament.
Ende 1457 saß er offenbar zum Tode
verurteilt in einem Kerker von Herzog Charles d'Orléans (s.o.), wurde aber von
ihm amnestiert und sogar für kurze Zeit – denn
Charles selbst war Lyriker – an seinen Hof in Blois aufgenommen, wo er
einige Gedichte verfasste, ehe er offenbar in Ungnade fiel und gehen musste.
1458–60 führte er wohl ein unstetes
Wander- und Gaunerleben, 1461 finden wir ihn wieder im Kerker, diesmal dem des
Bischofs von Orléans in Meung-sur-Loire, aus dem ihn Anfang Oktober ein
Gnadenakt des durchreisenden Königs Louis XI befreite.
Zurück in Paris oder Umgebung,
versuchte er sich zu resozialisieren, scheiterte aber und schrieb sein
Hauptwerk, Le Testament.
Im November 1462 saß er (laut
erhaltenem Dokument) wegen Diebstahls im Pariser Stadtgefängnis. Kurz nach
seiner Freilassung zogen ihn (wie ein erhaltenes Dokument beschreibt) Kumpane
in eine Schlägerei hinein, in der ein päpstlicher Notar einen Messerstich
abkriegte. Villon wurde erneut eingekerkert, offenbar gefoltert und sogar zum
Tode verurteilt, aber Anfang 1463 dank eingelegter Berufung zu zehn Jahren
Verbannung begnadigt. Hiernach verliert sich seine Spur.
Sein erhaltenes Œuvre ist schmal. Es
umfasst:
1) das Ende 1456/Anfang 57 vor
seinem Fortgehen aus Paris für das Gaunermilieu geschriebene
spöttisch-parodistische Vermächtnis Le
Lais (320 Verse);
2) das im Herbst 1461 in oder bei
Paris wohl für potentielle Gönner begonnene, dann aber ebenfalls vor allem fürs
Milieu verfasste, halb elegische, halb satirische, zahlreiche eingestreute
Balladen enthaltende Pseudo-Testament Le
Testament (2023 Verse);
3) sechzehn zwischen 1455 und 1463
entstandene Gedichte (meist Balladen), von denen einige an Herzog Charles
d'Orléans gerichtet sind und z.T. an dessen Hof in Blois verfasst wurden;
4) elf schwer verständliche
Balladen im Gaunerjargon, die Villon wohl 1462 in der Rolle eines Gauners für
das Pariser Gaunermilieu, und speziell die Maffia der
"Muschelbrüder", gedichtet hat.
Vor allem das Testament (das ab 1489 zusammen mit dem Lais und einigen anderen Texten Villons auch gedruckt vorlag) war
ein beachtlicher Bucherfolg im Paris des späten 15. Jh., zweifellos aufgrund
Villons witziger und bissiger Hiebe auf viele, namentlich genannte Pariser
Honoratioren, die mit satirischen Legaten bedacht werden, welche ihre
tatsächlichen und angeblichen Schwächen und Laster aufdecken.
Formal sind die Texte Villons eher
schlicht und konventionell, auch wenn er ein beachtlicher Reimkünstler ist.
Seine Genialität zeigt er vor allem in der ungewöhnlichen Prägnanz, Lebendigkeit
und Ausdruckskraft der Bilder und der Sprache. Da seine Texte fast allesamt
prekäre Momente oder Krisenphasen einer bewegten Existenz verarbeiten und den
Eindruck einer starken persönlichen Betroffenheit des Autors vermitteln,
sprechen sie auch heutige Leser noch an. Villon wird deshalb oft als erster
moderner Lyriker betrachtet.
Dank einiger Plagiate Bert Brechts aus
der ersten deutschen Villon-Übertragung K. L. Ammers von 1907 und vor allem
aufgrund der sehr freien, aber farbigen Villon-Nachdichtungen des
expressionistischen Lyrikers (1931 und 1962) ist sein Name heute auch im
deutschen Sprachraum gut bekannt.
P.S.: Vgl. auch meine sehr viel
ausführlichere Webseite François Villon,
Leben und Werk (http://www.pinkernell.de/villon/Villond.htm)
sowie meine Bücher François Villons LAIS.
Versuch einer Gesamtdeutung
(Heidelberg 1979), François Villon et
Charles d'Orléans (Heidelberg 1992) und François
Villon: Biographie critique et autres études (Heidelberg 2002). Vgl.
darüberhinaus im Anhang dieses Repertoriums meine Studie zu Paul Zechs Lasterhaften
Balladen und Liedern des F. V.
Raoul Lefèvre († ca. 1465).
Dieser kaum mehr bekannte Autor (von dem
wir nichts weiter wissen, als dass er aus dem äußersten Norden des franz.
Sprachgebietes stammte, Kleriker war und um 1460 mit dem Hof der
Burgunder-Herzöge in Verbindung stand) ist interessant als Verfasser von L'Histoire de Jason (ca. 1460).
Es ist ein heute kurios und hybrid
wirkender, für die Zeitgenossen offensichtlich aber kaum befremdlicher Roman um
den antiken griechischen Sagenhelden Jason, der einst im fernen Kolchis mit
Hilfe Medeas das Goldene Vlies erkämpft hatte, seine Helferin dann geheiratet,
später aber für eine andere Frau verlassen hatte.
Das Herzog Philippe de Bourgogne
(=Philipp der Gute, 1419–1467) gewidmete Werk, das ganz im Stil der
zeitgenössischen Ritterromane geschrieben ist und den mythologischen Stoff mit
vielen selbsterfundenen Episoden anreichert, hatte offensichtlich die Funktion,
Jasons Untreue zu relativieren und zu entschuldigen. Das wiederum sollte die
Ehre dieses Schutzpatrons des Ordens vom Goldenen Vlies retten, den Herzog
Philippe 1429 gegründet hatte, um darin den Adel seiner sehr heterogenen
Territorien zu vereinigen, zu denen außer der Bourgogne und der Franche Comté
auch Teile der Picardie, Flandern sowie das jetzige Belgien, Holland und
Luxemburg gehörten.
Kurze Zeit nach dem Jason verfasste Lefèvre ein weiteres
romanartiges Werk mit mythologischem Stoff, den unvollendeten Recueil des histoires de Troie, den er
ebenfalls Herzog Philippe widmete. Dessen prächtiger und
unterhaltungsbedürftiger, überwiegend frankophoner Brüsseler Hof war um 1450
ein bedeutendes, wenn nicht das bedeutendste Zentrum der franz.sprachigen
Literatur.
Lefèvres Jason war übrigens durchaus erfolgreich: er ist nicht nur in
mehreren Handschriften überliefert (darunter dem Widmungsexemplar, das offenbar
vom Autor selbst geschrieben wurde), sondern erlebte zwischen 1476 und 1530
sieben Druckauflagen. Eine von William Caxton, dem ersten englischen
Buchdrucker, verfasste Übersetzung des Jason
war 1477 das erste auf englischem Boden gedruckte Buch.
Vgl. hierzu: Gert Pinkernell (Hrsg.), Raoul Lefèvres Histoire de Jason. Ein Roman aus dem 15. Jh. (Frankfurt 1971)
Les cent nouvelles
nouvelles (ca. 1462). Diese anonyme Novellensammlung in der
Tradition von Giovanni Boccaccios berühmtem Novellenbuch Il Decamerone (das um 1440 von Laurent de Premierfait ins Franz.
übersetzt worden war) ist das erste eigenständige Unternehmen dieser Art in der
franz. Literatur und wurde verfasst für den meist in Brüssel residierenden Hof
der Burgunder-Herzöge Philippe le Bon (bzw. Philipp der Gute, † 1467) und
seines Nachfolgers Charles le Téméraire (bzw. Karl der Kühne, † 1477).
P.S.: Der Brüsseler Hof büßte übrigens nach dem frühen Tod von
Herzog Charles seine Rolle als Zentrum der französischsprachigen Literatur
ziemlich bald ein, da nach der Heirat von Charles' Tochter Marie de Bourgogne
mit Maximilian von Habsburg die eigentliche Bourgogne an Frankreich zurückfiel
und die anderen, überwiegend niederländischsprachigen Territorien des
burgundischen Herrschaftsgebietes sich mehr nach Deutschland hin orientierten
(wobei Brüssel auch weiterhin deren Macht- und Verwaltungszentrum blieb).
La Farce de Maître Pierre Pathelin
(ca. 1465,
anonym, mitunter fälschlich François Villon zugeschrieben).
Das kleine Theaterstück ist ein erstes
Meisterwerk der Gattung Farce, d.h. einer überwiegend von der Situationskomik
lebenden Kurzkomödie. Es behandelt witzig und mit allen Raffinessen der
Situationskomik das vielgestaltige Motiv vom betrogenen Betrüger in einer
Vier-Personen-Konstellation aus einem dümmlichen Tuchhändler, dem gerissenen Winkeladvokaten
Pathelin, seiner pfiffigen Frau und einem scheinbar naiven, bauernschlauen
Hirten, der sie schließlich alle in die Tasche steckt.
Die Gattung Farce à la Pathelin wird in der Folgezeit sehr gute
Konjunktur haben; ihre Techniken und Gags werden noch von Molière in seinen
Stücken benutzt. Der Name Pathelin ist übrigens als Adjektiv (patelin,e = geheuchelt naiv-nett) ins
franz. Lexikon eingegangen.
1470–1480
Blütezeit der
Dichterschule der sog. Rhétoriqueurs am
burgundischen Hof in Brüssel. Die Rhétoriqueurs sind eine der ersten für die
spätere franz. Literatur so typischen Dichtergruppen (die sich dann jedoch in
aller Regel in Paris konstituieren werden). Gemäß ihrer Funktion als Hofdichter
und ihrer Betonung des technischen, quasi kunsthandwerklichen Aspekts des
Dichtens verfassen sie meist pompöse, manieristisch ausgefeilte Gedichte zu
festlichen und sonstigen Anlässen. Die wichtigsten Namen sind Georges Chastellain (ca. 1410–1475) und
Jean Molinet (1435–1507). Beide sind
auch als Verfasser von umfangreichen Chroniken ihrer Zeit bekannt, Chroniken,
die im Sinne ihrer „burgundischen“ Auftraggeber Herzog Philippe le Bon, Herzog
Charles le Téméraire und dessen Tochter Marie de Bourgogne eine
antifranzösische Tendenz haben; d.h. sie attackieren vor allem den 1461–1483
herrschenden König Louis XI, der es auf eine Zerstörung und weitgehende
Annexion des burgundischen Herrschaftsgebietes abgesehen hatte.
P.S.: Dieses bildete um 1470 einen de
facto selbständigen Staat, dessen Territorien de jure aber etwa je zur Hälfte
auf dem Boden des Königreichs Frankreich und dem des deutschem Reiches lagen.
Louis XI hatte übrigens nach dem Tod von Charles le Téméraire 1477 versucht,
dessen Erbin Marie mit seinem kleinen Sohn, dem späteren Charles VIII, zu
verheiraten, war aber von Maximilian von Habsburg, dem späteren Kaiser,
ausgestochen worden. Für das Haus Habsburg war diese Heirat, d.h. die mit ihr
verbundene territoriale Mitgift, einer jener Fischzüge – später folgten noch
andere, z.B. Spanien, Böhmen und Ungarn – die den Spruch entstehen ließen
„Bella gerant alii, tu felix Austria nube!“ – „Andere mögen Kriege führen, du
glückliches Österreich [=Habsburg] heirate!“
Philippe
de Commynes (1447;
†18.10.1511 auf Schloss Argenton).
Er
gilt als einer der Vorläufer der modernen Geschichtsschreibung und als
Verfasser der ersten franz. Memoiren im modernen Sinne mit seinem Werk Les
memoires sur les principaux faicts et gestes de Louis onzieme et de Charles
huitieme, son filz, roys de France.
Er
wurde geboren in der Grafschaft Flandern, die zum damaligen Herzogtum Burgund
gehörte, einem quasi selbständigen Territorium zwischen Frankreich und dem
Deutschen Reich. Er stammte aus einer Familie von Amtsträgern im Dienst der
Herzöge und kam selber schon als Jugendlicher an den herzoglichen Hof in
Brüssel, wo er als Knappe dem angehenden Herzog Karl dem Kühnen zugeordnet
wurde (frz. Charles le Téméraire, 1433-77, Herzog ab 1467). Trotz seiner Jugend entwickelte er
ein enges Vertrauensverhältnis zu seinem Fürsten. So soll er ihn 1468
erfolgreich davon abgehalten haben, dem französischen König Louis XI nach dem
Leben zu trachten, als jener in Péronne in burgundische Gefangenschaft geraten
war.
1472
verließ Commynes Herzog Karl überraschend und wechselte in den Dienst von
dessen Erzfeind König Louis, was für damalige Verhältnisse ein ungeheuerlicher
Treuebruch war. Dank seiner intimen Kenntnis der Person und der Pläne Karls
konnte er den verschlagenen und politisch geschickten Louis beraten bei seinen
militärischen und diplomatischen Aktionen gegen Burgund, die nicht unbeteiligt
waren an Karls Niederlage und Tod 1477.
Zugleich
entwickelte er sich dank der Kontakte, die er am franz. Hof zu den Botschaftern
der diversen italienischen Staaten pflegte, zu einem Kenner der dortigen
Verhältnisse. 1478 reiste er seinerseits als Botschafter nach Turin, Mailand
und Florenz.
Zum
Lohn für seine Dienste erhielt er von Louis größere Besitzungen übereignet, so
dass er in den höheren Adel einheiraten konnte.
Nach
dem Tod seines Gönners Louis (1483) fand Commynes keinen angemessenen Platz
unter dem neuen jungen König Charles VIII bzw. seiner zunächst die Regentschaft
führenden älteren Schwester Anne de Beaujeu. Er bekam große Teile seines
Besitzes wieder abgenommen und beteiligte sich 1488 an den Intrigen und
bewaffneten Kämpfen des französischen Hochadels gegen die Regentin. Hierbei
wurde er vorübergehend gefangen gesetzt und vom Hof verbannt. In dieser
Situation begann er 1489 mit der Abfassung jenes Teiles seiner Erinnerungen, der
seine Zeit bei Herzog Karl und bei König Louis beschreibt, die er als Fürsten
darstellt, die es verdienen, dass man sich von ihnen ab- bzw. ihnen zuwendet,
weshalb er z.B. an passender Stelle auch andere Überläufer anführt und ihre
Motive analysiert.
1492
erhielt er wieder Zutritt zum Hof. Als Charles VIII 1494 einen Feldzug nach
Italien unternahm, um längst obsolet geglaubte franz. Ansprüche auf die Krone
des Königreichs Neapel geltend zu machen, wurde Commynes als Botschafter nach
Venedig geschickt, um den mächtigen Stadtstaat zu bewegen, neutral zu bleiben
zwischen Frankreich und der rasch entstandenen gegnerischen „Heiligen Liga“ aus
dem Haus Habsburg, dem Haus Aragón und dem Papst (als Herrscher des
mittelitalienischen Kirchenstaates und territorialer Nachbar Neapels). Seine
Mission blieb jedoch erfolglos. Die Franzosen mussten Neapel vorerst wieder
räumen.
Zurück aus Venedig, griff Commynes wieder zur Feder und verfasste von Ende 1495 bis Ende 98 den zweiten Teil (Buch VII und VIII) der Memoiren, worin er seine Zeit unter Charles VIII schildert, insbes. die Vorbereitung und Durchführung des Italienfeldzuges sowie seine Tätigkeit als Diplomat. Ein zentrales Motiv scheint hierbei sein Bedürfnis, seinen Misserfolg in Venedig zu erklären, so wie er vorher nicht zuletzt seine Untreue gegenüber Herzog Karl zu rechtfertigen versucht hatte. Ein großes Interesse Commynes’ gilt aber auch den Existenzbedingungen und Motivationen der Fürsten, die er kennen gelernt hatte, bzw. allgemein der Psychologie der Herrscher.
Die
Erinnerungen kamen erst 1524/25, also postum, heraus. Sie wurden
jahrhundertelang immer wieder nachgedruckt und als eine Art Lehrbuch für
Politik und (Geheim-)Diplomatie gelesen.
(Stand: Sept. 10)
16.
Jahrhundert (Renaissance)
Jean
Lemaire de Belges (*
ca. 1473 im Hennegau/Hainaut im heutigen Belgien; † nach 1515).
Lemaire wurde erzogen von seinem Onkel,
dem bekannten Chronisten und Rhétoriqueur Jean Molinet. Nach Studien in Paris
bekleidete er Ämter bei verschiedenen Fürsten, insbesondere der Regentin der
Niederlande, Margarete von Habsburg1), und der französischen Königin
Anne de Bretagne2). 1506 und 1508 reiste er in Italien und kam dort
mit der voll erblühten italienischen Renaissance-Kultur in Berührung.
Er begann als Lyriker im Stil der sog.
Rhétoriqueurs, d.h. Verfasser meist pompöser Gedichte für ein höfisches
Publikum, und führte 1504 die italienische Form der Terzine in die
franz.sprachige Lyrik ein. 1505 verfasste er die heiter-melancholischen Lettres
de l'amant vert (dt. Briefe des grünen Liebhabers), fiktive Briefe des
realen grünen Papageis von Margarete, der angeblich wegen einer langen
Abwesenheit seines Frauchens vor Gram stirbt und dann von seinen Erlebnissen
aus dem Jenseits berichtet.
Lemaires Name ist vor allem aber
verbunden mit dem zu seiner Zeit vielgelesenen Werk Les illustrations de
Gaule et singularités de Troye (1511–13; dt. etwa: Die Ruhmesblätter
Galliens und die Einzigartigkeiten Trojas). Es ist eine Nacherzählung der sich
um Troja rankenden Geschichten (Buch I und II), gefolgt von einer Genealogie
der Gründer Galliens und des Frankenreichs bis hin zu Karl dem Großen (Buch
III). Lemaire verknüpft Trojaner und Franken über die Figur des Francus, eines
(bei Homer nicht erwähnten) angeblichen Sohnes von Hektor, der sich zusammen
mit dem späteren Rom-Gründer Äneas aus dem von den Griechen eroberten Troja
gerettet habe, um seinerseits das alte Gallien zu gründen, dessen Fortführung
wiederum das frühmittelalterliche Francia, das Frankenreich, gewesen sei.
Die Illustrations stützen sich
auf viele im heutigen Sinne pseudoantike und pseudohistorische Quellen (z.B.
eine zeitgenössische lateinische Ilias-Bearbeitung). Sie sind motiviert vom
Wunschtraum des Autors, das alte Frankenreich, also Frankreich, Deutschland und
die Niederlande (d.h. etwa die jetzigen Benelux-Staaten) wieder zu vereinen,
und sei es zunächst nur zum Zweck eines gemeinsamen Kreuzzugs gegen die Türken,
die 1453 das christliche Byzanz (heute Istanbul) erobert hatten.
Lemaire begann die Illustrations 1505
als Sekretär Margaretes in den Niederlanden und stellte sie fertig als Sekretär
und Chronist der französischen Königin Anne. Er selber bildete also
gewissermaßen eine Klammer zwischen dem Ost- und dem Westteil des alten
Frankenreichs (das sich unter Karl dem Großen um 800 von Lübeck bis Barcelona
und von Brest bis Rom erstreckt hatte).
Um 1550 wurden die Illustrations
eine wesentliche Inspirationsquelle für Pierre de Ronsard (s.u.), der mit
seinem (unvollendeten) Versepos La Franciade den Franzosen ein
nationales Epos zu geben versuchte.
1509 und 1511 unterstützte Lemaire
literarisch-propagandistisch Annes Gatten, König Louis XII, und versuchte
dessen Eroberungskrieg in Norditalien zu rechtfertigen sowie seine Bestrebungen
schönzureden, eine von Rom (denn der Papst zählte zu seinen Kriegsgegnern)
relativ unabhängige franz. Kirche zu schaffen, etwa im Sinne des späteren
Gallikanismus.
1) Margarete von Habsburg (1480–1530)
war Tochter Maximilians von Habsburg und der Herzogin Maria von Burgund. Sie
wurde mit außenpolitischen Intentionen schon als Kind verheiratet mit dem
jungen franz. König Charles VIII und kam so an den franz. Hof. Als Charles 1491
aus politischen Gründen die noch nicht vollzogene Ehe mit ihr vom Papst
auflösen ließ und die Erb-Herzogin Anne de Bretagne (s.u.) heiratete, wurde
Margarete zu ihren Eltern zurückgeschickt. 1495 wurde sie mit dem spanischen
Thronerben Juan vermählt, der aber zwei Jahre später starb. 1501 heiratete sie
Herzog Philibert von Savoyen und wurde bald darauf erneut Witwe. Als 1506 ihr älterer
Bruder Philipp der Schöne starb, der 1496 mit Johanna der Wahnsinnigen vermählt
worden war, die als spanische Thronerbin nachgerückt war, wurde Margarete
Vormund von Philipps Kindern, insbes. ihres Neffen Karl (der 1516 König von
Spanien und 1519 deutscher Kaiser wurde). Zugleich wurde sie Regentin der
Niederlande, wo sie bis zu ihrem Tod mit Geschick und Energie amtierte und sich
als Mäzenin betätigte.
