Gert Pinkernell

Prof. em. an der Uni Wuppertal

 

Namen, Titel und Daten der französischen Literatur

Ein chronologisches Repertorium wichtiger AutorInnen und Werke

Teil II: 1800 bis ca. 1960

Bitte die gewünschten Namen oder Titel (vorzugsweise im Original) über die Suchfunktion im Menü „Bearbeiten“ ansteuern!

 

Vorbemerkung

Die erste Version des Repertoriums entstand um 1985 als Begleitskript zu einer Überblicksvorlesung. Es war eine chronologisch geordnete Liste von Autorennamen, Werktiteln und Entstehungs- oder Erscheinungsdaten und erfasste, wie die Vorlesung selbst, nur solche Autoren und Werke, die für die Entwicklung der französischen Literatur als bedeutsam gelten und potenziell Gegenstand des Literaturunterrichts französischer Gymnasiasten bzw. deutscher Französischstudenten sind.

Im Lauf der Zeit hat sich aus der bloßen Liste eine Sammlung von Artikeln entwickelt. 1998 habe ich das Ganze ins Internet gestellt und nach und nach um Autoren der zweiten Reihe vermehrt. Vor allem wurden und werden die Artikel ständig erweitert, verbessert und korrigiert. Fast monatlich lade ich eine partiell aktualisierte Version des Ganzen hoch, weshalb ich bitte, jeweils sie aufzurufen, sie nicht abzuspeichern und höchstens auszugsweise zu drucken.

Ab 2004 habe ich die meisten Artikel nach und nach ins Wikipedia übertragen, allerdings werden sie dort nicht nur von mir selbst verbessert, sondern, gemäß dem Wiki-System, häufig auch von Dritten verändert. Berechtigte und nützliche dieser Änderungen baue ich, wenn ich sie bemerke, wiederum in mein Repertorium ein; langatmige Erweiterungen oder Anhängsel übernehme ich nicht, zumal sie meistens erst von Un- und Halbrichtigkeiten befreit werden müssten.

Grundlage meiner Artikel sind jeweils mehrere, ganz überwiegend französischsprachige Quellen, z.B. die meistens vorzüglichen Einführungen zu Pléiade-Klassikerbänden und zu Taschenbuchausgaben renommierter Reihen. Vor allem aber halte ich mich an die Nachschlagewerke Dictionnaire des littératures de langue française und Dictionnaire des œuvres littéraires de langue française von Jean-Pierre de Beaumarchais, Daniel Couty und Alain Rey (jeweils 4 Bde., Paris: Bordas, 1992 bzw. 1994). Als andere nicht zu verachtende Quelle dient mir die an französischen Schulen jahrzehntelang benutzte sechsbändige Literaturgeschichte von André Lagarde und Laurent Michard. Auch den Vorlesungen zur Geschichte der französischen Literatur von Erich Köhler (8 Bde., Stuttgart 1983 ff.) verdanke ich viel. Mehr zur Anregung denn als verlässliche Informationsquellen nutze ich natürlich auch das französische, englische und ggf. das spanische und italienische Wiki. Auf die Angabe weiterführender Literatur im Detail verzichte ich, weil man sie leicht über das Wiki oder aber den Online-Katalog der Bonner Uni-Bibliothek erschließen kann, die die Französistik als Sondersammelgebiet pflegt. Immerhin mochte ich mich nicht enthalten, eigene einschlägige Studien jeweils anzuführen oder sogar an Artikel anzuhängen. Auch gebe ich, wenn mir Werke aus meiner Lehre und/oder Forschung besonders vertraut sind, des öfteren persönliche Deutungshinweise (die ich meistens nicht ins Wiki übertrage).

Ein literarisches Werk ist für die Leute vom Fach vor allem ein Element innerhalb eines Beziehungsgeflechts von Werken vor, neben und nach ihm, nämlich Werken, die seinem Autor bekannt waren und ihm als Anregung, Vor- oder Gegenbild dienten, sowie Werken, auf die es seinerseits gewirkt hat, weil deren Autoren es lasen. Für Nichtfachleute jedoch ist diese intertextuelle Sicht mangels breiteren literarhistorischen Wissens nur theoretisch nachvollziehbar. Für sie ist ein Werk vor allem ein Einzelphänomen, nämlich die punktuelle Reaktion des Autors auf eine bestimmte, oft problematische Situation in seinem Leben und seinem konkreten historischen Umfeld. Entsprechend finden sie Zugang zum Werk am ehesten über die Biografie des Autors, die häufig ja auch historisches und ggf. literarhistorisches Wissen vermittelt. Eben diese laienfreundliche biografistische Sicht soll das Markenzeichen meines Repertoriums sein, dessen Artikel jeweils Autor XY: Leben und Schaffen überschrieben sein könnten, weil sie bemüht sind, Biografie und Werke im Verbund zu sehen. Dass mein Biographismus nicht dem derzeitigen literaturwissenschaftlichen Mainstream entspricht, soll mich nicht stören. Den Titel eines „Neopositivisten“, den mir ein amerikanischer Kollege in einem anderen Kontext scherzhaft zuerkannt hat, trage ich gern.

P.S. 1: Überflüssig zu sagen, dass mit „Autor“ hier auch Autorinnen gemeint sind. Ich habe es mit „AutorIn“ versucht, fand dies aber wegen der vielen dann nötigen „der/die“, „sein/ihrer“ usw. zu schwerfällig.

P.S.: 2: Da ich annehme, dass die meisten Benutzer meines Repertoriums zumindest rudimentäre Französischkenntnisse haben, nenne ich französische Institutionen und historische Figuren mit ihren französischen Namen und führe ich Werktitel im Original an. Wenn es hierzu gängige deutsche Versionen gibt, füge ich sie häufig in Schrägdruck hinzu, z.B. L’Étranger/Der Fremde ; eigene, möglichst wortgetreue Übersetzungen von Titeln setze ich  in Klammern, z.B. Sophie, ou les sentiments secrets (=S. oder die geheimen Gefühle). Gängige deutsche Versionen von Werktiteln findet man übrigens oft auch in den betreffenden Wiki-Artikeln (die ihrerseits die Originaltitel nicht immer verzeichnen).

P.S. 3: Für Anregungen und Hinweise bin ich dankbar. Anfragen per Mail (pinkerne@uni-wuppertal.de) beantworte ich im Rahmen meiner Möglichkeiten gern und in der Regel auch rasch.

19. Jahrhundert

(mit den sich zeitlich überlappenden Strömungen Klassizismus, Romantik, Realismus, Naturalismus, Symbolismus)

Germaine de Staël ([sta:l] ; Anne Louise Germaine de Staël-Holstein, *22.4.1766 Paris; †14.7.1817 ebd.).

Mme de Staël (wie sie in der Literaturgeschichte heißt) war eine wichtige Vermittlerin deutscher Literatur und Philosophie in Frankreich und wurde damit eine Wegbereiterin der franz. Romantik. Ihr Buch De l’Allemagne/Über Deutschland (1810) hat mehr als 50 Jahre lang das Bild der Franzosen von Deutschland geprägt.

Sie wuchs auf in Paris als einziges Kind von Jacques Necker, einem aus Genf zugewanderten Bankier, Unternehmer und Diplomaten mit deutschen Wurzeln, der zeitweilig eine bedeutende Rolle in der franz. Politik spielte als ein Reformen versuchender Finanzminister (1777-81) bzw. Regierungschef (1788-90).

Im Salon ihrer schöngeistig interessierten Mutter, die ebenfalls aus der Schweiz stammte, lernte Mme de Staël viele Autoren der Spätaufklärung kennen und entwickelte sie ihre vielfältigen Talente. Schon als Jugendliche machte sie Schreibversuche, mit 12 z.B. verfasste sie eine Komödie. Über ihren Vater, der spätestens ab 1768 auf der Pariser politischen Bühne aktiv war, kam sie früh in Kontakt mit der Politik. Als Zehnjährige war sie erstmals länger in England.

1786, mit knapp 20, ehelichte sie den 17 Jahre älteren schwedischen Botschafter Baron Stael von Holstein, der schon Jahre vorher, noch als Botschaftsattaché, um ihre Hand angehalten hatte. Nach ihrer Heirat wurde sie von ihm am Königshof eingeführt und profitierte auch anderweitig von ihrem Status als Botschaftergattin. Im Verlauf der 14jährigen Ehe mit Stael (man trennte sich offiziell 1800, kurze Zeit vor seinem Tod 1802) bekam sie vier Kinder, deren erstes, Gustavine (geb. 1787), zweijährig starb und deren letztes, Albertine (geb. 1797), außerehelich gezeugt war. Denn eine treue Gattin war sie nicht: Schon ab 1788 hatte sie einen ersten längerzeitigen Geliebten, den Comte de Narbonne. Darüberhinaus lebte sie oft fern von ihrem Mann auf längeren Reisen oder in der Verbannung.

1788 ließ sie ein erstes, kürzeres, Werk drucken: die 1786 begonnenen, teils apologetisch-bewundernden, teils kritischen Lettres sur le caractère et les écrits de Jean-Jacques Rousseau (=Briefe über den Charakter und die Schriften von J.-J. R.). Zwei 1786 und 87 entstandene Dramen, Sophie, ou les sentiments secrets (=S. oder die geheimen Gefühle)  und Jane Gray, publizierte sie erst 1790, die 1786 verfasste Novelle Zulma sogar erst 1794.

1789 sympathisierte Mme de Staël, wie so viele liberale Adelige und Großbürger, zunächst mit der Revolution. Ihr Salon war ein Treffpunkt der gemäßigten Revolutionäre, und große Teile der ersten Verfassung von 1790 entstanden unter ihren Augen. Auch in der Folgezeit versuchte sie den Gang der Politik mitzubestimmen, und zwar direkt über eine gelegentliche publizistische Tätigkeit und indirekt über die Einflussnahme auf einflussreiche Männer, z.B. Narbonne, der 1790/91 Kriegsminister war.

1790 brachte sie ihr zweites Kind zur Welt, den Sohn Auguste.

Als die Revolution sich 1792 zunehmend radikalisierte und die Gemäßigten ins politische Abseits, wenn nicht in Köpfungsgefahr gerieten, versuchte Mme de Staël im Juli, die königliche Familie zur Flucht aus Paris zu bewegen, was die Königin jedoch ablehnte. Sie selbst floh im September auf das Schlösschen Coppet bei Genf, wo sie wenig später ihr drittes Kind, Albert, bekam.

Coppet, das ihr Vater 1784 gekauft hatte, diente ihr von nun an immer wieder als Zufluchtsort für kürzere oder längere Aufenthalte. Hier beherbergte sie häufig auch andere Flüchtlinge und empfing Besuche von bedeutenden Zeitgenossen, z.B. Chateaubriand (s.u.) oder Lord Byron.

Anfang 1793 (d.h. kurz nach Alberts Geburt) ging sie für mehrere Monate nach England. Dort traf sie sich mit franz. Emigranten, u.a. Narbonne, und begann eine größere philosophisch-politologische Schrift: De l’influence des passions sur le bonheur des individus et des nations (=Über den Einfluss der Leidenschaften auf das Glück der Individuen und der Nationen, gedruckt 1796). Im Sept. setzte sie sich mit der Broschüre Réflexions sur le procès de la Reine (=Überlegungen zum Prozess gegen die Königin)  vergeblich für Marie-Antoinette ein.

1794 lernte sie in der Schweiz den etwas jüngeren Publizisten und Literaten Benjamin Constant kennen (s.u.). Mit ihm, der zwar verheiratet war, aber von seiner Frau getrennt lebte, unterhielt sie anschließend eine langjährige, sehr wechselhafte und aufreibende Beziehung, die bei ihm geprägt war von der Faszination durch ihre Genialität und Vitalität, aber zugleich von ständigen Versuchen sich aus ihrem Bann zu lösen.

Im Frühjahr 95 brachte Mme de Staël ihre erste Buchpublikation heraus: einen Sammelband mit vermischten Schriften, darunter einem Essai sur les fictions (=Essay über die fiktionale Literatur)  und zwei Novellen. Noch im selben Jahr erschien ihre Broschüre Réflexions sur la paix, adressées à M. Pitt et aux Français (=Gedanken über den Frieden an die Adresse M. Pitts [des englischen Regierungschefs] und der Franzosen, Genf 1795).

Nach dem Sturz Robespierres (1794) und dem Ende der Schreckensherrschaft kehrte sie im Mai 95 zusammen mit Constant zurück nach Paris. Während er eine Karriere als vielbeachteter politischer Redner und Publizist begann und 1799 kurzzeitig auch in der hohen Politik mitmischte, wurde sie schon im Oktober von den Machthabern des neuen Direktoriums verdächtigt, zu den Drahtziehern eines Aufstandes königstreuer Kräfte zu gehören. Sie wurde aus Paris verbannt und durfte erst Ende 96 zurück.

Im Juni 1797 brachte sie in Paris ihr viertes Kind zur Welt, Albertine, deren Vater vermutlich Constant war. Ende des Jahres lernte sie Napoléon Bonaparte kennen, der nach seinem siegreichen Italienfeldzug in die Politik eingestiegen war, und den sie, zusammen mit Constant, zunächst bewunderte und unterstützte. Ihm dagegen war sie von Anbeginn unsympathisch, und als sie ihn 1798 vergeblich von einer Eroberung der Schweiz abzuhalten versuchte, wurde sie ihm endgültig lästig. Nach seinem Staatsstreich 1799 ging sie denn auch ihrerseits in Opposition zu ihm und wurde bald zu einem der Eckpfeiler des Widerstandes gegen sein zunehmend diktatorisches Regime.

Nach zwei unstet in Paris, Coppet und auf Reisen verbrachten Jahren publizierte sie im April 1800 die bedeutende Abhandlung De la littérature considérée dans ses rapports avec les institutions sociales (=Über die Literatur und ihr Verhältnis zu den gesellschaftlichen Institutionen). Hierin formuliert sie als eine der Ersten die Theorie, dass literarische Werke geprägt sind durch die konkreten gesellschaftlichen Verhältnisse, innerhalb derer sie entstehen, wobei sie im Sinne Montesquieus (s.o., Teil 1 meiner Namen, Titel und Daten) annimmt, dass diese Verhältnisse nicht nur durch die historisch gewachsenen Institutionen einer Gesellschaft bestimmt werden, sondern auch durch die Mentaltät der Menschen, die ihrerseits von äußeren Faktoren, z.B. Klima und Geographie, beeinflusst ist. In der zweiten Auflage von 1802 änderte sie entsprechend den Schlussteil des ursprünglichen Titels in avec l'état moral et politique des nations (=zum moralischen und politischen Zustand der Nationen). Im Sinne ihrer Theorie rief sie die quasi zwischen Nord und Süd platzierten franz. Literaten auf, sich nicht mehr nur an der heidnischen mediterranen Kultur der Antike zu inspirieren, sondern auch an der christlich-germanisch geprägten Kultur des mittelalterlichen Mittel- und Nordeuropas, womit sie der beginnenden Romantik den Weg wies. Sie selbst begann, in Konsequenz ihrer Einsichten, Deutsch zu lernen und sich mit der deutschen Kultur zu befassen.

1802 erschien ihr erstes längeres erzählendes Werk: der teils in Coppet, teils in Paris entstandene Briefroman Delphine. Im Mittelpunkt steht die Figur einer für die damalige Zeit relativ emanzipierten Frau, die ihr Glück mit dem Mann, den sie liebt und der sie ebenfalls liebt, nicht findet, weil er sich in einer Krisensituation von ihr abwendet, eine Andere heiratet und danach nicht die Kraft aufbringt, sich aus dieser Ehe wieder zu lösen. Der Roman spiegelt sichtlich die Enttäuschung Mme de Staëls durch Constant, der, nachdem sie verwitwet und frei geworden war, sich nicht zwischen ihr und einer Geliebten zu entscheiden vermochte.

Da Mme de Staël sich 1802 an Umtrieben gegen Napoleon beteiligt hatte, wurde ihr im Dez. der Aufenthalt in Paris untersagt. Als das Verbot im Okt. 1803 auf das Pariser Umland ausgedehnt wurde, unternahm sie, zeitweise von Constant begleitet, eine halbjährige Reise durch Deutschland. Erste Station war im Winter Weimar, wo sie u.a. Wieland, Schiller und Goethe traf. Im Frühjahr war sie längere Zeit in Berlin, wo sie neben vielen anderen Intellektuellen den Literaturkritiker und –historiker August Wilhelm Schlegel kennenlernte, den sie als Mentor für sich selbst sowie als Hauslehrer für ihre Kinder gewann.

Ende 1804 trat sie zusammen mit Schlegel eine mehrmonatige Italienreise an, die sie zu ihrem zweiten Roman inspirierte, Corinne ou L'Italie [=C. oder Italien], der 1805/06 entstand und 1807 erfolgreich herauskam. Er zeigt eine vitale, literatur- und kunstbegeisterte Frau, deren Liebe zu einem zunächst zwar gutwilligen und scheinbar seelenverwandten Mann scheitert, weil dieser ihre Emanzipiertheit letztlich nicht verkraftet und es vorzieht, eine weniger anspruchsvolle Person zu ehelichen. Auch Corinne ist sicher noch ein Reflex der Enttäuschungen, die Mme de Staël durch den wankelmütigen Constant erlitten hatte, von dem sie sich 1805, nach einem plötzlichen Heiratsantrag seinerseits, endgültig getrennt hatte.

1807 begann sie ihr meistgelesenes und langfristig wirksamstes Buch, De l'Allemagne, für das sie im Winter 1807/08 in Wien weitere Informationen und Anregungen sammelte. Es wurde 1810 fertiggestellt, aber sofort nach seinem Druck von der napoleonischen Zensur verboten, samt Manuskript konfisziert und eingestampft. Denn es zeigte den Franzosen ein stark idealisiertes Deutschland als positiven Kontrast zu ihrem eigenen Land jener Jahre, das nach fast 20 Jahren Revolution und Krieg in Zentralismus und Militarismus erstarrt war und von Napoleon diktatorisch regiert und mundtot gemacht wurde. Das Bild eines regionalistisch-vielfältigen, musik­, philosophie- und literaturbegeisterten, gefühls- und phantasiebetonten, mittelalterlich-pittoresken (allerdings auch etwas rückständigen und harmlosen) Deutschlands, das Mme de Staël so entwarf, bestimmte nach 1815 jahrzehntelang die Sicht der franz. Eliten und trug dazu bei, dass sie nicht bemerkten, wie ihr Nachbarland sie demographisch, wirtschaftlich und militärisch überholte.

Die Jahre 1810-12 verbrachte Mme de Staël überwiegend in Coppet, wo sie praktisch unter Hausarrest gestellt worden war. Bei einem Besuch im nahen Genf verliebte sich ein jüngerer, kriegsversehrter Offizier in sie, John Rocca, mit dem sie 1812 ein fünftes Kind, Louis Alphonse, bekam und den sie 1816 heimlich heiratete. In Coppet auch begann sie 1811 Memoiren zu schreiben (gedruckt postum als Dix années d'exil/Zehn Jahre Exil) und arbeitete daneben an anderen Schriften.

Im Mai 1812, kurz nach der letzten Entbindung, brach sie heimlich zu einer langen Reise auf, die sie offenbar als Propaganda-Mission gegen Napoleon verstand, der gerade auf dem Höhepunkt seiner Macht angelangt war. Über Österreich, das 1809 widerwillig napoleonischer Satellitenstaat geworden war, reiste sie nach Russland, das ebenfalls widerwillig Frieden geschlossen hatte, aber, während sie dort war, von Napoleons Truppen überfallen wurde. Als Mitteleuropa sich daraufhin in einen Kriegsschauplatz verwandelte, ging sie ins neutrale Schweden, in dessen Armee ihr Sohn Albert Offizier geworden war. Hier verbrachte sie den Winter und versuchte dabei, gegen Napoleon Stimmung zu machen. Aus Schweden reiste sie im Mai 1813 nach London, wo sie bald nach ihrer Ankunft die Nachricht erhielt, dass Albert in einem Duell ums Leben gekommen war.

In London blieb sie kriegsbedingt fast ein Jahr. Sie ließ hier De l’Allemagne drucken, von dem Schlegel einen Satz Korrekturfahnen gerettet hatte, und begann ihre Schrift Considérations sur les principaux événements de la Révolution française (=Betrachtungen über die hauptsächlichen Ereignisse der franz. Revolution, gedruckt postum 1818). Zugleich war sie Mittelpunkt eines regen gesellschaftlichen Lebens.

Dasselbe wurde sie in Paris, als sie im Mai 1814, nach der Niederlage und Abdankung Napoleons, dorthin zurückkehrte und wie eine Fürstin Hof hielt.

Die „hundert Tage“ Napoleons (März bis Juni 1815) verbrachte sie in Coppet. Im September ging sie nach Paris zurück und stellte sich demonstrativ hinter den neuen König Louis XVIII. Zum Dank erhielt sie von ihm die 2 Millionen Francs  erstattet, die sein älterer Bruder Louis XVI während der Revolutionszeit von ihrem Vater als Kredit bekommen hatte.

1816 verheiratete sie in Pisa ihre (und Constants) Tochter Albertine mit dem duc Victor de Broglie [gesprochen brœ:j] und wurde damit zur Stamm-Mutter einer ganzen Reihe bedeutender franz. Persönlichkeiten dieses Namens bzw. aus dieser Familie.

Im Februar 1817 erlitt sie, knapp 51jährig, in Paris einen Schlaganfall, der sie halbseitig lähmte und im Juli ihr Ende bewirkte.

(Stand: Febr. 10 )

Benjamin Constant (=Henri Benjamin Constant de Rebecque, *25.10.1767 Lausanne; †8.12.1830 Paris).

Der wie so viele frankophone Literaten zwischen Schriftstellerei und Politik pendelnde Constant (wie er in der franz. Geschichtsschreibung heißt) ist heute praktisch nur noch als Autor des Romans Adolphe (1816) bekannt, eines frühen Meisterwerks und Vorbilds der im 19. Jh. florierenden Gattung psychologischer Roman.

Er war Abkömmling einer im 16. Jh. in die Schweiz emigrierten Familie adeliger  franz. Hugenotten. Seine Mutter starb bald nach seiner Geburt und er verlebte (was sicher stark zu seiner offenkundigen späteren Bindungsunfähigkeit beitrug) eine unstete Kindheit und Jugend, zunächst als Ziehsohn bei den Großeltern in der Schweiz und später als Anhängsel seines Vaters, eines offenbar sehr mobilen Berufsoffiziers, in Holland, der Schweiz, dem damals noch österreichischen Brüssel und in England, wobei er mal bessere, mal schlechtere Hauslehrer hatte.

Mit 15 begann er im protestantischen und von eingewanderten Hugenotten geprägten Erlangen ein Jurastudium, das er drei Semester später in Edinburgh fortsetzte. Zugleich las er viel und begann zu schreiben, verfiel allerdings auch der Spielsucht und machte Schulden. Darüberhinaus reiste er oft und hatte früh Liebesaffären. 1786 lernte er bei einem Parisaufenthalt die Romanautorin Mme de Charrière (1740–1805) kennen, eine in der Schweiz verheiratete und Französisch schreibende gebürtige Holländerin. Sie wurde ihm zu einer (anfangs wohl nicht nur platonischen) mütterlichen Freundin, und ihr Landsitz bei Neuchâtel war in den nächsten Jahren ein Fixpunkt für ihn, wo er sich häufig kürzer oder länger aufhielt.

Mit 21 (1788) wurde er Kammerherr des Herzogs von Braunschweig und heiratete ein Jahr später die Hofdame Wilhelmine von Cramm. Er hielt es aber nicht lange mit ihr aus, ging oft auf Reisen und reichte schließlich die Scheidung ein, um sich mit einer anderen, ebenfalls noch verheirateten, aber scheidungswilligen Hofdame zu liieren, Charlotte von Hardenberg (die er jedoch erst 1808, nach mehreren zwischendurch absolvierten Verhältnissen mit anderen Frauen und einer zweiten Ehe ihrerseits heiratete, ohne dass die beiden hiernach glücklich wurden).

1794 begegnete er in der Schweiz der anderthalb Jahre älteren Mme de Staël (s.o.): es war der Beginn einer langen, wechselvollen und für beide Seiten aufreibenden Beziehung (aus der 1797 auch eine Tochter hervorging).

1795, nach dem Ende der Schreckensherrschaft in Frankreich und der Etablierung des gemäßigten Regimes des Directoire, begleitete Constant Mme de Staël nach Paris und begann sich dort als vielbeachteter politischer Publizist und Redner zu betätigen. Nach dem Staatsstreich Napoleons von 1799 spielte er kurz auch eine aktive Rolle in der hohen Politik, bis er 1802 kaltgestellt wurde.

Anschließend war er wieder viel unterwegs, u.a. mit Mme de Staël, die er auf Teilen ihrer Deutschlandreise 1803/04 begleitete und von der er, nachdem sie 1802 verwitwet war, zur Eheschließung gedrängt wurde, wogegen er sie zwischendurch immer wieder zugunsten neuer und alter Geliebter verließ und sich 1808 sogar, wie erwähnt, ohne ihr Wissen verheiratete.

1806/07 verfasste er, etwa zur selben Zeit, zu der Mme de Staël an Corinne ou l'Italie schrieb, einen Roman, Adolphe, mit dessen unentschlossen schwankenden Ich-Erzähler er sich sichtlich stark identifiziert und dessen Handlung offenbar seine Schwierigkeiten spiegelt, sich von Mme de Staël zu lösen. Wohl 1811 begann er den ebenfalls autobiografischen Roman Cécile, der jedoch Fragment blieb und erst 1951 wiederentdeckt wurde. Das Theater reizte ihn weniger; immerhin verfasste er 1807/08 auch ein Drama: Wallstein (gedruckt 1808). 1811 begann er eine Autobiografie mit dem Titel Ma Vie (=mein Leben), die aber nur bis zum Ende seiner Jugendzeit gelangte und erst 1907 aus dem Nachlass als Le Cahier rouge (=das rote Heft) gedruckt wurde. Daneben führte er, wie immer, ausführlich Tagebuch, das aber offensichtlich nicht zur Veröffentlichung bestimmt war (postum publiziert als Journal intime) und eine ebenso umfangreiche Korrespondenz mit vielerlei Briefpartnern.

1814, nachdem Napoleon unterlegen war und die alte Königsfamilie der Bourbonen mit Louis XVIII wieder den Thron bestiegen hatte, publizierte Constant ein Plädoyer für eine konstitutionelle Monarchie. Als im März 1815 Napoleon unerwartet an die Macht zurückkehrte, schloss er sich ihm an und entwarf in seinem Auftrag eine Verfassung für Frankreich. Nach der baldigen endgültigen Niederlage Napoleons (18. Juni) in der Schlacht von Waterloo nahe Brüssel zog Constant es vor, Frankreich zu verlassen.

1817 kehrte er zurück nach Paris und in die Politik. Er wurde immer wieder als Abgeordneter in die neue Chambre des Députés gewählt und betätigte sich als gefürchteter Parlamentsredner und Pamphletist. Zugleich verfasste er bedeutende politologische und staatstheoretische Schriften. Mit ihnen wurde er zum Mitbegründer des Liberalismus, d.h. der Doktrin, dass der Staat sich möglichst wenig in die persönlichen und zumal die wirtschaftlichen Belange seiner Bürger einzumischen habe und möglichst viel Initiative und Verantwortung ihnen selbst überlassen müsse. Eine vierbändige religionswissenschaftliche Abhandlung, die er schon als junger Mann begonnen hatte und die 1824–31 erschien, geriet dagegen bald in Vergessenheit (De la religion considérée dans sa source, ses formes et ses développements = Betrachtungen über die Quelle, die Formen und die Entwicklungen der Religion ).

Seinen Platz in der Literaturgeschichte verdankt Constant vor allem dem relativ kurzen, aber erfolgreichen Adolphe (1806/07, gedruckt erst 1816). Der immer noch gut lesbare Roman spiegelt sichtlich seine eigene fast pathologische Zerrissenheit zwischen Bindungswünschen und Bindungsangst und ist inspiriert von seiner Situation zwischen Charlotte von Hardenberg und Mme de Staël, der er sich noch verpflichtet fühlte. Er erzählt in der Ich-Form die Geschichte eines jungen Mannes, der eine etwas ältere Frau verführt, sich, als er merkt, dass sie ihn liebt, von ihr zu lösen versucht, dies jedoch aufgrund der vielen Opfer, die sie ihm bringt, nicht kann, dann aber doch wieder möchte und am Ende auch tut, wobei er sie durch das unentschlossene Hin und Her und seine schließliche Abwendung in Krankheit und Tod treibt.

(Stand: Febr. 10)

Claude-Henri de Rouvroy, comte de Saint-Simon (*17.10.1760 Paris; †19.5.1825 ebd.).

Der in der Regel schlicht unter „Saint-Simon“ figurierende Autor war zwar kein belletristischer Literat, ist aber durch seinen starken Einfluss auf viele Schriftsteller, insbes. die Generation der Romantiker, ein wichtiger Name in der franz. Literaturgeschichte. Er gilt heute zugleich als Mitbegründer der wissenschaftlichen Soziologie und des politischen Sozialismus.

Aus hochadeliger Familie stammend, trat Saint-Simon (ein entfernter Verwandter des gleichnamigen Memoirenautors) zunächst eine Offizierskarriere an. Nach 1776 war er im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg Mitglied der franz. Freischaren unter General Lafayette und kämpfte auf Seiten der Aufständischen, die auch materiell heimlich von Frankreich in ihrem Kampf gegen England unterstützt wurden.

1789 sympathisierte er, wie so viele liberale Adelige, zunächst mit der Revolution. 1794 aber entkam er nur knapp der Guillotine. Durch die Enteignung seiner Güter während des Terrorregimes verarmt, schaffte er es nach der Machtergreifung des gemäßigten Directoire (1795), durch geschäftliche Aktivitäten wieder wohlhabend zu werden.

1801 heiratete er eine Adelige, Alexandrine de Champgrand, von der er sich erhoffte, sie werde einen gesellschaftlich und geistig maßgeblichen Pariser Salon für ihn führen.

Die Ehe scheiterte jedoch rasch, und auch sein Wohlstand schwand, da er sich ganz auf eine Existenz als freischwebender Intellektueller zurückzog. Von den Resten seines Vermögens lebend sowie von den Zuwendungen eines reich gewordenen ehemaligen Dieners, bewegte er sich im Umkreis der Denkschule der sog. Ideologen um A. Destutt de Tracy, trieb naturwissenschaftliche und philosophische Studien und begann, gesellschafts- und staatstheoretische Schriften zu verfassen, die zunächst meist ungedruckt blieben. Hierzu zählen, z.B. die Lettres d'un habitant de Genève à ses contemporains = Briefe eines Einwohners von Genf an seine Zeitgenossen (1803,), worin die moderne Wissenschaft zu einer Art Religion stilisiert wird; der Essai sur l'organisation sociale = Essay über die Organisation der Gesellschaft (1804), die Introduction aux travaux scientifiques du XIXe siècle =  Einführung in die wissenschaftlichen Arbeiten des 19. Jh. (1807), die Histoire de l'homme =  Die Geschichte des Menschen (1810) oder das Mémoire sur la science de l'homme = Denkschrift über die Wissenschaft vom Menschen (1814).

Zur Zeit der Restauration nach Napoleons Ende 1815 wurde Saint-Simon allmählich bekannt, und zwar zunächst als Publizist mit kurzlebigen, aber einflussreichen Zeitschriften, z.B. L'Industrie = Gewerbe und Handel (1816-18). Zum Quasi-Propheten wurde er schließlich durch die Bücher Du système industriel (1820-22), Catéchisme des industriels (1823/24) und De l'organisation sociale (1824), mit denen er die in den 1830er und 40er Jahren sehr bedeutsame wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Schule der „Saint-Simoniens“ begründete.

In diesen Büchern vertrat er die damals ganz revolutionäre Ansicht, dass nur die „industriels“, d.h. die mit ihrer Arbeitskraft Güter und Dienstleistungen produzierenden Individuen, nützliche Mitglieder der Gesellschaft seien und dass der dem Einzelnen zustehende Anteil am gemeinsam erwirtschafteten Wohlstand nach seiner eingebrachten Leistung zu bemessen sei, womit parasitäre Klassen wie der Adel oder die Rentiers leer ausgehen würden, während z.B. sowohl die Unternehmer als auch die Arbeiter jeweils ihre angemessene Entlohnung erhielten.

In seinem postum gedruckten Buch Le Nouveau Christianisme = das neue Christentum (1825) erklärte er die Fürsorge für die Ärmeren und eine gerechte Berücksichtigung der unteren Bevölkerungsschichten zur Aufgabe des Christen und wurde damit einer der Väter der um und nach 1900 florierenden katholischen Soziallehre, die sich als christliche Alternative zum atheistischen Sozialismus à la Marx verstand.

