Gert Pinkernell
Prof. em. an der Uni Wuppertal
Namen, Titel und Daten der französischen Literatur
Ein
chronologisches Repertorium wichtiger AutorInnen und Werke
Teil II: 1800 bis ca. 1960
(Einzelne Namen oder Titel bitte über die Suchfunktion im Menü
„Bearbeiten“ ansteuern!)
Vorbemerkung
Die erste Version des Repertoriums
entstand als Begleitskript zu einer literarhistorischen Überblicksvorlesung. Es
war eine bloße Liste von Namen, Titeln und Daten und umfasste, wie die
Vorlesung selbst, lediglich solche Autoren und/oder Werke, die für die
Entwicklung der französischen Literatur als bedeutsam gelten und potenziell
Gegenstand des Literaturunterrichts französischer Gymnasiasten bzw. deutscher
Französischstudenten sind.
Im Lauf der Zeit hat sich aus der Liste
eine Sammlung von Autorenartikeln entwickelt. Nur das von der Vorlesung
stammende Prinzip der chronologischen Anordnung wurde beibehalten. 1998 habe
ich das Ganze ins Internet gestellt und nach und nach um Autoren der zweiten
Reihe vermehrt. Vor allem wurden und werden die Artikel ständig erweitert,
verbessert und korrigiert. Fast wöchentlich lade ich die neueste Version des
Ganzen hoch, weshalb ich bitte, jeweils diese aufzurufen, sie nicht
abzuspeichern und höchstens auszugsweise zu drucken.
In den letzten Jahren habe ich viele
der Artikel auch ins Wikipedia eingestellt, allerdings werden sie dort
häufig, gemäß dem Wiki-System, von Dritten verändert. Die berechtigten und
nützlichen dieser Änderungen baue ich, wenn ich sie bemerke, in mein Repertorium
ein. Unnötige Aufblähungen (um die es sich sehr häufig handelt) übernehme ich
nicht.
Grundlage meiner Artikel sind stets mehrere, überwiegend
französischsprachige Quellen, deren Fehler, die sie naturgemäß alle enthalten,
ich durch Vergleich und Nachprüfung zu reduzieren versuche. Insbesondere halte
ich mich an die Nachschlagewerke Dictionnaire
des littératures de langue française und Dictionnaire des œuvres littéraires de langue française von
Jean-Pierre de Beaumarchais, Daniel Couty und Alain Rey (jeweils 4 Bde., Paris:
Bordas, 1992 bzw. 1994). Auch
den Vorlesungen zur Geschichte der französischen Literatur von Erich
Köhler (8 Bde., Stuttgart 1983 ff.) verdanke ich viel. Sie sind im
biografischen Detail nicht immer verlässlich, bei der Darstellung der Werke
aber vorzüglich. Auf auf weiterführende Literaturangaben verzichte ich, weil
sie leicht z.B. über Wikipedia (mit dem ich in diesem Punkt nicht konkurrieren
kann) und vor allem den Online-Katalog der Bonner Universitätsbibliothek zu
beschaffen sind, die die Französistik als Sondersammelgebiet pflegt. Immerhin
mochte ich mich nicht enthalten, eigene einschlägige Studien jeweils anzuführen
oder sogar als Anhänge zu einzelnen Artikeln aufzunehmen. Auch gebe ich des
öfteren persönliche Deutungshinweise, wenn mir Werke aus meiner Lehre und/oder
Forschung besonders vertraut sind.
Ein literarisches Werk ist für die
Leute vom Fach vor allem ein Element innerhalb eines Beziehungsgeflechts von
Werken vor, neben und nach ihm, nämlich Werken, die seinem Autor bekannt waren
und ihm als Vor- oder Gegenbild dienten, und Werken, auf die es seinerseits
gewirkt hat, weil deren Autoren es lasen. Für Nichtfachleute jedoch ist diese
intertextuelle Sicht mangels breiteren literarhistorischen Wissens nur
theoretisch nachvollziehbar. Für sie ist ein Werk vor allem ein Einzelphänomen,
nämlich die punktuelle Reaktion des Autors auf eine bestimmte, oft
problematische Situation in seinem Leben und seinem konkreten historischen
Umfeld. Entsprechend finden sie Zugang zum Werk am ehesten über die Biografie
des Autors, die häufig ja auch historisches und ggf. literarhistorisches Wissen
vermittelt. Eben diese laiengemäße, biografistische Sicht soll das
Markenzeichen meines Repertoriums sein; die Artikel könnten also jeweils Autor
XY: Leben und Schaffen überschrieben sein, weil sie bemüht sind, Biografie
und Werke im Verbund zu sehen. Immerhin soll der intertextuelle Aspekt insofern
nicht ganz fehlen, als ich Autoren und/oder Werke häufig, wenn auch eher
pauschal, in den Gang der allgemeinen Entwicklung einzuordnen versuche.
P.S. 1: Überflüssig zu sagen, dass mit „Autor“ hier auch
Autorinnen gemeint sind. Ich habe es mit „AutorIn“ versucht, fand dies aber
wegen der vielen dann nötigen „der/die“, „sein/ihrer“ usw. zu schwerfällig.
P.S.: 2: Da ich annehme, dass die meisten Benutzer meines
Repertoriums zumindest rudimentäre Französischkenntnisse haben, führe ich
Werktitel normalerweise nur im Original an und nenne französische Institutionen
und historische Figuren mit ihren französischen Namen.
P.S. 3: Für Anregungen und Hinweise bin ich dankbar.
Anfragen per Mail (pinkerne@uni-wuppertal.de) beantworte ich im Rahmen meiner
Möglichkeiten gern.
19. Jahrhundert
(mit den sich zeitlich überlappenden Strömungen
Klassizismus, Romantik, Realismus, Naturalismus, Symbolismus)
Germaine de Staël (Anne Louise Germaine de
Staël-Holstein, *22.4.1766 Paris; †14.7.1817 ebd.).
Mme de Staël (wie sie in der Literaturgeschichte schlicht
heißt) war eine wichtige Vermittlerin deutscher
Literatur und Philosophie in Frankreich und wurde damit eine Wegbereiterin der
franz. Romantik. Ihr
Buch De l’Allemagne (1810) hat mehr als 50 Jahre lang das
Deutschlandbild der Franzosen geprägt.
Sie wuchs auf in Paris als einziges Kind
von Jacques Necker, eines aus Genf zugewanderten Bankiers, Unternehmers und
Diplomaten, der zeitweilig als Reformen versuchender Finanzminister (1777-81)
bzw. Regierungschef (1788-90) eine bedeutende Rolle in der franz. Politik
spielte.
Im
Salon ihrer schöngeistig interessierten Mutter (die ebenfalls aus der Schweiz
stammte) lernte sie viele Autoren der Spätaufklärung kennen und entwickelte
ihre vielfältigen Talente. Schon als Jugendliche machte sie Schreibversuche,
mit 12 z.B. verfasste sie eine Komödie. Über ihren Vater, der spätestens ab
1768 auf der Pariser politischen Bühne aktiv war, hatte sie früh Kontakt mit
der Politik. Als Zehnjährige war sie erstmals länger in England.
1786
ehelichte sie mit knapp 20 den 17 Jahre älteren schwedischen Botschafter Baron
von Staël-Holstein, der schon acht Jahre vorher, noch als Botschaftsattaché, um
ihre Hand angehalten hatte. Nach ihrer Heirat wurde sie von ihm am Königshof
eingeführt und profitierte auch anderweitig von ihrem
Status als Botschaftergattin. Während der
14jährigen Ehe mit Staël (man trennte sich offiziell 1800, kurze Zeit vor
seinem Tod 1802) bekam sie vier Kinder, deren erstes, Gustavine (geb. 1787),
zweijährig starb und deren letztes, Albertine (geb. 1797), außerehelich gezeugt
war. Denn eine treue Gattin war sie nicht: Schon ab 1788 hatte sie einen ersten
längerzeitigen Geliebten, den Comte de Narbonne. Darüberhinaus lebte sie oft
fern von ihrem Mann auf längeren Reisen oder in der Verbannung.
1788
ließ sie ein erstes, kürzeres, Werk drucken: die 1786 begonnenen, teils
apologetisch-bewundernden, teils kritischen Lettres sur le caractère et les
écrits de Jean-Jacques Rousseau. Zwei 1786 und 87 entstandene Dramen (Sophie, ou les sentiments secrets und Jane Gray) publizierte sie erst 1790,
die 1786 verfasste Novelle Zulma
sogar erst 1794.
1789
sympathisierte Mme de Staël, wie so viele liberale Adelige und Großbürger,
zunächst mit der Revolution. Ihr Salon war ein Treffpunkt der gemäßigten
Revolutionäre, und große Teile der ersten Verfassung von 1790 entstanden unter
ihren Augen. Auch in der Folgezeit versuchte sie den Gang der Politik
mitzubestimmen, und zwar direkt über eine (allerdings nicht sehr umfängliche)
publizistische Tätigkeit und indirekt über die Einflussnahme auf einflussreiche
Männer, z.B. Narbonne, der 1790/91 kurz Kriegsminister war.
1790
brachte sie ihr zweites Kind zur Welt, den Sohn Auguste.
Als
die Revolution sich 1792 zunehmend radikalisierte und die Gemäßigten ins politische
Abseits, wenn nicht in Köpfungsgefahr gerieten, versuchte Mme de Staël im Juli,
die königliche Familie zur Flucht aus Paris zu bewegen, was die Königin jedoch
ablehnte. Sie selbst floh im September auf das elterliche Schlösschen Coppet
bei Genf, wo sie wenig später ihr drittes Kind, Albert, bekam. Coppet, das ihr
Vater 1784 gekauft hatte, diente ihr von nun an immer wieder als Zufluchtsort
für kürzere oder längere Aufenthalte. Hierbei beherbergte sie häufig auch
andere Flüchtlinge und empfing Besuche von bedeutenden Zeitgenossen, z.B.
Chateaubriand (s.u.) oder Lord Byron.
Anfang
1793 (d.h. kurz nach Alberts Geburt) ging sie für mehrere Monate nach England.
Dort traf sie sich mit franz. Emigranten, u.a. Narbonne, und begann eine
größere philosophisch-politologische Schrift: De l’influence des passions
sur le bonheur des individus et des nations (gedruckt 1796). Im Sept.
setzte sie sich mit der Broschüre Réflexions
sur le procès de la Reine vergeblich für Marie-Antoinette ein.
1794
lernte sie in der Schweiz den etwas jüngeren verheirateten, aber von seiner
Frau getrennt lebenden Publizisten und Literaten Benjamin Constant kennen
(s.u.). Mit ihm unterhielt sie anschließend eine langjährige, sehr wechselhafte
und aufreibende Beziehung, die bei ihm geprägt war von der Faszination durch
ihre Genialität und Vitalität, aber zugleich von ständigen Versuchen sich aus
ihrem Bann zu lösen.
Im
Frühjahr 95 brachte Mme de Staël ihre erste Buchpublikation heraus: einen
Sammelband mit vermischten Schriften, darunter einem literaturtheoretischen Essai
sur les fictions und zwei Novellen.
Nach
dem Sturz Robespierres (1794) und dem Ende der Schreckensherrschaft kehrte sie
im Mai 95 zusammen mit Constant nach Paris zurück. Während er eine Karriere als
vielbeachteter politischer Redner und Publizist begann (und 1799 kurzzeitig
auch in der hohen Politik mitmischte), wurde sie schon im Oktober von den neuen
Machthabern des Direktoriums verdächtigt, Sympathisantin eines Aufstandes
königstreuer Kräfte zu sein. Sie wurde aus Paris verbannt und durfte erst Ende
96 zurück.
Im
Juni 1797 brachte sie in Paris ihr viertes Kind zur Welt, Albertine, deren
Vater vermutlich Constant war. Ende des Jahres lernte sie Napoléon Bonaparte
kennen, der sich nach seinem siegreichen Italienfeldzug anschickte, in die
Politik einzusteigen, und den sie, zusammen mit Constant, zunächst bewunderte
und unterstützte. Ihm dagegen war sie von Anbeginn an unsympathisch, und als
sie ihn 1798 (vergeblich) von einer Eroberung der Schweiz abzuhalten versuchte,
wurde sie ihm endgültig lästig. Nach seinem Staatsstreich 1799 ging sie denn
auch ihrerseits in Opposition zu ihm und wurde bald zu einem der Eckpfeiler des
Widerstandes gegen sein zunehmend diktatorisches Regime.
Nach zwei unstet in Paris, Coppet und anderswo verbrachten
Jahren publizierte sie im April 1800 die bedeutende Abhandlung De la littérature considérée dans ses
rapports avec les institutions sociales. Hierin formuliert sie als eine der
ersten die Theorie, dass literarische Werke geprägt sind durch das konkrete
Umfeld, innerhalb dessen sie entstehen, worunter sie sinnfälligerweise vor
allem die jeweiligen historisch gewachsenen gesellschaftlichen Verhältnisse
verstand, aber auch sonstige äußere Gegebenheiten wie z.B. Klima und
Geographie. (In der zweiten Auflage von 1802 änderte sie entsprechend den
Schlussteil des ursprünglichen Titel in avec l'état moral et politique des nations.) Im Sinne ihrer Theorie rief
sie die quasi zwischen Nord und Süd platzierten franz. Literaten auf, sich
nicht mehr nur an der heidnischen mediterranen Kultur der Antike zu
inspirieren, sondern auch an der christlich-germanisch geprägten Kultur des
mittelalterlichen Mittel- und Nordeuropas, womit sie der beginnenden Romantik
den Weg wies. Sie selbst begann, in Konsequenz ihrer Einsichten, Deutsch zu
lernen und sich mit der deutschen Kultur zu befassen.
1802
erschien ihr erstes längeres erzählendes Werk: der teils in Coppet, teils in
Paris entstandene Briefroman Delphine.
Im Mittelpunkt steht eine für die damalige Zeit relativ emanzipierte Frau, die
ihr Glück mit dem Mann, den sie liebt und der sie ebenfalls liebt, nicht
findet, weil er sich in einer Krisensituation von ihr abwendet, eine Andere
heiratet und danach nicht die Kraft aufbringt, sich aus dieser Ehe wieder zu lösen. Der Roman
spiegelt sichtlich die Enttäuschung Mme de Staëls durch Constant, der, nachdem
sie durch Verwitwung frei geworden war, sich nicht zwischen ihr und einer
Geliebten zu entscheiden vermochte.
Da
Mme de Staël sich 1802 an Umtrieben gegen Napoleon beteiligt hatte, wurde ihr
im Dez. der Aufenthalt in Paris untersagt. Als das Verbot im Okt. 1803 auf das
Pariser Umland ausgedehnt wurde, unternahm sie, zeitweise von Constant
begleitet, eine halbjährige Reise durch Deutschland. Erste Station war im
Winter Weimar, wo sie u.a. Wieland, Schiller und Goethe traf. Im Frühjahr war
sie längere Zeit in Berlin, wo sie neben vielen anderen Intellektuellen den
Literaturkritiker und –historiker August Wilhelm Schlegel kennenlernte, den sie
als Mentor für sich selbst sowie als Hauslehrer für ihre Kinder gewann.
Ende
1804 trat sie zusammen mit Schlegel eine mehrmonatige Italienreise an, die sie
zu ihrem zweiten Roman inspirierte, Corinne
ou l'Italie, der 1805/06 entstand und 1807 sehr erfolgreich herauskam. Er
zeigt eine sehr vitale, literatur- und kunstbegeisterte Frau, deren Liebe zu
einem zunächst zwar gutwilligen und scheinbar seelenverwandten Mann scheitert,
weil der ihre Emanzipiertheit letztlich nicht verkraftet und es vorzieht, eine
weniger anstrengende Person zu ehelichen. Auch Corinne ist sicher noch ein Reflex der Enttäuschungen, die Mme de
Staël durch den wankelmütigen Constant erlitten hatte, von dem sie sich 1805,
nach einem plötzlichen Heiratsantrag seinerseits, endgültig getrennt hatte.
1807
begann sie ihr meistgelesenes und langfristig wirksamstes Buch, De l'Allemagne, für das sie im Winter
1807/08 in Wien weitere Informationen und Anregungen sammelte. Es wurde 1810
fertiggestellt, aber sofort nach seinem Druck von der napoleonischen Zensur
verboten, samt Manuskript konfisziert und eingestampft. Denn De l'Allemagne zeigte den Franzosen ein
stark idealisiertes Deutschland als positiven Kontrast zu ihrem
militaristischen und zentralistischen, von Napoleon diktatorisch regierten und
mundtot gemachten eigenen Land jener Jahre. Das Bild eines
regionalistisch-vielfältigen, musik-, philosophie- und literaturbegeisterten,
gefühls- und phantasiebetonten, mittelalterlich-pittoresken (allerdings auch
etwas rückständigen und harmlosen) Deutschlands, das Mme de Staël so entwarf,
prägte nach 1815 jahrzehntelang die Sicht der franz. Eliten und trug dazu bei,
dass sie nicht bemerkten, wie ihr Nachbarland sie demographisch, wirtschaftlich
und militärisch überholte.
Die
Jahre 1810-12 verbrachte Mme de Staël überwiegend in Coppet, wo sie praktisch
unter Hausarrest stand. Bei einem Besuch im nahen Genf verliebte sich ein
jüngerer, kriegsversehrter Offizier in sie, John Rocca, mit dem sie 1812 ein
fünftes Kind, Louis Alphonse, bekam (und den sie 1816 heimlich heiratete). In
Coppet auch begann sie 1811 Memoiren zu schreiben (gedruckt postum als Dix années d'exil) und arbeitete daneben
an anderen Schriften.
Im
Mai 1812 (kurz nach der letzten Entbindung) brach sie heimlich zu einer langen
Reise auf, die sie offenbar als Propaganda-Mission gegen Napoleon verstand, der
gerade auf dem Höhepunkt seiner Macht angelangt war. Über Österreich, das 1809
widerwillig napoleonischer Satellitenstaat geworden war, reiste sie nach
Russland, das ebenfalls widerwillig Frieden geschlossen hatte, aber, während
sie dort war, von Napoleons Truppen überfallen wurde. Als Mitteleuropa sich
daraufhin in einen Kriegsschauplatz verwandelte, ging sie ins neutrale
Schweden, in dessen Armee ihr Sohn Albert Offizier geworden war. Hier
verbrachte sie den Winter und versuchte dabei, gegen Napoleon Stimmung zu
machen. Aus Schweden reiste sie im Mai 1813 nach London, wo sie bald nach ihrer
Ankunft die Nachricht erhielt, dass Albert in einem Duell ums Leben gekommen
war.
In
London blieb sie kriegsbedingt fast ein Jahr. Sie ließ ihr Buch De l’Allemagne drucken, von dem Schlegel
einen Satz Korrekturfahnen gerettet hatte, und begann ihre Schrift Considérations sur les principaux événements
de la Révolution française (gedruckt postum 1818). Zugleich war sie
Mittelpunkt eines regen gesellschaftlichen Lebens.
Dasselbe
wurde sie in Paris, als sie im Mai 1814, nach der Niederlage und Abdankung
Napoleons, dorthin zurückkehrte und wie eine Fürstin Hof hielt.
Die
„hundert Tage“ Napoleons (März bis Juni 1815) verbrachte sie in Coppet. Im September
ging sie nach Paris zurück und stellte sich demonstrativ hinter den neuen König
Louis XVIII. Zum Dank erhielt sie von ihm die 2 Millionen Francs
zurückerstattet, die sein älterer Bruder Louis XVI während der Revolutionszeit
von ihrem Vater als Kredit bekommen hatte.
1816
verheiratete sie in Pisa ihre (und Constants) Tochter Albertine mit dem duc
Victor de Broglie [gesprochen brœ:j] und wurde damit zur Stamm-Mutter einer
ganzen Reihe bedeutender franz. Persönlichkeiten dieses Namens bzw. aus dieser
Familie.
Im
Februar 1817 erlitt Mme de Staël, knapp 51jährig, in Paris einen Schlaganfall,
der sie halbseitig lähmte und im Juli ihr Ende bewirkte.
(Stand: Apr. 07)
Benjamin Constant (=Henri Benjamin Constant de Rebecque,
*25.10.1767 Lausanne; †8.12.1830 Paris).
Dieser
wie so viele frankophone Literaten zwischen Schriftstellerei und Politik
pendelnde Autor ist heute praktisch nur noch mit seinem Roman Adolphe (1816)
bekannt, einem frühen Meisterwerk und Vorbild der im 19. Jh. florierenden
Gattung psychologischer Roman.
Constant
(wie er in der franz. Geschichtsschreibung heißt) war Abkömmling einer im 16.
Jh. in die Schweiz emigrierten adeligen
Familie franz. Hugenotten. Seine Mutter starb bald nach seiner Geburt
und er verlebte (was sicher stark zu seiner offenkundigen späteren
Bindungsunfähigkeit beitrug) eine unstete Kindheit und Jugend, zunächst als
Ziehsohn bei den Großeltern in der Schweiz und später als Anhängsel seines
Vaters, eines offenbar sehr mobilen Berufsoffiziers, in Holland, der Schweiz,
dem damals noch österreichischen Brüssel und in England, wobei er mal bessere,
mal schlechtere Hauslehrer hatte.
Mit
15 begann er ein Jurastudium im protestantischen Erlangen, das er drei Semester
später in Edinburgh fortsetzte. Zugleich las er viel und begann zu schreiben,
verfiel allerdings auch der Spielsucht und machte Schulden. Darüberhinaus
reiste er oft und hatte früh Liebesaffären. 1786 lernte er bei einem
Parisaufenthalt die Romanautorin Mme de Charrière (1740–1805) kennen, eine in
der Schweiz verheiratete und Französisch schreibende gebürtige Holländerin. Sie
wurde ihm zu einer (anfangs wohl nicht nur platonischen) mütterlichen Freundin,
und ihr Landsitz bei Neuchâtel war in den nächsten Jahren ein Fixpunkt für ihn,
wo er sich häufig kürzer oder länger aufhielt.
Mit
21 (1788) wurde er Kammerherr des Herzogs von Braunschweig und heiratete ein
Jahr später die Hofdame Wilhelmine von Cramm. Er hielt es aber nicht lange mit
ihr aus, ging oft auf Reisen und reichte schließlich die Scheidung ein, um sich
mit einer anderen, ebenfalls noch verheirateten, aber scheidungswilligen
Braunschweiger Hofdame zu liieren, Charlotte von Hardenberg (die er jedoch erst
1808, nach mehreren zwischendurch absolvierten Verhältnissen mit anderen Frauen
und einer zweiten Ehe ihrerseits heiratete, ohne dass die beiden hiernach
glücklich wurden).
1794
begegnete Constant in der Schweiz der anderthalb Jahre älteren Mme de Staël
(s.o.): es war der Beginn einer langen, für beide Seiten aufreibenden Beziehung
(aus der 1797 auch eine Tochter hervorging).
1795,
nach dem Ende der Schreckensherrschaft in Frankreich und der Etablierung des
gemäßigten Regimes des Directoire, begleitete Constant Mme de Staël nach Paris
und begann sich dort als vielbeachteter politischer Publizist und Redner zu
betätigen. Nach dem Staatsstreich Napoleons von 1799 spielte er kurz auch eine
aktive Rolle in der hohen Politik, bis er 1802 kaltgestellt wurde.
Anschließend
war er wieder viel unterwegs, u.a. mit Mme de Staël, die er auf Teilen ihrer
Deutschlandreise 1803/04 begleitete und von der er, nachdem sie 1802 verwitwet
war, zur Eheschließung gedrängt wurde, während er sie zwischendurch immer
wieder zugunsten neuer und alter Geliebten verließ und sich 1808 sogar, wie
erwähnt, ohne ihr Wissen verheiratete.
1806/07
verfasste er, etwa zur selben Zeit, zu der Corinne
ou l'Italie von Mme de Staël entstand, einen autobiografischen Roman, Adolphe, der offenbar seine
Schwierigkeiten spiegelt, sich von jener zu lösen, und mit dessen
unentschlossen schwankenden Ich-Erzähler Constant sich sichtlich stark
identifiziert. Wohl 1811 begann er den ebenfalls autobiografischen Roman Cécile, der jedoch Fragment blieb und
erst 1951 wiederentdeckt wurde. Das Theater reizte ihn weniger; immerhin
verfasste er 1807/08 auch ein Drama: Wallstein
(gedruckt 1808). 1811 begann er eine Autobiografie mit dem Titel Ma Vie, die aber nur bis zum Ende seiner
Jugendzeit gelangte und erst 1907 aus dem Nachlass als Le Cahier rouge gedruckt wurde. Daneben führte er, wie immer, ausführlich
Tagebuch, das aber offensichtlich nicht zur Veröffentlichung bestimmt war
(postum publiziert als Journal intime)
und eine ebenso umfangreiche Korrespondenz mit vielerlei Briefpartnern.
1814,
nachdem Napoleon unterlegen und die alte Königsfamilie der Bourbonen mit Louis
XVIII wieder den Thron bestiegen hatte, publizierte Constant ein Plädoyer für
eine konstitutionelle Monarchie. Als im März 1815 Napoleon unerwartet an die
Macht zurückkehrte, schloss er sich ihm an und entwarf in seinem Auftrag eine
Verfassung für Frankreich. Nach der baldigen endgültigen Niederlage Napoleons
(18. Juni) in der Schlacht von Waterloo nahe Brüssel zog Constant es vor,
Frankreich zu verlassen.
1817
kehrte er zurück nach Paris und in die Politik, wurde immer wieder als
Abgeordneter in die neue Chambre des Députés gewählt und betätigte sich als
gefürchteter Parlamentsredner und Pamphletist. Zugleich verfasste er bedeutende
politologische und staatstheoretische Schriften. Mit ihnen wurde er zum
Mitbegründer des Liberalismus, d.h. der Doktrin, dass der Staat sich möglichst
wenig in die persönlichen und zumal die wirtschaftlichen Belange seiner Bürger
einzumischen habe und möglichst viel Initiative und Verantwortung ihnen selbst
überlassen müsse. Eine vierbändige religionswissenschaftliche Abhandlung, De la religion considérée dans sa source,
ses formes et ses développements, die er schon als junger Mann begonnen
hatte und die 1824–31 erschien, geriet dagegen bald in Vergessenheit.
Seinen
Platz in der Literaturgeschichte verdankt Constant vor allem dem relativ
kurzen, aber erfolgreichen Adolphe (1806/07,
gedruckt erst 1816). Der immer noch gut lesbare Roman spiegelt sichtlich seine
eigene fast pathologische Zerrissenheit zwischen Bindungswünschen und
Bindungsangst und ist inspiriert von seiner Situation zwischen Mme de Staël und
Charlotte von Hardenberg. Er erzählt in der Ich-Form die Geschichte eines
jungen Mannes, der eine etwas ältere Frau verführt, sich, als er merkt, dass
sie ihn liebt, von ihr zu lösen versucht, dies jedoch aufgrund der vielen
Opfer, die sie ihm bringt, nicht kann, dann aber doch wieder möchte und am Ende
auch tut, wobei er sie durch das unentschlossene Hin und Her und seine
schließliche Abwendung in Krankheit und Tod treibt.
(Stand: Nov. 08)
Claude-Henri de
Rouvroy, comte de Saint-Simon (*17.10.1760 Paris; †19.5.1825 ebd.).
Der
in der Regel schlicht unter „Saint-Simon“ figurierende Autor war zwar kein
belletristischer Literat, ist aber durch seinen starken Einfluss auf viele
Schriftsteller, insbes. die Generation der Romantiker, ein wichtiger Name in
der franz. Literaturgeschichte. Er gilt heute zugleich als Mitbegründer der
wissenschaftlichen Soziologie und des politischen Sozialismus.
Aus
hochadeliger Familie stammend, trat Saint-Simon (ein entfernter Verwandter des
gleichnamigen Memoirenautors) zunächst eine Offizierskarriere an. Nach 1776 war
er Mitglied der franz. Freischaren, die unter General Lafayette im
amerikanischen Unabhängigkeitskrieg auf Seiten der Aufständischen kämpften, die
auch materiell heimlich von Frankreich in ihrem Kampf gegen England unterstützt
wurden.
1789
sympathisierte er, wie so viele liberale Adelige, zunächst mit der Revolution.
1794 aber entkam er nur knapp der Guillotine. Durch die Enteignung seiner Güter
während des Terrorregimes verarmt, schaffte er es nach der Machtergreifung des
gemäßigten Directoire (1795), durch geschäftliche Aktivitäten wieder wohlhabend
zu werden.
1801
heiratete er eine Adelige, Alexandrine de Champgrand, von der er sich erhoffte,
sie werde einen gesellschaftlich und geistig maßgeblichen Pariser Salon für ihn
führen.
Die
Ehe scheiterte jedoch rasch, und auch sein Wohlstand schwand, da er sich ganz
auf eine Existenz als freischwebender Intellektueller zurückzog. Von den Resten
seines Vermögens lebend sowie von den Zuwendungen eines reich gewordenen
ehemaligen Dieners, bewegte er sich im Umkreis der Denkschule der sog.
Ideologen um A. Destutt de Tracy, trieb naturwissenschaftliche und
philosophische Studien und begann, gesellschafts- und staatstheoretische Schriften
zu verfassen, die zunächst meist ungedruckt blieben. Hierzu zählen, z.B. die Lettres d'un
habitant de Genève à ses contemporains (1803, dt. Briefe eines Einwohners von Genf an seine Zeitgenossen),
worin die moderne Wissenschaft zu einer Art Religion stilisiert wird; oder der Essai
sur l'organisation sociale (1804, dt. Essay über die Organisation der
Gesellschaft), die Introduction aux travaux scientifiques du XIXe siècle
(1807, dt. Einführung in die wissenschaftlichen
Arbeiten des 19. Jh.), die Histoire
de l'homme (1810, dt. Die Geschichte des Menschen), das Mémoire sur la
science de l'homme (1814, dt. Denkschrift
über die Wissenschaft vom Menschen).
Zur
Zeit der Restauration nach Napoleons Ende 1815 wurde Saint-Simon allmählich
bekannt, und zwar zunächst als Publizist mit kurzlebigen, aber einflussreichen
Zeitschriften, z.B. L'Industrie
(1816-18). Zum Quasi-Propheten wurde er schließlich durch die Bücher Du système industriel (1820-22), Catéchisme des industriels (1823/24) und
De l'organisation sociale (1824), mit
denen er die in den 1830er und 40er Jahren sehr bedeutsame wirtschafts- und
sozialwissenschaftliche Schule der "Saint-Simoniens" begründete.
Hierin
vertrat er die damals ganz revolutionäre Ansicht, dass nur die „industriels“,
d.h. die mit ihrer Arbeitskraft Güter und Dienstleistungen produzierenden
Individuen, nützliche Mitglieder der Gesellschaft seien und dass der dem
Einzelnen zustehende Anteil am gemeinsam erwirtschafteten Wohlstand nach seiner
eingebrachten Leistung zu bemessen sei, womit parasitäre Klassen wie der Adel
oder die Rentiers leer ausgehen würden, während z.B. sowohl die Unternehmer als
auch die Arbeiter jeweils ihre angemessene Entlohnung erhielten.
In
seinem postum gedruckten Buch Le Nouveau
Christianisme (1825) proklamierte er die Fürsorge für die Ärmeren und eine
gerechte Berücksichtigung der unteren Bevölkerungsschichten speziell auch zur
Aufgabe des Christen und wurde damit einer der Väter der um und nach 1900
florierenden katholischen Soziallehre, die sich als christliche Alternative zum
atheistischen Sozialismus à la Marx verstand.
(Stand: Nov. 07)
François René de
Chateaubriand (*4.9.1768 Saint-Malo; †4.7.1848 Paris).
Er
gilt als einer der ganz Großen der franz. Literatur und insbesondere als einer
der Väter der europäischen Romantik.
Er
wuchs auf in Saint-Malo und Schloss Combourg/Bretagne als jüngstes von 10
Kindern einer provinzadeligen Familie und schwankte zunächst zwischen einer
Laufbahn als Marineoffizier (Wunsch des Vaters) oder Priester (Wunsch der
Mutter). 1786 wurde er schließlich Leutnant in einem Regiment unweit Paris und
ließ sich (worauf seine Familie traditionell ein Anrecht hatte) von einem
älteren Verwandten dem König vorstellen. Zugleich fand er Zutritt zu Salons in
Paris, wo er sich ab 1787 häufig aufhielt und erste literarische Versuche
unternahm.
Die
Anfänge der Revolution von 1789 verfolgte er, wie so viele liberale und
aufgeklärte Adelige, mit Sympathie. Zunehmend unzufrieden jedoch mit der
Radikalisierung der politischen Entwicklung, begab er sich 1791 auf eine
neunmonatige Reise nach und durch Amerika. Hier erkundete er vor allem die
damals franz. Gebiete am Mississipi, deren Weite und noch fast unberührte
Schönheit ihn beeindruckten, deren indianische Ureinwohner ihn dagegen
deprimierten, weil sie durch ihre Kontakte mit Europäern sich selber entfremdet
und keine „guten Wilden“ (wie man sie sich vorstellte) mehr waren.
Nach
seiner Rückkehr Anfang 1792 heiratete Chateaubriand standesgemäß eine junge
Adelige. Er verließ sie aber sofort und schloss sich der Armée des émigrés an,
einer überwiegend aus geflüchteten franz. Adeligen bestehenden Truppe, die an
der Seite Österreichs und Preußens gegen das revolutionäre Frankreich kämpfte,
um König Louis XVI und die Monarchie wieder in ihre absoluten Rechte
einzusetzen.
1793
(Louis XVI war inzwischen abgesetzt und guillotiniert, doch der Krieg ging
weiter) wurde Chateaubriand verwundet und ließ sich nach seiner Genesung in
London nieder. Hier lebte er armselig als Übersetzer und Französischlehrer,
wurde aber zum Schriftsteller. Denn er verarbeitete die umfangreichen Notizen
seiner Amerikareise zu zwei literarischen Texten, Les Natchez und Voyage en
Amérique (die er beide erst viel später, 1826 und 27, publizierte) und
verfasste den Essai historique, politique
et moral sur les révolutions anciennes et modernes (gedruckt 1797), eine
Schrift, worin er politische und persönliche Reflexionen verbindet und seine
Traumatisierung durch den Verlust der Heimat, seiner gesellschaftlichen
Position und vor allem zahlreicher hingerichteter oder umgekommener Verwandter
und Bekannter verarbeitet.
1798
wurde er fromm und begann das anti-aufklärerische Buch Le Génie [Geist] du Christianisme, in dem er vor allem die
ethischen, ästhetischen und emotionalen Aspekte der katholischen Religion
hervorhebt und verklärt. Publizieren konnte er es 1802 in Paris. Denn 1800 war
er nämlich, dem Aufruf Napoleons an die emigrierten Adeligen folgend, nach
Frankreich zurückgekehrt und dort höherer Beamter geworden. Le Génie war überraschend erfolgreich,
trug zur Rehabilitierung des christlichen Glaubens bei und beförderte sicher
auch Chateaubriands Karriere in einem Augenblick, wo Napoleon die Retablierung
der Kirche und ein Zweckbündnis mit ihr anstrebte. Es wurde vor allem einer der
Auslöser der geistigen und literarischen Bewegung der Romantik.
In
das Werk eingefügt waren zwei längere Erzählungen, Atala (erstmals separat schon 1801 gedruckt) und René, die zu Kultbüchern einer ganzen
Generation wurden. Atala, die
tragische Geschichte einer jungen Halbindianerin, die den Konflikt zwischen
ihrer Liebe und der Keuschheit, die sie ihrer frommen französischen Mutter
gelobt hat, durch den Freitod löst, wurde vor allem durch die eingestreuten
stimmungsvollen Naturschilderungen vorbildhaft. René kreierte in der
Figur des Titelhelden den Typ des vom "mal du siècle", dem
"Weltschmerz", zerrissenen romantischen Künstlers und Intellektuellen
– ein Typ, der dann jahrzehntelang die europäische Literatur bevölkerte.
Als 1804
Napoleon den jungen Duc d'Enghien, einen bourbonischen Prinzen und potenziellen
Thronerben, entführen, verurteilen und erschießen ließ, war auch Chateaubriand
empört. Er brach ostentativ mit dem napoleonischen Regime und demissionierte.
Zugleich hielt er es für angebracht, endlich mit seiner Frau zusammenzuleben,
doch blieb ihr Verhältnis offenbar locker, zumal er auch weiterhin
außereheliche Verhältnisse unterhielt.
1806
unternahm er eine mehrmonatige Rundfahrt durch Italien, Griechenland, Palästina,
Nordafrika und Spanien, die er anschließend in dem Reisebericht Itinéraire de Paris à Jérusalem teils
pittoresk beschreibend, teils melancholisch reflektierend schilderte (publiziert
1811). Breiten Raum nimmt in dem Buch das damals zum Osmanischen (=türkischen)
Reich gehörende Griechenland ein, womit Chateaubriand den Boden bereiten half
für die große Anteilnahme, mit der Mitteleuropa ab 1821 den Befreiungskampf der
Griechen von der türkischen Herrschaft verfolgte und schließlich aktiv
unterstützte.
1807
reiste er wieder nach Spanien, um dort eine Bekannte, Natalie de Noailles, zu
treffen, in die er sich verliebt hatte. Den Zustand der ständigen Trennungen
des Paares, denn auch sie war verheiratet, und die Aussicht auf den
unausweichlichen Verzicht (der 1812 auch erfolgte) verarbeitete Chateaubriand
in mehreren Werken: 1807/08 verfasste er das pathetische Prosa-Epos Les Martyrs ou le Triomphe de la religion
chrétienne, dessen Handlung im weitgespannten Römischen Reich des späten 3.
Jh. spielt (aber viele verdeckte Bezüge zur Gegenwart aufweist) und sich um ein
ebenfalls getrenntes Liebespaar rankt, das erst in Rom im gemeinsam erlittenen
Tod als Märtyrer zusammenfindet (publiziert 1809). 1809/10 schrieb er die
Novelle Les aventures du dernier
Abencérage, die im Granada des frühen 16. Jh. um ein schließlich
verzichtendes Paar spielt (gedruckt erst 1826, aber aus Lesungen des Autors
vielen Personen schon vorher bekannt).
1811
versuchte sich Chateaubriand auch als Theaterautor mit der Tragödie Moïse, die jedoch unaufgeführt blieb. Im
selben Jahr wurde er, nicht ohne Schwierigkeiten, denn er war ja
Oppositioneller, zum Mitglied der Académie Française gewählt.
Nach
dem Sturz Napoleons und der Rückkehr der alten Königsfamilie der Bourbonen auf
den Thron (1814/15) trat Chateaubriand demonstrativ in die Dienste „seines“
Königs Louis XVIII. Er wurde belohnt mit der Würde eines Pair de France (d.h.
eines Angehörigen der als parlamentarisches Oberhaus fungierenden Chambre des
pairs). Auch wurde er in den folgenden Jahren mit Missionen als Botschafter in
Stockholm (1814), Berlin (1820) und London (1822) betraut. Ende 1822 war er
franz. Chef-Delegierter auf dem Kongress von Verona und ließ dort Frankreich
mit einer militärischen Intervention in Spanien beauftragen, wo liberale
Gruppierungen dem König eine Verfassung abgetrotzt hatten, die nach dem Sieg
der franz. Truppen kassiert wurde. 1823/24 war er sogar kurzzeitig
Außenminister, wurde aber von dem erzkonservativen neuen König Charles X (einem
jüngeren Bruder von Louis XVIII) entlassen. 1828/29 war er erneut Botschafter,
nunmehr in Rom.
In
diesen fünfzehn politisch aktiven Jahren schrieb er naturgemäß weniger,
betätigte sich aber publizistisch, z.B. 1818-20 als Herausgeber der Zeitschrift
Le Conservateur, und verfasste
Notizen und Entwürfe für seine Memoiren, an denen er schon 1809 zu arbeiten
begonnen hatte.
Als
1830 die Juli-Revolution ausbrach, Charles X abdankte und Herzog Louis-Philippe
d'Orléans (aus einer Seitenlinie der Bourbonen) als „Bürgerkönig“ auf den Thron
kam, sah Chateaubriand den Adel einmal mehr marginalisiert. Er zog sich aus der
Politik zurück, auch wenn er sich hin und wieder noch für die Sache der ins
Exil gegangenen Hauptlinie der Bourbonen einsetzte.
Entsprechend
hatte er nun wieder Muße zum Schreiben. Er verfasste allerlei Historisches,
darunter 1831 einen Band Études
historiques, 1836 einen zweibändigen Essai
sur la littérature anglaise, 1838 eine zweibändige Geschichte des
Kongresses von Verona. Vor allem aber redigierte er, quasi aus der Distanz
eines schon „jenseits des Grabes“ Befindlichen, seine Erinnerungen aus fünf
Jahrzehnten tiefer politischer Umbrüche: die umfangreichen Mémoires d'outre-tombe, die er jedoch zur postumen Veröffentlichung
bestimmte (auch wenn er die Rechte klug schon 1836 an einen Verlag und 1844
zusätzlich an eine Zeitung verkaufte).
Sein
letztes literarisches Werk war 1844 die Vie
de Rancé, eine Biografie des Gründers des Trappistenordens (1625?–1700).
Chateaubriand
starb Anfang Juli 48, nachdem er noch einen weiteren Umbruch miterlebt hatte,
nämlich die Februar-Revolution und die Niederknüppelung der Pariser
Arbeiterrevolte im Juni.
Sein
Nachruhm als Autor beruht vor allem auf den Kurzromanen Atala und, noch mehr, René,
die seit 1805 meist gemeinsam in einem Band, aber separat von Le Génie du Christianisme, gedruckt
werden und immer noch erstaunlich gut lesbar sind. Die Bewunderung seiner
Zeitgenossen zeigt sich exemplarisch in dem Ausspruch Victor Hugos von 1816:
„Je veux être Chateaubriand ou rien.“
(Stand: Nov. 09)
Charles Nodier (*29.4.1780 Besançon; †27.1.1844 Paris).
Dieser
Erzähler und Publizist gehört zwar nur zur zweiten Reihe der größeren Autoren,
war jedoch bedeutsam als Mitbegründer der Romantik in Frankreich.
Nodier
war unehelicher, aber legitimierter und eine gute Bildung erhaltender Sohn
eines Anwaltes, der unter der Revolution zum Bürgermeister von Besançon und zum
hohen Richter aufstieg, nach 1794 jedoch ins politische Abseits geriet.
Auch
Nodier selbst war in seiner Heimatstadt früh politisch aktiv, allerdings auf
der antirevolutionären Seite. So wurde er 1799 polizeiauffällig, als er ein
royalistisches Stück verfasste; 1804 kam er wegen eines satirischen Gedichts
auf Napoleon kurz ins Gefängnis; 1805 beteiligte er sich sogar an einer
Verschwörung gegen den frisch gekrönten Kaiser. Er hatte jedoch jeweils das
Glück, von einflussreichen Bekannten seines Vaters vor härteren Strafen bewahrt
zu werden und irgendwo fern von Besançon untertauchen zu können. Immerhin trieb
er in diesen turbulenten Jahren intensive insektenkundliche (!),
sprachwissenschaftliche und literarische Studien, schriftstellerte und
heiratete auch (1808).
1812,
auf dem Höhepunkt der Ausdehnung des napoleonischen Kaiserreichs, wurde er zum
Kaiserlichen Bibliothekar der neuen franz. Provinz Illyrien berufen und
verbrachte ein Jahr in Laibach (Ljubljana, Hauptstadt des heutigen Slowenien).
Es war ein Aufenthalt, der ihn sehr prägte. Nach dem raschen Ende der Provinz
Illyrien (1813) siedelte sich Nodier in Paris an, wo er bis dahin nur
besuchsweise gewesen war und wo er nun von seiner Feder zu leben versuchte.
Denn
als Literat war er längst kein Nobody mehr: So hatte er z.B. 1803 den kleinen
Roman Le Peintre de Salzbourg, journal
des émotions d'un cœur souffrant und 1804 den an Ossian angelehnten
Gedichtband Essais d'un jeune barde
publiziert. 1808 und 1810 war er mit zwei sprachwissenschaftlichen Schriften
hervorgetreten. Daneben hatte er sich früh und regelmäßig als Literaturkritiker
betätigt (der auch nach England und nach Deutschland schaute).
Ab
1814 wurde er als politischer Journalist aktiv, nachdem er sich endlich auf der
für ihn richtigen Seite einsetzen konnte, d.h. der Seite der angestammten
franz. Monarchie.
Seinen
Durchbruch als Erzähler erzielte Nodier 1818 mit dem in Slowenien spielenden
Räuberroman Jean Sbogar, der tragisch
endenden Geschichte eines sozial engagierten, edlen Banditen. Hiernach schrieb
er noch vier weitere, weniger bekannt gewordene Romane. Sein Name in der
Literaturgeschichte verbindet sich vor allem mit den zahlreichen Novellen, die
er in den 20er und 30er Jahren verfasste, darunter viele Grusel-Novellen nach
englischen und deutschen Vorbildern (z.B. Smarra
ou les Démons de la nuit, 1821; Trilby,
1822; La Fée aux miettes, 1832). Mit
ihnen führte er die "schwarze Romantik" der Gespenster- und
Schauergeschichten in Frankreich ein.
Nach
seiner Ernennung zum Direktor der Pariser Bibliothèque de l'Arsenal (1824)
unterhielt Nodier in seiner Dienstwohnung einen Salon, der zum wichtigsten
Treffpunkt der ersten Romantikergeneration wurde, d.h. der etwas jüngeren
Autoren um Victor Hugo. Deren baldigen politischen Schwenk vom Royalismus zum
Republikanismus und Liberalismus vollzog Nodier jedoch nicht mit, was 1833
seine Wahl in die Académie française sehr erleichterte.
(Stand: Nov. 07)
Pierre-Jean (de)
Béranger (*19.8.1780
Paris; †16.7.1857 ebd.).
Dieser
heute auch von vielen Literaturstudenten und sogar -professoren fast oder gar
nicht gekannte Autor galt um 1830 als einer der ganz großen Lyriker
Frankreichs.
Béranger
stammte (anders als sein adelig klingender Name vermuten lässt) aus kleinen
Pariser Verhältnissen. Nach der frühen Trennung seiner Eltern lebte er zunächst
bei den Großeltern in Paris, dann bei einer Tante in der Provinz. 1796 kam er
zurück in seine Heimatstadt. Eine Schulbildung hatte er nicht genossen,
immerhin hatte die Tante ihn Lesen und Schreiben gelehrt. Er schlug sich
zunächst mehr schlecht als recht durch, z.B. als Betreuer einer Bücherstube
oder als Schriftsetzer, doch übte er auch schon seine Feder.
1803
schickte er einige Gedichte an den jüngeren Napoleon-Bruder Lucien Bonaparte
und erhielt über ihn eine kleine Pension sowie 1809 einen Schreiberposten in
der Schulverwaltung (université), der ihm Zeit ließ zum Lesen und
Schriftstellern und den er bis 1821 behielt.
Nach
fleißigen, aber erfolglosen Versuchen als Dramatiker, Epiker und seriöser
Lyriker entdeckte Béranger 1812 sein Talent, auf bekannte Melodien neue Texte
zu dichten, die zunächst zum Vortrag und Mitsingen in einschlägigen Weinlokalen
gedacht waren und Liebes-, Trink- und Lebenslust feierten.