2) Anne de Bretagne (1476-1514) war
einziges Kind und damit Erbin von Herzog François de Bretagne. 1490 wurde sie
mit dem verwitweten deutschen König und späteren Kaiser Maximilian verlobt,
dann aber 1491 handstreichartig mit dem franz. König Charles VIII verheiratet,
wodurch die quasi selbständige Bretagne zum integrierenden Bestandteil
Frankreichs wurde. Mit Charles hatte sie mehrere Kinder, von denen aber keines
überlebte. Als Charles 1498 starb, heiratete Anne seinen Cousin zweiten Grades
und Nachfolger, König Louis XII, mit dem sie zwei Töchter bekam: Claude, die
mit ihrem entfernten Cousin und präsumptiven Thronfolger François d’Angoulême
(später König François Ier) verheiratet wurde, und Renée, die
Herzogin von Ferrara wurde (und dort in den 1530/40er Jahren protestantischen
Intellektuellen Unterschlupf bot).
3) Louis XII (1462-1515, König ab 1498)
hatte von seinem Vater Charles d'Orléans († 1464) Ansprüche auf das Herzogtum
Mailand geerbt, das er 1499 überfiel und besetzte. 1504 versuchte er auch das
Königreich Neapel zu erobern (das schon sein Vorgänger Charles VIII beansprucht
und 1494 zu erobern versucht hatte). Hierauf reagierten 1511 der Papst (als
Oberhaupt des Kirchenstaates) und die Republik Venedig, aber auch Österreich,
Spanien und England mit dem Bündnis der „Heiligen Liga“, das die Franzosen aus
Italien vertrieb (bis Louis’ Schwiegersohn und Nachfolger François Ier
1515 die franz. Expansionspolitik sogleich, aber letztlich ebenfalls erfolglos,
wieder aufnahm).
Pierre Gringore (ca. 1475 – ca.
1538).
Sein Name ist bzw. war im 19./20. Jh.
vielen Franzosen dadurch bekannt, dass Victor Hugo ihn als
"Gringoire" in seinem vielgelesenen historischen Roman Notre-Dame de Paris (1831) auftreten
lässt, und zwar als Typ des inmitten des Pariser Volkes lebenden Dichters und
Intellektuellen.
Gringores bekanntestes Werk ist das
vielleicht erste politisch intendierte Stück der franz. Literatur: Le Jeu du prince des sots et de mère sotte (1512, 1831 von einem
anderen Romantiker, Gérard de Nerval, bearbeitet). Le Jeu ist ein Fastnachtsspiel und zugleich
eine pro-französische Satire gegen Papst Julius II, der im Stück in der
lächerlichen Rolle der "mère sotte" auftritt, weil er zum Ärger der
Franzosen gerade erfolgreich das Militärbündnis der "Heiligen Liga"
gegen Louis XII und dessen Expansionsversuche in Nord- und Süditalien
zusammengebracht hatte. Gringore ist aber auch Lyriker, u.a. als Verfasser
vieler politisch-satirischer Gedichte. Er war zudem viele Jahre als Texter und
Organisator von Passionsspielen, vor allem aber der jährlichen Fastnachtsspiele
der Pariser Vereinigung der "enfants sans souci" tätig.
Jacques Lefèvre d’Étaples (*ca. 1450 oder
1455 in Étaples/Picardie; † 1536 in Nérac).
Er war einer
der ersten franz.
Humanisten. Sein Name verbindet sich jedoch vor allem mit der ersten
vollständigen franz. Übersetzung der
Bibel (1523–30).
Nach Theologiestudiem und der
Priesterweihe in Paris wurde Lefèvre Dozent für Philosophie an einem Kolleg der
Sorbonne. Daneben begann er bei einem der neu aus Italien nach Paris gekommenen
Gräzisten Altgriechisch zu lernen. Vielleicht schon vor 1486, auf jeden Fall
aber 1491 und 1499 unternahm er Bildungsreisen nach Padua und Pavia als Zentren
der in Italien schon voll erblühten humanistischen Gelehrsamkeit. Zurück in
Paris wurde er auch selber als humanistischer Gelehrter aktiv insbes. mit
textkritischen Editionen zentraler Schriften des griechischen Philosophen
Aristoteles, die er zudem, unter Abkehr von den erstarrten scholastischen
mittelalterlichen Deutungstraditionen, neu kommentierte. Spätestens 1505 wurde
er Mittelpunkt eines kleinen Kreises humanistisch interessierter Adeliger,
Theologen und Juristen, darunter Guillaume Budé, der 1530 mit Unterstützung von
König François
Ier
das Collège des trois langues gründete, die erste an den Universitäten
vorbei eingerichtete Hochschule Frankreichs.
Ein
anderer Getreuer war Guillaume Briçonnet (1470-1534), Bischof von Lodève in
Südfrankreich, der sich meistens aber in Paris aufhielt, um am Hof präsent zu
sein. Als Briçonnet 1507 auch die Pfründe des Abtes der Benediktinerabtei
Saint-Germain-des-Prés vor den Toren der Stadt erhielt, ließ sich Lefèvre dort
nieder und half ihm bei der Einführung eines strenger am Evangelium
orientierten Ordenslebens. Zugleich erarbeitete und publizierte er
textkritische und kommentierte Editionen von Teilen der Bibel: 1509 die
Psalmen, bei denen ihm klar wurde, dass die mittelalterliche Deutung des Alten
Testaments auf vier verschiedenen Sinnebenen artifiziell und deshalb unhaltbar
war; 1512 die Paulus-Briefe, an denen ihm bewusst wurde, dass viele Dogmen und
Regeln der Kirche nicht der Bibel entsprachen und dass für das Seelenheil des
Menschen der Glaube wichtiger sei als gute Werke.
1521 wurde Briçonnet, der die Gunst von
François
Ier besaß und Beichtvater von dessen
Schwester Marguerite d’Alençon war, zum Bischof von Meaux befördert. Als er konsequent
vor Ort zu residieren und sein Bistum im Sinne der aus Deutschland
herüberstrahlenden Ideen Luthers zu evangelisieren beschloss, folgte ihm
Lefèvre. Er wurde Mitglied des Kreises reformwilliger Theologen und Gelehrter
um den Bischof sowie sein Generalvikar
.
Zugleich arbeitete er an einer
Übersetzung der Bibel, zunächst des Neuen Testaments, wobei er von der quasi
offiziellen lateinischen Version, der „Vulgata“, ausging, die gegen 400 n. Chr.
Hieronymus nach den griechischen und hebräischen Texten hergestellt hatte. Mit
seiner Übersetzung verfolgte er, ganz wie der fast zeitgleich tätige Luther
(der allerdings von den griechischen Originaltexten ausging) die typisch
reformatorische Absicht, den Gläubigen die Möglichkeit zu geben, selbst die
Bibel zu lesen oder sich vorlesen zu lassen und sie ohne die Vermittlung der
katholischen Geistlichkeit und ihrer Deutungskonventionen auszulegen. Als er
1523 ohne Genehmigung (die er auch kaum erhalten hätte) sein Neues Testament
drucken ließ, wurde er von der Sorbonne, die inzwischen agressiv ihre
Deutungshoheit verteidigte, zum Ketzer erklärt.
Auch sein Gönner Briçonnet wurde
zunehmend angefeindet, u.a. weil er die Franziskaner aus seinem Bistum verbannt
und Anhänger des kürzlich exkommunizierten Luthers predigen lassen hatte. Als
ihm 1525 vorübergehend die Rückendeckung des Königs fehlte, der bei der
Schlacht von Pavia in die Gefangenschaft von Kaiser Karl V. geraten war, musste
er seinen konservativen Gegnern in der Sorbonne und dem Pariser Parlement
Konzessionen machen und sich dezidiert von Luther lossagen. Als zugleich ein
Mitglied seines Kreises verhaftet wurde, hielt es Lefèvre, zusammen mit
anderen, für geraten, aus Meaux zu verschwinden. Er flüchtete in die freie
Reichsstadt Straßburg, eine Hochburg des Humanismus und seit kurzem auch der
Reformation.
Nach der Rückkehr des Königs 1526
konnte auch er nach Frankreich zurück und wurde mit dem Posten eines Bibliothekars
der königlichen Bibliothek in Blois versorgt. 1529 folgte er der Einladung
Marguerites, die 1527 in zweiter Ehe Königin des Restkönigreiches Navarra
geworden war, und ging nach Nérac in SW-Frankreich, wo ihr Gatte und sie einen
kleinen Hof für ihre Aufenthalte dort unterhielten. Besoldet von ihr, die ihn
über Briçonnet gut kannte und die mit dem „Luthéranisme“
sympathisierte, beendete er seine Übersetzung auch des Alten Testaments und
verbrachte er seine letzten Jahre, übrigens ohne dezidiert mit der Katholischen
Kirche zu brechen.
Seine Gesamt-Bibel erschien 1530 in der
damals weltoffenen, reichen und noch pro-reformatorischen Stadt Antwerpen als La
Sainte Bible en français, translatée selon la pure et
entière traduction de Saint-Hierosme. Sie wurde sofort vom Pariser Parlement verboten.
Obwohl sie mehrfach nachgedruckt wurde,
erreichte Lefèvres Bibel im franz. Sprachraum nicht entfernt dieselbe Bedeutung
wie die luthersche im deutschen. Ein wichtiger Grund war sicher, dass der
Reformator Jean Calvin (s.u.) und mit ihm die frankophonen Protestanten die
etwas spätere (eher hölzerne) Übersetzung von Pierre Robert Olivétan und seinem
Team (1535 ff.) bevorzugten, die wie Luther von den hebräischen und
griechischen Texten ausgegangen waren.
(Stand: Jan. 11)
Marguerite
de Navarre (geb.
duchesse d’Angoulême, verw. duchesse d’Alençon, Königin von Navarra ab 1527;
* 11.4.1492 in Angoulême; † 21.12.1549 in
Odos/ Pyrenäen).
Diese hochgebildete, etwas ältere
Schwester von König François Ier
1) war siebzehnjährig mit dem Duc Charles
d’Alençon verheiratet worden und wurde, nach ihrer Verwitwung 1526,
durch ihre zweite Ehe mit Henri d’Albret Titularkönigin der Nordhälfte des 1512
zerschlagenen baskischen Königreichs Navarra. Den Zeitgenossen war sie vor
allem bekannt als eine neben und hinter ihrem königlichen Bruder aktive und
einflussreiche Frau, die z.B. zu Verhandlungen mit Kaiser Karl V. nach Madrid
reiste, als François in der verlorenen Schlacht von Pavia (1525) in dessen
Gefangenschaft geraten war. Darüber hinaus spielte sie eine bedeutsame Rolle
als Sympathisantin erst Luthers und dann eines über den konfessionellen Fronten
stehenden „Evangelismus“, in dessen Namen sie gefährdete pro-reformatorische
Intellektuelle wie z.B. den Bibel-Übersetzer Lefèvre d’Etaples (s.o.) oder den
Lyriker Clément Marot (s.u.) zu beschützen versuchte und z.T. in ihrem
südwestfranz. Residenzstädtchen Nérac beherbergte
Heute ist sie vor allem als Autorin ein
Begriff. So publizierte sie 1524 die Versmeditation Dialogue en forme de vision nocturne (= D. in Gestalt einer nächtlichen Vision) und 1531 drei
religiöse Langgedichte unter dem Titel des längsten von ihnen, Le Miroir de l'âme pécheresse (= der Spiegel der sündigen Seele).
Das Bändchen spiegelt das enorme Interesse, das die rasch von Reformatoren und
Anti-Reformatoren polarisierten gebildeten Schichten, nicht zuletzt auch der
Adel, theologischen Problemen entgegen brachten, insbes. der neuen Frage nach
dem Verhältnis des einzelnen Gläubigen zu „seinem“ Gott. Es wurde sofort von
der Sorbonne verurteilt, aber trotzdem
25 Jahre hindurch immer wieder nachgedruckt.
In die franz. Literaturgeschichte
eingegangen ist Marguerite mit L'Heptaméron
(= das Siebentagewerk), einer
Novellensammlung mit Rahmenhandlung, die wie praktisch alle Novellensammlungen
der Zeit in der Tradition von Giovanni Boccaccios Il Decamerone (= das Zehntagewerk, um 1350) steht. Das Werk
entstand ab 1542 wohl per Diktat und z.T. auf Reisen, nachdem Marguerite im
offiziellen Paris, das sich prokatholisch radikalisierte, als konfessionell
unzuverlässig ins Abseits geraten war und meistens in ihrem kleinen Königreich
weilte, wo auch die Rahmenhandlung spielt. Es sollte ursprünglich ebenfalls
hundert Novellen umfassen, die in der Fiktion an zehn Tagen von zehn Personen
(fünf Damen und fünf Herren) erzählt werden sollten; es blieb jedoch
unvollendet durch den Tod Marguerites bei Nummer 72. Hauptthema ist, wie in
allen Sammlungen dieser Art, die Anziehungskraft der Geschlechter aufeinander
und die vielgestaltigen Verwicklungen, die sie zu verursachen pflegt. Neu ist
Marguerites Behauptung absoluter Wahrheitstreue des Erzählten und neu auch ihre
Idee, ihr Zehnergremium nach jeder Novelle mehr oder weniger ausführlich über
deren jeweilige Moral diskutieren zu lassen. Da diese Diskussionen (wie im
richtigen Leben!) häufig etwas konfus verlaufen und der Leser den als richtig
zu betrachtenen Standpunkt nicht immer klar erkennt oder nicht recht
nachvollziehen kann, wirkten sie schon auf jüngere Zeitgenossen, z.B. Montaigne
(s.u.), eher aufgesetzt und, im Gegensatz zu den Novellen selbst, etwas
blutlos.
Das Werk wurde postum 1559 im Auftrag
von Marguerites Tochter Jeanne d'Albret (der Mutter des späteren Königs Henri
IV) im Originaltext und mit dem etwa passenden Titel L'Heptaméron veröffentlicht. Schon im Vorjahr war unter dem Titel Histoires des amants fortunés (=
Geschichten der glücklich Liebenden) ein Raubdruck erschienen, dessen Text im
Sinne des antireformatorischen Konzils von Trient (1545-49) theologisch und
moralisch „gereinigt“, d.h. mitunter ziemlich verstümmelt worden war.
Noch zu Lebzeiten der Autorin dagegen
erschien ein Sammelband ihrer Versdichtungen (darunter auch der Âme
pécheresse) unter dem hübschen Titel: Marguerites
de la marguerite des princesses (1547). Erhalten sind darüber hinaus einige
ungedruckt und unaufgeführt gebliebene Theaterstücke sowie zahlreiche Briefe.
(Stand: Aug. 11)
1) François Ier, geb. 1494,
König 1515-1547 (Schwiegersohn und Nachfolger von Louis XII), kämpfte nach
seiner Thronbesteigung fast pausenlos mit Kaiser Karl V. um die Vorherrschaft
in Italien, wobei er 1525 in der Schlacht bei Pavia sogar in Karls
Gefangenschaft geriet, aus der ihn Marguerite als Unterhändlerin zu befreien
versuchte. Er entwickelte ein prächtiges Hofleben und gilt als
repräsentativster franz. Renaissancefürst. 1530 gründete er das Collège des Lecteurs du roi (später Collège royal de France, heute Collège de France), weil die Sorbonne
sich dem humanistischen Einfluss, z.B. dem Studium altgriechischer Texte,
verschloss, bzw. sich überhaupt allem Neuen verweigerte. Ab Ende 1534 ergriff
François immer eindeutiger Partei gegen den Protestantismus, der in Frankreich
zunächst ebenfalls Lutherischer, dann aber zunehmend Calvinscher Prägung war
und sich vor allem im Süden ausbreitete, während er im übrigen Land mehr auf
Teile des Adels und des Bürgertums beschränkt blieb. François’ zunehmend
brutale prokatholische Parteinahme erscheint im Nachhinein als schleichender
Beginn der Religionskriege (Guerres de
religion), die Frankreich von 1562 bis 1594 erschütterten und (anders als
der ähnlich motivierte und ähnlich lange Dreißigjährige Krieg in Deutschland)
mit einer weitgehenden Rekatholisierung des Landes endeten.
François
Rabelais (*1483
oder, wahrscheinlicher, 1494, auf dem Gut La Devinière bei Chinon/Touraine; †
9.4.1553 Paris).
Sein Name ist wohl fast jedem Franzosen
bekannt und hat sich sogar als Adjektiv verselbständigt in Ausdrücken wie „une
plaisanterie rabelaisienne“ (= ein deftiger Witz/Scherz). Er ist verknüpft mit Gargantua et Pantagruel, einem locker
komponierten Romanzyklus, dessen 5 Teile 1532, 1534, 1546, 1548-52 und 1562-63
erschienen, wobei der letzte postum herauskam und z.T. nicht mehr authentisch
ist. Vor allem die ersten Bände waren sehr erfolgreich; die Protagonisten, d.h.
der junge Riese Pantagruel und sein Vater Gargantua, sind noch heute ein
Begriff und haben ebenfalls Adjektive gezeugt: pantagruélique (avoir un appétit pantagruélique) und gargantuesque (un repas gargantuesque).
Rabelais war jedoch auch als Gelehrter und als Arzt aktiv. Seine sehr mobile
Existenz im Schlepptau hochstehender Gönner und auf der ständigen Suche nach
Weiterbildung, zumal im Kontakt mit anderen Gelehrten, ist typisch für die
humanistischen europäischen Intellektuellen der Zeit. Als Zeitgenosse Martin
Luthers (1483-1546) und Jean Calvins (1509-1564) war er involviert in die
heftigen religiösen Querelen der Epoche, wobei er selbst, wie so viele
Humanisten, lange mit der Reformation sympathisierte, und zwar stärker als die
offizielle franz. Literaturgeschichte dies zu sehen pflegt. Auch fand er als
Gönner mehrfach Kirchenfürsten, die offenbar ebenfalls den Anliegen der
Reformatoren relativ aufgeschlossen gegenüber standen und ihn protegierten.
Über Rabelais’ Kindheit und Jugend ist
wenig bekannt. Geboren wurde er vermutlich auf dem o.g. Landgut nahe Chinon als
jüngster von drei Söhnen eines wohlhabenden Grundbesitzers und Juristen, der
nacheinander verschiedene Ämter in Chinon bekleidete. Er erhielt, vielleicht in
der Benediktiner-Abtei von Seuilly bei Chinon, eine passable Bildung gemäß den
damals gängigen Methoden (die er später im Roman karikiert). 1510 oder
11 wurde er Novize bei den Franziskanern, wohl in La Baumette nahe Angers. Um
1520 ist er als Mönch in Fontenay-le-Comte (Vendée) bezeugt.
Hier war er inzwischen durch einen
älteren Mitbruder in Berührung gekommen mit dem von Italien her ausstrahlenden
Humanismus und hatte (Alt-)Griechisch zu lernen begonnen. Auch hatte er
Anschluss an den kleinen Zirkel gebildeter Leute gefunden, die es in Fontenay
als regionalem Verwaltungs- und Justizzentrum gab. Darüber hinaus war er
brieflich in Kontakt mit Gelehrten getreten, wie ein erhaltenes, 1521 datiertes
und offenbar schon zweites Schreiben an den bekannten Humanisten Guillaume Budé
beweist. Im Rahmen seiner griechischen Studien verfasste Rabelais gegen 1522
eine nicht erhaltene Übertragung von Buch I der Geschichte der Perserkriege des
Herodot (5. Jh. v. Chr.) ins Lateinische.
In
den 1520er Jahren wurde auch er, wie die meisten humanistisch Interessierten,
von den Reformideen Luthers erfasst. Als 1523 alle Griechischstudien von der reformfeindlichen
Pariser Theologiefakultät, der Sorbonne, als Vorstufe zur Ketzerei gebrandmarkt
wurden, bekam er seine griechischen Bücher entzogen. Durch Vermittlung des
Bischofs von Poitiers, Geoffroy d’Estissac, der zugleich Abt eines
Benediktinerklosters war, erhielt er 1524 jedoch die päpstliche Erlaubnis, in
dieses zu wechseln, und konnte so die eher bildungsfeindlichen Franziskaner mit
den traditionell bildungsfreundlichen Benediktinern vertauschen. Offenbar lebte
er aber meistens im Gefolge von Estissac in der Abtei von Ligugé bei Poitiers,
wobei er ihm als Sekretär und vielleicht auch als Hauslehrer eines Neffen
diente. Als sein Begleiter auf Reisen durch das Bistum kam er sichtlich in
Kontakt mit Menschen verschiedenster Art und Herkunft. Möglicherweise besuchte
er in diesen Jahren auch juristische Vorlesungen an der Universität Poitiers.