(Stand: Febr. 10)

François René de Chateaubriand (*4.9.1768 Saint-Malo; †4.7.1848 Paris).

Er gilt als einer der ganz Großen der franz. Literatur und insbesondere als einer der Väter der europäischen Romantik.

Er wuchs auf in Saint-Malo und Schloss Combourg/Bretagne als jüngstes von 10 Kindern einer provinzadeligen Familie und schwankte zunächst zwischen einer Laufbahn als Marineoffizier (Wunsch des Vaters) oder Priester (Wunsch der Mutter). 1786 wurde er schließlich Leutnant in einem Regiment unweit Paris und ließ sich (worauf seine Familie traditionell ein Anrecht hatte) von einem älteren Verwandten dem König vorstellen. Zugleich fand er Zutritt zu Salons in Paris, wo er sich ab 1787 häufig aufhielt und erste literarische Versuche unternahm.

Die Anfänge der Revolution von 1789 verfolgte er, wie so viele liberale und aufgeklärte Adelige, mit Sympathie. Zunehmend unzufrieden jedoch mit der Radikalisierung der politischen Entwicklung, begab er sich 1791 auf eine neunmonatige Reise nach und durch Amerika. Hier erkundete er vor allem die damals franz. Gebiete am Mississipi, deren Weite und noch fast unberührte Schönheit ihn beeindruckten, deren indianische Ureinwohner ihn dagegen deprimierten, weil sie durch ihre Kontakte mit Europäern sich selber entfremdet und keine „guten Wilden“ (wie man sie sich vorstellte) mehr waren.

Nach seiner Rückkehr Anfang 1792 heiratete Chateaubriand standesgemäß eine junge Adelige. Er verließ sie aber sofort und schloss sich der Armée des émigrés an, einer überwiegend aus geflüchteten franz. Adeligen bestehenden Truppe, die an der Seite Österreichs und Preußens gegen das revolutionäre Frankreich kämpfte, um König Louis XVI und die Monarchie wieder in ihre absoluten Rechte einzusetzen.

1793 (Louis XVI war inzwischen abgesetzt und guillotiniert, doch der Krieg ging weiter) wurde Chateaubriand verwundet und ließ sich nach seiner Genesung in London nieder. Hier lebte er armselig als Übersetzer und Französischlehrer, wurde aber zum Schriftsteller. Denn er verarbeitete die umfangreichen Notizen seiner Amerikareise zu zwei literarischen Texten, Les Natchez und Voyage en Amérique (die er beide erst viel später, 1826 und 27, publizierte) und verfasste den Essai historique, politique et moral sur les révolutions anciennes et modernes (= ein historischer, politischer und moralischer Essay über die Revolutionen in älterer und neuerer Zeit, gedruckt 1797), eine Schrift, worin er politische und persönliche Reflexionen verbindet und seine Traumatisierung durch den Verlust der Heimat, seiner gesellschaftlichen Position und vor allem zahlreicher hingerichteter oder umgekommener Verwandter und Freunde verarbeitet.

1798 wurde er fromm und begann das anti-aufklärerische Buch Le Génie [Geist] du Christianisme, in dem er vor allem die ethischen, ästhetischen und emotionalen Aspekte der katholischen Religion hervorhebt und verklärt. Publizieren konnte er es 1802 in Paris. Denn 1800 war er, dem Aufruf Napoleons an die emigrierten Adeligen folgend, nach Frankreich zurückgekehrt und dort höherer Beamter geworden. Le Génie war überraschend erfolgreich, trug zur Rehabilitierung des christlichen Glaubens bei und beförderte sicher auch Chateaubriands Karriere in einem Augenblick, wo Napoleon die Retablierung der Kirche und ein Zweckbündnis mit ihr anstrebte. Es wurde vor allem einer der Auslöser der geistigen und literarischen Bewegung der Romantik.

In das Werk eingefügt waren zwei längere Erzählungen, Atala (erstmals separat schon 1801 gedruckt) und René, die zu Kultbüchern einer ganzen Generation wurden. Atala, die tragische Geschichte einer jungen Halbindianerin, die den Konflikt zwischen ihrer Liebe und der Keuschheit, die sie ihrer frommen französischen Mutter gelobt hat, durch den Freitod löst, wurde vor allem durch die eingestreuten stimmungsvollen Naturschilderungen vorbildhaft. René kreierte in der Figur des Titelhelden den Typ des vom „mal du siècle“, dem „Weltschmerz“, zerrissenen romantischen Künstlers und Intellektuellen – ein Typ, der dann jahrzehntelang die europäische Literatur bevölkerte.

Als 1804 Napoleon den jungen Duc d'Enghien, einen bourbonischen Prinzen und potenziellen Thronerben, entführen, verurteilen und erschießen ließ, war auch Chateaubriand empört. Er brach ostentativ mit dem napoleonischen Regime und demissionierte. Zugleich hielt er es für angebracht, endlich mit seiner Frau zusammenzuleben, doch blieb ihr Verhältnis offenbar locker, zumal er auch weiterhin außereheliche Verhältnisse unterhielt.

1806 unternahm er eine mehrmonatige Rundfahrt durch Italien, Griechenland, Palästina, Nordafrika und Spanien, die er anschließend in dem Reisebericht Itinéraire [Wegbeschreibung] de Paris à Jérusalem teils pittoresk beschreibend, teils melancholisch reflektierend schilderte (publiziert 1811). Breiten Raum nimmt hierbei das damals zum Osmanischen (=türkischen) Reich gehörende Griechenland ein, womit Chateaubriand den Boden bereiten half für die große Anteilnahme, mit der Mitteleuropa ab 1821 den Befreiungskampf der Griechen von der türkischen Herrschaft verfolgte und schließlich aktiv unterstützte.

1807 reiste er wieder nach Spanien, um dort eine Bekannte, Natalie de Noailles, zu treffen, in die er sich verliebt hatte. Den Zustand der ständigen Trennungen des Paares, denn auch sie war verheiratet, und der Gewissheit des unausweichlichen Verzichts (der 1812 auch erfolgte) verarbeitete Chateaubriand in mehreren Werken: So verfasste er 1807/08 das pathetische Prosa-Epos Les Martyrs ou le Triomphe de la religion chrétienne, dessen Handlung zwar im weitgespannten Römischen Reich des späten 3. Jh. spielt (aber viele verdeckte Bezüge zur Gegenwart aufweist) und sich um ein ebenfalls getrenntes Liebespaar rankt, das erst in Rom im gemeinsam erlittenen Tod als Märtyrer zusammenfindet (publiziert 1809). 1809/10 schrieb er die Novelle Les aventures du dernier Abencérage, die im Granada des frühen 16. Jh. um ein schließlich verzichtendes Paar spielt (gedruckt erst 1826, aber aus Lesungen des Autors einem größeren Publikum schon vorher bekannt).

1811 versuchte sich Chateaubriand auch als Theaterautor mit der Tragödie Moïse, die jedoch unaufgeführt blieb. Im selben Jahr wurde er, nicht ohne Schwierigkeiten, denn er war ja politisch Oppositioneller, zum Mitglied der Académie Française gewählt.

Nach dem Sturz Napoleons und der Rückkehr der alten Königsfamilie der Bourbonen auf den Thron (1814/15) trat Chateaubriand demonstrativ in die Dienste „seines“ Königs Louis XVIII. Er wurde belohnt mit der Würde eines Pair de France (d.h. eines Angehörigen der als parlamentarisches Oberhaus fungierenden Chambre des pairs). Auch wurde er in den folgenden Jahren mit Missionen als Botschafter in Stockholm (1814), Berlin (1820) und London (1822) betraut. Ende 1822 war er franz. Chef-Delegierter auf dem Kongress von Verona und ließ dort Frankreich mit einer militärischen Intervention in Spanien beauftragen, wo liberale Gruppierungen dem König eine Verfassung abgetrotzt hatten, die nach dem Sieg der franz. Truppen kassiert wurde. 1823/24 war er sogar kurzzeitig Außenminister, wurde aber von dem erzkonservativen neuen König Charles X (einem jüngeren Bruder von Louis XVIII) entlassen. 1828/29 war er erneut Botschafter, und zwar in Rom.

In diesen fünfzehn politisch aktiven Jahren schrieb er naturgemäß weniger, betätigte sich aber publizistisch, z.B. 1818-20 als Herausgeber der Zeitschrift Le Conservateur. Daneben verfasste er Notizen und Entwürfe für seine Memoiren, an denen er schon 1809 zu arbeiten begonnen hatte.

Als 1830 die Juli-Revolution ausbrach, Charles X abdankte und Herzog Louis-Philippe d'Orléans (aus einer Seitenlinie der Bourbonen) als „Bürgerkönig“ auf den Thron kam, sah Chateaubriand den Adel einmal mehr marginalisiert. Er zog sich aus der Politik zurück, auch wenn er sich noch hin und wieder für die Sache der ins Exil gegangenen Hauptlinie der Bourbonen einsetzte.

Entsprechend hatte er nun wieder Muße zum Schreiben. So verfasste er allerlei Historisches, darunter 1831 einen Band Études historiques, 1836 einen zweibändigen Essai sur la littérature anglaise oder 1838 eine zweibändige Geschichte des Kongresses von Verona. Vor allem aber redigierte er, quasi aus der Distanz eines schon „jenseits des Grabes“ Befindlichen, seine Erinnerungen aus fünf Jahrzehnten politischer Umbrüche: die umfangreichen Mémoires d'outre-tombe, die er jedoch zur postumen Veröffentlichung bestimmte (auch wenn er die Rechte schon 1836 an einen Verlag und 1844 zusätzlich an eine Zeitung verkaufte).

Sein letztes literarisches Werk war 1844 die Vie de Rancé, eine Biografie des Gründers des Trappistenordens (1625?–1700).

Chateaubriand starb Anfang Juli 48, nachdem er noch einen weiteren Umbruch miterlebt hatte, nämlich die Februar-Revolution und die Niederknüppelung der Pariser Arbeiterrevolte im Juni.

Sein Nachruhm als Autor beruht vor allem auf den Kurzromanen Atala und, noch mehr, René, die seit 1805 meist gemeinsam in einem Band, aber separat von Le Génie du Christianisme, gedruckt werden und immer noch erstaunlich gut lesbar sind. Die Bewunderung seiner Zeitgenossen zeigt sich exemplarisch in dem Ausspruch des jungen Victor Hugos von 1816: „Je veux être Chateaubriand ou rien (Ich möchte Ch. werden oder gar nichts).“

(Stand: Nov. 09)

Charles Nodier (*29.4.1780 Besançon; †27.1.1844 Paris).

Dieser Erzähler und Publizist gehört zwar nur zur zweiten Reihe der größeren Autoren, war jedoch bedeutsam als Mitbegründer der Romantik in Frankreich.

Nodier war unehelicher, aber legitimierter und eine gute Bildung erhaltender Sohn eines Anwaltes, der unter der Revolution zum Bürgermeister von Besançon und zum hohen Richter aufstieg, nach 1794 jedoch ins politische Abseits geriet.

Auch Nodier selbst war in seiner Heimatstadt früh politisch aktiv, allerdings auf der antirevolutionären Seite. So wurde er 1799 polizeiauffällig, als er ein royalistisches Stück verfasste; 1804 kam er wegen eines satirischen Gedichts auf Napoleon kurz ins Gefängnis; 1805 beteiligte er sich sogar an einer Verschwörung gegen den frisch gekrönten Kaiser. Er hatte jedoch jeweils das Glück, von einflussreichen Bekannten seines Vaters vor härteren Strafen bewahrt zu werden und irgendwo fern von Besançon untertauchen zu können. Immerhin trieb er in diesen turbulenten Jahren intensive insektenkundliche (!), sprachwissenschaftliche und literarische Studien, schriftstellerte und heiratete auch (1808).

1812, auf dem Höhepunkt der Ausdehnung des napoleonischen Kaiserreichs, wurde er zum Kaiserlichen Bibliothekar der neuen franz. Provinz Illyrien berufen und verbrachte ein Jahr in Laibach (Ljubljana, Hauptstadt des heutigen Slowenien). Es war ein Aufenthalt, der ihn sehr prägte. Nach dem raschen Ende der Provinz Illyrien (1813) siedelte sich Nodier in Paris an, wo er bis dahin nur besuchsweise gewesen war und wo er nun von seiner Feder zu leben versuchte.

Denn als Literat war er längst kein Nobody mehr: So hatte er z.B. 1803 den kleinen Roman Le Peintre de Salzbourg, journal des émotions d'un cœur souffrant und 1804 den an Ossian angelehnten Gedichtband Essais d'un jeune barde publiziert. 1808 und 1810 war er mit zwei sprachwissenschaftlichen Schriften hervorgetreten. Daneben hatte er sich früh und regelmäßig als Literaturkritiker betätigt (der auch nach England und nach Deutschland schaute).

Ab 1814 wurde er als politischer Journalist aktiv, nachdem er sich endlich auf der für ihn richtigen Seite einsetzen konnte, d.h. der Seite der angestammten franz. Monarchie.

Seinen Durchbruch als Erzähler erzielte Nodier 1818 mit dem in Slowenien spielenden Räuberroman Jean Sbogar, der tragisch endenden Geschichte eines sozial engagierten, edlen Banditen. Hiernach schrieb er noch vier weitere, weniger bekannt gewordene Romane. Sein Name in der Literaturgeschichte verbindet sich vor allem mit den zahlreichen Novellen, die er in den 20er und 30er Jahren verfasste, darunter viele Grusel-Novellen nach englischen und deutschen Vorbildern (z.B. Smarra ou les Démons de la nuit, 1821; Trilby, 1822; La Fée aux miettes, 1832). Mit ihnen führte er die "schwarze Romantik" der Gespenster- und Schauergeschichten in Frankreich ein.

Nach seiner Ernennung zum Direktor der Pariser Bibliothèque de l'Arsenal (1824) unterhielt Nodier in seiner Dienstwohnung einen Salon, der zum wichtigsten Treffpunkt der ersten Romantikergeneration wurde, d.h. der etwas jüngeren Autoren um Victor Hugo. Deren baldigen politischen Schwenk vom Royalismus zum Republikanismus und Liberalismus vollzog Nodier jedoch nicht mit, was 1833 seine Wahl in die Académie française sehr erleichterte.

(Stand: Nov. 07)

Pierre-Jean (de) Béranger (*19.8.1780 Paris; †16.7.1857 ebd.).

Dieser heute auch vielen Literaturstudenten und sogar -professoren fast oder gar nicht bekannte Autor galt um 1830 als einer der ganz großen Lyriker Frankreichs.

Béranger stammte (anders als sein adelig klingender Name vermuten lässt) aus kleinen Pariser Verhältnissen. Nach der frühen Trennung seiner Eltern, eines kleinen Einzelhändlers und einer Schneiderin, lebte er zunächst bei den Großeltern in Paris, dann bei einer Tante in der Provinz. 1796 kam er zurück in seine Heimatstadt. Eine Schulbildung hatte er nicht genossen, immerhin hatte die Tante ihn Lesen und Schreiben gelehrt. Er schlug sich zunächst mehr schlecht als recht durch, z.B. als Betreuer einer Bücherstube oder als Schriftsetzer, doch übte er auch schon früh seine Feder, z.B. an einem Versepos Le Déluge (=die Sintflut, 1796) oder satirischen Theaterstücken.

1803 schickte er einige Gedichte an den jüngeren Napoleon-Bruder Lucien Bonaparte. Dieser war angetan, ließ ihm eine kleine Pension anweisen und verschaffte ihm 1809 einen Schreiberposten in der Zentralverwaltung der Bildungsinstitutionen (l’Université) des neuen Kaiserreichs — ein Posten, auf dem Béranger ein Auskommen hatte, aber auch Zeit zum Lesen und Schriftstellern, und den er bis 1821 behielt.

Nach fleißigen, aber erfolglosen weiteren Versuchen als Epiker, Dramatiker und seriöser Lyriker entdeckte er 1812 sein Talent, auf bekannte Melodien neue Texte zu dichten. Diese feierten zunächst die Liebes-, Trink- und Lebenslust und waren zum Vortrag und Mitsingen in einschlägigen Weinlokalen gedacht, z.B. dem traditionsreichen Literatenlokal Le Caveau.

Schlagartig in ganz Frankreich bekannt wurde Béranger 1813 mit dem verdeckt politischen Chanson Le Roi d'Yvetot (der König von Y.), einem Loblied auf einen gutherzigen und friedlichen Dorf-„König“, der ein liebenswertes Gegenbild darstellte zu dem pausenlos Krieg führenden und immer diktatorischer regierenden Kaiser Napoleon.

Nach dessen Sturz 1814 und der Rückkehr der alten Königsfamilie der Bourbonen mit Louis XVIII ging Béranger jedoch bald wieder in die Opposition und schrieb satirische Chansons gegen die Träger und Nutznießer der „Restauration“, d.h. aus der Emigration zurückgekehrte Adelige, machthungrige Jesuiten, zum neuen Regime übergelaufene napoleonische Militärs oder Beamte und bourgeoise Profiteure. Daneben verfasste er Loblieder auf den einst gehassten Napoleon und wurde hiermit zu einem der Väter der gegen 1820 entstehenden Napoleon-Legende, d.h. des Mythos vom großen Kaiser, der mit starker Hand nicht nur den Ruhm Frankreichs gemehrt und Europa vom Joch absolutistischer Despoten befreit habe, sondern angeblich auch um das Wohl der kleinen Leute besorgt gewesen sei.

Als Béranger 1821 eine zweibändige Gesamtausgabe seiner Gedichte publizierte (eine erste Sammlung, Chansons morales et autres, war schon 1815 erschienen) wurde sie verboten, weil er darin auch König und Kirche nicht schonte. Er selbst kam sogar kurz ins Gefängnis, was sein Ansehen enorm erhöhte. Der 1825 erschienene Sammelband Chansons nouvelles konsekrierte ihn zum populärsten Dichter der Zeit, dessen eingängige Texte in allen Bevölkerungsschichten, zumal auch den unteren, ankamen und von Autorenkollegen hoch gelobt wurden. Als er 1828 nach dem Erscheinen seiner vierten Sammlung (Chansons inédites) erneut, u.a. wegen „Majestätsbeleidigung“, ins Gefängnis musste, hagelte es Proteste aus ganz Europa, so berühmt war er inzwischen auch außerhalb Frankreichs.

Nach der Juli-Revolution von 1830 schloss sich Béranger dem neuen Regime des „Bürgerkönigs“ Louis-Philippe an, was ihn allerdings der geliebten und fruchtbaren Oppositionellenrolle beraubte. Er versuchte nun ein neues Thema zu finden, indem er vage kritisch für die von den neuen Mächtigen vernachlässigten unteren Schichten eintrat, doch den alten Biss hatte er nicht mehr. 1833 gab er eine letzte Sammlung heraus (Chansons nouvelles et dernières), die teils noch aus politisch agressiveren Texten von vor 1830 bestand und teils schon aus solchen, die nur humanitäre und soziale Zuwendung predigten.

Hiernach verfasste er kaum noch neue Gedichte, sondern verwaltete seine Position einer im ganzen Land geachteten und hofierten moralischen Autorität. 1848 wurde er ohne sein Zutun in die neue Nationalversammlung gewählt, zog sich aber rasch aus der aktiven Politik zurück. In seinen letzten Jahren musste er noch erleben, wie sich in der Lyrik das bewusst unpolitische Ideal des L’art pour l’art durchsetzte und sein politisch engagiertes Schaffen rasant an Wertschätzung verlor, womit auch seine Einnahmen schrumpften.

Zwar ordnete nach seinem Tod Kaiser Napoléon III ein Staatsbegräbnis für ihn an und ein flinker Verleger druckte schnell noch seine Memoiren sowie eine Sammlung Dernières chansons, doch geriet Béranger kurz danach schon in Vergessenheit.

(Stand: Mai 10)

Stendhal (=Henri Beyle, *23.1.1783 Grenoble; †23.3.1842 Paris).

Er bildet mit den deutlich jüngeren Romanciers Balzac (*1799) und Flaubert (*1821) das Dreigestirn der großen französischen Realisten, wird in Frankreich allerdings meist der Romantik zugeordnet.

Stendhal wurde geboren als ältestes von drei Kindern eines bürgerlichen, aber Adelsambitionen hegenden Anwalts am Obersten Gerichtshof (Parlement) der Provinz Dauphiné. Als er sechs war, starb seine Mutter nach der Geburt der jüngsten Schwester, was ihn traumatisierte und ihn offenbar ein Leben lang auf der Suche nach Ersatz sein ließ, und er verargte es seinem Vater zutiefst, als der sich mit der Schwester der Mutter liierte und ihn der "Tyrannei" eines ungeliebten Hauslehrers aussetzte, eines ehemaligen Geistlichen. Er wurde jedoch sehr gefördert von seinem Großvater mütterlicherseits, einem schöngeistig interessierten Arzt und Voltaire-Verehrer, sowie von dessen unverheiratet gebliebener Schwester. Während der Zeit der "Terreur" 1793/94 sympathisierte er aus Trotz gegen seinen royalistisch eingestellten Vater mit den revolutionären Jacobinern und freute sich geradezu, als jener inhaftiert wurde und in Köpfungsgefahr schwebte.

1796-99 besuchte er die nach einer Schulreform neu eingerichtete Grenobler École centrale (wo er in Mathematik brillierte) und ging dann aus der ihm verhassten engen Provinzstadt nach Paris, um an der neuen École Polytechnique zu studieren. Er meldete sich aber nicht zur Aufnahmeprüfung (concours), sondern fing an, Theaterstücke und anderes zu schreiben. Bald danach erkrankte er in seinem kargen und kalten möblierten Zimmer und wurde daraufhin von entfernten Cousins, den etwas älteren Brüdern Daru, in ihr Haus aufgenommen.

Die Darus gehörten zur näheren Umgebung Napoleon Bonapartes und partizipierten an dessen fulminantem Aufstieg zum Herrn von ganz Mitteleuropa. Als ihr Verwandter und Protégé profitierte auch Stendhal. Er nahm zunächst als blutjunger Offizier 1800 an Napoleons siegreichem Italienfeldzug teil, wobei er als Adjutant eines Generals das Land von seiner besten Seite kennenlernte und sich zum Liebhaber italienischer Kunst, Musik und Lebensart entwickelte. Allerdings fing er in einem Bordell auch eine Syphilis ein, deren akutes Stadium ihn 1802 zum Quittieren des Militärdienstes zwang (und die ihm zeitlebens zu schaffen machte sowie seinen relativ frühen Tod mitverursachte).

Vorübergehend halbwegs gesundet, verbrachte er einige Jahre mit viel fruchtbarer Lektüre sowie allerlei fruchtlosen literarischen, geschäftlichen und amorösen Experimenten in Grenoble, Marseille und Paris. 1806, inzwischen führte Napoleon wieder Krieg, schloss er sich erneut den Darus an und avancierte, über Zwischenstufen in der Militärverwaltung, 1808 zum Kaiserlichen Intendanten (einer Art Oberaufseher und Verbindungsmann) für das Département Oker des 1807 gegründeten Königreichs Westfalen, eines kurzlebigen franz. Satellitenstaates, der von Napoleons jüngerem Bruder Jérôme regiert wurde. 1810/11 setzte er seine Karriere in Paris fort und wurde für kurze Zeit Chef der Verwaltung der kaiserlichen Liegenschaften (vor allem der Schlösser samt ihren Kunstschätzen). 1812 nahm er teil an Napoleons Russlandfeldzug und gelangte bis Moskau. Bei dem anschließenden desaströsen Rückzug im beginnenden Winter hatte er Glück und kam heil zurück. 1813 war er kurz Kaiserlicher Intendant in Schlesien.

Danach wurde er ein nächstes Mal von der Syphilis eingeholt und nahm 1813/14 einen längeren Urlaub, den er zum Teil in Italien, vor allem in Mailand, verbrachte, das er als jugendlicher Offizier kennengelernt hatte. Den Zusammenbruch des napoleonischen Kaiserreichs erlebte er in Grenoble. Ob tatsächlich sein Adelsbrief fertig zur Unterschrift auf Napoleons Schreibtisch lag, als jener 1814 besiegt wurde und abdankte, ist eher fraglich.

Wie so viele hohe napoleonische Beamte fand auch Stendhal 1814 keinen Platz in der naturgemäß stark verkleinerten Beamtenschaft des "Restaurationsregimes" unter König Louis XVIII. Er war frustriert und wurde Napoleon-Fan und Liberaler, d.h. Oppositioneller. Er ging einmal mehr nach Mailand, fand dort Anschluss an Intellektuellenzirkel und wurde endgültig zum Literaten mit Biografien, kunsthistorischen Werken und Reisebüchern, die er zunächst unter wechselnden Pseudonymen und schließlich unter dem dauerhaft werdenden Namen "M[onsieur]. de Stendhal" publizierte: Vies de Haydn, Mozart et Métastase (1815), Histoire de la peinture en Italie (1817) und Promenades dans Rome, Naples et Florence en 1817 (1817). Eine Vie de Napoléon, an der er 1817/18 arbeitete, blieb Fragment (und wurde erst postum 1929 gedruckt).

1818 begegnete er in Mailand seiner großen, unerfüllten Liebe Metilda Dembowski, Gattin eines österreichischen Generals (die Lombardei war damals österreichische Provinz), die ihn stark absorbierte und zu dem essayistischen Werk De l'amour inspirierte (erschienen 1822). 1819 erlebte er eine weitere herbe Enttäuschung, als er beim Tod seines vermeintlich wohlhabenden Vaters feststellte, dass dieser fast nur Schulden hinterließ.

1821 wurde Stendhal wegen seiner Kontakte zu patriotischen Intellektuellen, darunter Giuseppe Manzoni oder Silvio Pellico, von der österreichischen Polizei als Verschwörer verdächtigt. Er flüchtete aus Mailand und verlebte einige unstete Jahre in Paris, London und Italien, bis er sich 1824 in Paris niederließ. Hier hielt er sich als Journalist über Wasser (z.B. als Kunst- und Musikkritiker) und bewegte sich in den Kreisen der „Ideologen“ um den Philosophen Destutt de Tracy und der Romantiker, deren Kampf gegen den noch vorherrschenden Klassizismus er mit der Streitschrift Racine et Shakespeare (1823) unterstützte. Ebenfalls 1823 erschien seine Vie de Rossini. 1825 mischte er sich auf Seiten der oppositionellen Saint-Simoniens (s.o. Saint-Simon) in politische Diskussionen ein mit der Schrift Nouveau complot contre les industriels.

1827 publizierte Stendhal seinen ersten Roman, Armance, die zarte, um 1820 in Paris spielende Liebesgeschichte der armen jungen Adeligen Armance und des reicheren, aber offenbar impotenten Octave, der sich, nach ihrer schließlichen Heirat, auf einem Schiff in Richtung Griechenland das Leben nimmt.

Hiernach ließ er ein neues Reisebuch folgen (Promenades dans Rome, 1829) und versuchte sich, wie sein jüngerer Freund Prosper Mérimée und andere Autoren, in der neuen Mode-Gattung Novelle, mit Vanina Vanini (1829), Le Coffre et le revenant und Le Philtre (beide 1830). Im Oktober 29 hatte er, während einer Reise, in einem Hotel in Marseille die Idee zu Le Rouge et le noir, das er sofort begann.

Nach der Juli-Revolution 1830 hoffte er vergeblich, wieder einen höheren Posten im Staatsdienst zu bekommen, z.B. als Präfekt. Doch erhielt er nur den eines Konsuls, zunächst im österreichischen Triest, wo man ihm jedoch bei seiner Ankunft Ende 30 als angeblichem einstigen Verschwörer die Zulassung verweigerte, und 1831 schließlich im Hafenstädtchen Civitavecchia im Kirchenstaat.

Ende 1830, einige Monate nach der Juli-Revolution und durch sie eigentlich obsolet geworden, kam Le Rouge et Le Noir heraus. Es ist die tragische Geschichte des tüchtigen und ehrgeizigen jungen Kleinbürgers und Provinzlers Julien Sorel, der im (wie der Autor es sieht) von reaktionären Adeligen, intriganten Geistlichen und opportunistischen Bourgeois beherrschten Restaurationsregime trotz seiner Talente und Meriten und trotz beachtlicher Zwischenerfolge letztlich weder General (=rot) noch Bischof (=schwarz) zu werden schafft, sondern es nur zum Geliebten einer adeligen Ehefrau und danach zum Verlobten einer jüngeren Grafentochter bringt und schließlich einen heroisch akzeptierten Tod auf dem Schafott erleidet. Le Rouge gilt heute als Stendhals Meisterwerk und ist tatsächlich eine (wie der Untertitel besagt) „Chronik von 1830“, genauer der Jahre davor. Zu Lebzeiten des Autors hatte der Roman jedoch wenig Erfolg: der soziale Typ, den der Protagonist darstellt (und den Stendhal selbst unter Napoleon verkörpert hatte), nämlich der junge Bildungsbürger, der seinen Aufstieg persönlicher Leistung verdankt, wurde erst nach der Jahrhundertmitte repräsentativer für die französische Gesellschaft, in dem Maße wie sich der Stellenmarkt für gebildete „Leistungsträger“ stark vergrößerte.

Nach einigen weiteren Erzählungen verfasste Stendhal 1832 die autobiografischen Souvenirs d'égotisme (Fragment, erst postum publiziert) und begann 1834 den Roman Lucien Leuwen, der, obwohl weit fortgeschritten, unvollendet blieb. Er erzählt die Geschichte eines Pariser Bankierssohns, der gewissermaßen die Julien Sorel nicht mögliche Offiziers-Karriere verwirklichen sollte, unter der Hand jedoch ganz unzeitgemäße Sympathien für den durch die Juli-Revolution entmachteten Adel entwickelt, sich in eine adelige junge Witwe verliebt, sie aber verlässt, als er sich betrogen glaubt, und danach in Paris als Adlatus eines Ministers die Politik von ihrer schmutzigen inneren Seite kennenlernt – wonach er seinem Autor quasi entgleitet.

Hierauf nahm Stendhal erneut sich selbst ins Visier und schrieb 1835/36 an einer wiederum unvollendet gebliebenen Geschichte seiner Jugend (Vie de Henry Brulard). Eine insgesamt dreijährige Beurlaubung nutzte er zu ausgiebigen Paris-Aufenthalten (wobei er 1835 das Kreuz der Légion d’Honneur bekam) und zu Reisen, aber auch zum Verfassen einer Serie von historischen Novellen, deren Handlung er in die italienische Renaissance verlegte, wo seiner Meinung nach die Menschen noch Leidenschaft und Energie besaßen (Chroniques italiennes, 1837–39).

Im November/Dezember 1838 diktierte er in 53 Tagen in Civitavecchia den Roman La Chartreuse de Parme, die spannende Geschichte des jungen lombardischen Adeligen Fabrice del Dongo, der dem Napoleon der Hundert Tage zu Hilfe zu eilen versucht und es nach diesem kapitalen Fehler im reaktionären Oberitalien der Restauration lediglich – und auch das nur dank der Intrigen seiner schönen und energischen jungen Tante – bis zum Bischof bringt und zugleich allerdings zum Geliebten seines Jugendschwarms, der schönen Generalstochter Clélia Conti. Die von Balzac enthusiastisch besprochene Chartreuse war Stendhals einziger größerer Erfolg zu seinen Lebzeiten.

Ende 1839 arbeitete er an einem neuen Roman, Lamiel, den er aber nicht mehr fertigstellte. Nach einem ersten Schlaganfall im März 41, starb er bei einer zweiten Attacke ein Jahr später in Paris während einer längeren Beurlaubung.

(Stand: Jan. 10)

Alphonse de Lamartine (*21.10.1790 Mâcon/Bourgogne; †28.2.1869 Paris).

Er zählt zu den Großen der franz. Romantik und gilt als ihr poetischster Autor. Er war zugleich fast sein ganzes Leben lang politisch aktiv als Bürgermeister, Diplomat, Abgeordneter und (1848) sogar kurz als Regierungschef.

Er war ältestes von drei Kindern einer mäßig bemittelten Familie des kleineren Landadels. Seine Kindheit verlebte er in Mâcon und auf dem Landgut der Familie im nahen Milly, erzogen hauptsächlich von seiner streng katholischen Mutter. Seine Schulzeit verbrachte er auf einem Internat in Lyon (wo er zwölfjährig ausriss) und danach auf einem ehemaligen Jesuitenkolleg in Bellay (Dép. Ain). Anschließend blieb er zunächst, da er unter Napoleon kein Offiziers- oder Beamtenanwärter werden wollte, als junger Landedelmann zu Hause. 1811/12 unternahm er mit einem Freund eine längere Bildungsreise in das zu dieser Zeit von Frankreich beherrschte Italien. Insbes. hielt er sich länger in Rom und noch länger in Neapel auf, wo er eine Romanze mit einer Antoniella hatte, der späteren „Graziella“. 1812 wurde er zum Bürgermeister von Milly ernannt und reiste erstmals nach Paris.