Schlagartig
in ganz Frankreich bekannt wurde er 1813 mit dem verdeckt politischen Chanson Le Roi d'Yvetot, einem Loblied auf einen
gutherzigen und friedlichen Dorf-"König", der ein liebenswertes
Gegenbild darstellte zu dem pausenlos Krieg führenden und immer diktatorischer
regierenden Kaiser Napoleon.
Nach
dessen Sturz 1814 und der Rückkehr der alten Königsfamilie der Bourbonen mit
Louis XVIII ging Béranger jedoch bald wieder in die Opposition und schrieb
satirische Chansons gegen die Träger und Nutznießer der
"Restauration", d.h. die aus der Emigration zurückgekehrten Adeligen,
machthungrige Jesuiten, zum neuen Regime übergelaufene Militärs und
opportunistische Bourgeois. Daneben verfasste er Loblieder auf den einst
gehassten Napoleon und wurde hiermit zu einem der Väter der gegen 1820
entstehenden Napoleon-Legende, d.h. des Mythos vom großen Kaiser, der mit
starker Hand nicht nur den Ruhm Frankreichs gemehrt und Europa vom Joch
absolutistischer Despoten befreit habe, sondern angeblich auch um das Wohl der
kleinen Leute besorgt gewesen sei.
Als
Béranger 1821 eine zweibändige Gesamtausgabe seiner Gedichte publizierte (eine
erste Sammlung, Chansons morales et
autres, war schon 1815 erschienen) wurde sie, weil er darin auch König und
Kirche nicht schonte, verboten. Er selbst kam erstmals kurz ins Gefängnis, was
sein Ansehen enorm erhöhte. Die 1825 erschienene Sammelband Chansons nouvelles konsekrierte ihn zum
populärsten Dichter der Zeit, dessen eingängige Texte in allen
Bevölkerungsschichten, zumal auch den unteren, ankamen. Als er 1828 nach dem
Erscheinen seiner vierten Sammlung (Chansons
inédites) erneut, u.a. wegen "Majestätsbeleidigung", ins
Gefängnis musste, hagelte es Proteste aus ganz Europa, so berühmt war er
inzwischen auch außerhalb Frankreichs.
Nach
der Juli-Revolution von 1830 schloss sich Béranger dem neuen Regime des
"Bürgerkönigs" Louis-Philippe an, was ihn allerdings der geliebten
und fruchtbaren Oppositionellenrolle beraubte. Zwar versuchte er es mit einem
vage kritischen Engagement für die von den neuen Mächtigen vernachlässigten
unteren Schichten, doch den alten Biss hatte er nicht mehr. 1833 gab er eine
letzte Sammlung heraus (Chansons
nouvelles et dernières), die teils noch aus vor 1830 entstandenen politisch
agressiveren Texten bestand, teils schon aus solchen, die nur humanitäre und
soziale Zuwendung predigen.
Hiernach
publizierte er kaum noch, sondern verwaltete seine Position einer im ganzen
Land geachteten und hofierten moralischen Autorität. 1848 wurde er ohne sein
Zutun in die Nationalversammlung gewählt, zog sich aber bald aus der Politik
zurück. In seinen letzten Jahren musste Béranger noch erleben, wie sein Werk rasant
an Wertschätzung verlor und seine Einnahmen schrumpften. Zwar ordnete nach
seinem Tod Kaiser Napoléon III ein Staatsbegräbnis für ihn an und druckte ein
flinker Verleger schnell noch seine Memoiren sowie eine Sammlung Dernières chansons, doch geriet sein
Name kurz danach schon in Vergessenheit.
(Stand: Nov. 05)
Stendhal (=Henri Beyle, *23.1.1783 Grenoble; †23.3.1842 Paris).
Er
bildet mit den deutlich jüngeren Romanciers Balzac (*1799) und Flaubert (*1821)
das Dreigestirn der großen französischen Realisten, wird in Frankreich
allerdings meist der Romantik zugeordnet.
Stendhal
wurde geboren als ältestes von drei Kindern eines bürgerlichen, aber
Adelsambitionen hegenden Anwalts am Obersten Gerichtshof (Parlement) der
Provinz Dauphiné. Als er sechs war, starb seine Mutter nach der Geburt der
jüngsten Schwester, was ihn traumatisierte und ihn offenbar ein Leben lang auf
der Suche nach Ersatz sein ließ, und er verargte es seinem Vater zutiefst, als
der sich mit der Schwester der Mutter liierte und ihn der "Tyrannei"
eines ungeliebten Hauslehrers aussetzte, eines ehemaligen Geistlichen. Er wurde
jedoch sehr gefördert von seinem Großvater mütterlicherseits, einem
schöngeistig interessierten Arzt und Voltaire-Verehrer, sowie von dessen
unverheiratet gebliebener Schwester. Während der Zeit der "Terreur"
1793/94 sympathisierte er aus Trotz gegen seinen royalistisch eingestellten
Vater mit den revolutionären Jacobinern und freute sich geradezu, als jener
inhaftiert wurde und in Köpfungsgefahr schwebte.
1796-99
besuchte er die nach einer Schulreform neu eingerichtete Grenobler École
centrale (wo er in Mathematik brillierte) und ging dann aus der ihm verhassten
engen Provinzstadt nach Paris, um an der neuen École Polytechnique zu
studieren. Er meldete sich aber nicht zur Aufnahmeprüfung (concours), sondern
fing an, Theaterstücke und anderes zu schreiben. Bald danach erkrankte er in
seinem kargen und kalten möblierten Zimmer und wurde daraufhin von entfernten
Cousins, den etwas älteren Brüdern Daru, in ihr Haus aufgenommen.
Die
Darus gehörten zur näheren Umgebung Napoleon Bonapartes und partizipierten an
dessen fulminantem Aufstieg zum Herrn von ganz Mitteleuropa. Als ihr Verwandter
und Protégé profitierte auch Stendhal. Er nahm zunächst als blutjunger Offizier
1800 an Napoleons siegreichem Italienfeldzug teil, wobei er als Adjutant eines
Generals das Land von seiner besten Seite kennenlernte und sich zum Liebhaber
italienischer Kunst, Musik und Lebensart entwickelte. Allerdings fing er in
einem Bordell auch eine Syphilis ein, deren akutes Stadium ihn 1802 zum
Quittieren des Militärdienstes zwang (und die ihm zeitlebens zu schaffen machte
sowie seinen relativ frühen Tod mitverursachte).
Vorübergehend
halbwegs gesundet, verbrachte er einige Jahre mit viel fruchtbarer Lektüre sowie
allerlei fruchtlosen literarischen, geschäftlichen und amorösen Experimenten in
Grenoble, Marseille und Paris. 1806, inzwischen führte Napoleon wieder Krieg,
schloss er sich erneut den Darus an und avancierte, über Zwischenstufen in der
Militärverwaltung, 1808 zum Kaiserlichen Intendanten (einer Art Oberaufseher
und Verbindungsmann) für das Département Oker des 1807 gegründeten Königreichs
Westfalen, eines kurzlebigen franz. Satellitenstaates, der von Napoleons
jüngerem Bruder Jérôme regiert wurde. 1810/11 setzte er seine Karriere in Paris
fort und wurde für kurze Zeit Chef der Verwaltung der kaiserlichen
Liegenschaften (vor allem der Schlösser samt ihren Kunstschätzen). 1812 nahm er
teil an Napoleons Russlandfeldzug und gelangte bis Moskau. Bei dem anschließenden
desaströsen Rückzug im beginnenden Winter hatte er Glück und kam heil zurück.
1813 war er kurz Kaiserlicher Intendant in Schlesien.
Danach
wurde er ein nächstes Mal von der Syphilis eingeholt und nahm 1813/14 einen
längeren Urlaub, den er zum Teil in Italien, vor allem in Mailand, verbrachte,
das er als jugendlicher Offizier kennengelernt hatte. Den Zusammenbruch des
napoleonischen Kaiserreichs erlebte er in Grenoble. Ob tatsächlich sein
Adelsbrief fertig zur Unterschrift auf Napoleons Schreibtisch lag, als jener
1814 besiegt wurde und abdankte, ist eher fraglich.
Wie
so viele hohe napoleonische Beamte fand auch Stendhal 1814 keinen Platz in der
naturgemäß stark verkleinerten Beamtenschaft des
"Restaurationsregimes" unter König Louis XVIII. Er war frustriert und
wurde Napoleon-Fan und Liberaler, d.h. Oppositioneller. Er ging einmal mehr
nach Mailand, fand dort Anschluss an Intellektuellenzirkel und wurde endgültig
zum Literaten mit Biografien, kunsthistorischen Werken und Reisebüchern, die er
zunächst unter wechselnden Pseudonymen und schließlich unter dem dauerhaft
werdenden Namen "M[onsieur]. de Stendhal" publizierte: Vies de Haydn, Mozart et Métastase
(1815), Histoire de la peinture en Italie
(1817) und Promenades dans Rome, Naples et Florence en 1817 (1817). Eine Vie de Napoléon, an der er 1817/18
arbeitete, blieb Fragment (und wurde erst postum 1929 gedruckt).
1818
begegnete er in Mailand seiner großen, unerfüllten Liebe Metilda Dembowski,
Gattin eines österreichischen Generals (die Lombardei war damals
österreichische Provinz), die ihn stark absorbierte und zu dem essayistischen
Werk De l'amour inspirierte
(erschienen 1822). 1819 erlebte er eine weitere herbe Enttäuschung, als er beim
Tod seines vermeintlich wohlhabenden Vaters feststellte, dass dieser fast nur
Schulden hinterließ.
1821
wurde Stendhal wegen seiner Kontakte zu patriotischen Intellektuellen, darunter
Giuseppe Manzoni oder Silvio Pellico, von der österreichischen Polizei als
Verschwörer verdächtigt. Er flüchtete aus Mailand und verlebte einige unstete
Jahre in Paris, London und Italien, bis er sich 1824 in Paris niederließ. Hier
hielt er sich als Journalist über Wasser (z.B. als Kunst- und Musikkritiker)
und bewegte sich in den Kreisen der „Ideologen“ um den Philosophen Destutt de Tracy
und der Romantiker, deren Kampf gegen den noch vorherrschenden Klassizismus er
mit der Streitschrift Racine et
Shakespeare (1823) unterstützte. Ebenfalls 1823 erschien seine Vie de Rossini. 1825 mischte er sich auf
Seiten der oppositionellen Saint-Simoniens (s.o. Saint-Simon) in politische
Diskussionen ein mit der Schrift Nouveau
complot contre les industriels.
1827
publizierte Stendhal seinen ersten Roman, Armance,
die zarte, um 1820 in Paris spielende Liebesgeschichte der armen jungen
Adeligen Armance und des reicheren, aber offenbar impotenten Octave, der sich,
nach ihrer schließlichen Heirat, auf einem Schiff in Richtung Griechenland das
Leben nimmt.
Hiernach
ließ er ein neues Reisebuch folgen (Promenades
dans Rome, 1829) und versuchte sich, wie sein jüngerer Freund Prosper
Mérimée und andere Autoren, in der neuen Mode-Gattung Novelle, mit Vanina Vanini (1829), Le Coffre et le revenant und Le Philtre (beide 1830). Im Oktober 29
hatte er, während einer Reise, in einem Hotel in Marseille die Idee zu Le Rouge et le noir, das er sofort
begann.
Nach
der Juli-Revolution 1830 hoffte er vergeblich, wieder einen höheren Posten im
Staatsdienst zu bekommen, z.B. als Präfekt. Doch erhielt er nur den eines
Konsuls, zunächst im österreichischen Triest, wo man ihm jedoch bei seiner
Ankunft Ende 30 als angeblichem einstigen Verschwörer die Zulassung
verweigerte, und 1831 schließlich im Hafenstädtchen Civitavecchia im
Kirchenstaat.
Ende
1830, einige Monate nach der Juli-Revolution und durch sie eigentlich obsolet
geworden, kam Le Rouge et Le Noir
heraus. Es ist die tragische Geschichte des tüchtigen und ehrgeizigen jungen
Kleinbürgers und Provinzlers Julien Sorel, der im (wie der Autor es sieht) von
reaktionären Adeligen, intriganten Geistlichen und opportunistischen Bourgeois
beherrschten Restaurationsregime trotz seiner Talente und Meriten und trotz
beachtlicher Zwischenerfolge letztlich weder General (=rot) noch Bischof
(=schwarz) zu werden schafft, sondern es nur zum Geliebten einer adeligen
Ehefrau und danach zum Verlobten einer jüngeren Grafentochter bringt und
schließlich einen heroisch akzeptierten Tod auf dem Schafott erleidet. Le
Rouge gilt heute als Stendhals Meisterwerk und ist tatsächlich eine (wie
der Untertitel besagt) „Chronik von 1830“, genauer der Jahre davor. Zu
Lebzeiten des Autors hatte der Roman jedoch wenig Erfolg: der soziale Typ, den
der Protagonist darstellt (und den Stendhal selbst unter Napoleon verkörpert
hatte), nämlich der junge Bildungsbürger, der seinen Aufstieg persönlicher
Leistung verdankt, wurde erst nach der Jahrhundertmitte repräsentativer für die
französische Gesellschaft, in dem Maße wie sich der Stellenmarkt für gebildete
„Leistungsträger“ stark vergrößerte.
Nach
einigen weiteren Erzählungen verfasste Stendhal 1832 die autobiografischen Souvenirs d'égotisme (Fragment, erst
postum publiziert) und begann 1834 den Roman
Lucien Leuwen, der, obwohl weit fortgeschritten, unvollendet blieb. Er
erzählt die Geschichte eines Pariser Bankierssohns, der gewissermaßen die
Julien Sorel nicht mögliche Offiziers-Karriere verwirklichen sollte, unter der
Hand jedoch ganz unzeitgemäße Sympathien für den durch die Juli-Revolution
entmachteten Adel entwickelt, sich in eine adelige junge Witwe verliebt, sie
aber verlässt, als er sich betrogen glaubt, und danach in Paris als Adlatus
eines Ministers die Politik von ihrer schmutzigen inneren Seite kennenlernt –
wonach er seinem Autor quasi entgleitet.
Hierauf
nahm Stendhal erneut sich selbst ins Visier und schrieb 1835/36 an einer
wiederum unvollendet gebliebenen Geschichte seiner Jugend (Vie de Henry Brulard).
Eine insgesamt dreijährige Beurlaubung nutzte er zu ausgiebigen
Paris-Aufenthalten (wobei er 1835 das Kreuz der Légion d’Honneur bekam)
und zu Reisen, aber auch zum Verfassen einer Serie von historischen Novellen,
deren Handlung er in die italienische Renaissance verlegte, wo seiner Meinung
nach die Menschen noch Leidenschaft und Energie besaßen (Chroniques italiennes, 1837–39).
Im
November/Dezember 1838 diktierte er in 53 Tagen in Civitavecchia den Roman La Chartreuse de Parme, die spannende
Geschichte des jungen lombardischen Adeligen Fabrice del Dongo, der dem
Napoleon der Hundert Tage zu Hilfe zu eilen versucht und es nach diesem
kapitalen Fehler im reaktionären Oberitalien der Restauration lediglich – und
auch das nur dank der Intrigen seiner schönen und energischen jungen Tante –
bis zum Bischof bringt und zugleich allerdings zum Geliebten seines
Jugendschwarms, der schönen Generalstochter Clélia Conti. Die von Balzac
enthusiastisch besprochene Chartreuse war Stendhals einziger größerer
Erfolg zu seinen Lebzeiten.
Ende
1839 arbeitete er an einem neuen Roman, Lamiel,
den er aber nicht mehr fertigstellte. Nach einem ersten Schlaganfall im März
41, starb er bei einer zweiten Attacke ein Jahr später in Paris während einer
längeren Beurlaubung.
(Stand: Jan. 10)
Alphonse de
Lamartine (*21.10.1790
Mâcon/Bourgogne; †28.2.1869 Paris).
Er
zählt zu den Großen der franz. Romantik und gilt als ihr poetischster Autor. Er
war zugleich fast sein ganzes Leben lang politisch aktiv als Bürgermeister,
Diplomat und Abgeordneter.
Er
war ältestes von drei Kindern einer mäßig bemittelten Familie des kleineren
Landadels. Seine Kindheit verlebte er in Mâcon und auf dem Landgut der Familie
im nahen Milly, erzogen hauptsächlich von seiner streng katholischen Mutter.
Seine Schulzeit verbrachte er auf einem Internat in Lyon (wo er zwölfjährig
ausriss) und danach auf einem ehemaligen Jesuitenkolleg in Bellay (Dép. Ain).
Anschließend blieb er zunächst, da er kein Offiziers- oder Beamtenanwärter
unter Napoleon werden wollte, als junger Landedelmann zu Hause. 1811/12
unternahm er mit einem Freund eine längere Bildungsreise in das zu dieser Zeit
von Frankreich beherrschte Italien. Insbes. hielt er sich länger in Rom und
noch länger in Neapel auf, wo er eine Romanze mit einer Antoniella hatte, der
späteren „Graziella“. 1812 wurde er zum Bürgermeister von Milly ernannt und
reiste erstmals nach Paris.
1814,
nach der Rückkehr der Bourbonen auf den franz. Thron, diente er „seinem“ König
Louis XVIII als Gardeoffizier in Beauvais und in Paris. Die Hundert Tage, d.h.
Napoleons vorübergehende Rückkehr an die Macht (März bis Juni 1815), verbrachte
er in der Schweiz und in Savoyen. Nach kurzem nochmaligen Dienst als
Gardeoffizier gab er im Herbst die militärische Laufbahn auf und lebte wieder
in Milly als lesender und schreibender Privatier.
Im
Oktober 1816 verliebte er sich während einer Kur in Aix-les-Bains am See von
Bourget (Savoyen) in die ebenfalls dort kurende tuberkulosekranke junge
Pariserin Mme Julie Charles, der er nach Paris folgte, wo er in ihrem Salon
verkehrte. Zur verabredeten neuen gemeinsamen Kur im herbstlichen Aix kam es
nicht mehr, weil Mme Charles zu krank war (und wenig später starb). Lamartine
wurde tief erschüttert durch ihren Tod und besang die Erinnerung an „Elvire“
(wie er sie nun nannte) in wehmütigen Versen, z.B. in den bekannten
Anthologie-Gedichten L’Isolement, Le Lac, oder Le Temple.
Zurück
in Milly, stellte er 1818 eine Tragödie fertig, Saül, die aber nicht angenommen
wurde.
Anfang
1819 wurde er auf der Hochzeit einer seiner beiden Schwestern der reichen
protestantischen Engländerin Mary-Anne Birch vorgestellt. Nachdem er sie im
Spätsommer wiedergesehen hatte, hielt er um ihre Hand an und heiratete sie ein
Jahr später.
Anfang
1820 erkrankte er schwer und näherte sich der zwischenzeitlich abgelegten
Frömmigkeit seiner Kindheit wieder an, wenn auch eher im Sinne eines
katholisierten Pantheismus. Im März erschien ein Sammelband mit Gedichten aus
den vorangegangenen Jahren: Méditations
poétiques. Das mit 118 Seiten und 24 Texten relativ kleine Bändchen war
erstaunlich erfolgreich, machte Lamartine schlagartig bekannt und erlebte in
zweieinhalb Jahren neun, hin und wieder leicht vermehrte Auflagen. Es bedeutete
zugleich den Durchbruch der romantischen Lyrik in Frankreich, d.h. einer Lyrik,
die sich nicht mehr vor allem an den gebildeten Intellekt und Schönheitssinn
richtete, sondern Leidenschaften und Stimmungen, erotische und religiöse
Sehnsüchte, Träumereien und Natureindrücke bedichtete und das Gefühl ansprechen
wollte.
Kurz
nach seiner Hochzeit im Sommer 20 ging Lamartine als Botschaftsattaché nach
Neapel. Auf der Rückreise Anfang 1821 kam in Rom Sohn Alphonse zur Welt, der
aber 1822 starb, kurz nachdem in Mâcon ein zweites Kind, Julie, geboren worden
war.
1823
versuchte Lamartine mit dem Bändchen Nouvelles
méditations an den Erfolg der Vorgängersammlung anzuknüpfen, was allerdings
nur teilweise gelang.
Das
Jahr 24 war ein dunkles Jahr für ihn. Beide Schwestern starben kurz
nacheinander. Eine Kandidatur für die Académie française scheiterte.
Er
trat wieder in den diplomatischen Dienst und war zweieinhalb Jahre
Legationssekretär in Florenz, der Hauptstadt des Herzogtums Toscana, wobei er
ausreichend Muße zum Lesen und zum Schreiben fand.
Anfang
1830 wurde er in die Académie française aufgenommen. Im Frühsommer publizierte
er den Gedichtband Harmonies poétiques
et religieuses, der seine Rolle als
eines der Chefs der jungen romantischen Schule bestätigte.
Nach
der Juli-Revolution und der Abdankung von König Charles X 1830 quittierte er
den diplomatischen Dienst, weil er, wie so viele Adelige, den neuen Monarchen
Louis-Philippe, den „Bürgerkönig“, nicht als rechtmäßigen Herrscher
betrachtete. Er beschloss, als Abgeordneter in die Politik zu gehen, scheiterte
jedoch bei seiner ersten Kandidatur 1831, obwohl er sich (was damals möglich
war) in drei Wahlkreisen zugleich hatte aufstellen lassen.
Enttäuscht
unternahm er 1832/33 auf eigenem Schiff mit Familie, Domestiken und Freunden
eine ihn sehr prägende Orient-Reise (auf der er Ende 32 Tochter Julie durch
Krankheit verlor). Seine gut beobachteten Eindrücke verarbeitete er
anschließend in Voyage en Orient
(erschienen 1835), einer der zahlreichen Reisereportagen, wie sie die Autoren
der Zeit verfassten.
Während der
Reise wurde er 1833 aufgrund einer Nachwahl doch noch Abgeordneter, zunächst in
Nordfrankreich. Von 1838 bis 48 vertrat er, ständig wiedergewählt, den
Wahlkreis Mâcon. Lamartines politische Position im Parlament, der Chambre des
Députés, war die eines latent oppositionellen Linkskatholiken, d.h. er war
trotz einer patriarchalischen und konservativen Grundeinstellung aufgeschlossen
für die sozialen Fragen der Zeit, insbesondere für das Problem der Armut und
der Proletarisierung der zunehmenden Arbeitermassen in den rasch wachsenden
Städten.
1836
und 1838 versuchte sich Lamartine als Epiker mit den in Alexandrinern
verfassten Epen Jocelyn und La Chute d'un ange. Jocelyn, die zur Revolutionszeit spielende traurig-sentimentale
Geschichte eines jungen Mannes, der seine Liebe und mit ihr auch die Geliebte
opfert, um Priester zu werden, und sein Leben als selbstloser Menschenfreund
beschließt, hatte trotz der Versform beachtlichen Erfolg.
1839
publizierte Lamartine den Gedichtband Recueillements
poétiques, mit dem er aber nur noch einer unter den inzwischen vielen
anderen romantischen Dichtern war.
1843
brach er gänzlich mit dem plutokratischen, d.h. sich auf die Reichen im Lande
stützenden Regime von König Louis-Philippe und entwickelte sich zum
oppositionellen Republikaner und gefürchteten politischen Redner. Er begann
seine monumentale Histoire des Girondins (gedruckt
1847), d.h. eine Geschichte der Partei der gemäßigten Revolutionäre von
1791–94.
Nach
der Februar-Revolution von 1848, wurde Lamartine Außenminister sowie Chef der
Provisorischen Regierung und wurde im April triumphal zum Mitglied der
Verfassungsgebenden Versammlung der kurzlebigen Zweiten Republik gewählt. Die
politische Praxis lag ihm jedoch nicht und machtbewusstere Kollegen wie der
General Cavaignac drängten ihn ab. Als er Ende 48 er für das neue Amt des
Staatspräsidenten kandidierte, unterlag er kläglich gegen Louis-Napoléon
Bonaparte, den Neffen von Kaiser Napoléon I und baldigen Napoléon III.
Nach
dieser Niederlage wurde er zwar 1849 nochmals Abgeordneter, doch mit dem
Staatsstreich Bonapartes Ende 1851 war seine politische Rolle ausgespielt.
Durch seine Wahlkampagnen verarmt (1860 z.B. musste er Milly verkaufen), lebte
er mühsam von seiner Feder, d.h. von den vielbändigen autobiografischen Confidences (1849-51), diversen
historischen Sachbüchern, einigen sozial engagierten Romanen (z.B. Geneviève,
Histoire d’une servante, 1851) und seinem 1856–69 monatlich in einer
Zeitschrift erscheinenden Cours familier de
littérature.
1867
machte er, seit 1863 verwitwet und durch Krankheit geschwächt, noch seinen
Frieden mit dem Regime des Second Empire von Napoléon III und akzeptierte eine
staatliche Pension sowie eine kostenfreie Wohnung von der Stadt Paris.
Der
hübsche und einmal mehr traurige autobiografische kleine Liebesroman Graziella (konzipiert 1844, gedruckt
1849 als Teil der Confidences und ab
1852 auch als selbständige Publikation) etablierte sich erst nach Lamartines
Tod als Erfolgsbuch, das vielfach neu aufgelegt und zu insgesamt einem
Theaterstück, drei Opern und zwei Filmen verarbeitet wurde.
(Stand: Jan. 10)
Alfred de Vigny (*27.3.1797 Loches; †17.9.1863 Paris).
Er
zählt als Lyriker, Dramatiker und Erzähler zu den großen franz. Romantikern.
Vigny
stammte aus einer durch die Revolution geschädigten Adelsfamilie und verbrachte
seine Kindheit und Jugendjahre ab 1798 in Paris, teilweise im jetzigen
Elysée-Palast, der damals Mietshaus war. Er besuchte das Lycée Bonaparte (heute
Lycée Condorcet) und träumte wie so viele junge Leute im Frankreich der Zeit
von einer militärischen Karriere.
1814
trat er als junger Fähnrich in den Dienst des aus dem englischen Exil
zurückgekehrten Königs Louis XVIII und floh mit ihm nach Brüssel, als Napoleon
für die berühmten Hundert Tage (März bis Juni 1815) die Macht zurückeroberte.
Nach der endgültigen Niederlage Napoleons setzte Vigny in verschiedenen
Garnisonen seine militärische Laufbahn fort, hielt sich aber viel in Paris auf,
denn adeliger Offizier zu sein war in Friedenszeiten eher eine
Nebenbeschäftigung denn ein Beruf.
Ab
1817 veröffentlichte Vigny Gedichte, 1822 erschien seine erste Gedichtsammlung:
Poèmes. 1825 heiratete er eine
vermögende Engländerin und konnte sich beurlauben lassen, um seinen
literarischen Interessen zu leben. 1827 quittierte er den aktiven Dienst.
1826
nämlich hatte er erfolgreich zwei Bücher publiziert: den Band Poèmes antiques et modernes (mit dem
berühmten Gedicht über das Ende Rolands, Le
Cor, einem Beispiel der Mittelalterbegeisterung der Romantiker) und den
Roman Cinq-Mars, dessen Handlung um
den gleichnamigen, 1642 geköpften Verschwörer gegen Richelieu kreist und der
der erste franz. historische Roman in der neuen Manier Walter Scotts war.
1827-29
versuchte Vigny mit Bearbeitungen von Romeo
and Juliet, Othello und The Merchant
of Venise, Shakespeare in Frankreich heimisch zu machen, der den
Romantikern als vorbildhaft galt. 1831 wurde sein erstes eigenes Stück
aufgeführt, La Maréchale d'Ancre.
Hierbei lernte er die Schauspielerin Marie Dorval kennen, mit der er ein
längeres Verhältnis einging.
1832
erschien sein Erzählband Stello. Aus
einer der drei Erzählungen machte Vigny 1834 das erfolgreiche Drama Chatterton, das einen Typ kreierte, der
noch jahrzehntelang die romantische und postromantische Literatur prägen
sollte: den sich selbst und seiner Umgebung problematischen Künstler, der es
schwer hat, in einer zunehmend bürgerlich geprägten, profitorientierten
Gesellschaft den Platz zu finden, der seinem hohen Bild von sich selber
entspricht.
1835
publizierte Vigny Servitude et grandeur
militaires, Erzählungen um den Konflikt zwischen Gewissen und soldatischer
Pflicht aus der Sicht eines Ex-Offiziers, der in seinem Karriere-Ehrgeiz
überwiegend frustriert worden war und zudem, wie so viele Intellektuelle,
unzufrieden war mit dem von Bankiers und Fabrikanten beherrschten Regime des
„Bürgerkönigs“ Louis-Philippe, der seit 1830 auf dem Thron saß.
Vignys
weitere Werke blieben erfolglos und erlangten auch später kaum Anerkennung. Zwischen
1843 und 45 brauchte er entsprechend fünf Anläufe, um Mitglied der Académie
française zu werden. Nach der Februar-Revolution 1848 versuchte er, als
Abgeordneter in die Politik zu gehen, scheiterte aber. 1852 schlug er sich auf
die Seite des neuen Kaisers Napoléon III und verwaltete hinfort seinen Ruhm.
(Stand: Jan. 10)
Honoré de Balzac
(*20.5.1799
Tours; †18.8.1850 Paris).
Er gilt den
Franzosen neben Molière und Victor Hugo als einer ihrer größten Autoren
überhaupt und bildet, obwohl er eigentlich zur Generation der Romantiker zählt,
mit dem 17 Jahre älteren Stendhal und dem 22 Jahre jüngeren Flaubert das
Dreigestirn der großen französischen Realisten. Sein Hauptwerk ist der rd. 90
Titel umfassende, aber unvollendete Zyklus La Comédie Humaine, dessen
Romane und Erzählungen ein Gesamtbild der Gesellschaft im Frankreich der Zeit
zu zeichnen versuchen.
Honoré Balzac (so sein Geburtsname) war, da ein 1798
geborener Bruder schon im Säuglingsalter starb, ältestes Kind von Bernard-François Balzac, einem Bauernsohn aus dem
südwestfranzösischen Dép. Tarn, und von Anne-Charlotte-Laure Sallambier, einer
Pariserin aus gutbürgerlicher Familie. Der Vater hatte es schon vor der
Revolution vom Notariatsangestellten zum Sekretär eines hohen Beamten gebracht
und war nach 1789 Sekretär eines Marineministers und dann leitender Beamter in
der Verwaltung der Revolutionsarmee geworden. Schon um 1780 hatte er seinen
eigentlichen Namen Balssa französisiert zu „Balzac“, das er spätestens ab 1803
gern mit einem „de“ verzierte. Erst 1797 hatte er mit 50 geheiratet. Die
Mutter, eine offenbar hübsche und gebildete Frau, war bei ihrer Heirat 19. Sie
gab, nachdem sie ihren Erstgeborenen früh verloren hatte, den neugeborenen
Honoré sowie danach auch seine 1800 und 1802 geborenen Schwestern zu einer Amme
in Pflege. 1807, einige Monate bevor sie einen offenbar außerehelich
empfangenen Sohn zur Welt brachte, schickte sie ihren eben 8-jährigen Ältesten
in ein Internat der Oratorianer in Vendôme. Von dort wechselte er mit 13,
sitzengeblieben und kränkelnd, in eine Pariser Schülerpension und besuchte,
wiederum nur wenig erfolgreich, das Lycée Charlemagne. Insgesamt erlebte Balzac
seine Kindheit und Jugend als freudlos und entwickelte einen tiefsitzenden
Groll gegen seine Mutter.
1814 erhielt der Vater, der zuletzt in Tours Verwaltungschef
des Krankenhauses gewesen war, einen guten Posten in Paris, und die Familie zog
um in die Hauptstadt. Hier beendete Balzac 1816 seine Schulzeit und nahm ein
Jurastudium an der École de Droit auf. Er besuchte jedoch auch literarische
Vorlesungen an der Sorbonne und am Collège de France und begann, nebenher
philosophische Überlegungen zu Papier zu bringen. Ab 1817 arbeitete er zudem
stundenweise als Schreibkraft, zunächst bei einem Anwalt (wo er den späteren Komödienautor
Eugène Scribe als Kollegen hatte) und dann bei einem mit der Familie
befreundeten Notar.
Anfang 1819 legte er das „baccalauréat en droit“ ab, die
Zulassungsprüfung für den letzten Studienabschnitt vor der „licence“, dem
eigentlichen Abschluss. Nach Vorlesungsschluss im Sommer brach er jedoch das
Studium ab, denn er hatte beschlossen Schriftsteller zu werden. Nachdem sich
der Vater bereitgefunden hatte, ihm zwei Probejahre zu finanzieren, zog Balzac
in eine kleine Dachwohnung und begann zu schreiben. Das Ergebnis war allerlei
Feuilletonistisches und Lyrisches, Fragmente eines Opernlibrettos und einer
Tragödie sowie vor allem ein Drama in Versen, Cromwell. Dieses
rezitierte er 1820 vor der Familie (wo er inzwischen wieder wohnte) und einigen
sachverständigen Freunden des Hauses, erntete aber nichts als Kritik. Er blieb
trotzdem bei seinem Entschluss, wechselte allerdings das Genre und versuchte
sich in Romanen.
1821 lernte er den schon erfahreneren Autor Auguste
Lepoitevin kennen. Mit ihm zusammen und unter dessen Pseudonym „Viellerglé“
produzierte er in den Folgejahren mehrere Romane, versuchte es daneben aber
auch mit eigenen, die er „Lord R'Hoone“ oder „Horace de Saint-Aubin“ zeichnete.
1822 machte er
die Bekanntschaft der 45-jährigen Mme de Berny, die seine Geliebte wurde und
ihm eine „éducation sentimentale“ angedeihen ließ. Sie blieb ihm bis kurz vor
ihrem Tod 1836 als mütterliche Freundin verbunden.
1823 versuchte sich Balzac erneut als Dramatiker mit dem
Stück Le Nègre, das aber nicht angenommen wurde. Ein weiterer Ausflug in
ein anderes Genre, das epische Gedicht Fœdora, blieb Fragment. Nebenher schrieb er
Kritiken für das Feuilleton littéraire des jungen Publizisten Horace
Raisson, mit dem zusammen er auch andere literarische Projekte verfolgte.
Immerhin verdiente er inzwischen so viel, dass er in der Lage war, seinen
Eltern 100 Fr. Kostgeld monatlich zu zahlen, ein gewisses gesellschaftliches
Leben zu führen und diese oder jene Reise zu den Landsitzen adeliger oder
großbürgerlicher Gastgeber zu unternehmen.
Den erhofften Durchbruch als Autor schaffte er trotz seiner
fleißig fortgesetzten Romanproduktion jedoch weiterhin nicht. (Ende 1824
scheint er deshalb in eine Depression verfallen zu sein). Auch nachträglich
haben seine Jugendwerke keine Geltung erlangt, obwohl er darin oft schon Themen
behandelt, z.B. das Streben nach Anerkennung und Geld, und Typen gestaltet,
z.B. den energiegeladenen jungen Aufsteiger, die später typisch für ihn waren.
Anfang 1825 lernte er über seine Schwester Laure in Versailles
die Duchesse (Gräfin) d’Abrantès kennen, die ein Verhältnis mit ihm einging und
ihm Einblicke in die Welt des zeitgenössischen Adels verschaffte. Im August
starb mit 23 seine jüngste Schwester, Laurence de Montzaigle, deren 1821
geschlossene Ehe unglücklich gewesen war. Im Herbst begann Balzac hieraufhin
ein leicht zynisches und illusionsloses Ehehandbuch für noch ledige Männer: Physiologie
du mariage, das er jedoch erst 1829 fertigstellte und anonym publizierte.
Ebenfalls 1825 versuchte er sich als Compagnon eines Pariser
Verlegers und gab je eine illustrierte und kommentierte Molière- und La
Fontaine-Ausgabe heraus. Auf den Geschmack als Verleger gekommen, kaufte er
1826 mit Darlehen Mme de Bernys und vor allem seiner Mutter eine Druckerei, der
er 1827 eine Letterngießerei angliederte. Schon 1828 jedoch musste er infolge
einer Wirtschaftskrise, die von England ausging, Konkurs anmelden, die Gießerei
an den Sohn Mme de Bernys abtreten und die Druckerei schließen. Er blieb
lebenslang Schuldner seiner Mutter, die seinen Vater († 1829) und ihn selbst
überlebte. Immerhin hatte er in seiner Eigenschaft als Verleger Kontakt zu
mehreren Autoren der Schule der Romantiker erhalten, darunter Hugo und Vigny.
Er konzentrierte sich nun wieder auf das Schreiben. 1829
hatte er endlich Erfolg mit Le dernier
Chouan, ou La Bretagne en 1800 (später überarbeitet und umbenannt in Les Chouans,
ou La Bretagne en 1799). Es ist ein historischer Roman nach der neuen Machart
Walter Scotts, der mit einem jungen Adeligen als Protagonisten das tragische
Ende eines der letzten königstreuen Widerständler gegen das Revolutionsregime
schildert. Les Chouans war zugleich das erste Werk, das Balzac mit
seinem Namen zeichnete. Diesem setzte er rasch ein „de“ voran, als ihm der
Erfolg die Pariser Salons zu öffnen begann.
In den Folgejahren führte er eine äußerst vielfältige und
bewegte Existenz. So gründete er 1830, im Jahr der Julirevolution, mit dem
späteren Zeitungsmagnaten Girardin eine politische Zeitschrift. 1831 und
nochmals 1832 erwog er, für ein Abgeordnetenmandat zu kandidieren, beschränkte
sich dann aber auf eine Rolle als sehr aktiver Journalist, wobei er 1835 sogar
Mehrheitsaktionär der politischen und literarischen Zeitschrift Chronique de
Paris wurde, die jedoch schon 1836 einging. Seine politische Position
rückte in diesen Jahren deutlich nach rechts, denn 1832 hatte er, der
pseudoadelige Bourgeois, über eine adelige Freundin, die Marquise de Castries,
Anschluss an Kreise der Legitimisten gefunden, d.h. Adeliger aus meist alten
Familien, die den 1830 zurückgetretenen Charles X weiterhin als legitimen König
betrachteten und sich dem neuen „Bürgerkönig“ Louis-Philippe verweigerten.
Daneben war Balzac viel unterwegs, um Gast in den
Sommerresidenzen vornehmer Leuten zu sein und/oder einer der zahlreichen, meist
verheirateten Damen zu folgen, mit denen er Verhältnisse anstrebte oder
unterhielt. Hierbei wurde er offenbar auch Vater außerehelich gezeugter Kinder,
und zwar 1834 einer Marie du Fresnay und 1836 eines Lionel-Richard
Guidoboni-Visconti.
1832 trat brieflich die polnische Gräfin Hanska mit ihm in
Kontakt, die nach ihrem ersten Treffen im Winter 1833/34 in der Schweiz und
einem weiteren Treffen 1835 in Wien eine wichtige Figur in seinem Leben wurde
und ihn, nach ihrer Verwitwung 1841, 1850 schließlich auch heiratete.
Vor allem aber schrieb Balzac. Nach dem Erfolg der Chouans
passabel bezahlt und zunehmend anerkannt, verfasste er Erzählungen und Romane,
die in der Regel zunächst in Fortsetzungen in Zeitschriften herauskamen, ehe
sie in Buchform erschienen. Schon früh entwickelte er die Gewohnheit, jeweils
mehrere schon gedruckte Werke unter Gruppentiteln zusammengefasst und revidiert
nochmals herauszubringen, so 1830 die zweibändigen Scènes de la vie privée (mit
u.a. La Maison du chat qui pelote und Gobseck), 1831 die Romans
et contes philosophiques (mit u.a. La Peau de chagrin), 1832 einen
ersten Band Contes drôlatiques und 1833 die zweibändigen Scènes de la
vie de Province (mit u.a. Eugénie Grandet). Auch das Gros seiner
Jugendwerke versuchte er 1836 ein zweites Mal zu vermarkten in der
Sammelausgabe Œuvres complètes d’Horace de Saint-Aubin.
Im Oktober 33 schloss Balzac einen Verlagsvertrag, wonach er
aus vorhandenen und noch zu schreibenden Werken eine drei mal vier, d.h.
insgesamt zwölf Bände umfassende Sammlung von „Szenen“ zu erstellen hatte, die
unter dem Generaltitel Études de mœurs au XIXe siècle erscheinen sollten. Noch 1833 lieferte
er zwei Bände Scènes de la vie de province, 1834 begann er die Scènes
de la vie parisienne.
Im selben Jahr
34 hatte er beim Schreiben eines seiner besten Werke, Le Père Goriot,
die Idee, Figuren seiner bis dahin verfassten und der künftigen Erzählungen und
Romane immer wieder neu auftreten zu lassen, um mit diesem Kunstgriff die
Handlungen in einem gewissen Umfang zu verflechten und eine für den Leser
überschaubare Welt zu schaffen. Wirklich schuf Balzac im Lauf der nachfolgenden
13-14 Jahre ein Universum von gut 2000 Figuren, die zugleich Repräsentanten der
nachrevolutionären franz. Gesellschaft sein sollten und in der Tat eine
plastische Vorstellung vom Leben zumindest der zeitgenössischen bürgerlichen
und adeligen Schichten samt ihren Domestiken vermitteln.
Im selben Jahr
34 hatte er beim Schreiben eines seiner besten Romane, Le Père Goriot,
die entscheidende Idee, die Figuren seiner bis dahin verfassten und der
künftigen erzählenden Werke immer wieder neu auftreten zu lassen, um mit ihnen
und um sie herum eine überschaubare Welt entstehen zu lassen. Wirklich entstand
so im Lauf der Zeit ein Universum von gut 2000 Figuren, die zugleich
Repräsentanten der nachrevolutionären franz. Gesellschaft sein sollten und in
der Tat eine plastische Vorstellung vom Leben zumindest der zeitgenössischen
bürgerlichen und adeligen Schichten samt ihren Domestiken vermitteln.
Entsprechend schloss Balzac 1841 mit einer Verlegergruppe
einen Vertrag für eine neue Gesamtausgabe seines vorhandenen und geplanten
erzählerischen Œuvres und gab dieser, als er sie 1842 mit drei ersten Bänden
eröffnete, den Obertitel des Ganzen La
Comédie humaine. Die einzelnen Romane und Erzählungen dieses Ganzen sollten
darin nicht nur zu den Großgruppen Études
philosophiques, Études analytiques und Études
de mœurs zusammengefasst werden, sondern auch noch zu Untergruppen (Scènes de la vie privée usw.). Zur
Verwirklichung seines Projekts schrieb Balzac in den nächsten Jahren wie
besessen. Sein infernalischer Arbeitsrhythmus von oft 15 bis 17 Stunden täglich
(den er wie symbolisch in einer Art Mönchskutte absolvierte) und sein enormer
Kaffeeverbrauch wurden legendär.
Die außergewöhnliche Vitalität und Schaffenskraft Balzacs
beschränkten sich im Übrigen nicht auf seine literarische Aktivität als
Erzähler, Journalist und gelegentlicher, allerdings stets erfolgloser
Dramatiker. Vielmehr war er auch ein Lebemann, der trotz seiner ständig
wachsenden Schulden einen luxuriösen Lebensstil mit Kutsche, eleganter
Kleidung, schönen Wohnungen und sogar einem Landsitz zu unterhalten versuchte
und ein aufwändiges gesellschaftliches Leben pflegte. Auch hatte er bis ca.
1843 fast ständig Geliebte, wobei er es immer wieder schaffte,
aufopferungswillige und oft auch zu finanzieller Hilfe bereite Frauen aus den
besten Kreisen an sich zu binden. 1839 betätigte er sich als Vorsitzender des
neugegründeten Schriftstellerverbandes.
Spätestens 1843 und verstärkt ab 1844 bekam er aufgrund der
Überspannung seiner Kräfte und seines exzessiven Kaffeekonsums
Gesundheitsprobleme. Er versuchte jedoch, sie mit Arbeit zu betäuben oder auf
Reisen zu und mit Mme Hanska zu vergessen, die ab 1845 seine mehr oder weniger
feste, wenn auch niemals ständige Partnerin wurde. Mit ihr bereiste er in drei
Sommern Frankreich, Deutschland, Italien und die Schweiz und verbrachte auf
ihrem Schloss in der heutigen Ukraine den Winter 47/48 und das ganze Jahr 49.
Seine Hoffnung, sich dort gesundpflegen zu lassen, erfüllte sich jedoch nicht.
Er starb, nachdem er Mme Hanska im März 1850 geheiratet und zur Alleinerbin
eingesetzt hatte, kurz nach seiner offenbar strapaziösen Rückreise nach Paris.
Die Gedenkrede an seinem Grab hielt der drei Jahre jüngere Victor Hugo.
Die Aufnahme in die Académie française war Balzac trotz
mehrerer Anläufe (1839, zuletzt in Abwesenheit 1849) nicht vergönnt: seine in der
Tat von Eile geprägte Schreibweise galt bei der professionellen Literaturkritik
lange als stillos und unseriös. Immerhin wurde er 1845 mit dem Kreuz der
Ehrenlegion ausgezeichnet.
Aller Wahrscheinlichkeit nach bezog seine Witwe
erfreulichere Einkünfte aus seiner Schriftstellerei als er zu seinen Lebzeiten
selbst erzielt hatte. Er pflegte nämliche seine eigentlich durchaus guten
Honorare ganz erheblich dadurch zu schmälern, dass er auf den Korrekturfahnen
seiner Texte (d.h. den Probeausdrucken) so viele Verbesserungen anbrachte, dass
das Ganze jeweils neu gesetzt werden musste.
Balzacs Erzählweise gilt in der Literaturgeschichte als
prototypisch für den traditionellen Roman „à la Balzac“, d.h. einen Roman mit
interessanten, nicht eben Durchschnittstypen verkörpernden Protagonisten, einer
interessanten und mehr oder minder zielstrebigen Handlung sowie einem
eindeutigen Vorherrschen der auktorialen Erzählsituation.
Seine heute bekanntesten Romane und
Erzählungen sind: La Peau de chagrin
(1831); Le Colonel Chabert (1832); Le
Médecin de campagne (1833); Contes
drôlatiques (1832-37); Le Lys dans la
vallée (1836); Histoire de la
grandeur et de la décadence de César Birotteau
(1837/38); Illusions perdues (1837-43); La Cousine Bette, Le Cousin Pons, (1847), sowie vor allem Eugénie Grandet (1833) und Le
Père Goriot (1834).
(Stand: Jan. 10)
Anhang:
Eugenie Grandet erzählt
die Geschichte einer Provinzlerin, die sich als junges Mädchen in ihren Cousin Charles
verliebt, als dieser aus Paris auftaucht, um nach dem Bankrott und Selbstmord
seines Vaters ihren Vater um Hilfe zu bitten, die der aus Geiz aber ablehnt.