Wohl 1526 erschien sein erstes
gedrucktes Werk, eine lateinische Versepistel an einen befreundeten
Dichter-Juristen aus Ligugé. Von den franz. Versen, die er als junger Mann
ebenfalls schrieb, ist so gut wie nichts erhalten.
1528 findet man ihn in Paris,
vermutlich nach Zwischenstationen an den Universitäten Bordeaux, Toulouse und
Orléans. Anscheinend hatte er unter der Hand den Status eines Weltgeistlichen
angenommen, als der er freier war, seine Studien, nunmehr vor allem der
Medizin, fortzusetzen und gelehrte Kontakte zu pflegen. Aus dem Kontakt mit
einer Witwe gingen zwei uneheliche Kinder hervor, François und Junine.
Dies hielt ihn nicht in Paris, vielmehr
schrieb er sich im September 1530 an der
berühmten medizinischen Fakultät in Montpellier ein, wo er schon im
November Baccalaureus wurde. Die Medizin war damals ein fast reines Buchstudium
mit den Schriften von Hippokrates und/oder Galenus als Quasi-Bibeln. Der
Humanist Rabelais scheint sich denn auch vor allem philologisch mit der Medizin
beschäftigt zu haben, denn in einer Vorlesung kommentierte er im Frühjahr und
Sommer 1531 Texte der genannten Koryphäen, wobei er in revolutionärer Weise die
griechischen Originale zugrunde legte.
Im
Sommer 1532 findet man ihn in Lyon, wo er sich als Arzt betätigte und zugleich
bei dem Drucker und Verleger Gryphe (Greiff) diverse gelehrte Werke herausgab.
Hiervon ließ er sich jedoch nicht absorbieren, sondern verfasste auch einen Roman, der Ende 1532 in
Lyon erschien: Les horribles et
épouvantables faits et prouesses du très renommé Pantagruel, Roi des Dipsodes,
fils du grand Gargantua. Composés nouvellement par maître Alcofrybas Nasier (= die schrecklichen und Furcht erregenden
Taten und Mutbeweise des sehr berühmten P., Königs der Dipsoden, Sohnes des
großen Riesen G. Kürzlich verfasst von Magister A. N.). Das Werk war
also schon am Titel als Parodie erkennbar, und zwar vor allem der Gattung
volkstümlicher Ritterroman. In der Tat hatte Rabelais sich an ein kurz zuvor
anonym erschienenes Volksbuch angehängt: Les grandes et inestimables
croniques du grand et énorme géant Gargantua (= die großen und
unschätzbaren Chroniken des großen und enormen Riesen G.), wobei er einen Sohn
zu dem Riesen erfand. Auch der kuriose Autorname war als humoristisches
Pseudonym erkennbar (gebildet übrigens als Anagramm aus
f-r-a-n-c-o-y-s-r-a-b-e-l-a-i-s).
In Pantagruel schildert Rabelais
in der Rolle des Ich-Erzählers und Domestiken Alcofrybas die Kindheit und
Jugend, die Studienjahre sowie die erste militärische Bewährung des Protagonisten,
doch führt er zu Beginn der Studienzeit eine zweite, zunehmend wichtige Figur
in die Handlung ein, nämlich den ewigen Studenten und Tausendsassa Panurge, mit
dem er sich offensichtlich mehr identifiziert als mit dem Ich-Erzähler. Am Ende
macht er jedoch auch diesen zur handelnden Person, die im Mund des jungen
Riesen eine ganze Welt entdeckt, die der unseren ähnelt. Der Erfolg des äußerst
locker strukturierten, mit zahllosen burlesken Anekdoten, witzigen Zitaten und
satirischen Seitenhieben gewürzten Werkes war beachtlich. Es wurde
allein 1533 und 34 acht Male, z. T. in Raubdrucken, neu aufgelegt. Die Theologen der Sorbonne allerdings
stießen sich an Passagen, in denen ihre scholastische Haarspalterei karikiert
und Positionen vertreten wurden, die dem „Evangelismus“ der Reformatoren
entsprachen. Auch die hohen Richter des Parlements fühlten sich verspottet. Die
Reaktion war eine Verurteilung des Buches durch die Sorbonne. Rabelais dagegen
nutzte den Erfolg, indem er sogleich einen witzigen, z.T. horoskopartigen
Almanach für das Jahr 1533 hinterherschob: La Pantagruéline Pronostication
[=Vorhersage], die bei späteren Nachdrucken des Pantagruel oft an
diesen angefügt wurde.
Ende 1532 erhielt er eine Anstellung am
Lyoner Krankenhaus, dem Hôtel Dieu. Neben seiner ärztlichen Tätigkeit frequentierte er die
intellektuellen Zirkel der Stadt, die es zu dieser Zeit wirtschaftlich und auch
geistig mit Paris aufnehmen konnte.
Wohl Anfang 1534 lernte er den Bischof
von Paris und Mitglied des Kronrates Jean du Bellay (1498-1560) kennen, einen
hochgebildeten, humanistisch interessierten Mann, der sich auf einer Reise nach
Rom im Auftrag des Königs befand und in Lyon Station machte. Von ihm, dem wenig
Jüngeren, wurde er als Leibarzt und Gesellschafter-Sekretär engagiert.
Bei seinem Aufenthalt in Rom (Febr. bis
Apr. 34) erhielt Rabelais Einblicke in die Verhältnisse am päpstlichen Hof, wo
man zwischen Frankreich und Kaiser Karl V. lavierte, mit dem Papst Klemens VII.
seit der Eroberung und Plünderung Roms durch kaiserliche spanische Truppen 1527
unfreiwillig verbündet war. Vor allem interessierte er sich aber für die
zahlreichen Spuren der Antike in der Stadt und ihrer Umgebung. Zurück in Lyon
edierte er ein gelehrtes lateinisches Werk eines Italieners über die
Topographie des antiken Rom.
Im Schlusswort des Pantagruel
hatte Rabelais eine Fortsetzung mit weiteren Abenteuern
seines Helden angekündigt. Statt dessen ließ er Ende 34 oder Anfang 35 anonym
einen Roman
erscheinen, dessen Handlung umgekehrt eine Vorgeschichte enthält: La Vie inestimable du grand Gargantua, père
de Pantagruel, jadis composée par l’abstracteur de quinte essence. Livre plein
de Pantagruélisme (= das unschätzbare Leben des großen G., Vaters von P.,
einst verfasst vom Quintessenz-Abstraktor. Ein Buch voller Pantagruelismus).
Sichtlich hoffte Rabelais, mit den Verweisen auf den Pantagruel, an
dessen Erfolg anzuknüpfen, was jedoch, sieht man die geringe Zahl der
Nachdrucke, nur mäßig gelang. Zugleich aber vernebelte er seine Identität als
Autor noch stärker und verlegte er die Entstehungszeit des Buches zurück auf
ein vages „einst“. Sichtlich fürchtete er (zu Recht, wie sich zeigen sollte)
eine erneute Verurteilung durch die Sorbonne. Denn dezidierter noch als im Pantagruel
karikiert er anhand des Bildungsganges, den er seinen Protagonisten Gargantua
durchlaufen lässt, die überkommenen scholastisch geprägten Lerninhalte und
–methoden und propagiert er die neuen humanistischen Bildungsideale. Und auch
der Schlussteil über die Abtei Thélème, einen idealen utopischen Ort, an dem
eine geistige und soziale Elite von jungen Personen beiderlei Geschlechts ein
Leben führt, das nur durch Vernunft, Selbstbeherrschung und die Lehren des
Evangeliums geregelt ist, wirkt alles andere als orthodox katholisch. Nicht
oder kaum kontrovers war vermutlich nur die ausführliche, wenn auch recht
burleske Darstellung des legitimen Abwehrkrieges, den Rabelais seinen Gargantua
gegen einen Agressor führen lässt, hinter dem man Kaiser Karl V. vermuten
konnte, mit dem König François Ier seit Jahren
um die Vorherrschaft in Italien, wenn nicht in Europa kämpfte.
Anfang 1535, soeben hatte er wieder
einen Almanach drucken lassen, verschwand Rabelais aus Lyon, vermutlich um sich
einer möglichen Verfolgung als Sympathisant der Reformation zu entziehen. Denn
François
Ier
hatte Ende
Oktober 34 entschieden Partei gegen die Reformatoren ergriffen und grünes Licht
für Ketzer-Prozesse gegen sie gegeben, was eine Fluchtwelle auslöste.
Glücklicherweise konnte Rabelais, der vielleicht bei Estissac untergeschlüpft
war, wieder in den Dienst Du Bellays treten und ihn, der im Mai zum Kardinal
erhoben worden war, erneut nach Rom begleiten. Bei einem Aufenthalt in Ferrara
traf er auf Clément Marot (s.u.) und andere dorthin geflüchtete Sympathisanten
der Reformation, die Asyl bei der Herzogin, einer Tochter von König Louis XII,
gefunden hatten, die dem „Lutherismus“ nahestand.
Anschließend verbrachte Rabelais
1535/36 sieben Monate mit Du Bellay in Rom. Zweifellos über ihn erhielt er die
Erlaubnis des Papstes (inzwischen Paul III.), pro forma in den
Benediktinerorden zurückzukehren, und zwar als Mönch einer Abtei nahe Paris,
deren Prior Du Bellay war. Dort sollte er, nach der beabsichtigten Umwandlung
der Abtei in ein Stift, eine Pfründe als Stiftsherr mit regelmäßigen Einkünften
bekommen. Die Umwandlung fand 1536 statt, doch wehrten sich die anderen
Nutznießer gegen den Quereinsteiger. Rabelais musste eine Eingabe an den Papst
richten. Der Ausgang der Angelegenheit ist unbekannt.
Anfang 1537 erwarb er, da ihm der Papst
zugleich gestattet hatte, als Arzt tätig zu bleiben, in Montpellier auch den
Doktortitel und hielt anschließend Vorlesungen über die Schriften des
Hippokrates. Hierbei legte er erneut das griechische Original zugrunde und
kritisierte die gängige lateinische Version als fehlerhaft. Im Sommer erregte
er Aufsehen in Lyon, als er bei einem Aufenthalt dort die Leiche eines
Gehenkten sezierte. Im Winter 37/38 hielt er wieder Kurse in Montpellier.
1538 finden wir ihn in Aigues Mortes
mit Du Bellay, der hier an einem Treffen von König François mit Kaiser Karl
teilnahm, die soeben einen Waffenstillstand und die Verheiratung eines Sohnes
des Königs mit einer Tochter des Kaisers ausgehandelt hatten. Anschließend
folgte Rabelais seinem Gönner nach Lyon.
Vermutlich 1539 (oder schon 1536?)
wurde ihm ein Sohn, Théodule, geboren, der jedoch zweijährig starb.
Ende 1539 wurde er von Du Bellay an
dessen kränkelnden älteren Bruder Guillaume de Langey weitergereicht, einen
hohen Militär und ebenfalls sehr gebildeten Mann, der zum Gouverneur des
Herzogtums Savoyen-Piemont ernannt worden war, das von franz. Truppen besetzt
gehalten wurde. Von ihm wurde er nach Turin mitgenommen, der piemontesischen
Hauptstadt. Hier verfasste er, unter dem Titel Stratagemata, auf Latein
eine Geschichte der Feldzüge Langeys, die aber verloren ist. Die nächsten drei
Jahre bis zu dessen Tod Anfang 1543 pendelte Rabelais mit ihm zwischen
Norditalien und Frankreich.
1541 und 1544 brachte er erneut je
einen Almanach heraus, letzteren unter dem Titel Grande et vraye
pronostication nouvelle pour l’an 1544 (= große und wahre neue Vorhersage
für das Jahr 1544).
1542 publizierte er in Lyon Versionen
des Pantagruel und des Gargantua, deren Text etwas gereinigt und
leicht entschärft war. Offenbar reagierte er hiermit auf die Vorwürfe, beide
Bücher seien obszön und theologisch bedenklich, und hoffte er, als linientreuer
Katholik zu erscheinen und so seine Ruhe zu haben. Auch die Titel wurden
verändert. Das erste Buch hieß nun Pantagruel,
Roi des Dipsodes. Restitué à son
naturel, avec ses faits et prouesses épouvantables. Composés par feu M.
Alcofribas, abstracteur de quinte essence (=P., König der Dipsoden. Naturgetreu wiederhergestellt
(?), mitsamt seinen Schrecken erregenden Taten und Mutbeweisen. Verfasst von
dem verstorbenen M. A., Quintessenz-Abstraktor). Der andere lautete, nur leicht
verändert, La Vie très horrifique du
grand Gargantua [etc.]. Etwa gleichzeitig
druckte allerdings der pro-protestantische Drucker Étienne Dolet, ein einstiger
Freund Rabelais’, sehr zu dessen Ärger eigenmächtig nochmals die ursprünglichen
Versionen nach, wobei übrigens erstmals der Gargantua als Band I und der
Pantagruel als ihn fortsetzender (und seinerseits noch weiter
fortzusetzender) Band II figurierte.
Rabelais übernahm
sofort diese Praxis und brachte noch 1542 ebenfalls eine zweibändige Ausgabe
heraus unter dem Titel Grands annales ou chroniques très véritables des
gestes merveilleux du grand Gargantua et Pantagruel son fils, roi des Dipsodes,
enchroniqués par feu Maistre Alcofribas, abstracteur de quinte essence. Im Vorwort der Neuausgabe (deren Text heute i.d.R. den kritischen Editionen zugrunde
liegt) attackierte er Dolet, dennoch wurde sie von der Sorbonne verurteilt.
Trotz der Verurteilung schrieb Rabelais einen Fortsetzungsband, mit
dem er offensichtlich auf ein
misogynes Buch von 1541, L’Amie de
cour (=die Freundin am Hof) und
eine profeministische Antwort darauf von 1542 reagierte, La parfaite amie (=die perfekte Freundin) von Antoine Hérouet. Hierin meidet er
politisch-religiös brisante Themen und auch sein Humor ist weniger derb. Zudem
wird Pantagruel kaum mehr als Riese darstellt, der allein durch seine
Körpergröße groteske Effekte bewirkt. Im Zentrum der Handlung steht die Frage,
ob Panurge, der neben oder gar vor Pantagruel die zentrale Figur ist, heiraten
soll, oder – so sichtlich die Tendenz Rabelais’ - lieber nicht. Als
dieser das Buch 1545 fertig hatte, durfte er es sogar der Schwester von König
François,
Marguerite de Navarre (s.u.), widmen und mit einem königlichen Privileg in Paris drucken lassen. Es erschien 1546, unter seinem richtigen Namen, als Le tiers livre des faits et dits héroïques du noble Pantagruel, composés par
M. Franc. Rabelais, docteur en médicine (=das dritte Buch der heldenhaften
Taten und Worte des edlen P. [etc.]).
Dennoch wurde es erneut verurteilt. Da
zur selben Zeit das Parlement eine spezielle Kammer für Ketzer-Prozesse
einrichtete (die anschließend 500 Todesurteile fällte) verschwand Rabelais aus
Frankreich und schlüpfte unter bei einem Klienten Du Bellays in der damaligen
freien Reichsstadt Metz. Dort verdingte er sich als städtischer Arzt und begann
zugleich einen weiteren Fortsetzungsband.
Dieser inspirierte sich an Berichten von den spektakulären Entdeckungsreisen
der Zeit (z.B. Jacques Cartier, 1534-43) und schildert parodistisch eine
fiktive Seefahrt, die Pantagruel und Panurge unternehmen, um das Orakel der
„göttlichen [Wein-]Flasche“ (dive bouteille) zu finden, das die Frage, ob
Heirat oder nicht, beantworten soll.
Nach dem Tod von König François (1547) ging Du Bellay einmal mehr
in diplomatischer Mission nach Rom und nahm Rabelais dorthin mit. Auf der
Durchreise übergab dieser in Lyon einem Drucker die ersten elf Kapitel des
neuen Bandes, die 1548 als Le Quart
livre des faits et dits héroïques
[etc.]
erschienen. In Rom, wo er mit Du Bellay zwei Jahre bis 1549 blieb, stellte er
das Buch dann fertig. Hierbei beschreibt er u.a. satirisch ein Inselreich von
asketischen Protestanten, den „Papefigues“ (Papstspöttern/-verächtern), aber
auch eines von naiv papsttreuen Katholiken, den „Papimanes“, deren Bischof den
Reisenden erklärt, wie Rom aus Frankreich Geld absaugt. Sichtlich meinte
Rabelais damit dem neuen franz. König Henri II zu Gefallen zu sein, der die Etablierung
einer von Rom unabhängigen „gallikanischen“ Kirche anstrebte. Als Anfang 1552,
nunmehr in Paris, das Quart livre als
Ganzes herauskam, hatte sich allerdings der Wind gedreht: König und Papst
hatten sich arrangiert, Kritik an Rom war nicht mehr erwünscht. Entsprechend
zögerte die Sorbonne nicht, das Buch zu verurteilen. Das Pariser Parlement zog
nach und verbot es. Dass Rabelais es dem Kardinal Odet de Châtillon gewidmet
hatte, war sicher wenig hilfreich gewesen, denn der war Neffe von Admiral Coligny,
eines der Chefs der Protestanten.
Dem Erfolg des Buches tat das Verbot
keinen Abbruch. Rabelais selbst musste allerdings Anfang 1553 die Pfründe in
Meudon und eine weitere im Bistum Le Mans aufgeben, die er erst 1551 über Du
Bellay erhalten hatte. Hiernach ist nichts mehr von ihm bekannt. Offenbar aber
hatte er noch bis kurz vor seinem Tod im April 53 an einem weiteren Band
gearbeitet, der die Fortsetzung und das Ende der Seefahrt schildern sollte.
1562 erschien postum, vermutlich auf Initiative seines Druckers, ein Teilstück
unter dem Titel L’Île sonnante (= die klingende Insel), das den Besuch
der Reisenden auf einer burlesk dargestellten Insel schildert, hinter der
unschwer Rom zu erkennen war. 1563 kam, von unbekannter Hand komplettiert, der
geamte Band heraus als Le cinquième livre [etc.] (= das fünfte Buch).
Dieses wurde in die Gesamtausgaben des Zyklus aufgenommen, die kurz nach dem
Tod Rabelais’ zu erscheinen begannen und lange Zeit mit beachtlicher
Regelmäßigkeit erschienen.
Letzteres erstaunt umso mehr, weil
Rabelais nicht nur der katholischen, sondern auch der protestantischen Seite
konfessionell suspekt war. Auch wurde er, wegen seiner freimütigen Akzeptanz
der Körperlichkeit des Menschen und von dessen Bedürfnis nach Lustgewinn,
zunehmend als unmoralisch gerügt, und zwar ebenfalls sowohl von den prüder und
rigoristischer werdenden katholischen Theologen als auch von ihren ohnehin
moralinsauren protestantischen Kollegen, deren Vordenker Calvin (s.u.) ihn
schon 1550 in seinem Traité des scandales heftig angegriffen hatte.
Vom zeitgenössischen Lesepublikum
dagegen wurden Rabelais’ Romane vermutlich als erheiterndes Evasionsangebot
genutzt in einer Zeit, wo es wenig zu lachen gab angesichts einer Realität, die
beherrscht war von einer enormen religiösen und ideologischen Polarisierung.
Denn diese reichte bis in die Familien hinein, bewirkte eine zunehmende
Intoleranz der konfessionellen Parteien und ihrer Propagandisten und führte zu
einer immer brutaleren Unterdrückung der Protestanten durch den Staat, der seit
1534 offen die katholische Partei unterstützte. Den Ausbruch der
Religionskriege 1562 erlebte Rabelais nicht mehr.
Heute gilt er, auch wenn er aufgrund
seiner archaisch gewordenen Sprache und seiner nur noch schwer verständlichen
Wortspiele und Anspielungen wenig gelesen wird, als der größte franz. Autor des
16. Jh., einer der Großen der franz. Literatur überhaupt und speziell als
Galionsfigur des moralisch nicht immer korrekten, dafür aber
volkstümlich-heiteren esprit gaulois
oder eben rabelaisien. Der Erfolg
seines Romanzyklus beruht auf einer unnachahmlichen Kunst der Mischung: auf der
Stilebene mengt Rabelais Ernst und Scherz, spielerische Ironie und bissigen
Sarkasmus, derben Witz und hypergelehrte Pedanterie, lustige Wortspielereien
und komisch verwendete echte und fiktive Zitate; auf der Strukturebene
kombiniert er meist knappe, immer wieder die Grenzen zum Phantastischen und
Grotesken überschreitende Handlungssequenzen und meist längere Erzähler- und
Figurenreden, deren letztlich satirische Intentionen kaum zu übersehen sind,
auch wenn sie sich oft verstecken, z.B. hinter einer scheinbaren Naivität der
Sprecher. Nicht zu Unrecht erkannte die Sorbonne in dem Humoristen und
Fabulisten den kritisch-selbständigen Geist und Anhänger eines unorthodoxen
Evangelismus, auch wenn er letztlich, wie viele franz. Autoren der Zeit, pro
forma Katholik geblieben war, vielleicht weil ihn der zunehmende religiöse und
moralische Rigorismus der Protestanten abstieß.