1814, nach der Rückkehr der Bourbonen auf den franz. Thron, diente er „seinem“ König Louis XVIII als Gardeoffizier in Beauvais und in Paris. Die Hundert Tage, d.h. Napoleons vorübergehende Rückkehr an die Macht (März bis Juni 1815), verbrachte er in der Schweiz und in Savoyen. Nach kurzem nochmaligen Dienst als Gardeoffizier gab er im Herbst die militärische Laufbahn auf und lebte wieder in Milly als lesender und schreibender Privatier.

Im Oktober 1816 verliebte er sich während einer Kur in Aix-les-Bains am See von Bourget (Savoyen) in die ebenfalls dort kurende tuberkulosekranke junge Pariserin Mme Julie Charles, der er nach Paris folgte, wo er in ihrem Salon verkehrte. Zur verabredeten neuen gemeinsamen Kur im herbstlichen Aix kam es nicht mehr, weil Mme Charles zu krank war (und wenig später starb). Lamartine wurde tief erschüttert durch ihren Tod und besang die Erinnerung an „Elvire“ (wie er sie nun nannte) in wehmütigen Versen, z.B. in den bekannten Anthologie-Gedichten L’Isolement, Le Lac, oder Le Temple.

Zurück in Milly, stellte er 1818 eine Tragödie fertig, Saül, die aber nicht angenommen wurde.

Anfang 1819 wurde er auf der Hochzeit einer seiner beiden Schwestern der reichen protestantischen Engländerin Mary-Anne Birch vorgestellt. Nachdem er sie im Spätsommer wiedergesehen hatte, hielt er um ihre Hand an und heiratete sie ein Jahr später.

Anfang 1820 erkrankte er schwer und näherte sich der zwischenzeitlich abgestreiften Frömmigkeit seiner Kindheit wieder an, wenn auch eher im Sinne eines katholisierten Pantheismus. Im März erschien ein Sammelband mit Gedichten aus den vorangegangenen Jahren: Méditations poétiques. Das mit 118 Seiten und 24 Texten relativ kleine Bändchen war erstaunlich erfolgreich, machte Lamartine schlagartig bekannt und erlebte in zweieinhalb Jahren neun, jeweils leicht vermehrte Auflagen. Es bedeutete zugleich den Durchbruch der romantischen Lyrik in Frankreich, d.h. einer Lyrik, die sich nicht mehr vor allem an den gebildeten Intellekt und Schönheitssinn richtete, sondern Leidenschaften und Stimmungen, erotische und religiöse Sehnsüchte, Träumereien und Natureindrücke bedichtete und das Gefühl ansprechen wollte.

Kurz nach seiner Hochzeit im Sommer 20 ging Lamartine als Botschaftsattaché nach Neapel. Auf der Rückreise Anfang 1821 kam in Rom Sohn Alphonse zur Welt, der aber 1822 starb, kurz nachdem in Mâcon ein zweites Kind, Julie, geboren worden war.

1823 versuchte Lamartine mit dem Bändchen Nouvelles [neue] méditations an den Erfolg der ersten Sammlung anzuknüpfen, was allerdings nur teilweise gelang.

Das Jahr 24 war ein dunkles Jahr für ihn. Beide Schwestern starben kurz nacheinander. Eine Kandidatur für die Académie française scheiterte.

Er trat wieder in den diplomatischen Dienst und war zweieinhalb Jahre Legationssekretär in Florenz, der Hauptstadt des Herzogtums Toscana. Hierbei fand er jedoch, wie auf solchen Posten üblich, ausreichend Muße zum Lesen und zum Schreiben.

Anfang 1830 wurde er schließlich doch in die Académie française aufgenommen. Im Frühsommer publizierte er den Gedichtband Harmonies poétiques et religieuses, der seine Rolle als eines der Chefs der jungen romantischen Schule bestätigte.

Nach der Juli-Revolution und der Abdankung von König Charles X 1830 quittierte er den diplomatischen Dienst, denn er betrachtete, wie so viele Adelige, den neuen Monarchen Louis-Philippe, den „Bürgerkönig“, nicht als rechtmäßigen Herrscher. Er beschloss, als Abgeordneter in die Politik zu gehen, scheiterte jedoch bei seiner ersten Kandidatur 1831, obwohl er sich (was damals möglich war) in drei Wahlkreisen zugleich hatte aufstellen lassen.

Enttäuscht unternahm er 1832/33 auf eigenem Schiff mit Familie, Domestiken und Freunden eine ihn sehr prägende Orient-Reise (auf der er Ende 32 in Beyruth Tochter Julie durch Krankheit verlor). Seine gut beobachteten Eindrücke verarbeitete er anschließend zu dem umfangreichen BuchVoyage en Orient (erschienen 1835), einer der zahlreichen Reisereportagen, wie sie die Autoren der Zeit verfassten.

Noch während der Reise erreichte ihn die Nachricht, dass er 1833 aufgrund einer Nachwahl doch noch Abgeordneter geworden war, und zwar in Nordfrankreich. Von 1838 bis 48 vertrat er jedoch, ständig wiedergewählt, den Wahlkreis Mâcon. Lamartines politische Position im Parlament, der Chambre des Députés, war die eines latent oppositionellen Linkskatholiken, d.h. er war trotz einer patriarchalischen und konservativen Grundeinstellung aufgeschlossen für die sozialen Fragen der Zeit, insbesondere für das Problem der Armut und der Proletarisierung der zunehmenden Arbeitermassen in den rasch wachsenden Städten.

Schon seit 1831 arbeitete er an einem Epos in Alexandrinern. 1836 und 1838 veröffentlichte er zwei fertige längere Teile daraus unter dem Titel Jocelyn und La Chute d'un ange. Jocelyn, die zur Revolutionszeit spielende traurig-sentimentale Geschichte eines jungen Mannes, der seine Liebe opfert und mit ihr auch die Geliebte, Priester wird und sein Leben als selbstloser Menschenfreund beschließt, hatte beachtlichen Erfolg. La Chute d'un ange dagegen blieb ein Ladenhüter, so dass Lamartine auf den Abschluss des Werkganzen verzichtete.

1839 publizierte Lamartine den Gedichtband Recueillements poétiques, mit dem er aber nur noch einer unter den inzwischen vielen anderen romantischen Dichtern war.

1843 brach er gänzlich mit dem plutokratischen, d.h. sich auf die Reichen im Lande stützenden Regime von König Louis-Philippe und entwickelte sich zum oppositionellen Republikaner und gefürchteten politischen Redner. Er begann seine monumentale Histoire des Girondins (gedruckt 1847), d.h. eine Geschichte der Partei der gemäßigten Revolutionäre von 1791–94.

Nach der Februar-Revolution von 1848, wurde Lamartine Außenminister sowie Chef der Provisorischen Regierung und wurde im April triumphal zum Mitglied der Verfassungsgebenden Versammlung der kurzlebigen Zweiten Republik gewählt. Die politische Praxis lag ihm jedoch nicht und machtbewusstere Kollegen wie der General Cavaignac drängten ihn ab. Als er Ende 48 er für das neue Amt des Staatspräsidenten kandidierte, unterlag er kläglich gegen Louis-Napoléon Bonaparte, den Neffen von Kaiser Napoléon I und baldigen Kaiser Napoléon III.

Nach dieser Niederlage wurde er zwar 1849 nochmals Abgeordneter, doch mit dem Staatsstreich Bonapartes Ende 1851 war seine politische Rolle ausgespielt. Durch seine Wahlkampagnen verarmt (1860 z.B. musste er Milly verkaufen), lebte er mühsam von seiner Feder, d.h. von den vielbändigen autobiografischen Confidences (1849-51), diversen historischen Sachbüchern, einigen sozial engagierten Romanen (z.B. Geneviève, Histoire d’une servante, 1851) und seinem 1856–69 monatlich in einer Zeitschrift erscheinenden Cours familier de littérature.

1867 machte er, seit 1863 verwitwet und durch Krankheit geschwächt, noch seinen Frieden mit dem Regime des Second Empire von Napoléon III und akzeptierte eine staatliche Pension sowie eine kostenfreie Wohnung von der Stadt Paris.

Der hübsche und einmal mehr traurige autobiografische kleine Liebesroman Graziella (konzipiert 1844, gedruckt 1849 als Teil der Confidences und ab 1852 auch als selbständige Publikation) etablierte sich erst nach Lamartines Tod als Erfolgsbuch, das vielfach neu aufgelegt und zu insgesamt einem Theaterstück, drei Opern und zwei Filmen verarbeitet wurde.

In Frankreich zählt der Lyriker Lamartine unbestritten zu den Großen der Romantik. Seine jahrzehntelange Verbindung literarischer und politischer Aktivität hat dazu beigetragen, dass der Typ des auch in der Praxis politisch engagierten Autors in Frankreich keine Seltenheit ist. Im deutschsprachigen Raum scheint er kaum bekannt geworden zu sein.

(Stand: Jan. 11)

Alfred de Vigny (*27.3.1797 Loches; †17.9.1863 Paris).

Er zählt als Lyriker, Dramatiker und Erzähler zu den großen franz. Romantikern.

Vigny stammte aus einer durch die Revolution geschädigten Adelsfamilie und verbrachte seine Kindheit und Jugendjahre ab 1798 in Paris, teilweise im jetzigen Elysée-Palast, der damals Mietshaus war. Er besuchte das Lycée Bonaparte (heute Lycée Condorcet) und träumte wie so viele junge Leute im Frankreich der Zeit von einer militärischen Karriere.

1814 trat er als junger Fähnrich in den Dienst des aus dem englischen Exil zurückgekehrten Königs Louis XVIII und floh mit ihm nach Brüssel, als Napoleon für die berühmten Hundert Tage (März bis Juni 1815) die Macht zurückeroberte. Nach der endgültigen Niederlage Napoleons setzte Vigny in verschiedenen Garnisonen seine militärische Laufbahn fort, hielt sich aber viel in Paris auf, denn adeliger Offizier zu sein war in Friedenszeiten eher eine Nebenbeschäftigung denn ein Beruf.

Ab 1817 veröffentlichte Vigny Gedichte, 1822 erschien seine erste Gedichtsammlung: Poèmes. 1825 heiratete er eine vermögende Engländerin und konnte sich beurlauben lassen, um seinen literarischen Interessen zu leben. 1827 quittierte er den aktiven Dienst.

1826 nämlich hatte er erfolgreich zwei Bücher publiziert: den Band Poèmes antiques et modernes (mit dem berühmten Gedicht über das Ende Rolands, Le Cor, einem Beispiel der Mittelalterbegeisterung der Romantiker) und den Roman Cinq-Mars, dessen Handlung um den gleichnamigen, 1642 geköpften Verschwörer gegen Richelieu kreist und der der erste franz. historische Roman in der neuen Manier Walter Scotts war.

1827-29 versuchte Vigny mit Bearbeitungen von Romeo and Juliet, Othello und The Merchant of Venise, Shakespeare in Frankreich heimisch zu machen, der den Romantikern als vorbildhaft galt. 1831 wurde sein erstes eigenes Stück aufgeführt, La Maréchale d'Ancre. Hierbei lernte er die Schauspielerin Marie Dorval kennen, mit der er ein längeres Verhältnis einging.

1832 erschien sein Erzählband Stello. Aus einer der drei Erzählungen machte Vigny 1834 das erfolgreiche Drama Chatterton, das einen Typ kreierte, der noch jahrzehntelang die romantische und postromantische Literatur prägen sollte: den sich selbst und seiner Umgebung problematischen Künstler, der es schwer hat, in einer zunehmend bürgerlich geprägten, profitorientierten Gesellschaft den Platz zu finden, der seinem hohen Bild von sich selber entspricht.

1835 publizierte Vigny Servitude et grandeur militaires, Erzählungen um den Konflikt zwischen Gewissen und soldatischer Pflicht aus der Sicht eines Ex-Offiziers, der in seinem Karriere-Ehrgeiz überwiegend frustriert worden war und zudem, wie so viele Intellektuelle, unzufrieden war mit dem von Bankiers und Fabrikanten beherrschten Regime des „Bürgerkönigs“ Louis-Philippe, der seit 1830 auf dem Thron saß.

Vignys weitere Werke blieben erfolglos und erlangten auch später kaum Anerkennung. Zwischen 1843 und 45 brauchte er entsprechend fünf Anläufe, um Mitglied der Académie française zu werden. Nach der Februar-Revolution 1848 versuchte er, als Abgeordneter in die Politik zu gehen, scheiterte aber. 1852 schlug er sich auf die Seite des neuen Kaisers Napoléon III und verwaltete hinfort seinen Ruhm.

(Stand: Jan. 10)

Honoré de Balzac (*20.5.1799 Tours; †18.8.1850 Paris).

Er gilt den Franzosen neben Molière und Victor Hugo als einer ihrer größten Autoren überhaupt und bildet, obwohl er eigentlich zur Generation der Romantiker zählt, mit dem 17 Jahre älteren Stendhal und dem 22 Jahre jüngeren Flaubert das Dreigestirn der großen französischen Realisten. Sein Hauptwerk ist der rd. 90 Titel umfassende, aber unvollendete Zyklus La Comédie Humaine, dessen Romane und Erzählungen ein Gesamtbild der Gesellschaft im Frankreich der Zeit zu zeichnen versuchen.

Honoré Balzac (so sein Geburtsname) war, da ein 1798 geborener Bruder schon im Säuglingsalter starb, ältestes Kind von Bernard-François Balzac, einem Bauernsohn aus dem südwestfranzösischen Dép. Tarn, und von Anne-Charlotte-Laure Sallambier, einer Pariserin aus gutbürgerlicher Familie. Der Vater hatte es schon vor der Revolution vom Notariatsangestellten zum Sekretär eines hohen Beamten gebracht und war nach 1789 Sekretär eines Marineministers und dann leitender Beamter in der Verwaltung der Revolutionsarmee geworden. Schon um 1780 hatte er seinen eigentlichen Namen Balssa französisiert zu „Balzac“, das er spätestens ab 1803 gern mit einem „de“ verzierte. Erst 1797 hatte er mit 50 geheiratet. Die Mutter, eine offenbar hübsche und gebildete Frau, war bei ihrer Heirat 19. Sie gab, nachdem sie ihren Erstgeborenen früh verloren hatte, den neugeborenen Honoré sowie danach auch seine 1800 und 1802 geborenen Schwestern zu einer Amme in Pflege. 1807, einige Monate bevor sie einen offenbar außerehelich empfangenen Sohn zur Welt brachte, schickte sie ihren eben 8-jährigen Ältesten in ein Internat der Oratorianer in Vendôme. Von dort wechselte er mit 13, sitzengeblieben und kränkelnd, in eine Pariser Schülerpension und besuchte, wiederum nur wenig erfolgreich, das Lycée Charlemagne. Insgesamt erlebte Balzac seine Kindheit und Jugend als freudlos und entwickelte einen tiefsitzenden Groll gegen seine Mutter.

1814 erhielt der Vater, der zuletzt in Tours Verwaltungschef des Krankenhauses gewesen war, einen guten Posten in Paris, und die Familie zog um in die Hauptstadt. Hier beendete Balzac 1816 seine Schulzeit und nahm ein Jurastudium an der École de Droit auf. Er besuchte jedoch auch literarische Vorlesungen an der Sorbonne und am Collège de France und begann, nebenher philosophische Überlegungen zu Papier zu bringen. Ab 1817 arbeitete er zudem stundenweise als Schreibkraft, zunächst bei einem Anwalt (wo er den späteren Komödienautor Eugène Scribe als Kollegen hatte) und dann bei einem mit der Familie befreundeten Notar.

Anfang 1819 legte er das „baccalauréat en droit“ ab, die Zulassungsprüfung für den letzten Studienabschnitt vor der „licence“, dem eigentlichen Abschluss. Nach Vorlesungsschluss im Sommer brach er jedoch das Studium ab, denn er hatte beschlossen Schriftsteller zu werden. Nachdem sich der Vater bereitgefunden hatte, ihm zwei Probejahre zu finanzieren, zog Balzac in eine kleine Dachwohnung und begann zu schreiben. Das Ergebnis war allerlei Feuilletonistisches und Lyrisches, Fragmente eines Opernlibrettos und einer Tragödie sowie vor allem ein Drama in Versen, Cromwell. Dieses rezitierte er 1820 vor der Familie (wo er inzwischen wieder wohnte) und einigen sachverständigen Freunden des Hauses, erntete aber nichts als Kritik. Er blieb trotzdem bei seinem Entschluss, wechselte allerdings das Genre und versuchte sich in Romanen.

1821 lernte er den schon erfahreneren Autor Auguste Lepoitevin kennen. Mit ihm zusammen und unter dessen Pseudonym „Viellerglé“ produzierte er in den Folgejahren mehrere Romane, versuchte es daneben aber auch mit eigenen, die er „Lord R'Hoone“ oder „Horace de Saint-Aubin“ zeichnete.

1822 machte er die Bekanntschaft der 45-jährigen Mme de Berny, die seine Geliebte wurde und ihm eine „éducation sentimentale“ angedeihen ließ. Sie blieb ihm bis kurz vor ihrem Tod 1836 als mütterliche Freundin verbunden.

1823 versuchte sich Balzac erneut als Dramatiker mit dem Stück Le Nègre, das aber nicht angenommen wurde. Ein weiterer Ausflug in ein anderes Genre, das epische Gedicht Fœdora, blieb Fragment. Nebenher schrieb er Kritiken für das Feuilleton littéraire des jungen Publizisten Horace Raisson, mit dem zusammen er auch andere literarische Projekte verfolgte. Immerhin verdiente er inzwischen so viel, dass er in der Lage war, seinen Eltern 100 Fr. Kostgeld monatlich zu zahlen, ein gewisses gesellschaftliches Leben zu führen und diese oder jene Reise zu den Landsitzen adeliger oder großbürgerlicher Gastgeber zu unternehmen.

Den erhofften Durchbruch als Autor schaffte er trotz seiner fleißig fortgesetzten Romanproduktion jedoch weiterhin nicht. (Ende 1824 scheint er deshalb in eine Depression verfallen zu sein). Auch nachträglich haben seine Jugendwerke keine Geltung erlangt, obwohl er darin oft schon Themen behandelt, z.B. das Streben nach Anerkennung und Geld, und Typen gestaltet, z.B. den energiegeladenen jungen Aufsteiger, die später typisch für ihn waren.

Anfang 1825 lernte er über seine Schwester Laure in Versailles die Duchesse (Gräfin) d’Abrantès kennen, die ein Verhältnis mit ihm einging und ihm Einblicke in die Welt des zeitgenössischen Adels verschaffte. Im August starb mit 23 seine jüngste Schwester, Laurence de Montzaigle, deren 1821 geschlossene Ehe unglücklich gewesen war. Im Herbst begann Balzac hieraufhin ein leicht zynisches und illusionsloses Ehehandbuch für noch ledige Männer: Physiologie du mariage, das er jedoch erst 1829 fertigstellte und anonym publizierte.

Ebenfalls 1825 versuchte er sich als Compagnon eines Pariser Verlegers und gab je eine illustrierte und kommentierte Molière- und La Fontaine-Ausgabe heraus. Auf den Geschmack als Verleger gekommen, kaufte er 1826 mit Darlehen Mme de Bernys und vor allem seiner Mutter eine Druckerei, der er 1827 eine Letterngießerei angliederte. Schon 1828 jedoch musste er infolge einer Wirtschaftskrise, die von England ausging, Konkurs anmelden, die Gießerei an den Sohn Mme de Bernys abtreten und die Druckerei schließen. Er blieb lebenslang Schuldner seiner Mutter, die seinen Vater († 1829) und ihn selbst überlebte. Immerhin hatte er in seiner Eigenschaft als Verleger Kontakt zu mehreren Autoren der Schule der Romantiker erhalten, darunter Hugo und Vigny.

Er konzentrierte sich nun wieder auf das Schreiben. 1829 hatte er endlich Erfolg mit Le dernier Chouan, ou La Bretagne en 1800 (später überarbeitet und umbenannt in Les Chouans, ou La Bretagne en 1799). Es ist ein historischer Roman nach der neuen Machart Walter Scotts, der mit einem jungen Adeligen als Protagonisten das tragische Ende eines der letzten königstreuen Widerständler gegen das Revolutionsregime schildert. Les Chouans war zugleich das erste Werk, das Balzac mit seinem Namen zeichnete. Diesem setzte er rasch ein „de“ voran, als ihm der Erfolg die Pariser Salons zu öffnen begann.

In den Folgejahren führte er eine äußerst vielfältige und bewegte Existenz. So gründete er 1830, im Jahr der Julirevolution, mit dem späteren Zeitungsmagnaten Girardin eine politische Zeitschrift. 1831 und nochmals 1832 erwog er, für ein Abgeordnetenmandat zu kandidieren, beschränkte sich dann aber auf eine Rolle als sehr aktiver Journalist, wobei er 1835 sogar Mehrheitsaktionär der politischen und literarischen Zeitschrift Chronique de Paris wurde, die jedoch schon 1836 einging. Seine politische Position rückte in diesen Jahren deutlich nach rechts, denn 1832 hatte er, der pseudoadelige Bourgeois, über eine adelige Freundin, die Marquise de Castries, Anschluss an Kreise der Legitimisten gefunden, d.h. Adeliger aus meist alten Familien, die den 1830 zurückgetretenen Charles X weiterhin als legitimen König betrachteten und sich dem neuen „Bürgerkönig“ Louis-Philippe verweigerten.

Daneben war Balzac viel unterwegs, um Gast in den Sommerresidenzen vornehmer Leuten zu sein und/oder einer der zahlreichen, meist verheirateten Damen zu folgen, mit denen er Verhältnisse anstrebte oder unterhielt. Hierbei wurde er offenbar auch Vater außerehelich gezeugter Kinder, und zwar 1834 einer Marie du Fresnay und 1836 eines Lionel-Richard Guidoboni-Visconti.

1832 trat brieflich die polnische Gräfin Hanska mit ihm in Kontakt, die nach ihrem ersten Treffen im Winter 1833/34 in der Schweiz und einem weiteren Treffen 1835 in Wien eine wichtige Figur in seinem Leben wurde und ihn, nach ihrer Verwitwung 1841, 1850 schließlich auch heiratete.

Vor allem aber schrieb Balzac. Nach dem Erfolg der Chouans passabel bezahlt und zunehmend anerkannt, verfasste er Erzählungen und Romane, die in der Regel zunächst in Fortsetzungen in Zeitschriften herauskamen, ehe sie in Buchform erschienen. Schon früh entwickelte er die Gewohnheit, jeweils mehrere schon gedruckte Werke unter Gruppentiteln zusammengefasst und revidiert nochmals herauszubringen, so 1830 die zweibändigen Scènes de la vie privée (mit u.a. La Maison du chat qui pelote und Gobseck), 1831 die Romans et contes philosophiques (mit u.a. La Peau de chagrin), 1832 einen ersten Band Contes drôlatiques und 1833 die zweibändigen Scènes de la vie de Province (mit u.a. Eugénie Grandet). Auch das Gros seiner Jugendwerke versuchte er 1836 ein zweites Mal zu vermarkten in der Sammelausgabe Œuvres complètes d’Horace de Saint-Aubin.

Im Oktober 33 schloss Balzac einen Verlagsvertrag, wonach er aus vorhandenen und noch zu schreibenden Werken eine drei mal vier, d.h. insgesamt zwölf Bände umfassende Sammlung von „Szenen“ zu erstellen hatte, die unter dem Generaltitel Études de mœurs au XIXe siècle erscheinen sollten. Noch 1833 lieferte er zwei Bände Scènes de la vie de province, 1834 begann er die Scènes de la vie parisienne.

Im selben Jahr 34 hatte er beim Schreiben eines seiner besten Werke, Le Père Goriot, die Idee, Figuren seiner bis dahin verfassten und der künftigen Erzählungen und Romane immer wieder neu auftreten zu lassen, um mit diesem Kunstgriff die Handlungen in einem gewissen Umfang zu verflechten und eine für den Leser überschaubare Welt zu schaffen. Wirklich schuf Balzac im Lauf der nachfolgenden 13-14 Jahre ein Universum von gut 2000 Figuren, die zugleich Repräsentanten der nachrevolutionären franz. Gesellschaft sein sollten und in der Tat eine plastische Vorstellung vom Leben zumindest der zeitgenössischen bürgerlichen und adeligen Schichten samt ihren Domestiken vermitteln.

Im selben Jahr 34 hatte er beim Schreiben eines seiner besten Romane, Le Père Goriot, die entscheidende Idee, die Figuren seiner bis dahin verfassten und der künftigen erzählenden Werke immer wieder neu auftreten zu lassen, um mit ihnen und um sie herum eine überschaubare Welt entstehen zu lassen. Wirklich entstand so im Lauf der Zeit ein Universum von gut 2000 Figuren, die zugleich Repräsentanten der nachrevolutionären franz. Gesellschaft sein sollten und in der Tat eine plastische Vorstellung vom Leben zumindest der zeitgenössischen bürgerlichen und adeligen Schichten samt ihren Domestiken vermitteln.

Entsprechend schloss Balzac 1841 mit einer Verlegergruppe einen Vertrag für eine neue Gesamtausgabe seines vorhandenen und geplanten erzählerischen Œuvres und gab dieser, als er sie 1842 mit drei ersten Bänden eröffnete, den Obertitel des Ganzen La Comédie humaine. Die einzelnen Romane und Erzählungen dieses Ganzen sollten darin nicht nur zu den Großgruppen Études philosophiques, Études analytiques und Études de mœurs zusammengefasst werden, sondern auch noch zu Untergruppen (Scènes de la vie privée usw.). Zur Verwirklichung seines Projekts schrieb Balzac in den nächsten Jahren wie besessen. Sein infernalischer Arbeitsrhythmus von oft 15 bis 17 Stunden täglich (den er wie symbolisch in einer Art Mönchskutte absolvierte) und sein enormer Kaffeeverbrauch wurden legendär.

Die außergewöhnliche Vitalität und Schaffenskraft Balzacs beschränkten sich im Übrigen nicht auf seine literarische Aktivität als Erzähler, Journalist und gelegentlicher, allerdings stets erfolgloser Dramatiker. Vielmehr war er auch ein Lebemann, der trotz seiner ständig wachsenden Schulden einen luxuriösen Lebensstil mit Kutsche, eleganter Kleidung, schönen Wohnungen und sogar einem Landsitz zu unterhalten versuchte und ein aufwändiges gesellschaftliches Leben pflegte. Auch hatte er bis ca. 1843 fast ständig Geliebte, wobei er es immer wieder schaffte, aufopferungswillige und oft auch zu finanzieller Hilfe bereite Frauen aus den besten Kreisen an sich zu binden. 1839 betätigte er sich als Vorsitzender des neugegründeten Schriftstellerverbandes.

Spätestens 1843 und verstärkt ab 1844 bekam er aufgrund der Überspannung seiner Kräfte und seines exzessiven Kaffeekonsums Gesundheitsprobleme. Er versuchte jedoch, sie mit Arbeit zu betäuben oder auf Reisen zu und mit Mme Hanska zu vergessen, die ab 1845 seine mehr oder weniger feste, wenn auch niemals ständige Partnerin wurde. Mit ihr bereiste er in drei Sommern Frankreich, Deutschland, Italien und die Schweiz und verbrachte auf ihrem Schloss in der heutigen Ukraine den Winter 47/48 und das ganze Jahr 49. Seine Hoffnung, sich dort gesundpflegen zu lassen, erfüllte sich jedoch nicht. Er starb, nachdem er Mme Hanska im März 1850 geheiratet und zur Alleinerbin eingesetzt hatte, kurz nach seiner offenbar strapaziösen Rückreise nach Paris. Die Gedenkrede an seinem Grab hielt der drei Jahre jüngere Victor Hugo.

Die Aufnahme in die Académie française war Balzac trotz mehrerer Anläufe (1839, zuletzt in Abwesenheit 1849) nicht vergönnt: seine in der Tat von Eile geprägte Schreibweise galt bei der professionellen Literaturkritik lange als stillos und unseriös. Immerhin wurde er 1845 mit dem Kreuz der Ehrenlegion ausgezeichnet.

Aller Wahrscheinlichkeit nach bezog seine Witwe erfreulichere Einkünfte aus seiner Schriftstellerei als er zu seinen Lebzeiten selbst erzielt hatte. Er pflegte nämliche seine eigentlich durchaus guten Honorare ganz erheblich dadurch zu schmälern, dass er auf den Korrekturfahnen seiner Texte (d.h. den Probeausdrucken) so viele Verbesserungen anbrachte, dass das Ganze jeweils neu gesetzt werden musste.

Balzacs Erzählweise gilt in der Literaturgeschichte als prototypisch für den traditionellen Roman „à la Balzac“, d.h. einen Roman mit interessanten, nicht eben Durchschnittstypen verkörpernden Protagonisten, einer interessanten und mehr oder minder zielstrebigen Handlung sowie einem eindeutigen Vorherrschen der auktorialen Erzählsituation.

Seine heute bekanntesten Romane und Erzählungen sind: La Peau de chagrin (1831); Le Colonel Chabert  (1832); Le Médecin de campagne (1833); Contes drôlatiques (1832-37); Le Lys dans la vallée (1836); Histoire de la grandeur et de la décadence de César Birotteau (1837/38); Illusions perdues (1837-43); La Cousine Bette, Le Cousin Pons, (1847), sowie vor allem Eugénie Grandet (1833) und Le Père Goriot  (1834).

(Stand: Jan. 10)

Anhang:

Eugenie Grandet erzählt die Geschichte einer Provinzlerin, die sich als junges Mädchen in ihren Cousin Charles verliebt, als dieser aus Paris auftaucht, um nach dem Bankrott und Selbstmord seines Vaters ihren Vater um Hilfe zu bitten, die der aus Geiz aber ablehnt. Nachdem Charles ihr die Ehe versprochen hat, vertraut Eugénie ihm heimlich ihre Jung-Mädchen-Ersparnisse an, damit er in den Kolonien einen Handel aufziehen kann. Wirklich wird er dort reich, doch wird er auch egoistisch. So heiratet er bei seiner Heimkehr nach sieben Jahren nicht die wartende Eugénie, sondern eine verarmte junge Adelige, deren Familie ihn mit der Aussicht auf den Adelstitel ködert. Die tief getroffene Eugénie, die inzwischen den immensen Reichtum ihres Vaters geerbt hat (den sie selbst und Charles völlig unterschätzt hatten), gibt nun ihr Jawort einem betuchten hohen Richter, der sie und ihr Geld schon seit langem umworben hat. Um Charles zu zeigen, was ihm entgeht, bezahlt sie mit links die noch offenen Schulden seines Vaters und lässt ihn ihren Vermögensstand wissen. Nachdem sie relativ bald Witwe geworden ist und so auch noch den nicht unbeträchtlichen Besitz ihres Mannes geerbt hat, zieht sie sich, früh vereinsamt und frustriert in Frömmigkeit und Wohltätigkeit zurück. Fazit: Geld macht nicht glücklich, Liebe dagegen kann es – wenn man sie lässt.

Le Père Goriot erzählt zwei locker verflochtene Geschichten: die letzten Stufen des Abstiegs des ursprünglich reichen Nudelfabrikanten Goriot, der sich von seinen beiden mit Adeligen verheirateten Töchtern bis auf den letzten Pfennig ausplündern lässt, und die ersten Stufen des Aufstiegs des armen jungen Provinzadeligen Eugène de Rastignac, dem es gelingt, in Pariser Adelskreisen Fuß zu fassen und zugleich als Geliebter der jüngeren Tochter Goriots eine „éducation sentimentale“ zu erfahren. Balzac entlässt den Leser mit der Vorstellung, dass Eugène bald weiter aufsteigen wird, gibt aber keinen Hinweis darauf, wie und wohin – vermutlich deshalb nicht, weil er sichtlich gar kein tragfähiges Projekt für ihn hat. In der Tat waren 1834 (dem Entstehungsjahr des Romans) die schönen Zeiten von 1819 (dem Jahr der Handlung) vorbei, wo ein junger Adeliger allein aufgrund seiner Zugehörigkeit zum Adel in Paris Karriere machen konnte. Denn die Juli-Revolution von 1830 hatte die Großbourgeoisie an die Macht gebracht, was deren in der Regel besser ausgebildeten Söhnen gleiche, wenn nicht größere Chancen verschaffte.