Nachdem Charles ihr die Ehe versprochen hat, vertraut Eugénie ihm heimlich ihre
Jung-Mädchen-Ersparnisse an, damit er in den Kolonien einen Handel aufziehen
kann. Wirklich wird er dort reich, doch wird er auch egoistisch. So heiratet er
bei seiner Heimkehr nach sieben Jahren nicht die wartende Eugénie, sondern eine
verarmte junge Adelige, deren Familie ihn mit der Aussicht auf den Adelstitel
ködert. Die tief getroffene Eugénie, die inzwischen den immensen Reichtum ihres
Vaters geerbt hat (den sie selbst und Charles völlig unterschätzt hatten), gibt
nun ihr Jawort einem betuchten hohen Richter, der sie und ihr Geld schon seit
langem umworben hat. Um Charles zu zeigen, was ihm entgeht, bezahlt sie mit
links die noch offenen Schulden seines Vaters und lässt ihn ihren
Vermögensstand wissen. Nachdem sie relativ bald Witwe geworden ist und so auch
noch den nicht unbeträchtlichen Besitz ihres Mannes geerbt hat, zieht sie sich,
früh vereinsamt und frustriert in Frömmigkeit und Wohltätigkeit zurück. Fazit:
Geld macht nicht glücklich, Liebe dagegen kann es – wenn man sie lässt.
Le Père Goriot
erzählt zwei locker verflochtene Geschichten: die letzten Stufen des Abstiegs
des ursprünglich reichen Nudelfabrikanten Goriot, der sich von seinen beiden
mit Adeligen verheirateten Töchtern bis auf den letzten Pfennig ausplündern
lässt, und die ersten Stufen des Aufstiegs des armen jungen Provinzadeligen
Eugène de Rastignac, dem es gelingt, in Pariser Adelskreisen Fuß zu fassen und
zugleich als Geliebter der jüngeren Tochter Goriots eine „éducation
sentimentale“ zu erfahren. Balzac entlässt den Leser mit der Vorstellung, dass
Eugène bald weiter aufsteigen wird, gibt aber keinen Hinweis darauf, wie und
wohin – vermutlich deshalb nicht, weil er sichtlich gar kein tragfähiges
Projekt für ihn hat. In der Tat waren 1834 (dem Entstehungsjahr des Romans) die
schönen Zeiten von 1819 (dem Jahr der Handlung) vorbei, wo ein junger Adeliger
allein aufgrund seiner Zugehörigkeit zum Adel in Paris Karriere machen konnte.
Denn die Juli-Revolution von 1830 hatte die Großbourgeoisie an die Macht
gebracht, was deren in der Regel besser ausgebildeten Söhnen gleiche, wenn
nicht größere Chancen verschaffte.
(Stand: Okt.
06)
Victor Hugo (*26.2.1802
Besançon; †22.5.1885 Paris).
Dieser
in praktisch allen literarischen Gattungen tätige und äußerst fruchtbare Autor
gilt vielen Franzosen als ihr größter Autor überhaupt und hat in Frankreich
etwa den Status wie Goethe im deutschsprachigen Raum.
Hugo
war Sohn eines napoleonischen Obersten, der 1809 zum General befördert und in
den erblichen Adelstand eines Grafen (comte) erhoben wurde. Seine und seiner
beiden älteren Brüder Kindheit war sehr unruhig. Nicht nur war der Vater als
hoher Militär häufig abwesend, sondern auch die Mutter, die sich offenbar früh
von ihrem Mann entfremdet hatte und ein Verhältnis mit einem Generalskollegen
eingegangen war (der 1810 als Verschwörer verhaftet und 1812 hingerichtet
wurde). Hugo wuchs überwiegend in Paris auf, verbrachte aber mit seiner Familie
auch längere Zeit beim Vater in Neapel (1807/08) und in Madrid (1811/12). Ab
1812, nach der Trennung der Eltern, lebten er und sein mittlerer Bruder Eugène
in Paris, zunächst bei der Mutter. Als 1815 auch der älteste Bruder Abel nach
Paris kam, wurden sie vom Vater in ein Privatinternat („Pension“) gegeben, von
wo aus sie das Lycée Louis-le-Grand besuchten.
Vielleicht
schon mit 10 begann Hugo zu schreiben und bald war sein Ziel, „être
Chateaubriand ou rien (Ch. zu werden oder nichts)“. Mit 15 erhielt er in einem
Dichtwettbewerb der Académie Française eine „ermutigende Erwähnung“. 1818
begann er, wieder bei seiner Mutter lebend, gemeinsam mit Eugène ein
Jurastudium. Mit 17 (1819) gründete er mit beiden Brüdern (die ebenfalls zu
schreiben versuchten) eine kurzlebige literarische Zeitschrift, Le Conservateur littéraire, nach dem
Vorbild von Chateaubriands politischer Zeitschrift Le Conservateur; denn
sie waren zu dieser Zeit, unter dem Einfluss der Mutter, überzeugte Royalisten.
1819 bekam Hugo eine Auszeichnung in einem Dichtwettbewerb und knüpfte erste
Beziehungen in Pariser Literatenkreisen. 1820 erhielt er eine Gratifikation für
seine Ode sur la mort du duc de Berry
(eines von einem Attentäter erschossenen Neffen von König Louis XVIII und
potenziellen Thronerben).
Im
selben Jahr 1820 druckte Le Conservateur (der Anfang 1821 einging) sein
erstes erzählendes Werk, Bug-Jargal,
das während des Sklavenaufstandes spielt, durch den Haïti 1791 von der
Kolonialmacht Frankreich praktisch unabhängig wurde.
1822
kam sein erster Gedichtband Odes et
poésies diverses heraus, der ihm eine königliche Pension von 1000 Francs
jährlich eintrug (von der eine bescheidene Einzelperson fast leben konnte).
Nach der Wiederverheiratung seines Vaters und dem Tod der Mutter (1821),
ehelichte Hugo 1822 die 19jährige Adèle Foucher, eine Kindheitsfreundin, mit
der er seit drei Jahren heimlich verlobt war. Ein erstes Kind starb kurz nach
der Geburt (1823); vier weitere folgten: 1824 Léopoldine, 1826 Charles, 1828
François-Victor, 1830 Adèle (die als einzige Hugo überlebte).
1823
kam sein erster Roman heraus, die Schauergeschichte Han d'Islande, die ihm eine weitere Pension von 2000 Francs
einbrachte, womit das Existenzminimum der jungen Familie gesichert war.
Nachdem
1824 der Sammelband Nouvelles Odes
erschienen war, fand Hugo als hoffnungsvoller junger Autor Hugo Zutritt zu dem
literarischen Salon von Charles Nodier (s.o.), der die erste Generation der
franz. Romantiker um sich versammelte.
1825
wurde er zum Chevalier de la Légion d'Honneur ernannt und war er geladener Gast
bei der Krönungszeremonie von Charles X, des jüngeren Bruders und Nachfolgers
von Louis XVIII, in der Kathedrale von Reims. Auf der Geburtsanzeige von Sohn
Charles (1826) figuriert er stolz als „baron“.
Bald
danach jedoch änderte er unter dem Einfluss seiner neuen Romantiker-Freunde
seine politische Einstellung und mutierte vom Royalisten zum oppositionellen
Liberalen. 1826 erschien in Buchform und zum Roman verlängert eine neue Version
von Bug-Jargal.
1827
verfasste er ein erstes Versdrama, Cromwell.
Dieses erwies sich zwar als kaum spielbar, das Vorwort jedoch, die berühmte Préface de Cromwell, wurde zum Manifest des neuen romantischen Theaters und
überhaupt der romantischen Schule, zu deren unbestrittenem Chef Hugo inzwischen
aufgerückt war.
1829
veröffentlichte er den tagebuchartigen Roman Le dernier jour d'un condamné à mort, ein Plädoyer gegen die
Todesstrafe und indirekte Regimekritik. Im selben Jahr verfasste er die
melodramatischen historischen Stücke Marion
Delorme, das vor der Aufführung als regimekritisch verboten wurde, und Hernani. Dessen Uraufführung am 25.
Februar 1830 ging als „bataille d'Hernani“
(Schlacht um H.) in die Literaturgeschichte ein, als lautstark im
Publikum ausgetragene Auseinandersetzung zwischen den Anhängern des
klassizistischen Regeltheaters und den Adepten des neuen romantischen Theaters,
das vor allem die „Wahrheit“ der Darstellung intendierte. Privat ging es ihm
allerdings weniger gut: Ehefrau Adèle begann ein Verhältnis mit seinem Freund
und Literatenkollegen Sainte-Beuve, das er hilflos duldete und dessen Reflexe
sich in Gedichten der Sammlung Les
feuilles d'automne (Herbstblätter, Ende 1831) finden.
Anfang
1831 publizierte Hugo eines seiner erfolgreichsten Werke, den um 1480
spielenden Roman Notre-Dame de Paris (Der Glöckner von N.-D.). In den
nächsten Jahren verfasste er hauptsächlich historische Stücke, deren erstes, Le Roi s'amuse (1832) nach einigen Aufführungen als politisch missliebig
verboten wurde, denn Hugo war, zusammen mit anderen jungen Intellektuellen,
schon bald nach der Juli-Revolution von 1830 in Opposition zu dem neuen Regime
des „Bürgerkönigs“ Louis-Philippe gegangen. Die nächsten Stücke wurden jedoch
zunehmend weniger kritisch. Es waren:1833 Lucrèce
Borgia und Marie Tudor, 1835 Angelo, 1838 Ruy Blas. Gegen 1837 machte Hugo die persönliche Bekanntschaft
Louis-Philippes und näherte sich ihm politisch an.
Wie
immer schrieb und publizierte er ständig auch Gedichte, die er von Zeit zu Zeit
gesammelt herausgab: 1835 Les Chants du
crépuscule, 1837 Les voix intérieures,
1840 Les rayons et les ombres.
Inzwischen
ging es ihm auch privat wieder besser: Anfang 1833 hatte er die vier Jahre
jüngere Schauspielerin Juliette Drouet kennengelernt, mit der er bis zu ihrem
Tod 1883 zusammenlebte.
1838
erwarb ein Verlag für enorme 300.000 Francs die Rechte an den bisherigen Werken
Hugos. 1841 wurde er nach mehreren Anläufen endlich in die Académie française
gewählt. 1843 war sein Drama Les
Burgraves ein kompletter Misserfolg, der ihm für immer die Freude am
Theater verdarb. Ein anderer, größerer Schicksalsschlag war im selben Jahr der
Unfalltod seiner Lieblingstochter Leopoldine.
1845
ernannte König Louis-Philippe ihn zum Vicomte und zum Pair, d.h. zum
Lebenszeitmitglied der Chambre des Pairs, des parlamentarischen Oberhauses (das
allerdings schon 1848, nach der Februar-Revolution, abgeschafft wurde).
1847
begann Hugo einen sozial engagierten Roman in der Manier von Eugène Sues Les mystères de Paris, der aber erst
1862 als Les Misérables fertig werden
sollte. Bei der Februarrevolution war er zunächst begeistert, schlug sich nach
dem Juni-Aufstand der Pariser Arbeiter aber auf die Seite des konservativen
„Parti de l'ordre“ und dann auf die des neugewählten Präsidenten Louis-Napoléon
Bonaparte. Zum konservativen Abgeordneten gewählt, konsternierte er jedoch
seine politischen Freunde durch sozial engagierte und politisch liberale Reden.
Als
er sich gegen den Staatsstreich auflehnte, mit dem sich Bonaparte am 2. Dez.
1851 zum Präsidenten auf Lebenszeit machte, wurde Hugo kurz inhafttiert und
musste ins Exil. Er ließ sich nieder auf der Kanalinsel Jersey und dann auf
Guernsey, in Saint Peter Port, von wo aus er Bonaparte, der sich am 2. Dez.
1852 auch zum Kaiser hatte ausrufen lassen, als „Napoléon le Petit“, satirisch
attackierte.
Auch
sonst blieb er enorm produktiv: 1862 kam erfolgreich Les Misérables heraus, ein monumentaler melodramatischer Roman, der
mit einer spannenden Handlung um den entsprungenen Galeerensträfling Jean
Valjean vor allem auf das Elend der proletarisierten Arbeitermassen aufmerksam
machen sollte, die Paris inzwischen be- bzw. übervölkerten. Daneben erschienen
immer wieder Gedichtsammlungen (mit hohem Anteil politisch und sozial
engagierter Texte): 1853 Châtiments,
1856 Contemplations, 1859 Chansons des rues et des bois und La Légende des siècles. 1866 publizierte Hugo Les travailleurs de la mer,
einen Roman, der das harte Leben der Küstenfischer schildert, 1869 L'Homme qui rit (Roman), 1874 Quatre-vingt-treize, einen historischen Roman über den politischen
Terror des Schreckensjahres 1793.
1871,
nach dem Sturz von Kaiser Napoléon III, kehrte Hugo aus dem Exil zurück, doch
misslangen zunächst seine Versuche, in der Politik der jungen Dritten Republik
Fuß zu fassen. Erst 1876 wurde er in den als neues Oberhaus fungierenden Sénat gewählt. Nach einem
Gehirnschlag 1878 ließ seine Schaffenskraft nach, doch konnte er noch einige
Jahre seinen Ruhm genießen.
Heute
wird er – mit Ausnahme von Les Misérables
– nicht mehr allzuviel gelesen; sein Theater ist obsolet und seine oft sehr
pathetische Lyrik größtenteils ungenießbar geworden. Für literarhistorisch
Interessierte ist die Kenntnis Hugos gleichwohl ein Muss.
(Stand: Jan. 10)
Alexandre Dumas (auch Alexandre Dumas Davy de la Pailleterie; *24.7.1802 in
Villers-Cotterêts; †5.12.1870 bei Dieppe).
Er
ist immer noch fast jedem Franzosen bekannt dank seiner legendär gewordenen
Romanfiguren d’Artagnan, den drei Musketieren und dem Grafen von Monte-Christo.
Er
wurde geboren in der o.g. Kleinstadt nordöstlich von Paris als Sohn einer dort
heimischen Hotelierstochter und des Mulatten Thomas Alexandre Dumas aus
Saint-Domingue (heute Haïti). Dieser war eines von vier unehelichen Kindern des
Plantagenbesitzers A. Davy, Marquis de la Pailleterie, und dessen zeitweiliger
Bettgenossin, der Sklavin Marie „Césette“ Dumas, und war vom Vater zusammen mit
seinen Geschwistern und der Mutter an einen anderen Pflanzer verkauft worden,
bevor er 1791 dank der Abschaffung der Sklaverei durch die franz.
Revolutionsregierung und den Sklavenaufstand in Haïti die Freiheit erlangt hatte.
Hiernach war er nach Frankreich gegangen und hatte es dort 1793 zum General der
Revolutionsarmeen gebracht. 1796 hatte er glorreich am Italienfeldzug Napoleons
teilgenommen, war aber während dessen desaströser Ägypten-Expedition (1798/99)
in Ungnade gefallen und auf der Rückreise in österreichische Gefangenschaft
geraten. Nachdem er 1801 per Austausch freigekommen war, hatte er geheiratet,
war allerdings schon 1806 mit 44 gestorben. 1812 schaffte es offenbar seine
Witwe, für ihren zehnjährigen Sohn zusätzlich den adeligen Namensanteil
eintragen zu lassen, den man hier und dort als eigentlichen Namen Dumas’
angegeben findet, den er selbst aber nicht oder kaum verwendet zu haben
scheint.
Eine
solide Schulbildung genoss Dumas nicht, vielmehr musste er schon 1816 einen
Schreiberposten bei einem Notar annehmen. Daneben jedoch versuchte er sich früh
zusammen mit einem Freund im Stückeschreiben. 1822 ging er nach Paris, wo er
dank seiner schönen Handschrift und der Vermittlung eines Generalskollegen
seines Vaters einen Posten im Büro des Duc d'Orléans erhielt, des späteren
"Bürgerkönigs" Louis-Philippe. 1824 wurde er Vater eines unehelichen
Sohnes, den er 1831 legitimierte: des späteren Schriftstellers Alexandre Dumas
fils (junior).
1825
verdiente er sein erstes Honorar als Co-Autor eines Stücks, 1826 beteiligte er
sich an der Abfassung eines ebenfalls aufgeführten Vaudevilles. Darüberhinaus
betätigte er sich in diesen Jahren als Lyriker sowie als Journalist. Spätestens
seit 1828 hatte er Zugang zum Salon des Autors Charles Nodier (s. o.), der die
erste Romantiker-Generation um sich versammelte. Hier lernte er Victor Hugo
kennen (s. o.), dessen Kreis, dem "cénacle", er sich dann anschloss.
Ein
erstes historisches Stück mit dem Titel Christine
(sc. Königin Christina von Schweden) wurde zwar angenommen, aber nicht
aufgeführt. Schlagartig bekannt wurde Dumas dann 1829 durch den Erfolg seines
historischen Stücks Henri III et sa cour,
das als erstes spielbares romantisches Drama gilt.
1830
beteiligte er sich sehr aktiv an der Juli-Revolution, geriet aber schon 1832 in
Distanz, wenn nicht in Opposition zum neuen Regime seines Ex-Protektors
Louis-Philippe. Dies hinderte ihn nicht, 1833 seinen jungen Status als
Erfolgsautor mit einem prächtigen Fest für die Pariser Literaten zu
demonstrieren.
Nach
dem Henri III verfasste er zahlreiche
weitere historische und andere Stücke, die er mehr und mehr wieder in
Zusammenarbeit mit Co-Autoren verfasste, darunter 1837 und 39 auch mit Gérard
de Nerval (s. u.). Eher autobiografisch waren die Stücke Antony (1831), das um das ihm sehr vertraute Skandalthema Ehebruch
kreist, und das erfolgreiche Kean, ou
Désordre et génie (1836), wo sich Dumas in die Figur jenes berühmten
exzentrischen englischen Schauspielers hineinprojiziert. Sein erfolgreichstes
Stück wurde 1839 Mademoiselle de
Belle-Isle, das bis 1844 über vierhundert Aufführungen erlebte.
Nachdem
er sich ab 1835 mit mehreren Novellen auch als Erzähler versucht hatte,
verfasste er ab 1838 erste Romane in Zusammenarbeit mit dem heute unbekannten
jüngeren Autor Auguste Maquet (1813-1888). Wirklich populär wurde er nach 1840,
wo er mit Maquet und dann mehr und mehr in Serienproduktion mit weiteren
Angestellten (sog. "nègres") begann, spannende Abenteuerromane
herzustellen (insgesamt ca. 600 Bde.!). Diese erschienen i.d.R. zuerst im
Feuilleton von Zeitungen, bevor sie als Bücher gedruckt und z.T. anschließend
für die Bühne adaptiert (und im 20. Jh. verfilmt) wurden.
Ein
Markenzeichen der Dumas'schen Romane ist das Hineinstellen fiktiver oder pseudohistorischer
Protagonisten (z.B. des "mousquétaire" d'Artagnan) und ihrer fiktiven
Abenteuer in einen Kontext historischer Ereignisse (z.B. die Belagerung von La
Rochelle 1627/28) und historischer Personen (z.B. Richelieu).
Die
bekanntesten, immer wieder aufgelegten und nicht nur von Jugendlichen gelesenen
Romane sind: Les trois mousquétaires
(1843), Vingt ans après (1845), La reine Margot (1845), Le comte de Monte-Cristo (1845-46) und Le
collier de la reine (1848-50). Die neben den Romanen auch weiterhin
regelmäßig mit Co-Autoren produzierten Stücke wurden zwar allesamt gespielt,
sind heute aber praktisch vergessen.
Über
seiner Schriftstellerei verzichtete Dumas nie darauf, seine offenbar enorme
Vitalität in vielerlei politischen, mondänen, unternehmerischen,
organisatorischen und intimen Aktivitäten auszuleben, und zwar so sehr, dass er
trotz seiner beachtlichen Einkünfte oft in Schulden steckte, denen er sich z.T.
durch längere Auslandsaufenthalte zu entziehen versuchte, darunter 1851-53 in
Belgien, 1858/59 in Russland oder 1860-64 in Italien, wo er sich im Umkreis des
Italien-Einigers Giuseppe Garibaldi bewegte.
Selbstverständlich
verstand er es anschließend jeweils, diese Reisen in Reportagen zu verarbeiten,
die damals von den Zeitschriften und Zeitungen sowie auch von den Buchverlegern
gesucht und gut bezahlt wurden. Sein bewegtes Leben vermarktete er ebenfalls,
in den vielbändigen Mémoires (1852-54
in Brüssel publiziert).
Nachdem
er schon des öfteren von Neidern als Literaturfabrikant ohne eigene schöpferische
Leistung abqualifiziert worden war (was sicherlich ungerecht ist) und 1857/58
von seinem kreativsten Co-Autor Maquet auf Beteiligung an den Namensrechten für
die gemeinsamen Romane verklagt worden war, geriet Dumas in seinen letzten
Lebensjahren etwas ins Abseits des Literaturbetriebs, wenn nicht in
Vergessenheit. Zu seiner Renaissance im 20. Jh. (nunmehr unter der ebenso
ungerechten Verdrängung der Leistung Maquets) trugen zweifellos die zahlreichen
Kino- und Fernsehfilme bei, die nach seinen Stücken und Romanen gedreht wurden.
2002,
zum 200. Jahrestag seiner Geburt, wurden seine Gebeine feierlich ins Pantheon
überführt – auch als ein Signal gegen den Rassismus, denn Dumas war zu seinen
Lebzeiten aufgrund seiner Abkunft und seines leicht negroiden Aussehens oft als
„Neger“ geschmäht worden.
Sein unehelicher, aus einem seiner
vielen Verhältnisse stammender Sohn Alexandre
Dumas "fils" (1824–1895) trat zumindest literarisch in die
Fußstapfen des Vaters. Seinen Durchbruch erzielte er 1848 mit dem sehr erfolgreichen
Roman La Dame aux camélias (Die
Kameliendame), den er 1852 zu einem ebenso erfolgreichen Stück verarbeitete
(das 1853 von Verdi als La Traviata
zur ebenfalls erfolgreichen Oper vertont wurde). Hiernach wendete sich Dumas
fils ganz dem Boulevard-Theater zu und wurde einer der bekanntesten Dramatiker
der 1850er und 60er Jahre, wo er die Unterhaltungsbedürfnisse der aufstrebenden
Bourgeoisie des Second Empire von
Napoléon III befriedigen half.
(Stand: Nov. 05)
Prosper Mérimée (*28.9.1803 Paris; †23.9.1870 Cannes).
Sein
Platz in der franz. Literaturgeschichte ist gewissermaßen ganz vorne in der
zweiten Reihe der zwischen Romantik und Realismus oszillierenden Autoren. In
Deutschland ist er kein völlig Unbekannter dank seiner Novellen Carmen
und Mateo Falcone.
Mérimée
wurde geboren als Sohn gutbürgerlicher, geistig interessierter und sehr
anglophiler Eltern. Nach dem Besuch des Lycée Napoléon alias Henri-IV (ab
1815), absolvierte er ein Jurastudium.
Zugleich
begann er sich als Autor zu betätigen, z.B. mit ersten dramatischen und
erzählerischen Versuchen sowie einer Übertragung der Poems of Ossian, der damals vielgelesenen (auch z.B. von Goethe
hochgeschätzten) Gesänge eines angeblichen altkeltischen Barden, die um 1770
ein gewisser James Macpherson gesammelt und ins Englische übersetzt haben
wollte.
Früh
auch fand Mérimée Zutritt zu Pariser Künstler- und Literatenkreisen. So lernte
er schon 1822 z.B. Stendhal kennen, mit dem er befreundet blieb, sowie danach
die meisten Romantiker, darunter deren erstes Oberhaupt Charles Nodier, oder
Victor Hugo, dem er bei der denkwürdigen „bataille d'Hernani“ (1830)
applaudieren half. 1825 und 26 bereiste er England und 1830 Spanien (wo er die
Familie der späteren Gattin des späteren Kaisers Napoléon III kennenlernte, was
ihm von Nutzen sein sollte).
Sein
erstes gedrucktes Werk war 1825 Théâtre
de Clara Gazul, comédienne espagnole, eine Sammlung von Stücken, die
angeblich von einer spanischen Schauspielerin dieses Namens verfasst waren und
in denen gemäß der neuen romantischen Ästhetik die klassischen drei Einheiten
missachtet werden. 1827 publizierte Mérimée La
Guzla, ou Choix de poésies illyriques, recueillis dans la Dalmatie, la Croatie
et l'Herzégovine, eine Sammlung angeblicher Übertragungen angeblicher
Volkslieder aus Illyrien (dem Schauplatz von Nodiers Räuberroman Jean Sbogar, 1818). Hiermit betätigte er
sich in der romantischen Modegattung Volksliedersammlung, die 1806-08 von
Clemens Brentano und Achim von Arnim mit Des
Knaben Wunderhorn initiiert worden war.
1828
versuchte sich Mérimée nochmals als Dramatiker und publizierte die unaufgeführt
gebliebenen Stücke La Jacquerie, scènes
féodales und La Famille Carvajal,
drame. Hiernach war er praktisch nur noch Erzähler. Er begann, mäßig
erfolgreich, mit 1572 : Chronique du
temps de Charles IX (1829), einem historischen Roman à la Walter Scott,
dessen Handlung im Jahr der Bartholomäusnacht, d.h. zur Zeit der
Religionskriege, spielt
Dauerhaften
Ruhm erlangte er dann mit einer Serie von gut 25 Erzählungen, die zunächst (1829/30)
in rascher, anschließend nur noch in lockerer Folge erschienen und ihn zu einem
Klassiker der neuen Modegattung Gattung Novelle machten. Die bekanntesten
dieser Erzählungen sind: Mateo Falcone,
Tamango (beide 1829), Le Vase
étrusque (1830), La Vénus d'Ile (1837), Colomba (1841) und Carmen (1847; 1874
von Georges Bizet zu seiner berühmten Oper verarbeitet).
Nach
der Juli-Revolution 1830 hatte Mérimée immer weniger Zeit zum Schreiben. Er
hatte sich dem neuen Regime des "Bürgerkönigs" Louis-Philippe angeschlossen
und avancierte 1834, im Anschluss an einige höhere Posten in diversen
Ministerien und an die Ernennung zum Chevalier de la Légion d'honneur, zum
obersten franz. Denkmalschützer
(Inspecteur des monuments historiques de France). Dies ließ ihn viel unterwegs sein, auch im Ausland, und
füllte ihn mehr und mehr aus.
Immerhin
gewann er beim Reisen nebenher den Stoff für etliche der damals bei
Zeitschriften und Buchverlagen begehrten Reisereportagen (z.B. Notes d'un voyage dans le midi de la France,
1835; oder Notes d'un voyage en Corse,
1840).
1844
wurde er mit knapper Mehrheit in die Académie française gewählt, doch war zu
dieser Zeit seine literarische Karriere im Grunde schon beendet.
Die
Februar-Revolution 1848 überstand er unbeschadet in seinem Amt. Nach der
Ernennung von Louis Napoléon Bonaparte zum Staatspräsidenten auf Lebenszeit
(Dez. 51) profitierte er von seiner alten Bekanntschaft mit dessen neuer
spanischen Gattin Eugénie. So wurde er 1852 zum Officier de la Légion d'honneur
befördert. 1853, nachdem Bonaparte sich zum Kaiser Napoléon III hatte ausrufen
lassen (Dez. 52), wurde Mérimée sogar zum Mitglied des parlamentarischen
Oberhauses, des Sénat, ernannt und verkehrte am kaiserlichen Hof. Dies trug ihm
die Missgunst vieler Literaten-Kollegen ein und die Feindschaft alter
Romantiker-Freunde, insbes. Hugos, der inzwischen oppositioneller Republikaner
geworden war.
Ab
1856 gesundheitlich angeschlagen (Asthma) quittierte Mérimée 1860 nach 26
Jahren sein Denkmalschützeramt; einer möglichen Ernennung zum Minister für das
Bildungswesen (1863) wich er aus.
In
seinen letzten Jahren machte er sich verdient als Vermittler der
zeitgenössischen russischen Literatur in Frankreich. Schon 1849 hatte er eine
Novelle von Puschkin nachgedichtet; später betätigte er sich, in Zusammenarbeit
mit den Autoren selbst, als Übersetzer Puschkins (1856) und Turgenjews (1869).
Die
Absetzung seines Protektors Napoléon am 4. Sept. 1870 überlebte er nur um
wenige Wochen.
(Stand: Nov. 05)
George Sand (=Amandine-Aurore-Lucile Dupin de
Francueil, verh. Dudevant; *1.7.1804 Paris; †8.6.1876 Nohant).
Diese
sehr fruchtbare Autorin, die es jedoch noch für ratsam hielt, unter einem
männlichen Namen zu schreiben, ist heute hauptsächlich bekannt in ihrer
Eigenschaft als die emanzipierte Frau
des 19. Jh., die sich z.B. nie bemühte, ihre wechselnden Liebesverhältnisse
geheim zu halten.
Sie
wuchs nach dem frühen Tod des Vaters auf bei ihrer Großmutter in Nohant (Berry)
und heiratete früh (1822). 1830 verließ sie samt ihren beiden Kindern ihren
Mann, was damals ungewöhnlich war, um, noch ungewöhnlicher, Schriftstellerin zu
werden.
Sie
arbeitete zunächst zusammen mit dem jungen Autor Jules Sandeau, mit dem sie den
Roman Rose et Blanche verfasste. Nach
der raschen Auflösung des Teams, aus dem sie das Pseudonym "Sand"
mitnahm, schrieb sie zuerst leidenschaftliche Liebesromane aus der Perspektive
der Frau: Indiana, 1831; Valentine, 1832; Lélia, 1833; Jacques,
1834.
Sie
selbst lebte auch nicht eben leidenschaftslos, ihre Verhältnisse waren Legion
(die bekanntesten Geliebten waren 1834 der Autor Musset, 1838 der Komponist
Chopin). Auch sonst war ihre Existenz sehr bewegt, sie lebte teils in Paris,
teils auf Reisen und teils in Nohant, das nach und nach wieder zu ihrem
Lebensmittelpunkt wurde.
1835
liierte sie sich mit dem Saint-Simonisten und Frühsozialisten Pierre Leroux und
schrieb anschließend unter seinem Einfluss sozial engagierte, in den unteren
Volksschichten spielende Romane: Le
Compagnon du tour de France, 1840; Consuelo,
8 Bde, 1842-43; La Comtesse de
Rudolstadt, 8 Bde, 1843-45; u.a.m. Hiernach verlegte sie sich auf Heimat-
und Bauernromane: Le Meunier d'Angibault
1845; La Mare au Diable, 1846; La petite
Fadette, 1849; François le Champi,
1850.
Nach
dem Staatsstreich von Louis-Napoléon Bonaparte am 2. Dez. 1851 zog sie sich,
enttäuscht über das Scheitern der Ziele der Februarrevolution von 1848, ganz
aus Paris zurück und schrieb ihre Histoire
de ma vie (20 Bde., 1854), aber auch weitere Romane, z.B. Les beaux Messieurs de Bois-Doré, 1858.
In
ihren älteren Jahren entwickelte sie sich mehr und mehr zur "bonne dame de
Nohant", die um sich herum Gutes zu tun und zu bewirken versuchte und auch
in ihrem weiteren Umfeld einflussreich blieb dank ihrer Freundschaft mit vielen
Intellektuellen und Autoren, darunter auch jüngeren, wie Gustave Flaubert.
Gérard de Nerval (=Gérard Labrunie, *22.5.1808 Paris;
†26.1.1855 ebd.).
Er
ist ein als schwer klassifizierbar und schwierig geltender Vertreter der
Romantik, dessen beste Texte heute jedoch frischer wirken als die gar mancher
renommierterer Autoren der Zeit. Mit seinen Übertragungen deutscher Lyrik und
von Goethes Faust war er ein
wichtiger kultureller Mittler zwischen Deutschland und Frankreich.
De
Nerval (wie er sich ab 1831 nannte) wurde geboren in Paris als Sohn eines
Mediziners, der wenig später zum Stabsarzt ernannt und zur franz. Rheinarmee
nach Deutschland versetzt wurde. Da die junge Mutter ihren Mann an seinen
wechselnden Einsatzorten begleiten wollte, gab sie das Kind zu einer Amme im
heimatlichen Valois, starb allerdings schon 1810 im fernen Schlesien. Gérard
kam hiernach zu einem Onkel der Mutter, ebenfalls im Valois. Dort blieb er, bis
er 1814, nach dem Ende der napoleonischen Feldzüge, vom endlich heimgekehrten
Vater nach Paris geholt wurde. Hier besuchte er das Lycée Charlemagne, wo er
den späteren Autor Théophile Gautier (s. u.) als Mitschüler hatte.
Nachdem
er schon mit 13 das Versemachen angefangen hatte, wurde er erstmals 1826 und 27
gedruckt, und zwar mit politisch oppositionellen Gedichten im Trend der
Napoleon-Nostalgie dieser Jahre, sowie mit einem satirischen Sketch über die
„unauffindbaren“, d.h. oft die Sitzungen schwänzenden, Mitglieder der Académie
Française. Zur selben Zeit, d.h. 18-19 Jahre alt, verfasste er eine Übertragung
von Goethes Faust I, die ihm große
Anerkennung verschaffte, als sie 1827 erschien, und die von Hector Berlioz 1829
auszugsweise vertont wurde.
1828
wurde er Victor Hugo vorgestellt und verarbeitete dessen Roman Han d'Islande zu einem Stück, das aber
erst 1831 aufgeführt wurde. Am 25. Febr. 1830 war er mit dem gesamten Kreis der
Romantiker zugegen bei der legendären „bataille d'Hernani“, der „Schlacht“ von Applaus und Buh-Rufen während der
Aufführung des als programmatisch romantisch intendierten Stücks Hernani von Hugo. Im selben Jahr gab er
eine vielbeachtete Anthologie selbst übertragener deutscher Gedichte samt einer
einleitenden „Étude sur les poètes allemands“ heraus.
Obwohl
Nerval als Literat quasi professionell aktiv war, begann er 1832 auf Drängen
des Vaters ein Medizinstudium. Als er jedoch 1834 von einem Großvater 30.000
Francs erbte (wovon eine sparsam wirtschaftende Einzelperson an die 20 Jahre
hätte leben können), brach er das lustlos betriebene Studium ab und schloss
sich der Bohème um Th. Gautier an, jenem provokativ zigeunerhaften Literaten-
und Künstlermilieu am Rand der bourgeoisen Pariser Gesellschaft. Im selben Jahr
unternahm eine erste längere Reise (Südfrankreich und Italien).
Ebenfalls
1834 verliebte er sich in die Schauspielerin Jenny Colon, die ihn zwar offenbar
nicht erhörte, aber bis 1838 stark beschäftigte. So gründete er ihr zu Gefallen
1835 eine aufwendig gemachte Theaterzeitschrift. Als diese ein Jahr später
Pleite ging, war Nerval ruiniert und musste hinfort von seiner Feder leben, was
ihm jedoch als Co-Autor von Theaterstücken, z.B. 1837 und 39 mit dem
geschäftstüchtigen Alexandre Dumas (s.o.), und als Journalist, z.B. mit
Literaturkritiken und Reisereportagen, passabel gelang.
1837
unternahm er mit Gautier zum Zweck des Eindrucksammelns eine Reise nach
Belgien. 1838 führte ihn eine erste Deutschlandreise bis Frankfurt, 1839/40
eine zweite bis Wien. 1840 auch schloss er eine Übertragung des Faust II ab und publizierte einen Band,
der das gesamte Stück sowie weitere deutsche Gedichte enthielt.
1841
hatte er erstmals Wahnvorstellungen und verbrachte fast das ganze Jahr in
Kliniken. 1842 versuchte er mit journalistischen Arbeiten wieder Tritt zu
fassen und bereitete eine Orient-Reise nach dem Muster von Chateaubriand und
Lamartine vor, die ihm frische Kraft und neue Inspirationen bringen sollte.
Tatsächlich war er das ganze Jahr 43 unterwegs: Malta, Kairo, Beirut, Rhodos,
Smyrna. Berichte über diese Reise veröffentlichte er ab 1844 in Zeitschriften.
Auch
in den Jahren 44 bis 47 war Nerval viel unterwegs (Belgien, Holland, London,
Umland von Paris) und verfasste entsprechende Reportagen. Zugleich betätigte er
sich als Novellist und Lyriker sowie als Übersetzer der Gedichte Heinrich
Heines, mit dem er befreundet war (gedruckt 1848).
1848
brachte er unter dem Titel Scènes
orientales, I: Les Femmes du Caire eine Teilsammlung der Berichte von
seiner Orient-Reise als Buch heraus, das jedoch aufgrund der Revolutionswirren
dieses Jahres fast unbeachtet blieb.
Obwohl
oder vielleicht weil sein Gesundheitszustand sich ab 1850 drastisch
verschlechterte und er immer häufiger in Kliniken war, arbeitete er, wenn er
konnte, wie besessen. So publizierte er 1851 die endgültige Version der
Orientreise (Voyage en Orient) und
brachte im Dez. L'Imagier de Haarlem
zur Aufführung, ein Stück, das sein Faust
werden sollte, aber durchfiel.
Hiernach
suchte er ältere und neuere, in der Regel schon in Zeitschriften publizierte
Texte zusammen, überarbeitete sie und reihte sie möglichst sinnfällig
aneinander, wodurch zwei seltsam heterogen und homogen zugleich wirkende
kürzere Sammelbände entstanden: Les
Illuminés, ou Les Précurseurs du socialisme (1852) und Les filles du feu (1854).
Der erste enthält sechs fiktionale Porträts etwas exzentrischer historischer
männlicher Personen, deren „Sozialismus“ eher Anarchismus ist; der andere
umfasst acht sehr unterschiedliche, meist erzählende Texte um weibliche
Protagonistinnen sowie, mit dem Sammeltitel Chimères
12 sehr kunstvolle, ziemlich hermetische Sonette, darunter das berühmte El
desdichado (der Unglückselige), das die problematische Existenz Nervals auf
den Punkt zu bringen scheint.
Sein
letztes Werk wurde der schwer zu klassifizierende, wohl schon 1841 begonnene
mittellange Prosatext Aurelia, der
als eine formvollendete Gratwanderung zwischen Wirklichkeit und Traum, wenn
nicht Wahn, erscheint und dessen letzter Teil erst postum herauskam.
1854
unternahm Nerval eine Reise nach Deutschland. Als er sich Ende des Jahres nach
einem erneuten Klinikaufenthalt ohne feste Bleibe und mit nur noch tröpfelnden
Honoraren auf den Pariser Straßen wiederfand, beging er Anfang 1855 Selbstmord
durch Erhängen.
Nervals
Platz in der Literaturgeschichte ist der einer Randfigur mit gleichwohl großer
Nachwirkung. Zumal die für normale Leser quasi unzugängliche, als Kunst am
Rande des Wahnsinns erscheinende Aurelia
hat viele spätere Autoren fasziniert, z.B. Baudelaire oder die Surrealisten der
1920er Jahre.
(Stand: Mai. 08)
Alfred de Musset (*11.12.1810 Paris; †2.5.1857 ebd.).
Musset
zählt, vor allem als Dramatiker und als Lyriker, zu den großen romantischen
Autoren der franz. Literatur.
Er
wuchs auf in Paris als wohlbehüteter Sohn adeliger Eltern und absolvierte seine
Schulzeit mit Glanz auf dem Traditionsgymnasium Henri-IV. Hiernach begann er
lustlos ein Jura- und dann ein Medizinstudium, betätigte sich aber vor allem
als junger Lebemann. Daneben war er ein frühreifer Dichter, der sich ab 1828 im
Kreis um Victor Hugo, dem „Cénacle“, bewundern ließ.
Schon
1830 erschienen die Contes d'Espagne et d'Italie, eine Sammlung äußerst
formvollendeter Gedichte im Stil der Romantik, voller Exotik und exaltierter
Gefühle. 1832, nach dem Tod seines Vaters in der großen Typhusepidemie dieses
Jahres, beschloss er (wohl auch dank der ihm zugefallenen Erbschaft) als
Schriftsteller zu leben.
1833
lernte er die sechs Jahre ältere Romanautorin George Sand (s.o.) kennen und
begann mit ihr ein romanesk-leidenschaftliches Liebesverhältnis. Dieses endete
jedoch schon bald auf einer gemeinsamen Italienreise (Winter 33/34), als er in
Venedig erkrankte und sie ihn mit seinem Arzt betrog. Die tiefe Krise, die dies
auslöste, inspirierte Musset zu Gedichten voller Weltschmerz (gesammelt
publiziert als Nuits, 1835 u. 1837),
aber auch zu dem autobiografischen Roman Confessions
d'un enfant du siècle (=Geständnisse eines Weltkindes, 1836), dessen
Protagonist Octave einer jener typisch romantischen, d.h. desillusionierten,
sich selbst und ihrer Umwelt problematischen Helden ist.
Schon
seit 1830 hatte Musset auch Theaterstücke geschrieben, die er nach dem
Misserfolg des ersten aufgeführten Stücks (La
Nuit vénétienne, 1830) jedoch nur noch zum Lesen „im Sessel“ bestimmte und
in Sammelbänden publizierte. So erschienen 1832 und 34 je ein Band Spectacles dans un fauteuil und 1840 ein
Band Comédies et Proverbes.
Die
bekanntesten und auch heute noch gelegentlich aufgeführten Stücke hieraus sind Les caprices de Marianne (1833), Fantasio und On ne badine pas avec l'amour (beide 1834), sowie Lorenzaccio (1833/34). Die Ersteren
handeln von enttäuschter Liebe – ein Thema, das den offensichtlich leicht
entflammten, aber narzistischen Musset immer wieder beschäftigte. Lorenzaccio, die Geschichte eines den
Täter am Ende nur frustrierenden Tyrannenmords, spiegelt die politische
Enttäuschung Mussets und vieler Intellektueller seiner Generation, die große
Hoffnungen in die Juli-Revolution von 1830 gesetzt hatten und sich betrogen
fühlten durch das neue Regime unter dem „Bürgerkönig“ Louis-Philippe, das rasch
von der Großbourgeoisie vereinnahmt und ab 1832 zunehmend autoritär und
repressiv wurde.
Neben
seinen zahlreichen Theaterstücken und seiner Lyrik verfasste Musset in den für
ihn höchst fruchtbaren 1830er Jahren auch eine Reihe Erzählungen.
1838
erhielt er einen bescheidenen Posten als wenig belasteter Bibliothekar im
Innenministerium.
1840
verursachte eine schwere Krankheit einen tiefen Einbruch. Danach litt er an
häufigen Despressionen, schrieb nur noch wenig und flüchtete sich in
Liebesaffären und Alkoholkonsum, was seinen Zustand weiter verschlechterte.
Immerhin erhielt er 1845 das Kreuz der Légion d'honneur und erlebte er 1847 die
sehr erfolgreiche Aufführung eines seiner Stücke, Un Caprice (1837). 1852 wurde er (nach vergeblichen Anläufen 1848
und 1850) in die Académie française gewählt, nachdem er sich dem neuen Regime
von Louis-Napoléon Bonaparte angeschlossen hatte.
Als
bleibende Leistung Mussets gilt heute sein dramatisches Werk, das er nach dem
Misserfolg gleich zu Beginn nicht mehr mit Blick auf die gerade herrschende
romantische Theaterdoktrin verfasste, sondern nach seinen eigenen, gemäßigt
klassizistischen Vorstellungen, die letztlich zukunftsweisender waren als z.B.
die seines zunächst erfolgreicheren Konkurrenten Victor Hugo, dessen Stücke schon
seit langem kaum mehr aufgeführt werden.
(Stand: Jan.
10)
Théophile
Gautier (*30.8.1811
Tarbes; †23.10.1872 Neuilly/Paris).
Mit
seinem Namen verbindet sich heute vor allem die Erfindung der Formel „l'Art
pour l'art“.
Geboren
in Tarbes (Südwestfrankreich), wuchs Gautier auf in Paris, besuchte das selbe
Gymnasium wie Gérard de Nerval (s. o.) und schloss sich 1829 dem Kreis um
Victor Hugo an, dem „Cénacle“. 1830 erschien er zur Uraufführung von Hugos
Stück Hernani mit einem
provozierenden, weil im Theater unziemlichen roten Wams (le gilet rouge) und
war einer der lautesten Claqueure (=bestellter Applaudierer) in der legendären
„bataille d'Hernani“.
Er
publizierte dann Gedichte und Erzählungen und wurde zu einem der
Hauptrepräsentanten der „Bohème“, jenes provokativ zigeunerhaften Literaten-
und Künstlermilieus am Rand der bourgeoisen Pariser Gesellschaft. Sein erster
Erfolg war der Briefroman Mademoiselle
Maupin (1835), die Geschichte einer jungen Frau, die als Mann verkleidet
über homo- und hetero-erotische Erfahrungen zur Verwirklichung ihres
Liebesideals zu gelangen versucht, dies in einer schönen Nacht auch schafft,
dann aber auf jede Fortsetzung verzichtet, um nicht in der Routine einer
Beziehung zu versanden. Heute ist vor allem das Vorwort des Romans interessant,
wo Gautier die Theorie des L'Art pour
l'Art entwirft, d.h. die Doktrin,
dass Kunst völlig zweckfrei zu sein habe, jedes gesellschaftliche oder gar
politische Engagement meiden müsse und allein in der Perfektion ihrer Produkte
einen Sinn finde – eine Doktrin, die zweifellos eine Reaktion darstellte auf
die kollektive Frustration einer ganzen Intellektuellen-Generation, die durch
die Juli-Revolution 1830 zunächst in Aufbruchstimmung versetzt, dann aber durch
die politische Repression nach 1832 enttäuscht worden war.
Ab
1836 verdiente Gautier sein Geld bei der sich rasant entwickelnden Presse mit
Berichten über gesellschaftliche Ereignisse, Kunstausstellungen und
literarische Neuerscheinungen, aber auch mit den bei Zeitschriften und
Verlegern begehrten Reisereportagen und -impressionen, zwecks deren Herstellung
er (z.T. zusammen mit Nerval) England, Holland, Belgien und den Mittelmeerraum
bereiste.
In den Jahren nach 1839 versuchte sich Gautier, eher
glücklos, auch als Dramatiker mit den Stücken Une larme du diable („Eine
Träne des Teufels“), Le Tricorne Enchanté („Der verzauberte
Dreispitz(hut)“) und Pierrot posthume sowie, mit mehr Glück, als
Librettist. 1841 erzielte das Ballettstück Giselle einen fulminanten
Erfolg
Daneben
verfasste er weiter Erzählungen und schrieb vor allem Gedichte, die er wie ein
Kunsthandwerker ziselierte. Berühmt wurde seine Gedichtsammlung Émaux et camées (1852), die einer ganzen
Lyrikergeneration, den „Parnassiens“, zum Vorbild wurde.
Gautiers
späte Romane (Le Roman de la momie, 1858; Le Capitaine Fracasse, 1863) waren nur mäßig erfolgreich. Immerhin
wurde letzterer im 20. Jh. mehrfach verfilmt.
(Stand Jan. 10)
Pierre-Joseph Proudhon (*15.1.1809 Besançon; †19.1.1865 Paris).
Er war einer einflussreichsten
„frühsozialistischen“ Autoren in Frankreich.
Er wurde geboren als Sohn eines Böttchers und musste seinen
Schulbesuch frühzeitig beenden. Er lernte dann den damals quasi intellektuellen
Beruf eines Schriftsetzers, machte den traditionellen tour de France der wandernden Handwerksgesellen und erwarb sich als
Autodidakt ein umfangreiches Wissen. Zunächst war er sprachwissenschaftlich
interessiert und erhielt für seinen Essai
de grammaire générale ein Stipendium der Akademie seiner Vaterstadt
Besançon (1837). Er ging nach Paris, geriet dort in den Bann der politischen
und sozialen Diskussionen der Zeit und wurde zum soziologischen und
politologischen Denker und Autor.