Die erste deutsche Teil-Übertragung des
Zyklus wurde von dem Straßburger Humanisten Johann Fischart verfasst und
erschien 1575 unter dem Titel: Abenteuerliche und ungeheuerliche
Geschichtsschrift von Leben, Raten und Taten der Herren Grandgusier, Gargantua
und Pantagruel.
(Stand: Dez. 10)
Clément
Marot (*
1496 Cahors; † 1544 Turin)
Er galt schon zu seinen Lebzeiten als
der bedeutendste franz. Lyriker der Zeit und blieb bis ins
19. Jahrhundert hinein ein sehr geschätzter und gern imitierter bzw.
pastichierter (spaßhaft nachgeahmter) Dichter, den man als prototypisch
betrachtete für die vermeintlich guten alten Zeiten.
Er
wurde geboren als Sohn des Kaufmanns und angesehenen Dichters Jean Marot.
Dieser stammte aus der Normandie, die Mutter aus Cahors in Südfrankreich. Hier
verbrachte Marot seine Kindheit, wobei er zunächst zweisprachig aufwuchs, d.h.
vor allem okzitanisch. Eine solide Schulbildung genoss er offenbar nicht, doch
lernte er Latein sowie Italienisch und konnte sich eine gewisse klassische
Bildung aneignen.
1506
erhielt der Vater durch Vermittlung einer adeligen Bewunderin einen Posten als
Sekretär im Dienst der Königin, Anne de Bretagne. Später wurde er zum
Kammerdiener (valet de chambre) bei ihrem Gatten Louis XII befördert.
Durch
seinen Vater, dem er nach Paris gefolgt war, erhielt der junge Marot Kontakt
zum Hof und bekam eine Stelle als Page bei einem hochrangigen Adeligen. Dieser
verschaffte ihm etwas später einen Schreiberposten in der Chancellerie (quasi
beim Justizminister) und protegierte ihn auch weiterhin.
Ab
ca. 1511 schrieb Marot Verse, angeleitet vom Vater und von dessen Dichter- und
Sekretärskollegen Jean Lemaire de Belges (s.o.). Daneben schulte er seine Feder
mit Übertragungen von Texten der römischen Klassiker Vergil und Lukian. 1514
trat er erstmals an die Öffentlichkeit mit der Versepistel (épître) Le
Temple de Cupido, verfasst zur Hochzeit von Claude de France, der Tochter
von Louis XII, mit ihrem Cousin François d’Angoulême, der aufgrund des Fehlens
eines direkten männlichen Thronerben engster Anwärter auf die franz. Krone war.
Im selben Jahr wurde auch ein erstes Werk Marots gedruckt, die Épître de
Maguelonne.
Nachdem
François d’Angoulême schon 1515 als François Ier auf den Thron
gelangt war (und Marots Vater Jean als Kammerdiener übernommen hatte), schaffte
es Marot, dem nur zwei Jahre älteren jungen König mit weiteren Gedichten zu
gefallen, z.B. einer witzigen Petite épître au Roi, und seine Sympathie
zu gewinnen. 1519 wurde er von François dessen älterer Schwester empfohlen,
Marguerite d’Angoulême (bzw. de Navarre, s.o.), die ihn als Kammerdiener und
Sekretär in ihre Dienste aufnahm.
Dies
hinderte Marot nicht, König François 1521 und 22 auf Feldzügen gegen Kaiser
Karl V. in Flandern und im Hennegau zu begleiten. Meist jedoch lebte er als von
ihm geschätzter Dichter und Unterhalter am Hof in Paris. Hier verfasste er bei
den verschiedensten Anlässen und Gelegenheiten Texte in fast allen lyrischen
Gattungen der Zeit. Eine Spezialität dieser frühen Schaffensphase waren, neben
weiteren Versepisteln, kürzere Gedichte zum Thema Liebe, insbesondere Rondeaus
und Chansons. Seine Texte verbreitete er in der Regel zunächst durch Lesung
oder Vortrag vor seinem Zielpublikum, doch kursierten meistens rasch auch
Abschriften Dritter.
Zweifellos
war es durch den Einfluss Marguerites und ihrer Umgebung, dass Marot sich dem
reformatorischem Gedankengut Luthers öffnete, das sich um 1520 als
„Evangelismus“ auch in Frankreich zu verbreiten begann. Dies, aber zweifellos
auch ein etwas lockerer Lebenswandel und vor allem eine spöttische Zunge, trug
ihm Anfeindungen und bald auch Probleme ein. Insbesondere scheint er Richter
des Obersten Gerichts, des Parlement, und Theologen der Sorbonne gegen sich
eingenommen zu haben.
Als
1525 der König bei der Schlacht von Pavia in die Gefangenschaft von Kaiser Karl
geraten und seine Schwester Marguerite zu Freilassungsverhandlungen nach Madrid
gereist war, wurde Marot von einer rachsüchtigen Frau denunziert, er habe in
der Fastenzeit Speck gegessen. Seine Feinde und Neider nutzten die Abwesenheit
seiner fürstlichen Gönner und bewirkten im Februar 26 seine Inhaftierung im
berüchtigten Pariser Stadtgefängnis, dem Châtelet. Dank der Fürbitte eines
Freundes zog jedoch wenig später der Bischof von Chartres den Fall an sich und
nahm Marot in eine Art Schutzhaft. Im Mai befreite ihn ein Gnadenakt des soeben
zurückgekehrten Königs. Seine misslichen Erlebnisse im Châtelet schildert er
sehr realistisch und mit bissigem Humor in einer Epistel mit dem sprechenden
Titel L’Enfer, die er aber vorsichtshalber in der Schublade ließ, weil
sie nur zu richtig als Attacke auf die Welt der Pariser Gerichtsbarkeit
verstanden werden konnte.
Wenig
später wurde Marot zum Nachfolger seines kürzlich verstorbenen Vaters im
Kammerdieneramt ernannt. Als er 1527 er erneut im Kerker landete, weil er einem
gerade von der Polizei festgenommenen Bekannten zur Flucht verholfen hatte,
befreite ihn König François umgehend selbst. Die betreffende Anordnung und der
vorangehende Hilferuf Marots in Gedichtform sind erhalten, ebenso ein launiges
Dankgedicht.
Die
Jahre nach 1526 waren sehr fruchtbar für Marot, zunächst auch dank seiner
Verliebtheit in Anne d’Alençon, eine junge Nichte von Marguerites erstem
Gatten, die ihn zu vielen Gedichten inspirierte. Vor allem jedoch fungierte er
weiterhin als Hofdichter mit Gelegenheitsgedichten aller Art und zu allen
möglichen Anlässen, wobei er u.a. die Gattung Epigramm, d.h. witzige, oft
bissige, einstrophige Texte, entwickelte. Finanziell ging es ihm ebenfalls gut,
so dass er 1529 (?) heiraten konnte und angeblich seine bald vorhandenen zwei
Kinder täglich dankbar für den König beten ließ.
Nachdem
1531 als Raubdruck in Lyon eine erste Sammlung seiner Gedichte erschienen war,
gab Marot 1532 unter dem etwas burschikosen Titel L'Adolescence [Jugendzeit]
clémentine erstmals selber einen Sammelband heraus. Da dieser sehr
erfolgreich war, ließ er 1534 einen weiteren Band folgen, die Suite
[Fortsetzung] de l'Adolescence clémentine.
Schon
um 1525 hatte er die Idee gehabt, nach quasi humanistischen Editionsprinzipien Werke
der älteren franz. Literatur gedruckt herauszugeben. So hatte er 1526 ein
Lieblingswerk seines Vaters, den Roman de la rose (Rosenroman, 13. Jh.,
s.o.), in leicht modernisierter Sprache ediert. 1533 besorgte er eine Ausgabe
der Dichtungen von François Villon (15. Jh., s.o.).
Der Oktober 1534 brachte einen
tiefen Einschnitt im Leben Marots. Er sah sich in die sog. Affaire des Placards
verwickelt, eine Plakat-Aktion protestantischer Aktivisten (vielleicht aber
auch verkappter katholischer Scharfmacher). Diese bewirkte, dass König François
seine bis dahin geübte religiöse Toleranz oder auch Gleichgültigkeit aufgab,
Partei bezog auf Seiten der konservativen Kräfte des Katholizismus und einer
scharfen Repression des Protestantismus freien Lauf ließ, was rasch zu einer
Reihe von Ketzerprozessen vor dem Parlement und zahlreichen Todesurteilen und
Hinrichtungen führte.
Als
Marot erfuhr, dass auch er auf einer Liste von Verdächtigen stand, entschloss
er sich, wie viele andere Gesinnungsgenossen, zur Flucht. Er ging nach Nérac im
Béarn, das als Hauptort des franz. Teils des kleinen Rest-Königreichs Navarra
diente, mit dessen Titularkönig Henri d’Albret seine Gönnerin Marguerite sich
1527 in zweiter Ehe verheiratet hatte. Nachdem er 1535 vom Pariser Parlement in
Abwesenheit verurteilt worden war, zog Marot auf Anraten Marguerites weiter
nach Ferrara an den Hof der Herzogin Renée d'Este, der jüngeren Tochter von
König Louis XII, die mit Luthers Lehren sympathisierte und schon andere franz.
Flüchtlinge beherbergte.
Von
dort aus richtete er eine Bitt-Epistel an König François, worin er den Vorwurf,
er sei „Luthériste“, zu entkräften versuchte und sich über seine Feinde in der
Pariser Justiz und der Sorbonne beklagte. Er bekam aber keine Antwort, so dass
er eine weitere Epistel verfasste, nunmehr an den Dauphin (Thronfolger).
Als
er in Ferrara wenig später mit Duldung des Herzogs, der de jure Lehensmann des
Papstes war, von der Inquisition bedrängt wurde, floh er 1536 weiter nach
Venedig. Hier erreichte ihn die Nachricht, dass er vom König amnestiert worden
war. Nachdem er in Lyon dem Protestantismus abgeschworen und sich von Lyoneser
Sympathisanten etwas feiern lassen hatte, kehrte er Anfang 1537 zurück nach
Paris und zu seiner Familie. Wieder aufgenommen am Hof wurde er dort zunächst
in eine Fehde mit Gedichten verwickelt von einem alten Rivalen namens François
de Sagon, der sich inzwischen als Platzhirsch betrachtete. Marot konnte sich
durchsetzen und erreichte hiernach den Höhepunkt seiner Anerkennung.
1538
ließ er bei dem bekannten Drucker Étienne Dolet in Lyon unter dem schlichten
Titel Les Œuvres eine erste Gesamtausgabe seiner Werke erscheinen. Im
selben Jahr übertrug er Gedichte Francesco Petrarcas, darunter sechs Sonette,
die vielleicht die ersten in franz. Sprache sind. 1539 bekam er vom König ein
Haus in Paris geschenkt. Seine Stellung als bester Dichter seiner Zeit schien
gesichert.
Schon
1533 hatte er einen Bibel-Psalm in franz. Versen und Strophen nachgedichtet.
Nach seiner Rückkehr aus dem Exil hatte er, auf Vorschlag von König François,
diese Arbeit wieder aufgenommen und fortgeführt. 1541 gab er das Ergebnis unter
dem Titel Trente psaumes de David mis en français in Druck und durfte
das Buch sogar dem großen Gegner von François, Kaiser Karl V., widmen, als dieser
während einer Kriegspause Paris besuchte.
Nachdem
ihm die Trente Psaumes zunächst viel Lob eingebracht hatten als der
erste gelungene Versuch einer künstlerisch adäquaten Nachdichtung der Psalmen,
wurden sie 1542 auf Betreiben der Sorbonne überraschend verboten. Ein Grund war
wohl, dass soeben Dolet ohne Zustimmung Marots L’Enfer gedruckt hatte;
ein anderer war sicher der Umstand, dass auch der Reformator Calvin, der in
Genf gerade an die Macht gelangt war,
die Psalmen-Nachdichtung lobte und seinen Anhängern empfahl.
Da
zugleich das Parlement eine neue Prozessaktion gegen Protestanten startete,
verschwand Marot (so wie u.a. auch Rabelais, s.o.) aus Paris und ging nach Genf
zu Calvin. Hier übertrug er weitere 20 Psalmen, so dass er 1643 eine Neuauflage
mit nunmehr 50 Psalmen drucken lassen konnte. Kurz danach jedoch verließ er
Genf, weil er Probleme mit Calvin und dessen fundamentalistisch strengem und
asketischem Regime bekam. Er zog weiter in das von franz. Truppen besetzte
Herzogtum Piemont-Savoyen, von wo aus er vergeblich Kontakt mit König François
aufzunehmen versuchte. Nach kürzeren Aufenthalten in Annecy und Chambéry starb
er 1544 verbittert in Turin. Kurz nach seinem Tod (dessen genaues Datum ebenso
unbekannt ist wie das seiner Geburt) erschien eine Neuauflage der Œuvres.
Marots
literarhistorische Bedeutung liegt darin, dass er (im Sinne seiner beiden
Lehrmeister) einerseits die reiche eigenständige franz. lyrische Tradition mit
ihrem vielfältigen Formenbestand weiterführte, sich andererseits aber als einer
der ersten franz. Autoren auch an der zu dieser Zeit tonangebenden
italienischen Lyrik inspirierte. Anscheinend war er es, der das Sonett in
Frankreich einführte. Er pflegte vor allem die Gattung Versepistel, wobei er
oft sehr persönlich wirkende Passagen einflicht; und er gilt als erster
Meister, wenn nicht gar Erfinder der Kurzform Epigramm. Insgesamt verfasste er
65 Episteln, 80 Rondeaus, 15 Balladen, 300 Epigramme, 27 Elegien.
Viele
seiner Gedichte gelten dem Thema Liebe, insbesondere Rondeaus und Chansons, in
denen er höchst kunstvoll, mal eher ernst, mal eher scherzhaft und mitunter
auch leicht anzüglich, die Begrifflichkeit und die Vorstellungswelt der
überkommenen höfischen Lyrik aufnimmt und variiert.
Das
Markenzeichen vor allem der Gedichte, die der leichteren Muse gelten, ist ihre
formale und stilistische Vielfalt bei gleichzeitiger Eleganz und spielerischer,
oft verspielter Leichtigkeit des Ausdrucks: der sprichwörtlich gewordene „style
marotique“.
Die
Beurteilung Marots in Frankreich war nicht immer frei von konfessionell
bestimmten Motiven. Dennoch war seine Nachwirkung groß, allein im 16.
Jahrhundert wurden die Œuvres weit über zweihundertmal nachgedruckt.
Seine
Cinquante psaumes wurden zum Kern des sog. Genfer Psalters
(Hugenottenpsalter).
Sein
Sohn Michel Marot, der Page bei Marguerite wurde, versuchte sich ebenfalls als
Dichter, erreichte aber nicht entfernt die Bedeutung seines Vaters oder auch
des Großvaters.
(Stand: Dez. 10)
Maurice Scève (* ca. 1500 in Lyon; † ca. 1560,
vermutlich ebenfalls in Lyon).
Er gilt als der bedeutendste Vertreter
der um 1550 blühenden sog. Lyoneser Dichterschule, deren einigendes geistiges
Band die idealistische neoplatonistische Vorstellung von Liebe war, die man aus
Italien übernommen hatte.
Über die Biografie Scèves ist wenig
bekannt. Er war Sohn eines städtischen Richters aus alter Lyoneser Familie und
erhielt eine gute humanistische Bildung. Er lebte überwiegend in und bei Lyon,
das zu dieser Zeit dank seiner Nähe zu Italien wirtschaftlich florierte und
auch geistig ein der Hauptstadt Paris fast ebenbürtiges Zentrum war, weil es
nicht von stockkonservativen Institutionen wie der Sorbonne oder dem Parlement
kontrolliert und erstickt wurde.
Scèves bekanntere Werke sind die Elegie
Arion (1536), die Ekloge La Saulaie, églogue de la vie solitaire
(1547) und vor allem Microcosme, ein
3000 Verse langes enzyklopädisches Gedicht (postum 1562 gedruckt). Hierin sieht
Scève den Sündenfall Adams und Evas, bzw. ihre Vertreibung aus dem Paradies,
als Voraussetzung für die Entwicklung der menschlichen Fähigkeiten und damit
allen Fortschritts, der in Form einer Traumvision Adams von der Zukunft der
Menschheit an Beispielen dargestellt wird. Des weiteren verfasste Scève sog.
Blasons, d.h. damals beliebte Gedichte, die (weibliche) Körperteile besingen,
z.B. Le Sourcil oder Le Front oder Le soupir oder La Gorge.
Seinen Ruhm schon zu Lebzeiten
verdankte Scève vor allem dem 1544 erschienenen Gedichtzyklus Délie, objet de plus haute vertu, den er
1537 begonnen hatte, nach der Begegnung mit seiner großen, aber unerfüllten
Liebe, der ebenfalls dichtenden Pernette du Guillet (ca. 1520-1545). Der Zyklus
beginnt mit einem achtzeiligen Zueignungsgedicht und umfasst dann 449
zehnzeilige Gedichte, die im Druck durch eingefügte Embleme in Gruppen
unterteilt sind, und zwar nach dem System 5+(9×49)+3. Die in zehnsilbigen
Versen verfassten Gedichte sind allesamt sehr kunstvoll, oft hermetisch. Sie
sprechen von oder richten sich an eine ideale Geliebte, die als grundsätzlich
unerreichbar vorgestellt wird, ähnlich wie die Beatrice von Dante oder die
Laura von Francesco Petrarca, deren Grab Scève 1533 in Avignon gefunden zu
haben glaubte. Mit Délie (der Name
ist ein Anagramm aus L’-I-D-E-E)
steht Scève gedanklich in der Tradition des italienischen Neoplatonismus und
stilistisch in der der sog. petrarkistischen Liebeslyrik, wie sie von dem o.g.
Petrarca um 1330 inauguriert, in ganz Mittel- und Westeuropa rezipiert und mehr
als zwei Jahrhunderte hindurch imitiert wurde.
Scève kannte sich übrigens nicht nur in
der italienischen Literatur gut aus (sowie selbstverständlich in der
lateinischen und der griechischen), sondern auch in der spanischen, deren
„siglo de oro“ (Goldenes Zeitalter) gerade begann. Er zählt zu deren ersten
franz. Mittlern mit seiner Übertragung La
deplourable fin de Flamecte, élégante invention de Jehan de Flores, espaignol,
traduicte en langue françoise (1535, = das beklagenswerte Ende Flamettas.
Eine elegante Erfindung von Juan de
Flores…).
(Stand: Dez. 10)
Jean
Calvin (eigentlich
Jean Cauvin, *10.7.1509 in Nyon/Picardie, † 27.5.1564 in Genf).
In Deutschland praktisch nur in als
wichtigster Reformator neben Luther und als Vordenker der „reformierten“
Protestanten bekannt, ist er in Frankreich, ähnlich wie Luther bei uns,
zugleich eine bedeutende Figur der Literatur- und Sprachgeschichte.
Calvin war Sohn eines wohlhabenden
Juristen, der im Dienst des Bischofs von Nyon stand und ihn zunächst für die
kirchliche Laufbahn bestimmte. Er durfte am häuslichen Unterricht der Neffen
des Bischofs teilnehmen und erhielt im Vorgriff einen Anteil an einer Pfründe
an der Kathedrale von Nyon. Mit 14 wurde er nach Paris geschickt, wo er auf
Kollegien (collèges) der Sorbonne die propädeutischen Studien der Septem Artes
liberales absolvierte und dann theologische und kirchenrechtliche Studien
betrieb. 1528 begann er jedoch auf Wunsch seines Vaters, der inzwischen in
einen Rechtsstreit mit dem Bistum geraten war, ein Studium auch des Zivilrechts
in Orléans, das er in Bourges fortsetzte und abschloss. Zurück in Paris, hängte
er nach dem Tod des Vaters (1531) die Juristerei jedoch an den Nagel und
widmete sich vor allem den im Trend liegenden humanistischen Studien, für die
er sich schon in Bourges zu interessieren begonnen hatte. In diesem Sinne
frequentierte er das soeben (1530) von König François Ier gegründete Collège
des trois langues (Latein, Griechisch und Hebräisch) bzw. Collège des Lecteurs du roi und publizierte er 1532 als erste Frucht
seiner neuen Studien einen lateinischen Kommentar zu einem Werk des römischen
Klassikers Seneca.