(Stand: Okt. 06)

Victor Hugo (*26.2.1802 Besançon; †22.5.1885 Paris).

Dieser in praktisch allen literarischen Gattungen tätige und äußerst fruchtbare Autor gilt vielen Franzosen als ihr größter Autor überhaupt und hat in Frankreich etwa den Status wie Goethe im deutschsprachigen Raum.

Hugo war Sohn eines napoleonischen Obersten, der 1809 zum General befördert und in den erblichen Adelstand eines Grafen (comte) erhoben wurde. Seine und seiner beiden älteren Brüder Kindheit war sehr unruhig. Nicht nur war der Vater als hoher Militär häufig abwesend, sondern auch die Mutter, die sich offenbar früh von ihrem Mann entfremdet hatte und ein Verhältnis mit einem Generalskollegen eingegangen war (der 1810 als Verschwörer verhaftet und 1812 hingerichtet wurde). Hugo wuchs überwiegend in Paris auf, verbrachte aber mit seiner Familie auch längere Zeit beim Vater in Neapel (1807/08) und in Madrid (1811/12). Ab 1812, nach der Trennung der Eltern, lebten er und sein mittlerer Bruder Eugène in Paris, zunächst bei der Mutter. Als 1815 auch der älteste Bruder Abel nach Paris kam, wurden sie vom Vater in ein Privatinternat („Pension“) gegeben, von wo aus sie das Lycée Louis-le-Grand besuchten.

Vielleicht schon mit 10 begann Hugo zu schreiben und bald war sein Ziel, „être Chateaubriand ou rien (Ch. zu werden oder nichts)“. Mit 15 erhielt er in einem Dichtwettbewerb der Académie Française eine „ermutigende Erwähnung“. 1818 begann er, wieder bei seiner Mutter lebend, gemeinsam mit Eugène ein Jurastudium. Mit 17 (1819) gründete er mit beiden Brüdern (die ebenfalls zu schreiben versuchten) eine kurzlebige literarische Zeitschrift, Le Conservateur littéraire, nach dem Vorbild von Chateaubriands politischer Zeitschrift Le Conservateur; denn sie waren zu dieser Zeit, unter dem Einfluss der Mutter, überzeugte Royalisten. 1819 bekam Hugo eine Auszeichnung in einem Dichtwettbewerb und knüpfte erste Beziehungen in Pariser Literatenkreisen. 1820 erhielt er eine Gratifikation für seine Ode sur la mort du duc de Berry (eines von einem Attentäter erschossenen Neffen von König Louis XVIII und potenziellen Thronerben).

Im selben Jahr 1820 druckte Le Conservateur (der Anfang 1821 einging) sein erstes erzählendes Werk, Bug-Jargal, das während des Sklavenaufstandes spielt, durch den Haïti 1791 von der Kolonialmacht Frankreich praktisch unabhängig wurde.

1822 kam sein erster Gedichtband Odes et poésies diverses heraus, der ihm eine königliche Pension von 1000 Francs jährlich eintrug (von der eine bescheidene Einzelperson fast leben konnte). Nach der Wiederverheiratung seines Vaters und dem Tod der Mutter (1821), ehelichte Hugo 1822 die 19jährige Adèle Foucher, eine Kindheitsfreundin, mit der er seit drei Jahren heimlich verlobt war. Ein erstes Kind starb kurz nach der Geburt (1823); vier weitere folgten: 1824 Léopoldine, 1826 Charles, 1828 François-Victor, 1830 Adèle (die als einzige Hugo überlebte).

1823 kam sein erster Roman heraus, die Schauergeschichte Han d'Islande, die ihm eine weitere Pension von 2000 Francs einbrachte, womit das Existenzminimum der jungen Familie gesichert war.

Nachdem 1824 der Sammelband Nouvelles Odes erschienen war, fand Hugo als hoffnungsvoller junger Autor Hugo Zutritt zu dem literarischen Salon von Charles Nodier (s.o.), der die erste Generation der franz. Romantiker um sich versammelte.

1825 wurde er zum Chevalier de la Légion d'Honneur ernannt und war er geladener Gast bei der Krönungszeremonie von Charles X, des jüngeren Bruders und Nachfolgers von Louis XVIII, in der Kathedrale von Reims. Auf der Geburtsanzeige von Sohn Charles (1826) figuriert er stolz als „baron“.

Bald danach jedoch änderte er unter dem Einfluss seiner neuen Romantiker-Freunde seine politische Einstellung und mutierte vom Royalisten zum oppositionellen Liberalen. 1826 erschien in Buchform und zum Roman verlängert eine neue Version von Bug-Jargal.

1827 verfasste er ein erstes Versdrama, Cromwell. Dieses erwies sich zwar als kaum spielbar, das Vorwort jedoch, die berühmte Préface de Cromwell, wurde zum Manifest des neuen romantischen Theaters und überhaupt der romantischen Schule, zu deren unbestrittenem Chef Hugo inzwischen aufgerückt war.

1829 veröffentlichte er den tagebuchartigen Roman Le dernier jour d'un condamné à mort, ein Plädoyer gegen die Todesstrafe und indirekte Regimekritik. Im selben Jahr verfasste er die melodramatischen historischen Stücke Marion Delorme, das vor der Aufführung als regimekritisch verboten wurde, und Hernani. Dessen Uraufführung am 25. Februar 1830 ging als „bataille d'Hernani“ (Schlacht um H.) in die Literaturgeschichte ein, als lautstark im Publikum ausgetragene Auseinandersetzung zwischen den Anhängern des klassizistischen Regeltheaters und den Adepten des neuen romantischen Theaters, das vor allem die „Wahrheit“ der Darstellung intendierte. Privat ging es ihm allerdings weniger gut: Ehefrau Adèle begann ein Verhältnis mit seinem Freund und Literatenkollegen Sainte-Beuve, das er hilflos duldete und dessen Reflexe sich in Gedichten der Sammlung Les feuilles d'automne (Herbstblätter, Ende 1831) finden.

Anfang 1831 publizierte Hugo eines seiner erfolgreichsten Werke, den um 1480 spielenden Roman Notre-Dame de Paris (Der Glöckner von N.-D.). In den nächsten Jahren verfasste er hauptsächlich historische Stücke, deren erstes, Le Roi s'amuse (1832) nach einigen Aufführungen als politisch missliebig verboten wurde, denn Hugo war, zusammen mit anderen jungen Intellektuellen, schon bald nach der Juli-Revolution von 1830 in Opposition zu dem neuen Regime des „Bürgerkönigs“ Louis-Philippe gegangen. Die nächsten Stücke wurden jedoch zunehmend weniger kritisch. Es waren:1833 Lucrèce Borgia und Marie Tudor, 1835 Angelo, 1838 Ruy Blas. Gegen 1837 machte Hugo die persönliche Bekanntschaft Louis-Philippes und näherte sich ihm politisch an.

Wie immer schrieb und publizierte er ständig auch Gedichte, die er von Zeit zu Zeit gesammelt herausgab: 1835 Les Chants du crépuscule, 1837 Les voix intérieures, 1840 Les rayons et les ombres.

Inzwischen ging es ihm auch privat wieder besser: Anfang 1833 hatte er die vier Jahre jüngere Schauspielerin Juliette Drouet kennengelernt, mit der er bis zu ihrem Tod 1883 zusammenlebte.

1838 erwarb ein Verlag für enorme 300.000 Francs die Rechte an den bisherigen Werken Hugos. 1841 wurde er nach mehreren Anläufen endlich in die Académie française gewählt. 1843 war sein Drama Les Burgraves ein kompletter Misserfolg, der ihm für immer die Freude am Theater verdarb. Ein anderer, größerer Schicksalsschlag war im selben Jahr der Unfalltod seiner Lieblingstochter Leopoldine.

1845 ernannte König Louis-Philippe ihn zum Vicomte und zum Pair, d.h. zum Lebenszeitmitglied der Chambre des Pairs, des parlamentarischen Oberhauses (das allerdings schon 1848, nach der Februar-Revolution, abgeschafft wurde).

1847 begann Hugo einen sozial engagierten Roman in der Manier von Eugène Sues Les mystères de Paris, der aber erst 1862 als Les Misérables fertig werden sollte. Bei der Februarrevolution war er zunächst begeistert, schlug sich nach dem Juni-Aufstand der Pariser Arbeiter aber auf die Seite des konservativen „Parti de l'ordre“ und dann auf die des neugewählten Präsidenten Louis-Napoléon Bonaparte. Zum konservativen Abgeordneten gewählt, konsternierte er jedoch seine politischen Freunde durch sozial engagierte und politisch liberale Reden.

Als er sich gegen den Staatsstreich auflehnte, mit dem sich Bonaparte am 2. Dez. 1851 zum Präsidenten auf Lebenszeit machte, wurde Hugo kurz inhafttiert und musste ins Exil. Er ließ sich nieder auf der Kanalinsel Jersey und dann auf Guernsey, in Saint Peter Port, von wo aus er Bonaparte, der sich am 2. Dez. 1852 auch zum Kaiser hatte ausrufen lassen, als „Napoléon le Petit“, satirisch attackierte.

Auch sonst blieb er enorm produktiv: 1862 kam erfolgreich Les Misérables heraus, ein monumentaler melodramatischer Roman, der mit einer spannenden Handlung um den entsprungenen Galeerensträfling Jean Valjean vor allem auf das Elend der proletarisierten Arbeitermassen aufmerksam machen sollte, die Paris inzwischen be- bzw. übervölkerten. Daneben erschienen immer wieder Gedichtsammlungen (mit hohem Anteil politisch und sozial engagierter Texte): 1853 Châtiments, 1856 Contemplations, 1859 Chansons des rues et des bois und La Légende des siècles. 1866 publizierte Hugo Les travailleurs de la mer, einen Roman, der das harte Leben der Küstenfischer schildert, 1869 L'Homme qui rit  (Roman), 1874 Quatre-vingt-treize, einen historischen Roman über den politischen Terror des Schreckensjahres 1793.

1871, nach dem Sturz von Kaiser Napoléon III, kehrte Hugo aus dem Exil zurück, doch misslangen zunächst seine Versuche, in der Politik der jungen Dritten Republik Fuß zu fassen. Erst 1876 wurde er in den als neues Oberhaus fungierenden Sénat gewählt. Nach einem Gehirnschlag 1878 ließ seine Schaffenskraft nach, doch konnte er noch einige Jahre seinen Ruhm genießen.

Heute wird er – mit Ausnahme von Les Misérables – nicht mehr allzuviel gelesen; sein Theater ist obsolet und seine oft sehr pathetische Lyrik größtenteils ungenießbar geworden. Für literarhistorisch Interessierte ist die Kenntnis Hugos gleichwohl ein Muss.

(Stand: Jan. 10)

Alexandre Dumas (auch Alexandre Dumas Davy de la Pailleterie; *24.7.1802 in Villers-Cotterêts; †5.12.1870 bei Dieppe).

Er ist immer noch fast jedem Franzosen bekannt dank seinen legendär gewordenen Romanfiguren d’Artagnan, den drei Musketieren und dem Grafen von Monte-Christo.

Dumas war Enkel eines Marquis Alexandre Davy de la Pailleterie, der um 1760 für längere Zeit bei einem jüngeren Bruder, Plantagenbesitzer auf Saint-Domingue (heute Haïti), geweilt und dabei mit der Negersklavin Marie-Césette Dumas nacheinander vier Kinder gezeugt hatte. Gegen 1775 hatte der Marquis seine Bettgenossin und die Kinder als Sklaven verpfändet und war nach Frankreich zurückgekehrt. Wenig später löste er das jüngste Kind, Thomas Alexandre (*1762), aus, holte es nach Frankreich und ließ ihm unter seinem adeligen Namen eine passable Erziehung angedeihen. 1786, kurz vor seinem Tod, überwarf er sich mit dem 24-Jährigen, und dieser trat unter dem Namen seiner Mutter als einfacher Dragoner in die Armee ein. Während eines längeren Aufenthaltes von Teilen seines Regiments in Villers-Cotterêts lernte Th. A. Dumas hier die Gastwirtstochter Marie Labouret kennen, die er 1792 heiratete. In den fast pausenlosen Kriegen der nachfolgenden Jahre machte er eine fulminante Karriere, die ihn bis zum Rang eines Generals führte, des ersten farbigen der franz. Armee. Während des Ägyptenfeldzugs Napoleons 1798/99 fiel er jedoch bei diesem in Ungnade und geriet bei dem Versuch, vorzeitig nach Frankreich zurückzukehren, in Gefangenschaft im feindlichen Königreich Neapel. Nachdem er 1801 per Austausch freigekommen war, kehrte er zu seiner Frau zurück und wurde 1802 Vater eines nächsten Alexandre, des späteren Schriftstellers. Im selben Jahr wurde er zusammen mit anderen farbigen Offizieren aus der Armee ausgeschlossen, weil Saint-Domingue sich als Haïti für unabhängig erklärt hatte und somit als Feindesland galt. Er starb 1806 mit 44.

1812 schaffte es offenbar seine Witwe, für ihren zehnjährigen Sohn zusätzlich den adeligen Namensanteil eintragen zu lassen, den man hier und dort als eigentlichen Namen Dumas’ angegeben findet, den er selbst aber nicht oder kaum verwendet zu haben scheint.

Eine solide Schulbildung genoss Dumas nicht, vielmehr musste er schon 1816 einen Schreiberposten bei einem Notar annehmen. Daneben jedoch versuchte er sich früh zusammen mit einem Freund im Stückeschreiben. 1822 ging er nach Paris, wo er dank seiner schönen Handschrift (was damals ein Kapital darstellte) und der Vermittlung eines Generalskollegen seines Vaters einen Posten im Büro des Duc d'Orléans erhielt, des späteren "Bürgerkönigs" Louis-Philippe. 1824 wurde er Vater eines unehelichen Sohnes, den er 1831 legitimierte: des späteren Schriftstellers Alexandre Dumas fils (der Jüngere).

1825 verdiente er sein erstes Honorar als Co-Autor eines Stücks, 1826 beteiligte er sich an der Abfassung eines ebenfalls aufgeführten Vaudevilles. Darüberhinaus betätigte er sich in diesen Jahren als Lyriker sowie als Journalist. Spätestens seit 1828 hatte er Zugang zum Salon des Autors Charles Nodier (s. o.), der die erste Romantiker-Generation um sich versammelte. Hier lernte er Victor Hugo kennen (s. o.), dessen Kreis, dem „cénacle“, er sich anschloss.

Ein erstes historisches Stück mit dem Titel Christine (sc. Königin Christina von Schweden) wurde zwar angenommen, aber nicht aufgeführt. Schlagartig bekannt wurde Dumas dann 1829 durch den Erfolg seines historischen Stücks Henri III et sa cour (=H. und sein Hof), das als erstes spielbares romantisches Drama gilt.

1830 beteiligte er sich sehr aktiv an der Juli-Revolution, geriet aber schon 1832 in Distanz, wenn nicht in Opposition zum neuen Regime seines Ex-Protektors Louis-Philippe. Dies hinderte ihn nicht, 1833 seinen jungen Status als Erfolgsautor mit einem prächtigen Fest für die Pariser Literaten zu demonstrieren.

Nach dem Henri III verfasste er zahlreiche weitere historische und andere Stücke, die er mehr und mehr wieder in Zusammenarbeit mit Co-Autoren verfasste, darunter 1837 und 39 auch mit Gérard de Nerval (s. u.). Eher autobiografisch waren die Stücke Antony (1831), das um das ihm sehr vertraute Skandalthema Ehebruch kreist, und das erfolgreiche Kean, ou Désordre et génie (=K. oder Unordnung und Genie,1836), wo sich Dumas in die Figur jenes berühmten exzentrischen englischen Schauspielers hineinprojiziert  (1953 von J.-P. Sartre neu bearbeitet). Sein erfolgreichstes Stück wurde 1839 Mademoiselle de Belle-Isle, das bis 1844 über vierhundert Aufführungen erlebte.

Nachdem er sich ab 1835 mit mehreren Novellen auch als Erzähler versucht hatte, verfasste er ab 1838 erste Romane in Zusammenarbeit mit dem heute unbekannten jüngeren Autor Auguste Maquet (1813-1888). Wirklich populär wurde er nach 1840, wo er mit Maquet und dann mehr und mehr in Serienproduktion mit weiteren Angestellten (sog. „nègres“) begann, spannende Abenteuerromane herzustellen (insgesamt ca. 600 Bde.!). Diese erschienen i.d.R. zuerst im Feuilleton von Zeitungen, bevor sie als Bücher gedruckt und z.T. anschließend für die Bühne adaptiert (und im 20. Jh. verfilmt) wurden.

Ein Markenzeichen der Dumas'schen Romane ist das Hineinstellen fiktiver oder pseudohistorischer Protagonisten (z.B. des „mousquétaire“ d'Artagnan) und ihrer fiktiven Abenteuer in einen Kontext historischer Ereignisse (z.B. die Belagerung von La Rochelle 1627/28) und historischer Personen (z.B. Richelieu).

Die bekanntesten, immer wieder aufgelegten und nicht nur von Jugendlichen gelesenen Romane sind: Les trois mousquétaires/Die drei Musketiere (1843), Vingt ans après/Zwanzig Jahre später (1845), La reine Margot (=Königin M.,1845), Le comte [=Graf] de Monte-Christo (1845-46) und Le collier de la reine/Das Halsband der Königin (1848-50). Die neben den Romanen auch weiterhin regelmäßig mit Co-Autoren produzierten Stücke wurden zwar allesamt gespielt, sind heute aber praktisch vergessen.

Über seiner Schriftstellerei verzichtete Dumas nie darauf, seine offenbar enorme Vitalität in vielerlei politischen, mondänen, unternehmerischen, organisatorischen und intimen Aktivitäten auszuleben, und zwar so sehr, dass er trotz seiner beachtlichen Einkünfte oft in Schulden steckte, denen er sich z.T. durch längere Auslandsaufenthalte zu entziehen versuchte, darunter 1851-53 in Belgien, 1858/59 in Russland oder 1860-64 in Italien, wo er sich im Umkreis des Italien-Einigers Giuseppe Garibaldi bewegte.

Selbstverständlich verstand er es anschließend jeweils, diese Reisen in Reportagen zu verarbeiten, die damals von den Zeitschriften und Zeitungen sowie auch von Buchverlagen gesucht und gut bezahlt wurden. Sein bewegtes Leben vermarktete Dumas ebenfalls, in den vielbändigen Mémoires (1852-54 in Brüssel publiziert).

Nachdem er schon des öfteren von Neidern als Literaturfabrikant ohne eigene schöpferische Leistung abqualifiziert worden war (was sicherlich ungerecht ist) und 1857/58 von seinem kreativsten Co-Autor A. Maquet auf Beteiligung an den Namensrechten für die gemeinsamen Romane verklagt worden war, geriet Dumas in seinen letzten Lebensjahren etwas ins Abseits des Literaturbetriebs, wenn nicht in Vergessenheit. Zu seiner Renaissance im 20. Jh. (nunmehr unter der ebenso ungerechten Verdrängung der Leistung Maquets) trugen zweifellos die zahlreichen Kino- und Fernsehfilme bei, die nach seinen Stücken und Romanen gedreht wurden.

2002, zum 200. Jahrestag seiner Geburt, wurden seine Gebeine feierlich ins Pantheon überführt – auch als ein Signal gegen den Rassismus, denn Dumas war zu seinen Lebzeiten aufgrund seiner Abkunft und seines leicht negroiden Aussehens oft als „Neger“ geschmäht worden.

 

Sein unehelicher, aus einem seiner vielen Verhältnisse stammender Sohn Alexandre Dumas "fils" (1824–1895) trat zumindest literarisch in die Fußstapfen des Vaters. Seinen Durchbruch erzielte er 1848 mit dem sehr erfolgreichen Roman La Dame aux camélias (Die Kameliendame), den er 1852 zu einem ebenso erfolgreichen Stück verarbeitete (das 1853 von Verdi als La Traviata zur ebenfalls erfolgreichen Oper vertont wurde). Hiernach wendete sich Dumas fils ganz dem Boulevard-Theater zu und wurde einer der bekanntesten Dramatiker der 1850er und 60er Jahre, wo er die Unterhaltungsbedürfnisse der aufstrebenden Bourgeoisie des Second Empire von Napoléon III befriedigen half.

(Stand: Febr. 10)

Prosper Mérimée (*28.9.1803 Paris; †23.9.1870 Cannes).

Sein Platz in der franz. Literaturgeschichte ist gewissermaßen ganz vorne in der zweiten Reihe der zwischen Romantik und Realismus oszillierenden Autoren. In Deutschland ist er kein völlig Unbekannter dank seiner Novellen Carmen und Mateo Falcone.

Mérimée wurde geboren als Sohn gutbürgerlicher, geistig interessierter und sehr anglophiler Eltern. Nach dem Besuch des Lycée Napoléon alias Henri-IV (ab 1815), absolvierte er ein Jurastudium.

Zugleich begann er sich als Autor zu betätigen, z.B. mit ersten dramatischen und erzählerischen Versuchen sowie einer Übertragung der Poems of Ossian, der damals vielgelesenen (auch z.B. von Goethe hochgeschätzten) Gesänge eines angeblichen altkeltischen Barden, die um 1770 ein gewisser James Macpherson gesammelt und ins Englische übersetzt haben wollte.

Früh auch fand Mérimée Zutritt zu Pariser Künstler- und Literatenkreisen. So lernte er schon 1822 z.B. Stendhal kennen, mit dem er befreundet blieb, sowie danach die meisten Romantiker, darunter deren erstes Oberhaupt Charles Nodier, oder Victor Hugo, dem er bei der denkwürdigen „bataille d'Hernani (1830) applaudieren half. 1825 und 26 bereiste er England und 1830 Spanien (wo er die Familie der späteren Gattin des späteren Kaisers Napoléon III kennenlernte, was ihm von Nutzen sein sollte).

Sein erstes gedrucktes Werk war 1825 Théâtre de Clara Gazul, comédienne espagnole, eine Sammlung von Stücken, die angeblich von einer spanischen Schauspielerin dieses Namens verfasst waren und in denen gemäß der neuen romantischen Ästhetik die klassischen drei Einheiten missachtet werden. 1827 publizierte Mérimée La Guzla, ou Choix de poésies illyriques, recueillis dans la Dalmatie, la Croatie et l'Herzégovine, eine Sammlung angeblicher Übertragungen angeblicher Volkslieder aus Illyrien (dem Schauplatz von Nodiers Räuberroman Jean Sbogar, 1818). Hiermit betätigte er sich in der romantischen Modegattung Volksliedersammlung, die 1806-08 von Clemens Brentano und Achim von Arnim mit Des Knaben Wunderhorn initiiert worden war.

1828 versuchte sich Mérimée nochmals als Dramatiker und publizierte die unaufgeführt gebliebenen Stücke La Jacquerie, scènes féodales und La Famille Carvajal, drame. Hiernach war er praktisch nur noch Erzähler. Er begann, mäßig erfolgreich, mit 1572 : Chronique du temps de Charles IX (1829), einem historischen Roman à la Walter Scott, dessen Handlung im Jahr der Bartholomäusnacht, d.h. zur Zeit der Religionskriege, spielt

Dauerhaften Ruhm erlangte er dann mit einer Serie von gut 25 Erzählungen, die zunächst (1829/30) in rascher, anschließend nur noch in lockerer Folge erschienen und ihn zu einem Klassiker der neuen Modegattung Gattung Novelle machten. Die bekanntesten dieser Erzählungen sind: Mateo Falcone, Tamango (beide 1829), Le Vase étrusque (1830), La Vénus d'Ile (1837), Colomba (1841) und Carmen (1847; 1874 von Georges Bizet zu seiner berühmten Oper verarbeitet).

Nach der Juli-Revolution 1830 hatte Mérimée immer weniger Zeit zum Schreiben. Er hatte sich dem neuen Regime des "Bürgerkönigs" Louis-Philippe angeschlossen und avancierte 1834, im Anschluss an einige höhere Posten in diversen Ministerien und an die Ernennung zum Chevalier de la Légion d'honneur, zum obersten franz. Denkmalschützer (Inspecteur des monuments historiques de France). Dies ließ ihn viel unterwegs sein, auch im Ausland, und füllte ihn mehr und mehr aus.

Immerhin gewann er beim Reisen nebenher den Stoff für etliche der damals bei Zeitschriften und Buchverlagen begehrten Reisereportagen (z.B. Notes d'un voyage dans le midi de la France, 1835; oder Notes d'un voyage en Corse, 1840).

1844 wurde er mit knapper Mehrheit in die Académie française gewählt, doch war zu dieser Zeit seine literarische Karriere im Grunde schon beendet.

Die Februar-Revolution 1848 überstand er unbeschadet in seinem Amt. Nach der Ernennung von Louis Napoléon Bonaparte zum Staatspräsidenten auf Lebenszeit (Dez. 51) profitierte er von seiner alten Bekanntschaft mit dessen neuer spanischen Gattin Eugénie. So wurde er 1852 zum Officier de la Légion d'honneur befördert. 1853, nachdem Bonaparte sich zum Kaiser Napoléon III hatte ausrufen lassen (Dez. 52), wurde Mérimée sogar zum Mitglied des parlamentarischen Oberhauses, des Sénat, ernannt und verkehrte am kaiserlichen Hof. Dies trug ihm die Missgunst vieler Literaten-Kollegen ein und die Feindschaft alter Romantiker-Freunde, insbes. Hugos, der inzwischen oppositioneller Republikaner geworden war.

Ab 1856 gesundheitlich angeschlagen (Asthma) quittierte Mérimée 1860 nach 26 Jahren sein Denkmalschützeramt; einer möglichen Ernennung zum Minister für das Bildungswesen (1863) wich er aus.

In seinen letzten Jahren machte er sich verdient als Vermittler der zeitgenössischen russischen Literatur in Frankreich. Schon 1849 hatte er eine Novelle von Puschkin nachgedichtet; später betätigte er sich, in Zusammenarbeit mit den Autoren selbst, als Übersetzer Puschkins (1856) und Turgenjews (1869).

Die Absetzung seines Protektors Napoléon am 4. Sept. 1870 überlebte er nur um wenige Wochen.

(Stand: Nov. 05)

George Sand (=Amandine-Aurore-Lucile Dupin de Francueil, verh. Dudevant; *1.7.1804 Paris; †8.6.1876 Nohant).

Diese sehr fruchtbare Autorin, die es jedoch noch für ratsam hielt, unter einem männlichen Namen zu schreiben, ist heute hauptsächlich bekannt in ihrer Eigenschaft als die emanzipierte Frau des 19. Jh., die sich z.B. nie bemühte, ihre wechselnden Liebesverhältnisse geheim zu halten.

Sie wuchs nach dem frühen Tod des Vaters auf bei ihrer Großmutter in Nohant (Berry) und heiratete früh (1822). 1830 verließ sie samt ihren beiden Kindern ihren Mann, was damals ungewöhnlich war, um, noch ungewöhnlicher, Schriftstellerin zu werden.

Sie arbeitete zunächst zusammen mit dem jungen Autor Jules Sandeau, mit dem sie den Roman Rose et Blanche verfasste. Nach der raschen Auflösung des Teams, aus dem sie das Pseudonym "Sand" mitnahm, schrieb sie zuerst leidenschaftliche Liebesromane aus der Perspektive der Frau: Indiana, 1831; Valentine, 1832; Lélia, 1833; Jacques, 1834.

Sie selbst lebte auch nicht eben leidenschaftslos, ihre Verhältnisse waren Legion (die bekanntesten Geliebten waren 1834 der Autor Musset, 1838 der Komponist Chopin). Auch sonst war ihre Existenz sehr bewegt, sie lebte teils in Paris, teils auf Reisen und teils in Nohant, das nach und nach wieder zu ihrem Lebensmittelpunkt wurde.

1835 liierte sie sich mit dem Saint-Simonisten und Frühsozialisten Pierre Leroux und schrieb anschließend unter seinem Einfluss sozial engagierte, in den unteren Volksschichten spielende Romane: Le Compagnon du tour de France, 1840; Consuelo, 8 Bde, 1842-43; La Comtesse de Rudolstadt, 8 Bde, 1843-45; u.a.m. Hiernach verlegte sie sich auf Heimat- und Bauernromane: Le Meunier d'Angibault 1845; La Mare au Diable, 1846; La petite Fadette, 1849; François le Champi, 1850.

Nach dem Staatsstreich von Louis-Napoléon Bonaparte am 2. Dez. 1851 zog sie sich, enttäuscht über das Scheitern der Ziele der Februarrevolution von 1848, ganz aus Paris zurück und schrieb ihre Histoire de ma vie (20 Bde., 1854), aber auch weitere Romane, z.B. Les beaux Messieurs de Bois-Doré, 1858.

In ihren älteren Jahren entwickelte sie sich mehr und mehr zur "bonne dame de Nohant", die um sich herum Gutes zu tun und zu bewirken versuchte und auch in ihrem weiteren Umfeld einflussreich blieb dank ihrer Freundschaft mit vielen Intellektuellen und Autoren, darunter auch jüngeren, wie Gustave Flaubert.

Gérard de Nerval (=Gérard Labrunie, *22.5.1808 Paris; †26.1.1855 ebd.).

Er ist ein als schwer klassifizierbar und schwierig geltender Vertreter der Romantik, dessen beste Texte heute jedoch frischer wirken als die gar mancher renommierterer Autoren der Zeit. Mit seinen Übertragungen deutscher Lyrik und von Goethes Faust  war er ein wichtiger kultureller Mittler zwischen Deutschland und Frankreich.

De Nerval (wie er sich ab 1831 nannte) wurde geboren in Paris als Sohn eines Mediziners, der wenig später zum Stabsarzt ernannt und zur franz. Rheinarmee nach Deutschland versetzt wurde. Da die junge Mutter ihren Mann an seinen wechselnden Einsatzorten begleiten wollte, gab sie das Kind zu einer Amme im heimatlichen Valois, starb allerdings schon 1810 im fernen Schlesien. Gérard kam hiernach zu einem Onkel der Mutter, ebenfalls im Valois. Dort blieb er, bis er 1814, nach dem Ende der napoleonischen Feldzüge, vom endlich heimgekehrten Vater nach Paris geholt wurde. Hier besuchte er das Lycée Charlemagne, wo er den späteren Autor Théophile Gautier (s. u.) als Mitschüler hatte.

Nachdem er schon mit 13 das Versemachen angefangen hatte, wurde er erstmals 1826 und 27 gedruckt, und zwar mit politisch oppositionellen Gedichten im Trend der Napoleon-Nostalgie dieser Jahre, sowie mit einem satirischen Sketch über die „unauffindbaren“, d.h. oft die Sitzungen schwänzenden, Mitglieder der Académie Française. Zur selben Zeit, d.h. 18-19 Jahre alt, verfasste er eine Übertragung von Goethes Faust I, die ihm große Anerkennung verschaffte, als sie 1827 erschien, und die von Hector Berlioz 1829 auszugsweise vertont wurde.

1828 wurde er Victor Hugo vorgestellt und verarbeitete dessen Roman Han d'Islande zu einem Stück, das aber erst 1831 aufgeführt wurde. Am 25. Febr. 1830 war er mit dem gesamten Kreis der Romantiker zugegen bei der legendären „bataille d'Hernani“, der „Schlacht“ von Applaus und Buh-Rufen während der Aufführung des als programmatisch romantisch intendierten Stücks Hernani von Hugo. Im selben Jahr gab er eine vielbeachtete Anthologie selbst übertragener deutscher Gedichte samt einer einleitenden „Étude sur les poètes allemands“ heraus.

Obwohl Nerval als Literat quasi professionell aktiv war, begann er 1832 auf Drängen des Vaters ein Medizinstudium. Als er jedoch 1834 von einem Großvater 30.000 Francs erbte (wovon eine sparsam wirtschaftende Einzelperson an die 20 Jahre hätte leben können), brach er das lustlos betriebene Studium ab und schloss sich der Bohème um Th. Gautier an, jenem provokativ zigeunerhaften Literaten- und Künstlermilieu am Rand der bourgeoisen Pariser Gesellschaft. Im selben Jahr unternahm eine erste längere Reise (Südfrankreich und Italien).

Ebenfalls 1834 verliebte er sich in die Schauspielerin Jenny Colon, die ihn zwar offenbar nicht erhörte, aber bis 1838 stark beschäftigte. So gründete er ihr zu Gefallen 1835 eine aufwendig gemachte Theaterzeitschrift. Als diese ein Jahr später Pleite ging, war Nerval ruiniert und musste hinfort von seiner Feder leben, was ihm jedoch als Co-Autor von Theaterstücken, z.B. 1837 und 39 mit dem geschäftstüchtigen Alexandre Dumas (s.o.), und als Journalist, z.B. mit Literaturkritiken und Reisereportagen, passabel gelang.