1840 veröffentlichte er die Streitschrift Qu'est-ce que la propriété ? (Was
ist Eigentum?) Seine eigene Antwort war: "La propriété, c'est le
vol !" (Eigentum ist Diebstahl). Als privates Eigentum, so Proudhon,
dürfe das Individuum außer den persönlichen Arbeitsmitteln, z.B. Werkzeugen
u.ä., nur diejenigen Güter besitzen, die es durch eigene, ggf. kollektive, Arbeit
hergestellt oder im Tausch dagegen erworben hat. Kapitalanhäufung durch
Erbschaft oder die Ausbeutung der Arbeitskraft anderer und die daraus
resultierende Macht gehöre unterbunden. Die Beziehungen der Individuen
untereinander seien wieder auf die Basis eines freiwilligen gegenseitigen
Austausches von Gütern und Dienstleistungen zu stellen
("mutualisme"), die Gesellschaft sei auf den freiwilligen
Zusammenschluss dezentral organisierter, überschaubarer Einheiten zu gründen
("fédéralisme"), was ein herrschaftsfreies System
("anarchie") ohne Staat und große Institutionen wie z.B. die Kirche
ermögliche.
Die erwähnte Streitschrift Proudhons und seine weiteren in
den 40er Jahren erscheinenden Schriften, z.B. Système
des contradictions économiques ou Philosophie de la misère
(1846),
begründeten einen reformistischen
"wissenschaftlichen" Sozialismus und hatten großen Einfluss auf
zahlreiche Intellektuelle und Literaten der Zeit, vor allem aber auf die
entstehende Gewerkschaftsbewegung in Frankreich, die lange (z.T. bis in die
jüngste Vergangenheit) "anarchistisch" orientiert blieb. Naturgemäß
wurde Proudhon zu einem der Vordenker der Februar-Revolution von 1848 und zu
einem der Chefideologen der Linken in der kurzlebigen Zweiten Republik.
Folgerichtig auch landete er 1849, nach dem Wahlsieg der konservativen Kräfte
um Louis-Napoléon Bonaparte, für drei Jahre im Gefängnis.
Proudhons Vorstellungen von der Möglichkeit sukzessiver
Reformen und der letztlichen Abschaffung des Staates reizten Karl Marx (der ihn
zunächst geschätzt hatte) zum Widerspruch und ließen ihn nach seines Erachtens
realistischeren Lösungen suchen, nämlich: Klassenkampf, (Welt)Revolution,
Diktatur des Proletariats und schließlich Etablierung eines allmächtigen, für
das Wohlergehen seiner Bürger rundherum sorgenden Staates.
(Stand: März 08)
Eugène Sue (*10.12.1804 Paris; †3.8.1857 Annecy).
Dieser
heute kaum mehr bekannte Autor war zu seinen Lebzeiten einer der meistgelesenen
und einflussreichsten Romanciers Frankreichs. Er ist in die Literaturgeschichte
eingegangen als einer der Begründer des Fortsetzungsromans in Tageszeitungen
und als Verfasser des vielleicht erfolgreichsten Zeitungsromans überhaupt, Les mystères de Paris. Vermutlich
leistete Sue darüber hinaus mit seinen Romanen, zumal den Mystères, die in ganz Europa übersetzt und nachgeahmt wurden, mehr
für die Bewusstmachung der sozialen Probleme der Zeit als alle damaligen
Theoretiker zusammengenommen.
Sue
wuchs auf als Sohn aus eines wohlhabenden und hochangesehenen Chefarztes und
dessen zweiter Frau. Er verließ mit 16 vorzeitig das Gymnasium und wurde
zunächst eine Art Arzt-Lehrling (ohne Studium) bei seinem Vater. 1823 nahm er
als blutjunger Hilfschirurg am Spanienfeldzug der französischen Armee teil und
blieb noch eine Weile bei den in Cadiz stationierten Truppen. 1825 wechselte er
zur Marine nach Toulon. Hier übte er erstmals nebenher seine Feder als
Journalist. 1826 machte er als Schiffsarzt zwei längere Seereisen (Südsee und
Antillen) und war 1827 beim Sieg der vereinigten
englisch-französisch-russischen Flotte gegen die türkisch-ägyptische Flotte vor
Navarino dabei, der entscheidend zur Unabhängigkeit Griechenlands beitrug.
1828
zurück in Paris interessierte sich Sue für Malerei, betätigte sich aber auch
als Journalist in der Zeitschrift La Mode
von Émile de Girardin, der in den Folgejahren durch die Einführung der Annonce
und die dadurch mögliche Verbilligung der Zeitungen die franz. Presse
revolutionierte. Für La Mode verfasste
Sue auch erste erzählende Texte, z.B. Kernock
le pirate und El Gitano (=span.
der Zigeuner).
1830
erbte er von seinem Vater ein hübsches Vermögen und begann ein Dandy-Leben in
besten Pariser Kreisen. Mehr nebenher schrieb er weiter Erzählungen und Romane
für diverse Zeitschriften. 1835-37 publizierte er eine fünfbändige Histoire de la marine française. Als er
1838 das väterliche Erbe fast aufgebraucht hatte, machte er mehr nolens als
volens das Schriftstellern zum Beruf. Hierbei betätigte er sich zunächst im
modischen Genre des "Sittenromans" (roman de mœurs), versuchte sich
aber auch mit einem Co-Autor als Dramatiker.
1841
erlebte er eine Art Bekehrung vom unpolitischen Dandy zum engagierten
Sozialisten, der sich für die Probleme des rasch wachsenden Pariser Proletariats
zu interessieren begann und dieses Interesse literarisch umzusetzen versuchte.
Schlagartig
berühmt wurde Sue dann 1843 mit den Mystères
de Paris (Die Geheimnisse von P.),
die von Juni bis Oktober fast täglich in der (eher konservativen) Tageszeitung Le Journal des Débats erschienen und zu
einem literarischen und sozialen Ereignis ersten Ranges wurden. Dieses keinem
zielstrebigen Plan folgende, aus einer Serie locker gereihter Episoden
bestehende Werk, in das auch zahllose Leser-Vorschläge aus allen Bevölkerungsgruppen
eingeflossen sind, spielt im Pariser Unterschichten-Milieu der "classes
laborieuses et dangereuses" (so der Titel eines sozialwissenschaftlichen
Buches der Zeit). Hierbei schildert Sue den schwierigen Alltag dieser Menschen
zwischen Arbeit, Elend und Verbrechen teils realistisch, teils pittoresk
idealisierend, aber immer spannend und mit wachsender Anteilnahme. Eine
zentrale Person und Identifikationsfigur des Autors ist der Comte (=Graf) de
Gérolstein, der sich unter dem Namen Rodolphe inkognito unter das Volk mischt
und rettend und rächend als Superman auftritt. Auch eine siebenstündige
Theaterversion der Mystères, die Sue
mit einem Co-Autor 1844 herstellte, wurde ein großer Erfolg.
Hiernach
führte er die Form des Zeitungsromans fort
mit Le Juif errant (Der ewige Jude),
das von Juni 44 bis Oktober 45, nunmehr im eher linken Constitutionnel, herauskam und worin er sein soziales und vor allem
sein politisches Engagement noch verstärkte, und zwar im Sinne eines radikalen
Antiklerikalismus, der vor allem die Jesuiten aufs Korn nahm. Auch dieser Roman
wurde in ganz Paris diskutiert und landete naturgemäß rasch auf dem Index.
Weniger
erfolgreich war Sue, erneut im Constitutionnel,
mit Martin l'enfant trouvé (M. das
Findelkind, 1846/47), das eine Art proletarisches Epos sein sollte. Auch das
wieder dem "Sittenroman" nahestehende Fortsetzungswerk Les sept péchés capitaux (Die sieben
Todsünden, 1847-51) schlug nicht recht ein.
Bei
der Februar-Revolution 1848 trat Sue als linker Journalist und Politaktivist
auf den Plan, der 1850 auch zum Ageordneten gewählt wurde.
Nach
dem Staatsstreich von Louis-Napoléon Bonaparte 1851 wurde er kurz verhaftet und
emigrierte danach ins damals (bis 1860) noch piemontesische Savoyen. Hier
beendete er, neben anderen fiktionalen und politischen Texten, ein schon 1849
begonnenes Werk, das schließlich rund 6000 Seiten umfasste: Les Mystères du peuple (Die Geheimnisse des Volkes). Es ist
eine gewissermaßen aus der Perspektive von unten gesehene Geschichte
Frankreichs, dargestellt als Familiensaga einer bretonischen
Unterschichtenfamilie von der Keltenzeit um 50 v. Chr. bis 1848.
Nach
dem Abschluss des Buches 1856 unternahm Sue eine größere Europareise und starb
einige Monate nach der Rückkehr. Ein weiteres monumentales Werk, Les Mystères du monde (Die Geheimnisse der Welt), das
Ungerechtigkeiten und Nöte in aller Welt darstellen und anprangern sollte, kam
über Anfänge nicht hinaus.
Die
Zeitungsromane à la Sue und ihr Erfolg waren einerseits ein Abfallprodukt der
Presserevolution durch vielen neugegründeten billigen Tageszeitungen; sie
beförderten diese Revolution aber auch ihrerseits dadurch, dass sie leicht
konsumierbaren Lesestoff für ein breites Publikum bereitstellten und dieses
damit zu treuen Zeitungs-Lesern und -Käufern machten.
(Stand: März 07)
Joseph-Arthur, comte de Gobineau
(1816–82).
Dieser
nur noch aus historischen Gründen interessante Autor war Historiker, Romancier,
Dramatiker und von Beruf Diplomat. Als solcher war er längere Zeit in Persien
tätig, aber auch in verschiedenen europäischen Staaten, darunter im Königreich
Hannover und in der freien Reichsstadt Frankfurt (die beide 1866 von Preußen
annektiert wurden). Gobineaus, rückblickend gesehen, einzig bedeutsames Buch
war der Essai sur l'inégalité des races (1853-55), der
erste Versuch, die Vorstellung von der Überlegenheit des Weißen Mannes
wissenschaftlich zu begründen, eine Vorstellung, die im imperialistisch und
kolonialistisch denkenden Europa der Zeit inzwischen selbstverständlich war.
Die beste weiße ("arische") "Rasse" und damit die
eigentliche "Herrenrasse" sind laut Gobineau übrigens die Germanen
(von denen er selbst, als französischer Adeliger, abzustammen glaubte), und
nicht z.B. die durch "Rassenvermengung" schon "degenerierten"
Franzosen. Demgemäß wurde sein Buch bzw. dessen Fazit vor allem im Deutschland
des späten 19. und frühen 20. Jh. willig rezipiert.
Leconte de Lisle (=Charles Marie Leconte, *22.10.1818
auf La Réunion; †18.7.1894 Voisins/ Louveciennes).
Obwohl
er jahrzehntelang als Lyriker zu den „grands auteurs du Programme“ zählte und
in Schullesebüchern bestens vertreten war, ist dieser Autor mit dem sprechenden
Pseudonym Leconte de Lisle (=„le comte de l’île=der Graf von der Insel“) heute
kaum mehr bekannt.
Er
wurde geboren auf der Île Bourbon (heute La Réunion) im Indischen Ozean, wo
sein Vater, ein ehemaliger napoleonischer Feldarzt, nach 1815 eine
Zuckerrohr-Plantage übernommen hatte. Seine Kindheit ab 4 verbrachte er in
Nantes, seine Jugendzeit wieder auf La Réunion. Nach lustlosem Jurastudium in
Rennes und ersten Versuchen als Journalist (1837-43) lebte er nochmals kurz auf
der Insel. Ab 1845 blieb er endgültig in Frankreich, meist in Paris, und schlug
sich mühsam durch als Journalist und Literat.
Schon
während seiner Studienzeit war er mit dem „socialisme évangélique“ von Félicité
de Lamenais (eines der Begründer der katholischen Soziallehre) in Berührung
gekommen; in der Zeit der Politisierung und Polarisierung der französischen
Gesellschaft gegen Ende der Juli-Monarchie schloss er sich dem radikaleren
Fourierismus an (s. Fourier). Während der Februar-Revolution 1848 war er
aktiver linker Republikaner.
Nach der blutigen
Niederschlagung der Revolte der Pariser Arbeiter im Juni 48 und gänzlich nach
dem Staatsstreich Louis-Napoléon Bonapartes im Dez. 51 war er, wie viele linke
Literaten der Zeit, desillusioniert und wurde unpolitisch, um nur noch der
Literatur zu leben, insbesondere der Lyrik. Lecontes Ideal ist eine „poésie
objective“, die keine romantischen Gefühlsergüsse eines lyrischen Ichs in Verse
fassen will, sondern, weitgehend deskriptiv, ästhetisch schöne belebte und
unbelebte Sujets aus Gegenwart und Vergangenheit, aber auch alte und neue
mythologische und kosmologische Vorstellungen zu bedichten versucht.
Seine
Gedichte publizierte er, wie üblich, in Zeitschriften und von Zeit zu Zeit in
Sammelbänden. So erschienen 1852
die Poèmes antiques, 1862 die Poèmes barbares, 1873 Les Érinnyes, 1884 die Poèmes tragiques.
Seine
formvollendet ziselierten, gewollt eher kühlen Gedichte brachten Leconte
schließlich bei Literaturkritikern und –kennern Bewunderung ein, und seine
bescheidene Pariser Wohnung wurde zum Zentrum der Dichterschule der
„Parnassiens“.
Irgendwann
machte er seinen Frieden mit dem Regime von Napoléon III und erhielt eine kleine
staatliche Pension. Die (1871 beginnende) Dritte Republik bedachte ihn 1873 mit
einer pro forma-Bibliothekarsstelle und 1886 erhielt er sogar einen Sitz in der
Académie française.
Für
deutsche Leser von speziellem Interesse ist z.B. das Gedicht Le Rêve du jaguar, das Rilke zu seinem Der
Panther inspiriert haben könnte.
(Stand: Mai 07)
Charles Baudelaire (*9.4.1821 Paris; †31.8.1867 ebd.).
Er gilt heute als einer der größten franz. Lyriker überhaupt
und als einer der wichtigsten Wegbereiter der europäischen literarischen
Moderne. Viele deutsche Lyriker haben ihn zu übertragen versucht.
Baudelaire
war einziges Kind aus der späten zweiten Ehe eines wohlhabenden
Ex-Verwaltungsbeamten und Freizeitmalers sowie dessen 34 Jahre jüngerer Frau,
die als Tochter einer englischen Mutter in London geboren war und ihm früh das
Englische nahe brachte. Mit sechs verlor er seinen knapp 68-jährigen Vater. Ein
noch größeres Trauma für ihn war jedoch, dass sich seine Mutter rasch mit dem
Berufsoffizier Jacques Aupick wiederverheiratete. Umzüge der Familie von Paris
nach Lyon (1832) und zurück nach Paris (1836) taten ein übriges, ihn zu einem
sich ungeliebt und wurzellos fühlenden, schwierigen, oft depressiven Jungen
werden zu lassen, den man in Internate abschob und der kurz vor dem
Baccalauréat (Abitur) noch wegen Ungehorsams von der Schule verwiesen wurde.
Nachdem er als Externer 1839 das „bac“ dennoch abgelegt
hatte, schrieb er sich für ein Jurastudium ein, das als Vorbereitung für die
von den Eltern gewünschte Diplomatenkarriere dienen sollte. Da er selbst sich
jedoch schon als angehenden Schriftsteller sah, trieb er sich meist in der
Pariser Literaten- und Künstler-Bohème herum und schrieb Gedichte (was er seit
spätestens 1838 tat). Daneben machte er Schulden, rutschte in ein Verhältnis
mit einer Prostituierten und zog sich eine Syphilis zu.
Auf Drängen seiner Mutter und vor allem seines autoritären und ehrgeizigen Stiefvaters, der inzwischen zum General avanciert war und sich des offenbar missratenden Stiefsohnes schämte, trat Baudelaire im Juni 1841 in Marseille eine Schiffsreise an, die ihn bis nach Indien führen und auf andere Gedanken bringen sollte. Er fuhr aber nur bis zu den Inseln Mauritius und La Réunion im Indischen Ozean mit, wo er insgesamt einige Wochen verbrachte und von der tropischen Natur sowie den Menschen dort beeindruckt und zu etlichen Gedichten inspiriert wurde.
Als er nach gut acht Monaten zurückkam, gelobte er seinem
Stiefvater zwar Besserung, schloss sich aber rasch wieder der Bohème an. Nach
Erreichen der Volljährigkeit 1842 verlangte er seinen Anteil am Erbe seines
verstorbenen Vaters (sehr stattliche ca. 75.000 Francs) und begann das Geld in
einer luxuriösen Dandy-Existenz zu verschleudern, tatkräftig unterstützt von
seiner neuen Geliebten, der Schauspielerin Jeanne Duval, einer Mulattin, deren
exotische Schönheit er bedichtete. 1844 ließ ihn die besorgte Familie
gerichtlich unter die finanzielle Vormundschaft eines Notars stellen, was ihn
zutiefst kränkte und vielleicht 1845 zu einem Selbstmordversuch beitrug.
Immerhin garantierte ihm der verbliebene Rest des Erbes eine kleine Rente von
der er, sparsam, durchaus hätte leben können.
Seine Schriftstellerei, die er nun systematischer und
berufsmäßig zu betreiben versuchte, blieb wenig einträglich. Immerhin konnte er
sporadisch Gedichte in Zeitschriften unterbringen. 1846 und 47 erschienen,
ebenfalls in Zeitschriften, seine einzigen etwas längeren erzählenden Texte:
die hübsche, angeblich aus der Antike stammende, raffiniert durch angebliche
Textlücken unterbrochene Liebesgeschichte Le jeune enchanteur und die
zunächst abgelehnte, dann mehr per Zufall doch noch gedruckte Künstlernovelle La
Fanfarlo, die witzig verschlüsselt und voll funkelnder Selbstironie
Baudelaires Metamorphose vom dichtenden Dandy zum fast verbürgerlichten
Literaten und Quasi-Ehemann zu spiegeln scheint. Einige Dramenentwürfe, die er
zwischen 1843 und 54 skizzierte, darunter ein Stück La Fin de Don Juan,
blieben Projekt,
ebenso die vielen Entwürfe zu weiterer Prosa. Eine
gewisse Anerkennung fand er lediglich mit den Berichten über Kunstausstellungen
(Salons), die er ab 1845 mit zunehmender Kompetenz verfasste. Da er sich andererseits aber dem
Konsum von Haschisch, Opium und Alkohol ergeben hatte und auch Jeanne Duval
aushielt, war er ständig in Geldnot, was wiederum seine Neigung zu Depressionen
verstärkte.
Während der sozialen und politischen Agitation des Jahres 1847 wurde Baudelaire Sozialist Fourierscher Observanz und verkehrte in Kreisen linker Intellektueller. Bei Ausbruch der Februarrevolution 1848 war er begeisterter Revolutionär in den Pariser Straßen, gründete mit zwei Freunden eine kurzlebige linke Zeitschrift und betätigte sich auch anderweitig als politischer Publizist. Am Juni-Aufstand der aus den staatlichen Werkstätten entlassenen Pariser Arbeiter beteiligte er sich an vorderster Front. Angesichts der anschließenden schrittweisen Machtergreifung der konservativen „Partei der Ordnung“ fühlte er sich zunehmend frustriert, wie so viele engagierte jüngere Intellektuelle. Nach seiner Teilnahme am kurzen und vergeblichen gewaltsamen Widerstand gegen den rechtsgerichteten Staatsstreich Louis Napoléon Bonapartes (2. Dez. 1851) zog er sich zurück auf eine Existenz als unpolitischer Literat, der sich darauf beschränkte, mit Lyrik, Kurzprosa, Essays, Autorenporträts und Buchkritiken in der Pariser literarischen Szene präsent zu sein.
Schon 1845 hatte er erstmals eine und 1848 eine weitere
Erzählung des amerikanischen Erzählers und Lyrikers Edgar Allan Poe (1809-1849)
übertragen, den er als einen Geistesverwandten empfand. 1857 publizierte er
einen Band mit Erzählungen von Poe und machte ihn den franz. Lesern in einem
längeren Vorwort bekannt, das eine wichtige zeitgenössische Quelle über den
Autor darstellt. 1858 schloss er seine Poe-Übertragungen ab mit den Aventures
d'Arthur Gordon Pym.
Obwohl er weiterhin mit Jeanne Duval zusammen lebte,
himmelte er von 1852 bis 57 in anonymen Briefen und Gedichten Jenny Sabatier
an, eine hübsche, charmante und geistreiche Frau, die als gutsituierte Mätresse
eines Bankiers einen Salon unterhielt, in dem viele Literaten und Künstler
verkehrten. Als Baudelaires Versteckspiel herauskam und sie sich ihm hingab,
akzeptierte er nur zögernd und warf ihr anschließend vor, sie sei nun als
Idealbild und Inspirationsquelle für Gedichte untauglich geworden. Sie war
enttäuscht, blieb ihm aber trotzdem freundschaftlich verbunden.
Im Juli 1857,
mit 36, veröffentlichte Baudelaire das Werk, mit dem er in die
Literaturgeschichte eingehen sollte: Les Fleurs du Mal, eine Sammlung
von 100 Gedichten, die ab ca. 1840 entstanden und teilweise schon einzeln
gedruckt erschienen waren, aber jetzt, nach Themen geordnet, ein quasi
komponiertes Ganzes zu bilden versuchten. Die Grundstimmung dieser sprachlich
und formal äußerst ausgefeilten, meist eher kurzen Gedichte ist (wie auch oft
bei den Romantikern) Desillusion, Pessimismus, Melancholie; die evozierte
Realität erscheint (anders als bei den Romantikern) häufig als trivial, oft
hässlich und morbide, der Mensch als hin und her gerissen zwischen den Mächten
des Hellen und Guten („l’idéal“) und denen des Dunklen und Bösen, ja Satans
(„le spleen“). Das historische Verdienst der Fleurs
und ihre Modernität liegt in dem Versuch einer Integration der Welt der
Großstadt bzw. des Großstädters in die Lyrik – einer als insgesamt als eher
abstoßend und düster vorgestellten Welt, was jedoch durchaus der Realität des
übervölkerten, explosionsartig wachsenden und schmutzigen Paris der Zeit
entsprach.
Obwohl einige klarsichtige Kollegen erkannten, dass die
besten Gedichte des Bandes zu den bleibenden Leistungen der franz. Lyrik
zählen würden, war der Erfolg zunächst gering. Sechs von einem Pariser
Starkritiker als obszön oder blasphemisch denunzierte Gedichte trugen dem Autor
und seinem Verleger sogleich einen Strafprozess wegen „Beleidigung der
öffentlichen Moral“ ein. Als 1861 eine um 35 neue Gedichte vermehrte Neuauflage
der Fleurs erschien, wurden sie deshalb fortgelassen. Erst die dritte,
1868 postum publizierte und nochmals erweiterte Auflage enthielt sie wieder.
Die Welt des Städters, speziell des Parisers ist häufig auch
Gegenstand der thematisch sehr vielfältigen kurzen Prosatexte, die Baudelaire
ab 1855 verfasste. Nachdem sie zu seinen Lebzeiten nur verstreut gedruckt
worden waren, etablierten sie, als sie 1869 postum gesammelt als Le Spleen
de Paris erschienen, eine neue literarische Gattung, das „poème en prose“.
Zwar hatte Baudelaire gegen 1860 einen gewissen
Bekanntheitsgrad im literarischen Paris erlangt und wurde er von Kollegen
geschätzt, doch ging es ihm finanziell eher schlechter als zuvor, nicht zuletzt
deshalb, weil er nun das Pflegeheim für Jeanne Duval bezahlte, die ab 1858
gelähmt war. Er hielt sich deshalb häufig in Honfleur bei seiner Mutter auf,
die 1857 erneut verwitwet war.
1860 verfiel auch er der Wagner-Begeisterung, die in Paris
grassierte, und publizierte eine längere Étude sur Richard Wagner et
Tannhäuser.
Ende 1861 beschloss er, sich für einen freigewordenen Sitz
in der Académie Française zu bewerben. Seine Sondierungsbesuche bei einigen
„Académiciens“ verliefen jedoch so enttäuschend, dass er sich von Freunden
überreden ließ zu verzichten.
Die folgenden Jahre waren geprägt von finanziellen und
zunehmend auch gesundheitlichen Problemen im Gefolge seines Alkohol- und Drogenkonsums
sowie der damals unheilbaren Syphilis. Im April 1864 versuchte er so etwas wie
einen Befreiungsschlag und ließ sich in Brüssel nieder in der Hoffnung, dort
und in anderen der wirtschaftlich fulminant aufstrebenden belgischen Städte
Vorträge zur franz. Literatur halten zu können. Doch der Erfolg blieb aus,
weshalb er zunehmenden Groll gegen die Belgier entwickelte, dem er auch in
Gedichten Luft machte.
Im März 1866, nachdem er knapp zwei Jahre häufig krank,
elend und kaum arbeitsfähig in Brüssel verbracht hatte, erlitt er einen
Schlaganfall. Im Juli wurde er in ein Pariser Pflegeheim verlegt, wo er,
halbseitig gelähmt und sprechunfähig, aber betreut von seiner Mutter, noch fast
ein Jahr lebte.
Zwar hat Baudelaire selbst seine Anerkennung nicht mehr erfahren,
doch galt er schon der nachfolgenden Lyriker-Generation, den Symbolisten, z.B.
Verlaine, Rimbaud oder Mallarmé, als epochemachendes Vorbild. In franz.
Schullesebüchern ist er seit längerem der am besten vertretene Lyriker. Auch in
andere Länder wirkte seine Dichtung hinüber, z.B. nach Deutschland, wo sie u.a.
Stefan George beeinflusste, der die erste deutsche Übertragung der Fleurs du
Mal versuchte. Für die direkten Zeitgenossen allerdings, d.h. für die nicht
allzu vielen, die als Leser seinen Namen kannten, war er vor allem ein
kompetenter Verfasser von Berichten über Kunstausstellungen, ein guter
Literaturkritiker, ein fleißiger Übersetzer Poes sowie ein Wagner-Enthusiast
und ̵promotor.
(Stand: Apr. 08)
Gustave Flaubert (*12.12.1821 in Rouen; †8.5.1880 in Croisset bei Rouen).
Er
gilt heute als einer der besten Stilisten der franz. Literatur und als ein
Klassiker des Romans. Zusammen mit Stendhal und Balzac bildet er das
Dreigestirn der großen realistischen franz. Erzähler. Ganz wie die beiden
anderen wurde auch er von der Académie Fançaise
nicht für würdig befunden aufgenommen zu werden.
Er wuchs auf in
Rouen als jüngerer Sohn des Chefarztes des städtischen Krankenhauses und
erlebte, da dessen Dienstvilla, wie damals üblich, an das Krankenhaus grenzte,
das Leiden und Sterben dort aus nächster Nähe mit. Er galt als begabter, aber
als wenig disziplinierter Schüler, der es vorzog, seine Zeit mit Lesen und
Schreiben statt mit Lernen zu verbringen. Zu seinen Jugendfreunden gehörten
Louis Bouilhet, der sich später einen gewissen Namen als Lyriker machte, sowie
der Bruder von Laure Le Poittevin, der späteren Mutter Guy de Maupassants. In
den Sommerferien 1836 verliebte sich Flaubert in Trouville in eine etwas ältere
Frau, Élisa Schlesinger, die ihn jahrelang als große, unerreichbare Liebe
beschäftigte und sein Schreiben inspirierte.
Nach dem
Baccalauréat begann er auf Drängen des Vaters ein Jurastudium, das er aber
aufgab, nachdem er 1843 einen epileptischen (?) Anfall erlitten hatte. Dennoch
machte er in diesen Jahren größere Reisen, deren vorläufig letzte ihn 1850/51
auf den Spuren Chateaubriands, Lamartines oder Nervals in den Vorderen Orient,
insbes. Ägypten, führte, zusammen mit einem wenig jüngeren Freund, dem fast
schon arrivierten Literaten Maxime Du Camp.
Nach der
Rückkehr richtete sich Flaubert bei seiner verwitweten Mutter ein und führte
mit ihrem und seinem Erbe ein zurückgezogenes Dasein als schriftstellernder
Rentier in Croisset nahe Rouen, das er nur noch für gelegentliche Aufenthalte
in Paris verließ, um dort einige gesellschaftliche Kontakte, z.B. mit
Autorenkollegen, zu pflegen oder um sich mit seiner langjährigen Geliebten
(seit 1846) zu treffen, der zehn Jahre älteren Schriftstellerin Louise Colet,
mit der er auch in vielen Briefen über literarische Fragen diskutierte.
Wie
erwähnt, schrieb Flaubert schon seit seiner Jugend unermüdlich, zunächst im
Stil der Romantik. Er stellte aber so hohe Ansprüche an sich selbst, dass er
lange Jahre alle Manuskripte unpubliziert ließ. Sein erstes gedrucktes Werk
wurde schließlich der 1851 begonnene Roman Madame Bovary, der 1856 im
Feuilleton der Revue de Paris erschien. Der Roman trug ihm sogleich
einen Prozess wegen Verstoßes gegen die Sitten ein, doch wurden Flaubert und
die Zeitschrift Anfang 1857 dank dem geschickten Plädoyer ihres Anwalts
freigesprochen. Der Prozess wirkte sich insofern sogar positiv aus, als er der
Buchversion, die 1857 herauskam, zu einem Verkaufserfolg verhalf. Die Handlung
beruht auf einem Zeitungsbericht aus dem Journal de Rouen von 1848 über
den Selbstmord der Arztgattin Delphine Delamare aus Ry bei Rouen. Sie stellt
die Geschichte einer Pächterstochter dar, die nach der Heirat mit einem
Dorfarzt rasch unzufrieden mit ihrem sie zwar liebenden, aber biederen Mann
ist, und zwar nicht zuletzt deshalb, weil sie sich nach dem Vorbild von Romanen
und Frauenmagazinen ein Leben in Leidenschaft und Luxus erträumt. Zwar schafft
sie es, mittels zweier Liebschaften und eines gewissen Luxuskonsums einige
Schritte zur Realisierung eines solchen Lebens zu tun, wird aber immer wieder
eingeholt von der Trivialität und Enge ihrer realen Verhältnisse, bis sie
schließlich von Schulden erdrückt Selbstmord begeht. Thema ist also das
Scheitern einer romantischen Idealistin (mit der Flaubert sich sehr
identifiziert) an einer Welt, in der die Opportunisten und die Materialisten
obsiegen, die im Roman vor allem von dem Apotheker Homais und dem Händler
Lheureux verkörpert werden.
Weniger erfolgreich, aber noch
einflussreicher auf die Entwicklung des europäischen Romans war Flaubert mit L'Éducation sentimentale (1869). Es ist
die Geschichte des jungen Provinzlers Frédéric Moreau, der nach Paris geht, wo
er sich eine große Zukunft in Politik, Literatur und Liebe erhofft, jedoch die
ihm sich durchaus bietenden realen Chancen zugunsten irrealer, idealer Ziele
verpasst, und zwar vor allem aufgrund einer langen schwärmerisch-unerfüllten
Liebe zu einer verheirateten Frau, die ihn absorbiert und paralysiert. Nachdem
auch seine kurze Begeisterung für die politischen Ideale und Ziele der 48er
Revolution verpufft ist, versinkt er in intellektueller Mittelmäßigkeit und
wird nur durch eine hübsche Erbschaft vor einem auch materiellen Niedergang bewahrt.
Frédéric ist eine Symbolfigur des weniger tragischen als traurigen Weges der
„Quarante-huitards“, d.h. der durch die Februarrevolution in Aufbruchstimmung
versetzten, dann aber durch die weitere Entwicklung politisch enttäuschten 48er
Generation, der auch Flaubert sich zurechnete. Der Titel des Romans ist
übrigens (was keiner der verschiedenen Titel der deutschen Übertragungen ahnen
lässt) ironisch zu verstehen. Denn, anders als z.B. der jugendliche Julien in
Stendhals Le Rouge et le Noir oder der junge Rastignac in Balzacs Le
Père Goriot, die jeweils durch eine reifere verheiratete Frau in die Liebe
eingeführt und so tatsächlich in ihren „Gefühlen“, sprich ihrem Sexualleben, zu
erwachsenen Männern gemacht werden, erfährt Frédéric von der angehimmelten reiferen
Frau letztlich keine solche „Erziehung“. Vielmehr wird er, aufgrund auch seiner
Unentschlossenheit, in seinen schwärmerischen Gefühlen für sie nur frustriert
und muss sich seine Mannwerdung bei einer bezahlten Geliebten besorgen.
Die
übrigen Werke Flauberts werden heute weniger oder kaum mehr gelesen. Es sind
insbes. der im antiken Karthago spielende historische Roman Salammbô (1862), für dessen Vorbereitung
der Autor 1858 nach Tunesien reiste; die lange Erzählung La Tentation de Saint Antoine
(erschienen, nach vielen Jahren Arbeit daran, 1874); der seinerzeit recht
erfolgreiche Erzählband Trois Contes
(1877) mit der anrührenden Erzählung Un cœur simple
sowie der als Satire auf das Durchschnittsbürgertum gedachte unvollendete Roman
Bouvard et Pécuchet (postum 1881).
Die Bovary und die Éducation gelten, wie angedeutet,
als epochemachend für die Entwicklung des europäischen Romans, und zwar
aufgrund der Idee Flauberts, seine Protagonisten nicht mehr (wie z.B. Balzac
dies tat) als Ausnahmepersonen zu konzipieren, sondern als gänzlich unheroische
Durchschnittscharaktere.
(Stand: Jan.
10)
Edmond (*26.5.1822 in
Nancy, †16.7.96 bei Paris) und Jules
(*17.12.1830 in Paris, †20.6.70 ebd.) de
Goncourt.
Die Goncourts
(wie sie in Literaturgeschichten meistens heißen) verkörperten einen im 19. Jh.
gar nicht so seltenen Typ: den des Autoren-Tandems. Sie gelten als Begründer
der literarischen Strömung des Naturalismus.
Sie
waren Enkel eines kurz vor der Revolution durch den Kauf eines Rittergutes
(seigneurie) in den Adelsstand getretenen Großvaters und Söhne eines ebenfalls
sehr wohlhabenden napoleonischen hohen Offiziers. Beide absolvierten sie
Pariser Gymnasien, Edmond studierte Jura und arbeitete einige Jahre als
Ministerialbeamter.
1849/50, d.h.
nachdem auch Jules erwachsen war, zog Edmond sich aus dem Berufsleben zurück.
Die Brüder machten nun, obwohl Jules etwas kränklich war, längere Reisen, deren
Eindrücke sie zu Reportagen verarbeiteten, wie sie beim Publikum beliebt und
entsprechend bei Zeitschriften und Verlegern begehrt waren. Auf den Geschmack
gekommen, betätigten sie sich danach gemeinsam als freie Schriftsteller:
Kunstkritiker, Theaterkritiker, Historiker, Dramatiker und schließlich
Romanciers. Hierbei hatten sie die Idee, in ihren Romanen die Doktrin der
zeitgenössischen positivistischen Philosophie zu exemplifizieren, laut der der
Mensch vor allem durch sein Erbgut (la race), seine Zeit (le moment) und sein
soziales Umfeld (le milieu) determiniert sei. Damit schufen sie eine
literarische Schule: den Naturalismus.
Ihre
wichtigsten – allesamt zu zweit verfassten – Romane sind: Les hommes de lettres (1860), die Geschichte eines Literaten in
seinem Milieu; Renée Mauperin (1864),
die Geschichte einer jungen Großbürgerin in ihrem Milieu; Manette Salomon (1867), die Geschichte einer Frau im
Künstlermilieu; und vor allem Germinie
Lacerteux (1864), die Geschichte eines Dienstmädchens, das quasi
idealtypisch alles Gute und Böse erlebt, was einem Dienstmädchen widerfahren
kann (z.B. dass sie von dem Mann, den sie liebt, gewissenlos ausgenutzt wird
und schließlich in Schulden versinkt).
Ein
kulturhistorisches Dokument ersten Ranges ist das Tagebuch (Journal), das die Brüder ab 1851 führten
und das Edmond nach Jules’ frühem Tod (1870) allein fortführte.
Edmond
stiftete 1896 mit seinem Vermögen die Académie Goncourt. Diese besteht aus zehn
Autoren (die nicht der Académie Française
angehören dürfen), die jährlich im Herbst als Jury zusammentreten und einen
französischen Roman mit dem Prix Goncourt auszeichnen, dem seit Jahrzehnten
begehrtesten und werbewirksamsten der zahllosen franz. Literaturpreise.
(Stand: Aug. 07)
Jules Verne (*8.2.1828 Nantes; †24.3.1905 Amiens).
Dieser
auch heute wohl noch weltbekannte und gelesene Autor gilt als einer der Väter
des Science ficition-Romans.
Er
wuchs auf im Reederviertel der Hafenstadt Nantes als ältestes von fünf
Geschwistern in einer gutbürgerlichen Juristenfamilie. Mit elf versuchte er
heimlich eine Seereise als Schiffsjunge anzutreten, wurde aber im letzten
Moment noch von Bord geholt. Danach absolvierte er brav das Gymnasium und
studierte Jura, weil er die väterliche Anwaltspraxis übernehmen sollte.
Spätestens
als Student in Paris begann er allerdings zu schreiben und erhielt Kontakt zur
Welt der Literaten, u.a. zu Alexandre Dumas père, der ihn etwas protegierte,
und zu dessen Sohn Alexandre Dumas fils, mit dem er sich befreundete.
Er
blieb also nach Abschluss des Studiums (1849) in Paris und versuchte sich
zunächst vor allem als Bühnenautor in verschiedenen Genres, von der Tragödie
bis zum Opernlibretto. 1851 erschien in einer literarischen Zeitschrift sein
erster erzählender Text. Dessen Sujet 'Seefahrt und Reisen' ließ Verne hinfort
nicht mehr los, obwohl er zunächst noch weiter auch Libretti, Komödien und
Erzählungen mit ganz anderer Thematik schreibt. 1855 erschien sein erster
Reise- und Abenteuerroman: Un hivernage
dans les glaces.
1856
heiratete er eine Witwe mit zwei Kindern (mit der er rasch ein drittes hatte)
und versuchte sich danach einige Jahre zwecks Broterwerb mäßig erfolgreich in
dem bürgerlichen Beruf eines Börsenmaklers. Nebenher machte er zwei
Schiffsreisen (nach Schottland und nach Norwegen), die ihm die Welt der
Seefahrt erschlossen, und natürlich konnte er auch das Schreiben nicht lassen.
1862
lernte er den umtriebigen Jugendbuchverleger Jules Hetzel kennen, der ihm
seinen gerade fertigen ersten Science fiction-Roman Cinq semaines en ballon abkaufte, ihn für weitere Romane derselben
Machart unter Vertrag nahm und ihn zum publikumswirksamen Schreiben anleitete.
Spätestens über Hetzel auch kam Verne in Kontakt mit Naturforschern und
Erfindern, die seine Kenntnisse erweiterten, ihn fachlich berieten und ihm auch
Ideen eingaben.
Nach
dem Erfolg der Cinq semaines hatte er
seinen Durchbruch als Autor geschafft und konnte gut von seiner Feder leben. In
den folgenden Jahren schrieb er zahllose Romane, die meist fortsetzungsweise in
Hetzels Jugendzeitschrift Magazin
illustré d'éducation et de récréation erschienen, ehe sie auch als Buch
herauskamen. Vernes eigentliche Domäne hierbei waren und blieben Reise- und
Abenteuerromane mit mehr oder weniger großem Science fiction-Anteil, in dem er
mit viel wissenschaftlicher und technischer Intuition gar manche später
realisierte Entwicklung vorwegnam. Seine sich an ein vorwiegend jugendliches
und passabel gebildetes männliches Publikum richtenden Bücher haben nicht nur
in Frankreich Epoche gemacht, sondern dank Übersetzungen in ganz Europa und
Amerika.
Die bekanntesten sind: 1863/64 Voyages et aventures du capitaine Hatteras; 1864 Voyage au centre de la Terre; 1865 De la Terre à la Lune; 1869 Autour de la Lune sowie Vingt mille lieues sous la mer. 1872
kommt Le Tour du monde en quatre-vingt
jours heraus, Vernes größter Auflagenhit, den er mit einem Co-Autor
erfolgreich auch für das Theater adaptierte. 1876
erschien der in Sibirien um einen "Kurier des Zaren" (so der Titel
der deutschen Übersetzung) spielende Abenteuer-Politkrimi Michel Strogoff, aus dem ebenfalls ein erfolgreiches Stück gemacht
wurde.
Spätestens
seit Le Tour du monde war Verne ein
reicher Mann, die Aufnahme in die Académie Française, die er 1883 zu betreiben
versuchte, misslang allerdings. Dafür machte er viele Reisen (z.T. mit eigenen
Motor-Segel-Yachten) und unterhielt ein repräsentatives Haus in seinem Wohnort
Amiens, der Heimatstadt seiner Frau, wo er ab 1888 auch als (anfangs gemäßigt
linker) Kommunalpolitiker aktiv war.
Nach
1880 war sein schöpferischer Zenith überschritten, doch schrieb und publizierte
er bis kurz vor seinem Tod fast pausenlos weiter, wobei seine Technik- und
Fortschrittsgläubigkeit nach und nach gedämpfter erscheint und er politisch
zunehmend konservativ wurde.
Seine
Position in Frankreich als sehr populärer, von Generationen junger Leute
gelesener Autor ist (bis auf die internationale Ausstrahlung) nicht unähnlich
der von Karl May in Deutschland. Naturgemäß haben seine handlungsreichen Romane
im 20. Jh. viele Filmemacher gereizt. Nicht zufällig erhielt 1954 das erste
Atom-Uboot der Welt, die amerikanische Nautilus,
den Namen des futuristischen Ubootes von Kapitän Nemo aus Vernes Vingt mille lieues sous la mer.
(Stand: Jan.
05)
Émile Zola (*2.4.1840
Paris; †29.9.1902 ebd.).
Er
gilt als einer der großen Romanciers des 19. Jh. und als Leitfigur der gesamteuropäischen
literarischen Strömung des Naturalismus.
Er
wurde geboren in Paris als Sohn einer Französin und eines Bauingenieurs
italienischer Herkunft. Dreijährig kam Zola nach Aix-en-Provence, wo sein Vater
ein Kanalprojekt leitete, aber früh (1847) starb und seine Familie unversorgt
zurückließ. In Aix war er befreundet mit Paul Cézanne, dem späteren großen
Maler. Seine letzten Schuljahre verbrachte er wieder in Paris, wohin seine
Mutter schon vor ihm zurückgekehrt war. Nachdem er durchs Baccalauréat gefallen
war (1859), jobbte er (z.B. längere Zeit als Werbechef beim Verlag Hachette)
und schriftstellerte in allen Genres, sogar als Lyriker.
Sein
Durchbruch wurde der Roman Thérèse Raquin
(1867), der eine spannende Handlung um die zur Ehebrecherin und Mörderin
werdende Titelheldin mit einer ungeschönten Schilderung des Pariser
Kleinbürgertums verbindet. Das Vorwort zur zweiten Auflage 1868, in dem Zola
sich gegen seine gutbürgerlichen Kritiker und ihren Vorwurf der
Geschmacklosigkeit verteidigt, wurde zum Manifest der jungen naturalistischen
Schule, zu deren Chef Zola nach und nach avancierte.
Ab
1869 (bis 1893) konzipierte er, ähnlich wie Balzac, die meisten seiner Romane
als Teile eines Zyklus mit dem Titel Les
Rougon-Macquart. Histoire naturelle et sociale d'une
famille sous le Second Empire. Die insgesamt 20 Romane des Zyklus
sollten eine Art positivistisch begründeter Familiengeschichte sein, wobei die
Rougons den bürgerlichen, die Macquarts den proletarischen Zweig der Familie
repräsentieren. Die so durch Verwandtschaft verbundenen Figuren sollten als
durch ihre Erbanlagen (z.B. den Hang zum Alkoholismus), ihr Milieu (Bourgeoisie
oder Unterschicht) und die historischen Umstände (die sozio-ökonomischen
Verhältnisse des Zweiten Kaiserreichs, 1852-70) völlig determiniert vorgestellt
werden. Gottlob wirken sie, dank Zolas schriftstellerischem Temperament,
menschlich und lebendig genug, um dem Leser nicht als bloße Marionetten und
Demonstrationsobjekte zu erscheinen. Das erzählerische Werk Zolas ist, ähnlich
wie das der Goncourts, eine Fundgrube für Sozialhistoriker, wobei die vom Autor
geschilderten Verhältnisse naturgemäß eher die der 70er/80er Jahre sind, d.h.
die der Entstehungszeit der Romane, und weniger die der 50er/60er, in denen die
Handlungen angesiedelt sind.
Zu
Zolas Lebzeiten am erfolgreichsten war La
Débâcle (1892), dessen Handlung vor dem Hintergrund des franz.-deutschen
Krieges von 1870/71 und der blutig unterdrückten Pariser Commune spielt.
Ebenfalls ein großer Erfolg war Nana
(1879/80), die Geschichte einer jungen Frau aus dem Volk, die dank ihrer
sexuellen Attraktivität einen Aufstieg zur kostenträchtigen Geliebten eines
Grafen erlebt, durch ihren Hang zu Ausschweifungen aller Art jedoch in
Niedergang, Krankheit und frühem Tod endet. Noch heute gelesen werden vor allem
L'Assommoir (1877), wo am Schicksal
einer Wäscherin und ihrer Familie sehr eingängig die Auswirkungen des
Alkoholismus im beengten und ärmlichen Pariser Unterschichtenmilieu beschrieben
werden, und Germinal (1885), das die
dramatische Geschichte eines Bergarbeiterstreiks im Kräftefeld der
wirtschaftlichen und ideologischen Antagonismen der Zeit darstellt, die Zola
aus der Perspektive eines sozial engagierten Bourgeois beurteilt, der die
Lehren der sozialistischen Denker Fourier, Proudhon und Marx zumindest in ihren
Leitideen kennt und billigt. Erwähnenswert ist auch L'Œuvre (1886), weil in dessen Hauptperson, einem
hyperperfektionistischen Maler, Cézanne sich karikiert glaubte, der daraufhin
empört mit Zola brach.
Mehrere
der Romane, u.a. Thérèse Raquin, Nana, L'Assommoir und Germinal,
wurden bald nach ihrem Erscheinen zu erfolgreichen Theaterstücken (und später
zu Filmen) verarbeitet.
Neben
seiner Arbeit als Romancier war Zola immer auch journalistisch aktiv. So
versuchte er am 13. Januar 1898 mit einem offenen Brief an den
Staatspräsidenten sein persönliches Prestige für den zu Unrecht als angeblicher
prodeutscher Spion verurteilten Hauptmann Dreyfus einzusetzen. Dieser Brief mit
dem Titel J'accuse entfachte einen
ungeahnten innenpolitischen Sturm, der Frankreich für Jahre, oft bis in die
Familien hinein, spaltete in "Dreyfusards" und
"Antidreyfusards", d.h. ein progressives linkes Lager und ein
konservatives rechtes, das zugleich militant nationalistisch und antisemitisch
war. Zola selbst wurde sofort vom Kriegsminister sowie von einigen
Privatpersonen verklagt und in durchaus politischen Prozessen wegen
"Diffamierung" zu einer Geld- und (kurzen) Gefängnisstrafe
verurteilt, der er sich jedoch durch Flucht nach London entzog, wo er fast ein
Jahr, bis zur Beilegung der Affäre, blieb.