Schon gegen 1528 war er in Paris über
seinen Landsmann Pierre Robert, genannt Olivetan (den späteren
Bibelübersetzer), in Berührung mit den Gedanken Luthers gekommen. Seine
humanistischen Studien und seine Kontakte zu anderen franz. Humanisten, die
damals in der Regel ebenfalls mit Luther sympatisierten, vertieften seinen
reformatorischen Elan. 1533 erregte er Anstoß mit einer Rede, die er für den
mit ihm befreundeten neuen Rektor der Universität zum Amtsantritt verfasst
hatte und worin er energisch für die Reformation eintrat. Als die empörten
Theologen der Sorbonne den Rektor und ihn vor dem Parlement als Ketzer
verklagten, verschwand er aus Paris und fand zunächst unter falschem Namen
Unterschlupf bei einem Freund in Angoulême. 1534 reiste er kurz nach Nyon, um
seine Teilpfründe offiziell aufzugeben. Anschließend traute er sich zurück in
die Hauptstadt. Als nach der sog. Affaire des placards (17./18. Okt. 34) in Frankreich eine
systematische Verfolgung der Sympathisanten der Reformation begann, flüchtete
auch er erneut und fand Zuflucht in Nérac, am kleinen Hof der Schwester des
Königs, Marguerite de Navarre (s.o.), die mit den „Evangelischen“ sympathisierte.
Hier lernte er den Bibelübersetzer Jacques Lefèvre d’Étaples (s.o.) kennen, der
sich schon vorher dorthin zurückgezogen hatte. Die nachfolgenden Jahre lebte
Calvin, wie so viele Gesinnungsgenossen, unstet im Exil. Hierbei verfasste er,
überwiegend auf Latein, eine Vielzahl theologischer Schriften.
Eine davon war Christianae religionis institutio (=Unterweisung in der christlichen Religion), die seine
Hauptschrift werden sollte und die er 1535 in Basel konzipierte und
publizierte, einem Zentrum des deutschen Humanismus und Druckereiwesens der
Zeit. In einem an François Ier gerichteten Vorwort distanziert sich
Calvin von protestantischen Eiferern wie den Bilderstürmern von Münster und
gibt der Hoffnung Ausdruck, dass der König, der ja so lange dem Humanismus
aufgeschlossen gegenüber gestanden hatte, auch die Reformation unterstützt.
1536 hielt er sich einige Zeit bei der
Herzogin von Ferrara auf, der Schwägerin von François Ier, die zu dieser Zeit zahlreiche emigrierte franz.
Intellektuelle beherbergte, z.B. Clément Marot (s.o.). Auf der Rückreise kam er
erstmals in den schweizerischen Stadtstaat Genf und blieb dort bei dem hierhin
geflüchteten franz. Reformsympathisanten Guillaume Farel, der zu diesem
Zeitpunkt den Stadtrat dominierte und ihn als Verbündeten in die Politik
hineinzog. Ein Wechsel der Mehrheitsverhältnisse im Rat vertrieb sie jedoch
beide 1538.
Calvin ging nach Straßburg, einem
anderen geistigen Zentrum der Zeit, wo er, als Gast des bedeutenden Humanisten
und Reformators Bucer, seine Institutio ins Franz. übertrug und 1541 als Institution de la religion chrétienne
publizierte. Die Schrift wurde 1542 vom
Pariser Parlement verboten und 1544 sogar vom Henker verbrannt, was der
Verbreitung naturgemäß nutzte.
Inzwischen, 1541, war Calvin nach einem
neuerlichen Mehrheitswechsel im Stadtrat von Genf dorthin zurückgerufen worden.
In der nunmehr von protestantischen Emigranten majorisierten Stadt hielt er
hinfort als Pastor (frz. pasteur) jeden Tag eine Predigt und wurde mit seinen
Schriften und seiner rastlosen Aktivität zur zentralen Figur der Reformation im
franz. Sprachraum sowie den Niederlanden, Teilen des westlichen Deutschlands
und auch Englands. In dieser Rolle beriet und ermahnte er brieflich zahlreiche
protestantische Fürsten und hochgestellte Persönlichkeiten. Daneben machte er
Genf zu einer Art fundamentalistischen puritanischen Gottesstaat, wo es auch
nicht eben tolerant zuging (und wo z.B. der Dissident Michel Servet 1559
abgeurteilt und verbrannt wurde).
1560 ließ Calvin eine Neuausgabe der Institution
erscheinen, die er sprachlich und stilistisch im Sinne einer guten
Lesbarkeit auch für weniger Gebildete überarbeitet hatte. Sie wurde das erste
weitverbreitete theologische Werk in franz. Sprache und vermutlich einer der
meistgelesenen franz.sprachigen Texte des 16. Jh. überhaupt. Die nüchterne und
klare Ausdrucksweise wurde auch von Gegnern bewundert und zum Vorbild genommen.
(Stand: März 11)
Bonaventure
des Périers (*ca.
1510, wahrscheinlich in Arnay-le–Duc/Bourgogne ; † ca. 1543, wohl in Lyon,
vermutlich durch Selbstmord).
Über die Herkunft und Jugend Des
Périers’ ist so gut wie nichts bekannt. Möglicherweise stammte er aus einer
kleinadeligen Familie und erhielt jedenfalls eine passable humanistische
Bildung. 1534/35 wird er erstmals greifbar, und zwar als Randfigur in dem Team
junger Humanisten, das unter der Regie von Pierre Robert Olivetan in Neuchâtel
mit protestantischen Intentionen die Bibel übersetzte. Danach findet man ihn
als Mitarbeiter des bekannten Humanisten und Druckers Étienne Dolet in Lyon.
Sichtlich verkehrte er auch in den intellektuellen Zirkeln der Stadt, denn er
unterstützte z.B. 1536 mit einem Gedicht den aus dem Exil heimgekehrten Lyriker
Clément Marot (s.o.) in seiner siegreichen Fehde mit einem anderen Hofdichter. In
Lyon auch und ebenfalls 1536 begegnete er Marguerite de Navarre (s.o.), der mit
der Reformation sympathisierenden hochgebildeten älteren Schwester von König
François
Ier. Er schaffte es, sie mit einem Gedicht auf sich aufmerksam
machen und wurde als Kammerherr und Sekretär in ihren Dienst aufgenommen.
Seine Tätigkeit für Marguerite ließ ihm
die Muße für eigene Werke. Das wichtigste ist das unter Pseudonym Anfang 1538
herausgekommene Cymbalum mundi en français, contenant quatre dialogues
poétiques fort antiques, joyeux et facétieux (=die Pauke der Welt auf
Französisch, die vier ziemlich alte, spaßige und witzige poetische Dialoge
enthält). Das Büchlein erzählt in vier Kapiteln mit hohem Anteil von
Figurenreden satirisch von einen Besuch des Jupiter-Sohnes Merkur im alten
Athen, wo er mit allerlei seltsamen Personen und ihrem Gerede konfrontiert
wird. Dieses Gerede spiegelt und ironisiert sichtlich die Borniertheit, den
Fanatismus und den Egoismus sowohl der katholischen als auch der sich
inzwischen untereinander befehdenden protestantischen Theologen und Wortführer.
Im zweiten Kapitel z.B. glauben ein gewisser Rhetulus (=Lutherus) und Cubercus
(=Bucerus, der bekannte Straßburger Humanist und Reformator) Stücke des Steines
der Weisen finden zu können. Im letzten Kapitel, dem einzigen Dialog im engeren
Sinne, unterhalten sich zwei Hunde über die Leichtgläubigkeit, mit der Menschen
vermeintlich neuen Ideen aufsitzen.
Das sich an dem griechischen Satiriker
Lukian (2. Jh. n. Chr.) inspirierende Werk scheint vordergründig vor allem
humoristisch intendiert, ist jedoch bei näherer Betrachtung ein erster
literarischer Ausdruck von Skeptizismus und religiösem Freidenkertum zwischen
den konfessionellen Fronten. Es wurde von der Sorbonne als ketzerisch
verurteilt und vom Parlement verboten, und zwar auf persönliche Initiative von
König François (der vielleicht über seine Schwester die hintergründigen Motive
des Werkes zu kennen glaubte?). Der Drucker wurde vorübergehend eingesperrt;
Des Periers kam selbst mit dem Schrecken davon, scheint hiernach aber nur noch
verdeckt von Marguerite protegiert worden zu sein. Auch der Reformator Jean
Calvin (s.u.) tadelte später das Cymbalum in seinem Traité des
scandales (1555). Die Autorschaft Des Périers’ ist übrigens nicht
vollständig sicher, jedoch sehr wahrscheinlich.
Weitere Texte von ihm, vor allem
Gedichte, wurden 1544 als Sammelband von einem Freund herausgegeben (der im
Vorwort den Tod des Autors mitteilt). Erst 1558 erschien das Büchlein Nouvelles
Récréations et joyeux devis (=neue Unterhaltsamkeiten und lustige Reden),
eine für die Zeit typische Sammlung von Schwänken und Novellen, die von manchen
Literarhistorikern als das beste Werk Des Périers’ betrachtet wird. Er hatte es
offenbar zur etwa gleichen Zeit begonnen wie seine Gönnerin Maguerite ihre
Sammlung L’Heptaméron.
Über
die Umstände seines frühen Todes ist nichts Verlässliches bekannt, doch ist
Selbstmord wahrscheinlich.
(Stand: Dez. 10)
Jacques Amyot (* 29. Oktober 1513 in Melun; † 6. Februar
1593 in Auxerre).
Er ist zwar heute auch als Name kaum
mehr bekannt, hat aber mit seinen vielgelesenen Übertragungen griechischer
Werke die Entwicklung der franz. Literatur stark beeinflusst.
Amyot stammte aus relativ kleinen
Verhältnissen, doch konnte er sich in Paris eine theologische Bildung
einschließlich Priesterweihe verschaffen und vor allem auch humanistische
Studien betreiben. Wie so viele Humanisten dieser Jahre sympathisierte auch er
mit der Reformation und geriet 1534, als deren Unterdrückung in Frankreich
begann, kurz in Schwierigkeiten. Um 1536 war er einige Zeit Lektor (eine Art
Privatdozent) für Griechisch an der Universität von Bourges, bevor er 1540
Hauslehrer der Kinder eines Königlichen Sekretärs wurde, der als
Euripides-Übersetzer dilettierte. Über ihn erhielt er Kontakt zu König François
Ier, der ihn 1542 mit einer Übertragung von Plutarchs „parallelen
Biografien“ berühmter Griechen und Römer (ca. 110 n. Chr.) beauftragte und ihm
kurz vor seinem Tod 1547 eine einträgliche Kirchenpfründe zuwies.
Die erste Übertragung, die Amyot
erscheinen ließ, war allerdings 1548 die der Äthiopika von Heliodor (3. Jh. n. Chr.), der abenteuerreichen
Liebesgeschichte des Theagenes und der schönen Chariklea. Das ohne Nennung des
Übersetzers publizierte Buch (denn Liebesromane waren für Geistliche eher tabu)
wurde in Frankreich, und nicht nur hier, unendlich viel gelesen und nachgeahmt,
zu Theaterstücken verarbeitet (z.B. von Jean Racine, s.u.) und noch 1758 von
Voltaire (s.u.) in Candide parodiert.
Zwischen 1548 und 52 unternahm Amyot
mehrere längere Reisen nach Venedig und Rom, um dort Manuskripte seiner
griechischen Autoren einzusehen. 1554 brachte er eine Übertragung von sieben
Büchern der monumentalen Universalgeschichte des Diodoros von Sizilien († ca.
30 v. Chr.) heraus.
1557 wurde er von König Henri II und
seiner Gemahlin Catherine de Médicis zum Hauslehrer ihrer jüngeren Söhne
Charles (*1550) und Henri (*1551) bestellt. Als Charles nach dem raschen Tod
seines soeben auf den Thron gelangten älteren Bruders François II (1559-60) diesem nachfolgte,
wurde Amyot von ihm zum „Grand aumônier (=Großalmosenier) de France“ befördert.
Kurz zuvor (1559) hatte er endlich die
Übertragung herausgebracht, an der er seit langem arbeitete und die als seine
wichtigste gilt: Les vies des hommes
illustres grecs et romains, comparées l'une avec l'autre par Plutarque,
eine Sammlung von 46 Biografien historischer Figuren, die paarweise (z.B.
Alexander und Cäsar) mit einander verknüpft sind. Die für heutige Begriffe sehr
freie Übertragung war offenbar dem Erwartungshorizont franz. Leser gelungen
angepasst und wurde sofort ein großer Bucherfolg. Noch zu Lebzeiten Amyots
erschienen vier von ihm überarbeitete Neuauflagen sowie jeweils zahlreiche
Nachdrucke. Auch in den nachfolgenden Jahrhunderten wurde der Plutarque immer wieder gedruckt, war
obligate Lektüre für alle Gebildeten und eine wichtige Stoffquelle für Roman-
und Theaterautoren.
Ebenfalls 1559 publizierte Amyot,
einmal mehr ohne sich zu nennen, eine Übertragung von Longos’ idyllischem
kleinen Liebesroman um die jungen Hirten Daphnis und Chloe (2. Jh. n. Chr.),
der die Schäferliteratur im Frankreich der Zeit etablieren half.
Die 1562 beginnenden Bürgerkriege
zwischen Protestanten und Katholiken tangierten ihn offenbar nicht sofort und
unmittelbar. Vielmehr konnte er eine Übertragung vermischter
moralphilosophischer Schriften Plutarchs vollenden, die 1572 unter dem Titel Œuvres morales erschien. Auch sie war
ein großer Erfolg, wurde z.B. von Montaigne (s.u.) bewundert und beeinflusste die
nachfolgende franz. Essayistik und Moralistik.
Inzwischen, 1570, war Amyot zum Bischof
von Auxerre ernannt worden. In dieser Rolle entwickelte er sich zum energischen
Verfechter eines katholisch orientierten staatlichen Zentralismus in
Frankreich, in dem er das einzige Heilmittel sah gegen die ständig neu
aufflammenden Religionskriege (deren Ende 1598 er nicht mehr erlebte).
(Stand: Jan.
11)
Louise Labé (* 1524 nahe
Lyon; † 25.4.1566 nahe Lyon).
Zu ihren Lebzeiten vor allem als
emanzipierte Frau avant la lettre bekannt, gilt sie seit ihrer Wiederentdeckung
gegen Ende des 18. Jh. als eine der bedeutendsten franz. Lyrikerinnen.
Sie war Tochter aus der zweiten Ehe des
wohlhabenden Seilfabrikanten Pierre Charly, genannt L’Abbé oder Labé, und wuchs
auf im damals wirtschaftlich und intellektuell prosperierenden Lyon. Sie
erhielt eine für eine junge Bürgerliche der Zeit vorzügliche und vielseitige
Bildung und lernte nicht nur mehrere Sprachen sowie die Laute spielen, sondern
auch (wenn man ihrer dritten Elegie glaubt), kunstvoll zu sticken, zu reiten
und sogar zu fechten. Sie wurde jung mit einem deutlich älteren reichen
Seilfabrikanten verheiratet und hieß fortan „la Belle Cordière“, die schöne
Seilerin.
In ihrem Salon versammelte sie die
Lyoneser Schöngeister und Literaten, z.B. den bekannten Lyriker Maurice Scève
(s.o.). Sie ließ sich von ihnen anhimmeln und animierte sie, über alle Aspekte
der Liebe und nicht zuletzt auch über die Stellung und Rolle der Frau in
Dichtung und Gesellschaft zu diskutieren und zu schreiben. Auch selbst schrieb
sie zumindest gelegentlich. Nach ihrer frühen Verwitwung stellte sie 1555 einen
Sammelband ihrer Werke zusammen und brachte ihn bei dem sehr aktiven Lyoneser
Drucker Jean de Tournes heraus unter dem Titel Œuvres de Louise Labé, Lyonnaise.
Der schmale Band enthält (neben 24
Gedichten befreundeter Autoren) den Prosatext Le Débat d'Amour et de Folie, ein naturgemäß unernster Disput zwischen
Amor und der Torheit samt Plädoyers von Apollo und Merkur sowie dem
Schiedspruch Jupiters, weiter drei kürzere Elegien im Stil Clément Marots
(s.o.) und vor allem die berühmten 24 petrarkistischen Sonette, deren 3 oder 4
besten zu den schönsten Gedichten in franz. Sprache zählen. Insgesamt wirken
die Sonette für die Epoche ungewöhnlich bekenntnishaft und handeln, wie schon
die Elegien, von der Leidenschaft eines weiblichen Ich, zweifellos der Autorin
selbst, zu einem seinerseits nur lauen Geliebten, hinter dem sich wohl der
heute praktisch unbekannte Literat Olivier de Magny verbirgt.
Einige
Jahre später (1560) zog sich Labé auf ein Landgut nahe Lyon zurück, wo sie
relativ jung verstarb. Ihr Testament ist eines der wenigen Dokumente, die aus
ihrem Leben erhalten sind.
Obwohl
ihre Œuvres bald nach dem Erscheinen
mehrfach, auch an anderen Orten, nachgedruckt worden waren, geriet sie im schon
im späten 16. Jh. in Vergessenheit. Eine Ursache war sicher der Ausbruch der
Religionskriege 1562, ein anderer Grund war vielleicht, dass der Reformator
Calvin, der wohl im nahen Genf von ihr gehört hatte, sie um 1560 wegen ihres
unkonventionellen, für eine Frau leicht als unschicklich empfundenen
Lebenswandels als „ordinäre Hure“ (plebeia meretrix) geschmäht hatte und auch
die wieder prüder gewordenen Katholiken diese negative Wertung übernahmen. Ihre
Wiederentdeckung wurde eingeleitet von einer Neuausgabe ihres Werkes um 1760.
Seitdem gilt sie neben Scève als die bedeutendste Vertreterin der um 1550
blühenden sog. Lyoneser Dichter-Schule.
In Deutschland ist sie nicht unbekannt
dank der naturgemäß recht freien Übertragungen ihrer Sonette durch Rilke (1917)
und der noch freieren von Paul Zech (postum 1947). Auch in andere Sprachen
wurden die Sonette im 19./20. Jh. erstaunlich oft übertragen.
2006 stellte eine Pariser
Literaturhistorikerin die These auf, dass die unter Labés Namen gedruckten
Werke in Wahrheit nicht von ihr selbst verfasst seien, sondern von anderen
Lyoneser Autoren (z.B. der Débat von Scève und die Sonette von Magny).
Die These ist jedoch angesichts des Fehlens von einschlägigen Dokumenten oder
Zeugnissen schwer zu erhärten. Zu einem angemesseneren oder gar richtigeren
Verständnis der Texte führt sie nicht.
(Stand: Jan. 08)
Joachim du Bellay (* um 1522 auf dem Herrensitz La Turmelière in Liré bei
Angers; † 1.1.1560 in Paris).
Er gilt neben Pierre de Ronsard (s.u.)
als der bedeutendste franz. Lyriker der Mitte des 16. Jh.
Du
Bellay (alphabetisch unter D einzuordnen!) war jüngerer Sohn aus einer ärmeren
Linie eines alten Adelsgeschlechts des Anjou. Über seine jungen Jahre ist
nichts Genaues bekannt. Offenbar verlor er sehr früh seine Mutter, war mit 10
Jahren Vollwaise und verlebte, von Kindheit an kränklich, unter der
Vormundschaft seines 15 Jahre älteren Bruders eine freudlose Jugend. Eine
solide Bildung erhielt er angeblich nicht, doch will er früh gedichtet haben.
1540 begann er ein Jurastudium in Poitiers, sicher mit der Absicht, sich für
einen Posten in der königlichen Verwaltung bzw. Gerichtsbarkeit zu
qualifizieren, den er sich erhoffen konnte dank der Protektion zweier Cousins
seines Vaters: des Heerführers Guillaume de Langey und vor allem des Bischofs
von Paris und Kardinals Jean du Bellay.
In
Poitiers fand er Anschluss an einige humanistisch gebildete Literaten, insbes.
Jacques Peletier du Mans (1517-82), und neulateinische Dichter. In diesem Kreis
verfasste er Verse, ebenfalls zum Teil auf Latein. Spätestens hier lernte er
zudem Italienisch und beschäftigte sich mit den Autoren der italienischen
Renaissance, vor allem der Lyrik von Francesco Petrarca und dessen Nachfolgern.
Vielleicht
schon 1543, bei der Beerdigung Langeys, hatte er den wenig jüngeren
Dichterkollegen Pierre de Ronsard (s.u.) kennen gelernt. Bei einer
Wiederbegegnung 1547 ließ er sich von ihm bereden, nach Paris zu kommen, um
dort mit ihm bei dem bekannten Gräzisten Jean Dorat (1508-88) am Collège de
Coqueret Studien auch der altgriechischen Literatur zu treiben. Wenig später
gründete er mit Ronsard sowie einigen anderen, heute kaum bekannten Autoren
einen Dichterkreis, den man zunächst „la brigade“ (= Trupp, Gruppe) nannte und
der später (wohl 1556) von Ronsard in „la Pléiade“ (= Siebengestirn) umgetauft
wurde.