1837 unternahm er mit Gautier zum Zweck des Eindrucksammelns eine Reise nach Belgien. 1838 führte ihn eine erste Deutschlandreise bis Frankfurt, 1839/40 eine zweite bis Wien. 1840 auch schloss er eine Übertragung des Faust II ab und publizierte einen Band, der das gesamte Stück sowie weitere deutsche Gedichte enthielt.

1841 hatte er erstmals Wahnvorstellungen und verbrachte fast das ganze Jahr in Kliniken. 1842 versuchte er mit journalistischen Arbeiten wieder Tritt zu fassen und bereitete eine Orient-Reise nach dem Muster von Chateaubriand und Lamartine vor, die ihm frische Kraft und neue Inspirationen bringen sollte. Tatsächlich war er das ganze Jahr 43 unterwegs: Malta, Kairo, Beirut, Rhodos, Smyrna. Berichte über diese Reise veröffentlichte er ab 1844 in Zeitschriften.

Auch in den Jahren 44 bis 47 war Nerval viel unterwegs (Belgien, Holland, London, Umland von Paris) und verfasste entsprechende Reportagen. Zugleich betätigte er sich als Novellist und Lyriker sowie als Übersetzer der Gedichte Heinrich Heines, mit dem er befreundet war (gedruckt 1848).

1848 brachte er unter dem Titel Scènes orientales, I: Les Femmes du Caire eine Teilsammlung der Berichte von seiner Orient-Reise als Buch heraus, das jedoch aufgrund der Revolutionswirren dieses Jahres fast unbeachtet blieb.

Obwohl oder vielleicht weil sein Gesundheitszustand sich ab 1850 drastisch verschlechterte und er immer häufiger in Kliniken war, arbeitete er, wenn er konnte, wie besessen. So publizierte er 1851 die endgültige Version der Orientreise (Voyage en Orient) und brachte im Dez. L'Imagier de Haarlem zur Aufführung, ein Stück, das sein Faust werden sollte, aber durchfiel.

Hiernach suchte er ältere und neuere, in der Regel schon in Zeitschriften publizierte Texte zusammen, überarbeitete sie und reihte sie möglichst sinnfällig aneinander, wodurch zwei seltsam heterogen und homogen zugleich wirkende kürzere Sammelbände entstanden: Les Illuminés, ou Les Précurseurs du socialisme (1852) und Les filles du feu (1854). Der erste enthält sechs fiktionale Porträts etwas exzentrischer historischer männlicher Personen, deren „Sozialismus“ eher Anarchismus ist; der andere umfasst acht sehr unterschiedliche, meist erzählende Texte um weibliche Protagonistinnen sowie, mit dem Sammeltitel Chimères 12 sehr kunstvolle, ziemlich hermetische Sonette, darunter das berühmte El desdichado (der Unglückselige), das die problematische Existenz Nervals auf den Punkt zu bringen scheint.

Sein letztes Werk wurde der schwer zu klassifizierende, wohl schon 1841 begonnene mittellange Prosatext Aurelia, der als eine formvollendete Gratwanderung zwischen Wirklichkeit und Traum, wenn nicht Wahn, erscheint und dessen letzter Teil erst postum herauskam.

1854 unternahm Nerval eine Reise nach Deutschland. Als er sich Ende des Jahres nach einem erneuten Klinikaufenthalt ohne feste Bleibe und mit nur noch tröpfelnden Honoraren auf den Pariser Straßen wiederfand, beging er Anfang 1855 Selbstmord durch Erhängen.

Nervals Platz in der Literaturgeschichte ist der einer Randfigur mit gleichwohl großer Nachwirkung. Zumal die für normale Leser quasi unzugängliche, als Kunst am Rande des Wahnsinns erscheinende Aurelia hat viele spätere Autoren fasziniert, z.B. Baudelaire oder die Surrealisten der 1920er Jahre.

(Stand: Mai. 08)

Alfred de Musset (*11.12.1810 Paris; †2.5.1857 ebd.).

Musset zählt, vor allem als Dramatiker und als Lyriker, zu den großen romantischen Autoren der franz. Literatur.

Er wuchs auf in Paris als wohlbehüteter Sohn adeliger Eltern und absolvierte seine Schulzeit mit Glanz auf dem Traditionsgymnasium Henri-IV. Hiernach begann er lustlos ein Jura- und dann ein Medizinstudium, betätigte sich aber vor allem als junger Lebemann. Daneben war er ein frühreifer Dichter, der sich ab 1828 im Kreis um Victor Hugo, dem „Cénacle“, bewundern ließ.

Schon 1830 erschienen die Contes d'Espagne et d'Italie, eine Sammlung äußerst formvollendeter Gedichte im Stil der Romantik, voller Exotik und exaltierter Gefühle. 1832, nach dem Tod seines Vaters in der großen Typhusepidemie dieses Jahres, beschloss er (wohl auch dank der ihm zugefallenen Erbschaft) als Schriftsteller zu leben.

1833 lernte er die sechs Jahre ältere Romanautorin George Sand (s.o.) kennen und begann mit ihr ein romanesk-leidenschaftliches Liebesverhältnis. Dieses endete jedoch schon bald auf einer gemeinsamen Italienreise (Winter 33/34), als er in Venedig erkrankte und sie ihn mit seinem Arzt betrog. Die tiefe Krise, die dies auslöste, inspirierte Musset zu Gedichten voller Weltschmerz (gesammelt publiziert als Nuits, 1835 u. 1837), aber auch zu dem autobiografischen Roman Confessions d'un enfant du siècle (=Geständnisse eines Weltkindes, 1836), dessen Protagonist Octave einer jener typisch romantischen, d.h. desillusionierten, sich selbst und ihrer Umwelt problematischen Helden ist.

Schon seit 1830 hatte Musset auch Theaterstücke geschrieben, die er nach dem Misserfolg des ersten aufgeführten Stücks (La Nuit vénétienne, 1830) jedoch nur noch zum Lesen „im Sessel“ bestimmte und in Sammelbänden publizierte. So erschienen 1832 und 34 je ein Band Spectacles dans un fauteuil und 1840 ein Band Comédies et Proverbes.

Die bekanntesten und auch heute noch gelegentlich aufgeführten Stücke hieraus sind Les caprices de Marianne (1833), Fantasio und On ne badine pas avec l'amour (beide 1834), sowie Lorenzaccio (1833/34). Die Ersteren handeln von enttäuschter Liebe – ein Thema, das den offensichtlich leicht entflammten, aber narzistischen Musset immer wieder beschäftigte. Lorenzaccio, die Geschichte eines den Täter am Ende nur frustrierenden Tyrannenmords, spiegelt die politische Enttäuschung Mussets und vieler Intellektueller seiner Generation, die große Hoffnungen in die Juli-Revolution von 1830 gesetzt hatten und sich betrogen fühlten durch das neue Regime unter dem „Bürgerkönig“ Louis-Philippe, das rasch von der Großbourgeoisie vereinnahmt und ab 1832 zunehmend autoritär und repressiv wurde.

Neben seinen zahlreichen Theaterstücken und seiner Lyrik verfasste Musset in den für ihn höchst fruchtbaren 1830er Jahren auch eine Reihe Erzählungen.

1838 erhielt er einen bescheidenen Posten als wenig belasteter Bibliothekar im Innenministerium.

1840 verursachte eine schwere Krankheit einen tiefen Einbruch. Danach litt er an häufigen Despressionen, schrieb nur noch wenig und flüchtete sich in Liebesaffären und Alkoholkonsum, was seinen Zustand weiter verschlechterte. Immerhin erhielt er 1845 das Kreuz der Légion d'honneur und erlebte er 1847 die sehr erfolgreiche Aufführung eines seiner Stücke, Un Caprice (1837). 1852 wurde er (nach vergeblichen Anläufen 1848 und 1850) in die Académie française gewählt, nachdem er sich dem neuen Regime von Louis-Napoléon Bonaparte angeschlossen hatte.

Als bleibende Leistung Mussets gilt heute sein dramatisches Werk, das er nach dem Misserfolg gleich zu Beginn nicht mehr mit Blick auf die gerade herrschende romantische Theaterdoktrin verfasste, sondern nach seinen eigenen, gemäßigt klassizistischen Vorstellungen, die letztlich zukunftsweisender waren als z.B. die seines zunächst erfolgreicheren Konkurrenten Victor Hugo, dessen Stücke schon seit langem kaum mehr aufgeführt werden.

(Stand: Jan. 10)

Théophile Gautier (*30.8.1811 Tarbes; †23.10.1872 Neuilly/Paris).

Mit seinem Namen verbindet sich heute vor allem die Erfindung der Formel „l'Art pour l'art“.

Geboren in Tarbes (Südwestfrankreich), wuchs Gautier auf in Paris, besuchte das selbe Gymnasium wie Gérard de Nerval (s. o.) und schloss sich 1829 dem Kreis um Victor Hugo an, dem „Cénacle“. 1830 erschien er zur Uraufführung von Hugos Stück Hernani mit einem provozierenden, weil im Theater unziemlichen roten Wams (le gilet rouge) und war einer der lautesten Claqueure (=bestellter Applaudierer) in der legendären „bataille d'Hernani“.

Er publizierte dann Gedichte und Erzählungen und wurde zu einem der Hauptrepräsentanten der „Bohème“, jenes provokativ zigeunerhaften Literaten- und Künstlermilieus am Rand der bourgeoisen Pariser Gesellschaft. Sein erster Erfolg war der Briefroman Mademoiselle Maupin (1835), die Geschichte einer jungen Frau, die als Mann verkleidet über homo- und hetero-erotische Erfahrungen zur Verwirklichung ihres Liebesideals zu gelangen versucht, dies in einer schönen Nacht auch schafft, dann aber auf jede Fortsetzung verzichtet, um nicht in der Routine einer Beziehung zu versanden. Heute ist vor allem das Vorwort des Romans interessant, wo Gautier die Theorie des L'Art pour l'Art  entwirft, d.h. die Doktrin, dass Kunst völlig zweckfrei zu sein habe, jedes gesellschaftliche oder gar politische Engagement meiden müsse und allein in der Perfektion ihrer Produkte einen Sinn finde – eine Doktrin, die zweifellos eine Reaktion darstellte auf die kollektive Frustration einer ganzen Intellektuellen-Generation, die durch die Juli-Revolution 1830 zunächst in Aufbruchstimmung versetzt, dann aber durch die politische Repression nach 1832 enttäuscht worden war.

Ab 1836 verdiente Gautier sein Geld bei der sich rasant entwickelnden Presse mit Berichten über gesellschaftliche Ereignisse, Kunstausstellungen und literarische Neuerscheinungen, aber auch mit den bei Zeitschriften und Verlegern begehrten Reisereportagen und -impressionen, zwecks deren Herstellung er (z.T. zusammen mit Nerval) England, Holland, Belgien und den Mittelmeerraum bereiste.

In den Jahren nach 1839 versuchte sich Gautier, eher glücklos, auch als Dramatiker mit den Stücken Une larme du diable („Eine Träne des Teufels“), Le Tricorne Enchanté („Der verzauberte Dreispitz(hut)“) und Pierrot posthume sowie, mit mehr Glück, als Librettist. 1841 erzielte das Ballettstück Giselle einen fulminanten Erfolg

Daneben verfasste er weiter Erzählungen und schrieb vor allem Gedichte, die er wie ein Kunsthandwerker ziselierte. Berühmt wurde seine Gedichtsammlung Émaux et camées (1852), die einer ganzen Lyrikergeneration, den „Parnassiens“, zum Vorbild wurde.

Gautiers späte Romane (Le Roman de la momie, 1858; Le Capitaine Fracasse, 1863) waren nur mäßig erfolgreich. Immerhin wurde letzterer im 20. Jh. mehrfach verfilmt.

(Stand Jan. 10)

Pierre-Joseph Proudhon (*15.1.1809 Besançon; †19.1.1865 Paris).

Er war einer einflussreichsten „frühsozialistischen“ Autoren in Frankreich.

Er wurde geboren als Sohn eines Böttchers und musste seinen Schulbesuch frühzeitig beenden. Er lernte dann den damals quasi intellektuellen Beruf eines Schriftsetzers, machte den traditionellen tour de France der wandernden Handwerksgesellen und erwarb sich als Autodidakt ein umfangreiches Wissen. Zunächst war er sprachwissenschaftlich interessiert und erhielt für seinen Essai de grammaire générale ein Stipendium der Akademie seiner Vaterstadt Besançon (1837). Er ging nach Paris, geriet dort in den Bann der politischen und sozialen Diskussionen der Zeit und wurde zum soziologischen und politologischen Denker und Autor.

1840 veröffentlichte er die Streitschrift Qu'est-ce que la propriété ? (Was ist Eigentum?) Seine eigene Antwort war: "La propriété, c'est le vol !" (Eigentum ist Diebstahl). Als privates Eigentum, so Proudhon, dürfe das Individuum außer den persönlichen Arbeitsmitteln, z.B. Werkzeugen u.ä., nur diejenigen Güter besitzen, die es durch eigene, ggf. kollektive, Arbeit hergestellt oder im Tausch dagegen erworben hat. Kapitalanhäufung durch Erbschaft oder die Ausbeutung der Arbeitskraft anderer und die daraus resultierende Macht gehöre unterbunden. Die Beziehungen der Individuen untereinander seien wieder auf die Basis eines freiwilligen gegenseitigen Austausches von Gütern und Dienstleistungen zu stellen ("mutualisme"), die Gesellschaft sei auf den freiwilligen Zusammenschluss dezentral organisierter, überschaubarer Einheiten zu gründen ("fédéralisme"), was ein herrschaftsfreies System ("anarchie") ohne Staat und große Institutionen wie z.B. die Kirche ermögliche.

Die erwähnte Streitschrift Proudhons und seine weiteren in den 40er Jahren erscheinenden Schriften, z.B. Système des contradictions économiques ou Philosophie de la misère (1846), begründeten einen reformistischen "wissenschaftlichen" Sozialismus und hatten großen Einfluss auf zahlreiche Intellektuelle und Literaten der Zeit, vor allem aber auf die entstehende Gewerkschaftsbewegung in Frankreich, die lange (z.T. bis in die jüngste Vergangenheit) "anarchistisch" orientiert blieb. Naturgemäß wurde Proudhon zu einem der Vordenker der Februar-Revolution von 1848 und zu einem der Chefideologen der Linken in der kurzlebigen Zweiten Republik. Folgerichtig auch landete er 1849, nach dem Wahlsieg der konservativen Kräfte um Louis-Napoléon Bonaparte, für drei Jahre im Gefängnis.

Proudhons Vorstellungen von der Möglichkeit sukzessiver Reformen und der letztlichen Abschaffung des Staates reizten Karl Marx (der ihn zunächst geschätzt hatte) zum Widerspruch und ließen ihn nach seines Erachtens realistischeren Lösungen suchen, nämlich: Klassenkampf, (Welt)Revolution, Diktatur des Proletariats und schließlich Etablierung eines allmächtigen, für das Wohlergehen seiner Bürger rundherum sorgenden Staates.

(Stand: März 08)

Eugène Sue (*10.12.1804 Paris; †3.8.1857 Annecy).

Dieser heute kaum mehr bekannte Autor war zu seinen Lebzeiten einer der meistgelesenen und einflussreichsten Romanciers Frankreichs. Er ist in die Literaturgeschichte eingegangen als einer der Begründer des Fortsetzungsromans in Tageszeitungen und als Verfasser des vielleicht erfolgreichsten Zeitungsromans überhaupt, Les mystères de Paris. Vermutlich leistete Sue darüber hinaus mit seinen Romanen, zumal den Mystères, die in ganz Europa übersetzt und nachgeahmt wurden, mehr für die Bewusstmachung der sozialen Probleme der Zeit als alle damaligen Theoretiker zusammengenommen.

Sue wuchs auf als Sohn aus eines wohlhabenden und hochangesehenen Chefarztes und dessen zweiter Frau. Er verließ mit 16 vorzeitig das Gymnasium und wurde zunächst eine Art Arzt-Lehrling (ohne Studium) bei seinem Vater. 1823 nahm er als blutjunger Hilfschirurg am Spanienfeldzug der französischen Armee teil und blieb noch eine Weile bei den in Cadiz stationierten Truppen. 1825 wechselte er zur Marine nach Toulon. Hier übte er erstmals nebenher seine Feder als Journalist. 1826 machte er als Schiffsarzt zwei längere Seereisen (Südsee und Antillen) und war 1827 beim Sieg der vereinigten englisch-französisch-russischen Flotte gegen die türkisch-ägyptische Flotte vor Navarino dabei, der entscheidend zur Unabhängigkeit Griechenlands beitrug.

1828 zurück in Paris interessierte sich Sue für Malerei, betätigte sich aber auch als Journalist in der Zeitschrift La Mode von Émile de Girardin, der in den Folgejahren durch die Einführung der Annonce und die dadurch mögliche Verbilligung der Zeitungen die franz. Presse revolutionierte. Für La Mode verfasste Sue auch erste erzählende Texte, z.B. Kernock le pirate und El Gitano (=span. der Zigeuner).

1830 erbte er von seinem Vater ein hübsches Vermögen und begann ein Dandy-Leben in besten Pariser Kreisen. Mehr nebenher schrieb er weiter Erzählungen und Romane für diverse Zeitschriften. 1835-37 publizierte er eine fünfbändige Histoire de la marine française. Als er 1838 das väterliche Erbe fast aufgebraucht hatte, machte er mehr nolens als volens das Schriftstellern zum Beruf. Hierbei betätigte er sich zunächst im modischen Genre des "Sittenromans" (roman de mœurs), versuchte sich aber auch mit einem Co-Autor als Dramatiker.

1841 erlebte er eine Art Bekehrung vom unpolitischen Dandy zum engagierten Sozialisten, der sich für die Probleme des rasch wachsenden Pariser Proletariats zu interessieren begann und dieses Interesse literarisch umzusetzen versuchte.

Schlagartig berühmt wurde Sue dann 1843 mit den Mystères de Paris (Die Geheimnisse von P.), die von Juni bis Oktober fast täglich in der (eher konservativen) Tageszeitung Le Journal des Débats erschienen und zu einem literarischen und sozialen Ereignis ersten Ranges wurden. Dieses keinem zielstrebigen Plan folgende, aus einer Serie locker gereihter Episoden bestehende Werk, in das auch zahllose Leser-Vorschläge aus allen Bevölkerungsgruppen eingeflossen sind, spielt im Pariser Unterschichten-Milieu der "classes laborieuses et dangereuses" (so der Titel eines sozialwissenschaftlichen Buches der Zeit). Hierbei schildert Sue den schwierigen Alltag dieser Menschen zwischen Arbeit, Elend und Verbrechen teils realistisch, teils pittoresk idealisierend, aber immer spannend und mit wachsender Anteilnahme. Eine zentrale Person und Identifikationsfigur des Autors ist der Comte (=Graf) de Gérolstein, der sich unter dem Namen Rodolphe inkognito unter das Volk mischt und rettend und rächend als Superman auftritt. Auch eine siebenstündige Theaterversion der Mystères, die Sue mit einem Co-Autor 1844 herstellte, wurde ein großer Erfolg.

Hiernach führte er die Form des Zeitungsromans fort mit Le Juif errant (Der ewige Jude), das von Juni 44 bis Oktober 45, nunmehr im eher linken Constitutionnel, herauskam und worin er sein soziales und vor allem sein politisches Engagement noch verstärkte, und zwar im Sinne eines radikalen Antiklerikalismus, der vor allem die Jesuiten aufs Korn nahm. Auch dieser Roman wurde in ganz Paris diskutiert und landete naturgemäß rasch auf dem Index.

Weniger erfolgreich war Sue, erneut im Constitutionnel, mit Martin l'enfant trouvé (M. das Findelkind, 1846/47), das eine Art proletarisches Epos sein sollte. Auch das wieder dem "Sittenroman" nahestehende Fortsetzungswerk Les sept péchés capitaux (Die sieben Todsünden, 1847-51) schlug nicht recht ein.

Bei der Februar-Revolution 1848 trat Sue als linker Journalist und Politaktivist auf den Plan, der 1850 auch zum Ageordneten gewählt wurde.

Nach dem Staatsstreich von Louis-Napoléon Bonaparte 1851 wurde er kurz verhaftet und emigrierte danach ins damals (bis 1860) noch piemontesische Savoyen. Hier beendete er, neben anderen fiktionalen und politischen Texten, ein schon 1849 begonnenes Werk, das schließlich rund 6000 Seiten umfasste: Les Mystères du peuple (Die Geheimnisse des Volkes). Es ist eine gewissermaßen aus der Perspektive von unten gesehene Geschichte Frankreichs, dargestellt als Familiensaga einer bretonischen Unterschichtenfamilie von der Keltenzeit um 50 v. Chr. bis 1848.

Nach dem Abschluss des Buches 1856 unternahm Sue eine größere Europareise und starb einige Monate nach der Rückkehr. Ein weiteres monumentales Werk, Les Mystères du monde (Die Geheimnisse der Welt), das Ungerechtigkeiten und Nöte in aller Welt darstellen und anprangern sollte, kam über Anfänge nicht hinaus.

Die Zeitungsromane à la Sue und ihr Erfolg waren einerseits ein Abfallprodukt der Presserevolution durch vielen neugegründeten billigen Tageszeitungen; sie beförderten diese Revolution aber auch ihrerseits dadurch, dass sie leicht konsumierbaren Lesestoff für ein breites Publikum bereitstellten und dieses damit zu treuen Zeitungs-Lesern und -Käufern machten.

(Stand: März 07)

Joseph-Arthur, comte de Gobineau (1816–82).

Dieser nur noch aus historischen Gründen interessante Autor war Historiker, Romancier, Dramatiker und von Beruf Diplomat. Als solcher war er längere Zeit in Persien tätig, aber auch in verschiedenen europäischen Staaten, darunter im Königreich Hannover und in der freien Reichsstadt Frankfurt (die beide 1866 von Preußen annektiert wurden). Gobineaus, rückblickend gesehen, einzig bedeutsames Buch war der Essai sur l'inégalité des races (1853-55), der erste Versuch, die Vorstellung von der Überlegenheit des Weißen Mannes wissenschaftlich zu begründen, eine Vorstellung, die im imperialistisch und kolonialistisch denkenden Europa der Zeit inzwischen selbstverständlich war. Die beste weiße ("arische") "Rasse" und damit die eigentliche "Herrenrasse" sind laut Gobineau übrigens die Germanen (von denen er selbst, als französischer Adeliger, abzustammen glaubte), und nicht z.B. die durch "Rassenvermengung" schon "degenerierten" Franzosen. Demgemäß wurde sein Buch bzw. dessen Fazit vor allem im Deutschland des späten 19. und frühen 20. Jh. willig rezipiert.

Leconte de Lisle (=Charles Marie Leconte, *22.10.1818 auf La Réunion; †18.7.1894 Voisins/ Louveciennes).

Obwohl er jahrzehntelang als Lyriker zu den „grands auteurs du Programme“ zählte und in Schullesebüchern bestens vertreten war, ist dieser Autor mit dem sprechenden Pseudonym Leconte de Lisle (=„le comte de l’île=der Graf von der Insel“) heute kaum mehr bekannt.

Er wurde geboren auf der Île Bourbon (heute La Réunion) im Indischen Ozean, wo sein Vater, ein ehemaliger napoleonischer Feldarzt, nach 1815 eine Zuckerrohr-Plantage übernommen hatte. Seine Kindheit ab 4 verbrachte er in Nantes, seine Jugendzeit wieder auf La Réunion. Nach lustlosem Jurastudium in Rennes und ersten Versuchen als Journalist (1837-43) lebte er nochmals kurz auf der Insel. Ab 1845 blieb er endgültig in Frankreich, meist in Paris, und schlug sich mühsam durch als Journalist und Literat.

Schon während seiner Studienzeit war er mit dem „socialisme évangélique“ von Félicité de Lamenais (eines der Begründer der katholischen Soziallehre) in Berührung gekommen; in der Zeit der Politisierung und Polarisierung der französischen Gesellschaft gegen Ende der Juli-Monarchie schloss er sich dem radikaleren Fourierismus an (s. Fourier). Während der Februar-Revolution 1848 war er aktiver linker Republikaner.

Nach der blutigen Niederschlagung der Revolte der Pariser Arbeiter im Juni 48 und gänzlich nach dem Staatsstreich Louis-Napoléon Bonapartes im Dez. 51 war er, wie viele linke Literaten der Zeit, desillusioniert und wurde unpolitisch, um nur noch der Literatur zu leben, insbesondere der Lyrik. Lecontes Ideal ist eine „poésie objective“, die keine romantischen Gefühlsergüsse eines lyrischen Ichs in Verse fassen will, sondern, weitgehend deskriptiv, ästhetisch schöne belebte und unbelebte Sujets aus Gegenwart und Vergangenheit, aber auch alte und neue mythologische und kosmologische Vorstellungen zu bedichten versucht.

Seine Gedichte publizierte er, wie üblich, in Zeitschriften und von Zeit zu Zeit in Sammelbänden. So erschienen 1852 die Poèmes antiques, 1862 die Poèmes barbares, 1873 Les Érinnyes, 1884 die Poèmes tragiques.

Seine formvollendet ziselierten, gewollt eher kühlen Gedichte brachten Leconte schließlich bei Literaturkritikern und –kennern Bewunderung ein, und seine bescheidene Pariser Wohnung wurde zum Zentrum der Dichterschule der „Parnassiens“.

Irgendwann machte er seinen Frieden mit dem Regime von Napoléon III und erhielt eine kleine staatliche Pension. Die (1871 beginnende) Dritte Republik bedachte ihn 1873 mit einer pro forma-Bibliothekarsstelle und 1886 erhielt er sogar einen Sitz in der Académie française.

Für deutsche Leser von speziellem Interesse ist z.B. das Gedicht Le Rêve du jaguar, das Rilke zu seinem Der Panther inspiriert haben könnte.

(Stand: Mai 07)

Charles Baudelaire (*9.4.1821 Paris; †31.8.1867 ebd.).

Er gilt heute als einer der größten franz. Lyriker, vielleicht sogar als der größte überhaupt und als einer der wichtigsten Wegbereiter der europäischen literarischen Moderne. Viele deutsche Lyriker haben ihn zu übertragen versucht.

Baudelaire war einziges Kind aus der späten zweiten Ehe eines wohlhabenden Ex-Verwaltungsbeamten und Freizeitmalers sowie dessen 34 Jahre jüngerer Frau, die als Tochter einer englischen Mutter in London geboren war und ihm früh das Englische nahe brachte. Mit sechs verlor er seinen knapp 68-jährigen Vater. Ein noch größeres Trauma für ihn war jedoch, dass sich seine Mutter rasch mit dem Berufsoffizier Jacques Aupick wiederverheiratete. Umzüge der Familie von Paris nach Lyon (1832) und zurück nach Paris (1836) taten ein übriges, ihn zu einem sich ungeliebt und wurzellos fühlenden, schwierigen, oft depressiven Jungen werden zu lassen, den man in Internate abschob und der kurz vor dem Baccalauréat (Abitur) noch wegen Ungehorsams von der Schule verwiesen wurde.

Nachdem er als Externer 1839 das „bac“ dennoch abgelegt hatte, schrieb er sich für ein Jurastudium ein, das als Vorbereitung für die von den Eltern gewünschte Diplomatenkarriere dienen sollte. Da er selbst sich jedoch schon als angehenden Schriftsteller sah, trieb er sich meist in der Pariser Literaten- und Künstler-Bohème herum und schrieb Gedichte (was er seit spätestens 1838 tat). Daneben machte er Schulden, rutschte in ein Verhältnis mit einer Prostituierten und zog sich eine Syphilis zu.

Auf Drängen seiner Mutter und vor allem seines autoritären und ehrgeizigen Stiefvaters, der inzwischen zum General avanciert war und sich des offenbar missratenden Stiefsohnes schämte, trat Baudelaire im Juni 1841 in Marseille eine Schiffsreise an, die ihn bis nach Indien führen und auf andere Gedanken bringen sollte. Er fuhr aber nur bis zu den Inseln Mauritius und La Réunion im Indischen Ozean mit, wo er insgesamt einige Wochen verbrachte und von der tropischen Natur sowie den Menschen dort beeindruckt und zu etlichen Gedichten inspiriert wurde.

Als er nach gut acht Monaten zurückkam, gelobte er seinem Stiefvater zwar Besserung, schloss sich aber rasch wieder der Bohème an. Nach Erreichen der Volljährigkeit 1842 verlangte er seinen Anteil am Erbe seines verstorbenen Vaters (sehr stattliche ca. 75.000 Francs) und begann das Geld in einer luxuriösen Dandy-Existenz zu verschleudern, tatkräftig unterstützt von seiner neuen Geliebten, der Schauspielerin Jeanne Duval, einer Mulattin, deren exotische Schönheit er bedichtete. 1844 ließ ihn die besorgte Familie gerichtlich unter die finanzielle Vormundschaft eines Notars stellen, was ihn zutiefst kränkte und vielleicht 1845 zu einem Selbstmordversuch beitrug. Immerhin garantierte ihm der verbliebene Rest des Erbes eine kleine Rente von der er, sparsam, durchaus hätte leben können.

Seine Schriftstellerei, die er nun systematischer und berufsmäßig zu betreiben versuchte, blieb wenig einträglich. Immerhin konnte er sporadisch Gedichte in Zeitschriften unterbringen. 1846 und 47 erschienen, ebenfalls in Zeitschriften, seine einzigen etwas längeren erzählenden Texte: die hübsche, angeblich aus der Antike stammende, raffiniert durch angebliche Textlücken unterbrochene Liebesgeschichte Le jeune enchanteur und die zunächst abgelehnte, dann mehr per Zufall doch noch gedruckte Künstlernovelle La Fanfarlo, die witzig verschlüsselt und voll funkelnder Selbstironie Baudelaires Metamorphose vom dichtenden Dandy zum fast verbürgerlichten Literaten und Quasi-Ehemann zu spiegeln scheint. Einige Dramenentwürfe, die er zwischen 1843 und 54 skizzierte, darunter ein Stück La Fin de Don Juan, blieben Projekt, ebenso die vielen Entwürfe zu weiterer Prosa. Eine gewisse Anerkennung fand er lediglich mit den Berichten über Kunstausstellungen (Salons), die er ab 1845 mit zunehmender Kompetenz verfasste. Da er sich andererseits aber dem Konsum von Haschisch, Opium und Alkohol ergeben hatte und auch Jeanne Duval aushielt, war er ständig in Geldnot, was wiederum seine Neigung zu Depressionen verstärkte.

Während der sozialen und politischen Agitation des Jahres 1847 wurde Baudelaire Sozialist Fourierscher Observanz und verkehrte in Kreisen linker Intellektueller. Bei Ausbruch der Februarrevolution 1848 war er begeisterter Revolutionär in den Pariser Straßen, gründete mit zwei Freunden eine kurzlebige linke Zeitschrift und betätigte sich auch anderweitig als politischer Publizist. Am Juni-Aufstand der aus den staatlichen Werkstätten entlassenen Pariser Arbeiter beteiligte er sich an vorderster Front. Angesichts der anschließenden schrittweisen Machtergreifung der konservativen „Partei der Ordnung“ fühlte er sich zunehmend frustriert, wie so viele engagierte jüngere Intellektuelle. Nach seiner Teilnahme am kurzen und vergeblichen gewaltsamen Widerstand gegen den rechtsgerichteten Staatsstreich Louis Napoléon Bonapartes (2. Dez. 1851) zog er sich zurück auf eine Existenz als unpolitischer Literat, der sich darauf beschränkte, mit Lyrik, Kurzprosa, Essays, Autorenporträts und Buchkritiken in der Pariser literarischen Szene präsent zu sein.

Schon 1845 hatte er erstmals eine und 1848 eine weitere Erzählung des amerikanischen Erzählers und Lyrikers Edgar Allan Poe (1809-1849) übertragen, den er als einen Geistesverwandten empfand. 1857 publizierte er einen Band mit Erzählungen von Poe und machte ihn den franz. Lesern in einem längeren Vorwort bekannt, das eine wichtige zeitgenössische Quelle über den Autor darstellt. 1858 schloss er seine Poe-Übertragungen ab mit den Aventures d'Arthur Gordon Pym.