Sein
Tod durch eine Rauchvergiftung in seiner Pariser Wohnung zu Beginn der
Heizperiode 1902 war möglicherweise das Werk eines nationalistischen
Ofensetzers, der im Sommer zu einer Reparatur dagewesen war.
(Stand: Jan. 10)
Sully Prudhomme (=René François Armand Prudhomme,
*1839; †1907).
Dieser
einst berühmte, heute aber vergessene Autor wuchs auf in Paris in einer gut
katholischen Familie und machte am Lycée Bonaparte die Reifeprüfung zunächst im
naturwissenschaftlichen Zweig (baccalauréat scientifique) und dann im
altsprachlich-literarischen Zweig (baccalauréat de lettres). Nach kurzer
Tätigkeit als Ingenieur bei der aufstrebenden Firma Schneider in Le Creusot
absolvierte er ein Jurastudium und arbeitete, wiederum nur kurz, als Anwalt in
Paris.
Da
er schon seit vielen Jahren Gedichte verfasste, besann er sich mit Mitte 20 auf
sein hübsches ererbtes Vermögen und widmete sich ganz der Literatur und der
Philosophie, wobei er die Welt der Technik und der Wissenschaft mit der des
Geistes und der Schönheit zu verbinden versuchte.
Zunächst
schrieb Sully Prudhomme, wie er sich als Autor nun nannte, kunstvoll ziselierte
Gedichte in der eher kühlen Manier der Parnassiens (gesammelt publiziert in Stances et Poèmes, 1865; Les épreuves, 1866; Les écuries d'Augias und Les
solitudes, 1869). Seine Teilnahme am preußisch-französischen Krieg 1870/71
verarbeitete er in Impressions de la
guerre (1872) und La France
(1874).
Hiernach
schwenkte er um auf eine "poésie personnelle", die formale Eleganz
mit schönen Bildern, schönen Gedanken und schönen Gefühlen gefällig vereinte
und die von den Lesern der Fin de Siècle-Epoche ebenso goutiert wurde, wie die
gefälligen philosophischen Essays über Alles und Jedes, die er zu schreiben verstand
und in großer Zahll produzierte.
1881
wurde er als Literat mit der Aufnahme in die Académie Française belohnt, 1895
sah er sich als moralische Autorität anerkannt mit der Ernennung zum Chevalier
de la Légion d'honneur; und als 1901 der erste Literatur-Nobelpreis verliehen
wurde, erhielt ihn wie selbstverständlich Sully Prudhomme, so beliebt in
Frankreich und bekannt in ganz Europa war er.
(Stand: Nov. 05)
Stéphane Mallarmé (* 18.3.1842 in Paris; † 9.9.1898 in Valvins bei
Fontainebleau).
Er
schuf zwar nur ein schmales Œuvre, ging aber mit beachtlichem Ruhm vor allem
als bedeutender symbolistischer Lyriker in die franz. Literaturgeschichte ein.
Er war Sohn eines Pariser Beamten und verlor
mit fünf seine Mutter, weshalb er in die Obhut von Großeltern kam und seine
Gymnasialzeit freudlos als „interne“ in Schülerwohnheimen verlebte. 1855, im
Todesjahr seiner geliebten Schwester Maria, wurde er von seiner Schule
verwiesen, konnte aber dann, wiederum als „interne“, am Gymnasium von Sens, der
Heimatstadt seines Vaters, das „baccalauréat“ ablegen.
Schon
in seinen letzten Schülerjahren schrieb er Gedichte; seine Vorbilder waren
Victor Hugo (s.o.), Théodore de Banville oder Théophile Gautier (s.o.). 1860
stieß er auf die Fleurs du Mal (1857) von Baudelaire (s.o.) und war
beeindruckt. Neben Gedichten verfasste er nun auch kleine Artikel für
literarische Zeitschriften.
Ebenfalls
1860 begann er sein Erwerbsleben als „surnuméraire“, d.h. Hilfslehrer ohne
feste Anstellung, in Sens. 1862 lernte er dort die sieben Jahre ältere Maria
Gebhard kennen, ein Kindermädchen deutscher Herkunft, die ihm offenbar zugleich
so etwas wie Mutter- und Schwesterersatz bedeutete. Wenig später ging er mit
ihr nach London, wo er sie 1863, nach dem Tod seines Vaters und Erreichen
seiner Volljährigkeit, heiratete. Zurück in Frankreich, legte er eine
Eignungsprüfung für die Position eines nicht-beamteten Englischlehrers an
Gymnasien ab und nahm eine Berufstätigkeit auf, die er, wenn auch widerwillig
und in der Lehrerhierarchie weit unten stehend, 30 Jahre lang ausübte. Immerhin
war er so einer der wenigen Lyriker seiner Epoche, die die Kunst und ein
halbwegs bürgerliches Leben einschließlich Frau und zwei Kindern (von denen
eines achtjährig starb) zu vereinbaren schafften.
Seine
erste Stelle erhielt er gleich 1863 in Tournon a. d. Rhône, wo er sich wie im
Exil fühlte und 1864 Vater wurde. Immerhin schrieb er und verfasste 1865 das
szenisch-monologische Langgedicht L'Après-midi
d'un faune, das er vergeblich dem Pariser Théâtre Français zur Aufführung
anbot. Im Jahr darauf, inzwischen in einer Schaffenskrise steckend, trat er
eine Stelle in Besançon an. Schon 1867 wechselte er nach Avignon, wo er die
okzitanisch schreibende Autorengruppe des „félibrige“ um Frédéric Mistral
kennenlernte und einige Prosagedichte publizierte. 1869 begann er die
philosophische Verserzählung Igitur, die jedoch Fragment blieb. Nachdem
er sich 1870 hatte beurlauben lassen und nach Sens gezogen war, wo er zum
zweiten Mal Vater wurde, gelang ihm 1871 der Sprung an eine Schule in Paris.
Hier wurden ab 1877 die „mardis“ in seiner Pariser Wohnung in der Rue de Moscou
zum Jour fixe für jüngere Dichter, die seine äußerst ausgefeilten, allerdings
auch sehr hermetischen Gedichte und seine so scharfsinnigen wie radikalen
poetologischen Überlegungen bewunderten. U.a. verkehrten bei ihm die später
renommierten Autoren Paul Valéry, Oscar Wilde, André Gide, Stefan George.
Aufgrund
der übergroßen Ansprüche, die Mallarmé an sich stellte, blieb der Umfang seines
publizierten dichterischen Werkes immer gering: Erst 1876 erschien als
Liebhaberdruck mit Illustrationen seines Maler-Freundes Édouard Manet eine
erste Buchpublikation: das schon 1865 verfasste Langgedicht L'Après-midi d'un faune. 1887
gab er in jeweils kleinen Auflagen ein Sammelbändchen mit Gedichten und einen
weiteren Band mit vermischten Texten heraus, denen 1893 ein letztes Bändchen
folgte.
In
diesem Jahr konnte er endlich, da er inzwischen mit Vortrags- und
Zeitschriftenhonoraren ausreichend verdiente, den ungeliebten Schuldienst quittieren.
1896 erlebte er stolz seine Wahl zum „Fürsten der Dichter“ (prince des poètes)
als Nachfolger von Paul Verlaine (s.u.). 1898 erlag er einer Kehlkopfentzündung
in seinem Landhaus bei Paris.
Obwohl
als Person eher zurückgezogen und introvertiert, wurde Mallarmé zum Meister und
Mentor der symbolistischen Schule aufgrund der Formvollendung und Dichte seiner
Lyrik sowie seiner fast priesterhaft zelebrierten Vorstellung vom absoluten
Primat der Kunst gegenüber dem Leben, d.h. des geformten Schönen gegenüber der
Realität. Einem etwas größeren Publikum bekannt geworden ist er lediglich mit L'Après-midi d'un faune, dessen intensive Stimmung Claude Debussy in seiner
gleichnamigen Ballettmusik einzufangen versucht hat.
(Stand: Nov. 07)
Paul Verlaine (* 30.3.1844 Metz; † 8.1.1896 Paris)
Er ist eine der
Galionsfiguren der symbolistischen Schule, hatte großen Einfluss auf die
Lyriker der Generation nach ihm und gilt als einer der Großen der franz. Lyrik
überhaupt.
Verlaine
war das einzige lebend zur Welt gekommene, spät geborene Kind seiner Eltern.
Seine frühe Kindheit verbrachte er in Metz, Montpellier, Nîmes und wieder Metz,
wo sein Vater jeweils als Offizier stationiert war. Nachdem dieser den Dienst
1851 quittiert hatte, ließ die durchaus wohlhabende Familie sich in Paris
nieder. Hier wurde Verlaine 1853 Internatsschüler in einer Privatschule
(pension) und besuchte von dort aus später zugleich das Lycée Bonaparte (heute
Condorcet). Er war zunächst ein guter Schüler, ließ um die 14 aber stark nach
und fing an Gedichte zu schreiben, deren ältestes bekanntes von Ende 1858
stammt und dank seiner Zusendung an Victor Hugo erhalten ist. Nach dem
Baccalaureat, das er per Kraftakt 1862 doch noch passabel absolvierte,
immatrikulierte Verlaine sich als Jurastudent, verkehrte vor allem aber in
Pariser Literatencafés und literarischen Zirkeln. In diesem Ambiente lernte er
praktisch alle Autoren seiner Generation kennen und schrieb er, überwiegend
Lyrik. Im August 63 erschien erstmals ein Gedicht von ihm in einer Zeitschrift.
Allerdings begann er auch zu trinken. Sein inzwischen stark kränkelnder Vater
war besorgt und zwang ihn nach längerem Hausarrest (er war ja minderjährig),
eine Stelle bei einer Versicherung anzunehmen. Von dort wechselte Verlaine
Anfang 1864 in die mittlere Angestelltenlaufbahn bei der Pariser
Stadtverwaltung.
Neben
seiner Berufstätigkeit war er weiter literarisch aktiv. Schon mit 16 war er auf
Baudelaires Les Fleurs du mal (1857) gestoßen, die sein wichtigstes
Vorbild wurden. 1865 war ein Aufsatz über Baudelaire sein erster längerer
gedruckter Text. 1866 nahm die neue Zeitschrift Le Parnasse contemporain
sieben Gedichte von ihm an, im selben Jahr publizierte er einen ersten
Sammelband seiner Gedichte als Privatdruck unter dem Titel Poèmes saturniens. Der Einfluss von Baudelaire ist deutlich, doch
sind Verlaines Gedichte elegischer, melodischer, weicher. In der Sammlung Fêtes galantes (1869) versuchte er, die
verspielten Figuren und die wehmütig-heitere Stimmung der Bilder Antoine Watteaus
(1684-1721) lyrisch einzufangen, die ihn im Louvre fasziniert hatten. Zugleich
jedoch verfasste er auch sozialistisch orientierte politische Gedichte, die
eine Sammlung mit dem Titel Les Vaincus ergeben sollten.
Seine
psychische Verfassung war wenig stabil: Immer wieder verfiel er seit dem Tod
seines Vaters (1865) in Alkoholexzesse, die ihn im Juli 1869 sogar zu zwei
Mordversuchen an seiner Mutter führten.
Kurz
zuvor hatte er sich in Mathilde Meuté de Fleurville verliebt, die 16-jährige
Halbschwester eines Freundes. Die Beziehung stabilisierte ihn offenbar, und da
er als wohlhabender Erbe in spe gelten konnte, durfte er sich trotz starker
Bedenken von Mathildes Vater Ende des Jahres mit ihr verloben und sie im Juni
70 (mit einer vorsichtshalber nur aus Pachteinnahmen bestehenden Mitgift)
heiraten. Fast am selben Tag erschien die Sammlung La bonne chanson, die das
Glück seiner Liebe und vorübergehenden Abstinenz spiegelt und die er Mathilde widmete.
Schon
im Jahr darauf endete die kurze halbwegs bürgerliche Phase seines Lebens. Im
März 71 schloss er sich nach der Niederlage Frankreichs im
preußisch/deutsch-französischen Krieg den marxistisch inspirierten
Revolutionären der Pariser Commune an,
dem ersten kommunistischen Experiment in der Geschichte Europas. Als die
provisorische franz. Regierung die Commune blutig niederschlug und die
Verlierer bestrafte, verlor Verlaine im Juli 71 seinen Posten bei der
Stadtverwaltung.
Im September
begann er ein leidenschaftliches Verhältnis mit dem 17-jährigen Arthur Rimbaud
(s.u.), der ihm Gedichte zugeschickt und den er nach Paris eingeladen hatte.
Ende Oktober wurde er Vater eines Sohnes, doch war seine Ehe schon so gut wie
zerbrochen. Nach langen verworrenen Monaten, während derer er hin und her
pendelte zwischen Rimbaud, seiner Mutter und Mathilde (die er des öfteren
bedrohte und misshandelte und zur Flucht zu ihren Eltern zwang), verließ
Verlaine Paris im Juli 72 zusammen mit Rimbaud. Anschließend vagabundierte er
mit ihm durch Nordostfrankreich, England und Belgien, sich mehrfach trennend
und versöhnend, immer wieder von seiner Mutter aufgesucht und unterstützt,
vergeblich seine Frau kontaktierend, häufig depressiv und suizidgefährdet.
Dichterisch
war es (wie auch für Rimbaud) durchaus eine fruchtbare Zeit, er verfasste u.a.
die Ariettes oubliées und die Romances sans paroles (erschienen
1874).
Am
4. Juli 73 schrieb er, allein und verlassen in Brüssel, Abschiedsbriefe an
seine Frau (die die Scheidung eingereicht hatte), seine Mutter und Rimbaud. Die
beiden letzteren reisten sofort an, Rimbaud allerdings um endgültig mit ihm zu
brechen. Der verzweifelte Verlaine schoss hierauf betrunken in Gegenwart seiner
Mutter auf den Freund, verletzte ihn jedoch nur leicht. Als er nach dem
gemeinsamen Aufsuchen einer Ambulanz nochmals auf ihn zu schießen drohte,
flüchtete Rimbaud zu einem Polizisten. Verlaine wurde festgenommen und zu zwei
Jahren Haft verurteilt. In diesen Jahren war seine Mutter einmal mehr sein
psychologischer und finanzieller Halt.
Schon
in der Untersuchungshaft hatte er viele Gedichte verfasst. Im Gefängnis
(1873/75) wurde er mit Hilfe des Gefängnispfarrers fromm und schrieb religiöse
Gedichte, die er später (1880) in dem Band Sagesse
vereinte. Auch das berühmte Gedicht Art poétique, das zu einer Art
Manifest des Symbolismus wurde, stammt aus der Haftzeit.
Nach
der vorzeitigen Entlassung Anfang 1875 besuchte Verlaine Rimbaud in Stuttgart,
die erhoffte Versöhnung blieb jedoch aus. Im März ging er nach England und
hielt sich dort mit Französisch- und Zeichenunterricht über Wasser, war aber
kurz auch angestellter Lehrer. In dieser 1877 erhielt er vertretungsweise eine
Lehrerstelle in Rethel/Ardennes, wurde aber 1878 nicht verlängert, wohl wegen
vermuteter homosexueller Beziehungen zu einem Schüler, Lucien Létinois. Er ging
nun mit diesem, den er als Ziehsohn betrachtete, einmal mehr nach England,
kehrte aber Ende 79 zurück. Anfang 1880 übernahm er dank einem Zuschuss seiner
Mutter mit Létinois und dessen Eltern einen Pachthof und versuchte sich als
Landwirt. Schon Anfang 82 ging der Hof Bankrott. Verlaine schlüpfte in Paris
bei seiner Mutter unter. Seine Bemühungen, wieder Lehrer zu werden,
scheiterten.
Er
lebte hiernach schlecht und recht bei seiner Mutter, zunächst in Paris, dann
auf einem kleinen Anwesen, das sie in Coulommes von den Eltern des 1883 an
Typhus verstorbenen Létinois gekauft hatte. Er trank jedoch wieder und
versuchte einmal mehr, sie zu erwürgen, was ihm kurze Haft und eine Geldstrafe
eintrug und zu einem vorübergehenden Zerwürfnis führte (1885). Gegen Jahresende
erkrankte er und wurde in der Folgezeit, vielleicht z.T. aufgrund einer
fortschreitenden Syphilis, nie mehr völlig gesund. Als seine Mutter Anfang 86
starb, vererbte sie den schmalen Rest ihres Vermögens an seinen Sohn. Verlaine
war nun endgültig verarmt. Die nächsten Jahre verbrachte er elend mit ständig
wechselnden Adressen, meist Paris, in Armenasylen, Spitälern, Absteigen oder,
wenn er über etwas Geld verfügte, bei Prostituierten oder in kleinen Hotels.
Als
Autor allerdings begann er nun endlich bekannter zu werden. 1884 hatte er einen
Band mit Dichterporträts unter dem Titel Les Poètes maudits
veröffentlicht sowie den Gedichtband Jadis et naguère. Auch in den
Jahren seiner Verelendung blieb er erstaunlich kreativ und schrieb: Lyrik,
Essayistisches, Autobiografisches, Autorenporträts, Reiseberichte usw.. Ab 1888
wurde er von jüngeren Kollegen und Bewunderern hofiert. 1892 wurde er erstmals
zu einer Serie von Vorträgen nach Holland eingeladen, 1893 nach Belgien,
Lothringen und England. 1893 auch versuchte er, für die Académie française zu
kandidieren, wurde aber schon im Vorfeld ausgebremst. Immerhin erachtete ihn
das Unterrichtsministerium wiederholter stattlicher Gratifikationen für würdig,
und ein eigens gegründeter Freundeskreis zahlte ihm eine monatliche Pension von
150 Frs. 1894 wurde er als Nachfolger des verstorbenen Lyrikers Leconte de
Lisle zum „Prince des poètes“ gewählt und
1895 verbürgerlichte er fast, indem er mit einer langjährigen Freundin einen
gemeinsamen Hausstand gründete. Die Normalität sollte aber nicht von Dauer
sein. Ende des Jahres erkrankte Verlaine und schrieb zwei letzte Gedichte: Mort
! und Désappointement. Er starb am 8. 1. 1896. Dem Trauerzug am 12.
1. folgten mehrere tausend Personen und bekannte Autoren ehrten ihn mit
Totenreden.
(Stand:
Jan. 10)
Als
Anhang füge ich eine kleine Interpretation bei, die 2009 im „Archiv für das
Studium der neueren Sprachen und Literaturen“ (Bd. 246, S. 344 ff.) erschienen
ist :
Gert Pinkernell (Wuppertal)
Wie eine Tilgung einen ganzen Text verändert. Zur Metamorphose von Paul Verlaines Gedicht Croquis parisien
Vor kurzem bat mich eine Studentin, die im Internet auf meine Namen, Titel und Daten der französischen Literatur[i] gestoßen war, um Deutungshilfe bei folgendem Gedicht aus dem Bändchen Poèmes saturniens, das der junge Verlaine1866 aus seiner bis dahin verfassten Lyrik zusammenstellte und mit dem Zuschuss einer Kusine in Druck gab:
Croquis parisien
La lune plaquait ses teintes de zinc 1
Par angles obtus.
Des bouts de fumée en forme de cinq
Sortaient drus et noirs des hauts toits pointus.
Le ciel était gris. La bise pleurait 9[ii]
Ainsi qu’un basson.
Au loin, un matou frileux et discret
Miaulait d’étrange et grêle façon.
Moi, j’allais, rêvant du divin Platon 12
Et de Phidias,
Et de Salamine et de Marathon,
Sous l’œil clignotant des bleus becs de gaz.[iii]
Die Studentin schrieb dazu u.a.: „Ich beschäftige mich momentan mit den Gedicht Croquis parisien von Paul Verlaine und habe die Aufgabe bekommen, es unter dem Aspekt «Paris in der französischen Literatur des 19. Jahrhunderts» zu interpretieren. [...] Mir ist bewusst, dass man das lyrische Ich nicht mit dem Autor gleichsetzt. Doch an wen wendet sich das Gedicht? An die Bevölkerung, an eine bestimmte Person? Zudem beschreibt der Autor ein Stadtbild, das der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts entspricht. Es scheint mir beim Lesen, dass er sich von dem ‚modernen’ Paris distanziert und die Antike als Vorbild sieht.“
Wie man erkennt, ist die Rezeption hier gesteuert von der offenbar durch die Seminarthematik und/oder die Dozentin suggerierten These, der Text sei zu lesen als eines der Paris-Gedichte des 19. Jh., in denen Autoren ihre Stadt insbesondere im Kontext von deren rasanter Verwandlung durch Modernisierung und Industrialisierung erleben und diese, je nach Einstellung, positiv oder negativ bewerten.[iv]
Wie fruchtbar aber ist diese These? Nicht sonderlich. Zwar scheint der Titel, Croquis parisien, sie zunächst zu belegen. Zweifellos war er ja auch das Hauptkriterium für die Aufnahme des Gedichts in das Textkorpus des Seminars. Sein Gewicht als Beleg wird aber eingeschränkt dadurch, dass er eine bloße „Skizze“ ankündigt, d.h. einen deskriptiven, quasi tendenzfreien Text. Auch das in Strophe 1 evozierte Bild des zinkfarben scheinenden, fast senkrecht stehenden Mondes und der qualmenden hohen spitzen Dächer stützen die These kaum, es sei denn, man betrachtet die Letzteren, was die Studentin zunächst tat, als Fabrikschornsteine und nicht als die vom Autor gemeinten Dächer spitzgiebeliger Altstadthäuser, wie sie im Paris von 1860 zwar nicht mehr typisch waren, aber durchaus noch vorhanden und jedem Leser von Paris-Romanen aus der Zeit vertraut. Die nächste Strophe, mit ihrem Nordwind (bise, V. 9), der wie ein Fagott (basson, V. 10) weint, und dem seltsam miauenden Kater (matou, V. 11), belegt die These ebenfalls nicht, denn sie weist ja nichts spezifisch Pariserisches auf. Lediglich die Gaslaternen ganz am Schluss wären eine mögliche Stütze. Aber woraus im Text lässt sich entnehmen, dass die unter ihnen angestellten träumerischen Gedanken des Ich an Plato, Phidias etc. ein Unbehagen an der Modernität ausdrücken? Mit anderen Worten: Die These der Studentin lässt sich kaum halten.
Sie tut es schon gar nicht, wenn man eine kritische Ausgabe nimmt[v] und sieht, dass das Gedicht zwar in der Druckversion von 1866 wie oben wiedergegeben lautet, dass jedoch die erhaltene handschriftliche Fassung eine Strophe mehr aufweist und als VV. 5-8 die folgenden zusätzlichen Zeilen enthält:
Le long des maisons, escarpe et putain 5
Se coulaient sans bruit,
Guettant le joueur au pas argentin
Et l’adolescent qui mord à tout fruit.[vi]
In dieser vor dem Druck getilgten Strophe wird also im Anschluss an die vorangehende erste zunächst weiterhin das pittoreske Paris der Romane evoziert, z.B. von Eugène Sues erfolgreichem Les Mystères de Paris (1842/43), wo man gleich zu Beginn in verwinkelte Altstadtgassen und eine nächtliche Unterwelt geführt wird, aus der Verlaine seine Figuren des Mörders (escarpe, V. 5) und der Hure (putain, V. 5) sowie die des Spielers (joueur, V. 7) entlehnt haben könnte.[vii] Die letzte Zeile aber weist in eine völlig neue Richtung mit dem sichtlich als Schlüsselfigur des gesamten Gedichts zu betrachtenden „Jüngling, der in jede Frucht hineinbeißt“.
Fügt man die Ex-Strophe zwei wieder ein und liest man den Text in seiner ursprünglichen Fassung, so lässt er sich sehr gut von folgender globalen Deutungshypothese her interpretieren: Das Gedicht verarbeitet, wohl ohne eine spezifische Botschaft an konkrete Leser vermitteln zu wollen, sichtlich die Situation eines sehr jungen Mannes, der in der spätabendlichen Stadt herumstreunt auf der vagen Suche nach einer ihn fordernden und erfüllenden Realität, hierbei aber ergebnislos bleibt und sich zurückzieht auf Ersatzwahrnehmungen und Träume. Es verarbeitet, mit anderen Worten, die Situation des jugendlichen Verlaine selbst, der als großstädtischer bürgerlicher Gymnasiast in einer künstlich verlängerten Adoleszenz gehalten wird, in der er sich nur intellektuell gefordert, ansonsten aber unterfordert fühlt und sicherlich zudem an dem Realitätsmangel leidet, den seine Selbstisolation als viel Lesender und schon Schreibender bewirkt. Das Gedicht wäre also, kurz gesagt, die literarische Verarbeitung eines Stücks der Existenz des Autors selbst, der hier durchaus, wie es bei Texten sehr junger Autoren sehr häufig der Fall ist, mit dem sprechenden Ich in hohem Umfang identifiziert werden kann.
Betrachten wir das offenbar um 1861 entstandene Gedicht[viii] im Licht der genannten globalen Deutungshypothese, so erklärt sich als erstes ganz zwanglos die Wahl eines großstädtischen, sichtlich Pariser, Ambientes für das, was man die Handlung nennen könnte. Denn dieses Ambiente entspricht dem des Autors, nur dass es gesehen und gezeigt wird aus der Perspektive eines Lesers von z.B. Baudelaire oder Sue, d.h. von jemandem, der, wie jene, vor allem das Bizarre, Hässliche, Verruchte und Morbide wahrnimmt. Des Weiteren erklärt unsere Deutungshypothese gut den Sachverhalt, dass das Tempus der „Handlung“ nicht das Präsens oder das Passé simple ist, sondern das iterative Imperfekt; denn nicht ein gegenwärtiges oder einmaliges Geschehen wird hier erzählt, sondern es wird etwas dargestellt, das sich so oder ähnlich schon des öfteren abgespielt hat.[ix] Vor allem aber erklärt die Deutungshypothese sehr schön die zentrale Figur des „in jede Frucht beißenden Jünglings“, den es drängt, sich zu erproben und sich auszuleben. Dieser ist nämlich offenkundig, wie der Autor selbst, vorzustellen als ein seit kurzem ausgewachsener junger Mann, d.h. in dem Alter, wo er als Mitglied einer anderen Schicht oder Gruppe (oder gar der Urgesellschaft, für die wir genetisch angelegt sind) zur selben Abendstunde in der Regel das erschöpfende, wenn vielleicht auch nicht immer erfüllende Tagwerk eines jungen Erwachsenen hinter sich hätte und nun müde die Nachtruhe anträte. Statt dessen hat er nur die Schulbank gedrückt, gelesen oder geschrieben und streunt nun, unausgelastet und unbefriedigt, durch die Stadt, auf der Suche nach einer Realität, die ihn stärker fordert und erfüllt als die eines Gymnasiasten und jungen Poeten.
Eine erste Möglichkeit scheint ihm ein vielversprechend pittoresker Alt-Pariser Stadtbezirk zu bieten. Allerdings kommt er bei seinem Eintritt in die noch belebte Gegend kaum hinaus über ein Beobachten oder flüchtiges Berühren dieser ihm zwar realitätsgesättigt scheinenden, letztlich aber verschlossenen Welt von Mördern (oder Leuten, die dafür hält), Huren und Spielern. So lässt er sich denn ersatzweise absorbieren von Wahrnehmungen, die ihm zugänglicher sind, wie der des grauen Himmels, des flötenartigen Weinens des winterlichen Nordwinds oder des seltsamen Miauens eines Katers. Da diese ihn jedoch noch weniger fordern, springt er – und auch dieser Teil des Gedichts erklärt sich gut aus unserer globalen Deutungshypothese – mit einem fast trotzig wirkenden betonten „Ich“ (moi, V. 12) hinüber in Gedanken an seine Gymnasiastenwelt, die bestimmt ist vom Erwerb humanistischer Bildung. Und im Sinne dieser ihm sehr gegenwärtigen Welt träumt er von deren Heroen, z.B. den griechischen Philosophen (Plato), Künstlern (Phidias) und Kriegshelden (der Seeschlacht von Salamis und der Landschlacht von Marathon), d.h. Heroen, mit denen er sich identifizieren soll und weitgehend tut. Hierauf allerdings, und auch das entspräche der Logik unserer Deutung, hat der Autor das Bedürfnis, sein Alter Ego, den unausgefüllt streunenden und kompensatorisch träumenden Jüngling, zurückzuholen in die Realität der Großstadt, nunmehr die der modernen Gaslaternen, welche er jedoch, etwas klischeehaft, „blau“ sein lässt und als „blinkende Augen“ vorstellt, um sie dem eher traditionell poetischen Stil des Ganzen anzugleichen.[x]
Wie man sieht, zeigt der Text in seiner Urform einen kohärenten Sinn und wirkt, wenn auch etwas schülerhaft mit seinen literarischen Versatzstücken, so doch authentisch und überzeugend als Ausdruck einer bestimmten biografischen Situation seines Autors und als Versuch einer Selbstreflexion und Selbstvergewisserung. Man fragt sich, warum Verlaine die zweite Strophe später getilgt und damit den ursprünglichen Sinn des Ganzen so gut wie unsichtbar gemacht hat.
Wie meist in solchen Fällen sind wir hier auf Hypothesen angewiesen. Am nächsten liegt wohl die Vermutung, dass die gestrichene Strophe nicht mehr dem Bewusstseinsstand Verlaines entsprach, als er im Sommer oder Frühherbst 1866, nunmehr 22jährig, die Poèmes saturniens zusammenstellte und unser Stück darin aufzunehmen beschloss. Denn er war jetzt kein „Jüngling“ mehr, hatte inzwischen sicher schon nähere und vermutlich enttäuschende Kontakte mit der einst fast sehnsüchtig beäugten Pariser Unterwelt gehabt und war vor allem, nach einem abgebrochenen Jurastudium und zweieinhalb Jahren Berufstätigkeit, auch nicht mehr der, den es drängte, seine Kraft erprobend „in jede Frucht zu beißen“. Er ließ die Strophe also fort und setzte die gekürzte Version des Gedichts unter dem Titel Croquis parisien[xi] an den Anfang einer Reihe von fünf Stücken mit dem Obertitel Eaux fortes (Kupferstiche).
Hierdurch jedoch verwandelte sich der Text vom Ausdruck einer konkreten existenziellen Situation des Autors und damit auch einem autobiografischen Dokument in ein vor allem malerisch-deskriptiv intendiertes Paris-Gedicht und damit ein Stück bloßer Literatur. Und dieses diente nicht mehr der Selbstreflexion und Selbstvergewisserung eines sehr jungen Mannes, sondern zielte auf die Anerkennung der Literatenkollegen, in deren Kreis Verlaine mittlerweile häufig verkehrte. Der Traum vom „göttlichen Plato“ und den anderen Griechen war hierbei allerdings zu einer Art blindem Motiv abgesunken, das, wie bei der Studentin, Deutungsversuche auf Abwege lenkt.
Insgesamt verbessert hat sich der Text durch seine Entbiografisierung und Überführung in ein anderes Genre sicherlich nicht. Entsprechend wird er m.W. auch nicht zu den gelungenen Stücken der Poèmes saturniens gerechnet. Er bestätigt vielmehr die Regel, dass es Werken häufig nicht bekommt, wenn Autoren Jahre später meinen, sie verbessern zu sollen.
Anmerkungen:
[1] www.pinkernell.de/romanistikstudium
2Aus bestimmtem Grund (s.u.) springt meine Zählung hier von Vers 4 auf V. 9.
3Als Verstehenshilfe gebe ich eine eigene, möglichst wortgetreue (naturgemäß wenig lyrisch wirkende) Übersetzung: „Pariser Skizze.// Der Mond trug seine Zinkfärbungen in stumpfen Winkeln auf. Rauch-Enden in Fünfform kamen dick und schwarz aus den hohen spitzen Dächern./ Der Himmel war grau. Der Nordwind weinte so wie ein Fagott. In der Ferne miaute ein fröstelnder und unaufdringlicher Kater auf eine seltsame und zerbrechliche Weise./ Ich aber ging dahin und träumte vom göttlichen Plato und von Phidias und von Salamis und von Marathon unter dem blinkenden Auge der blauen Gasleuchten.“
[1] Ein Beispiel im letzteren Sinne wäre Baudelaires 1860 verfasstes Le Cygne („Der Schwan“).
[1] Z.B. den Pléiade-Band Verlaine, Paul: Œuvres
poétiques complètes. Texte établi et annoté par Y.-G. Le Dantec. Édition
revue, complétée et présentée par Jacques Borel (Paris: Gallimard, 1962), p. 65
und 1078.
[1] Übersetzung: „An den Häusern entlang schlüpften geräuschlos Mörder und Hure, auf der Lauer nach dem Spieler mit dem silbernen Schritt und dem Jüngling, der in jede Frucht hineinbeißt.“
[1] Der Roman liegt mir vor in einem Nachdruck der Éditions Hallier (4 Bde., Paris 1977/78). Eine ältere deutsche Übersetzung findet man über Google im Internet.
[1] Die Gymnasialzeit Verlaines endete im August 1862.
[1] Schwer zu sagen ist, ob der Leser auch annehmen soll, dass zugleich der Mond scheint (V. 1-2) und der Himmel regengrau ist (V. 9). Wenn ja, würde dies ebenfalls auf das Wiederholte, Typische der Situation verweisen.
[1] Offenbar war es im Rückblick von den Gaslaternen her, dass die Studentin die qualmenden spitzen Dächer des Anfangs als Fabrikschlote deutete.
[1] Leider sagt der Kommentar der o.g. Ausgabe nichts zum Titel. Offenbar hatte die Urfassung keinen. Er dürfte übrigens inspiriert sein von dem Obertitel Tableaux parisiens („Pariser Bilder“), unter dem Baudelaire in Les Fleurs du Mal etwa 15 Gedichte zusammenfasst (Nr. 89 ff. in der 2. Auflage 1861). Hierzu auch zählt das o.g. Le Cygne.
Arthur Rimbaud (1854–91). Dieses enfant
terrible der franz. Literatur des 19. Jh. war Sohn eines Offiziers, der 1861
seine bigott katholische Frau samt den drei Kindern verließ. Als brillanter,
aber aufsässiger Schüler war er für seine Ausreißversuche berüchtigt; immerhin
wurde sein frühreifes Talent von einem Lehrer erkannt und gefördert. Rimbaud
verfasste sein bis heute bedeutsames lyrisches Werk zwischen 16 und 20, ehe er
um 1875 zu schreiben aufhörte und ein unstetes Dasein führte, wobei er sich
überwiegend im Vorderen Orient aufhielt. Mit 37 starb er an Knochenkrebs. Seine
dichterische Reife erlangte er mit Texten – z.B. dem Langgedicht Le Bateau ivre – in denen er seine
Enttäuschung über das Scheitern der Pariser Commune
(Mai 1871) verarbeitet und die er Paul Verlaine schickte, der ihn
beeindruckt zu sich nach Paris einlud und nach Rimbauds Ankunft seine homosexuellen
Neigungen entdeckte. Es folgten Lettres
du voyant und Vers nouveaux (1872,
beide zunächst unveröffentlicht). Sein gemeinsames Vagabundendasein 1872/73 in
Frankreich, England und Belgien mit Verlaine, der in Brüssel im Rausch auf ihn
schoss und dafür ins Gefängnis musste, schlug sich nieder in der
Gedichtsammlung Une Saison en enfer
(1873), wo Rimbaud seine Schuldgefühle und seine Wünsche nach einem weniger
anstößigen Leben verarbeitet. Seine letzten lyrischen Texte, überwiegend
Prosagedichte, entstanden 1874/75, z.T. in London und Stuttgart, und wurden
1886 ohne sein Wissen von einer Zeitschrift unter dem Titel Illuminations publiziert. Die
literarische Wirkung der ekstatischen und in suggestiven Bildern schwelgenden,
sehr hermetischen Lyrik Rimbauds begann erst nach seinem frühen Tod, war dann
aber beträchtlich, nicht zuletzt auch in Deutschland, wo die Übertragungen K.
L. Ammers (=Karl Klammer) die expressionistischen Lyriker beeinflussten, z.B.
Paul Zech, der ebenfalls eine Übertragung versuchte und ein Rimbaud-Stück
verfasste.
Guy de Maupassant (* 5.8.1850 Miromesnil/Dieppe; †
6.7.93 Passy bei Paris).
Entgegen
der oft zu findenden Meinung von Zweiflern, die das normannische Hafenstädtchen
Fécamp für seinen Geburtsort halten, wurde Maupassant geboren auf Schloss
Miromesnil bei Dieppe, das seiner Familie zwar nicht gehörte, aber 1849 von ihr
angemietet worden war. Allerdings verbrachte er seine Kindheit überwiegend in
Fécamp. Seine Mutter, Laure Le Poittevin, war Schwester eines Jugendfreundes
von Flaubert, sein Vater ein aus einer neuadeligen Familie stammender
Privatier, der sich bald durch seinen aufwändigen Lebensstil ruinierte und
seine Frau zudem durch Seitensprünge verdross. Als der Vater sich 1859 in Paris
als Bankangestellter verdingen musste, trennte sich die Mutter kurz danach von
ihm und ging mit Guy und seinem jüngeren Bruder Hervé zurück in die Normandie,
in das aufstrebende Seebad Étretat.
Maupassant
besuchte zunächst als Internatschüler das nicht nur angehende Priester
unterrichtende katholische Seminar (petit séminaire) der Kreisstadt Yvetot,
fühlte sich dort aber unwohl. Früh machte er literarische Versuche und wurde
mit 17 wegen eines frechen Gedichts auf Lehrer von der Schule verwiesen. Er
wechselte auf das staatliche Collège
impérial (Gymnasium) von Rouen, wo er von einem anderen Jugendfreund
Flauberts, dem heute vergessenen Autor Louis Bouilhet, betreut wurde und auch
Flaubert selbst kennenlernte, der ihm später ein väterlicher Freund wurde.
Nach
dem Baccalaureat 1869 begann er in Paris ein Jurastudium, musste dieses aber
unterbrechen, als er nach Beginn des französisch-preußischen Krieges
(19.7.1870) eingezogen wurde. Er kam zwar nicht zur kämpfenden Truppe, doch
erlebte er die Niederlage und die teilweise Besetzung Frankreichs durch preußisches
Militär hautnah mit.
Nach
seiner Demobilisierung im Herbst 1872 führte Maupassant sein Studium nicht
weiter, sondern nahm, dank der Vermittlung Flauberts, einen Posten als
mittlerer Angestellter zuerst im Marine- und 1877 im Bildungsministerium an.
Als Ausgleich für die lustlos ausgeübte Berufstätigkeit verbrachte er seine
Freizeit Kanu fahrend auf der Seine und mit diversen Liebesabenteuern. Hierbei
infizierte er sich 1877 mit Syphilis, was ihm (bald zusammen mit der Angst,
verrückt zu werden wie sein Bruder Hervé) den Rest des Lebens verdüsterte.
Neben
Beruf und Hobby betätigte er sich unter Anleitung Flauberts literarisch in
verschiedenen Gattungen, veröffentlichte lange Zeit jedoch fast nichts. Über
Flaubert auch, der häufig in Paris weilte, erhielt er Kontakt zu Pariser
Literaten, insbesondere 1875 zu Zola, dem Chef der der jungen Schule des
Naturalismus. Maupassants Durchbruch als Autor war 1880 die meisterhafte
längere psychologische Novelle Boule de suif ("Fettklößchen"),
die in einem Sammelband antimilitaristischer Erzählungen erschien, den Zola,
Huysmans und andere schon bekannte naturalistische Autoren unter dem Titel Les
soirées de Meudan herausgegeben hatten.
Nach
dem Erfolg von Boule de suif gab Maupassant das Verfassen auch lyrischer
und dramatischer Texte weitgehend auf. In den nächsten zwölf Jahren betätigte
er sich mit rasch wachsendem Prestige und Einkommen (Ende 1880 konnte er seinen
Angestelltenposten aufgeben, 1883 ein Haus in Étretat bauen und 1885 eine
Segelyacht kaufen) vor allem als Erzähler. Insgesamt brachte er es auf ca. 300
Novellen und 6 Romane. Seine drei Reisebücher, ein Gedichtband und ein Band
Theaterstücke waren eher Beiprodukte.
Die Handlungen der meist dem Naturalismus nahestehenden erzählenden Werke spielen überwiegend in der heimatlichen Normandie und in Paris. Ort der Erstveröffentlichung war in der Regel das Feuilleton von Pariser Zeitschriften, wie Le Gaulois und Gil Blas. Heute noch gelesen werden – neben zahlreichen als Schullektüre obligaten Erzählungen – die Romane Une Vie (1883) und vor allem der in vielen Punkten autobiografische Bel-Ami (1885). Une Vie erzählt die Enttäuschung aller Jungmädchenhoffnungen und den sozialem Abstieg einer adeligen Frau von ihren ca. 15. bis ca. 50. Lebensjahr. Bel-Ami schildert die entscheidenden Jahre eines (von Maupassant sichtlich als Figur zugleich ungeliebten und bewunderten) jungen Mannes kleinbürgerlicher Herkunft, der durch sein Glück bei den Frauen, aber auch durch Energie, Geschick und Ehrgeiz vom Provinzler und kleinen Büroangestellten zum erfolgreichen Pariser Journalisten, Schwiegersohn eines reichen Zeitungsverlegers und künftigen Politiker aufsteigt. Weniger bekannt geblieben ist der Roman Pierre et Jean (1887/88), den manche für seinen besten halten.
Außer
seinen literarischen Texten verfasste Maupassant zahlreiche politische – meist
regierungskritische – Artikel (sog. chroniques) für Pariser Zeitungen. Zugleich
führte er neben seiner Schriftstellerei eine unruhige Existenz. Er hatte
wechselnde Geliebte (mit denen er insgesamt drei Kinder bekam), weilte oft in
seinem Haus in Étretat, unternahm drei längere Reisen nach Nordafrika, lebte
zeitweilig in Cannes und Antibes und unternahm dort Reisen auf seiner Yacht Bel-Ami.
Offensichtlich war ihm die Wahrscheinlichkeit eines frühen Todes aufgrund
seiner Syphilis bewusst.
Obwohl
seine gesundheitlichen Probleme (Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen, Sehstörungen,
Angstzustände, Halluzinationen usw.) in den späten 1880er Jahren stark
zunahmen, hielt er sie geheim und arbeitete wie besessen. Seine düsterer
werdenden Texte, z.B. die bekannte Schauernovelle Le Horla, spiegeln
jedoch seinen Zustand. Am Neujahrsabend 1892 brach er beim Abendessen bei
seiner Mutter zusammen, kam aber bald wieder zu sich. Er kehrte trotz Bitten
der Mutter, bei ihr zu bleiben, nach Cannes zurück und unternahm dort einen
Selbstmordversuch. Tage später wurde er in eine psychiatrische Klinik in Passy
bei Paris eingeliefert, wo er knapp 43-jährig in geistiger Umnachtung starb.
Maupassant
gilt neben Stendhal, Balzac, Flaubert und Zola als einer der großen
französischen Erzähler des 19. Jahrhunderts. Er ist auch einer der am
häufigsten verfilmten.
(Stand: Jan. 10 )
Anatole France (=Jacques Anatole François Thibault;
*16.4.1844 in Paris, †12.10.1924 in Saint-Cyr-sur-Loire bei Tours)
France wuchs auf
als Sohn eines hochgebildeten Buchhändlers und beendete 1864 seine
Gymnasialzeit am katholischen Pariser Collège Stanislas mit dem baccalauréat.
Früh interessierte er sich für Literatur und erarbeitete sich eine profunde
humanistische Bildung. 1866 lernte er den Verleger der Parnassiens (s.u.),
Lemerre, kennen und wurde bei ihm freiberuflicher Lektor, als der er z.B. eine
mehrbändige Anthologie zeitgenössischer Lyrik herausgab. 1876 übernahm er, um
zwecks Heirat und Familiengründung ein festes Einkommen zu haben, einen Posten
als Bibliotheksangestellter, den er 1890 aufgab, nachdem er von seiner
Schriftstellerei leben konnte.
Als Autor begann
er mit Lyrik im Stil der Dichter des Parnasse, in deren Kreis um Leconte de
Lisle (s. o.) er sich ab 1867 bewegte. Er betätigte sich aber früh auch als
Erzähler sowie als Literaturkritiker (der z.B. den neuen Symbolismus etwa
Mallarmés oder Verlaines zunächst nicht goutierte).
Sein Durchbruch
war 1881 der Roman Le Crime de Sylvestre Bonnard, membre de l'Institut (=das
Verbrechen S. B.s, Mitglied des Institut [de France]). Er wurde mit dem Prix de
l'Académie française ausgezeichnet, verschaffte ihm Zugang zu den Pariser
literarischen Salons, u.a. dem von Mme de Caillavet, und brachte ihm 1884 das
Kreuz der Ehrenlegion ein. Le Crime (der Titel ist übrigens ironisch zu
verstehen) ist ein rührseliger Roman,
der in Tagebuchform die Geschichte eines weltfremden älteren Privatgelehrten
erzählt, der im zunächst eher zufälligen Einsatz für Hilfsbedürftige, insbes.
die verwaiste Enkelin seiner Jugendliebe, das wirkliche Leben findet.
Gemäß seinem
gutbürgerlichen Herkommen vertrat France lange Zeit eine eher konservative
Einstellung, so z.B. in dem zur Zeit der Pariser Commune spielenden Roman Les
désirs de Jean Servien (1882) oder 1887 in einer negativen Besprechung
Émile Zolas). 1888 sympathisierte er kurze Zeit sogar mit dem Chauvinismus von
Georges Boulanger, dem „Général revanche“. Gegen 1890 rückte er jedoch langsam
nach links. Er öffnete sich antiklerikalen und humanitär-sozialistischen Ideen,
wobei ihn weniger eine Revolutionierung der Gesellschaft interessierte als die
Emanzipation des Individuums von inhumanen materiellen und moralischen Zwängen.
Nicht unbeteiligt an seinem Umdenken war vermutlich der biografische Umstand,
dass er 1888 ein außereheliches Verhältnis mit Mme de Caillavet begonnen hatte,
das ihn 1892 zur Trennung von Frau und Tochter veranlasste.
Ein Reflex des
Umdenkens Frances war 1889/90 sein erster historischer Roman, Thaïs.
Dieser erzählt die im weltoffenen Alexandria des 4. Jahrhunderts spielende
Geschichte eines asketischen christlichen Mönchs, der die heidnische Kurtisane
Thaïs zu bekehren versucht, dabei aber selbst zu der Einsicht bekehrt wird,
dass der Verzicht auf jegliche Sinnenfreude nicht gottgewollt sein kann. (1894
von Jules Massenet als Oper vertont.)