Der Wechsel Du Bellays nach Paris trug
rasch Früchte. Schon im März 1549 publizierte er zwei bedeutsame Werke: das
programmatische Büchlein La Défense et
illustration de la langue française (= Verteidigung und Berühmtmachung der
franz. Sprache), das er seinem Verwandten, dem Kardinal, widmen durfte, sowie
die Gedichtsammlung L'Olive et quelques
autres œuvres poétiques (= die Olive und einige andere lyrische Texte).
Die Défense war ein Manifest der
Theorien und der künftigen Praxis der Brigade-Autoren und war sicher die Frucht
vieler Diskussionen in ihrem Kreis. Im ersten Teil wird das Französische zu
einer Sprache von der gleichen Dignität proklamiert wie das Griechische,
Lateinische oder auch Italienische; allerdings seien seine
Ausdrucksmöglichkeiten und damit seine Eignung als Literatursprache durch die
Dichter noch zu verbessern, und zwar vor allem durch die produktive
Anverwandlung bedeutender Werke der genannten Sprachen. Der zweite Teil ist
eine Poetik (die viele Anstöße einer im Vorjahr erschienenen Poetik des Pariser
Juristen Thomas Sébillet verdankt), d.h. eine Anleitung zum Dichten. Neu ist,
dass auch hier eine Orientierung der franz. Literatur, insbes. der Lyrik, an
den Themen und am Formenschatz der antiken sowie der inzwischen als vorbildhaft
geltenden italienischen Literatur gefordert wird, und zwar unter konsequenter
Abkehr von der eigenen, angeblich mittelalterlich-gestrigen franz. Tradition,
wie sie vor allem der eine Generation ältere Clément Marot (s.o.) und seine
Schüler repräsentierten. Die zu ihrer Zeit zwar kurz diskutierte, dann aber nur
noch mäßig beachtete Défense wurde
im 19./20. Jh. von patriotischen Literarhistorikern, denen der selbstbewusste,
quasi nationalistische Tenor Du Bellays gefiel, zu einem Schlüsseltext
stilisiert.
L’Olive war die erste Sonett-Sammlung der
franz. Literatur und, neben dem Gedichtband Délie von Maurice Scève
(1544, s.o.), eine der ersten franz. Sammlungen petrarkistischer Lyrik. Die
äußerst kunstvollen, auf heutige Leser oft manieriert wirkenden Sonette des
Bändchens inspirieren sich überwiegend an italienischen Vorbildern und kreisen
zumeist um eine unerreichbare ideale Geliebte namens Olive (deren eventuelle
reale Identität unbekannt, aber auch unerheblich ist). Hierbei nimmt Du Bellay
Gedankengut des Neoplatonismus auf, sowie gelegentlich auch christliche
Vorstellungen. Ende 1550 brachte er eine zweite, von 50 auf 115 Stücke
erweiterte Auflage heraus. Diese durfte er der Prinzessin Marguerite zueignen,
der er im Vorjahr mit einem Begrüßungsgedicht an ihren Bruder, den neuen König
(ab 1547) Henri II, aufgefallen war und die ihm auch weiterhin eine Gönnerin
blieb.
Seinen humanistischen Interessen
folgend betätigte Du Bellay sich zugleich als Vermittler lateinischer Klassiker
und ließ 1552 eine Nachdichtung von Buch IV der Äneis Vergils und andere
freie Übertragungen erscheinen. Anfang 1553 publizierte er ein weiteres
Bändchen Gedichte, Recueil de poésie
(=Gedichtsammlung).
Sein
Gesundheitszustand in diesen Jahren war offenbar prekär (Tuberkulose?); u.a.
litt er zunehmend unter Schwerhörigkeit, die ihm, dem ohnehin eher Depressiven,
das Leben zusätzlich verdüsterte. Ebenfalls prekär war seine materielle
Situation; anscheinend war er gezwungen, längere Prozesse um Besitzansprüche zu
führen.
Im April 53 ließ er sich, da er nach
dem Tod seines Bruders einen Neffen zu versorgen hatte, in die Dienste seines
Onkels zweiten Grades, Kardinal du Bellay, aufnehmen, eines hochgebildeten
Mannes, der bis kurz zuvor François Rabelais (s.o.) protegiert hatte. Wenig später
begleitete er ihn nach Rom, wohin jener, einmal mehr, als Gesandter des franz.
Königs reiste, um den Papst, d.h. den Kirchenstaat, auf die Seite Frankreichs
zu ziehen in dessen kriegerischem Ringen mit Kaiser Karl V. (der auf dem 1551
beendeten Konzil von Trient gerade seine Macht gegenüber dem Papst demonstriert
hatte).
Der Rom-Aufenthalt Du Bellays dauerte
gut vier Jahre, wobei er als Majordomus des Kardinals dessen prächtigen Palazzo
und Hausstand verwaltete. Zwar bot ihm die Stadt dank der vielfältigen
Beziehungen seines Dienstherrn neue Horizonte und bekam er Anschluss an
Literatenkreise, wobei er einen Freund gewann in dem (heute kaum bekannten)
Dichter Olivier de Magny, dem Sekretär eines anderen franz. Kardinals; doch
absorbierte ihn sein Posten offenbar mehr als erwartet, ohne, wie es ihm
schien, Karriereperspektiven zu eröffnen. Auch desillusionierten ihn die
Einblicke, die er in die Verhältnisse am päpstlichen Hof und in die große
Politik erhielt. So erlebte er 1555 zwei Papstwahlen samt ihren Intrigen
hautnah mit, zumal bei der zweiten auch Du Bellay kurz Kandidat war; und 1556
sah er enttäuscht, wie jener in Ungnade fiel bei König Henri, der ohne
Rücksicht auf ihn und die Bundesgenossen, insbes. den Papst, überraschend einen
Waffenstillstand mit dem spanischen König Philipp II. schloss, dem Sohn Kaiser
Karls, der dessen italienische Interessen weiter verfolgte.
Immerhin verfasste Du Bellay in diesen
römischen Jahren zahlreiche Gedichte. Auch hatte er, mit einer nicht nur
idealen Faustina, ein reales Verhältnis.
Im Spätsommer 1557 kehrte er mit dem
Kardinal zurück nach Paris, wo er von ihm mit mehreren Pfründen versorgt wurde,
deren Einkünfte er allerdings, wie üblich, mit den Priestern teilen musste, die
ihn jeweils vor Ort vertraten. Ob er sich im Hinblick auf die Übernahme solcher
Pfründen irgendwann zumindest die niederen Weihen erteilen lassen hatte,
scheint nicht bekannt. Unbedingt nötig war dies nicht.
In Paris fand er wieder Anschluss an
die alten sowie auch an neue Literatenkollegen. Darüber hinaus versuchte er mit
Gedichten zu verschiedenen offiziellen und anderen Anlässen am Königshof Fuß zu
fassen, so wie dies während seiner Abwesenheit Freund Ronsard geschafft hatte,
den er sichtlich beneidete.
Die Zeit nach der Rückkehr war sehr
fruchtbar für Du Bellay. Im Januar 1558 ließ er sein wohl bedeutendstes Werk
erscheinen: Les regrets (= Klagen). Es ist eine Sammlung von 191 Sonetten mit
vielfältiger Thematik, aber einem gemeinsamen Unterton von Nostalgie,
Frustration und Desillusion. Der größte Teil der Texte ist in Rom verfasst, ein
kleinerer nach der Heimkehr. Sie beklagen, erstaunlich bekenntnishaft,
existenzielle und psychische Nöte des Autors, insbes. sein Heimweh in Rom und
die Enttäuschung seiner Karrierehoffnungen dort sowie, anschließend, auch in
Paris. Andere kommentieren, zunächst meist im Vergleich mit den vermeintlich
besseren franz. Verhältnissen, aktuelle Ereignisse und Zustände der hohen und der
weniger hohen Politik in Rom. Wieder andere karikieren sarkastisch die Höflinge
dort, danach aber auch deren Kollegen in Paris, was natürlich wenig dazu
beitrug, dem heimgekehrten Autor Sympathien am franz. Hof zu verschaffen. Viele
der Gedichte sind, so als wären sie Briefe, an namentlich genannte Freunde
(z.B. Ronsard) und Bekannte gerichtet. Insgesamt war der Band der Regrets insofern
neuartig und epochemachend, als er die Gattung Sonett als geeignetes Medium
nicht nur für das Thema Liebe, sondern für ein breites Themenspektrum
etablierte.
Ebenfalls im Januar 58 brachte Du
Bellay den Sammelband Divers jeux rustiques (= diverse ländliche Spiele)
heraus. Dieser enthält, ähnlich wie Ronsards Bändchen Folâtries von
1553, Gedichte der verschiedensten Gattungen und Sujets und zeigt, wie der
Titel andeutet, einen überraschend heiteren, manchmal sogar witzigen Du Bellay.
Den melancholischen wiederum bietet Le premier livre des antiquités de Rome (= Buch I der römischen Altertümer),
ein im März gedrucktes Bändchen mit 32 Sonetten. Hauptthema der ebenfalls
zumeist in Rom verfassten Gedichte sind die in der Stadt (die in der Spätantike
stark geschrumpft war) und in ihrer Umgebung verstreuten antiken Ruinen bzw.
das Gefühl von Vergänglichkeit und Vergeblichkeit, das sie in Du Bellay
auslösten. Dasselbe Gefühl spiegeln die 15 Sonette, die unter dem Sammeltitel Songe
(= Traum) an die Antiquités angehängt sind und eine Traumvision in 15
Bildern schildern, worin jeweils eine zunächst glanzvolle Erscheinung am Ende
unrühmlich in sich zusammenfällt.
Zugleich mit den Antiquités gab
Du Bellay eine vierbändige Sammlung seiner lateinischen Gedichte heraus, von
denen einige relativ offen sein Verhältnis zu Faustina behandeln. Ende des
Jahres erschien seine Übertragung von Platos Symposion.
Ebenfalls 1558 konnte er endlich den
lange erhofften Karrieresprung verzeichnen: Er erhielt einen höheren Posten in
der Verwaltung des Erzbistums Paris. Allerdings profitierte er kaum noch
hiervon, denn er starb, depressiv und nach längerem Kränkeln, mit 37(?) an
einem Herzschlag in der Nacht vom 1. auf den 2. Jan. 1560.
Postum kamen 1561 nochmals ein Bändchen
Lyrik sowie einige andere Texte heraus. Hierunter sind einige politisch
intendierte Discours (= Reden) in Versform, mit denen Du Bellay auf die
Eskalation der innenpolitischen Spannungen gegen Ende der 1550er Jahre reagiert
hatte. Die grausame Bestrafung der sog. Verschwörung von Amboise (1560) und den
Ausbruch der Religionskriege 1562 erlebte er nicht mehr.
1568/69, in einer Friedenspause
zwischen dem Zweiten und dem Dritten Religionskrieg, erschien die erste
Gesamtausgabe seiner Werke, die mehrfach nachgedruckt wurde.
Auch aus der Distanz von fast fünf
Jahrhunderten gesehen wirken viele seiner Gedichte lebendig und authentisch,
seine Figur in ihrer Tragik sympathisch. Für sich selbst und seine Umgebung war
er zweifellos (anders als sein glücklicherer Freund und Rivale Ronsard) ein
schwieriger Fall.
(Stand: Dez. 10)
Pierre de Ronsard (* 6.9.1524 auf
dem Herrensitz La Possonnière/Vendômois; † 27.12.1585 in Croix-Val/Vendômois).
Obwohl von den Zeitgenossen als “prince
[Fürst] des poètes“ hoch geschätzt, geriet er nach 1600 in Vergessenheit. Seit
seiner Wiederentdeckung durch die Romantiker gilt er als der bedeutendste
franz. Lyriker der 2. Hälfte des 16. Jh.
Ronsard war jüngerer Sohn eines
gebildeten und literarisch dilettierenden Adeligen, der sich als Offizier in
den Italienkriegen der Könige Louis XII und dann François Ier hervorgetan hatte und von 1526 bis 1530 länger von seiner
Familie getrennt war, weil er den beiden ältesten Söhnen von König François als Haushofmeister diente, während
sie in Madrid von Kaiser Karl V. als Geiseln festgehalten wurden.
Nachdem er zunächst von seinem Vater
unterrichtet worden war, wurde Ronsard mit 9 aus dem ländlichen Schlösschen der
Familie ins ferne Paris geschickt, um dort als Internatsschüler das Collège de
Navarre zu besuchen. Schon nach sechs Monaten holte man ihn jedoch wieder heim.
Mit 12 kam er erneut in die Hauptstadt, diesmal an den Hof. Hier wurde er,
sicher dank der Nähe seines Vaters zum König und zu dessen Söhnen, Page bei dem
ältestem, dem Thronfolger. Als dieser wenig später starb, wurde er dem dritten
Sohn, Charles, zugewiesen. Nicht lange danach, im Sommer 1537, wurde er an die
17jährige Tochter des Königs, Madeleine, weitergereicht, die soeben mit dem
jungen schottischen König James Stuart verheiratet worden war. In ihrem Gefolge
fuhr er nach Schottland und blieb dort bis zu ihrem frühen Tod (1538). Die
Heimreise führte ihn auf dem Landweg durch England und Flandern. Mit 14 zurück
in Paris, wurde er wieder Page bei Charles. 1539 ging es erneut nach
Schottland, diesmal im Gefolge der neuen Braut des Schottenkönigs, Marie de
Guise.
1540 begleitete er den franz.
Diplomaten Lazare de Baïf, einen Verwandten, auf einer dreimonatigen Reise ins
westliche deutsche Reich, u.a. ins Elsass, von wo aus jener Kontakt mit
protestantischen deutschen Fürsten aufnehmen sollte als potenziellen
Bundesgenossen Frankreichs gegen Kaiser Karl V.. Über den
hochgebildeten Baïf kam Ronsard mit humanistischem
Gedankengut in Berührung.
Von der Reise zurück, erlitt er eine
Krankheit (Mittelohrentzündung?), die ihn „halb taub“ (einseitig ganz taub? beiderseits schwerhörig?) werden ließ. Er
gab deshalb die bis dahin wohl angestrebte Offiziers- und/oder Höflings- und
Diplomatenlaufbahn auf und kehrte nach Hause zurück. Hier las er, insbes.
lateinische Literatur, und übte seine Feder an franz. und lateinischen Versen
sowie an Nachdichtungen von Texten der großen römischen Dichter Vergil (ca. 70
– ca. 20 v. Chr.) und vor allem Horaz (ca. 65 - ca. 8 v. Chr.).
Mit 18 (1543) ließ er sich die niederen
Weihen erteilen, um bei Gelegenheit eine oder sogar mehrere Kirchenpfründen
bekommen zu können, über die die franz. Könige das Verfügungsrecht hatten und
mit denen sie vorzugsweise jüngere Söhne adeliger Familien versorgten. Im
selben Jahr zeigte er seine Nachdichtungen horazischer Oden dem etwas älteren
Humanisten Jacques Peletier du Mans, der ihn ermutigte.
1545, nach dem Tod des Vaters, ging er
zurück nach Paris. Hier fand er Aufnahme bei Baïf und nahm teil an dem Unterricht, den
dessen (gut sieben Jahre jüngerer) Sohn Jean Antoine von seinem Hauslehrer
erhielt, dem Gräzisten Jean Dorat (1508-1588). Beide Schüler folgten Dorat, als
er 1547 Direktor des humanistisch ausgerichteten Pariser Collège de Coqueret
wurde. Ronsard mietete sich sogar bei Dorat ein und begann unter seinem
Einfluss, Oden auch des altgriechischen Autors Pindar (521-441) nachzudichten.
Vielleicht schon 1543, bei einer
Beerdigung, hatte er den wenig älteren Joachim du Bellay (s.o.) kennengelernt,
der ähnliche Interessen verfolgte wie er. Ende 1547 traf er ihn auf einer Reise
wieder und bewog ihn, ebenfalls nach Paris zu kommen, um bei Dorat in die
Schule zu gehen. Zweifellos war er hiernach ein wichtiger Diskussionspartner Du
Bellays und somit beteiligt an der Konzeption von dessen programmatischer
Schrift La Défense et illustration de la langue française (s.o.), die Anfang 1549 erschien.
Im selben Jahr 49 schlossen sich
Ronsard, Du Bellay, Jean Antoine de Baïf, Dorat sowie einige weitere
humanistisch interessierte Literaten zu einem Kreis zusammen, den sie zunächst
„La Brigade“ = Schaar, Gruppe nannten (und der um 1556 von Ronsard, der rasch
zum informellen Chef avancierte, auf sieben Mitglieder eingegrenzt und in „La
Pléiade“ = Siebengestirn umgetauft wurde).
1550 publizierte er seine bis dahin
verfassten Oden in dem Sammelband Les quatre premiers livres des Odes,
dem er 1552 eine Fortsetzung folgen ließ als Le cinquième livre des Odes.
Der Publikumserfolg der Oden, mit denen
er eine neue Gattung in der franz. Literatur heimisch zu machen und sich selbst
als „erster französischer lyrischer Autor“ (Vorwort) zu etablieren gedachte,
war geringer als erhofft. Zwar behandelten die Texte in einer Vielfalt von
Formen eine Vielzahl von Themen, z.B. das Preisen mehr oder weniger bedeutender
Personen (à la Pindar), das Lob schöner Natur oder des Glücks eines einfachen,
den Augenblick genießenden Lebens in ländlicher Idylle (à la Horaz). Doch waren sie - vor allem die pompösen pindarischen Oden
von Buch I und Buch V – häufig mit Gelehrsamkeit überfrachtet und zielten
sichtlich mehr auf den Beifall der Freunde als einer breiteren
Leser-/Hörerschaft. Zumal der Hof, zu dem Ronsard als Jugendgefährte des seit
1547 herrschenden Königs Henri II Zutritt hatte, reagierte kühl und bevorzugte
die gefälligen Gedichte, wie sie insbes. der quasi offizielle Hofdichter Mellin
de Saint-Gelais im Stil Clément Marots (s.o.) produzierte.
Ronsard nahm sich die Lektion zu
Herzen. So ließ er noch 1552 unter dem Titel Les Amours de Cassandre
einen Sammelband seiner neben den Oden verfassten Liebesgedichte – fast
ausschließlich Sonette - erscheinen. In ihnen besingt er eine gewisse Cassandra
Salviati, die er am 21. April 1545 bei einem Hoffest in Blois als 13jähriges
Mädchen in einer ähnlich flüchtigen poetischen Szene erblickt haben will wie
Dante seine Muse Beatrice oder Petrarca am 6. April 1327 seine Laura. Wie weit
diese Fernliebe echt empfunden war oder nur imaginiert, ist kaum zu
entscheiden. Ein wichtiger Ansporn für Ronsard war sicher der Umstand, dass
sein Freund Du Bellay schon vor ihm begonnen hatte, eine Muse namens Olive in
Sonetten zu bedichten, die 1549 und 1550 als die erste Sammlung
petrarkistischer Liebessonette in Frankreich erschienen waren.
Die Gedichte der Amours trafen,
obwohl sie im manieristischen Stil des Petrarkismus der Zeit gehalten waren,
den Geschmack am Hof schon besser als die Odes. Vor allem aber näherte
Ronsard sich mit den Texten, die er anschließend schrieb, dem Stil Marots und
seiner Schule an, den er in der Vorrede zu den Odes noch herablassend
kritisiert hatte, um sich stolz als Jünger der Griechen und der Römer zu
präsentieren. Darüber hinaus imitierte er, neben Horaz, nun auch Anakreon, d.h.
die von Liebe, Wein und Lebenslust handelnden Lieder, die (fälschlich, wie man
heute weiß) dem alten Griechen Anakreon zugeschrieben wurden und die sein
Brigade-Freund Henri Estienne gerade herausgab (ersch. 1554), während sich
zugleich ein weiterer Brigade-Freund, Rémi Belleau, mit ihrer Übertragung
befasste (ersch. 1556).
Seine Hinwendung zu einem breiteren,
wenn auch überwiegend höfischen Publikum zeigen die nächsten Sammelbände
Ronsards. Sie vereinen in bunter Mischung längere Oden sowie kürzere „Ödchen“
(odelettes), Sonette, Lieder, Elegien, Epigramme und andere Gedichte
verschiedener Gattungen und unterschiedlichster Thematik. Ihre Titel lauten
bezeichnenderweise Le Livret des
folâtries, 1553 (= das Büchlein
der Späße), Le Bocage, 1554 (= das Wäldchen) und Mélanges,
1554 (= Vermischtes).
Ronsards Bemühungen wurden nicht nur
durch die Gunst des Publikums belohnt, sondern auch von König Henri, der ihm
1553 einige Pfründen zuwies (die kumulierbar waren). Hiermit war er finanziell
erfreulich unabhängig, so dass er z.B. seine unmündigen Nichten und Neffen
unterstützen konnte, als 1556 sein älterer Bruder verstarb.