Obwohl er weiterhin mit Jeanne Duval zusammen lebte, himmelte er von 1852 bis 57 in anonymen Briefen und Gedichten Jenny Sabatier an, eine hübsche, charmante und geistreiche Frau, die als gutsituierte Mätresse eines Bankiers einen Salon unterhielt, in dem viele Literaten und Künstler verkehrten. Als Baudelaires Versteckspiel herauskam und sie sich ihm hingab, akzeptierte er nur zögernd und warf ihr anschließend vor, sie sei nun als Idealbild und Inspirationsquelle für Gedichte untauglich geworden. Sie war enttäuscht, blieb ihm aber trotzdem freundschaftlich verbunden.

Im Juli 1857, mit 36, veröffentlichte Baudelaire das Werk, mit dem er in die Literaturgeschichte eingehen sollte: Les Fleurs du Mal, eine Sammlung von 100 Gedichten, die ab ca. 1840 entstanden und teilweise schon einzeln gedruckt erschienen waren, aber jetzt, nach Themen geordnet, ein quasi komponiertes Ganzes zu bilden versuchten. Die Grundstimmung dieser sprachlich und formal äußerst ausgefeilten, meist eher kurzen Gedichte ist (wie auch oft bei den Romantikern) Desillusion, Pessimismus, Melancholie; die evozierte Realität erscheint (anders als bei den Romantikern) häufig als trivial, oft hässlich und morbide, der Mensch als hin und her gerissen zwischen den Mächten des Hellen und Guten („l’idéal“) und denen des Dunklen und Bösen, ja Satans („le spleen“). Das historische Verdienst der Fleurs und ihre Modernität liegt in dem Versuch einer Integration der Welt der Großstadt bzw. des Großstädters in die Lyrik – einer als insgesamt als eher abstoßend und düster vorgestellten Welt, was jedoch durchaus der Realität des übervölkerten, explosionsartig wachsenden und schmutzigen Paris der Zeit entsprach.

Obwohl einige klarsichtige Kollegen erkannten, dass die besten Gedichte des Bandes zu den bleibenden Leistungen der franz. Lyrik zählen würden, war der Erfolg zunächst gering. Sechs von einem Pariser Starkritiker als obszön oder blasphemisch denunzierte Gedichte trugen dem Autor und seinem Verleger sogleich einen Strafprozess wegen „Beleidigung der öffentlichen Moral“ ein. Als 1861 eine um 35 neue Gedichte vermehrte Neuauflage der Fleurs erschien, wurden sie deshalb fortgelassen. Erst die dritte, 1868 postum publizierte und nochmals erweiterte Auflage enthielt sie wieder.

Die Welt des Städters, speziell des Parisers ist häufig auch Gegenstand der thematisch sehr vielfältigen kurzen Prosatexte, die Baudelaire ab 1855 verfasste. Nachdem sie zu seinen Lebzeiten nur verstreut gedruckt worden waren, etablierten sie, als sie 1869 postum gesammelt als Le Spleen de Paris erschienen, eine neue literarische Gattung, das „poème en prose“.

Zwar hatte Baudelaire gegen 1860 einen gewissen Bekanntheitsgrad im literarischen Paris erlangt und wurde er von Kollegen geschätzt, doch ging es ihm finanziell eher schlechter als zuvor, nicht zuletzt deshalb, weil er nun das Pflegeheim für Jeanne Duval bezahlte, die ab 1858 gelähmt war. Er hielt sich deshalb häufig in Honfleur bei seiner Mutter auf, die 1857 erneut verwitwet war.

1860 verfiel auch er der Wagner-Begeisterung, die in Paris grassierte, und publizierte eine längere Étude sur Richard Wagner et Tannhäuser.

Ende 1861 beschloss er, sich für einen freigewordenen Sitz in der Académie Française zu bewerben. Seine Sondierungsbesuche bei einigen „Académiciens“ verliefen jedoch so enttäuschend, dass er sich von Freunden überreden ließ zu verzichten.

Die folgenden Jahre waren geprägt von finanziellen und zunehmend auch gesundheitlichen Problemen im Gefolge seines Alkohol- und Drogenkonsums sowie der damals unheilbaren Syphilis. Im April 1864 versuchte er so etwas wie einen Befreiungsschlag und ließ sich in Brüssel nieder. Er hoffte, dort und in anderen der wirtschaftlich fulminant aufstrebenden belgischen Städte Vorträge zur franz. Literatur halten zu können. Doch der Erfolg blieb aus, weshalb er zunehmenden Groll gegen die Belgier entwickelte, dem er auch in Gedichten Luft machte.

Im März 1866, nachdem er knapp zwei Jahre häufig krank, elend und kaum arbeitsfähig in Brüssel verbracht hatte, erlitt er einen Schlaganfall. Im Juli wurde er in ein Pariser Pflegeheim verlegt, wo er, halbseitig gelähmt und sprechunfähig, aber betreut von seiner Mutter, noch fast ein Jahr lebte.

Zwar hat Baudelaire selbst seine Anerkennung nicht mehr erfahren, doch galt er schon der nachfolgenden Lyriker-Generation, den Symbolisten, z.B. Verlaine, Rimbaud oder Mallarmé, als epochemachendes Vorbild. In franz. Schullesebüchern ist er seit längerem der am besten vertretene Lyriker. Auch in andere Länder wirkte seine Dichtung hinüber, z.B. nach Deutschland, wo sie u.a. Stefan George beeinflusste, der die erste deutsche Übertragung der Fleurs du Mal versuchte. Für die direkten Zeitgenossen allerdings, d.h. für die nicht allzu vielen, die als Leser seinen Namen kannten, war er vor allem ein kompetenter Verfasser von Berichten über Kunstausstellungen, ein guter Literaturkritiker, ein fleißiger Übersetzer Poes sowie ein Wagner-Enthusiast und  ̵Promotor.

(Stand: Apr. 08)

Gustave Flaubert (*12.12.1821 in Rouen; †8.5.1880 in Croisset bei Rouen).

Er gilt heute als einer der besten Stilisten der franz. Literatur und als ein Klassiker des Romans. Zusammen mit Stendhal und Balzac wird er gern als Dreigestirn der großen realistischen franz. Erzähler gesehen. Ganz wie die beiden anderen wurde auch er von der Académie Fançaise nicht für würdig befunden aufgenommen zu werden.

Er wuchs auf in Rouen als jüngerer Sohn des Chefarztes des städtischen Krankenhauses und erlebte, da dessen Dienstvilla, wie damals üblich, auf dem Krankenhausgelände lag, das Leiden und Sterben dort aus nächster Nähe mit. Er galt als begabter, aber wenig disziplinierter Schüler, der es vorzog, seine Zeit mit Lesen und Schreiben statt mit Lernen zu verbringen. Zu seinen Jugendfreunden gehörten Louis Bouilhet, der sich später einen gewissen Namen als Lyriker machte, sowie der Bruder von Laure Le Poittevin, der späteren Mutter Guy de Maupassants. In den Sommerferien 1836 verliebte sich Flaubert in Trouville in eine etwas ältere Frau, Élisa Schlesinger, die ihn jahrelang als große, unerreichbare Liebe beschäftigte und sein Schaffen inspirierte.

Nach dem Baccalauréat begann er auf Drängen des Vaters ein Jurastudium, das er aber aufgab, nachdem er 1843 einen epileptischen (?) Anfall erlitten hatte. Dennoch machte er in diesen Jahren größere Reisen, deren vorläufig letzte ihn 1850/51 auf den Spuren Chateaubriands, Lamartines oder Nervals in den Vorderen Orient, insbes. Ägypten, führte, zusammen mit einem wenig jüngeren Freund, dem fast schon arrivierten Literaten Maxime Du Camp.

Nach der Rückkehr richtete sich Flaubert als schriftstellernder Rentier bei seiner verwitweten Mutter ein und führte mit ihrem und seinem Erbe ein zurückgezogenes Dasein in Croisset nahe Rouen, das er nur noch gelegentlich verließ, um in Paris gesellschaftliche Kontakte, z.B. mit Autorenkollegen, zu pflegen oder um sich mit seiner langjährigen Geliebten (seit 1846) zu treffen, der zehn Jahre älteren Schriftstellerin Louise Colet, mit der er auch in vielen Briefen über literarische Fragen diskutierte.

Wie erwähnt, schrieb Flaubert schon seit seiner Jugend unermüdlich, zunächst im Stil der Romantik. Er stellte aber so hohe Ansprüche an sich selbst, dass er lange Jahre alle Manuskripte unpubliziert ließ. Sein erstes gedrucktes Werk wurde schließlich der 1851 begonnene Roman Madame Bovary, der 1856 im Feuilleton der Revue de Paris erschien. Der Roman trug ihm sogleich einen Prozess wegen Verstoßes gegen die Sitten ein, doch wurden Flaubert und die Zeitschrift Anfang 1857 dank dem geschickten Plädoyer ihres Anwalts freigesprochen. Der Prozess wirkte sich insofern sogar positiv aus, als er der Buchversion, die 1857 herauskam, zu einem Verkaufserfolg verhalf. Die Handlung beruht auf einem Zeitungsbericht aus dem Journal de Rouen von 1848 über den Selbstmord der Arztgattin Delphine Delamare aus Ry bei Rouen. Sie stellt die Geschichte einer Pächterstochter dar, die nach der Heirat mit einem Dorfarzt rasch unzufrieden mit ihrem sie zwar liebenden, aber biederen Mann ist, und zwar nicht zuletzt deshalb, weil sie sich nach dem Vorbild von Romanen und Frauenmagazinen ein Leben in Leidenschaft und Luxus erträumt. Zwar schafft sie es, mittels zweier Liebschaften und eines gewissen Luxuskonsums einige Schritte zur Realisierung eines solchen Lebens zu tun, wird aber immer wieder eingeholt von der Trivialität und Enge ihrer realen Verhältnisse, bis sie schließlich von Schulden erdrückt Selbstmord begeht. Thema ist also das Scheitern einer romantischen Idealistin (mit der Flaubert sich sehr identifiziert) an einer Welt, in der die Opportunisten und Materialisten obsiegen, die im Roman vor allem von dem Apotheker Homais und dem Händler Lheureux verkörpert werden.

Weniger erfolgreich, aber noch einflussreicher auf die Entwicklung des europäischen Romans war Flaubert mit L'Éducation sentimentale (1869). Es ist die Geschichte des jungen Provinzlers Frédéric Moreau, der nach Paris geht, wo er sich eine große Zukunft in Politik, Literatur und Liebe erhofft, jedoch die ihm sich durchaus bietenden realen Chancen zugunsten irrealer, idealer Ziele verpasst, und zwar vor allem aufgrund einer langen schwärmerisch-unerfüllten Liebe zu einer verheirateten Frau, die ihn absorbiert und paralysiert. Nachdem auch seine kurze Begeisterung für die politischen Ideale und Ziele der 48er Revolution verpufft ist, versinkt er in intellektueller Mittelmäßigkeit und wird nur durch eine hübsche Erbschaft vor einem auch materiellen Niedergang bewahrt. Frédéric ist eine Symbolfigur des weniger tragischen als traurigen Weges der „Quarante-huitards“, d.h. der durch die Februarrevolution in Aufbruchstimmung versetzten, dann aber durch die weitere Entwicklung politisch enttäuschten 48er Generation, der auch Flaubert sich zurechnete. Der Titel des Romans ist übrigens (was keiner der verschiedenen Titel der deutschen Übertragungen ahnen lässt) ironisch zu verstehen. Denn, anders als z.B. der jugendliche Julien Sorel in Stendhals Le Rouge et le Noir oder der junge Rastignac in Balzacs Le Père Goriot, die jeweils durch eine reifere verheiratete Frau in die Liebe eingeführt und so tatsächlich in ihren „Gefühlen“, sprich ihrem Sexualleben, zu erwachsenen Männern gemacht werden, erfährt Frédéric von der angehimmelten reiferen Frau letztlich keine solche „Erziehung“. Vielmehr wird er, aufgrund auch seiner Unentschlossenheit, in seinen schwärmerischen Gefühlen für sie nur frustriert und muss sich seine Mannwerdung bei einer bezahlten Geliebten beschaffen.

Die übrigen Werke Flauberts werden heute weniger oder kaum mehr gelesen. Es sind insbes. der im antiken Karthago spielende historische Roman Salammbô (1862), für dessen Vorbereitung der Autor 1858 nach Tunesien reiste; die lange Erzählung La Tentation de Saint Antoine (erschienen, nach vielen Jahren Arbeit daran, 1874); der seinerzeit recht erfolgreiche Erzählband Trois Contes (1877) mit der anrührenden Erzählung Un cœur simple sowie der als Satire auf das Durchschnittsbürgertum gedachte unvollendete Roman Bouvard et Pécuchet (postum 1881).

Die Bovary und die Éducation gelten, wie erähnt,  als epochemachend für die Entwicklung des europäischen Romans, und zwar aufgrund der Idee Flauberts, seine Protagonisten nicht mehr (wie z.B. Balzac dies tat) als Ausnahmepersonen zu konzipieren, sondern als gänzlich unheroische Durchschnittscharaktere.

(Stand: Jan. 10)

Edmond (*26.5.1822 in Nancy, †16.7.96 bei Paris) und Jules (*17.12.1830 in Paris, †20.6.70 ebd.) de Goncourt.

Die Goncourts (wie sie in Literaturgeschichten meistens heißen) verkörperten einen im 19. Jh. gar nicht so seltenen Typ: den des Autoren-Tandems. Sie gelten als Begründer der literarischen Strömung des Naturalismus.

Sie waren Enkel eines kurz vor der Revolution durch den Kauf eines Rittergutes (seigneurie) in den Adelsstand gelangten Großvaters und Söhne eines ebenfalls sehr wohlhabenden napoleonischen hohen Offiziers. Beide absolvierten sie Pariser Gymnasien, Edmond studierte Jura und arbeitete einige Jahre als Ministerialbeamter.

1849/50, d.h. nachdem auch Jules erwachsen war, zog Edmond sich aus dem Berufsleben zurück. Die Brüder machten nun, obwohl Jules sich 1850 mit Syphilis infiziert hatte und seitdem kränkelte, längere Reisen. Deren Eindrücke verarbeiteten sie zu Reportagen, wie sie beim Publikum beliebt und entsprechend bei Zeitschriften und Verlegern begehrt waren. Auf den Geschmack gekommen, betätigten sie sich danach gemeinsam als freie Schriftsteller: Kunstkritiker, Theaterkritiker, Historiker, Dramatiker und schließlich Romanciers. Hierbei hatten sie die Idee, in ihren Romanen die Doktrin der zeitgenössischen positivistischen Philosophie zu exemplifizieren, laut der der Mensch vor allem durch sein Erbgut (la race), seine Zeit (le moment) und sein soziales Umfeld (le milieu) determiniert sei. Damit schufen sie eine literarische Schule: den Naturalismus.

Ihre wichtigsten – allesamt zu zweit verfassten – Romane sind: Les hommes de lettres (1860), die Geschichte eines Literaten in seinem Milieu; Renée Mauperin (1864), die Geschichte einer jungen Großbürgerin in ihrem Milieu; Manette Salomon (1867), die Geschichte einer Frau im Künstlermilieu; und vor allem Germinie Lacerteux (1864), die Geschichte eines Dienstmädchens, das quasi idealtypisch alles Gute und Böse erlebt, das einem Dienstmädchen widerfahren kann (z.B. dass sie von dem Mann, den sie liebt, gewissenlos ausgenutzt wird und schließlich in Schulden versinkt).

Auch ihre Biografien (z.B. von Marie-Antoinette, Madame Pompadour oder Madame Du Barry) und die kulturgeschichtlichen Monografien (z.B. Histoire de la société française sous la Révolution, 1854; L’Art du XVIIIe siècle, 1859 ff., oder La Femme au XVIIIe siècle, 1862 ) gelten rückblickend als richtungweisend.

Wenig erfolgreich blieb ihr Versuch als Dramatiker: das dreiaktige Schauspiel Henriette Maréchal (1865), wurde wegen der bekannten Nähe der Autoren zum kaiserlichen Hof von republikanisch eingestellten Teilen des Publikums ausgebuht.

Ein kulturhistorisches Dokument ersten Ranges ist das Tagebuch (Journal), das die Brüder ab 1851 führten und das Edmond nach Jules’ frühem Tod (1870) allein fortführte.

Edmond stiftete 1896 mit seinem Vermögen die Académie Goncourt. Diese besteht aus zehn Autoren (die nicht der Académie Française angehören dürfen), die jährlich im Herbst als Jury zusammentreten und einen französischen Roman mit dem Prix Goncourt auszeichnen, dem seit Jahrzehnten begehrtesten und werbewirksamsten der zahllosen franz. Literaturpreise.

(Stand: Jan. 11)

Jules Verne (*8.2.1828 Nantes; †24.3.1905 Amiens).

Dieser immer noch viel gelesene Autor (vielleicht ist er bei uns sogar der meistgelesene Franzose überhaupt) gilt als einer der Väter des Science fiction-Romans. Von seinem umfangreichen Schaffen in verschiedenen Gattungen sind vor allem die erzählenden Werke bekannt, die das Genre Reiseroman mit Science fiction-Elementen verbinden. Trotz seines dauerhaften internationalen Erfolges wird Verne von der zünftigen Literaturgeschichtsschreibung weitgehend ignoriert.

Er wuchs auf im Reederviertel der Hafenstadt Nantes als ältestes von fünf Kindern eines Anwalts und seiner aus Reederkreisen stammender Frau. Mit elf soll er heimlich versucht haben, eine Seereise als Schiffsjunge anzutreten,sei aber im letzten Moment von Bord geholt worden. Seine Schulzeit verbrachte er auf katholischen Privatschulen seiner Heimatstadt und beendete sie dort 1846 auf dem staatlichen Gymnasium. Anschließend ging er zum Jurastudium nach Paris, weil er die väterliche Anwaltspraxis übernehmen sollte.

Spätestens als Student begann er jedoch zu schreiben und erhielt Kontakt zur Welt der Pariser Literaten, u.a. zu Alexandre Dumas père (s.o.), der ihn etwas protegierte, und zu dessen Sohn Alexandre Dumas fils, mit dem er sich befreundete.

Er blieb deshalb nach Abschluss des Studiums (1849) in Paris und versuchte sich zunächst vor allem in verschiedenen dramatischen Genres, von der Tragödie bis zum Opernlibretto. 1851 wurde ein erstes Stück von einer literarischen Zeitschrift angenommen, wo im selben Jahr auch zwei Erzählungen von ihm erschienen. Deren Sujets ‚Seefahrt’ bzw. ‚Ballonfahrt’, ließen ihn nicht mehr los, auch wenn er noch längere Zeit vorwiegend Texte mit ganz anderer Thematik verfasste.

1852 wurde Verne Sekretär des Intendanten des Pariser Théâtre lyrique, für das er in den nächsten Jahren, teils allein, teils in einem Autorenteam, Stücke produzierte. Zugleich schrieb er weiterhin Erzählungen mit diverser Thematik, darunter 1855 die Reiseabenteurgeschichte Un hivernage dans les glaces/Ein Winter im ewigen Eis.

1857 heiratete er eine Witwe mit zwei Kindern (mit der er 1861 ein weiteres bekam) und betätigte sich danach einige Jahre zwecks Broterwerb mäßig erfolgreich in dem bürgerlichen Beruf eines Börsenmaklers. Nebenher (1859 und 61) machte er mit einem befreundeten Reedersohn Schiffsreisen nach Schottland und nach Norwegen, die ihm die Welt der Seefahrt erschlossen.

Doch konnte er auch das Schreiben nicht lassen. Entscheidend war schließlich, dass er 1862 den umtriebigen Jugendbuchverleger Jules Hetzel kennenlernte. Dieser brachte seinen gerade fertigen ersten Science fiction-Reiseroman Cinq semaines en ballon/Fünf Wochen im Ballon heraus, nahm ihn für weitere Romane derselben Machart unter Vertrag und leitete ihn zum publikumswirksamen Schreiben an. Spätestens über Hetzel auch kam Verne in Kontakt mit Naturforschern und Erfindern, die seine Kenntnisse erweiterten, ihn fachlich berieten und ihm Ideen eingaben, die er in einem immensen Zettelkasten sammelte.

Nach dem Erfolg der Cinq semaines hatte Verne seinen Durchbruch als Autor geschafft und konnte gut von seiner Feder leben. In den folgenden Jahren schrieb er zahllose Romane, die meist fortsetzungsweise in Hetzels 1864 gegründeter Jugendzeitschrift Magazin illustré d'éducation et de récréation (=Illustrierte für Erziehung und Erholung) erschienen, ehe sie auch als Buch herauskamen. Seine eigentliche Domäne hierbei waren und blieben Reise- und Abenteuerromane mit mehr oder weniger großem Science fiction-Anteil, die von Hetzel in der Buchreihe „voyages extraordinaires“ (=außergewöhnliche Reisen) vermarktet wurden. Hierin nahm Verne mit viel wissenschaftlicher und technischer Intuition manche später realisierte Entwicklung vorweg.

Vernes Bücher, die sich an ein vorwiegend jüngeres und passabel gebildetes männliches Publikum richteten, schlugen nicht nur in Frankreich gut ein, sondern dank Übersetzungen auch in ganz Europa und Amerika. Denn die Zeit war geprägt vom beschleunigten technischen Fortschritt und zugleich von den letzten großen Entdeckungsreisen.

Die bekanntesten Titel sind: Voyages et aventures du capitaine Hatteras/Reisen und Abenteur von Kapitän H. (1864/65); Voyage au centre de la Terre/Reise zum Mittelpunkt der Erde (1864); De la Terre à la Lune/Von der Erde zum Mond (1865); Autour de la Lune/Rund um den Mond und Vingt mille lieues sous la mer/Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer (beide 1869). 1872 kam Le Tour du monde en 80 jours/Die Reise um die Welt in 80 Tagen heraus, Vernes größter Erfolg, den er mit einem Co-Autor auch für das Theater adaptierte. 1876 erschien der in Sibirien um einen „Kurier des Zaren“ (so der Titel der deutschen Übersetzung) spielende Abenteuer-Politkrimi Michel Strogoff, aus dem ebenfalls ein erfolgreiches Stück gemacht wurde.

Spätestens seit Le Tour du monde war Verne ein geachteter und reicher Mann. Er unternahm zahlreiche Reisen per Bahn und per Schiff, 1867 z.B. mit dem größten Passagierdampfer der Zeit, der Great Eastern, in die USA, und ab 1866  auch mit eigenen Segel- und schließlich Dampfer-Yachten auf Kanal, Nord- und Ostsee sowie im Mittelmeer. Zudem unterhielt er ein repräsentatives Haus in Amiens, der Heimatstadt seiner Frau, wo er seit 1870 lebte.

Nach 1880 war sein schöpferischer Zenith überschritten, doch schrieb und publizierte er fast pausenlos weiter, wobei seine Technik- und Fortschrittsgläubigkeit nach und nach gedämpfter erscheint.

1883 scheiterten seine Versuche, sich als Kandidat für die Académie Française ins Spiel zu bringen. Sichtlich wurden seine Bücher von den Académiciens nicht als seriöse Literatur betrachtet.

1886 wurde er durch den Pistolenschuss eines geistesgestörten Neffen am Fuß schwer verletzt und behielt Behinderungen zurück. Immerhin brachte dieses Ereignis ihn seinem Sohn Michel wieder näher, den er 1876 als15-Jährigen zeitweilig in eine Erziehungsanstalt gesteckt und schließlich quasi verstoßen hatte und mit dem er sich nun aussöhnte.

1888 begann er, sich kommunalpolitisch zu betätigen und wurde mehrfach in Amiens als Stadtrat gewählt, wobei er zunächst eher der linken, später der rechten Mitte angehörte und sich vor allem für Stadtplanung und das städtische Theater engagierte. 1898, bei der Dreyfus-Affäre, schlug er sich auf die Seite der konservativen und nationalistischen Rechten.

Nach seinem Tod gab Sohn Michel noch zahlreiche Werke aus dem Nachlass heraus, wobei er sie in seinem Sinne bearbeitete.

Vernes handlungsreiche Romane haben im 20. Jh. viele Filmemacher gereizt. Nicht zufällig erhielt 1954 das erste Atom-Uboot der Welt, die amerikanische Nautilus, den Namen des futuristischen Ubootes von Kapitän Nemo aus Vingt mille lieues sous la mer.

(Stand: Juni 11)

Émile Zola (*2.4.1840 Paris; †29.9.1902 ebd.).

Er gilt als einer der großen Romanciers des 19. Jh. und als Leitfigur der gesamteuropäischen literarischen Strömung des Naturalismus.

Er wurde geboren in Paris als Sohn einer Französin und eines Bauingenieurs italienischer Herkunft. Dreijährig kam er nach Aix-en-Provence, wo sein Vater ein Kanalprojekt leitete, aber früh (1847) starb und seine Familie unversorgt zurückließ. In Aix war Zola befreundet mit Paul Cézanne, dem späteren großen Maler. Seine letzten Schuljahre verbrachte er wieder in Paris, wohin seine Mutter schon vor ihm zurückgekehrt war. Nachdem er durchs Baccalauréat gefallen war (1859), jobbte er (z.B. längere Zeit als Werbechef beim Verlag Hachette) und schriftstellerte in allen Genres, sogar als Lyriker.

Sein Durchbruch wurde der Roman Thérèse Raquin (1867), der eine spannende Handlung um die zur Ehebrecherin und Mörderin werdende Titelheldin mit einer ungeschönten Schilderung des Pariser Kleinbürgertums verbindet. Das Vorwort zur zweiten Auflage 1868, in dem Zola sich gegen seine gutbürgerlichen Kritiker und ihren Vorwurf der Geschmacklosigkeit verteidigt, wurde zum Manifest der jungen naturalistischen Schule, zu deren Chef Zola nach und nach avancierte.

Ab 1869 (bis 1893) konzipierte er, ähnlich wie Balzac, die meisten seiner Romane als Teile eines Zyklus mit dem Titel Les Rougon-Macquart. Histoire naturelle et sociale d'une famille sous le Second Empire. Die insgesamt 20 Romane des Zyklus sollten eine Art positivistisch begründeter Familiengeschichte sein, wobei die Rougons den bürgerlichen, die Macquarts den proletarischen Zweig der Familie repräsentieren. Die so durch Verwandtschaft verbundenen Figuren sollten als durch ihre Erbanlagen (z.B. den Hang zum Alkoholismus), ihr Milieu (Bourgeoisie oder Unterschicht) und die historischen Umstände (die sozio-ökonomischen Verhältnisse des Zweiten Kaiserreichs, 1852-70) völlig determiniert vorgestellt werden. Gottlob wirken sie, dank Zolas schriftstellerischem Temperament, menschlich und lebendig genug, um dem Leser nicht als bloße Marionetten und Demonstrationsobjekte zu erscheinen.

Das erzählerische Werk Zolas ist, ähnlich wie das der Goncourts, eine Fundgrube für Sozialhistoriker, wobei die vom Autor geschilderten Verhältnisse naturgemäß eher die der 70er/80er Jahre sind, d.h. die der Entstehungszeit der Romane, und weniger die der 50er/60er, in denen die Handlungen angesiedelt sind.

Zu Zolas Lebzeiten am erfolgreichsten war La Débâcle (1892), dessen Handlung vor dem Hintergrund des franz.-deutschen Krieges von 1870/71 und der blutig unterdrückten Pariser Commune spielt. Ebenfalls ein großer Erfolg war Nana (1879/80), die Geschichte einer jungen Frau aus dem Volk, die dank ihrer sexuellen Attraktivität einen Aufstieg zur kostenträchtigen Geliebten eines Grafen erlebt, durch ihren Hang zu Ausschweifungen aller Art jedoch in Niedergang, Krankheit und frühem Tod endet. Noch heute gelesen werden vor allem L'Assommoir (1877), wo am Schicksal einer Wäscherin und ihrer Familie sehr eingängig die Auswirkungen des Alkoholismus im beengten und ärmlichen Pariser Unterschichtenmilieu beschrieben werden, und Germinal (1885), das die dramatische Geschichte eines Bergarbeiterstreiks im Kräftefeld der wirtschaftlichen und ideologischen Antagonismen der Zeit darstellt, die Zola aus der Perspektive eines sozial engagierten Bourgeois beurteilt, der die Lehren der sozialistischen Denker Fourier, Proudhon und Marx zumindest in ihren Leitlinien kennt und billigt. Erwähnenswert ist auch L'Œuvre (1886), weil in dessen Hauptperson, einem hyperperfektionistischen Maler, Cézanne sich karikiert glaubte, der daraufhin empört mit Zola brach.

Mehrere der Romane, u.a. Thérèse Raquin, Nana, L'Assommoir und Germinal, wurden bald nach ihrem Erscheinen zu erfolgreichen Theaterstücken (und später zu Filmen) verarbeitet.

Neben seiner Arbeit als Romancier war Zola immer auch journalistisch aktiv. So versuchte er am 13. Januar 1898 mit einem offenen Brief an den Staatspräsidenten sein persönliches Prestige für den Hauptmann Dreyfus einzusetzen, der zu Unrecht als angeblicher prodeutscher Spion verurteilt worden war. Dieser Brief mit dem Titel J'accuse entfachte einen ungeahnten innenpolitischen Sturm, der Frankreich für Jahre, oft bis in die Familien hinein, spaltete in „Dreyfusards“ und „Antidreyfusards“, d.h. ein progressives linkes Lager und ein konservatives rechtes, das zugleich militant nationalistisch und antisemitisch war. Zola selbst wurde sofort vom Kriegsminister sowie von einigen Privatpersonen verklagt und in durchaus politischen Prozessen wegen „Diffamierung“ zu einer Geld- und (kurzen) Gefängnisstrafe verurteilt, der er sich jedoch durch Flucht nach London entzog, wo er fast ein Jahr blieb, bis die Affäre begelegt war.

Sein Tod durch eine Rauchvergiftung in seiner Pariser Wohnung zu Beginn der Heizperiode 1902 war möglicherweise das Werk eines nationalistischen Ofensetzers, der im Sommer zu einer Reparatur dagewesen war.

(Stand: Jan. 10)

Sully Prudhomme (=René François Armand Prudhomme, *1839; †1907).

Er ist in die Geschichte eingegangen als der erste Literatur-Nobelpreisträger. Als Autor ist er heute so gut wie vergessen.

Prudhomme wuchs auf in Paris in einer gutbürgerlichen katholischen Familie und machte am Lycée Bonaparte die Reifeprüfung zunächst im naturwissenschaftlichen Zweig (baccalauréat scientifique) und dann im altsprachlich-literarischen Zweig (baccalauréat de lettres). Nach kurzer Tätigkeit als Ingenieur bei der aufstrebenden Firma Schneider in Le Creusot, dem „franz. Krupp“, absolvierte er ein Jurastudium und arbeitete, wiederum nur kurz, als Anwalt in Paris.

Da er schon seit vielen Jahren Gedichte verfasste, besann er sich mit Mitte 20 auf sein hübsches ererbtes Vermögen und widmete sich ganz der Literatur und der Philosophie, wobei er die Welt der Technik und der Wissenschaft mit der des Geistes und der Schönheit zu verbinden versuchte.

Zunächst schrieb Sully Prudhomme, wie er sich als Autor nun nannte, kunstvoll ziselierte Gedichte in der eher kühlen Manier der Parnassiens, die er, wie damals üblich, in Zeitschriften publizierte und von Zeit zu Zeit gesammelt in Buchform herausgab (Stances et Poèmes, 1865; Les épreuves, 1866; Les écuries d'Augias und Les solitudes, 1869). Seine Teilnahme am preußisch-französischen Krieg 1870/71 verarbeitete er in Impressions de la guerre (1872) und La France (1874).

Hiernach schwenkte er um auf eine „poésie personnelle“, die formale Eleganz mit schönen Bildern, schönen Gedanken und schönen Gefühlen gefällig vereinte und die von den Lesern der Fin de Siècle-Epoche ebenso goutiert wurde, wie die gefälligen philosophischen Essays über Alles und Jedes, die er zu schreiben verstand und in großer Zahl produzierte.

1881 wurde er als Literat mit der Aufnahme in die Académie Française belohnt, 1895 sah er sich als moralische Autorität anerkannt mit der Ernennung zum Chevalier de la Légion d'honneur; und als 1901 der erste Literatur-Nobelpreis verliehen wurde, erhielt ihn wie selbstverständlich Sully Prudhomme, so beliebt in Frankreich und bekannt in ganz Europa war er.

(Stand: Nov. 05)

Stéphane Mallarmé (* 18.3.1842 in Paris; † 9.9.1898 in Valvins bei Fontainebleau).

Er schuf zwar nur ein schmales Œuvre, ging aber mit beachtlichem Ruhm vor allem als bedeutender symbolistischer Lyriker in die franz. Literaturgeschichte ein.