Frances
antiklerikales und progressistisches Denken zeigt sich auch in dem sehr
erfolgreichen Kurzroman La Rôtisserie de la Reine Pédauque (Die
Brat-/Garküche „Zur Königin P.“) von 1892/93. Es ist ein handlungsreiches Werk
im Stil der philosophischen Romane und Erzählungen des 18. Jahrhunderts, das
angeblich aus einem zufällig wiedergefundenen Manuskript dieser Zeit entnommen
ist. Hierin berichtet ein pikaresker Ich-Erzähler seine vielfältigen Erlebnisse
mit dem sehr unorthodoxen ehemaligen Kirchenmann und Gymnasialprofessor Jérôme
Coignard (dessen Figur eines undogmatischen Skeptikers und Freidenkers France
im selben Jahr 93 in der satirischen Artikelserie Les opinions de Jérôme
Coignard benutzte).
In der Gegenwart
dagegen spielt der autobiografisch inspirierte Roman Le Lys rouge (Die
rote Lilie) von 1894, der die Geschichte der schwierigen Liebe einer Bankiersgattin
zu einem Künstler erzählt. (1899 zu einem Stück verarbeitet und aufgeführt)
1895 wurde France
in seiner Eigenschaft als gemäßigt progressistischer Autor zum Offizier der
Ehrenlegion befördert. 1896 wurde er als vielseitiger Literat und glänzender
Stilist in die Académie française aufgenommen.
Deutlicher Ausdruck seiner ständig weiter nach links
driftenden Position sind die vier Bände der Romantetralogie Histoire
contemporaine (=Zeitgeschichte). Waren Band I und II (beide 1897) noch ein
satirisches Sittengemälde der von klerikalen und monarchistischen Kräften
beherrschten französischen Provinz, so stehen Bd. III (1899) und vor allem IV
(1901), dessen Handlung um den Universitätsdozenten Bergeret in Paris spielt,
unter dem Eindruck der sich ab Ende 1897 verschärfenden Dreyfus-Affäre. Sie
zeigen Frances Übergang von der bloßen Gesellschaftskritik aus der Perspektive
eines gemäßigt linken Republikaners zum dezidiert linken Engagement eines
Sympathisanten der sozialistischen Partei und ihres Führers Jean Jaurès.
Sein neues
Engagement manifestierte sich auch 1898 in seinen publizistischen
Stellungnahmen zur Dreyfus-Affäre und in seiner Einmischung in den politisch
motivierten Prozess gegen Zola. Es zeigt sich weiterhin in der bissigen
Erzählung L'Affaire Crainquebille (1901), die schildert, wie ein
rücksichtsloser Richter im Verein mit einem autoritären Polizisten einen
kleinen Gemüsehändler aburteilt und den so Vorbestraften seiner bürgerlichen
Existenz beraubt. (1903 zu einem Stück verarbeitet und aufgeführt). Politisch
linke Intentionen verfolgt France auch in der Biografie La Vie de Jeanne
d’Arc (1908), wo er die Figur Jeannes zu entzaubern versucht, die von der
französischen Rechten gerade zur nationalen Ikone stilisiert (und 1909 vom
Papst selig gesprochen) wurde.
Zwei Ausflüge
Frances ins Theaterfach mit Noces corinthienne'(1902) und La Comédie
de celui qui épouse une muette (1908) blieben eher folgenlos.
Am berühmtesten wurden Frances Romane L'Ile
des Pingouins (Die Insel der Pinguine) von 1908 und Les dieux ont soif (Die
Götter dürsten) von 1912. Ersterer ist ein sarkastischer Abriss der
französischen Geschichte von den Anfängen bis in die Gegenwart, eine
Geschichte, die der Autor verkleidet in ein fiktives Pinguin-Reich verlegt,
wobei er dessen Zukunft wegen der Habgier und hochmütigen Uneinsichtigkeit der
„Pinguine“ sehr pessimistisch beurteilt. Der andere Roman erzählt die
Geschichte eines mittelmäßigen Malers, der sich zum doktrinären Revolutionär
und blutrünstigen Geschworenen während der Schreckensherrschaft von 1793/94
entwickelt, bis er selbst, fanatisch bis zuletzt, mit Robespierre auf der
Guillotine endet. Es ist ein Aufruf Frances gegen den ideologischen und
politischen Fanatismus, der das Frankreich
der Zeit polarisierte.
Im Ersten Weltkrieg
bezog er, nachdem er anfangs noch als Friedensmahner aufzutreten versucht
hatte, eine gemäßigt patriotische Position.
1921 erhielt
France als vierter französischer Autor den Literatur-Nobelpreis. Von der
Katholischen Kirche dagegen wurden seine Schriften 1922 auf den Index gesetzt.
Nachdem die
Kommunisten Ende 1920 aus der Sozialistischen Partei ausgezogen waren und den
Parti communiste français
(PCF) gegründet hatten, schlug er sich auf ihre Seite
und war damit einer der ersten prokommunistischen Intellektuellen von Rang.
Mitglied im PCF wurde er jedoch nicht, und schon 1922 setzte er sich wegen der
absoluten Moskau-Hörigkeit der Parteiführung vorsichtig ab.
Zu seinem 80.
Geburtstag 1924 wurde France mit Ehrungen überhäuft und bei seinem Tod noch im
selben Jahr mit einem Staatsbegräbnis ausgezeichnet.
Heute ist er, trotz seines Ruhmes zu
Lebzeiten, fast vergessen, nicht zuletzt wohl, weil seine Protagonisten auf
heutige Leser psychologisch etwas flach und undifferenziert wirken und meist zu
eindeutig das vom Autor jeweils Gewollte oder Abgelehnte repräsentieren. Auch
hatte France in seinem letzten Lebensjahr das Unglück, von den
prokommunistischen Surrealisten, insbesondere Louis Aragon (s. u.), als
pseudolinker Bourgeois geschmäht zu werden, was ihm bei vielen orthodoxen
Linken der Zwischenkriegs-, Kriegs und Nachkriegszeit das Odium eines
verkappten Rechten verschaffte.
In die Literaturgeschichte eingegangen ist France vor allem als Romancier und als der Autor von L'Ile des Pingouins und Les dieux ont soif.
(Stand: Jan.
10)
Paul Déroulède (* 2.9.1846 in
Paris; † 30.1.1914 in Montboron/Nizza)
Er
ist nicht wegen seiner Qualitäten als Autor erwähnenswert, sondern wegen der
großen politischen Wirkung, die seine Texte zeitweilig entfalteten.
Zunächst
offenbar von einer Dramatiker-Karriere träumend (1869 verfasste er das Stück Juan Strenner), wurde Déroulède Soldat
im preußisch/deutsch-französischen Krieg von 1870/71 und geriet kurz in
Gefangenschaft, aus der er fliehen konnte. Im Mai 1871 nahm er auf Seiten der
Regierungstruppen an der Niederschlagung der Pariser Kommune teil, wobei er
verwundet wurde.
Nach
seiner Genesung wurde er angesichts der franz. Kriegsniederlage zum
nationalistischen und revanchistischen Autor, der zur Rache an Deutschland und
zur Rückeroberung von Elsass-Lothringen aufrief. Zugleich predigte er eine
geistig-moralische Wende in Frankreich, das er von Atheismus, Gleichgültigkeit
und Willenlosigkeit sowie einem ineffizienten und korrupten Parlamentarismus
zersetzt sah. In diesem Sinne verfasste er martialische und patriotische
Gedichte, die er gesammelt in den Bänden Chants
du soldat (Gesänge des Soldaten, 1872) und Nouveaux chants du soldat (1875) publizierte, denen er 1881 Marches et sonneries (Märsche und
Klingklang) und 1888 Refrains militaires
(soldatische Reime) folgen ließ. Neben seiner Aktivität als
populär-populistischer Lyriker, die ihm nach und nach bei der politischen
Rechten den Ehrentitel "le poète national" einbrachte, versuchte er
sich, allerdings nicht sehr erfolgreich, auch wieder als Dramatiker mit den
Stücken L'Hetman (1877) und La Moabite (1881).
Spätestens
seit dem Erfolg der Chants
entwickelte Déroulède auch politischen Ehrgeiz. 1882 gründete er die
chauvinistische und antiparlamentaristische Bewegung Ligue des patriotes,
die 1888/89 den revanchistischen General und Ex-Kriegsminister Georges
Boulanger ("le Général Revanche") unterstützte und zum notfalls
bewaffneten Staatsstreich gegen die 1871 etablierte Republik antrieb. Bei den
Wahlen Anfang 1889, wo Boulanger in fünf Wahlkreisen zugleich kandidierte und
gewählt wurde (was seinerzeit ging), schaffte auch Déroulède als
boulangistischer Abgeordneter den Sprung ins Parlament. Als Boulanger jedoch
weder die parlamentarische Mehrheit erreichte, noch einen Putschversuch wagte
und vor dem Haftbefehl der Regierung nach Belgien flüchtete (wo er 1891
Selbstmord beging), zog Déroulède sich 1892 für einige Zeit aus der Politik
zurück.
1894
publizierte er Chants du paysan
(Gesänge des Bauern), ein Lob des "echten", bodenverwachsenen
Frankreichs, und 1895 ein Drama über den mittelalterlichen Nationalhelden Du
Guesclin, der im Hundertjährigen Krieg die Engländer besiegt und die von ihnen
besetzten Gebiete für die franz. Krone zurückerobert hatte.
Als
1898 die Dreyfus-Affäre Frankreich polarisierte, wurde auch Déroulède wieder
aktiv, naturgemäß als nationalistischer und antisemitischer
"Anti-Dreyfusard". Nachdem er erneut zum Abgeordneten gewählt worden
war, versuchte er 1899, nach dem skandalumwitterten plötzlichen Ableben des
Staatspräsidenten Félix Faure, das franz. Militär zur Beseitigung der
parlamentarischen Demokratie aufzuwiegeln. Er scheiterte jedoch und wurde zu
zehn Jahren Verbannung verurteilt, allerdings nach sechs Jahren Exil in Spanien
1905 begnadigt.
1906
kandidierte er nochmals bei den Parlamentswahlen, fiel aber durch, da seine
Basis, die Ligue des patriotes,
inzwischen rechts überholt worden war von der Action française Charles Maurras'. Hiernach war Déroulède als
Politiker ein Auslaufmodell, so wie auch seine "Gesänge" selbst
rechtsstehenden Lesern als hohltönend und vorgestrig zu erscheinen begannen.
Seine
Rolle als einer der Vorbereiter des Ersten Weltkriegs war zweifellos sehr
bedeutend. Jean Giraudoux verhöhnt ihn noch 1935 in La Guerre de Troie n'aura pas lieu in Gestalt des Propagandapoeten
Demokos.
(Stand: Juli 05)
Joris Karl Huysmans (eigentl. Georges Marie Charles Huysmans; *5.2.1848 Paris,
†12.5.1907 ebd.)
Dieser
heute vor allem durch seinen Roman A rebours bekannte Autor wurde geboren
als Sohn einer Pariser Buchhefterin und eines Zeichners und Lithographen
niederländischer Herkunft. Nach dessen frühen Tod 1856 und der raschen
Wiederverheiratung seiner Mutter 1857 kam er in eine Pension, wo er eine wenig
glückliche Schulzeit verbrachte. Nach dem Baccalaureat immatrikulierte er sich
für ein Jura- und Literaturstudium, nahm zugleich aber einen Posten als kleiner
Ministerialangestellter an, was er, wenn auch mit häufigeren Beurlaubungen, 32
Jahre lang blieb (1866-98). Weniger beständig war er in seinen Beziehungen mit
Frauen, was ihm viele Enttäuschungen bereitete und reichlich Stoff für seine
Romane lieferte, in deren Mittelpunkt meist ein vom Leben und den Frauen
frustrierter Junggeselle steht.
Seine
Karriere als Autor begann Huysmans 1874 mit dem als Privatdruck
veröffentlichten Prosagedicht-Bändchen Le
Drageoir aux épices (= die Gewürzschachtel/-dose). 1876 lernte er Zola
kennen und schloss sich der um ihn vereinten Gruppe der Naturalisten an. Im selben
Jahr brachte er seinen ersten Roman heraus: Marthe,
histoire d’une fille (=M., Geschichte eines leichten Mädchens), worin er
den naturalistischen Romanen Germinie
Lacerteux (1863/64) der Gebrüder Goncourt und Thérèse Raquin (1867) von Zola nacheifert, dies aber so drastisch
tut, dass das Buch sofort für einige Zeit als sittenwidrig verboten wurde. Auch
Huysmans' nächste erzählende Werke sind überwiegend im Milieu der Pariser
Unterschicht angesiedelt und von einem drastischen Realismus: Es sind der Roman
Les sœurs Vatard (=die Schwestern V.,
1879), wo er die mediokre amouröse und berufliche Existenz zweier
Buchhefterinnen schildert; die antimilitaristische Erzählung Sac au dos,
die er für den Sammelband Les soirées de Meudon verfasste, der eine Art
Manifest der naturalistischen Schule war; der Roman En ménage (=Leben zu zweit, 1881), wo
Huysmans die ihm nur allzu gut bekannte Problematik des Künstlers zwischen dem
Drang nach ungestörtem Schaffen und dem Bedürfnis nach einer sexuellen und
affektiven Beziehung darstellt, zugleich aber auch zwei Künstlertypen
konfrontiert in Gestalt eines mehr realitätsverbundenen Schriftstellers und
eines eher realitätsfernen, ästhetisierenden Malers; die Romane La Retraite de M. Bougran (=die
Verrentung Herrn B.s, 1881), wo er die Schwierigkeiten eines frühverrenteten
Ministerialbeamten bei der Findung eines neuen Lebenssinns beschreibt, und A vau-l'eau (=den Bach runter, 1882), wo
er einen kleinen Beamten in den Mittelpunkt stellt, der aus seinem kläglichen
Trott nicht herauskommt. Die beiden letzteren Romane scheinen z.T. Probleme des
Autors selbst zu spiegeln, der sich 1881 für längere Zeit hatte beurlauben
lassen müssen, um sich in einer Privatklinik von einer nervösen Erschöpfung zu
erholen.
1883
gab Huysmans einen Sammelband seiner Kunstkritiken der vorangegangenen Jahre
heraus als L’Art moderne.
1884
publizierte er das Werk, das ihm seinen Platz in der Literaturgeschichte
sichern sollte: den Roman A rebours
(=gegen den Strich). Die minimale Handlung kreist um einen neurotischen jungen
Aristokraten namens Des Esseintes, der sich aus der Realität zurückzieht, sich
in seinem Vorstadthäuschen in eine artifizielle Welt des Ästhetizismus und
Mystizismus einspinnt und am Rande geistiger Umnachtung endet. Der Roman war
ursprünglich als naturalistische Studie eines erblich belasteten und
krankmachend lebenden „dekadenten“ Individuums konzipiert, das in vielen Zügen
dem Autor selber ähnelt. Offensichtlich erkannten sich jedoch erstaunlich viele
Leser darin wieder, und zwar nicht nur politisch unbefriedigte konservative
Bildungsbürger, die sich offenbar mit Des Esseintes' Realitätsflucht
identifizierten, sondern auch Intellektuelle, z.B. die symbolistischen Lyriker,
die A rebours als Kultbuch, als „Brevier des Dekadentismus“, lasen. (So
formuliert Mallarmé 1885 die symbolistische Poetik in einem langen Gedicht mit
dem paradoxen Titel Prose pour Des
Esseintes.)
Der
nächste Roman von Huysmans, und sein erster, der auf dem Land spielt, En
rade (=auf Reede), erschien erst 1887. 1888 folgte der Autor einer
Einladung nach Hamburg und schloss eine längere Reise durch Deutschland an.
1890
war er einer der Gründer der Académie Goncourt und wurde ihr erster
Vorsitzender.
Um
dieselbe Zeit begann er, offenbar einmal mehr in eine Phase der Sinnsuche
eingetreten, sich dem Einfluss okkultistisch interessierter Personen zu öffnen
und sich mit entsprechenden Vorstellungen und Praktiken zu beschäftigen. Die
Krise mündete schließlich in Frömmigkeit und führte ihn ab 1892 zu mehreren
Klosteraufenthalten in der Provinz und zur Einkleidung als Laienbruder (oblat)
in Ligugé bei Poitiers.
Die
genannte Entwicklung verarbeitete Huysmans in einer Serie von vier Romanen um
denselben Protagonisten, einen Schriftsteller namens Durtal. Es sind: Là-bas (=da drüben, 1891), En route (=unterwegs, 1895), La Cathédrale (1898) und L'Oblat (=der Laienbruder, 1903). War
schon Là-bas ein Bestseller gewesen, wurde der in der Kathedrale von
Chartres und in ihrem Umkreis spielende Roman La Cathédrale Huysmans' größter Verkaufserfolg mit ca. 40 Auflagen
in 20 Jahren. Heute ist er jedoch auch zünftigen Literarhistorikern kaum noch
bekannt.
Huysmans
starb an Krebs in einem Pariser Benediktiner-Kloster, in das er sich gegen 1905
zurückgezogen hatte.
(Stand: Jan. 10)
Paul Bourget (* 2.9.1852 Amiens; † 25.12.1935 Paris)
Er
war mehrere Jahrzehnte ein vielgelesener und hochgeschätzter Autor, der heute
jedoch fast vergessen ist.
Bourget
wuchs auf in Clermont-Ferrand, wo sein Vater eine Universitäts-Professur
erhalten hatte und etwas später hoher Beamter des Bildungswesens (recteur de
l’Académie) wurde. Mit 15 kam er nach Paris und absolvierte die letzten
Gymnasialjahre am renommierten Lycée Louis-le-Grand. 1870 erlebte er hautnah
den Aufstand der Pariser Kommune, der ihn nach anfänglichen Sympathien für die
Revolutionäre in seiner konservativen Einstellung bestärkte. Während seines
anschließenden Literaturstudiums entwickelte er Kontakte zu den Parnassiens,
schrieb Lyrik, die er 1875 erstmals auch in Bandform publizierte, und betätigte
sich als Journalist, insbes. als Theaterkritiker.
Um
1880 verfasste er eine Serie scharfsinniger Porträts bedeutender neuerer
Autoren, unter anderem Baudelaire (s.o.), Ernest Renan, Stendhal, Hippolyte
Taine, die er 1883 in dem vielbeachteten Band Essais de psychologie
contemporaine gesammelt herausgab. Hiernach entwickelte er sich zum
Romancier, der sich ebenfalls auf die Psychologie seiner Figuren konzentrierte
und sich damit bewusst vom Naturalismus à la Goncourt (s.o.) und Zola (s.o.)
absetzte. Die bekanntesten Titel dieser ersten Romancier-Jahre wurden Cruelle
énigme (1885), Un Crime d'amour (1886), André Cornélis
(1887), Mensonges (1887) und vor allem Le Disciple (=der
Schüler/Jünger, 1889), dessen Handlung im mondänen Pariser Milieu angesiedelt
ist und sich um einen zwanghaften jungen Analytiker seiner selbst und den
Selbstmord der jungen Frau rankt, die ihn liebt und die er verführt und in den
Tod treibt.
Hiernach
begann Bourget sich auf eher moralisch intendierte Romane zu verlegen, mit
denen er vor allem ein mondän-konservatives, d.h. katholisches,
monarchistisches, nationalistisches, bürgerliches und vor allem auch weibliches
Publikum ansprach, bei dem er mit seiner beachtlichen Produktion bis hin zum
Ersten Weltkrieg höchst erfolgreich war.
.
1894
wurde er mit der Aufnahme in die Académie française belohnt. 1898, zur Zeit der
Dreyfus-Affäre, war er konservativer Anti-Dreyfusard und Sympathisant der
nationalistischen Action française.
1901
kehrte er zur Frömmigkeit seiner Kindheit zurück und behandelte in seinen
Romanen entsprechende Themen.
Nachdem
die Welt, über die und für die er schrieb, im Ersten Weltkrieg weitgehend
untergegangen war, geriet Bourget, obwohl er immer noch fleißig produzierte,
schon zu Lebzeiten in Vergessenheit. Bei Mentalitäts- und Sozialhistorikern gelten
seine Romane als Fundgrube für Informationen zur Lebensweise und
Vorstellungswelt der Pariser Bourgeoisie der Belle Époque.
(Stand: Febr. 10)
Henri
Bergson (*18.10.1859 Paris; † 4.1.1941 ebd.)
Er figuriert zwar in Deutschland (sofern man seinen Namen
überhaupt noch kennt) eher unter dem Etikett „Philosoph“, zählt in Frankreich
aber zu der dort gut vertretenen und geachteten Kategorie „philosophischer
Schriftsteller“ und wurde 1927 als fünfter französisch schreibender Autor mit
dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Er gilt als bedeutendster Vertreter
der sog. Lebensphilosophie und als ein Vorläufer des Existenzialismus. Sein markantestes
Philosophem ist der Begriff des élan vital, „einer alle Gebiete des
Seienden durchwaltenden geistigen Kraft, die die Entwicklung vorantreibt“
(Manfred Naumann), einer Kraft, die vom Menschen nicht rational, sondern nur
intuitiv erkannt werden kann und sich z.B. im künstlerischen Schöpfungsprozess
manifestiert. Bergsons Philosophie, die im Rückblick eher als eine Art
antipositivistischen philosophischen Dichtens erscheint, hat die französische
Literatur der Zeit stark geprägt.
Er wurde geboren in Paris als Kind eines polnischstämmigen
jüdischen Vaters (dessen ursprünglicher Name Berekson war) und einer englischen
Mutter, die aus einer irischen jüdischen Familie stammte. Seine frühe Kindheit
verlebte er überwiegend in London, ehe er mit 8, eher anglo- als frankophon,
wieder nach Paris kam.
Hier besuchte er das Lycée Fontaine (heute Lycée Condorcet),
wo er 1877 den Schulpreis für Mathematik erhielt mit einer Problemlösung, die
er anschließend sogar in einer mathematischen Fachzeitschrift veröffentlichen
durfte. Dennoch entschied er sich nach dem Baccalaureat (1878) für ein
Literatur- und Philosophiestudium und unterzog sich mit Erfolg der
Aufnahmeprüfung an der École Normale Supérieure (ENS), der Pariser Elitehochschule
für die Lehramtsfächer.
Nach dem Studienabschlussexamen (licence) im Fach Literatur
absolvierte er 1881 erfolgreich auch die Rekrutierungsprüfung (agrégation) für
das Amt eines Gymnasialprofessors im Fach Philosophie und bekam eine Stelle an
einem Gymnasium in Angers zugewiesen. 1883 wurde er nach Clermont-Ferrand
versetzt. Neben seiner Unterrichtstätigkeit fand er, wie damals viele Agrégés,
Zeit zum wissenschaftlichen Arbeiten. So publizierte er 1884 eine Edition von
ausgewählten Passagen aus den Werken des antiken Philosophen Lukrez, der er
eine textkritische Studie und Ausführungen über die Philosophie des Autors
beifügte und die in der Folgezeit mehrfach nachgedruckt wurde. Zugleich
arbeitete er an einer ersten größeren Schrift, die er 1889 unter dem Titel Essai
sur les données immédiates de la conscience (dt. Zeit und Freiheit, 1911)
an der Pariser Sorbonne als Dissertation („thèse d’État“) einreichte. Mit
dieser wurde er nach erfolgreich absolviertem Prüfungsverfahren, zu dem auch
das Vorlegen einer kurzen, lateinisch verfassten „thèse supplémentaire“
gehörte, zum docteur-ès-lettres promoviert (was in etwa einer deutschen
Habilitation entsprach).
Nach der Promotion und der Publikation seiner thèse, die er
geschickt seinem obersten Dienstherrn, dem Bildungsminister, widmete (der
allerdings auch sein Philosophieprofessor an der ENS gewesen war), hatte
Bergson wie selbstverständlich Anspruch auf den Wechsel an ein Gymnasium in
Paris. Nach einer kurzen Zwischenstation am dortigen Collège Rollin erhielt er
1890 eine Stelle am renommierten Lycée Henri-IV. 1892 heiratete er und wurde
später Vater einer Tochter.
1896 publizierte er seine zweite größere Schrift, Matière
et mémoire (dt. Materie und Gedächtnis, 1908), in der er auch die
Ergebnisse der neuesten Hirnforschung zu verwerten versuchte. Im Anschluss
hieran wurde er 1897 als maître de conférences mit Vorlesungen an der ENS
betraut und kurz darauf dort zum Professor ernannt.
1900 druckte die Revue de Paris den
Essay Le Rire (dt. Das
Lachen, 1914), der 1901 sehr erfolgreich auch in Buchform erschien. Hierin
versucht Bergson eine Theorie des Komischen zu entwickeln, stimmt vor allem
aber auch das Hohelied des künstlerischen Schöpfertums an und wurde damit zum
Propheten einer ganzen Generation symbolistischer Literaten und Künstler.
Im selben Jahr 1900 wurde er auf den Lehrstuhl für
Griechische Philosophie am Collège de France berufen, der prestigereichsten
aller französischen Bildungsinstitutionen. 1901 wählte ihn in die Académie des
Sciences morales et politiques zum Mitglied.
Inzwischen hatte er auch außerhalb Frankreichs Anerkennung
zu finden begonnen: Auf dem ersten internationalen Philosophen-Kongress in
Paris im August 1900 durfte er einen der Vorträge halten. Der Titel Sur
les origines psychologiques de notre croyance à la loi de causalité lässt
sehr schön die antiszientistische Tendenz Bergsons erkennen.
1903 publizierte er den programmatischen längeren Aufsatz Introduction
à la métaphysique (dt. Einführung in die Metaphysik, 1909), der entgegen
dem allgemein gehaltenen Titel vor allem in sein eigenes Denken einführt. 1904
hielt er auf dem zweiten internationalen Philosophen-Kongress (Genf) den
Vortrag Le Cerveau et la pensée: une illusion philosophique (Das Gehirn
und das Denken: eine philosophische Illusion).
Im selben Jahr wechselte er im Collège de France auf den
Lehrstuhl für moderne Philosophie, womit er, 45jährig, den Höhepunkt einer
glänzenden beruflichen Karriere erreicht hatte.
1907 erschien seine dritte große Schrift: L’Évolution
créatrice (dt. Die schöpferische Entwicklung, 1912). Sie war gedacht als
kritischer Beitrag zur Darwinschen Evolutionstheorie, die Bergson als zu
deterministisch betrachtete. Sie fand auch über die Fachwelt hinaus Verbreitung
und wurde mit 21 Auflagen in zehn Jahren Bergsons bekanntestes und
meistgelesenes Werk. Es konsekrierte ihn als bedeutenden philophischen
Schriftsteller und war neben Le Rire der wichtigste Faktor dafür, dass
er später für den Literaturnobelpreis in Frage kommen konnte.
1908 traf Bergson in London William James, einen bekannten amerikanischen Philosophen, dem er einige Anstöße verdankte. James war angetan von seinem 17 Jahre jüngeren französischen Kollegen und dessen Ideen und trug in der Folge viel dazu bei, ihn in der anglophonen Welt bekannt zu machen.
Im April 1911 besuchte Bergson den
internationalen Philosophen-Kongress in Bologna. Er hielt dort den Vortrag L’Intuition
philosophique, dessen Titel die Bedeutung erkennen lässt, die er in seiner
Erkenntnistheorie der Intuition beimisst. Im selben Jahr wurde er nach England
eingeladen, unter anderem nach Oxford, wo er über das Thema La Perception du
changement (Die Wahrnehmung des
Wandels) sprach und den Ehrendoktortitel erhielt, sowie nach Birmingham und
nach London, wo er über Vie et conscience (Leben und Bewusstsein) bzw. La
Nature de l’âme (Die Natur der Seele) dozierte.
1913 folgte er einer Einladung der New
Yorker Columbia University und las dort über Spiritualité et liberté (Geistigkeit
und Freiheit). Vorträge in anderen amerikanischen Städten folgten. Im Herbst
wurde ihm der Vorsitz der British Society for Psychical Research angetragen, wo
er sich mit dem Vortrag Phantoms of Life and Psychic Research einführte.
1914 war ein besonders erfolgreiches
Jahr für Bergson. Er wurde er in seiner Eigenschaft als ein bedeutender
französischer Autor, dessen Schriften inzwischen auch in zahlreiche Sprachen
übersetzt wurden, in die Académie française aufgenommen, darüberhinaus zum
Vorsitzenden der Académie des sciences morales et politiques gewählt sowie zum
„Offizier“ der Ehrenlegion und zum „Offizier der Volksbildung“ ernannt.
Im selben Jahr versuchten (ähnlich wie es schon vorher
manche sozialistischen Partei- und Gewerkschaftsführer getan hatten) liberale
„Neo-Katholiken“ ihre Vorstellungen mit Ideen Bergsons zu untermauern. Als
Reaktion darauf wurden dessen drei Hauptwerke vom Vatikan auf den Index
gesetzt, was jedoch in Frankreich eher wie ein Ehrentitel wirkte.
Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges (1.8.14) engagierte
auch Bergson sich als Patriot mit Artikeln und Vorträgen, mit denen er
versuchte, die Moral der französischen Truppen zu stärken, die Position
Frankreichs zu verklären und dem Deutschen Reich Imperialismus vorzuwerfen.
Nach dem Eintritt der USA in den Krieg 1917 reiste er als Mitglied einer
diplomatischen Delegation dorthin und warb auf einer Vortragstournee für die
Sache Frankreichs.
1919 gaben Freunde eine schon vor dem Krieg geplante
zweibändige Sammlung kürzerer Texte heraus, die um den zentralen Begriff der
„force mentale“ (geistige/mentale Kraft) kreisen. Sie erschien unter dem Titel L’énergie
spirituelle (dt. Die seelische Energie, 1928), der deutlich die
antirationalistische Stoßrichtung der Bergsonschen Philosophie zum Ausdruck
bringt.
1920 erhielt er Ehrendoktortitel der Universität Cambridge.
Im Herbst durfte er seine Pflichtvorlesungen am Collège an einen Vertreter
(Édouard Le Roy) delegieren, um sich ganz seinem Schaffen als Autor widmen zu
können.
Immerhin war er 1921 nebenher politisch tätig als
Gründungsmitglied und erster Präsident der Commission internationale de la
Coopération intellectuelle, einer dem neugegründeten Genfer Völkerbund
zugeordneten Vorläuferinstitution der Unesco.
Als er 1927 den Nobelpreis erhielt, konnte er nur noch unter
Schwierigkeiten zur Entgegennahme nach Stockholm reisen, denn seit 1925 plagten
ihn rheumatische Schmerzen, die seinen Körper lähmten und deformierten.
Krankheitsbedingt mehr und mehr zurückgezogen, vollendete er
1932 sein letztes größeres Werk, Les deux sources de la morale et de la religion
(Die beiden Quellen der Moral und Religion, 1933). Seine Überlegungen zum
Zusammenhang von Gesellschaft, Moral und Religion wurden mit der gebührenden
Achtung aufgenommen, aber nur noch wenig diskutiert. Bergsons Zeit war
sichtlich vorbei.
Spätestens mit den Deux sources hatte er sich
christlich-mystischen Vorstellungen angenähert und dachte daran katholisch zu
werden. Er nahm jedoch Abstand davon, weil er angesichts des auch in Frankreich
anschwellenden Antisemitismus seine jüdischen Wurzeln nicht verleugnen wollte.
Entsprechend verzichtete er 1940 demonstrativ auf alle seine Auszeichnungen,
Titel und Mitgliedschaften und ließ sich als Juden eintragen, als das neue
Regime des Marschalls Pétain diese gesetzlich zu diskriminieren begann.
An seinem Grab sprach jedoch seinem Wunsch gemäß ein
katholischer Priester das Gebet.
Die Ideen Bergsons scheinen heute nur noch von historischem
Interesse zu sein und wirken rückblickend wie eine Übertragung von Symbolismus
und Jugendstil in die Philosophie. Sie haben jedoch zwischen 1900 und 1930
stark gewirkt und insbesondere zahlreiche Schriftsteller beeinflusst, u.a.
Marcel Proust, Charles Péguy, André Gide, Paul Claudel oder T.S. Eliot.
Maurice Barrès (* 19.8.1862 in Charmes-sur-Moselle; †
4.12.1923 in Neuilly-sur-Seine)
Er
war in seinen besten Zeiten als Romancier, Publizist und homo politicus sehr
bekannt und einflussreich.
Er
wurde geboren in Lothringen nahe der nach dem Krieg von 1870/71 neugezogenen
deutsch-französischen Grenze (die in etwa dem damaligen Verlauf der
Sprachgrenze folgte). Seine Gymnasialjahre verbrachte er als Internatschüler in
Nancy, quasi mit dem Blick auf die von den Revanchisten in Frankreich
vielzitierte "ligne bleue des Vosges" (=die blaue Horizontlinie der
Vogesen). Entsprechend wurde auch er sehr früh zum Nationalisten, der Rache
forderte an Deutschland.
1882
ging er nach Paris, wo er Jura studieren sollte, zugleich aber als ein zunächst
den Symbolisten nahestehender Feuilletonist und Erzähler eine literarische
Karriere zu beginnen versuchte. 1888 wurde der Roman Sous l'œil des barbares (=unter den Augen der Barbaren) sein
Durchbruch. Es ist der erste Teil der stark autobiografischen Romantrilogie Le Culte du moi (=Kult des Ich), deren
Protagonist ein junger Intellektueller ist, der in die Pariser Fin de
Siècle-Kultur eintaucht, in dieser als überfeinert und kosmopolitisch
überfremdet vorgestellten Welt aber keinen Halt findet, weshalb er schließlich
seinem dekadenten Narzissmus abschwört, heimkehrt in sein angestammtes
Lothringen und dort zu den nationalen Traditionen und zum Katholizismus
zurückfindet.
1889
wurde Barrès folgerichtig Anhänger des politisch rechtsaußen agierenden
populistischen Generals Georges Boulanger ("le Général Revanche") und
war aktiv in dessen kurzlebiger nationalistischen und revanchistischen
Bewegung. Für eine Legislaturperiode (1889-93) war er sogar boulangistischer
Parlamentsabgeordneter für den Wahlkreis Nancy. Auch nach dem Selbstmord
Boulangers (1891) und der Auflösung von dessen Bewegung betätigte er sich als weit
rechts stehender Intellektueller und Politiker, scheiterte aber vier Male beim
Versuch, sich wieder ins Parlament wählen zu lassen. Im Rahmen der Frankreich
spaltenden Dreyfus-Affäre (1898) bezog er selbstverständlich Position als
"Anti-Dreyfusard".
1897-1901
ließ er eine weitere Trilogie erscheinen: Le
Roman de l'énergie nationale (der Roman der nationalen Kraft). Es ist die
Geschichte einiger junger Lothringer, die zunächst nach Paris gehen,
"entwurzelt" werden (Teil 1 heißt auch Les déracinés/Die Entwurzelten), dies aber zumindest teilweise
bemerken, heimkehren und für die Rückeroberung des von den Deutschen
annektierten Elsass und (Deutsch-)Lothringens kämpfen.
1906
war das Jahr seines Triumphes: Barrès wurde in die Académie française
aufgenommen und er wurde wieder zum Abgeordneten gewählt (Wahlkreis Neuilly bei
Paris), was er bis zu seinem Tod blieb, obwohl er eigentlich
Anti-Parlamentarist war.
1913
hatte er eine weitere Romantrilogie fertig: Les
bastions de l'Est (die Bastionen des Ostens). Die ersten Bände, Au service de l'Allemagne (im Dienste
Deutschlands, 1905) und Colette Baudoche (1909),
sind Geschichten voller nationalistisch-antideutscher Ressentiments, der
dritte, La Colline inspirée (der beseelte
Hügel), handelt von der national inspirierten Auflehnung dreier lothringischer
Priester gegen die ultramontane römische Amtskirche.
1914
wurde er als Nachfolger von Paul Déroulède (s.o.), des turbulenten "poète
national" (1846-1914), Chef der antideutschen, antisemitischen und
antiparlamentarischen Ligue des patriotes. Im anschließenden Weltkrieg 1914–18
betätigte er sich publizistisch an vorderster Front mit einem antideutschen und
militaristischen Zeitungsartikel pro Tag.
Nach
dem Kriegsende allerdings wurde er zum Buhmann der pazifistischen,
internationalistischen, prokommunistischen Linksintellektuellen, die ihn
attackierten und verhöhnten.
(Stand: Juli 05)
20. Jahrhundert
Romain Rolland (*29.1.1866 Clamecy/Dép. Nièvre; †30.12.1944
Vézelay/ Bourgogne)
Dieser
lange Zeit auch in Deutschland wohlbekannte und geschätzte Autor wurde 1916 als
dritter Franzose mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet. Heute
wird er, trotz seines Ruhmes in den 1920er, 30er und 40er Jahren, kaum mehr
gelesen, nicht zuletzt vermutlich, weil die gebildete bürgerliche Leserschaft,
für die er schrieb, praktisch nicht mehr existiert und sein Stil für jetzige
Leser oft zu jugendstilig-gefühlig wirkt.
Rolland war Sohn eines Notars und erhielt eine gutbürgerliche
Erziehung und Bildung. Mit elf begann er zu schreiben. Daneben begeisterte er
sich unter Anleitung seiner sehr musikalischen Mutter früh für Musik. 1880
verkaufte der Vater seine Praxis, und die Familie zog nach Paris, um dem Jungen
bessere Vorbereitungsmöglichkeiten zu verschaffen für die Zulassungsprüfung
(concours) zur École Normale Supérieure (ENS), der französischen Eliteschule
für die Lehramtsfächer an Gymnasien. Rolland, der bis dahin das katholische
Gymnasium seines Heimatstädtchens besucht hatte, wechselte nun an das Lycée
Saint-Louis und 1882 an das Traditionsgymnasium Louis-le-Grand, wo er sich u.a.
mit Paul Claudel (s. u.) befreundete. 1886 wurde er in die ENS aufgenommen und
studierte hier bis 1889 Literatur und Geschichte.
Nach Ablegung des Schlussexamens (licence) und erfolgreich
absolvierter Einstellungsprüfung (agrégation) für das Amt eines
Gymnasialprofessors für Geschichte ließ er sich beurlauben und ging für zwei
Jahre (1889-91) als Stipendiat an der École française nach Rom, um dort
Material für eine musikhistorische Doktorarbeit (thèse) über die Geschichte der
Oper vor Jean-Baptiste Lully und Scarlatti zu sammeln. In Rom verkehrte er, der
schon länger Wagner-Fan war, im Salon der Wagner-Freundin Malwida von
Meysenbug, die ihn zu einem Besuch in Bayreuth mitnahm. Seine wichtigste
Nebenbeschäftigung in den römischen Jahren war die Kunstgeschichte, doch
schrieb er auch, wie immer: z.B. Überlegungen zu einem „roman musical“ (1890)
und erste Dramen (1890/91), die aber ungedruckt blieben.
Zurück in Paris nahm er 1892 eine Teilzeitstelle am
Traditionsgymnasium Henri-IV an und heiratete. Nachdem er 1895 seine Thèse
abgeschlossen und die dazugehörige Prüfung (soutenance) absolviert hatte, ließ
er sich als Dozent für Kunstgeschichte an die ENS abordnen und später (1904)
als Dozent für Musikgeschichte an die Sorbonne versetzen. Seine kinderlos
gebliebene Ehe wurde 1901 geschieden.
In allen diesen Jahren vor dem Ersten Weltkrieg unternahm
Rolland viele, teils längere Bildungsreisen durch West- und Mitteleuropa,
verbrachte oft mehrmonatige Arbeitsurlaube in der Schweiz und schrieb:
Erzählendes, Essayistisches, Musik- und Kunsthistorisches sowie
Künstler-Biografien, z.B. Beethovens, Michelangelos oder Tolstois (gedruckt
jeweils 1903, 1906, 1911).
Die zahlreichen Dramen, die er ebenfalls verfasste, blieben
weiterhin lange Zeit unpubliziert bzw. ungespielt. Die ersten angenommenen und
aufgeführten waren 1898 Aërt und Les Loups. Letzteres wurde das
erste aus einem über 40 Jahre hinweg fortgesetzten und schließlich achtteiligen
Dramenzyklus, der eine Art Epos der franz. Revolution zu bilden versucht,
naturgemäß aber jeweils aktuelle Probleme und Konflikte spiegelt. Die weiteren
Stücke (mit Aufführungsdaten) sind: Danton, 1899; Le Triomphe de la
raison, 1899; Le Quatorze-Juillet, 1902; Le Jeu de l’amour et de
la mort, 1925; Pâques fleuries, 1926; Les Léonides, 1928; Robespierre,
1939.
1903 begann Rolland das Werk, das ihn bekannt machen sollte:
den 10-bändigen „roman fleuve“ Jean-Christophe (gedruckt 1904-12).
Titelheld ist der (fiktive) deutsche Komponist Johann-Christoph Krafft, der als
junger Mann nach Frankreich gelangt, sich dort mit Hilfe eines franz. Freundes
assimiliert und so in seiner Musik quasi die ihm angeborene „deutsche Energie“
mit „französischen Geist“ verbinden und veredeln kann. Der Jean-Christophe war
ein großer Erfolg und wurde nach 1918 auch von den gar nicht so wenigen
frankophilen Deutschen geschätzt, die das Gerede von der deutsch-franz.
Erbfeindschaft satt hatten und auf Verständigung zwischen beiden Völkern
setzten.
Im Okt. 1910 wurde Rolland in Paris von einem Auto
angefahren und erlitt Verletzungen, die ihn für mehrere Monate dienstunfähig
machten. Der Unfall war nicht unbeteiligt an seinem Entschluss, seine Professur
aufzugeben und freier Schriftsteller zu werden (1912).
1913/14 verfasste er Colas Breugnon, einen kürzeren
historischen Roman in Form eines (fiktiven) Tagebuchs aus den Jahren 1616/17
(gedruckt erst 1919).
Der Erste Weltkrieg überraschte ihn in der Schweiz. Er blieb,
engagierte sich beim Roten Kreuz und publizierte im Journal de Genève
die kriegskritische Artikelserie Au-dessus de la mêlée, mit der er „über
dem Schlachtgetümmel“ stehend, sowohl nach Frankreich hineinzuwirken versuchte
(wo man ihn wegen angeblich unpatriotischer Haltung jedoch schmähte) als auch
nach Deutschland (wo man ihn kaum hörte). Nachdem sie 1915 in Paris als Buch
erschienen war, fand die Artikelserie in der zweiten Kriegshälfte größeres
Gehör. Sie wurde nun rasch in mehrere europäische Sprachen übersetzt (nicht ins
Deutsche) und hatte neben dem Jean-Christophe großen Anteil daran, dass
Rolland 1916 für eine nachträgliche Vergabe des Nobelpreises von 1915
ausersehen wurde.
Nach dem Krieg (1919) initiierte er mit dem Autor Henri
Barbusse die Gruppe Clarté, eine Friedensbewegung linker Intellektueller
mit gleichnamiger Zeitschrift. Etwas später (1923) wurde er Mitgründer die
Zeitschrift Europe, die sich insbes. für eine Verständigung zwischen
Frankreich und Deutschland einsetzte. Auch der Roman Clérambault, histoire
d’une conscience libre pendant la guerre (1920) ist Ausdruck seines
transnationalen Pazifismus.
Anfang der 20er Jahre nahm Rolland, neben einer umfangreichen publizistischen Tätigkeit, wieder ein größeres Romanprojekt in Angriff: L’Âme enchantée, dessen vier Teile in drei Bänden von 1922 bis 1933 erschienen. Die Handlung erstreckt sich von ca. 1890 bis ca. 1930 und stellt die Geschichte einer Frau dar, die es akzeptiert, ledige Mutter zu sein, und sich so zunächst gesellschaftlich, dann durch ein linksgerichtetes aktives Engagement politisch und schließlich in einer mystischen Spiritualität religiös emanzipiert.
Diese Entwicklung spiegelt in gewissem Umfang die des
Autors, der sich nach dem Krieg links engagiert und sich, wie so viele franz.
Intellektuelle der Zeit, daneben mit fernöstlichen geistigen und religiösen
Traditionen zu beschäftigen begonnen hatte (woraus u.a. 1923 eine Artikelserie
über Mahatma Gandhi erwuchs).
Seit der russischen Oktober-Revolution 1917 sympathisierte
Rolland mit dem Kommunismus und entsprechend mit dem 1920 gegründeten Parti
communiste français. Er war hiermit einer der nicht wenigen bürgerlichen
Intellektuellen, die der PCF als „Weggenossen - compagnons de route“ sehr
schätzte, als Mitglieder wegen ihres selbständigen Denkens allerdings gerne
entbehrte. Auch Rolland machte sich 1925 vermutlich wenig beliebt, als er im
Stück Le Jeu de l’amour et de la mort die Frage diskutierte, ob radikale
politische Führer das Recht haben, das Glück und gar die Existenz der gegenwärtig
Lebenden dem Ziel einer künftigen idealen Gesellschaft zu opfern. Dennoch und
trotz angegriffener Gesundheit reiste er 1935 auf Einladung seines
Schriftstellerkollegen und Brieffreundes Maxim Gorki nach Moskau und ließ sich
dort von Stalin als Repräsentant der franz. Intellektuellen hofieren. Ab 1936,
dem Jahr der Moskauer Schauprozesse gegen angebliche Verräter in der
Kommunistischen Partei, ging er jedoch deutlich auf Distanz und brach 1939
völlig mit der Sowjetunion von Stalin, als dieser seinen Beistandspakt mit
Hitler schloss.
Ende der 20er Jahre hatte Rolland sich wieder Beethoven
zugewendet und eine auf fünf Bände angelegte Monografie begonnen, die in Teilen
1928, 1930, 1937 und schließlich posthum 1945 erschien, aber unvollendet blieb.
1934 verheiratete er sich mit der russischen Übersetzerin
seiner Werke, Maria Kudaschewa, mit der er seit 1923 in Kontakt stand.
1937 zog er sich zurück in den burgundischen Wallfahrtsort
Vézelay, wo er seinen Lebensabend zu verbringen gedachte. Hier schrieb er an
seinen Memoiren, vollendete u.a. die 1924 begonnene Geschichte seiner Kindheit Voyage
intérieur (gedr. 1942) oder ein schon lange in Arbeit befindliches Buch
über den katholischen Autor Charles Péguy (1943). Anfang November 44 reiste er
trotz Krankheit ein letztes Mal nach Paris, um an einem Empfang in der
Sowjetischen Botschaft teilzunehmen. Zurück in Vézelay, erlebte er noch die
letzte Phase der Befreiung Frankreichs von der deutschen Besetzung.
Nach seinem Tod erschienen seine umfangreiche und vielfältige
Korrespondenz sowie seine Tagebücher.
(Stand: Mai 06)
Charles Maurras (* 20.4.1868 Martigues; † 16.11.1952
Tours)
Der
Name und das Wirken Maurras' waren nach 1944 in Frankreich jahrzehntelang quasi
tabu, obwohl er zu den einflussreichsten franz. Intellektuellen der Zeit vor
und nach dem Ersten Weltkrieg gehörte. In Deutschland ist er kaum bekannt
geworden.
Seit
frühem Kindesalter stark schwerhörig, wuchs Maurras in einer
katholisch-konservativen bürgerlichen Familie auf. Er absolvierte ein
katholisches Gymnasium in Aix-en-Provence, erhielt eine solide klassische
Bildung, verlor aber früh den Glauben. Nach dem ''baccalauréat'' ging er 1885
nach Paris. Hier betätigte er sich als Literaturkritiker, Lyriker, Erzähler und
Essayist, der vor allem für konservative und katholische Zeitschriften schrieb.