1555 hatte er wieder ein Bändchen
Liebesgedichte zusammen, die er als La Continuation [Fortsetzung] des Amours
in Druck gab. 1556 ließ er ein weiteres Bändchen folgen: La nouvelle [neue]
continuation des Amours. Beide enthalten Gedichte unterschiedlicher Form,
die in einem natürlicher wirkenden „niederen“ Stil anfangs noch Cassandre
besingen und später ein einfaches Mädchen namens Marie, die Ronsard Anfang 1555 als 15-Jährige kennengelernt
hatte.
Ebenfalls 1555 und 56, aber wie ein
Kontrastprogramm, ließ er zwei Bände mit dem Titel Innes (= Hymnen)
erscheinen. Denn er pflegte seit einiger Zeit eine weitere Versgattung nach
griechischem Vorbild: längere Texte in paarweise reimenden Zehnsilblern oder
Alexandrinern zum Lobpreis bedeutender Personen am Hof, z.B. des Kanzlers
Michel de l’Hospital, aber auch mythologischer Figuren oder abstrakter
Wesenheiten wie die Ewigkeit oder der Tod. Die Innes trugen sichtlich
dazu bei, das Ansehen Ronsards am Hof zu erhöhen.
1558, nach dem Tod von Saint-Gelais, er
bekam dessen Amt eines „conseiller et aumônier du roi“ (Königlicher Rat und
Almosenier) übertragen. Zugleich fiel ihm wie selbstverständlich die Rolle
eines Hofdichters zu, der zu vielerlei Anlässen Gelegenheitsgedichte
produzierte.
Auch nach dem Unfalltod von Henri II
(1559) blieb die Position Ronsards am Hof intakt. 1560 erhielt er von dem neuen
jungen König François II (1559-60) bzw. der Königinmutter und Regentin
Catherine de Médicis weitere Pfründen und war damit ein wohlhabender Mann.
Ebenfalls 1560 ließ er eine erste
Gesamtausgabe seiner Werke erscheinen, die er in vier Sektionen bzw. Bände einteilte:
Les Amours, Les Odes, Les Poèmes (Gedichte verschiedenster
Art) und Les Hynnes. Diese Einteilung behielt er in den nächsten
Neuausgaben bei, wobei er die zwischenzeitlich neu entstandenen Gedichte
jeweils in die passenden Sektionen einfügte.
1561 präsentierte er dem neuen, erst
12jährigen König Charles IX (1560-74) ein Lehrbuch für junge Monarchen (Institution
[Unterweisung] pour l’adolescence du Roi). Das in Alexandrinern verfasste
Büchlein zielte zweifellos vor allem auf den Beifall der Regentin. Den
verdeckten Hintergrund bildete allerdings die innenpolitische Situation in
Frankreich, wo seit dem Vorjahr 1560 die Spannungen zwischen Katholiken und
Reformierten stark eskaliert waren.
Als 1562 offener Bürgerkrieg ausbrach,
konnte Ronsard, der sich bis dahin eher als ein Hohepriester der Dichtkunst
gesehen hatte, die Politik nicht mehr nur indirekt behandeln. Da er offenbar
der Reformation nicht völlig ablehnend gegenüber gestanden hatte, versuchte er
zunächst ausgleichend zu wirken und veröffentlichte in diesem Sinne als
Broschüren mehrere „Reden“ (discours) in gereimten Alexandrinern: D. à la Reine = Rede an die Königin; D.
sur les misères de ce temps =
Rede über die Nöte der Gegenwart; Rémontrance
au peuple de France = Mahnung an das franz. Volk (alle 1562). Wenig später
allerdings engagierte er sich entschieden auf Seiten der katholisch gebliebenen
Krone und wurde zum gefürchteten Pamphletisten, wobei er sicher auch an seine
hübschen Kirchenpfründen dachte, die er als Protestant hätte aufgeben müssen.
Als ihm die Gegenseite, um ihn zu diskreditieren, einen Hang zum Wohlleben
vorwarf, konterte er mit der Réponse aux
injures et calomnies de je ne sais quels prédicantereaux et ministreaux de
Genève (= Antwort auf die Anwürfe und Verleumdungen irgendwelcher
[protestantischer] Genfer Prediger- und Priester-Laffen, 1563). Naturgemäß war
er hiermit für die Protestanten abgestempelt als katholischer Autor.
1564 und 1566 begleitete er Charles IX
und die Königinmutter auf zweien ihrer nur kurzfristig erfolgreichen
Befriedungsreisen in die Provinz. Zwischendurch, 1565, publizierte er jedoch
auch wieder Unpolitisches: den Gedichtband Élégies, mascarades et bergeries
[Schäfereien], der vor allem Gelegenheitslyrik aus seiner Rolle als
Hofdichter enthält, sowie einen Abrégé de l'art poétique [=Abriss der
Dichtkunst], worin er grosso modo das Programm der Pléiade resümiert.
Nach 1566 zog er sich aus der Politik
wieder zurück und weilte immer häufiger in seinem Priorat Saint-Cosme in der
Touraine, das er 1565 erhalten hatte. Hier stellte er 1567 eine neue
Gesamtausgabe seiner Werke fertig, der er 1569 zwei Bändchen mit diversen
„poèmes“ folgen ließ.
Anschließend machte er sich an das
große Projekt seines Lebens: das Versepos La Franciade. Schon 1550 hatte
er Henri II den Plan eines Epos um den legendären Frankenreichgründer Francus
unterbreitet, das sich inspirierte an den Illustrations de Gaule et
singularités de Troye von Jean Lemaire de Belges (1511-13, s.o.). Jetzt,
fast 20 Jahre später, nahm er das Werk endlich in Angriff, nicht zuletzt mit
der Absicht, dem konfessionell gespaltenen und soeben in den Dritten
Religionskrieg (1569/70) gerutschten Frankreich ein nationales Epos nach dem
Muster von Vergils Aeneis zu geben. 1572 gab er 4 von 24 geplanten
Gesängen in Druck, sie erschienen wenige Tage vor dem Protestantenmassaker der
Bartholomäus-Nacht (22./23. August). Hiernach brach er die Arbeit ab. Sichtlich
hatten sich die Hoffnungen auf eine innere Befriedung Frankreichs als Illusion
erwiesen. Vielleicht auch sah er, dass er letztlich doch kein Epiker war. Zudem
hatte sich wohl der Zehnsilbler, den er als Metrum gewählt hatte, als nicht
recht geeignet erwiesen. Hinzu kam vermutlich aber auch, dass er selbst sowie
sein Publikum sich nur noch mühsam erwärmen konnten für die apokryphe Figur des
Francus, jenes erst im Mittelalter erfundenen Sohnes des trojanischen Helden
Hektor, der sich zusammen mit dem legendären Rom-Gründer Äneas aus dem
brennenden Troja gerettet und seinerseits „Francia“ und sogar die Dynastie der
Kapetinger gegründet habe. Denn inzwischen (1560) war das sehr erfolgreiche
Buch Recherches de la France von
Étienne Pasquier (s.u.) erschienen, das die Vorstellungen der Franzosen rasch
in dem Sinne veränderte, dass nicht irgend ein Francus (und auch nicht die
Römer) ihre Urväter seien, sondern die keltischen Gallier.
Nach dem Scheitern der Franciade und angesichts der fast
pausenlosen Religionskriege, aber wohl auch des Umstands, dass ihn der neue
König Henri III (seit 1574) nicht gebührend schätzte, zog Ronsard sich zurück
auf seine beiden Lieblingspfründen Saint-Cosme nahe Tours und Croixval im
Vendômois. Hier überarbeitete er seine Werke im Hinblick auf eine weitere (die
inzwischen fünfte) Gesamtausgabe. Sie erschien 1578 und enthielt als neue
Elemente der Sektion Les Amours eine Serie melancholischer Gedichte über
den Tod Maries und vor allem die rd. 130 Sonnets
pour Hélène. Mit diesen Gedichten auf Hélène de Surgères, eine Ehrenjungfer
der Königinmutter, feierte Ronsard ein spätes, so überraschendes wie
anrührendes Comeback als Liebeslyriker.
Zunehmend kränklich, überarbeitete er
in den folgenden Jahren nochmals grundlegend das Korpus seiner Werke, wobei er,
wie schon bei den vorangehenden Überarbeitungen, manche heute als gelungen
erscheinende Texte tilgte und andere eher verschlimmbesserte. 1584 ließ er die
sechste und letzte Gesamtausgabe erscheinen, die als Bocage
royal eine weitere Sektion vermischter Gedichte enthielt.
Daneben und danach schrieb er, wie
immer, auch Neues. Seine letzten Gedichte, die er z.T. angesichts des nahen
Todes verfasste, kamen postum 1586 als Les derniers vers heraus.
Trotz
seines Ruhmes und seiner tonangebenden Rolle zu Lebzeiten geriet Ronsard
relativ rasch in Vergessenheit. Grund waren nicht zuletzt die abwertenden
Urteile, die eine bzw. zwei Generationen später die Literatur-Gurus François de Malherbe
(s.u.) und Nicolas Boileau (s.u.) über ihn fällten. Die Romantiker entdeckten
den im engeren Sinne lyrischen Teil seines Schaffens wieder und die
Literarhistoriker des 19./20. Jh. wiesen ihm den insgesamt sehr hohen Rang zu,
von dem er selbst durchaus stets überzeugt war.
(Stand: Dez. 10)
Étienne Pasquier (* 7.6.1529 Paris;
† 30.8.1615 ebd.).
Für die Zeitgenossen und die Nachwelt
war und ist er vor allem der Autor der Recherches
de la France (=Forschungen über Frankreich), eines teils
historiographischen, teils essayistischen Werkes, das erstmals 1560 und dann
1565, 1596, 1607 sowie postum 1621 in überarbeiteten und um neue Kapitel
erweiterten Versionen erschien und eine wichtige Rolle bei der Herausbildung
der nationalen Identität der Franzosen gespielt hat.
Pasquier stammte aus dem gebildeten
Pariser Bürgertum und studierte Jura in Paris und Toulouse sowie in Bologna und
Pavia, wo er neben seiner juristischen auch seine humanistische Bildung
vervollkommnete und sich mit der seinerzeit als vorbildhaft geltenden
italienischen Literatur beschäftigte. Hier aber auch, im gerade zwischen
Frankreich und Deutschland/Spanien umkämpften Italien, wurde er sich seiner
Identität als Franzose bewusst.
1549 zurück in Paris, erhielt er die
Zulassung als Anwalt am Obersten Pariser Gericht, dem Parlement. Neben seiner
offenbar nicht absorbierenden Tätigkeit als Jurist verkehrte er mit Autoren der
Dichtergruppe der Pléiade, u.a. Ronsard (s.o.) und Du Bellay (s.o.), und
publizierte diverse kleinere Texte, in denen er häufig das idealistische
neoplatonische Liebesideal hinterfragt und diesem modischen Import aus Italien
die realistischere Sicht des Franzosen entgegensetzt.
Vor allem aber verfolgte er das Thema
Frankreich, genauer das des Werdens und der Identität der franz. Nation, deren
innerer Zusammenhalt durch die seit 1534 zunehmende konfessionelle Spaltung
gefährdet war. Hierbei sah Pasquier die Wurzeln der Nation nicht, wie bis dahin
üblich, bei den Römern oder den Franken oder gar dem legendären Trojaner
Francus, sondern bei den keltischen Galliern. Entsprechend war sein Hauptziel
der Nachweis einer geradezu exemplarischen konstitutionellen und kulturellen
Eigenständigkeit Frankreichs, die schon bei den Galliern angelegt gewesen, nach
dem Intermezzo der Römerzeit wiederbelebt und dann von Königen, intellektueller
Elite und Volk kontinuierlich weiterentwickelt worden sei. Mit diesen durchaus
nationalistische Züge tragenden Vorstellungen, die er in den Recherches
ausführte, propagierte Pasquier zugleich die Idee, dass die Belange der in
Jahrhunderten organisch gewachsenen Nation Vorrang hätten vor den wechselnden
Partikularinteressen und insbes. vor der konfessionell motivierten
Parteilichkeit, mit der Katholiken und Protestanten ihr Vaterland spalteten und
sogar auswärtige Mächte wie England oder Spanien in ihren Konflikt hineinzogen.
Mit seiner Idee vom Vorrang des
Interesses der Nation war Pasquier einer der ersten „Politischen“ (politiques),
d.h. jener bald wachsenden Zahl überkonfessionell denkender Intellektueller und
Amtsträger, die angesichts der seit 1562 immer wieder aufflammenden
Religionskriege Frankreich zu befrieden versuchten, dies allerdings erst 1598
unter dem vom Protestantismus zum Katholizismus konvertierten König Henri IV1) schafften.
1564 machte Pasquier von sich reden
durch ein fulminantes Plädoyer für die traditionsreiche, so typisch
französische Pariser Universität und gegen die ultramontan orientierten
Jesuiten, die gerade das neuartige Collège de Clermont gegründet hatten. Mit
seiner Schelte der quasi vaterlandslosen Jesuiten hatte er ein Thema gefunden, das
ihn immer wieder beschäftigen sollte, z.B. 1602 mit dem sarkastischen Catéchisme des Jésuites, dem später
Blaise Pascal (s.o.) manche Anregung für seine anti-jesuitischen Lettres provinciales (1656-57) entnahm.
1585 wurde Pasquier (sicherlich auch
dank dem Erfolg der Recherches)
Generalstaatsanwalt am königlichen Rechnungshof, was er zwei Jahrzehnte lang
blieb. Auch dieser Posten absorbierte ihn sichtlich nicht völlig, denn neben
diversen kleineren, häufig polemischen Texten publizierte er ab 1586 viele
Bände literarischer Briefe, die mit denen des Römers Plinius oder des
Italieners Claudio Tolomei rivalisieren sollten.
1588 bis 94 war Pasquier Abgeordneter
der Stadt Paris bei der intermittierend tagenden Versammlung der Generalstände
in Blois.
Mit seinem Werdegang war er ein
typischer Vertreter des neuen Amtsadels, der „noblesse de robe“, d.h. einer aus
der königlichen Justiz- und Verwaltungselite samt ihren Familien bestehenden
Schicht zwischen dem höheren Bürgertum und dem älteren Adel, der „noblesse d'épée“
(Schwertadel).
Vielleicht könnte man Pasquier, mit
seiner Hervorhebung der keltischen Ursprünge Frankreichs, als den entfernten
geistigen Vater der urkeltischen Ur-Franzosen Astérix und Obélix betrachten.
(Stand: Jan. 11)
1) Henri IV, König von 1589 bis 1610.
Der 1553 geborene Henri de Navarre (Enkel von Marguerite de Navarre) stammte
aus einer Seitenlinie des franz. Königshauses und war ursprünglich Protestant,
ab 1576 sogar Chef des protestantischen Lagers. Als 1584 der präsumptive
Nachfolger des kinderlosen Königs Henri III, dessen jüngerer Bruder François
d'Alençon, starb und 1589 Henri selbst ermordet wurde, war Henri de Navarre die
Nr. 1 in der Rangfolge der Thronanwärter. Er musste jedoch sein Anrecht auf den
Thron in jahrelangen Kriegen gegen die von Spanien und Savoyen unterstützte
Katholische Liga und deren Gegenkönig Charles de Bourbon durchsetzen. 1594,
also einige Jahre nach seinem Griff nach der Krone konvertierte Henri mit dem
berühmten Satz „Paris vaut bien une messe!“ (Paris ist eine Messe wert), und
nach seinem endgültigen Sieg über die Liga (1598) verstand er es, Frankreich zu
befrieden, nicht zuletzt durch das Toleranzedikt von Nantes, das den
Protestanten Religionsfreiheit und volle Bürgerrechte einräumte. 1610 wurde
auch er von einem religiösen Fanatiker ermordet. Henri IV ging als besonders
volkstümlicher Herrscher, „le bon roi“, in die franz. Geschichte ein und ist
bis heute jedem auch nur halbwegs gebildeten Franzosen ein Begriff. Legendär
war er auch als „l’amant vert“ (der jugendlich vitale Liebhaber).
Jean
Bodin (*1529
oder 1530 in Angers ; † 1596 in Laon)
Er gilt als der erste franz.
Staatstheoretiker von Rang. Sein Hauptwerk Les six livres de la république /
Sechs Bücher über den Staat wird als einer der Gründungstexte der
Politikwissenschaft betrachtet.
Bodin wuchs auf in kleinbürgerlichen
Verhältnissen (als Sohn eines Schneiders?) in Angers. Er konnte sich aber eine
passable Bildung verschaffen, offenbar bei den Karmelitermönchen seiner Stadt,
wo er auch Novize wurde. Die gelegentlich zu findende Information, er habe sich
zeitweilig in Genf aufgehalten und sei 1547/48 in Ketzerprozesse verwickelt
gewesen, betrifft vielleicht einen sonst unbekannten Namensvetter.
1549 verließ er das Kloster, ohne das
Gelübde abzulegen, und ging nach Paris. Hier trieb er theologische Studien,
hörte aber auch am Collège des trois langues und kam so mit dem Humanismus in
Kontakt. Er kehrte der Theologie den Rücken und studierte und lehrte im
weiteren Verlauf der 1550er Jahre Recht in Toulouse, wobei er sich besonders
für den Vergleich von Rechtssystemen interessierte.
1561 ließ er sich in Paris nieder und
erhielt hier die Zulassung als Anwalt am Obersten Gericht, dem Parlement.
Seine rechts- und staatstheoretischen
Interessen verfolgte er in Paris auch nach Beginn der sog. Religionskriege 1662
weiter. 1566 publizierte er eine erste Schrift, Methodus ad facilem
historiarum cognitionem (= Methode zum leichten Begreifen der Geschichte),
worin er aufzeigt, dass historische Kenntnisse, insbes. der verschiedenen
Rechtssysteme, nützlich sein können für die Gesetzgebung der Gegenwart.
Sein nächstes Werk, Réponse de J. Bodin aux paradoxes de M. de
Malestroit, erschien 1568: Hierin analysiert er als offenbar erster quasi
wissenschaftlich das vor dem 16. Jh. unbekannte Phänomen der Inflation oder
schleichenden Geldentwertung und erklärt es zutreffend, wenn auch zu
monokausal, aus der starken Vermehrung der Zahl der Silbermünzen, die vor allem
mit dem Silber geprägt wurden, das reichlich aus den spanischen Kolonien in
Amerika kam. Vermutlich war Bodin mit seinen Thesen nicht unbeteiligt daran,
dass 1577 König Henri III (letztlich vergeblich) per Erlass versuchte, den Wert
der Silbermünzen (livres) im Verhältnis zum Goldtaler (écu) zu stabilisieren.
Von März 1569 bis August 1570, während
des inzwischen Dritten Religionskrieges, war er in Paris inhaftiert, vielleicht
jedoch in einer Art Schutzhaft, um ihn, der offenbar als verkappter Protestant
verdächtigt wurde, den Verfolgungen katholischer Eiferer zu entziehen. Danach
gehörte er zu dem hochkarätigen Berater- und Diskussionskreis um Prinz François
d'Alençon (bzw. ab 1576 d’Anjou), den intelligenten und ehrgeizigen vierten und
jüngsten Sohn von Henri II, der sich 1574, beim Tod seines zweitältesten
Bruders König Charles IX schon auf dem Thron sah, dann aber zugunsten des
drittältesten Bruders Henri III zurückstehen musste, weil der die ihm gerade
angetragene Königskrone von Polen ausschlug und nach Paris zurückkam.
Die 1560er und 70er Jahre waren in
Frankreich, aufgrund des Unfalltodes von König Henri II (1559) und der Jugend
der drei Söhne, die ihm nacheinander auf dem Thron folgten, eine Zeit der
Schwäche der Monarchie und damit zugleich eine Zeit zentrifugaler Tendenzen, die
durch die konfessionelle Spaltung des Landes verstärkt wurden und ab 1662 immer
wieder religiös verbrämte Bürgerkriege ausbrechen ließen. Da in diesen Kriegen
die Monarchie sich letztlich immer wieder auf die Seite des katholischen Lagers
schlug, versuchte das protestantische Lager, die Herrschaftsrechte des
Monarchen einzuschränken oder ganz in Zweifel zu ziehen. In diesen Jahren
allgemeinen Streites um die beste Staatsform, aber auch unter dem Eindruck von
grausamen Ereignissen wie insbes. den Potestantenmassakern der
Bartholomäusnacht (1572) konzipierte Bodin sein bedeutendstes Werk, Les six livres de la république (1576).
Mit
ihm versuchte er einen mittleren Weg einzuschlagen zwischen dem von vielen
Katholiken vertretenen Macchiavellismus, wonach ein Herrscher die Pflicht und
damit das Recht habe, ohne moralische Rücksichten zum Vorteil seines Staates zu
handeln, und dem von protestantischen Theoretikern vertretenen Ideal einer
Volksherrschaft oder zumindest einer Wahlmonarchie. Ausgehend von der neuartigen These,
dass das Klima eines Landes den Charakter seiner Einwohner präge und damit auch
die für sie geeignetste Staatsform in weitem Umfang vorgebe, postuliert er als
ideales Regime für das klimatisch gemäßigte Frankreich die erbliche Monarchie.