Er war Sohn eines Pariser Beamten und verlor mit fünf seine Mutter, weshalb er in die Obhut von Großeltern kam und seine Gymnasialzeit freudlos als „interne“ in Schülerwohnheimen verlebte. 1855, im Todesjahr seiner geliebten Schwester Maria, wurde er von seiner Schule verwiesen, konnte aber dann, wiederum als „interne“, am Gymnasium von Sens, der Heimatstadt seines Vaters, das „baccalauréat“ ablegen.

Schon in seinen letzten Schülerjahren schrieb er Gedichte; seine Vorbilder waren Victor Hugo (s.o.), Théodore de Banville oder Théophile Gautier (s.o.). 1860 stieß er auf die Fleurs du Mal (1857) von Baudelaire (s.o.) und war beeindruckt. Neben Gedichten verfasste er nun auch kleine Artikel für literarische Zeitschriften.

Ebenfalls 1860 begann er sein Erwerbsleben als „surnuméraire“, d.h. Hilfslehrer ohne feste Anstellung, in Sens. 1862 lernte er dort die sieben Jahre ältere Maria Gebhard kennen, ein Kindermädchen deutscher Herkunft, die ihm offenbar zugleich so etwas wie Mutter- und Schwesterersatz bedeutete. Wenig später ging er mit ihr nach London, wo er sie 1863, nach dem Tod seines Vaters und Erreichen seiner Volljährigkeit, heiratete. Zurück in Frankreich, legte er eine Eignungsprüfung für die Position eines nicht-beamteten Englischlehrers an Gymnasien ab und nahm eine Berufstätigkeit auf, die er, wenn auch widerwillig und in der Lehrerhierarchie weit unten stehend, 30 Jahre lang ausübte. Immerhin war er so einer der wenigen Lyriker seiner Epoche, die die Kunst und ein halbwegs bürgerliches Leben einschließlich Frau und zwei Kindern (von denen eines achtjährig starb) zu vereinbaren schafften.

Seine erste Stelle erhielt er noch 1863 in Tournon a. d. Rhône, wo er sich wie im Exil fühlte (und 1864 Vater wurde). Immerhin schrieb er und verfasste 1865 das szenisch-monologische Langgedicht L'Après-midi d'un faune, das er vergeblich dem Pariser Théâtre Français zur Aufführung anbot. Im Jahr darauf, inzwischen in einer Schaffenskrise steckend, trat er eine Stelle in Besançon an. Schon 1867 wechselte er nach Avignon, wo er die okzitanisch schreibende Autorengruppe des „félibrige“ um Frédéric Mistral kennenlernte und einige Prosagedichte publizierte. 1869 begann er die philosophische Verserzählung Igitur, die jedoch Fragment blieb. Nachdem er sich 1870 hatte beurlauben lassen und nach Sens gezogen war (wo er zum zweiten Mal Vater wurde), gelang ihm 1871 der Sprung an eine Schule in Paris. Hier wurden ab 1877 die „mardis“ in seiner Pariser Wohnung in der Rue de Moscou zum Jour fixe für jüngere Dichter, die seine äußerst ausgefeilten, allerdings auch sehr hermetischen Gedichte und seine so scharfsinnigen wie radikalen poetologischen Überlegungen bewunderten. U.a. verkehrten bei ihm später so renommierte Autoren wie Paul Valéry, Oscar Wilde, André Gide oder Stefan George.

Aufgrund der übergroßen Ansprüche, die Mallarmé an sich stellte, blieb der Umfang seines publizierten dichterischen Werkes gering: Erst 1876 erschien als Liebhaberdruck mit Illustrationen seines Maler-Freundes Édouard Manet eine erste Buchpublikation: das schon 1865 verfasste Langgedicht L'Après-midi d'un faune. 1887 gab er in jeweils kleinen Auflagen ein Sammelbändchen mit Gedichten und einen weiteren Band mit vermischten Texten heraus, denen 1893 ein letztes Bändchen folgte.

In diesem Jahr konnte er endlich, da er inzwischen mit Vortrags- und Zeitschriftenhonoraren ausreichend verdiente, den ungeliebten Schuldienst quittieren. 1896 erlebte er stolz seine Wahl zum „prince des poètes“ (=Fürst der Dichter) als Nachfolger von Paul Verlaine (s.u.). 1898 erlag er einer Kehlkopfentzündung in seinem Landhaus bei Paris.

Obwohl als Person eher zurückgezogen und introvertiert, wurde Mallarmé zum Meister und Mentor der symbolistischen Schule aufgrund der Formvollendung und Dichte seiner Lyrik sowie seiner fast priesterhaft zelebrierten Vorstellung vom absoluten Primat der Kunst gegenüber dem Leben, d.h. des geformten Schönen gegenüber der Realität. Einem etwas größeren Publikum bekannt geworden ist er lediglich mit L'Après-midi d'un faune, dessen intensive Stimmung Claude Debussy in seiner gleichnamigen Ballettmusik einzufangen versucht hat.

(Stand: Nov. 07)

Paul Verlaine (* 30.3.1844 Metz; † 8.1.1896 Paris)

Er ist eine der Galionsfiguren der symbolistischen Schule, hatte großen Einfluss auf die Lyriker der Generation nach ihm und gilt als einer der Großen der franz. Lyrik überhaupt.

Verlaine war das einzige lebend zur Welt gekommene, spät geborene Kind seiner Eltern. Seine frühe Kindheit verbrachte er in Metz, Montpellier, Nîmes und wieder Metz, Stationen seines Vaters, eines Berufsoffiziers. Nachdem dieser den Dienst 1851 quittiert hatte, ließ sich die durchaus wohlhabende Familie in Paris nieder. Hier wurde Verlaine 1853 Internatsschüler in einer Privatschule (pension) und besuchte von dort aus später zugleich das Lycée Bonaparte (heute Condorcet). Er war zunächst ein guter Schüler, ließ um die 14 aber stark nach und begann Gedichte zu schreiben, deren ältestes bekanntes von Ende 1858 stammt und dank seiner Zusendung an Victor Hugo erhalten ist.

Nach dem Baccalaureat, das er per Kraftakt 1862 doch noch passabel absolvierte, immatrikulierte sich Verlaine als Jurastudent, verkehrte vor allem aber in Pariser Literatencafés und literarischen Zirkeln. In diesem Ambiente lernte er praktisch alle Autoren seiner Generation kennen und schrieb er: überwiegend Lyrik. Im August 63 erschien erstmals ein Gedicht von ihm in einer Zeitschrift. Allerdings fing er um diese Zeit auch an zu trinken. Sein inzwischen stark kränkelnder Vater war besorgt und zwang ihn nach längerem Hausarrest (er war ja minderjährig), eine Stelle bei einer Versicherung anzunehmen. Von dort wechselte Verlaine Anfang 1864 in die mittlere Angestelltenlaufbahn bei der Pariser Stadtverwaltung.

Neben seiner Berufstätigkeit war er weiter literarisch aktiv. Schon mit 16 war er auf Baudelaires (s.o.) Les Fleurs du mal (1857) gestoßen, die sein wichtigstes Vorbild wurden. 1865 war ein Aufsatz über Baudelaire sein erster längerer gedruckter Text. 1866 nahm Théodore de Banville für seine Anthologie Le Parnasse contemporain (nach der sich später die Dichterschule der Parnassiens benannte) sieben Gedichte von ihm an; im selben Jahr publizierte er einen ersten kleinen Sammelband als Privatdruck unter dem Titel Poèmes saturniens. Der Einfluss der Parnassiens und vor allem der von Baudelaire ist deutlich, doch sind Verlaines Gedichte elegischer, melodischer, weicher. In der Sammlung Fêtes galantes (1869) versuchte er, die verspielten Figuren und die wehmütig-heitere Stimmung der Bilder Antoine Watteaus (1684-1721) lyrisch einzufangen, die ihn im Louvre fasziniert hatten und die ihm durch die Artikelserie (1859 ff.) L'Art du dix-huitième siècle der Brüder Goncourt (s.o.) nahegebracht worden waren. Zugleich jedoch verfasste er auch sozialistisch orientierte politische Gedichte, die eine Sammlung mit dem Titel Les Vaincus ergeben sollten.

Seine psychische Verfassung war wenig stabil: Immer wieder verfiel er seit dem Tod seines Vaters (1865) in Alkoholexzesse, die ihn im Juli 1869 sogar zu zwei Mordversuchen an seiner Mutter führten.

Kurz zuvor hatte er sich in Mathilde Meuté de Fleurville verliebt, die 16-jährige Halbschwester eines Freundes. Die Verliebtheit stabilisierte ihn dann offenbar, und da er als wohlhabender Erbe in spe gelten konnte, durfte er sich trotz starker Bedenken von Mathildes Vater Ende des Jahres mit ihr verloben und sie im Juni 1870 heiraten (mit einer vorsichtshalber nur aus Pachteinnahmen bestehenden Mitgift). Fast am selben Tag erschien die Mathilde gewidmete Sammlung La bonne chanson, die etliche seiner schönsten Gedichte enthält und das Glück seiner Liebe und vorübergehenden Abstinenz spiegelt.

Schon im Jahr darauf endete die kurze halbwegs bürgerliche Phase seines Lebens. Im März 71 schloss er sich nach der Niederlage Frankreichs im preußisch/deutsch-französischen Krieg den marxistisch inspirierten Revolutionären der Pariser Commune an, dem ersten kommunistischen Experiment in der Geschichte Europas. Als die provisorische franz. Regierung im Mai die Commune blutig niederschlug und die Verlierer bestrafte, verlor Verlaine im Juli seinen Posten bei der Stadtverwaltung.

Im September nahm er den knapp 17-jährigen Arthur Rimbaud (s.u.) bei sich auf, der ihm Gedichte zugeschickt hatte und den er nach Paris eingeladen hatte. Ende Oktober wurde er Vater eines Sohnes, doch begann er etwa zur selben Zeit ein homosexuelles Verhältnis mit Rimbaud. Es folgten lange verworrene Monate, während derer er hin und her pendelte zwischen Mathilde (die er des öfteren bedrohte und misshandelte und zur Flucht zu ihren Eltern trieb), seiner Mutter und Rimbaud (der sich im Früjahr 72 ein paar Wochen absentierte).

Am 7. Juli 72 verließ Verlaine zusammen mit Rimbaud Paris. Anschließend vagabundierte er mit ihm durch Nordostfrankreich, England und Belgien, sich mehrfach trennend und versöhnend, häufig depressiv und suizidgefährdet, immer wieder jedoch von seiner Mutter aufgesucht und unterstützt.

Dichterisch war es (wie auch für Rimbaud) durchaus eine fruchtbare Zeit, er verfasste u.a. die Ariettes oubliées und die Romances sans paroles (erschienen 1874).

Am 4. Juli 73 schrieb er, nachdem er kurz zuvor Rimbaud in London im Streit verlassen hatte, in Brüssel Abschiedsbriefe an seine Frau (die seine wiederholten Kontaktversuche abgelehnt und die Scheidung eingereicht hatte), seine Mutter und Rimbaud. Die beiden Letzteren reisten sofort an, Rimbaud allerdings blieb unversöhnlich. Der verzweifelte Verlaine schoss hierauf betrunken in Gegenwart seiner Mutter auf den Freund, verletzte ihn jedoch nur leicht. Als er nach dem gemeinsamen Aufsuchen einer Ambulanz nochmals auf ihn zu schießen drohte, flüchtete Rimbaud zu einem Polizisten. Verlaine wurde festgenommen und zu zwei Jahren Haft verurteilt. In diesen Jahren war seine Mutter einmal mehr sein psychologischer und finanzieller Halt.

Schon in der Untersuchungshaft hatte er viele Gedichte verfasst. Im Gefängnis (1873/75) wurde er unter dem Einfluss des Gefängnispfarrers fromm und schrieb religiöse Gedichte, die er später (1880) in dem Band Sagesse vereinte. Auch das berühmte Gedicht Art poétique, das zu einer Art Manifest des Symbolismus wurde, stammt aus der Haftzeit.

Nach der vorzeitigen Entlassung Anfang 1875 besuchte er Rimbaud in Stuttgart. Sein Versuch, ihn ebenfalls zur Frömmigkeit zu bekehren, scheiterte. Auch die erhoffte Versöhnung misslang. Im März ging er nach England und hielt sich dort mit Französisch- und Zeichenunterricht über Wasser, war aber kurz auch angestellter Lehrer.

1877 erhielt er vertretungsweise eine Lehrerstelle in Rethel/Ardennes, wurde aber 1878 nicht verlängert, wohl wegen vermuteter homosexueller Beziehungen zu einem Schüler, Lucien Létinois. Er ging nun mit diesem, den er als Ziehsohn betrachtete, einmal mehr nach England, kehrte aber Ende 79 zurück. Anfang 1880 übernahm er, dank einem Zuschuss seiner Mutter, gemeinsam mit Létinois und dessen Eltern einen Pachthof und versuchte sich als Landwirt. Schon Anfang 82 ging der Hof Pleite. Verlaine schlüpfte in Paris bei seiner Mutter unter. Seine Bemühungen, wieder Lehrer zu werden, scheiterten.

Er lebte hiernach schlecht und recht bei seiner Mutter, zunächst in Paris, dann auf einem kleinen Anwesen, das sie in Coulommes von den Eltern Létinois’ gekauft hatte, nachdem dieser 1883 an Typhus gestorben war. Er trank nun jedoch wieder und versuchte im Suff einmal mehr, sie zu erwürgen, was ihm kurze Haft und eine Geldstrafe eintrug und zu einem vorübergehenden Zerwürfnis führte (1885). Gegen Jahresende erkrankte er und wurde in der Folgezeit, vielleicht z.T. aufgrund einer fortschreitenden Syphilis, nie mehr völlig gesund. Als seine Mutter Anfang 86 starb, vererbte sie den schmalen Rest ihres Vermögens an ihm vorbei an seinen Sohn.

Verlaine war nun endgültig mittellos. Die nächsten Jahre verbrachte er elend und mit ständig wechselnden Adressen meistens in Paris, wo er in Armenasylen, Spitälern, Absteigen oder, wenn er über etwas Geld verfügte, bei Prostituierten oder in kleinen Hotels logierte.

Als Autor allerdings begann er nun endlich bekannter zu werden. 1883 hatte er eine Serie mit Dichterporträts unter dem Titel Les Poètes maudits (=Fluchbeladene Dichter) veröffentlicht sowie den Gedichtband Jadis et naguère. Auch in den Jahren seiner Verelendung blieb er erstaunlich kreativ und schrieb: Lyrik, Essayistisches, Autobiografisches, Autorenporträts, Reiseberichte usw.. Darüberhinaus publizierte er Werke Rimbauds, die er in eigenen Abschriften oder auch in Autographen besaß, und rettete sie so vor dem Vergessen. Ab 1888 wurde er von jüngeren Kollegen und Bewunderern hofiert. 1892 wurde er erstmals zu einer Serie von Vorträgen nach Holland eingeladen, 1893 nach Belgien, Lothringen und England. 1893 auch versuchte er, für die Académie Française zu kandidieren, wurde aber schon im Vorfeld ausgebremst.

Immerhin erachtete ihn nun das Unterrichtsministerium wiederholter stattlicher Gratifikationen für würdig, und ein eigens gegründeter Freundeskreis zahlte ihm eine monatliche Pension von 150 Frs. 1894 wurde er als Nachfolger des verstorbenen Lyrikers Leconte de Lisle zum „Prince des poètes“ (=Fürst der Dichter) gewählt und 1895 verbürgerlichte er fast, indem er mit einer langjährigen Freundin einen gemeinsamen Hausstand gründete.

Der Normalität war aber keine Dauer beschieden. Ende des Jahres erkrankte Verlaine und schrieb zwei letzte Gedichte: Mort ! und Désappointement. Er starb am 8.1.1896. Dem Trauerzug am 12. 1. folgten mehrere tausend Personen und bekannte Autoren ehrten ihn mit Totenreden.

(Stand: Okt. 11)

Als Anhang folgt eine kleine Studie von mir, die 2009 im Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen (Bd. 246, S. 344 ff.) erschienen ist :

 

Gert Pinkernell (Wuppertal)

 

Wie eine Tilgung einen Text total verändert. Zur Metamorphose von Paul Verlaines Gedicht Croquis parisien

 

Vor kurzem bat mich eine Studentin, die im Internet auf meine Namen, Titel und Daten der französischen Literatur[i] gestoßen war, um Deutungshilfe bei folgendem Gedicht aus dem Bändchen Poèmes saturniens, das der junge Verlaine1866 aus seiner bis dahin verfassten Lyrik zusammenstellte und mit dem Zuschuss einer Kusine in Druck gab:

 

Croquis parisien

La lune plaquait ses teintes de zinc                       1
               Par angles obtus.
Des bouts de fumée en forme de cinq
Sortaient drus et noirs des hauts toits pointus.

Le ciel était gris. La bise pleurait                           9[ii]
               Ainsi qu’un basson.
Au loin, un matou frileux et discret
Miaulait d’étrange et grêle façon.

Moi, j’allais, rêvant du divin Platon                      12
               Et de Phidias,
Et de Salamine et de Marathon,
Sous l’œil clignotant des bleus becs de gaz.
[iii]

 

Die Studentin schrieb dazu u.a.: „Ich beschäftige mich momentan mit den Gedicht Croquis parisien von Paul Verlaine und habe die Aufgabe bekommen, es unter dem Aspekt «Paris in der französischen Literatur des 19. Jahrhunderts» zu interpretieren. [...] Mir ist bewusst, dass man das lyrische Ich nicht mit dem Autor gleichsetzt. Doch an wen wendet sich das Gedicht? An die Bevölkerung, an eine bestimmte Person? Zudem beschreibt der Autor ein Stadtbild, das der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts entspricht. Es scheint mir beim Lesen, dass er sich von dem ‚modernen’ Paris distanziert und die Antike als Vorbild sieht.“

Wie man erkennt, ist die Rezeption hier gesteuert von der offenbar durch die Seminarthematik und/oder die Dozentin suggerierten These, der Text sei zu lesen als eines der Paris-Gedichte des 19. Jh., in denen Autoren ihre Stadt insbesondere im Kontext von deren rasanter Verwandlung durch Modernisierung und Industrialisierung erleben und diese, je nach Einstellung, positiv oder negativ bewerten.[iv]

Wie fruchtbar aber ist diese These? Nicht sonderlich. Zwar scheint der Titel, Croquis parisien, sie zunächst zu belegen. Zweifellos war er ja auch das Hauptkriterium für die Aufnahme des Gedichts in das Textkorpus des Seminars. Sein Gewicht als Beleg wird aber eingeschränkt dadurch, dass er eine bloße „Skizze“ ankündigt, d.h. einen deskriptiven, quasi tendenzfreien Text. Auch das in Strophe 1 evozierte Bild des zinkfarben scheinenden, fast senkrecht stehenden Mondes und der qualmenden hohen spitzen Dächer stützen die These kaum, es sei denn, man betrachtet die Letzteren, was die Studentin zunächst tat, als Fabrikschornsteine und nicht als die vom Autor gemeinten Dächer spitzgiebeliger Altstadthäuser, wie sie im Paris von 1860 zwar nicht mehr typisch waren, aber durchaus noch vorhanden und jedem Leser von Paris-Romanen aus der Zeit vertraut. Die nächste Strophe, mit ihrem Nordwind (bise, V. 9), der wie ein Fagott (basson, V. 10) weint, und dem seltsam miauenden Kater (matou, V. 11), belegt die These ebenfalls nicht, denn sie weist ja nichts spezifisch Pariserisches auf. Lediglich die Gaslaternen ganz am Schluss wären eine mögliche Stütze. Aber woraus im Text lässt sich entnehmen, dass die unter ihnen angestellten träumerischen Gedanken des Ich an Plato, Phidias etc. ein Unbehagen an der Modernität ausdrücken? Mit anderen Worten: Die These der Studentin lässt sich kaum halten.

Sie tut es schon gar nicht, wenn man eine kritische Ausgabe nimmt[v] und sieht, dass das Gedicht zwar in der Druckversion von 1866 wie oben wiedergegeben lautet, dass jedoch die erhaltene handschriftliche Fassung eine Strophe mehr aufweist und als VV. 5-8 die folgenden zusätzlichen Zeilen enthält:

 

Le long des maisons, escarpe et putain                                 5

               Se coulaient sans bruit,
Guettant le joueur au pas argentin
Et l’adolescent qui mord à tout fruit.[vi]

 

In dieser vor dem Druck getilgten Strophe wird also im Anschluss an die vorangehende erste zunächst weiterhin das pittoreske Paris der Romane evoziert, z.B. von Eugène Sues erfolgreichem Les Mystères de Paris (1842/43), wo man gleich zu Beginn in verwinkelte Altstadtgassen und eine nächtliche Unterwelt geführt wird, aus der Verlaine seine Figuren des Mörders (escarpe, V. 5) und der Hure (putain, V. 5) sowie die des Spielers (joueur, V. 7) entlehnt haben könnte.[vii] Die letzte Zeile aber weist in eine völlig neue Richtung mit dem sichtlich als Schlüsselfigur des gesamten Gedichts zu betrachtenden „Jüngling, der in jede Frucht hineinbeißt“.

Fügt man die Ex-Strophe zwei wieder ein und liest man den Text in seiner ursprünglichen Fassung, so lässt er sich sehr gut von folgender globalen Deutungshypothese her interpretieren: Das Gedicht verarbeitet, wohl ohne eine spezifische Botschaft an konkrete Leser vermitteln zu wollen, sichtlich die Situation eines sehr jungen Mannes, der in der spätabendlichen Stadt herumstreunt auf der vagen Suche nach einer ihn fordernden und erfüllenden Realität, hierbei aber ergebnislos bleibt und sich zurückzieht auf Ersatzwahrnehmungen und Träume. Es verarbeitet, mit anderen Worten, die Situation des jugendlichen Verlaine selbst, der als großstädtischer bürgerlicher Gymnasiast in einer künstlich verlängerten Adoleszenz gehalten wird, in der er sich nur intellektuell gefordert, ansonsten aber unterfordert fühlt und sicherlich zudem an dem Realitätsmangel leidet, den seine Selbstisolation als viel Lesender und schon Schreibender bewirkt. Das Gedicht wäre also, kurz gesagt, die literarische Verarbeitung eines Stücks der Existenz des Autors selbst, der hier durchaus, wie es bei Texten sehr junger Autoren sehr häufig der Fall ist, mit dem sprechenden Ich in hohem Umfang identifiziert werden kann.

Betrachten wir das offenbar um 1861 entstandene Gedicht[viii] im Licht der genannten globalen Deutungshypothese, so erklärt sich als erstes ganz zwanglos die Wahl eines großstädtischen, sichtlich Pariser, Ambientes für das, was man die Handlung nennen könnte. Denn dieses Ambiente entspricht dem des Autors, nur dass es gesehen und gezeigt wird aus der Perspektive eines Lesers von z.B. Baudelaire oder Sue, d.h. von jemandem, der, wie jene, vor allem das Bizarre, Hässliche, Verruchte und Morbide wahrnimmt. Des Weiteren erklärt unsere Deutungshypothese gut den Sachverhalt, dass das Tempus der „Handlung“ nicht das Präsens oder das Passé simple ist, sondern das iterative Imperfekt; denn nicht ein gegenwärtiges oder einmaliges Geschehen wird hier erzählt, sondern es wird etwas dargestellt, das sich so oder ähnlich schon des öfteren abgespielt hat.[ix] Vor allem aber erklärt die Deutungshypothese sehr schön die zentrale Figur des „in jede Frucht beißenden Jünglings“, den es drängt, sich zu erproben und sich auszuleben. Dieser ist nämlich offenkundig, wie der Autor selbst, vorzustellen als ein seit kurzem ausgewachsener junger Mann, d.h. in dem Alter, wo er als Mitglied einer anderen Schicht oder Gruppe (oder gar der Urgesellschaft, für die wir genetisch angelegt sind) zur selben Abendstunde in der Regel das erschöpfende, wenn vielleicht auch nicht immer erfüllende Tagwerk eines jungen Erwachsenen hinter sich hätte und nun müde die Nachtruhe anträte. Statt dessen hat er nur die Schulbank gedrückt, gelesen oder geschrieben und streunt nun, unausgelastet und unbefriedigt, durch die Stadt, auf der Suche nach einer Realität, die ihn stärker fordert und erfüllt als die eines Gymnasiasten und jungen Poeten.

Eine erste Möglichkeit scheint ihm ein vielversprechend pittoresker Alt-Pariser Stadtbezirk zu bieten. Allerdings kommt er bei seinem Eintritt in die noch belebte Gegend kaum hinaus über ein Beobachten oder flüchtiges Berühren dieser ihm zwar realitätsgesättigt scheinenden, letztlich aber verschlossenen Welt von Mördern (oder Leuten, die dafür hält), Huren und Spielern. So lässt er sich denn ersatzweise absorbieren von Wahrnehmungen, die ihm zugänglicher sind, wie der des grauen Himmels, des flötenartigen Weinens des winterlichen Nordwinds oder des seltsamen Miauens eines Katers. Da diese ihn jedoch noch weniger fordern, springt er – und auch dieser Teil des Gedichts erklärt sich gut aus unserer globalen Deutungshypothese – mit einem fast trotzig wirkenden betonten „Ich“ (moi, V. 12) hinüber in Gedanken an seine Gymnasiastenwelt, die bestimmt ist vom Erwerb humanistischer Bildung. Und im Sinne dieser ihm sehr gegenwärtigen Welt träumt er von deren Heroen, z.B. den griechischen Philosophen (Plato), Künstlern (Phidias) und Kriegshelden (der Seeschlacht von Salamis und der Landschlacht von Marathon), d.h. Heroen, mit denen er sich identifizieren soll und weitgehend tut. Hierauf allerdings, und auch das entspräche der Logik unserer Deutung, hat der Autor das Bedürfnis, sein Alter Ego, den unausgefüllt streunenden und kompensatorisch träumenden Jüngling, zurückzuholen in die Realität der Großstadt, nunmehr die der modernen Gaslaternen, welche er jedoch, etwas klischeehaft, „blau“ sein lässt und als „blinkende Augen“ vorstellt, um sie dem eher traditionell poetischen Stil des Ganzen anzugleichen.[x]

Wie man sieht, zeigt der Text in seiner Urform einen kohärenten Sinn und wirkt, wenn auch etwas schülerhaft mit seinen literarischen Versatzstücken, so doch authentisch und überzeugend als Ausdruck einer bestimmten biografischen Situation seines Autors und als Versuch einer Selbstreflexion und Selbstvergewisserung. Man fragt sich, warum Verlaine die zweite Strophe später getilgt und damit den ursprünglichen Sinn des Ganzen so gut wie unsichtbar gemacht hat.

Wie meist in solchen Fällen sind wir hier auf Hypothesen angewiesen. Am nächsten liegt wohl die Vermutung, dass die gestrichene Strophe nicht mehr dem Bewusstseinsstand Verlaines entsprach, als er im Sommer oder Frühherbst 1866, nunmehr 22jährig, die Poèmes saturniens zusammenstellte und unser Stück darin aufzunehmen beschloss. Denn er war jetzt kein „Jüngling“ mehr, hatte inzwischen sicher schon nähere und vermutlich enttäuschende Kontakte mit der einst fast sehnsüchtig beäugten Pariser Unterwelt gehabt und war vor allem, nach einem abgebrochenen Jurastudium und zweieinhalb Jahren Berufstätigkeit, auch nicht mehr der, den es drängte, seine Kraft erprobend „in jede Frucht zu beißen“. Er ließ die Strophe also fort und setzte die gekürzte Version des Gedichts unter dem Titel Croquis parisien[xi] an den Anfang einer Reihe von fünf Stücken mit dem Obertitel Eaux fortes (Kupferstiche).

Hierdurch jedoch verwandelte sich der Text vom Ausdruck einer konkreten existenziellen Situation des Autors und damit auch einem autobiografischen Dokument in ein vor allem malerisch-deskriptiv intendiertes Paris-Gedicht und damit ein Stück bloßer Literatur. Und dieses diente nicht mehr der Selbstreflexion und Selbstvergewisserung eines sehr jungen Mannes, sondern zielte auf die Anerkennung der Literatenkollegen, in deren Kreis Verlaine mittlerweile verkehrte. Der Traum vom „göttlichen Plato“ und den anderen Griechen war hierbei allerdings zu einer Art blindem Motiv abgesunken, das, wie bei der Studentin, Deutungsversuche auf Abwege lenkt.

Insgesamt verbessert hat sich der Text durch seine Entbiografisierung und Überführung in ein anderes Genre sicherlich nicht. Entsprechend wird er m.W. auch nicht zu den gelungenen Stücken der Poèmes saturniens gerechnet. Er bestätigt vielmehr die Regel, dass es Werken häufig nicht bekommt, wenn Autoren Jahre später meinen, sie verbessern zu sollen.

Anmerkungen:

[1] www.pinkernell.de/romanistikstudium

2Aus bestimmtem Grund (s.u.) springt meine Zählung hier von Vers 4 auf V. 9.

3Als Verstehenshilfe gebe ich eine eigene, möglichst wortgetreue (naturgemäß wenig lyrisch wirkende) Übersetzung: „Pariser Skizze.// Der Mond trug seine Zinkfärbungen in stumpfen Winkeln auf. Rauch-Enden in Fünfform kamen dick und schwarz aus den hohen spitzen Dächern./ Der Himmel war grau. Der Nordwind weinte so wie ein Fagott. In der Ferne miaute ein fröstelnder und unaufdringlicher Kater auf eine seltsame und zerbrechliche Weise./ Ich aber ging dahin und träumte vom göttlichen Plato und von Phidias und von Salamis und von Marathon unter dem blinkenden Auge der blauen Gasleuchten.“

[1] Ein Beispiel im letzteren Sinne wäre Baudelaires 1860 verfasstes Le Cygne („Der Schwan“).

[1] Z.B. den Pléiade-Band Verlaine, Paul: Œuvres poétiques complètes. Texte établi et annoté par Y.-G. Le Dantec. Édition revue, complétée et présentée par Jacques Borel (Paris: Gallimard, 1962), p. 65 und 1078.

[1] Übersetzung: „An den Häusern entlang schlüpften geräuschlos Mörder und Hure, auf der Lauer nach dem Spieler mit dem silbernen Schritt und dem Jüngling, der in jede Frucht hineinbeißt.“

[1] Der Roman liegt mir vor in einem Nachdruck der Éditions Hallier (4 Bde., Paris 1977/78). Eine ältere deutsche Übersetzung findet man über Google im Internet.

[1] Die Gymnasialzeit Verlaines endete im August 1862.

[1] Schwer zu sagen ist, ob der Leser auch annehmen soll, dass zugleich der Mond scheint (V. 1-2) und der Himmel regengrau ist (V. 9). Wenn ja, würde dies ebenfalls auf das Wiederholte, Typische der Situation verweisen.

[1] Offenbar war es im Rückblick von den Gaslaternen her, dass die Studentin die qualmenden spitzen Dächer des Anfangs als Fabrikschlote deutete.

[1] Leider sagt der Kommentar der o.g. Ausgabe nichts zum Titel. Offenbar hatte die Urfassung keinen. Er dürfte übrigens inspiriert sein von dem Obertitel Tableaux parisiens („Pariser Bilder“), unter dem Baudelaire in Les Fleurs du Mal etwa 15 Gedichte zusammenfasst (Nr. 89 ff. in der 2. Auflage 1861). Hierzu auch zählt das o.g. Le Cygne.

Anatole France (=Jacques Anatole François Thibault; *16.4.1844 in Paris, †12.10.1924 in Saint-Cyr-sur-Loire bei Tours)

France wuchs auf als Sohn eines hochgebildeten Buchhändlers und beendete 1864 seine Gymnasialzeit am katholischen Pariser Collège Stanislas mit dem Baccalauréat. Früh interessierte er sich für Literatur und erarbeitete sich eine profunde humanistische Bildung. 1866 lernte er den Verleger der Parnassiens (s.u.), Lemerre, kennen und wurde bei ihm freiberuflicher Lektor, als der er z.B. eine mehrbändige Anthologie zeitgenössischer Lyrik herausgab. 1876 übernahm er, um zwecks Heirat und Familiengründung ein festes Einkommen zu haben, einen Posten als Bibliotheksangestellter, den er 1890 aufgab, weil er inzwischen von seiner Schriftstellerei leben konnte.

Als Autor begann er mit Lyrik im Stil der Dichter des Parnasse, in deren Kreis um Leconte de Lisle (s. o.) er sich ab 1867 bewegte. Er betätigte sich aber früh auch als Erzähler sowie als Literaturkritiker (der z.B. den neuen Symbolismus etwa Mallarmés oder Verlaines zunächst nicht goutierte).