Er schloss Freundschaft mit dem gut 20 Jahre älteren Autor Anatole France (der
zu dieser Zeit politisch noch rechts stand, allerdings zugleich Agnostiker war)
und geriet in den Bann der progressistischen, d.h. tendenziell eher „linken“
Philosophie des Positivismus.
1891
schloss er sich der kurz zuvor von einigen Literaten, insbes. Jean Moréas,
gegründeten „école romane“ an, die die Wurzeln der franz. Kultur in deren
griechisch-römischem Erbe und ihren reinsten Ausdruck in der franz. Klassik des
17. Jahrhunderts sah, wogegen sie die angeblich jüdisch-germanisch (!) geprägte
Romantik als einen Beginn und den späteren Symbolismus als eine "weitere
Ursache allen Übels für Frankreich" betrachtete. Literarischer Ausdruck
dieser Sicht waren z. B. Maurras' Erzählband Le Chemin du paradis (=der
Weg zum Paradies, 1895) oder die Essaysammlung Les amants de Venise (=die
venezianischen Liebenden, i.e. die romantischen Autoren George Sand und Alfred
de Musset, 1902).
Spätestens
1895 stand er politisch auf der Seite der nationalistischen Rechten in
Frankreich und trat u.a. mit dem boulangistischen Abgeordneten und Romancier
Maurice Barrès in Kontakt.
1896
besuchte er, da er sich schon früh für die Ideen des französischen
Sportpädagogen Pierre de Coubertin interessiert hatte, als Reporter für eine
französische Zeitschrift die ersten Olympischen Spiele in Athen.
In
seinen politisch intendierten Büchern, Broschüren und Artikeln propagierte
Maurras die Wiedereinführung der Monarchie als Staatsform und (obwohl er selbst
Agnostiker war) die Retablierung des Katholizismus als Staatsreligion, wobei er
sich von beiden Re-Formen ein weniger zentralistisches, aber ideologisch
geeintes, starkes Frankreich erhoffte, das dem aufstrebenden Deutschen Reich
wirtschaftlich, militärisch und geistig-moralisch Paroli bieten sollte.
Als
1898 Frankreich tief gespalten wurde durch die Dreyfus-Affäre (den Streit um
das zweifelhafte Gerichtsurteil gegen den vermeintlichen prodeutschen Spion
Dreyfus), war er einer der aktivsten Anti-Dreyfusards, d.h. kompromissloser
Gegner einer Revision des Prozesses oder gar eines Freispruchs. Er schloss sich
dem von anderen Anti-Dreyfusards gegründeten nationalistischen Comité
d'Action française an und trug maßgeblich bei zu dessen Umformung zu einem
straffer organisierten Verband, der Ligue d'Action française, die unter
seiner Ägide eine monarchistische, chauvinistische, fremdenfeindliche und
antisemitische Ideologie propagierte, den „integralen Nationalismus“. Als Organ
der „Liga“ diente ab 1899 die von Maurras und seinem Gesinnungsgenossen Léon
Daudet geleitete Zeitschrift La Revue de l'Action française. Zunächst
eher zum Vertrieb der Zeitschrift in den Straßen bildete sich eine
Jugendorganisation, „Les camelots du roi“ (dt. die Marktschreier/Hausierer des
Königs), die bald auch durch die Schlägereien von sich reden machte, die sie
sich mit politisch linken Gruppen lieferte.
1908
ermöglichte der Erfolg der Zeitschrift ihre Umformung zur Tageszeitung unter
dem Titel L'Action française. Maurras avancierte zu einem der
wichtigsten Vordenker des konservativen, nationalistischen Frankreichs.
Nach
Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 betätigte er sich als publizistische Stütze
der „Union sacrée“ zwischen den rechten Parteien und den Sozialisten, die dem
gleichzeitigen „Burgfrieden“ der Parteien in Deutschland entsprach.
In
der Zwischenkriegszeit wurde die Ligue de l'Action française zahlenmäßig zwar
von anderen rechten Organisationen überholt, doch behielt Maurras einen kaum zu
überschätzenden Einfluss auf die rechten Intellektuellen und die rechten
Politiker. Entsprechend gerieten viele franz. Katholiken und auch Priester in
tiefe Loyalitätskonflikte, als der Papst 1926 seine ideologischen Positionen
als mit dem Katholizismus unvereinbar erklärte und seine Schriften sowie die Action
française auf den Index setzte, weil darin die Kirche als Mittel zu
nationalistischen Zwecken instrumentalisiert werde.
Nachdem
er 1923 schon die Machtergreifung des italienischen Faschisten Mussolini
begrüßt hatte, sympathisierte Maurras während des Spanischen Bürgerkriegs
(1936-39) und danach mit dem faschistoiden Franquismus von General Franco.
Trotz seiner notorischen Deutschfeindlichkeit schien ihm auch der
Nationalsozialismus Hitlers in vielerlei Hinsicht interessant und besonders in
seinem Antisemitismus nachahmenswert.
Die
aus den Wahlen von 1936 hervorgegangene gebildete linke Volksfront-Regierung
bekämpfte er mit allen Mitteln, wobei er nicht zurückschreckte vor
antisemitischischer Hetze gegen die Person des sozialistischen Regierungschefs
Léon Blum. Nach der Niederlage Frankreichs 1940 unterstützte er den neuen
franz. Staatschef Marschall Pétain und dessen „Révolution nationale“, die sich
weitgehend an seinen Ideen inspirierte. Entsprechend billigte er auch Pétains
Politik der Kooperation mit dem Deutschen Reich.
1944/45,
im Rahmen des allgemeinen Linksschwenks im Frankreich nach der „Libération“,
wurde Maurras als geistiger Ziehvater Pétains geschmäht und zum prodeutschen
Kollaborateur erklärt. Im Sept. 44 verhaftet, wurde er zu einer längeren
Gefängnisstrafe verurteilt und von seinem Sitz in der Académie française, die
ihn 1936 aufgenommen hatte, suspendiert (ohne förmlich ausgeschlossen zu
werden).
1951
wurde er krankheitshalber begnadigt und in eine Klinik verlegt, wo er im Jahr
darauf starb. Kurz vor seinem Tod war er zu der Frömmigkeit seiner Kindheit
zurückgekehrt.
(Stand:
April 07)
Paul Claudel (*6.8.1868 in Villeneuve-sur-Fère; †23.2.1955
in Paris).
Er wurde in den
1920er bis 40er Jahren im katholischen Milieu sehr geschätzt, aber auch von
anderen Lesern und den Literaturkritikern hoch bewertet. 1946 wurde er mit der
Aufnahme in die Académie Française belohnt. Heute scheint er fast vergessen.
Claudel
wuchs auf in einem Dorf der Picardie als Sohn eines aufgeklärt-positivistisch
denkenden Kataster-Beamten, verbrachte aber seine letzten Schuljahre auf dem
Pariser Traditionsgymnasium Louis-le-Grand (wo er sich u.a. mit Romain Rolland
befreundete). Mit 18 hatte er bei der Weihnachtsmesse in der Pariser Kathedrale
Notre-Dame ein Erweckungserlebnis und war hinfort gläubiger Katholik.
Nach
Abschluss eines Studiums an der École libre des Sciences politiques, während
dessen er schon Gedichte schrieb und dem Kreis um Mallarmé angehörte, dachte er
daran fernöstliche Sprachen zu studieren, bewarb sich dann aber für eine
Ausbildung als Diplomat im konsularischen Dienst, in dem er bis zu seiner
Pensionierung gewissenhaft tätig sein sollte und der ihn 1893 in die USA, 1895
bis 1909 nach China, danach jeweils kürzere Zeit nach Deutschland, Brasilien
und Dänemark, dann wieder länger nach Japan (1921-27) und nochmals die USA
(1927-33) sowie schließlich noch nach Belgien führte.
Das
trotz seiner bewegten Existenz sehr umfangreiche literarische Schaffen Claudels
(für das er jeweils die ersten Stunden seines Arbeitstages reservierte) umfasst
Lyrik, Philosophisch-Essayistisches (stark beeinflusst von seinen
Fernost-Aufenthalten) und vor allem Theaterstücke. Diese verfasste er in einer
pathetisch-lyrischen Sprache und unter Verzicht auf eine spannende Handlung,
wobei im Mittelpunkt meist das Motiv des Sich-Aufopferns im Sinne einer
religiös orientierten Moral steht. Das bekannteste und am häufigsten
aufgeführte Stück ist das im Mittelalter spielende L'Annonce faite à Marie (1911/12). Einigermaßen bekannt wurde auch
die Trilogie L'Otage (1909), Le Pain dur (1914) und Le Père humilié (1916), deren Handlung
fast sechs Jahrzehnte (1812 bis 1869) überspannt. Als am bedeutendsten gilt
jedoch das im spanischen 16. Jh. angesiedelte Le Soulier de satin (1925), ein immens langes Stück, das die Summa
von Claudels Vorstellungen präsentiert (die stark beinflusst waren vom Denken
Henri Bergsons, s.o.). Es wurde erst 1943 in einer vom Autor selbst und dem
Regisseur Jean-Louis Barrault stark gerafften Version uraufgeführt.
Als Librettist
betätigte sich Claudel in dem dramatischen Oratorium Jeanne d’Arc au bûcher
(Johnanna auf dem Scheiterhaufen, 1938) von Artur Honnegger und in mehreren
Opern von Darius Milhaud, darunter Christophe Colomb (1930).
(Stand: Jan.
10)
André Gide (*22.11.1869
Paris; †19.2.1951 ebd.).
Er
zählt zu den Großen der franz. Literatur der ersten Jahrhunderthälfte und spielte
einige Jahrzehnte eine dominierende Rolle im Pariser Literaturbetrieb. 1947
wurde er als siebter frankophoner Autor mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Auch
in Deutschland wurde er geschätzt und gelesen.
Gide
wuchs auf in Paris als einziges Kind einer wohlhabenden protestantischen
Familie, wobei der Vater, ein Juraprofessor, aus der mittleren Bourgeoisie der
südfranzösischen Kleinstadt Uzès stammte, die Mutter aus der Großbourgeoisie
von Rouen. Mit knapp elf verlor er den Vater. Zwar trat dadurch keinerlei
Notlage ein, doch war er nun ganz der strengen Erziehung seiner Mutter
ausgesetzt.
Vielleicht
auch deshalb war er ein schwieriges Kind, was häufige Wechsel von Schulen und
Privatlehrern verursachte. Zudem litt er in der Vorpubertät mehrfach unter Nervenkrisen,
konnte 1890 jedoch seine Schulzeit normal auf dem Traditionsgymnasium Henri IV
abschließen (wo er sich u.a. mit dem späteren Autor Pierre Louÿs und dem späteren sozialistischen Politiker Léon Blum
befreundete).
Bei
einem längeren Besuch in Rouen 1882 hatte er ein inniges Verhältnis zu seiner
fast drei Jahre älteren Kusine Madeleine Rondeaux entwickelt, mit der er sich
ab Anfang 1890 stillschweigend verlobt glaubte, die sich aber, z.T. wohl auf
Druck beider Mütter, seinen Heiratswünschen zunächst entzog.
Den
Sommer 1890 verbrachte Gide in Savoyen, wo er sein erstes längeres Werk
verfasste: Les Cahiers d’André Walter (erschienen als Privatdruck 1891).
Es hat die Form eines angeblich nach dem Tod des Schreibers veröffentlichten
Tagebuches und spiegelt offenbar den ohnmächtigen Trotz Gides gegenüber seiner
strengen Mutter sowie seine erotischen Sehnsüchte gegenüber Madeleine zu einer
Zeit, wo ihm seine Homosexualität noch nicht oder allenfalls diffus bewusst
war.
Da
Gide es nach dem baccalauréat nicht nötig hatte, ein Studium oder gar
eine Berufstätigkeit aufzunehmen, begann er eine Phase des Experimentierens und
zahlreicher, oft längerer Reisen. Hierbei lernte er im Dez. 90 in Montpellier
über einen Onkel väterlicherseits den etwas jüngeren Lyriker Paul Valéry (s.
u.) kennen, dem er 1894 seine ersten Schritte in Paris erleichterte.
1891
fand er Zugang zu dem Kreis symbolistischer Autoren um den Lyriker Stéphane
Mallarmé (s.o.), wo er u.a. Oscar Wilde traf. Auch Gide selbst betätigte sich
als Symbolist mit dem Gedichtbändchen Poésies d’André Walter (Privatdruck
1892) und der kleinen Abhandlung Traité du Narcisse. Théorie du symbole. Letztere beginnt mit dem hübschen
Satz „Les livres ne sont peut-être pas une chose bien nécessaire“. Dieser zeigt treffend Gides Hang zur selbstironischen
Reflexion der egozentrischen Existenz reicher junger Literaten wie er, deren
Hauptproblem ihr Mangel an realen Problemen war und die dieses Problem in einer
Art narzistischen Priestertums der Kunst zu sublimieren versuchten.
1893
schrieb er die kurze Erzählung La Tentative amoureuse, deren
Haupthandlung eine hübsche Liebesgeschichte (wie der Autor sie wohl gerne
erlebt hätte) bildet, in welche kleine Erzählungen des Liebenden für die Geliebte
eingeflochten sind und welche ihrerseits gerahmt wird von einem erzählenden
Vorspann und einem briefartigen, leicht ironischen Nachspann, der eine
(Madeleine ähnelnde?) „Madame“ anspricht, die sichtlich diffiziler ist als die
Geliebte der Haupthandlung. Im selben Jahr verfasste Gide die lange lyrische
Erzählung Le Voyage d’Urien, wo er in Form eines Reiseberichts einmal
mehr die schwierige Suche eines müßigen, materiell sorgenfreien jungen
Intellektuellen nach dem „wahren Leben“ thematisiert.
Im Herbst 93,
nachdem er wegen einer (offenbar leichten) Tuberkulose vom Wehrdienst befreit
worden war, ging er zusammen mit einem befreundeten jungen Maler für einige
Monate nach Nordafrika, um dort die Krankheit auszuheilen. Ein erstes
homosexuelles Erlebnis, aber auch die ersten heterosexuellen Erfahrungen Gides
datieren von dort. Insgesamt empfand er diese Zeit als Befreiung aus den
Zwängen seiner calvinistisch-puritanischen Erziehung.
Im
Herst 1894 schrieb er, fern von Paris in der Schweiz, sein erstes längeres
Werk, Paludes, wo er nicht ohne Melancholie den Leerlauf in den
Literatenzirkeln der Hauptstadt, aber auch seine eigene Rolle darin karikiert.
Das Frühjahr verbrachte er einmal mehr in Nordafrika, teilweise in Gesellschaft
von Oskar Wilde und dessen Geliebten.
Im Mai 1895
starb die Mutter Gides. Wenige Wochen später verlobte er sich mit Kusine
Madeleine und heiratete sie im Herbst, nicht zuletzt wohl mit der Absicht, so
seine homosexuellen Neigungen zu bekämpfen, die ihm inzwischen bewusst geworden
waren. Die Ehe blieb jedoch, offenbar für beide Seiten, unbefriedigend.
Nach
der Heimkehr von der fast halbjährigen Hochzeitsreise durch Italien und
Nordafrika wurde Gide 1896 zum Bürgermeister des Dorfes La Roque-Baignard
gewählt, wo er ein Landgut besaß. Natürlich lebte er trotzdem weiterhin in
Paris. Hier knüpfte er neue Beziehungen in Literatenkreisen und wurde
regelmäßiger Beiträger der Zeitschrift L’Ermitage. 1897 erschien, einmal
mehr als Privatdruck, das zunächst kaum beachtete, nach 1918, d.h. nach dem
Ersten Weltkrieg, aber sehr erfolgreiche Buch Les Nourritures terrestres.
Es ist ein in pathetischer lyrischer Prosa vorgetragener Aufruf zur Öffnung
gegenüber dem „wirklichen“ Leben und zur Sinnenfreude als dessen legitimem
Bestandteil. Gide, so scheint es, hatte seinen Weg gefunden.
Auch
die nächsten Jahre verbrachte er reisend (meist mit Madeleine) und schreibend.
1899 verfasste er Le Prométhée mal
enchaîné, eine Erzählung um das Motiv des „acte gratuit“, einer völlig
freien, willkürlichen Handlung. 1901 erschien ein erstes Stück, Le roi
Candaule. (Diesem folgten noch etliche andere, die aber ebenfalls wenig zu
Gides Ruhm beitrugen und keine Spuren in der Geschichte des franz. Theaters
hinterließen.)
Sein
Durchbruch (und finanzieller Grundstock für den Bau einer Villa in Auteuil bei
Paris) war der Anfang 1902 erschienene Roman L’Immoraliste. Es ist die
Geschichte eines jungen Mannes, der nach der Heilung von einer Tuberkulose ein
völlig neues, sinnenfrohes Lebensgefühl entwickelt und diesem seine junge Frau
rücksichtslos opfert, als sie ihrerseits erkrankt und Pflege nötig hätte − wobei er immerhin nach ihrem Tod sein Verhalten als
unmoralisch erkennt.
1907
erschien Le Retour de l'enfant prodigue,
eine Erzählung um das biblische Motiv von der Heimkehr des verlorenen Sohns,
der bei Gide jedoch seinem jüngeren Bruder rät, ebenfalls das elterliche Haus
zu verlassen und nicht zurückzukommen, d.h. sich definitiv zu emanzipieren.
Als
1908 sein gewohntes Publikationsorgan L’Hermitage einging, gründete Gide
1909 mit einigen befreundeten Autoren die Zeitschrift La Nouvelle Revue Française.
Dieser wurde 1911 ein gleichnamiger Verlag angegliedert, der unter der Leitung
von Gaston Gallimard bald prosperierte. Über die NRF und den NRF-Verlag wurde Gide wohl der einflussreichste franz. Literat der
Jahrzehnte bis ca. 1940, der mit fast allen europäischen Autoren von Rang in
Kontakt stand.
1909
kam La Porte étroite heraus, ein in vieler Hinsicht
autobiografischer Roman um den jungen Jérôme und seine etwas ältere Kusine Alissa,
die von Kindheit an füreinander bestimmt scheinen, bis Alissa trotz ihrer Liebe
Jérôme die Heirat verweigert, ihm ihre jüngere Schwester zu nehmen empfiehlt
und sich in Askese und Frömmigkeit zurückzieht.
Das
1911 verfasste und zunächst nur privat und anonym gedruckte Werk Corydon, bestehend aus vier
„sokratischen“ Dialogen, die die Klischeevorstellung von der Perversheit der
Homosexualität zu korrigieren versuchen, kam erst 1924 im Buchhandel heraus.
1913
beteiligte sich Gide an der Eröffnung eines neuen Pariser Theaters, Le
Vieux-Colombier, das vor allem den Autoren des NRF-Verlags eine
Bühne bieten sollte.
Im Folgejahr (1914) erschien Les Caves du
Vatican, ein Roman mit mehreren
Handlungssträngen, die in der schillernden Figur des schönen jungen Kosmopoliten
Lafcadio Wluiki und einem als „acte gratuit“ von ihm begangenen Mord
zusammenlaufen. Der stilistisch sehr kunstvolle und von einer feinen Ironie
getragene Roman gilt heute als Gides bestes Werk.
1915/16 war er
aktiv in einer humanitären Organisation zur Betreuung von Flüchtlingen aus den
vom Krieg verwüsteten nordostfranzösischen Gebieten.
Eine tiefe moralische und
religiöse Krise Gides 1916 endete mit dem Kennenlernen seines dann langjährigen
Partners Marc Allégret. Gide und Madeleine, die kinderlos geblieben war, lebten
hiernach, ohne sich scheiden zu lassen, überwiegend getrennt. 1918 zog sie
innerlich den Schlussstrich, indem sie (sehr zu seinem Ärger) alle seine Briefe
an sie verbrannte, während er mit Allegret auf einer längeren England-Reise
war.
1919
erschien der Roman La Symphonie pastorale,
die Geschichte eines Pastors, der ein blindes Waisenmädchen in seine Familie
aufnimmt, sie erzieht, sich in sie verliebt, sie aber an seinen Sohn verliert.
Die Symphonie war der größte Bucherfolg Gides zu seinen Lebzeiten mit
mehr als 1 Mio. Exemplaren und rd. 50 Übersetzungen.
Nach
dem Kriegsende entwickelte auch er, wie so viele Autoren der Zeit, Sympathien
für den von Russland nach Europa ausstrahlenden Kommunismus. Zugleich
interessierte er sich für die russische Literatur: 1923 erschien sein Buch über
Dostojewski, 1928 eine Übertragung der Novellen Puschkins.
1923
wurde er Vater einer außerehelich gezeugten Tochter (mit der und deren Mutter
er ab 1927 im selben Pariser Mietshaus wohnte und die er nach dem Tod seiner
Frau Madeleine adoptierte).
1924
(Gide war nun immerhin Mitte 50) erschien in drei Bänden eine Autobiografie bis
zum Jahr seiner Heirat: Si le grain ne meurt.
1925
beendete er Les Faux-Monnayeurs (1926), einen kunstvoll angelegten Roman
um die Entstehung eines Romans, die er überdies in einem Tagebuch begleitete
(gedruckt ebenfalls 1926). Die Handlung (die damit beginnt, dass eine der
Hauptfiguren sich als außerehelich gezeugt entdeckt) wirkt aufgrund häufiger
Perspektivenwechsel etwas verwirrend, steht aber auf der Höhe der
zeitgenössischen theoretischen und erzähltechnischen Errungenschaften der
Gattung Roman, einer Gattung die sich selbst inzwischen zum Problem geworden
war. Die Faux-Monnayeurs gelten als
ein richtungweisendes Werk der modernen europäischen Literatur. Gide selber
nennt es in seiner Widmung an Roger Martin du Gard (s.u.) mit leichter Ironie
„mon premier roman“.
Im
selben Jahr 25 verkaufte Gide er Villa in Auteuil und ging mit Allégret auf
eine fast einjährige Reise durch die damaligen franz. Kolonien Congo
(Brazzaville) und Tschad. Die seines Erachtens unhaltbaren ausbeuterischen
Zustände dort schilderte er anschließend in Vorträgen und Artikeln sowie in den
Büchern Voyage au Congo (1927) und Retour du Tchad (1928), womit
er heftige Diskussionen entfachte und viele Angriffe auf sich zog.
1929
kam L'École des femmes heraus, die
tagebuchartige Geschichte einer Frau, die ihren Mann als starren und
seelenlosen Vertreter der bürgerlichen Normen demaskiert und ihn verlässt, um im
Krieg Verwundete zu pflegen.
1931
beteiligte sich Gide an der von Jean Cocteau initiierten Welle antikisierender
Dramen mit dem Stück Œdipe.
Ab
1932, im Rahmen der wachsenden politischen Polarisierung zwischen „rechts“ und
„links“ in Frankreich und ganz Europa, engagierte Gide sich zunehmend auf
Seiten der franz. kommunistischen Partei (PCF) und antifaschistischer
Organisationen. So reiste er z.B. 1934 nach Berlin, um die Freilassung
kommunistischer Regimegegner zu verlangen. 1935 leitete er einen Kongress
antifaschistischer Schriftsteller. Auch mäßigte er seinen bis dahin vertretenen
kompromisslosen Individualismus zugunsten einer Position, die die Rechte der
Gesellschaft vor die des Einzelnen setzt.
Im Sommer 36 reiste er auf Einladung
der russischen Regierung mit einer Gruppe von Autoren mehrere Monate durch die
UdSSR. Seine Enttäuschung beim Blick hinter die Kulissen der kommunistischen
Diktatur war jedoch groß. Seine Eindrücke
von dieser Reise fasste er in dem vorsichtig-kritischen Bericht Au retour de
l'U.R.S.S. zusammen. Als trotz seiner Zurückhaltung viele Kommunisten ihn
attackierten und ihm vorwarfen, er unterstütze mit seiner Kritik indirekt
Hitler, ging Gide auf Distanz zur Partei.
Nach
dem Tode Madeleines (1938) verfasste er 1939 während einer Ägypten-Reise das
autobiografische Et nunc manet in te (Und nun bleibt es in dir). Im
Mittelpunkt des erst 1947 publizierten Buches steht die Person der Verstorbenen
und das Drama ihrer Ehe.
Bei
Kriegsausbruch 1939 zog Gide sich zurück zu Freunden in Südfrankreich. 1942
ging er nach Nordafrika, nachdem er vom passiven Sympathisanten des Marschalls
Pétain zu einem aktiven Unterstützer General de Gaulles mutiert war. Für diesen
warb er z.B. mit einer Propagandareise (1944) durch die westafrikanischen
Kolonien, deren Gouverneure lange zwischen der offiziellen franz. Regierung
unter Pétain und der Londoner Exilregierung unter de Gaulle schwankten.
1946
publizierte Gide sein letztes größeres Werk, Thésée, eine fiktive
Autobiografie des antiken Sagenhelden Theseus.
In den
Nachkriegsjahren konnte er noch seinen Ruhm genießen mit Einladungen zu
Vorträgen, Ehrendoktorwürden, der Verleihung des Nobelpreises, Interviews,
Filmen zu seiner Person u.ä.m.
1939,
1946 und 1950 erschienen seine Tagebücher unter dem Titel Journal. Sie enthalten Erlebnisse und Reflexionen eines Autors, der
sich seiner Bedeutung durchaus bewusst ist, und sind naturgemäß ein
faszinierendes Zeitdokument.
Eine indirekte Anerkennung seiner Bedeutung war, dass 1952 seine Bücher
auf den Index gesetzt wurden.
(Stand: Jan.
10)
Paul
Valéry (*1871; †1945). Er
war einer der letzten, wenn nicht der letzte unbestritten große Lyriker
Frankreichs.
Nach der Kindheit im südfranzösischen Sète verbrachte
er seine Jugendjahre in Montpellier und studierte, als Sohn eines höheren
Beamten, dort auch Jura. 1894 (er schrieb schon seit vielen Jahren Gedichte)
ging Valéry nach Paris, wo er sich von Gide, den er 1890 in Montpellier
kennengelernt hatte, in Literatenkreise und vor allem bei Mallarmé einführen
ließ, der ihm zum Vorbild wurde.
1897 erhielt er eine Anstellung als rédacteur im Kriegsministerium, wo er
z.B. eine längere Studie über die Gefahren des deutschen Expansionismus
verfasste. 1900 wurde er Privatsekretär bei einem Wirtschaftsmagnaten, bis er
wenig später als freier Schriftsteller leben konnte. Als dieser verfasste er
vor allem Essais über kulturelle, philosophische, literaturtheoretische und
−kritische sowie literarhistorische Themen, daneben schrieb er kürzere,
oft schwer klassifizierbare literarische Texte und vor allem immer wieder
Lyrik. Diese entwickelte er, nach symbolistischen Anfängen, hin zu einer
"poésie pure", die gedankliche Präzision und formale Vollendung zu
vereinen versucht, allerdings auch sehr hermetisch ist.
Um 1920 galt er als der größte franz.
Lyriker seiner Zeit und genoss hohes Ansehen auch im übrigen intellektuellen
Europa. 1923 wurde er chevalier de la
Légion d'honneur, 1925 erfolgte seine Aufnahme in die Académie française,
1937 wurde er mit einer Professur für Poetik am Collège de France
ausgezeichnet. Valéry war wohl der letzte Autor in Frankreich, der auskömmlich
von Lyrik leben konnte, d.h. genauer von seinem Status als eine Art
Dichterfürst, der nebenher mit gut bezahlten Auftragsarbeiten von Verlagen und
Zeitschriften bedacht und häufig zu Vorträgen, Lesungen und Ähnlichem
eingeladen wurde. Nach ihm sank die ein Jahrhundert lang so erfolgreiche
Gattung Lyrik in Frankreich zu einer marginalen Gattung ab, mit der auch kaum
mehr Geld zu verdienen ist.
Valérys lyrische Hauptwerke sind: La jeune Parque (1917) und die Gedichtsammlung Charmes (1922). Sie enthält u.a. das
berühmte Langgedicht Le Cimetière marin
(1920) und wurde von Rilke ins Dt. übertragen. Sein Leben lang beschäftigte
sich Valéry auch mit erkenntnistheoretischen Überlegungen, die er in seinen Cahiers sammelte (29 Bde!, erst postum
publiziert).
Marcel
Proust (*1871;
†1922).
Dieser heute als richtungweisend für den modernen Roman betrachtete Autor war
Sohn eines renommierten und wohlhabenden Reiche-Leute-Arztes, der aus der Provinz
nach Paris gekommen war, und einer Mutter aus reicher jüdischer Pariser
Familie. Er absolvierte seine Schulzeit am Lycée Condorcet und studierte dann
an der École des Sciences politiques. Als junger Mann verkehrte er in der
Pariser High Society von Großbourgeoisie und Adel. Früh betätigte er sich
literarisch, aber auch als Literaturtheoretiker, z.B. mit dem Essai Contre Sainte-Beuve (1905), wo er als
einer der ersten gegen den allzu kausal denkenden Biografismus zu Felde zieht,
der die positivistische universitäre Literaturkritik der Zeit beherrschte.
Nachdem er schon als Kind viel krank gewesen war, lebte Proust ab etwa 30 als
Dauerkranker (Asthma) an sein Zimmer gefesselt. 1905 begann er seine
Jugenderinnerungen zu verarbeiten in dem nach und nach auf sieben Bände
anwachsenden Roman A la recherche du
temps perdu, dessen erzählte Zeit die Spanne von etwa 1880 bis 1920
umfasst. Der erste Band, Du côté de chez
Swann, erschien 1913 und erhielt 1919 den Prix Goncourt; der letzte Band, Le
Temps retrouvé, kam erst postum 1927 heraus. Die Recherche gilt inzwischen als eine der literarischen Großtaten des
20. Jahrhunderts: formal wegen Prousts damals revolutionären Verzichts auf eine
chronologische und lineare Handlung, stilistisch wegen der kunstvollen, oft leise
ironischen Sprache, inhaltlich wegen der psychologisch einfühlsamen und
zugleich distanzierten Darstellung eines bestimmten Milieus, nämlich der
Pariser Oberschicht der Belle Époque.
Sidonie-Gabrielle Colette (*28.1.1873 in Saint-Sauveur-en-Puisaye (Bourgogne); †3.8.1954 in Paris).
Von vielen Lesern und auch Literatenkollegen seit
langem hochgeschätzt, findet diese sehr fruchtbare Romanautorin erst seit
kurzem auch bei der universitären Literaturkritik die ihr gebührende
Anerkennung.
Colette
(wie sie sich als Autorin ab 1923 schlicht nannte) wurde geboren und wuchs auf
als jüngstes von vier Halbgeschwistern und Geschwistern in dem o.g.
burgundischen Dorf, wo ihr Vater, ein wegen Kriegsverletzung ausgemusterter
Offizier, Steuereinnehmer war. Anders als die drei älteren Geschwister besuchte
sie keine weiterführende Schule, wurde jedoch gefördert von ihrem literarisch
interessierten Vater sowie vor allem der klugen und verständnisvollen Mutter,
mit der sie später in engem Briefkontakt blieb.
Bei einer Reise nach Paris lernte sie mit 16 (1889) den
30-jährigen Henry Gauthier-Villars kennen, der sich dort schon einen gewissen
Namen als Literat und Salonlöwe gemacht hatte. 1893 heiratete sie ihn und wurde
von ihm, der rasch ihr Schreibtalent erkannte, angelernt und ausgenutzt. So
verfasste sie ab 1896 eine Serie von Romanen, die in der Ich-Form und mit
vielen autobiografischen Elementen die Geschichte einer jungen Frau erzählen
und die von ihm unter seinem Pseudonym „Willy“ von 1900-1903 zunehmend
erfolgreich publiziert wurden: Claudine à l'école, Claudine à Paris,
Claudine en ménage und Claudine s'en va (C. in der Ehe; C. geht
fort; die Titel hier und im Folgenden sind wörtlich bzw. sinngetreu übersetzt
und entsprechen nicht unbedingt den eventuellen Titeln deutscher Ausgaben).
Bald nach dem letzten Claudine-Roman ging auch sie selbst,
verletzt und angewidert von den ständigen Seitensprüngen „Willys“. Nach ihrer
Scheidung (1905), bei der er sich die Autorenrechte an den Claudines zu
sichern schaffte, nahm sie Unterricht bei dem Pantomimen Georges Wague und
gastierte ab 1906 sechs Jahre lang mit „Mimodramen“ auf zahlreichen
Variété-Bühnen in Paris und der Provinz. Anfangs trat sie hierbei des öfteren
zusammen mit der zehn Jahre älteren Mathilde („Missy“) de Morny auf, der als
unkonventionell bekannten Tochter eines Halbbruders von Kaiser Napoléon III,
mit der sie ein (damals naturgemäß skandalöses) lesbisches Verhältnis
unterhielt und von der sie auch finanziell unterstützt wurde.
Zugleich schrieb und publizierte sie weiter, nunmehr unter
dem Namen „Colette Willy“: u.a. La Retraite sentimentale (=Rückzug von
der Liebe), 1907, Les vrilles de la vigne (=die Ranken der Weinrebe),
1908, oder L'ingénue libertine (=die naive Freizügige/freizügige Naive),
1909.
1909 begann sie La Vagabonde (=die Vagabundin), einen
einmal mehr autobiografischen Roman, in dem sie in der Ich-Form die Existenz
einer enttäuscht geschiedenen Ehefrau, erfolgreichen Varieté-Künstlerin und
Angebeteten eines reichen Erben darstellt. (Ihr eigenes kurzlebiges Verhältnis
mit dem Millionen-Erben Auguste Hériot, der 1910 eine Italienreise mit ihr
unternahm, lag zeitlich offenbar erst nach dem Roman.) La Vagabonde, die
zunächst im Feuilleton einer Zeitschrift erschien, kam 1910 in die engere Wahl
für den renommierten Literaturpreis Prix Goncourt und bedeutete den Durchbruch
Colettes als Autorin.
Auch als Journalistin war sie nun gesucht und erhielt eine
eigene Rubrik im Feuilleton des Pariser Tageblattes Le Matin. Ab 1911
lebte sie zusammen mit dessen Chefredakteur, dem ebenfalls geschiedenen, ein
Jahr jüngeren Baron Henry de Jouvenel des Ursins, den sie Ende 1912 heiratete.
Kurz zuvor starb ihre Mutter, wobei ihr Halbbruder (aus Zorn, weil sie nicht
zur Beerdigung gekommen war?) ihre ca. 2000 Briefe an sie verbrannte.
1913 verarbeitete sie nochmals ihr früheres Leben im Variété
in L'Envers du music-hall (=Die Kehrseite des Variétés).
Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914 war auch
für Colette ein tiefer Einschnitt: Jouvenel wurde zum Militär eingezogen
(brauchte aber nicht an die Front, sondern bekleidete ständig höhere Posten im
Umfeld der Regierung). Sie selbst schickte im Überschwang der allgemeinen
Kriegsbegeisterung ihre 1913 geborene Tochter samt Gouvernante auf ein Landgut
der Jouvenels und betätigte sich als Krankenschwester, zunächst in Paris, dann
in einem Lazarett bei Verdun. 1915 waren Überschwang und Opferbereitschaft
offenbar auch bei ihr verflogen und sie bereiste das mit Frankreich gegen
Deutschland und Österreich verbündete Italien als Reporterin für Le Matin,
für den sie auch die nächsten Jahre schrieb. Anfang 1917 begleitete sie
Jouvenel nach Rom, der dort auf einer Konferenz Frankreich vertrat. Hier wurde
in ihrem Dabeisein und nach einem Drehbuch von ihr La Vagabonde verfilmt.
Zurück in Paris, begann sie endlich wieder einen neuen
Roman, Mitsou, ou comment l'esprit vient aux filles (=M., oder wie den
Mädchen ein Licht aufgeht), der 1919 erschien. Im selben Jahr wurde sie
Leiterin des literarischen Feuilletons des Matin. 1919/20 verfasste sie
ihren bekanntesten Roman: Chéri (=Liebling), die Geschichte der
letztlich unmöglichen Liebe eines jungen Mannes und einer älteren Frau. Das
Thema lag ihr nahe, denn sie hatte gerade selber eine Affäre mit ihrem
Stiefsohn Bertrand de Jouvenel (geb. 1903) begonnen. Chéri wurde 1921
von ihr und einem Co-Autor zu einem Theaterstück verarbeitet, in dem sie bei
der 100. Aufführung, aber auch später noch des öfteren, selbst die Rolle der
weiblichen Protagonistin spielte.
Inzwischen hatte ihr Mann als Politiker Karriere gemacht,
und auch sie war arriviert: 1920 war sie zum Chevalier de la Légion d’honneur
ernannt worden (1928 wurde sie sogar zum Officier und 1936 zum Commandeur
befördert.) Ihre Ehe allerdings ging in die Brüche, denn auch Jouvenel hatte
sich als untreu erwiesen und verließ sie 1923.
1922 begann sie im Feuilleton des Matin den kleinen
Roman Le Blé en herbe abzudrucken (=noch grünes Getreide [das aus
irgendwelchen Zwängen vor der Reife geschnitten wird]). Er kreist um das Thema
der sexuellen Initiation eines Jugendlichen durch eine ältere Frau und um den
unseligen Zugzwang, in den hierdurch seine jugendliche Freundin gerät. Der
Abdruck musste wegen moralischer Entrüstung vieler Leser der Zeitung
abgebrochen werden. Bei der Buch-Publikation 1923 benutzte die Autorin erstmals
das schlichte „Colette“ als Namen.
1922 und 1929 setzte sie ihrer eigenwilligen naturliebenden
Mutter ein Denkmal in den Romanen La maison de Claudine und Sido.
1925 lernte sie den deutlich jüngeren reichen Perlenhändler
Maurice Goudeket (geb. 1889) kennen, mit dem sie zunächst häufig längere Reisen
unternahm und den sie 1935 heiratete.
Ab 1939 litt sie unter einer fortschreitenden Arthrose der
Hüftgelenke, die ihr das Leben erschwerte und sie zunehmend an ihre neue
Wohnung im Palais Royal fesselte. Ein 1941 gedruckter autobiografischer Text
hieß entsprechend De ma fenêtre (=aus meinem Fenster).
Während der deutschen Besetzung Nordfrankreichs und der
antisemitischen Aktionen der französischen Vichy-Regierung gelang es ihr, ihren
aus einer jüdischen Familie stammenden Mann aus der Haft zu befreien und ihm
beim Untertauchen zu helfen.
1942 erzielte sie einen ihrer größten Erfolge mit dem kurzen
Feuilleton-Roman Gigi (als Buch
erschienen 1944). Er erzählt von der
Heirat einer hübschen, aber mittellosen jungen Halbwaise mit einem wohlhabenden
älteren Mann zur Zeit der Belle Époque und versetzte so, mitten im Zeiten
Weltkrieg, Autorin und Leser zurück in bessere Zeiten.
Nach dem Kriegsende wurde Colette zur (längst auch
wohlhabenden) großen alten Dame der französischen Literatur der ersten
Jahrhunderthälfte. Sie schrieb und publizierte, wurde gelesen und verfilmt,
hielt Vorträge und reiste hin und wieder, meist allerdings zu Kuren um ihre
Arthrose zu lindern. Sie wurde geehrt wie kaum eine Schriftstellerin vor ihr.
Z.B. wurde sie 1945 eines der zehn Mitglieder und 1949 sogar Vorsitzende der
Académie Goncourt, wogegen sich die Académie française noch nicht zu ihrer Aufnahme
durchringen konnte.
Von 1948 bis 1950 erschien in 15 Bänden eine Gesamtausgabe
ihrer Werke, betreut von ihrem Mann Goudeket.
Ihr 80. Geburtstag 1953 war ein nationales Ereignis und
brachte ihr die Beförderung von Commandeur zum Grand Officier der Légion
d’Honneur. Ein pompöses Staatsbegräbnis wurde ihr zuteil, als sie 1954 starb.
Colette verstand es vor allem, Frauengestalten und
Frauenschicksale psychologisch einfühlsam und lebensnah zu beschreiben. Ihr
unkonventioneller Lebensstil schlug sich auch in ihren Werken nieder, insbes.
darin, dass sie sich kritisch mit der Institution Ehe auseinandersetzte und die
Sexualität der Frau nicht tabuisierte.
(Stand: Jan.
10)
Guillaume
Apollinaire (*26.8.1880 Rom; †9.11.1918 Paris).
Er gilt heute
als wohl bester franz. Lyriker des Jahrhundertbeginns.
Geboren wurde er
(laut Taufurkunde) als Guglielmus Apollinaris Albertus Kostrowitzky in Rom,
erster von zwei Söhnen des Francesco Flugi d'Aspermont, eines hochadeligen
Ex-Offiziers des 1861 aufgelösten Königreichs Neapel, und seiner jungen
Geliebten Angelica (de) Kostrowicka, Tochter eines 1866 nach Rom emigrierten
kleinadeligen polnisch-russischen Ex-Offiziers und einer Römerin.
Seine
Vorschulzeit verlebte er in Rom; seine Schülerjahre verbrachte er (unter dem
Namen Wilhelm de Kostrowitzky) überwiegend in Monaco, wohin die Mutter 1887
umgezogen war, nachdem der Vater 1885 auf Druck seiner Familie das Verhältnis
mit ihr aufgelöst hatte. 1895 wechselte Apollinaire auf ein Gymnasium in Cannes
und 1897 auf eines in Nizza, offenbar aber ohne dort, wie sicherlich geplant,
1898 das baccalauréat abzulegen. In
all diesen Jahren kümmerte sich ein Onkel väterlicherseits, der in Monaco
Geistlicher war, um ihn und seinen jüngeren Bruder Roberto, während die Mutter
sich weiter als Geliebte reicher Männer durchschlug und viel abwesend war.
Apollinaire
war guter Schüler und lernte neben dem Französischen, das ja nicht seine
Muttersprache war, Latein, Griechisch und Deutsch. Warum er das „bac“ nicht
abgelegt hat, ist unbekannt.
Das
Jahr 1898 verlebte er lesend und schreibend in Monaco (wobei er diverse
Pseudonyme ausprobierte, darunter auch schon „Guillaume Apollinaire“). Anfang
1899 zog die Mutter mit ihrem aktuellen Liebhaber und den beiden Söhnen nach
Paris. Den Sommer verbrachte die Familie in Stavelot in Belgien, wo Apollinaire
sich in den Ardennen-Wald verliebte —
sowie in eine Gastwirtstochter, auf die er Gedichte verfasste. Auch seine
ersten Versuche als Erzähler unternahm er hier.
Zurück
in Paris, lebte er schlecht und recht von kleinen Jobs, unter anderem als
„nègre“ (Lohnschreiber) eines arrivierten Romanciers und als Schreibkraft.
Nebenbei verfasste er weiter eigene Texte: ein kurzes Theaterstück (das
angenommen, aber nicht aufgeführt wurde), Gedichte (vor allem an die Schwester eines
Freundes, die ihn aber nicht erhörte), sowie Erzählungen, darunter als
Auftragsarbeit eine pornographische.
Im
Sommer 1901 wurde er von der gebürtigen Deutschen Mme de Milhau für ein Jahr
als Französischlehrer ihrer Tochter eingestellt. Samt seiner jungen englischen
Kollegin Anny begleitete er Mme de Milhau, die Besitzungen in und bei Bad
Honnef geerbt hatte, auf einem längeren Aufenthalt dorthin. Hierbei inspirierte
ihn das Rheinland
— und mehr noch seine unglückliche
Verliebtheit in Anny — zu einer Reihe meist melancholischer Gedichte, die
später z.T. in sein Hauptwerk eingingen, die Sammlung Alcools. Während zweier Urlaube Anfang und Mitte 1902 bereiste er
Deutschland, vor allem den Westen und Süden, von Düsseldorf bis München, aber
auch Berlin, Dresden, Prag und Wien. Diese Reisen verarbeitete er in seinen
Gedichten und Erzählungen sowie in Reise-Impressionen für Pariser Zeitungen.
Nachdem
er 1901 seine ersten zum Druck angenommenen Gedichte noch als „Wilhelm
Kostrowitzky“ gezeichnet hatte, wählte er Anfang 1902 für seine erste gedruckte
Erzählung, L'Hérésiarque, das
Pseudonym „Guillaume Apollinaire“, das er von nun an ständig benutzte.
Seit
seiner Rückkehr nach Paris 1902 arbeitete er als kleiner Bankangestellter. Zwei
Reisen nach London, um Anny zu erweichen, blieben erfolglos.
Neben
seiner Büroarbeit schrieb er Gedichte, Erzählungen, Literaturkritiken und
diverses Journalistisches. Nach und nach fand er Zugang zu mehreren der damals
zahlreichen Pariser literarischen Zeitschriften und befreundete sich mit
diversen Literaten, insbes. Alfred Jarry.
Obwohl
nicht eben Fachmann, aber immerhin ja Bankangestellter, spielte er 1904 den
Chefredakteur einer Zeitschrift für Geldanleger, Le Guide des Rentiers. Im selben Jahr ließ er in einem Feuilleton
die märchenhaft surrealistische, ziemlich misogyne Erzählung L’Enchanteur pourrissant erscheinen (Der faulende Zauberer, i.e.
Merlin), die 1909 als Buch herauskam, vermehrt um einen neuen Anfangs- und
Schlussteil sowie Holzschnitte von André Derain.
1905
lernte er Picasso und Max Jacob kennen, über die er in das Milieu der Pariser
Avantgarde-Maler gelangte und in die Rolle eines Kunstkritikers hineinwuchs.
Wohl nicht nur aus Geldnot schrieb er hin und wieder auch pornographische
Texte, z.B. Les onze mille verges und
Les exploits d'un jeune Don Juan
(beide 1907), und betreute er ab 1909 bei einem Verlag die Buchreihe Les maîtres de l'amour, die er mit
ausgewählten Texten von Sade (der zu dieser Zeit noch wenig bekannt war) und
Aretino eröffnete.
1907
begegnete er bei Picasso der Malerin Marie Laurencin, mit der er einige Jahre
liiert blieb, bis sie ihm wegen seiner Macho-Allüren 1912 den Laufpass gab. Das
bekannte Bild La Muse inspirant le poète,
das der „Zöllner“ Henri Rousseau von beiden malte, entstand 1908.
1910
publizierte Apollinaire unter dem Titel L'Hérésiarque
& Cie. eine Sammlung seiner bis dahin verfassten Erzählungen: 23 meist
kurze, oft düster fantastische Texte in der Art von E.T.A. Hoffmann, Nerval,
Poe und Barbey d'Aurevilly. Das Buch wurde für den Prix Goncourt nominiert, bekam ihn aber nicht.
1911
stellte ein Bekannter eine im Louvre gestohlene Büste bei Apollinaire ab. Als
dieser deren Herkunft erfuhr und versuchte, die Rückgabe einzufädeln, wurde er
als Hehler verdächtigt und verhaftet. Obwohl er — nicht
zuletzt dank einer Unterschriftenaktion vieler Literaten und Künstler — nach fünf Tagen freikam, war er traumatisiert und fühlte
sich als Ausländer diskriminiert.