Hierbei soll der Monarch/König „souverän“, d.h. keiner anderen Instanz
unterworfen sein, wenn auch einer gewissen Kontrolle unterliegen durch
Institutionen wie die Obersten Gerichtshöfe (Parlements) und die
Ständeversammlungen (États). Vor allem jedoch soll er „nur Gott verantwortlich“
sein, d.h. über den konfessionellen Parteien stehen. Mit seinem Postulat einer
durch Erblichkeit legitimierten, souveränen und religiös neutralen Monarchie
reagierte Bodin darauf, dass die Unfähigkeit der jungen Könige bzw. der für sie
herrschenden Königinmutter und Regentin Catherine de Médicis, die Bürgerkriege
zu beenden, nicht zuletzt daraus resultierte, dass die Krone seit 1534 fast
immer auf Seiten der Katholiken stand somit nicht als schlichtende
überparteiliche Instanz auftreten konnte.
Die Six livres waren sofort sehr
erfolgreich und wurden umgehend mehrfach nachgedruckt. 1586 erschien eine
erweiterte und vom Autor selbst überarbeitete lateinische Version. Mit seinem
Buch gehörte Bodin zu den Begründern der Bewegung der pragmatisch gesonnenen
„Politischen“ (politiques), die in den Folgejahren an Einfluss gewannen und
schließlich, unter König Henri IV, das Ende der Religionskriege und den Erlass
des Toleranzedikts von Nantes (1598) erreichten.
Nach dem Scheitern der Hoffnungen von
François d’Alençon hatte sich Bodin dem neuen König Henri III angeschlossen.
Dessen Gunst verlor er aber, nachdem er 1576 als Delegierter des Dritten
Standes auf dem Ständetag von Blois versucht hatte, mäßigend auf die
katholische Partei einzuwirken und finanzielle Sondermittel für den König
zwecks einer intensiveren Kriegsführung zu verhindern. Bodin zog sich aus der
Politik zurück und verheiratete sich in Laon. Im selben Jahr 76 wurde er dort
Nachfolger seines Schwiegervaters im Amt des königlichen Generalleutnants
und Staatsanwaltes.
Zweifellos motiviert durch sein Amt
entwickelte er ein besonderes Interesse für Hexenprozesse. 1580 nämlich
publizierte er ein weiteres sehr erfolgreiches, in mehrere Sprachen (auch ins Deutsche)
übersetztes Werk, das in Literaturgeschichten gerne übergangen wird: La Démonomanie des sorciers (= die Dämonenmanie der Hexer). Es
ist ein Handbuch der Hexer- und Hexenkunde samt Ratschlägen und
Argumentationshilfen für die mit Prozessen befassten Richter, die nach Bodin
vor Todesstrafen nicht zurückscheuen dürfen. (Laut einer Interview-Aussage der
Historikerin Martine Ostorero in Le Monde vom 5.9.08 waren die Jahre
1560 bis 1630 die hohe Zeit der Hexenprozesse in Mitteleuropa.)
1581 trat Bodin noch einmal in den
Dienst von François d’Alençon und hielt sich mehrere Monate in England auf, um
dort über eine Eheschließung seines Herrn mit Königin Elisabeth zu
verhandeln.
In politisch-ideologischer Hinsicht
blieb er seiner Tendenz zu Pragmatismus und Toleranz treu. Hiervon zeugt (wenn,
was manche Forscher bezweifeln, er der Autor ist) ein als Manuskript erhaltenes
Werk: das Colloqium heptaplomeres de rerum sublimium arcanis abditis.
Dieses „Siebenergespräch über die verborgenen Geheimnisse der erhabenen Dinge“
zeigt eine friedliche Diskussion unter sieben Vertretern verschiedener
Religionen und Weltanschauungen, die sich am Ende auf die grundsätzliche
Gleichwertigkeit ihrer Überzeugungen einigen.
In den Kriegen, mit denen nach 1584,
dem Tod von François, die Katholische Liga die Ansprüche des zunächst noch
protestantischen Henri IV auf die Thronfolge abzuwehren und einen
Gegenkandidaten durchzusetzen versuchte, stand Bodin anfangs auf Seiten der
mächtigen Liga, deren raschen Sieg er wohl für unausweichlich hielt.
Er starb in einer der zahlreichen
Pestepidemien, die das von den jahrzehntelangen Bürgerkriegen geschwächte
Frankreich immer wieder heimsuchten.
(Stand: Dez. 10)
Étienne de La Boétie (gesprochen: laboeßi ; * 1.11.1530 in
Sarlat/Dordogne ; † 18.8.1563 nahe Bordeaux)
Dieser Jurist,
Humanist und Gelegenheitsautor ist heute praktisch nur noch als enger Freund
Montaignes (s.u.) bekannt. Zu seiner Zeit war er jedoch sehr einflussreich mit
seiner um 1550 entstandenen, lange Zeit nur anonym verbreiteten kleinen Schrift
Discours de la servitude volontaire (=Rede/Abhandlung über die
freiwillige Knechtschaft), die die Protestanten bestärkte in ihrem Kampf gegen
die Unterdrückung durch die franz. Krone.
La Boétie
entstammte dem niederen Beamtenadel der Bischofsstadt Sarlat. Er erhielt eine
gute Bildung, u.a. auf dem renommierten Collège de Guyenne in Bordeaux, und
interessierte sich früh für die klassischen griechischen und lateinischen
Autoren. 1548 erlebte er zweifellos aus der Nähe mit, wie, nachdem der neue
König Henri II auch in Südwestfrankreich die Salzsteuer eingeführt hatte, dort
Revolten ausbrachen und diese durch königliche Truppen blutig niedergeschlagen
wurden.
Um
dieselbe Zeit begann er ein Jurastudium an der Universität von Orléans. Zu
seinen Professoren gehörte Anne du Bourg, der einige Jahre später Gerichtsrat
(„Conseiller“) am Parlement von Paris wurde und dort offensiv für die Rechte
der Protestanten eintrat, was ihm 1559 einen Ketzerprozess und die Todesstrafe
eintrug und ihn zum Märtyrer machte.
Vermutlich war es
während seiner Studienzeit, dass La Boétie, sichtlich unter dem Eindruck der
genannten Revolten und ihrer blutigen Niederschlagung, seinen flammenden Discours
verfasste, worin er die These vertritt, dass die Unterdrückung vieler
Menschen durch einen einzigen eigentlich nur deshalb möglich sei, weil die
vielen sich unterwerfen statt sich kollektiv zu widersetzen.
Nach Abschluss
seines Studiums wurde La Boétie 1553 mit 23 Jahren Gerichtsrat am Parlement von
Bordeaux, dem obersten Gericht der Provinz Aquitaine. Hier befreundete er sich
mit dem gut zwei Jahre jüngeren Montaigne, als dieser 1557 ebenfalls
Gerichtsrat in Bordeaux wurde. Montaigne hat später berichtet, er sei schon
vorher durch den Discours auf La Boétie aufmerksam geworden.
Ab 1560 wurde
dieser verschiedentlich von Michel de l'Hospital, dem „Kanzler“ (chancelier)
von Frankreich, mit dem er freundschaftlich verbunden war, zur Teilnahme an
Verhandlungen gebeten, die das konfessionell zunehmend gespaltene und in Gewalt
abgleitende Frankreich befrieden sollten. Er galt also (ähnlich wie sein Freund
Montaigne) als jemand, der einerseits loyal hinter der Krone stand,
andererseits jedoch genug Verständnis für die Anliegen und Überzeugungen der
Protestanten hatte, um ausgleichend wirken zu können.
Diese
versöhnliche Haltung vertrat er auch in seiner letzten Schrift, dem Mémoire
sur l’édit de janvier [1562] (=Memorandum über den Januar-Erlass), worin er
den König unterstützt, der gerade den Protestanten in gewissem Umfang
entgegengekommen war.
La Boétie starb
jung und plötzlich an einer der häufigen Seuchen der Zeit. Montaigne war bei
dem Sterbenden und bewunderte dessen stoische Fassung, wie er in einem Brief an
seinen Vater berichtet.
1570 gab
Montaigne in Paris verschiedene Schriften aus dem Nachlass von La Boétie in
Druck. Es handelte sich um lateinische und französische Verse – die letzteren
meist im Stil der Pléiade – sowie um Übersetzungen von Texten der alten
Griechen Xenophon und Plutarch (der Anstöße für den Discours geliefert
hatte). Darüber hinaus auch den Discours zu drucken, hielt Montaigne für
unangebracht, denn jener diente inzwischen der protestantischen Seite als
Munition gegen den wieder unnachgiebigen König und seinen Anspruch, absolut zu
herrschen und insbes. auch die Religion seiner Untertanen zu bestimmen. Zudem
entsprach das revoluzzerhafte kleine Werk nicht mehr der ausgleichenden
Loyalität, wie sie der späte La Boétie praktiziert hatte und auch Montaigne sie
vertrat.
Der Discours
wurde erstmals 1574 gedruckt als Teil einer protestantischen Kampfschrift und
nochmals 1577 im Rahmen der propagandistischen Mémoires des états de France
sous Charles IX. Auch spätere Generationen von Oppositionellen, z.B.
prärevolutionäre Autoren der Spätaufklärung und sozialistische und
anarchistische Denker des 19. Jh., griffen häufig auf das Werk La Boéties
zurück und seinen Kernsatz: „Soyez résolus de ne servir plus, et vous voilà
libres!“ (Seid entschlossen, nicht mehr zu dienen, und ihr seid frei!).
(Stand.
April 11)
Étienne
Jodelle (*
ca. 1532 in Paris, † 1573 ebd.).
Dieser heute kaum mehr bekannte
Dramatiker hat in der franz. Literaturgeschichte eine gewisse Bedeutung durch
zwei zu ihrer Zeit neuartige Stücke, die er als ganz junger Mann verfasste: die
Komödie Eugène (1552) und vor allem die Tragödie Cléopâtre captive
(= die gefangene Kleopatra) von 1553.
Die Tragödie, welche darstellt, wie die
besiegte ägyptische Königin Kleopatra sich durch Selbstmord der Demütigung
durch ihren Besieger, den römischen Kaiser Octavian alias Augustus, entzieht,
war in mehrfacher Hinsicht neu: Zum einen ist sie das erste ernste, also nicht
komische, franz. Stück mit nichtreligiöser Thematik. Weiterhin ist sie das
erste franz. Stück mit antikem Stoff (den Jodelle aus den „parallelen“
Biografien des Griechen Plutarch [um 100 n. Chr.] bezog). Vor allem aber ist
sie die erste franz. Tragödie nach antikem Muster, insbes. mit ihrem Aufbau in
fünf Akten und dem Auftreten eines Chores. Auch die zumindest teilweise
Abfassung in Alexandrinern war eine Neuerung. Das Stück war ein Publikumserfolg
bei der Pariser Erstaufführung und wurde in den literarisch interessierten
Kreisen als gewissermaßen längst notwendige Errungenschaft begrüßt. Für die
Mitglieder der humanistisch orientierten Pariser Dichtergruppe der Pléiade, zu
denen Jodelle zählte, bedeutete es die Umsetzung ihrer Theorien, wonach sich
die franz. Literatur durch Orientierung an der klassischen Antike erneuern
sollte.
Im selben Sinne hatte Jodelle schon ein
Jahr zuvor den Eugène verfasst, ein Stück, das zwar in Paris spielt und
das typische Farcenthema des Cocuage bearbeitet, sich aber in der Machart
ebenfalls an antiken Vorbildern, nämlich Komödien der klass. römischen Autoren
Plautus und Terenz orientierte.
1555 schrieb er eine weitere
antikisierende Tragödie, Didon se sacrifiant (= die sich opfernde Dido).
Sowohl mit seinen Tragödien als auch
der Komödie verwirklichte Jodelle allerdings nicht nur Ideen der Pléiade-Gruppe,
sondern folgte zugleich auch Vorbildern aus Italien, wo man schon seit etwas
längerer Zeit versuchte, das volksprachliche Theater in Anlehnung an antike
lateinische und griechische Vorbilder zu erneuern.
Seine Lyrik, die er schon sehr jung zu
verfassen begann, gilt als weniger bedeutend.
(Stand: Nov. 10)
Michel
Eyquem, seigneur de Montaigne (* 28.2.1533 auf dem Schlösschen Montaigne/Périgord; †
13.9.1592 ebd.)
Montaigne (wie er in der
Literaturgeschichte schlicht heißt) stammte aus einer Familie reicher Kaufleute
in Bordeaux. Nachdem der Urgroßvater die adelige Grundherrschaft Montaigne
erworben hatte, waren die Eyquems vom großbürgerlichen Patriziat in den Adel
hineingewachsen, besetzten aber weiterhin hohe Ämter in der Stadt. Montaignes Vater
hatte 1525 König François
Ier
auf dessen Italienfeldzug begleitet und war so mit der italienischen
Renaissance-Kultur in Berührung gekommen. Nach seiner Heimkehr hatte er 1528
eine adelige Frau geheiratet und war 1530 Chef des Ordnungswesens (prévôt) von
Bordeaux geworden. Ab 1533 war er stellvertretender Bürgermeister; 1554 wurde
er Bürgermeister.
Montaigne war das erste Kind seiner
Eltern und bekam noch etliche Geschwister, von denen jedoch nur drei das
Erwachsenenalter erreichten. Er wurde zunächst zu einer Amme in einem nahen
Dorf in Pflege gegeben und erhielt dann einen Hauslehrer, einen deutschen Arzt,
der nur lateinisch mit ihm sprach. 1539 bis 46 besuchte er das Collège de
Guyenne in Bordeaux, wo er auch Griechisch lernte. Anschließend absolvierte er
vermutlich propädeutische Studien an der Artistenfakultät der dortigen
Universität.
Unbekannt ist, ob er 1548 direkt die
Revolte miterlebte, mit der Bordeaux auf die Auferlegung der Salzsteuer durch
den neuen König Henri II reagierte, eine Revolte, die von königlichen Truppen
blutig niedergeschlagen wurde, die Stadt den Verlust ihrer Gerichtsamkeit und
die Gruppe der Patrizier etliche Köpfe kostete.
1554, mit 21, erhielt Montaigne nach
Jurastudien in Toulouse und vielleicht auch Paris das Amt eines Gerichtsrats
(conseiller) am Steuergericht in Périgueux. Im selben Jahr begleitete er seinen
soeben zum Bürgermeister gewählten Vater, der es vorgezogen hatte Katholik zu
bleiben, zu Verhandlungen mit dem König nach Paris.
Als 1557 das Steuergericht in Périgueux
aufgelöst wurde, erhielt Montaigne einen Gerichtsratsposten am Parlement von Bordeaux, dem obersten
Gerichtshof der Guyenne.
Hier schloss er eine (wie er es
rückblickend sah) geradezu symbiotische Freundschaft mit dem gut zwei Jahre
älteren, humanistisch hochgebildeten und literarisch dilettierenden
Richter-Kollegen Étienne de la Boétie (1530-63), dessen frühen Tod er lange
betrauerte.
In seiner Eigenschaft als Gerichtsrat
am Parlement reiste er 1559, 1560 und 1562 nach Paris, wobei es vor allem um
die Frage der Unterdrückung oder Duldung des im franz. Südwesten stark
verbreiteten Protestantismus ging. Bei dem letztgenannten Parisaufenthalt, der
vom Beginn der offenen Kriege zwischen Protestanten und Katholiken, der sog.
Religionskriege, überschattet wurde, musste sich Montaigne, zusammen mit den
anderen Richtern der diversen franz. Parlements, feierlich zum Katholizismus
bekennen.
1565 heiratete er in einer
Konventionalehe, die dies offenbar auch blieb, die Tochter eines
Richterkollegen. Beim Tod des Vaters 1568 erbte er, nach den Regeln der
adeligen Erbteilung, den Hauptteil von dessen Besitz, darunter das Gut und
Schlösschen Montaigne, nach dem er sich hinfort benannte, um seinen Status als
Adeliger zu betonen.
1569 beendete er eine kommentierte
Übersetzung der Theologia naturalis
des Toulouser Theologen und Mediziners Raimundus Sebundus († 1436). Er hatte
sie noch auf Wunsch seines Vaters begonnen, der sich – sehr verständlich in
Zeiten heftiger konfessioneller Streitereien – offenbar für die These von Sebundus
interessierte, wonach Gott und die christlichen Lehren quasi aus der Natur
ableitbar seien.
Zugleich mit seiner
Sebundus-Übertragung gab er in Paris eine Sammlung von französischen und
lateinischen Gedichten seines Freundes La Boétie in Druck.
1571, mit 38, quittierte er sein
Richteramt und zog sich auf sein Schlösschen zurück. Ein Grund zu diesem
Entschluss war vielleicht die Enttäuschung darüber, dass seine Versuche, in
eine der wichtigeren und damit interessanteren Kammern des Gerichts zu wechseln,
gescheitert waren, weil in der einen als zu naher Verwandter schon sein
Schwiegervater saß und in der anderen schon ein Schwager. Vielleicht spielte
aber auch der Umstand eine Rolle, dass er zum zweiten Mal Vater wurde, nachdem
ein im Vorjahr geborenes erstes Kind, ebenfalls ein Mädchen, bald nach der
Geburt gestorben war (so wie auch vier
weitere 1573, 74, 77 und 83 geborene Kinder, allesamt Töchter, das
Säuglingsalter nicht überleben sollten).
Mit der Rolle des Landedelmanns, als
der Montaigne sich nach seinem Rückzug ins Private offenbar sah, vertrug es
sich durchaus, zu lesen und literarisch zu dilettieren. Dies tat er sogleich,
mit Hilfe der schönen Bibliothek, die er besaß und die zum Teil aus der
bestand, die ihm La Boétie übermacht hatte. Hierbei begann er, markante Sätze
aus klassischen, meistens lateinischen Autoren, aufzuschreiben und zum
Ausgangspunkt eigener Überlegungen zu machen. Diese betrachtete er als
Versuche, der Natur des menschlichen Wesens und den Problemen der Existenz auf
den Grund zu kommen. Die passende Darstellungsweise für diese „Versuche“
(essais) musste er jedoch selber tastend entwickeln, denn erst später, dank
ihm, konstituierte sich der essai als neue literarische Gattung.
Insgesamt sind die Essais Montaignes
mehr assoziativ als logisch strukturiert aneinandergereihte, thematisch äußerst
vielfältige, kürzere und längere, mit einer immensen Menge von meistens
lateinischen Lesefrüchten angereicherte Betrachtungen über sich selbst und die
Welt, insbes. den Tod, dessen Allgegenwart ihm die kriegerischen Zeitläufte und
das Sterben seiner Töchter nur zu bewusst sein ließen. Seine Perspektive ist
hierbei die eines Geistes, der den religiösen Dogmen distanziert gegenüber
steht und auch alle sonstigen vermeintlich verbürgten Wahrheiten kritisch
betrachtet. Basis seiner Überlegungen ist die Prämisse, dass man mittels der
Beobachtung des Fühlens, Denkens und Handelns eines einzigen intim bekannten
Individuums, nämlich seiner selbst, zu allgemein gültigen Aussagen über den
Menschen insgesamt gelangen könne.
Allerdings konnte Montaigne nach dem
Wechsel ins Private nicht, wie sicher erhofft, seine Tage ungestört von den
Kriegswirren der Zeit verbringen. Denn als nach den Protestantenmassakern der
Bartholomäusnacht (22./23.8.1572) die Spaltung im Land sich vertiefte und beide
Seiten sich erneut bekämpften, hielt er es für seine Pflicht, sich der
königlichen, d.h. der katholischen Armee anzuschließen. 1574 versuchte er, mit
einer Rede vor den Richtern des Parlements in Bordeaux, zur Versöhnung der
Konfessionen beizutragen. Nach dem Friedensschluss von 1575, der den
Protestanten (vorübergehend) Bürgerrechte gewährte, ließ er sich von Henri de
Navarre, dem Chef des protestantischen Lagers und de facto-Herrscher in weiten
Teilen Westfrankreichs, pro forma zum Kammerherrn ernennen.
Dank der kurzen Ruhe im Land schloss er
1579 Buch I der Essais ab und erweiterte er sie um ein Buch II. Sie
erschienen 1580 in Bordeaux und waren so erfolgreich, dass sie schon 1582
leicht erweitert nachgedruckt wurden.
Da Montaigne seit 1577 unter Nierenkoliken litt (deren starken Einfluss auf sein Leben und auch sein Denken und Fühlen er in den Essais thematisierte), ging er 1580 trotz der soeben wieder ausgebrochenen Kriegshandlungen auf eine Bäder-Reise, von der er sich Linderung erhoffte. Sie führte ihn über Paris, wo er von König Henri III empfangen w