1912,
nachdem ihm der Schock der Verhaftung und der Bruch mit Marie Laurencin noch einige
gelungene Gedichte eingegeben hatten, beschloss er, die besten seiner lyrischen
Texte zu einem Sammelband zu komponieren, der Eau-de-vie (Schnaps) heißen sollte. Auf den schon fertigen
Druckfahnen änderte er den Titel in Alcools
und tilgte kurz entschlossen die gesamte Interpunktion (was damals zwar
nicht völlig neu war, aber erst in den 20er Jahren Schule machen sollte). Die
offiziöse Kritik von 1913 stieß sich so sehr am ungewohnten Fehlen der
Interpunktion, dass sie das ganze, teils noch dem Symbolismus verpflichtete,
teils dezidiert modernistische Bändchen negativ bewertete, als es im April
erschien. Apollinaire, der sich von ihm einen Durchbruch erhofft hatte, war
enttäuscht. Er reagierte mit literatur-, aber auch kunsttheoretischen Artikeln,
worin er aggressiv die neuen Formen verteidigte. Dies trug ihm Gegenangriffe
ein, die wiederum ihn provozierten und bis zu Duellforderungen trieben, die
aber folgenlos blieben. Den epochemachenden Erfolg des Bändchens sollte er
nicht mehr erleben.
Kurz
vor Alcools (März 13) hatte er eine
Sammlung von Zeitschriftenartikeln über Kunst und Künstler publiziert, die
schlicht Méditations esthétiques
heißen sollte, vom Verlag aber den zugkräftigeren Obertitel Les peintres cubistes erhielt und den
neuen Begriff etablieren half.
Wie
immer, schrieb er auch Erzählendes in diesem Zeitraum, insbes. die Langnovelle Le Poète assassiné (die erst 1916,
zusammen mit einigen kürzeren Novellen in Buchform herauskam) und Les trois Don Juan.
Im Mai
1914 beteiligte er sich mit drei von ihm gesprochenen Gedichten aus Alcools an der Aufnahme einer
Schallplatte mit symbolistischer Lyrik. Kurz hiernach begann er mit der
Abfassung von „idéogrammes“ (Bildgedichten, die er später „calligrammes“
nannte).
Als
am 1. August 1914 der Krieg ausbrach, ließ auch Apollinaire sich von der
allgemeinen Begeisterung anstecken und feierte den Krieg literarisch. Er
meldete sich sofort als Freiwilliger, wurde aber nicht genommen, weil er ja
Ausländer war, nämlich Russe aufgrund seines Großvaters, der aus dem damals
russischen Teil Polens stammte. Erst ein zweiter Anlauf im Dezember hatte
Erfolg. Er wurde nun sogar zu einem Offzierslehrgang zugelassen und beantragte
seine Einbürgerung samt einer Namensänderung, die sein Pseudonym zu seinem
offiziellen Namen machen sollte. Während des Lehrgangs hatte er offenbar genug
Zeit zum Schreiben, vor allem von Liebesbriefen und –gedichten. Diese galten
zunächst einer gewissen Louise de Coligny-Châtillon, in die er sich,
überwiegend unglücklich, kurz vor seiner Einberufung verliebt hatte; sie gingen
dann aber mehr und mehr an eine junge Algerien-Französin, die er auf der
Rückfahrt von einem enttäuschenden Treffen mit Louise im Zug kennengelernt
hatte (und mit der er sich im Sommer 15 brieflich und auf einem Besuch bei
ihrer Familie Silvester 15/16 auch persönlich verlobte).
Im
Frühsommer 1915 kam Apollinaire an die Front, zunächst zur Artillerie, wo er
etwas hinter der Linie war und auch Zeit zum Schreiben fand. Im November durfte
er ganz nach vorn, war aber nach kurzer Faszination desillusioniert vom Dreck
und Elend der Schützengräben. Im März 16, wenige Tage nach Vollzug seiner
Einbürgerung und Namensänderung, verletzte ihn ein Granatsplitter an der
Schläfe. Er musste mehrfach operiert werden, wurde aber auch mit einer
Auszeichnung bedacht.
Während
des anschließenden, gut einjährigen Genesungsurlaubs versuchte er — mit bandagiertem Kopf und in Uniform (denn er war ja
offiziell Soldat) — sein altes Pariser Leben wieder aufzunehmen. Dies gelang
trotz seiner geschwächten Gesundheit und der Kriegsverhältnisse relativ gut. Er
machte vor und nach dem Kriegsanfang begonnene Werke fertig, z.B. die
Gedichtsammlung Calligrammes oder den
Erzählband Le Poète assassiné.
Daneben schrieb er das surrealistische Stück Les mamelles de Tirésias (Auff. Juni 17, später von Francis Poulenc
zur Oper verarbeitet, Premiere 1947) und hielt Vorträge über die
zeitgenössische Lyrik. Hierbei konnteer feststellen, dass er inzwischen etwas
galt im Pariser Literaturbetrieb. Seine Verlobung löste er Ende 16 auf mit der
Begründung, er sei erschöpft und habe sich sehr verändert.
Halbwegs
genesen, verfasste er im Frühjahr 17 den Roman La Femme assise. Im Juni wurde er reaktiviert, konnte aber in Paris
bleiben, wo er Dienst in der Zensurabteilung des Kriegsministeriums tat. Aus
dieser Zeit stammt das künstlerische Manifest L'esprit nouveau et les poètes.
Im selben Jahr gründete er zusammen mit Max Jacob und Pierre Reverdy die
Avantgarde-Zeitschrift Nord-Sud, die Beiträge zu Kubismus und
Surrealismus enthielt, aber schon 1918 wieder einging.
Im
Januar 18 musste Apollinaire mit einer Lungenentzündung mehrere Wochen in eine
Klinik. Hiernach pflegte ihn eine junge Frau aus dem Künstlermilieu, Jacqueline
Kolb, mit der er sich im Mai kurzentschlossen verheiratete. Ob „la jolie
rousse“ (die hübsche Rothaarige), wie er sie in einem Gedicht besang, die Frau
fürs Leben war, die ihn endlich von seinem quälerischen Selbstbild eines
ungeliebten „mal-aimé“ hätte befreien können, steht dahin, denn im November
erlag er der Virus-Grippe, die in Europa grassierte (und mehr Menschen
dahinraffte als der ganze Erste Weltkrieg). Er wurde beigesetzt auf dem
Friedhof Père Lachaise.
Im
Nachlass fanden sich zahlreiche Gedichte und Prosa-Fragmente, die in den
folgenden Jahren gedruckt wurden und die seine Position in der
Literaturgeschichte festigten.
(Stand: Jan. 06)
Roger Martin du
Gard (* 23.3.1881 in Neuilly bei Paris; †
22.8.1958 in Bellême/Normandie).
Er wurde in der Zwischenkriegszeit
sehr geschätzt und 1937 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Heute scheint er fast
vergessen.
Martin du Gard stammte von beiden
Elternteilen her aus katholisch-konservativen Juristenfamilien. Er wuchs auf in
dem gutbürgerlichen Pariser Vorort Neuilly und besuchte zunächst eine
katholische Schule, dann das renommierte Gymnasium Condorcet (wo er den
späteren Verleger Gaston Gallimard als Klassenkameraden hatte). Seine
Schulleistungen dort waren schlecht, denn statt zu lernen, las er wahllos
vielerlei im Lehrplan nicht Vorgesehenes und schrieb. Er wurde deshalb vom
Vater in ein Pariser Privatinternat gegeben, wo er durch einen tüchtigen Lehrer
eine strenge, aber wirksame Förderung erfuhr, so dass er schließlich auf das
katholische Gymnasium Janson de Sailly wechseln und das Baccalaureat ablegen
konnte.
Inzwischen hatte
er beschlossen, Romancier zu werden nach dem Vorbild vor allem Leo Tolstois,
dessen historischer Familienroman Krieg und Frieden ihn beeindruckt
hatte. Er begann deshalb 1898 ein Literatur-Studium an der Sorbonne, brach
dieses aber ab und bewarb sich 1900 erfolgreich für die École des chartes, die
traditionsreiche Pariser Hochschule für Archivare und Bibliothekare. Hier
erhielt er ein fundierte Ausbildung zum Historiker, die sein späteres Schaffen
prägte.
Nachdem er 1902/03 zwischendurch den
Militärdienst abgeleistet hatte, beendete er 1906 sein Studium mit Diplom und
Doktorat. Anschließend heiratete er (trotz latenter homosexueller Neigungen),
machte eine längere Hochzeitsreise nach Nordafrika und wurde 1907 Vater einer
Tochter. Einem Broterwerb nachgehen musste er dank ausreichendem eigenem
Vermögen nicht. Vielmehr schriftstellerte er, abwechselnd in Paris oder der
Ferienvilla seiner Eltern und vor allem im Schlösschen seiner Schwiegereltern
in Bellême, das er später (1925) kaufte und zu seinem Lebensmittelpunkt machte.
Nach ersten
Schreibversuchen schon als Schüler hatte M. du G. in seiner Studienzeit mehrere
Werke verfasst, die aber ungedruckt geblieben waren: 1901 den Roman La
Chrysalide, 1903 die beiden Novellen in Dialogform Jean Flers und La
Méprise sowie anschließend den Dialogroman Une vie de saint, den er
1906 halb fertig aufgab.
Sein erstes
publiziertes Werk wurde 1908 der formal konventionellere autobiografische Roman
Devenir !, in dem sich ein junger Notar zum Autor entwickelt. Als
Privatdruck publiziert, erzielte es zwar keinen Verkaufserfolg, bekam jedoch
einige positive Kritiken. Erstes von einem Verlag angenommenes Werk M. du G.s
war 1910 die Erzählung L’Une de nous.
1910 kehrte er
zurück zu der Form, mit der er schon länger experimentiert hatte und die ihm
der Moderne besonders angemessen schien: einer Montage von Dialogen sowie auch
Briefen, Tagebuchpassagen u.ä. mit kurzen, verbindenden auktorial erzählenden
Zwischentexten. In dieser Manier schrieb er den Roman Jean Barois, wo es
vor dem historischen Hintergrund der Dreyfus-Affäre (1894-1906) und der heiß
umstrittenen Trennung von Staat und Kirche (1905) um den Konflikt zwischen
szientistischem Agnostizismus und traditioneller Frömmigkeit geht, einen Konflikt,
der viele bürgerliche Zeitgenossen und auch den Autor selber plagte, der gegen
seine katholische Erziehung ankämpfend zum Atheisten mutiert war. Von einem
ersten Verleger (Grasset) abgelehnt, kam das Werk 1913 dank Schulfreund
Gallimard auf den Schreibtisch von André Gide, der beeindruckt war und es für
den Verlag der jungen Zeitschrift La Nouvelle Revue française annahm.
Der Jean Barois hatte dann trotz oder auch wegen seiner
avantgardistischen Form beachtlichen Erfolg und verschaffte seinem Autor Anschluss
an den Kreis um Gide, Jean Schlumberger und Jacques Copeau.
1912 mündete die
Vorliebe M. du G.s für die Dialogform in einem genuinen Theaterstück: der im
bäuerlichen Milieu spielenden Farce Le Testament du Père Leleu. Das
Stück wurde 1914 von dem zum Freund gewordenen Regisseur Copeau im soeben
gegründeten Pariser Theater Le Vieux-Colombier inszeniert, kam gut an
und wurde bis in die 30er Jahre hinein häufig gespielt. (Eine weitere
bäuerliche Farce, Le Gonfle, verfasst 1922-24, blieb unaufgeführt.)
Die Kriegsjahre
verbrachte M. du G. zwar bei einer Logistikeinheit in der Etappe, war aber
dennoch erschüttert beim Anblick Zeuge der Verwüstungen und des menschlichen
Elends im Frontbereich. Immerhin konnte er zwischendurch zwei Stücke von Anton
Tschechow für das franz. Publikum bearbeiten. Im ersten Nachkriegsjahr
(1918/19) war er Soldat im Rheinland, das von Frankreich besetzt worden war.
Zurück in Paris,
half er Copeau das Théâtre du Vieux-Colombier wiederzueröffnen.
1920 – es war die
Epoche der langen „romans fleuve“ –
entwarf er den Plan für einen vielbändigen Familienroman mit dem Titel Les
Thibault, dessen Handlung von 1905 bis in die jeweilige Schreib-Gegenwart
reichen sollte (letztlich bis ca. 1940!), schließlich aber nur die Zeit bis
1918 überspannte. Die Hauptrollen in dem formal eher konventionellen Werk
spielen der großbürgerliche und autoritär-konservative Witwer Oscar Th. sowie
seine beiden Söhne Antoine, der zu Beginn schon als tüchtiger junger Arzt
arbeitet, und Jacques, der anfangs noch 14jähriger Schüler ist. Der die
Handlung tragende Generations- und Mentalitäten-Konflikt hat als Kontrahenten
vor allem Oscar, den hypermoralisch-katholischen, z.B. die Sexualität
tabuisierenden Patriarchen alter Schule, und den aufsässigen Jacques, der
vollends rebelliert, als er wegen seiner jugendlichen Schwärmerei für einen
Klassenkameraden und einem Ausreißversuch mit ihm als homosexuell gefährdet
betrachtet und in ein Erziehungsheim gesteckt wird. Nachdem er dank dem stets
vermittelnden Antoine daraus freigekommen ist, entwickelt er sich später zum
linken Intellektuellen und pazifistischen Aktivisten. Die Handlung schließt,
nachdem die beiden Kontrahenten, Vater Oscar und Rebell Jacques, schon vorher
gestorben bzw. umgekommen sind, mit dem tragischen Ende auch des
pflichtbewussten Philanthropen Antoine, der immer wieder zwischen Sohn und
Vater vermittel hat, im Krieg Opfer eines Giftgasangriffs geworden ist und
sich, unheilbar leidend, das Leben nimmt. Die schließlich acht Bände des Romans sind: Le Cahier
gris (1922), Le Pénitencier (1922), La Belle Saison (1923), La
Consultation (1928), La Sorellina (1928), La Mort du père
(1929), L’Été 1914 (1936) und Épilogue (1940). Den
1930 fast fertiggestellten ursprünglichen Band 7, L’Appareillage,
vernichtete M. du G., als er, auch durch einen schweren Autounfall zusammen mit
seiner Frau (Jan. 1931), in eine Krise geraten war und die Arbeit an den Thibaults
einzustellen gedachte.
Da gleich die
ersten Bände des Romans den Zeitgeschmack getroffen hatten und sich gut
verkauften, konnte M. du G. 1924 von seinem Schwiegervater das Schlösschen Le
Tertre in Bellême erwerben und sich aus dem ungeliebten Pariser
Literaturbetrieb dorthin zurückziehen.
Während des
Stillstandes der Thibaults war er nicht völlig inaktiv. 1930 schrieb er
die um das Inzest-Motiv kreisende Rahmen-Erzählung Confidence africaine.
1931 verfasste er das „drame moderne“ Un Taciturne, dessen Protagonist
Selbstmord begeht, als er sich seiner Homosexualität bewusst wird. Das Stück
wurde zwar aufgeführt, kam aber beim Publikum nicht an und blieb der letzte
Versuch seines Autors als Dramatiker. 1932 erzielte M. du G. einen schönen
Erfolg mit dem satirischen Roman La Vieille France, der einen
Dorfbriefträger auf Stationen seiner Tour begleitet.
1933 machte er
sich wieder an sein großes Werk, allerdings nach einem neuen, stark verkürzten
Konzept. 1936 kam in drei Teilen der Band L’Éte 1914 heraus. Er
beeindruckte als eine scharfsichtige Analyse der Situation vor dem Ausbruch des
Ersten Weltkriegs und war ein großer Erfolg. Zweifellos waren es dieser Erfolg
und die pazifistische Grundtendenz von L’Été, die 1937, in einem Moment
erneut wachsender Kriegsgefahr in Europa, G. du M als nobelpreiswürdig
erscheinen ließen.
Der Kriegsausbruch 1939 überraschte ihn auf einer
längeren Karibik-Reise; über die USA gelang ihm schließlich die Heimkehr. Bei
Beginn des deutschen „Blitzkriegs“ 1940 flüchtete er aus Bellême und ließ sich
in Nizza nieder (das wenig später jedoch von Italien annektiert und 1943 von deutschen
Truppen besetzt wurde).
In Nizza begann
er einen neuen Roman, der wiederum bis in die unmittelbare Gegenwart führen
sollte: Les Mémoires du lieutenant-colonel Maumart. Das Werk kam jedoch
über die weit vor 1900 liegende Jugendzeit des latent homosexuellen fiktiven
Protagonisten nicht hinaus und wurde erst postum als Fragment samt zusätzlichen
Entwürfen gedruckt.
In der
Nachkriegszeit blieb es still um M. du G. Schon im Krieg hatte er es
unterlassen, sich politisch zu engagieren und auch später widerstrebte ihm das.
So geriet er völlig ins Abseits des damals stark politisierten Pariser
Literaturbetriebes, zumal er auch, wie früher, wieder abseits in Bellême
wohnte. Da darüber hinaus seine bisherigen Themen aufgrund des tiefen
historischen Einschnittes nach 1940 obsolet geworden waren, beschäftigte er
sich nur noch mit kleineren Projekten, z.B. einer Romanübertragung aus dem
Amerikanischen, dem Drehbuch für eine Verfilmung der Anfangsbände der Thibaults
oder einem Buch über seinen 1951 verstorbenen Freund André Gide.
Immerhin erlebte
er noch das Erscheinen einer Gesamtausgabe seiner Werke mit einem höchst
anerkennenden Vorwort von Albert Camus in der renommierten Klassikerreihe
Bibliothèque de la Pléiade (1955).
2003 bewirkte
eine Fernsehserie nach den Thibaults
eine kleine M. du G.-Renaissance in Frankreich.
(Stand: Jan. 10)
Jean Giraudoux (*29.10.1882
Bellac/Limousin; †31.1.1944 Paris).
Er wird z.Zt.
zwar kaum mehr gelesen und gespielt, ist aber ein für die Entwicklung des
franz. Theaters im 20. Jh. sehr bedeutsamer Autor.
Er
wuchs auf als Sohn eines kleinen Beamten in verschiedenen südwestfranzösischen
Kleinstädten. Dank eines Begabten-Stipendiums konnte er das Gymnasium in
Châteauroux besuchen und danach die Vorbereitungsklassen (classes préparatoires) des Pariser
Lycée Lakanal absolvieren, wo der bekannte Germanist Charles Andler sein
Interesse für Deutschland weckte. Anschließend bestand er die Aufnahmeprüfung
für die École Normale Supérieure, die Elitehochschule für die Lehramtsfächer,
die er 1905 als Jahrgangsbester mit dem diplôme
d'allemand abschloss. Es folgte ein längerer Deutschlandaufenthalt als
Hauslehrer bei einer reichen französischen Familie in München. Danach meldete er
sich jedoch nicht, wie zunächst wohl geplant, zur Rekrutierungsprüfung (agrégation) für das Amt des
Gymnasialprofessors, sondern ging als Französischlektor nach Harvard in die
USA.
Nach
seiner Rückkehr 1907 gab Giraudoux die potenzielle Gymnasialkarriere endgültig
auf und lebte in Paris schlecht und recht von seiner Feder. Insbesondere
schrieb er Erzählungen, die 1909 als Provinciales
gesammelt herauskamen und ihm erste Anerkennung brachten. 1910 wurde er wenig
belasteter Privatsekretär des Zeitungsmagnaten Bruneau-Varilla und publizierte
in dessen Blatt Le Matin
Literaturkritiken sowie Erzählungen, die 1911 in Buchform erschienen als L’École
des indifférents (=die Schule der Gleichgültigen).
Da
er sich dank seiner Nähe zum Journalismus für Politik zu interessieren begonnen
hatte, bewarb er sich 1911 für den diplomatischen Dienst und wurde in die
Ausbildung aufgenommen. 1914 wurde er Soldat. Er wurde mehrfach verwundet sowie
für Tapferkeit vor dem Feind ausgezeichnet. 1917 publizierte er sein
Kriegstagebuch als Lettres pour une ombre
(=Briefe für einen Schatten).
Die letzten Kriegsmonate verbrachte er als Ausbilder in Portugal, das rasch
noch Deutschland den Krieg erklärt hatte und seine Armee modernisierte.
Von
dort zurück, beendete und publizierte Giraudoux 1918 seinen ersten Roman, Simon le pathétique. In den nächsten 20
Jahren führte er ein Doppelleben als Diplomat (wobei er aber meist in Paris im
Außenministerium arbeiten konnte) und als Autor.
Als
dieser verfasste er zunächst weitere Romane, z.B. Elpénor (1919), Adorable
Clio (1920), Suzanne et le Pacifique (1921), Églantine
(1927), Les aventures de Jérôme Bardini (1930).
1928
nahm seine Autorenkarriere eine entscheidende Wendung: Er verarbeitete seinen
in Deutschland spielenden Roman Siegfried
et le Limousin (1922) zu einem Stück, das als Siegfried von de bekannten Regisseur Louis Jouvet inszeniert wurde und
als ein Signal zur Versöhnung zwischen Deutschen und Franzosen großen Erfolg
hatte. Jouvet animierte nun Giraudoux zu
weiteren Stücken, die denn auch in Serie folgten: Amphitryon 38 (1929), ein heiteres Stück um die Zeugung des
Herkules durch den als Amphitryon maskierten Jupiter; Judith (1931); Intermezzo
(1933); La Guerre de Troie n'aura pas
lieu (1935), ein Stück, das die Kriegsängste vieler Franzosen angesichts
der Hitlerschen Aufrüstung und der wachsenden Destabilisierung Europas
verarbeitet und das, nachdem es ursprünglich optimistisch enden sollte,
pessimistisch ausgeht; Électre
(1937), ein Stück, das die politische Polarisierung Frankreichs nach dem
Wahlsieg der Volksfront vom Sommer 1936 spiegelt und in dem die unversöhnliche
Électre die dogmatisch-kompromisslosen Kommunisten inkarniert, die, wie der
Autor befürchtet, das von außen bedrohte Land durch ihre Unnachgiebigkeit
lähmen und verteidigungsunfähig machen; Ondine
(1939), ein märchenhaftes, trauriges Stück, das die Ängste und
Verdrängungswünsche vieler Franzosen kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs
zu reflektieren scheint und - wie viele seiner Werke - die tragische
Verquickung von Nähe und Distanz im Verhältnis von Frankreich zu Deutschland
verdeckt thematisiert.
Nach
Kriegsbeginn wurde Giraudoux zum commissaire
général à l'Information ernannt, einer Art Propaganda-Minister. Nach dem
deutschen Angriff, dem "blitz allemand", im Mai 1940 und der
Etablierung des Pétain-Regimes im Juni zog er sich mehr und mehr ins Private
zurück.
In
der relativen Normalität, die trotz der deutschen Besatzung von Herbst 1940 bis
etwa Ende 1943 in Frankreich herrschte, publizierte er eine Sammlung von Vorträgen
und Essais und schrieb weitere Stücke: Sodome
et Gomorrhe, L'Apollon de Bellac,
La Folle de Chaillot und Pour Lucrèce. Letzteres wurde 1943 sogar
aufgeführt, während La Folle de Chaillot,
eine bitter-melancholische Satire auf das Treiben der Spekulanten und
Geschäftemacher im besetzten Paris, erst postum 1945 auf die Bühne kam.
Anfang
1944 starb Giraudoux an einer Lebensmittelvergiftung.
Während
sein Romanwerk auch zu seinen Lebzeiten nur mäßige Geltung erlangt hat, war
sein Theater zwei bis drei Jahrzehnte lang äußerst erfolgreich. Es hat vor
allem wegen seiner Sprache gewirkt, die in einer unverwechselbaren Mischung
Witz und Tiefsinn, Banalität und Poesie vereint und spätere Dramatiker, z.B.
Jean Anouilh, stark beeinflusst hat.
(Stand:
Jan. 10)
(Zu La
Guerre de Troie und Électre vgl.
meine Studie "Alte Stoffe – neuer Sinn" in: G. P., Interpretationen, Heidelberg:
Universitätsverlag C. Winter, 1997). Hieraus entnommen sind im Folgenden die
Einleitung und die Giraudoux betreffenden Passagen:
Antikisierende,
also antike, meist mythologische Stoffe gestaltende Stücke tun zwar so (gemäß
der Konvention historischer Fiktionen generell), als würden sie Historie
vergegenwärtigen, in Wahrheit aber ist es umgekehrt: sie historisieren
Gegenwart. D. h. nur scheinbar stellen sie ein längst vergangenes
Geschehen dar, und nur scheinbar zeigen sie Konflikte und Probleme legendärer
Personen. Tatsächlich aber spiegeln sie aktuelles Geschehen, verarbeiten sie
aktuelle Konflikte und Probleme. Mit anderen Worten: antikisierende Stücke
behandeln, ganz wie andere literarische Werke auch, die Realität der eigenen
Entstehungszeit, diejenige Realität, die den Autor umgab, als er den Text
konzipierte, und die, wie er annehmen musste, nicht nur ihn bedrängte, sondern
auch sein potentielles erstes Publikum.
Wenn
es aber zutrifft, dass antikisierende Stücke historisierend verkleidete
Spiegelbilder von Realität der Entstehungszeit sind und dass sie vom
zeitgenössischen Publikum letztlich auch als solche Spiegelbilder erkannt
werden sollen, dann muss die Handlung jeweils deutliche Analogien zu aktuellen
Geschehnissen zeigen und müssen die Figuren in deutlicher Weise zeitgenössische
Personen und Personengruppen verkörpern.
Dass
dies in der Regel so ist und wie dies aussehen kann, sei im Folgenden gezeigt
am Beispiel von vier französischen Stücken, die Stoffe aus der griechischen
Antike gestalten, in Wahrheit aber die Realität ihrer Entstehungszeit spiegeln,
nämlich die Realität der 30er und 40er Jahre in Frankreich. Es sind Jean Giraudoux' La Guerre de Troie n'aura pas lieu und Électre, Jean-Paul Sartres Les
Mouches und Jean Anouilhs Antigone.
(s.u. bei Sartre und Anouilh)
Ich verfahre
chronologisch und beginne mit dem im Frühsommer 1935 verfassten und im Herbst
uraufgeführten La Guerre de Troie n'aura
pas lieu. Wie der Titel sagt, benutzt das Stück den Troja-Stoff, der sich
vor allem mit dem Namen von Homer verbindet, der in seiner Ilias die Vorgeschichte des Kriegs und natürlich diesen selber
dargestellt hat, und zwar aus griechischer Sicht. Giraudoux nun macht sich
quasi den Spaß, eine Vorgeschichte aus trojanischer Sicht zu erfinden; und mit
der witzig-paradoxen Formulierung seines Titels suggeriert er die Idee, dass
ein nicht mehr ungeschehen zu machender Krieg womöglich doch noch abgewendet
werden kann. Wirklich zeigt die Handlung des Stücks die hartnäckigen Bemühungen
des Trojaners Hector, einen Kampf zwischen Griechenland und Troja im letzten
Moment zu verhindern – Bemühungen, die der Autor seinem zeitgenössischen
Publikum als offenbar nötiges Vorbild vorführt.
Doch gehen wir
aus von der globalen Deutungshypothese, dass Handlung und Figuren des Stücks
die Realität der Entstehungszeit, d. h. französische Verhältnisse von 1935
spiegeln.
Der Schauplatz
der Handlung, Troja, wäre dann das Frankreich der Zeit; die Trojaner, die das
Gros der handelnden Figuren stellen, wären die Franzosen. Wer aber wären die
Griechen, die offenbar Trojas Erzfeinde und potentielle Kriegsgegner sind?
Sieht man die Geschichte jener Jahre, so kommen nur die Deutschen in Frage, von
denen erstmals nach dem Ersten Weltkrieg wieder Kriegsgefahr ausging für
Frankreich. Denn Mitte März 35 brach der zwei Jahre vorher zum „Führer“
avancierte Hitler eklatant den Versailler Vertrag und führte die Allgemeine
Wehrpflicht wieder ein. Dieser Vertragsbruch war ein Schock für die Franzosen.
Von der Regierung wurde er so ernst genommen, dass sie noch im Mai einen
Beistandspakt mit Russland schloss; und auch Giraudoux reagierte darauf: eben
mit La Guerre de Troie. Liest man das
Stück im Licht der Deutungshypothese, dass die kriegsbereiten Griechen die
Deutschen verkörpern, so findet man viele Textdetails, die dies bestätigen, und
zwar so augenfällig, dass nicht nur das zeitgenössische Publikum dies sah,
sondern auch kaum ein Interpret daran gezweifelt hat.
Der Streitpunkt
zwischen den Trojanern und den Griechen des Stücks ist Hélène, die von den
Griechen zurückverlangt wird. Was aber war der große Streitpunkt zwischen
Franzosen und Deutschen, und was verlangten diese zurück? Das war vor allem
Elsass-Lothringen, d. h. jene damals deutschsprachigen Gebiete links des
Ober-Rheins, die 1871 zurückgekommen waren an Deutschland, doch 1918
reannektiert worden waren von Frankreich. Tatsächlich (aber das ist den
Interpreten bisher offenbar entgangen) gibt es viele Parallelen zwischen der
Hélène Giraudoux' und Elsass-Lothringen bzw. den Elsässern und Lothringern der
Zeit. Eine erste Parallele ist die folgende: In den Augen der Griechen wurde
Hélène vor kurzem von den Trojanern geraubt und muss zurückgeholt werden,
wogegen die Trojaner glauben, sie sei der Attraktion des schönen Pâris gefolgt
und habe sich ihm enthusiastisch hingegeben. Ganz ähnlich war in den Augen der
Deutschen das kürzlich reannektierte Elsass-Lothringen widerrechtlich von
Frankreich geraubt worden, und Hitler forderte die Gebiete lautstark zurück;
wogegen die Franzosen glaubten, die Elsass-Lothringer seien, auch wenn sie
ungefragt annektiert worden waren, nur zu gern der Attraktion der überlegenen
französischen Kultur und Lebensart gefolgt, der sie sich begeistert zugewendet
hätten.
Weitere
Parallelen: Die Hélène Giraudoux' ist sichtlich nicht ungern in Troja, wo sie
sich von vielen Seiten umworben sieht. In ihrem tiefsten Wesen aber ist sie
eine Fremde (eine blonde übrigens), die jederzeit nach Griechenland zurückgehen
könnte. Ähnlich sahen viele Franzosen der Zeit die Elsass-Lothringer. Man
meinte zwar, dass sie lieber zu Frankreich gehörten, empfand sie aber zugleich
– sie sprachen ja Deutsch unter sich – als irgendwie fremd und auch als
unsichere Kantonisten, denen zuzutrauen war, dass sie ohne Zögern wieder
Deutsche würden, wenn sie dies für vorteilhaft hielten – so wie gerade im
Januar 35 die Saarländer per Volksabstimmung beschlossen hatten zurückzukehren
in das im Aufschwung befindliche Deutschland.
Weiter: Hélène
wird von den Chauvinisten und Militaristen in Troja zum nationalen Symbol
überhöht, dessen Verlust um jeden Preis, und sei es Krieg, verhindert werden
muss; für die Realpolitiker und Pazifisten dagegen ist sie eine konkrete
Person, die man, wenn sie selber zustimmt, um des Friedens willen
zurückschicken sollte. Ähnlich sah die nationalistische französische Rechte der
Zeit in Elsass-Lothringen das Symbol
für Frankreichs Sieg im Ersten Weltkrieg, Gebiete, die man nie zurückgeben
durfte, ganz gleich, was die konkreten Elsass-Lothringer selbst vielleicht
wünschten. Für zahlreiche Linke dagegen war Elsass-Lothringen weniger ein
Glaubenssatz als nur ein Element im deutsch-französischen Verhältnis, Gebiete
die man für einen dauerhaften Frieden notfalls hinzugeben bereit gewesen wäre,
zumal wenn eine eventuelle Volksabstimmung in diesem Sinne ausgegangen wäre.
Eine letzte
Parallele: Hélène wird angefleht von Andromaque, sie möge ein Liebesbekenntnis
zu Pâris und damit zu Troja ablegen, weil nur dann ein Krieg um sie einen Sinn
haben könnte für die Trojaner. Hélène aber ist nur zu einer Sympathiebekundung
bereit und nicht zur vollen Identifikation. Ganz ähnlich wie Giraudoux Hélène
hier darstellt, sahen sicher viele Franzosen die Elsass-Lothringer, nämlich als
Leute, die Frankreich zwar attraktiv und sympathisch fanden, sich mit ihm aber
nicht voll identifizierten und deshalb einen Krieg um sie nicht unbedingt
verdienten.
Allerdings mag Giraudoux
sich selber letztlich nicht so recht entscheiden, wie er es mit Hélène alias
Elsass-Lothringen halten soll. Zwar lässt er die mittlere Generation in Troja
für die Rückgabe sein, also Hector, Andromaque, Hécube und Cassandre, hinter
deren Realismus und Pazifismus er deutlich selber steht; die junge Generation
jedoch, nämlich Troïlus und Polyxène, und damit Trojas Zukunft, lässt er
Hélènes Bleiben wünschen; und wenn er das Stück mit dem Ausbruch des Krieges
enden lässt, so zugleich auch damit, dass Hélène den jungen Troïlus küsst.
Doch sehen wir
nunmehr systematisch die anderen Figuren. Die Trojaner unter ihnen, und damit
die meisten, verteilen sich auf zwei Parteien: die bellizistische ältere
Generation und die pazifistische mittlere Generation.
Chef der
Bellizisten ist ein gewisser Demokos, eine Figur, die keine direkte
Entsprechung hat bei Homer. Er wird vorgestellt als Intellektueller und als
Dichter, der zugleich als Senatspräsident zur herrschenden Klasse in Troja
gehört. Er erscheint vor allem als fanatischer Nationalist, der den Streit um
Hélène als willkommenen Anlass betrachtet zum Krieg, den er selbst am Ende auch
auslösen wird. Auf die Realität um 1935 bezogen verkörpert Demokos sichtlich
den Typ des chauvinistischen Literaten und Politikers, der einen neuen
Waffengang mit Deutschland nicht scheute und einen baldigen Konflikt,
z. B. um Elsass-Lothringen, als willkommene Gelegenheit sah, um den
erstarkenden Gegner zeitig zu schwächen und Frankreichs Vormachtstellung neu zu
sichern. Dieser Typ des rechtslastigen Demagogen war unter den Franzosen jener
Jahre reichlich verbreitet, doch dachte Giraudoux speziell wohl auch an Charles
Maurras, den Chefideologen der nationalistischen und antideutschen Action Française, sowie an den
chauvinistischen Lyriker Paul Déroulède, der zwar nicht mehr lebte, aber sicher
noch gut bekannt war als der "poète national", der Jahrzehnte lang
für die Rückeroberung von Elsass-Lothringen getrommelt hatte und zu den
geistigen Vätern des Ersten Weltkriegs gehörte.
Neben Demokos
steht die ebenfalls von Giraudoux erfundene Figur des Géomètre. Er assistiert
seinem Meister, indem er von der Harmonie schwärmt, die Trojas Topographie dank
Hélène gewonnen habe. Später im Stück schlägt er Demokos vor, die trojanischen
Soldaten in der Kunst der provozierenden Epitheta zu schulen. Er verkörpert
einerseits offenbar jene Pseudo-Ästheten, denen Elsass-Lothringen bedeutsam war
wegen der Schönheit der "ligne bleue des Vosges" und wegen der
wiedergewonnenen Vollkommenheit des französischen hexagone auf der Landkarte. Der Géomètre scheint zugleich jedoch
auch Züge des nationalistischen Journalisten und Maurras-Adepten Léon Daudet zu
tragen, dessen Spezialität provozierende Schimpfnamen waren, mit denen er linke
und gemäßigte Politiker und Intellektuelle belegte.
Neben Demokos
steht weiter König Priam. Auch er ist – zum Erstaunen seines Sohnes Hector, der
ihn für vernünftiger gehalten hatte – bereit, den Krieg zu führen für Hélène,
und zwar vor allem um Trojas Ehre als soldatischer Nation zu retten. Priam
verkörpert zweifellos den Typ des gemäßigten Rechten, z. B. in Gestalt des
Staatspräsidenten Albert Lebrun, einen Typ, der normalerweise rational
reagierte und auf Ausgleich bedacht war, in Zeiten der Spannung aber leicht zum
Hurrah-Patrioten mutierte.
Neben Demokos
stehen schließlich alle alten Männer Trojas, die Hélène fast vergöttern. Sie
sollen wohl die alte Generation in Frankreich verkörpern, die mit der
revanchistischen Elsass-Lothringen-Propaganda der Vorkriegszeit aufgewachsen
war, durch den Krieg nichts dazugelernt hatte und mit der Reannektierung
Elsass-Lothringens Frankreichs Glück auf Erden verwirklicht glaubte.
Auf der
Gegenseite finden wir die Realisten und Pazifisten. Anders als die schon
ältlichen Bellizisten sind sie meist jüngeren Alters und zählen damit zu der
von einem eventuellen Krieg am meisten betroffenen Generation. Ihr Chef ist
Priams ältester Sohn Hector. Er ist kampferprobter Soldat und kehrt soeben
siegreich heim von einem Feldzug, wo er sich geschworen hat, dass es der letzte
gewesen sein soll. Das ganze Stück hindurch bemüht er sich, den Krieg um Hélène
zu verhindern durch ihre Rückgabe bzw. ihre freiwillige Rückkehr; er muss aber
nicht nur gegen den Fanatismus und die Unvernunft der Bellizisten Trojas und
Griechenlands kämpfen, sondern muss auch erkennen, dass das eventuelle große
Ringen zwischen Griechenland und Troja schicksalhaft ist und damit mehr
bedeutet als nur einen Kampf um Hélène. Hector ist der Realitätssinn, die
Vernunft und die Versöhnungsbereitschaft in Person. Er ist nicht nur die
zentrale Figur in der Handlung des Stücks, sondern sichtlich auch die Figur, mit der der Autor sich am
meisten identifiziert. Versucht man Hector auf die Realität der Zeit zu
projizieren, so verkörpert er offenbar weniger einen konkret vorhandenen Typ
als vielmehr einen Wunschtyp Giraudoux': Hector ist zugleich der Weltkrieg
I-Soldat, der, ganz wie Giraudoux einst selber, Pazifist geworden ist; er ist
der realistisch und vernünftig denkende Bürger gemäßigt linker Couleur, wie Giraudoux
es selber war und viele andere mit ihm; und er ist der kompromissbereite
Politiker, wie es der von Giraudoux bewunderte Außenminister Aristide Briand
gewesen war.
An der Seite
Hectors stehen vor allem die Frauen Trojas, die es nicht hinnehmen wollen, dass
ihre Söhne, Gatten und Brüder für ein bloßes Symbol, wie Hélène es für die
Bellizisten ist, in den Kampf geschickt werden. Da ist zunächst Hectors
realistisch-nüchterne Mutter Hécube, die genüsslich das hohle Pathos des
Demokos zerpflückt; weiter ist da Hectors schwangere Frau Andromaque mit ihrem
idealistisch motivierten Streben nach einer Zukunft in Frieden; und es ist da
Hectors klarsichtige Schwester Cassandre, die die Demagogie und das Heuchlertum
der Bellizisten durchschaut, letztlich aber wenig Grund zum Optimismus findet.
Sie sollen offenbar die Gesamtheit der französischen Frauen verkörpern, bei
denen Giraudoux den gesunden Menschenverstand und – vermutlich nicht völlig zu
Unrecht – einen aus verschiedensten Quellen gespeisten Pazifismus vermutet.
Etwas zwischen
den Fronten, wenn im Kopf auch mehr auf Seiten Hectors, steht Pâris, der
attraktive Verführer Hélènes und anderer vor ihr. Er soll sichtlich die
französische Kultur und Lebensart verkörpern, die – nomen est omen – in Paris
ihren attraktivsten Ausdruck besitzt.
Ebenfalls
außerhalb der beiden Lager stehen Troïlus und Polyxène, die Vertreter der
jüngsten Generation. Beide lieben sie Hélène, und diese mag sie. Sie
verkörpern, wie eben schon gesagt, ganz offenbar die Zukunft, und zwar im Sinne
einer rückhaltlosen gegenseitigen Zuneigung zwischen Franzosen und
Elsass-Lothringern. Allerdings gibt Giraudoux dieser Zukunft letztlich doch
wohl keine Chance, denn Griechenland alias Deutschland erscheint im Stück als
die stärkere und vermutlich siegreiche Macht.
Damit sind wir
bei den beiden Griechen des Stücks, Oiax und Ulysse. Oiax, der als derb und
ungehobelt, prahlerisch und agressiv, aber auch als geradeheraus und
kameradschaftlich und damit nicht ganz unsympathisch dargestellt wird, ist sichtlich
der typische deutsche Mann und Frontsoldat aus französischer Sicht. Ulysse, der
äußerst selbstbewusste Abgesandte Griechenlands, vertritt das wieder selbst-
und machtbewusste neue Deutschland unter Hitler, das Giraudoux ganz
offensichtlich nicht umhin konnte zu bewundern. Allerdings scheint er Ulysse
nicht völlig gleichzusetzen mit diesem neuen agressiven Deutschland. Vielmehr
gibt er ihm als Mensch und als Gesandtem Konzilianz und
Versöhnungsbereitschaft, Züge, die an Außenminister Gustav Stresemann erinnern,
der zusammen mit Briand um 1925 eine kurze Phase guter deutsch-französischer
Beziehungen zustande gebracht hatte. Allerdings, so wie Stresemann letztlich
gescheitert war, scheitert am Ende auch Ulysse an dem, was stärker ist als er:
dem Fanatismus und der Perfidie der Kriegstreiber – nicht zuletzt der in Troja.
Es bleibt noch
eine interessante Figur: die des spitzfindigen Völkerrechtlers Busiris, der im
Dialog mit Hector passende Argumente sowohl für als auch gegen eine
Kriegserklärung zu finden versteht. Die Szene mit Busiris hat Giraudoux erst
während der Proben für die Uraufführung im Herbst 35 verfasst und in das Stück
eingefügt. Busiris inkarniert ganz offensichtlich kein Element der
deutsch-französischen Beziehungen, er gleicht vielmehr dem griechischen
Völkerrechtler Nicolas Politis, der im August 35 vom Völkerbund beauftragt
worden war, einen Grenzkonflikt zwischen Italien, d.h. seiner damaligen Kolonie
Somalia, und Abessinien (heute Äthiopien) zu schlichten, womit er aber
erfolglos geblieben war, weil Anfang Oktober der zum Krieg entschlossene
Mussolini Abessinien angegriffen hatte.
Fragen wir uns
nach der Intention, die Giraudoux' mit seinem Stück verfolgt, so ist klar, dass
er auf die durch Hitler und auch Mussolini destabilisierte Lage in Europa
reagiert und die Franzosen vor einem neuen Krieg mit Deutschland zu warnen
versucht. Zunächst war Giraudoux hierbei ganz offensichtlich noch gemäßigt
optimistisch, denn das Stück ist voll komödienhafter Züge, und eine erste
Fassung schloss mit den erleichterten Worten Hectors "La guerre n'aura pas
lieu". In der wenig später angefügten neuen Schluss-Sequenz, wo Demokos
mit einer Lüge die Trojaner in den Krieg treibt, zeigt sich Giraudoux jedoch
sehr pessimistisch. In dieser als Vision der nahen Zukunft zu deutenden Szene
meint er prophezeien zu müssen, dass die Bellizisten im Land die Oberhand
behalten werden und dass die Franzosen insgesamt nicht diplomatisch klug sein
werden, sondern in Überschätzung ihrer Kräfte dumm und agressiv; und sichtlich
fürchtet er, dass gegen das erstarkte Deutschland Frankreich unterliegen wird
wie einstmals Troja.
Unser nächstes Stück ist die im Herbst 1936
konzipierte und im Frühjahr 37 uraufgeführte Électre desselben Giraudoux'. Auch hier stammt der Stoff aus der
griechischen Mythologie. Es ist die Geschichte der Rache Orests, der mit der
Hilfe seiner Schwester Elektra die Mörder seines Vaters Agamemnon erschlägt,
also seine Mutter Klytemnestra und deren Geliebten Ägisth. Sieht man allerdings
genauer, geht es Giraudoux nicht um die Sühnung eines Mords, sondern um die
Frage, ob es zu rechtfertigen ist, wenn die Regierenden eines Staates sich in
internen Querelen zerfleischen, so wie Électre, Clytemnestre, Égisthe und
Oreste als Angehörige des Königshauses von Argos das tun, während von außen
Gefahr droht, eine Gefahr, die am Schluss des Stücks als sehr real erscheint,
wo die Feinde von Argos die Stadt zu erobern beginnen.
Gehen wir
wiederum aus von der globalen Deutungshypothese, dass die im Stück gestaltete
Vergangenheit in Wahrheit die Gegenwart der Entstehungszeit ist, dass also
Giraudoux auf die konkreten französischen Verhältnisse von 1936/37 reagiert. In
diesem Sinne wäre der Schauplatz der Handlung, also das innerlich zerrissene
und von außen bedrohte Argos, gleichzusetzen mit dem innenpolitisch
polarisierten und von Deutschland bedrohten Frankreich der Zeit, einem
Frankreich, wo nach dem Wahlsieg der linken Volksfront im Mai 36 nicht nur
Rechte und Linke, sondern auch Linke untereinander sich in Parlament und Öffentlichkeit
bis aufs Messer bekämpften, während Hitler weiter rüstete. Setzt man Argos
gleich mit Frankreich, dann erkennt man schnell, dass auch die einzelnen
Figuren des Stücks konkrete Personen oder Gruppen der Volksfrontzeit sind.
So inkarniert die
einerseits als treibende Kraft, zugleich aber als intransigent und dogmatisch
erscheinende Électre sichtlich die Kommunisten der Jahre 36/37. Diese hatten
auf Anweisung Moskaus ein antifaschistisches Wahlbündnis initiiert mit den
anderen linken Parteien, eben die Volksfront mit Sozialisten und
Radikalsozialisten; sie traten nach dem Wahlsieg aber nicht in die Regierung
ein, sondern blieben draußen und machten dem Regierungschef Blum ein
pragmatisches Handeln häufig unmöglich, weil sie festhielten an ihrem revolutionären
Credo und überzogene außen- und sozialpolitische Forderungen stellten.
Die zweite
Hauptfigur, der Realpolitiker Égisthe, der von Électre die Duldung, wenn nicht
gar die Unterstützung seines Handelns erhofft, ist in der Logik unserer Deutung
eben jener Regierungschef Léon Blum, der als reformistischer Sozialist, der er
war, die Kommunisten beschwor, in die Regierung einzutreten, bei der Lösung der
akuten Probleme zu helfen und die politisch möglichen Reformen mitzutragen,
statt radikale Utopien zu verfolgen.
Clytemnestre, die
Geliebte Égisthes und zugleich die den Schlüssel zur Macht in Argos besitzende
Königin, verkörpert Blums politisch wichtigsten Partner, die damals quasi
staatstragende Mitte-Links-Partei der Radikalsozialisten, ohne die weder linke
noch rechte Regierungen gebildet werden konnten. Und ganz wie im Stück
Clytemnestre gehasst wird von Électre, obwohl sie deren Mutter ist, wurden auch
die Radikalsozialisten innerhalb der Volksfront ständig von den Kommunisten
attackiert, obwohl ihre Partei gewissermaßen der Ursprung aller Linksparteien
war.