Sein Durchbruch war 1881 der Roman Le Crime de Sylvestre Bonnard, membre de l'Institut (=das Verbrechen S. B.s, Mitglied des Institut [de France]). Er wurde mit dem Prix de l'Académie française ausgezeichnet, verschaffte ihm Zugang zu den Pariser literarischen Salons, u.a. dem von Mme de Caillavet, und brachte ihm 1884 das Kreuz der Ehrenlegion ein. Le Crime (der Titel ist übrigens ironisch zu verstehen) ist ein  rührseliger Roman, der in Tagebuchform die Geschichte eines weltfremden älteren Privatgelehrten erzählt, der im zunächst eher zufälligen Einsatz für Hilfsbedürftige, insbes. die verwaiste Enkelin seiner Jugendliebe, das wirkliche Leben findet.

Gemäß seinem gutbürgerlichen Herkommen vertrat France lange Zeit eine eher konservative Einstellung, so z.B. in dem zur Zeit der Pariser Commune spielenden Roman Les désirs de Jean Servien (1882) oder 1887 in einer negativen Besprechung Émile Zolas). 1888 sympathisierte er kurze Zeit sogar mit dem Chauvinismus von Georges Boulanger, dem „Général revanche“. Gegen 1890 rückte er jedoch langsam nach links. Er öffnete sich antiklerikalen und humanitär-sozialistischen Ideen, wobei ihn weniger eine Revolutionierung der Gesellschaft interessierte als die Emanzipation des Individuums von inhumanen materiellen und moralischen Zwängen. Nicht unbeteiligt an seinem Umdenken war vermutlich der biografische Umstand, dass er 1888 ein außereheliches Verhältnis mit Mme de Caillavet begonnen hatte, das ihn 1892 zur Trennung von Frau und Tochter veranlasste.

Ein Reflex des Umdenkens Frances war 1889/90 sein erster historischer Roman, Thaïs. Dieser erzählt die im weltoffenen Alexandria des 4. Jahrhunderts spielende Geschichte eines asketischen christlichen Mönchs, der die heidnische Kurtisane Thaïs zu bekehren versucht, dabei aber selbst zu der Einsicht gelangt, dass der Verzicht auf jegliche Sinnenfreude nicht gottgewollt sein kann. (1894 von Jules Massenet als Oper vertont.)

Frances antiklerikales und progressistisches Denken zeigt sich auch in dem sehr erfolgreichen Kurzroman La Rôtisserie de la Reine Pédauque (Die Brat-/Garküche „Zur Königin P.“) von 1892/93. Es ist ein handlungsreiches Werk im Stil der philosophischen Romane und Erzählungen des 18. Jahrhunderts, das angeblich aus einem zufällig wiedergefundenen Manuskript dieser Zeit entnommen ist. Hierin berichtet ein pikaresker Ich-Erzähler seine vielfältigen Erlebnisse mit dem sehr unorthodoxen ehemaligen Kirchenmann und Gymnasialprofessor Jérôme Coignard (dessen Figur eines undogmatischen Skeptikers und Freidenkers France im selben Jahr 93 in der satirischen Artikelserie Les opinions de Jérôme Coignard benutzte).

In der Gegenwart dagegen spielt der autobiografisch inspirierte Roman Le Lys rouge (Die rote Lilie) von 1894, der die Geschichte der schwierigen Liebe einer Bankiersgattin zu einem Künstler erzählt. (1899 zu einem Stück verarbeitet und aufgeführt)

1895 wurde France in seiner Eigenschaft als gemäßigt progressistischer Autor zum Offizier der Ehrenlegion befördert. 1896 wurde er als vielseitiger Literat und glänzender Stilist in die Académie française aufgenommen.

Deutlicher Ausdruck seiner ständig weiter nach links driftenden Position sind die vier Bände der Romantetralogie Histoire contemporaine (=Zeitgeschichte). Waren Band I und II (beide 1897) noch ein satirisches Sittengemälde der von klerikalen und monarchistischen Kräften beherrschten französischen Provinz, so stehen Bd. III (1899) und vor allem IV (1901), dessen Handlung um den Universitätsdozenten Bergeret in Paris spielt, unter dem Eindruck der sich ab Ende 1897 verschärfenden Dreyfus-Affäre. Sie zeigen Frances Übergang von der bloßen Gesellschaftskritik aus der Perspektive eines gemäßigt linken Republikaners zum dezidiert linken Engagement eines Sympathisanten der sozialistischen Partei und ihres Führers Jean Jaurès.

Sein neues Engagement manifestierte sich auch 1898 in seinen publizistischen Stellungnahmen zur Dreyfus-Affäre und in seiner Einmischung in den politisch motivierten Prozess gegen Zola. Es zeigt sich weiterhin in der bissigen Erzählung L'Affaire Crainquebille (1901), die schildert, wie ein rücksichtsloser Richter im Verein mit einem autoritären Polizisten einen kleinen Gemüsehändler aburteilt und den so Vorbestraften seiner bürgerlichen Existenz beraubt. (1903 zu einem Stück verarbeitet und aufgeführt). Politisch linke Intentionen verfolgt France auch in der Biografie La Vie de Jeanne d’Arc (1908), wo er die Figur Jeannes zu entzaubern versucht, die von der französischen Rechten gerade zur nationalen Ikone stilisiert (und 1909 vom Papst selig gesprochen) wurde.

Zwei Ausflüge Frances ins Theaterfach mit Noces corinthienne'(1902) und La Comédie de celui qui épouse une muette (1908) blieben eher folgenlos.

 Am berühmtesten wurden Frances Romane L'Ile des Pingouins (Die Insel der Pinguine) von 1908 und Les dieux ont soif (Die Götter dürsten) von 1912. Ersterer ist ein sarkastischer Abriss der französischen Geschichte von den Anfängen bis in die Gegenwart, eine Geschichte, die der Autor verkleidet in ein fiktives Pinguin-Reich verlegt, wobei er dessen Zukunft wegen der Habgier und hochmütigen Uneinsichtigkeit der „Pinguine“ sehr pessimistisch beurteilt. Der andere Roman erzählt die Geschichte eines mittelmäßigen Malers, der sich zum doktrinären Revolutionär und blutrünstigen Geschworenen während der Schreckensherrschaft von 1793/94 entwickelt, bis er selbst, fanatisch bis zuletzt, mit Robespierre auf der Guillotine endet. Es ist ein Aufruf Frances gegen den ideologischen und politischen  Fanatismus, der Frankreich seit der Dreyfus-Affäre Zeit polarisierte.

Im Ersten Weltkrieg bezog er, nachdem er anfangs noch als Friedensmahner aufzutreten versucht hatte, eine gemäßigt patriotische Position.

1921 erhielt France als vierter französischer Autor den Literatur-Nobelpreis. Von der Katholischen Kirche dagegen wurden seine Schriften 1922 auf den Index gesetzt.

Nachdem die Kommunisten Ende 1920 aus der Sozialistischen Partei ausgezogen waren und den Parti communiste français (PCF) gegründet hatten, schlug er sich auf ihre Seite und war damit einer der ersten prokommunistischen Intellektuellen von Rang. Mitglied im PCF wurde er jedoch nicht, und schon 1922 setzte er sich wegen der absoluten Moskau-Hörigkeit der Parteiführung vorsichtig ab.

Zu seinem 80. Geburtstag 1924 wurde France mit Ehrungen überhäuft und bei seinem Tod noch im selben Jahr mit einem Staatsbegräbnis ausgezeichnet.

Heute ist er, trotz seines Ruhmes zu Lebzeiten, fast vergessen, nicht zuletzt wohl, weil seine Protagonisten auf heutige Leser psychologisch etwas flach und undifferenziert wirken und meist zu eindeutig das vom Autor jeweils Gewollte oder Abgelehnte repräsentieren. Auch hatte France in seinem letzten Lebensjahr das Unglück, von den prokommunistischen Surrealisten, insbesondere Louis Aragon (s. u.), als pseudolinker Bourgeois geschmäht zu werden, was ihm bei vielen orthodoxen Linken der Zwischenkriegs-, Kriegs und Nachkriegszeit das Odium eines verkappten Rechten verschaffte.

In die Literaturgeschichte eingegangen ist France vor allem als Romancier und als der Autor von L'Ile des Pingouins und Les dieux ont soif.

(Stand: Jan. 10)

Paul Déroulède (* 2.9.1846 in Paris; † 30.1.1914 in Montboron/Nizza)

Er ist nicht wegen seiner Qualitäten als Autor erwähnenswert, sondern wegen der großen politischen Wirkung, die seine Texte zeitweilig entfalteten.

Zunächst offenbar von einer Dramatiker-Karriere träumend (1869 verfasste er das Stück Juan Strenner), wurde Déroulède Soldat im preußisch/deutsch-französischen Krieg von 1870/71 und geriet kurz in Gefangenschaft, aus der er fliehen konnte. Im Mai 1871 nahm er auf Seiten der Regierungstruppen an der Niederschlagung der Pariser Kommune teil, wobei er verwundet wurde.

Nach seiner Genesung wurde er angesichts der franz. Kriegsniederlage zum nationalistischen und revanchistischen Autor, der zur Rache an Deutschland und zur Rückeroberung von Elsass-Lothringen aufrief. Zugleich predigte er eine geistig-moralische Wende in Frankreich, das er von Atheismus, Gleichgültigkeit und Willenlosigkeit sowie einem ineffizienten und korrupten Parlamentarismus zersetzt sah. In diesem Sinne verfasste er martialische und patriotische Gedichte, die er gesammelt in den Bänden Chants du soldat (Gesänge des Soldaten, 1872) und Nouveaux chants du soldat (1875) publizierte, denen er 1881 Marches et sonneries (Märsche und Klingklang) und 1888 Refrains militaires (soldatische Reime) folgen ließ. Neben seiner Aktivität als populär-populistischer Lyriker, die ihm nach und nach bei der politischen Rechten den Ehrentitel "le poète national" einbrachte, versuchte er sich, allerdings nicht sehr erfolgreich, auch wieder als Dramatiker mit den Stücken L'Hetman (1877) und La Moabite (1881).

Spätestens seit dem Erfolg der Chants entwickelte Déroulède auch politischen Ehrgeiz. 1882 gründete er die chauvinistische und antiparlamentaristische Bewegung Ligue des patriotes, die 1888/89 den revanchistischen General und Ex-Kriegsminister Georges Boulanger ("le Général Revanche") unterstützte und zum notfalls bewaffneten Staatsstreich gegen die 1871 etablierte Republik antrieb. Bei den Wahlen Anfang 1889, wo Boulanger in fünf Wahlkreisen zugleich kandidierte und gewählt wurde (was seinerzeit ging), schaffte auch Déroulède als boulangistischer Abgeordneter den Sprung ins Parlament. Als Boulanger jedoch weder die parlamentarische Mehrheit erreichte, noch einen Putschversuch wagte und vor dem Haftbefehl der Regierung nach Belgien flüchtete (wo er 1891 Selbstmord beging), zog Déroulède sich 1892 für einige Zeit aus der Politik zurück.

1894 publizierte er Chants du paysan (Gesänge des Bauern), ein Lob des "echten", bodenverwachsenen Frankreichs, und 1895 ein Drama über den mittelalterlichen Nationalhelden Du Guesclin, der im Hundertjährigen Krieg die Engländer besiegt und die von ihnen besetzten Gebiete für die franz. Krone zurückerobert hatte.

Als 1898 die Dreyfus-Affäre Frankreich polarisierte, wurde auch Déroulède wieder aktiv, naturgemäß als nationalistischer und antisemitischer "Anti-Dreyfusard". Nachdem er erneut zum Abgeordneten gewählt worden war, versuchte er 1899, nach dem skandalumwitterten plötzlichen Ableben des Staatspräsidenten Félix Faure, das franz. Militär zur Beseitigung der parlamentarischen Demokratie aufzuwiegeln. Er scheiterte jedoch und wurde zu zehn Jahren Verbannung verurteilt, allerdings nach sechs Jahren Exil in Spanien 1905 begnadigt.

1906 kandidierte er nochmals bei den Parlamentswahlen, fiel aber durch, da seine Basis, die Ligue des patriotes, inzwischen rechts überholt worden war von der Action française Charles Maurras'. Hiernach war Déroulède als Politiker ein Auslaufmodell, so wie auch seine "Gesänge" selbst rechtsstehenden Lesern als hohltönend und vorgestrig zu erscheinen begannen.

Seine Rolle als einer der Vorbereiter des Ersten Weltkriegs war zweifellos sehr bedeutend. Jean Giraudoux verhöhnt ihn noch 1935 in La Guerre de Troie n'aura pas lieu in Gestalt des Propagandapoeten Demokos.

(Stand: Juli 05)

Joris Karl Huysmans (eigentl. Georges Marie Charles Huysmans; *5.2.1848 Paris, †12.5.1907 ebd.)

Dieser heute vor allem durch seinen Roman A rebours bekannte Autor wurde geboren als Sohn einer Pariser Buchhefterin und eines Zeichners und Lithographen niederländischer Herkunft. Nach dessen frühen Tod 1856 und der raschen Wiederverheiratung seiner Mutter 1857 kam er in eine Pension, wo er eine wenig glückliche Schulzeit verbrachte. Nach dem Baccalaureat immatrikulierte er sich für ein Jura- und Literaturstudium, nahm zugleich aber einen Posten als kleiner Ministerialangestellter an, was er, wenn auch mit häufigeren Beurlaubungen, 32 Jahre lang blieb (1866-98). Weniger beständig war er in seinen Beziehungen mit Frauen, was ihm viele Enttäuschungen bereitete und reichlich Stoff für seine Romane lieferte, in deren Mittelpunkt meist ein vom Leben und den Frauen frustrierter Junggeselle steht.

Seine Karriere als Autor begann Huysmans 1874 mit dem als Privatdruck veröffentlichten Prosagedicht-Bändchen Le Drageoir aux épices (= die Gewürzschachtel/-dose). 1876 lernte er Zola kennen und schloss sich der um ihn vereinten Gruppe der Naturalisten an. Im selben Jahr brachte er seinen ersten Roman heraus: Marthe, histoire d’une fille (=M., Geschichte eines leichten Mädchens), worin er den naturalistischen Romanen Germinie Lacerteux (1863/64) der Gebrüder Goncourt und Thérèse Raquin (1867) von Zola nacheifert, dies aber so drastisch tut, dass das Buch sofort für einige Zeit als sittenwidrig verboten wurde. Auch Huysmans' nächste erzählende Werke sind überwiegend im Milieu der Pariser Unterschicht angesiedelt und von einem drastischen Realismus: Es sind der Roman Les sœurs Vatard (=die Schwestern V., 1879), wo er die mediokre amouröse und berufliche Existenz zweier Buchhefterinnen schildert; die antimilitaristische Erzählung Sac au dos, die er für den Sammelband Les soirées de Meudon verfasste, der eine Art Manifest der naturalistischen Schule war; der Roman En ménage (=Leben zu zweit, 1881), wo Huysmans die ihm nur allzu gut bekannte Problematik des Künstlers zwischen dem Drang nach ungestörtem Schaffen und dem Bedürfnis nach einer sexuellen und affektiven Beziehung darstellt, zugleich aber auch zwei Künstlertypen konfrontiert in Gestalt eines mehr realitätsverbundenen Schriftstellers und eines eher realitätsfernen, ästhetisierenden Malers; die Romane La Retraite de M. Bougran (=die Verrentung Herrn B.s, 1881), wo er die Schwierigkeiten eines frühverrenteten Ministerialbeamten bei der Findung eines neuen Lebenssinns beschreibt, und A vau-l'eau (=den Bach runter, 1882), wo er einen kleinen Beamten in den Mittelpunkt stellt, der aus seinem kläglichen Trott nicht herauskommt. Die beiden letzteren Romane scheinen z.T. Probleme des Autors selbst zu spiegeln, der sich 1881 für längere Zeit hatte beurlauben lassen müssen, um sich in einer Privatklinik von einer nervösen Erschöpfung zu erholen.

1883 gab Huysmans einen Sammelband seiner Kunstkritiken der vorangegangenen Jahre heraus als L’Art moderne.

1884 publizierte er das Werk, das ihm seinen Platz in der Literaturgeschichte sichern sollte: den Roman A rebours (=gegen den Strich). Die minimale Handlung kreist um einen neurotischen jungen Aristokraten namens Des Esseintes, der sich aus der Realität zurückzieht, sich in seinem Vorstadthäuschen in eine artifizielle Welt des Ästhetizismus und Mystizismus einspinnt und am Rande geistiger Umnachtung endet. Der Roman war ursprünglich als naturalistische Studie eines erblich belasteten und krankmachend lebenden „dekadenten“ Individuums konzipiert, das in vielen Zügen dem Autor selber ähnelt. Offensichtlich erkannten sich jedoch erstaunlich viele Leser darin wieder, und zwar nicht nur politisch unbefriedigte konservative Bildungsbürger, die sich offenbar mit Des Esseintes' Realitätsflucht identifizierten, sondern auch Intellektuelle, z.B. die symbolistischen Lyriker, die A rebours als Kultbuch, als „Brevier des Dekadentismus“, lasen. (So formuliert Mallarmé 1885 die symbolistische Poetik in einem langen Gedicht mit dem paradoxen Titel Prose pour Des Esseintes.)

Der nächste Roman von Huysmans, und sein erster, der auf dem Land spielt, En rade (=auf Reede), erschien erst 1887. 1888 folgte der Autor einer Einladung nach Hamburg und schloss eine längere Reise durch Deutschland an.

1890 war er einer der Gründer der Académie Goncourt und wurde ihr erster Vorsitzender.

Um dieselbe Zeit begann er, offenbar einmal mehr in eine Phase der Sinnsuche eingetreten, sich dem Einfluss okkultistisch interessierter Personen zu öffnen und sich mit entsprechenden Vorstellungen und Praktiken zu beschäftigen. Die Krise mündete schließlich in Frömmigkeit und führte ihn ab 1892 zu mehreren Klosteraufenthalten in der Provinz und zur Einkleidung als Laienbruder (oblat) in Ligugé bei Poitiers.

Die genannte Entwicklung verarbeitete Huysmans in einer Serie von vier Romanen um denselben Protagonisten, einen Schriftsteller namens Durtal. Es sind: Là-bas (=da drüben, 1891), En route (=unterwegs, 1895), La Cathédrale (1898) und L'Oblat (=der Laienbruder, 1903). War schon Là-bas ein Bestseller gewesen, wurde der in der Kathedrale von Chartres und in ihrem Umkreis spielende Roman La Cathédrale Huysmans' größter Verkaufserfolg mit ca. 40 Auflagen in 20 Jahren. Heute ist er jedoch auch zünftigen Literarhistorikern kaum noch bekannt.

Huysmans starb an Krebs in einem Pariser Benediktiner-Kloster, in das er sich gegen 1905 zurückgezogen hatte.

(Stand: Jan. 10)

Guy de Maupassant (* 5.8.1850 Miromesnil/Dieppe; † 6.7.93 Passy bei Paris).

Entgegen der oft zu findenden Meinung von Zweiflern, die das normannische Hafenstädtchen Fécamp für seinen Geburtsort halten, wurde Maupassant geboren auf Schloss Miromesnil bei Dieppe, das seiner Familie zwar nicht gehörte, aber 1849 von ihr angemietet worden war. Allerdings verbrachte er seine Kindheit überwiegend in Fécamp. Seine Mutter, Laure Le Poittevin, war Schwester eines Jugendfreundes von Flaubert, sein Vater ein aus einer neuadeligen Familie stammender Privatier, der sich bald durch seinen aufwändigen Lebensstil ruinierte und seine Frau zudem durch Seitensprünge verdross. Als der Vater sich 1859 in Paris als Bankangestellter verdingen musste, trennte sich die Mutter kurz danach von ihm und ging mit Guy und seinem jüngeren Bruder Hervé zurück in die Normandie, in das aufstrebende Seebad Étretat.

Maupassant besuchte zunächst als Internatschüler das nicht nur angehende Priester unterrichtende katholische Seminar (petit séminaire) der Kreisstadt Yvetot, fühlte sich dort aber unwohl. Früh machte er literarische Versuche und wurde mit 17 wegen eines frechen Gedichts auf Lehrer von der Schule verwiesen. Er wechselte auf das staatliche Collège impérial (Gymnasium) von Rouen, wo er von einem anderen Jugendfreund Flauberts, dem heute vergessenen Autor Louis Bouilhet, betreut wurde und auch Flaubert selbst kennenlernte, der ihm später ein väterlicher Freund wurde.

Nach dem Baccalaureat 1869 begann er in Paris ein Jurastudium, musste dieses aber unterbrechen, als er nach Beginn des französisch-preußischen Krieges (19.7.1870) eingezogen wurde. Er kam zwar nicht zur kämpfenden Truppe, doch erlebte er die Niederlage und die teilweise Besetzung Frankreichs durch preußisches Militär hautnah mit.

Nach seiner Demobilisierung im Herbst 1872 führte Maupassant sein Studium nicht weiter, sondern nahm, dank der Vermittlung Flauberts, einen Posten als mittlerer Angestellter zuerst im Marine- und 1877 im Bildungsministerium an. Als Ausgleich für die lustlos ausgeübte Berufstätigkeit verbrachte er seine Freizeit Kanu fahrend auf der Seine und mit diversen Liebesabenteuern. Hierbei infizierte er sich 1877 mit Syphilis, was ihm (bald zusammen mit der Angst, verrückt zu werden wie sein Bruder Hervé) den Rest des Lebens verdüsterte.

Neben Beruf und Hobby betätigte er sich unter Anleitung Flauberts literarisch in verschiedenen Gattungen, veröffentlichte lange Zeit jedoch fast nichts. Über Flaubert auch, der häufig in Paris weilte, erhielt er Kontakt zu Pariser Literaten, insbesondere 1875 zu Zola, dem Chef der der jungen Schule des Naturalismus. Maupassants Durchbruch als Autor war 1880 die meisterhafte längere psychologische Novelle Boule de suif ("Fettklößchen"), die in einem Sammelband antimilitaristischer Erzählungen erschien, den Zola, Huysmans und andere schon bekannte naturalistische Autoren unter dem Titel Les soirées de Meudan herausgegeben hatten.

Nach dem Erfolg von Boule de suif gab Maupassant das Verfassen auch lyrischer und dramatischer Texte weitgehend auf. In den nächsten zwölf Jahren betätigte er sich mit rasch wachsendem Prestige und Einkommen (Ende 1880 konnte er seinen Angestelltenposten aufgeben, 1883 ein Haus in Étretat bauen und 1885 eine Segelyacht kaufen) vor allem als Erzähler. Insgesamt brachte er es auf ca. 300 Novellen und 6 Romane. Seine drei Reisebücher, ein Gedichtband und ein Band Theaterstücke waren eher Beiprodukte.

Die Handlungen der meist dem Naturalismus nahestehenden erzählenden Werke spielen überwiegend in der heimatlichen Normandie und in Paris. Ort der Erstveröffentlichung war in der Regel das Feuilleton von Pariser Zeitschriften, wie Le Gaulois und Gil Blas. Heute noch gelesen werden – neben zahlreichen als Schullektüre obligaten Erzählungen – die Romane Une Vie (1883) und vor allem der in vielen Punkten autobiografische Bel-Ami (1885). Une Vie erzählt die  Enttäuschung aller Jungmädchenhoffnungen und den sozialem Abstieg einer adeligen Frau von ihren ca. 15. bis ca. 50. Lebensjahr. Bel-Ami schildert die entscheidenden Jahre eines (von Maupassant sichtlich als Figur zugleich ungeliebten und bewunderten) jungen Mannes kleinbürgerlicher Herkunft, der durch sein Glück bei den Frauen, aber auch durch Energie, Geschick und Ehrgeiz vom Provinzler und kleinen Büroangestellten zum erfolgreichen Pariser Journalisten, Schwiegersohn eines reichen Zeitungsverlegers und künftigen Politiker aufsteigt. Weniger bekannt geblieben ist der Roman Pierre et Jean (1887/88), den manche für seinen besten halten.

Außer seinen literarischen Texten verfasste Maupassant zahlreiche politische – meist regierungskritische – Artikel (sog. chroniques) für Pariser Zeitungen. Zugleich führte er neben seiner Schriftstellerei eine unruhige Existenz. Er hatte wechselnde Geliebte (mit denen er insgesamt drei Kinder bekam), weilte oft in seinem Haus in Étretat, unternahm drei längere Reisen nach Nordafrika, lebte zeitweilig in Cannes und Antibes und unternahm dort Reisen auf seiner Yacht Bel-Ami. Offensichtlich war ihm die Wahrscheinlichkeit eines frühen Todes aufgrund seiner Syphilis bewusst.

Obwohl seine gesundheitlichen Probleme (Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen, Sehstörungen, Angstzustände, Halluzinationen usw.) in den späten 1880er Jahren stark zunahmen, hielt er sie geheim und arbeitete wie besessen. Seine düsterer werdenden Texte, z.B. die bekannte Schauernovelle Le Horla, spiegeln jedoch seinen Zustand. Am Neujahrsabend 1892 brach er beim Abendessen bei seiner Mutter zusammen, kam aber bald wieder zu sich. Er kehrte trotz Bitten der Mutter, bei ihr zu bleiben, nach Cannes zurück und unternahm dort einen Selbstmordversuch. Tage später wurde er in eine psychiatrische Klinik in Passy bei Paris eingeliefert, wo er knapp 43-jährig in geistiger Umnachtung starb.

Maupassant gilt neben Stendhal, Balzac, Flaubert und Zola als einer der großen französischen Erzähler des 19. Jahrhunderts. Er ist auch einer der am häufigsten verfilmten.

(Stand: Jan. 10 )

Paul Bourget (* 2.9.1852 Amiens; † 25.12.1935 Paris)

Er war mehrere Jahrzehnte ein vielgelesener und hochgeschätzter Autor, der heute jedoch fast  vergessen ist.

Bourget wuchs auf in Clermont-Ferrand, wo sein Vater eine Universitäts-Professur erhalten hatte und etwas später hoher Beamter des Bildungswesens (recteur de l’Académie) wurde. Mit 15 kam er nach Paris und absolvierte die letzten Gymnasialjahre am renommierten Lycée Louis-le-Grand. 1870 erlebte er hautnah den Aufstand der Pariser Kommune, der ihn nach anfänglichen Sympathien für die Revolutionäre in seiner konservativen Einstellung bestärkte. Während seines anschließenden Literaturstudiums entwickelte er Kontakte zu den Parnassiens, schrieb Lyrik, die er 1875 erstmals auch in Bandform publizierte, und betätigte sich als Journalist, insbes. als Theaterkritiker.

Um 1880 verfasste er eine Serie scharfsinniger Porträts bedeutender neuerer Autoren, unter anderem Baudelaire (s.o.), Ernest Renan, Stendhal, Hippolyte Taine, die er 1883 in dem vielbeachteten Band Essais de psychologie contemporaine gesammelt herausgab. Hiernach entwickelte er sich zum Romancier, der sich ebenfalls auf die Psychologie seiner Figuren konzentrierte und sich damit bewusst vom Naturalismus à la Goncourt (s.o.) und Zola (s.o.) absetzte. Die bekanntesten Titel dieser ersten Romancier-Jahre wurden Cruelle énigme (1885), Un Crime d'amour (1886), André Cornélis (1887), Mensonges (1887) und vor allem Le Disciple (=der Schüler/Jünger, 1889), dessen Handlung im mondänen Pariser Milieu angesiedelt ist und sich um einen zwanghaften jungen Analytiker seiner selbst und den Selbstmord der jungen Frau rankt, die ihn liebt und die er verführt und in den Tod treibt.

Hiernach begann Bourget sich auf eher moralisch intendierte Romane zu verlegen, mit denen er vor allem ein mondän-konservatives, d.h. katholisches, monarchistisches, nationalistisches, bürgerliches und vor allem auch weibliches Publikum ansprach, bei dem er mit seiner beachtlichen Produktion bis hin zum Ersten Weltkrieg höchst erfolgreich war.  .

1894 wurde er mit der Aufnahme in die Académie française belohnt. 1898, zur Zeit der Dreyfus-Affäre, war er konservativer Anti-Dreyfusard und Sympathisant der nationalistischen Action française.

1901 kehrte er zur Frömmigkeit seiner Kindheit zurück und behandelte in seinen Romanen entsprechende Themen.

Nachdem die Welt, über die und für die er schrieb, im Ersten Weltkrieg weitgehend untergegangen war, geriet Bourget, obwohl er immer noch fleißig produzierte, schon zu Lebzeiten in Vergessenheit. Bei Mentalitäts- und Sozialhistorikern gelten seine Romane als Fundgrube für Informationen zur Lebensweise und Vorstellungswelt der Pariser Bourgeoisie der Belle Époque.

(Stand: Febr. 10)

 

Arthur Rimbaud (*20.10.1854 in Charleville;  10.11.1891 in Marseille)

Er ist das „enfant terrible“ der franz. Literatur des 19. Jh. und zugleich eine Legende. Er verfasste sein erhaltenes, ganz überwiegend lyrisches Werk in nur fünf, sechs Jahren als Heranwachsender, ehe er 1875 mit 20 aus Frankreich verschwand und, nach einem Leben als Abenteurer und schließlich Geschäftsmann, mit 37 an Knochenkrebs starb. Seine Gedichte und lyrischen Prosatexte erschienen, bis auf wenige Ausnahmen, erst ab 1883 ohne sein Zutun nach und nach im Druck, haben dann jedoch die Entwicklung der franz. Lyrik stark beeinflusst und wurden nach der Jahrhundertwende auch im deutschen Sprachraum, inbes. von den Expressionisten, rezipiert.

Rimbaud wuchs auf in seinem Geburtsort Charleville an der Maas, nahe der Grenze zu Belgien. Sein aus der Franche Comté stammender Vater hatte erst mit 38 geheiratet (1853) und hielt sich als aktiver Berufsoffizier meistens fern von der Familie auf. 1861, kurz nach der Geburt eines letzten Kindes, verließ er sie ganz. Die 11 Jahre jüngere Mutter, die von einem größeren Bauernhof in Roche in den Ardennen stammte, betrachtete sich hiernach als Witwe und versuchte ihre Kinder, d.h. Rimbaud, seinen ein Jahr älteren Bruder und seine beiden vier bzw. sechs Jahre jüngeren Schwestern, nach ihren konservativ-strengen religiösen und moralischen Grundsätzen zu erziehen.

Rimbaud war ein offenkundig hochbegabter Junge und Stolz seiner Mutter, auch wenn er sich, wie er es 1871 rückblickend in dem autobiografischen Gedicht Les poètes de sept ans/ Die siebenjährigen Dichter sieht, innerlich früh gegen sie aufgelehnt haben will. Ab 1865 besuchte er das Gymnasium seiner Stadt, wo er am Schuljahresende stets mit Preisen ausgezeichnet wurde. Schon in früher Jugend las er viel und erfand Geschichten und Verse; 1868 und 69 wurden drei lateinische Gedichte von ihm als vorzügliche Schülerleistungen in Lehrerzeitschriften abgedruckt. Sein wohl ältestes erhaltenes franz. Gedicht, das rührselige Les Étrennes des orphelins/ Die Weihnachtsgeschenke der Waisenkinder, erschien in einer gutbürgerlichen Zeitschrift Anfang Januar 1870, ein anderes, das hübsche erotische (wohl nur geträumte) La première soirée/ Der erste Abend, in einer literarischen Zeitschrift im August.

Um diese Zeit war der frischgebackene junge Lehrer Georges Izambard (1848-1931), der zum Jahreswechsel 69/70 vorübergehend nach Charleville abgeordnet worden war, ein Mentor für ihn geworden. Er gewann ihn für seine regime- und kirchenkritische Gesinnung und lieh ihm, da er selber literarisch ambitioniert war, Werke neuerer Autoren, z.B. des notorischen Regimekritikers Victor Hugo (was die Mutter von Rimbaud in einem Brief an ihn rügte). Dessen frühe Gedichte, soweit sie vor allem aus zwei Anfang 1871 von ihm geschriebenen Heften (s.u.) bekannt sind, imitieren denn auch, allerdings bemerkenswert eigenständig, die Spätromantiker sowie die modischen Parnassiens. So ist z.B. das radikalrepublikanische lange Gedicht Le Forgeron/ Der Schmied sichtlich von Hugos politischer Lyrik beeinflusst. Dem Stil und der Bilderwelt des Parnasse verpflichtet ist das ebenfalls sehr lange Soleil et chair/ Sonne und Fleisch, eine Art heidnisches Glaubensbekenntnis. Bemerkenswert sind auch zwei hübsche Pastiches aus diesen Monaten: ein in Sprache und Stil François Villons verfasster fiktiver Brief an König Louis XI und das als Satire gedachte fiktive Tagebuch eines naiv verliebten angehenden Priesters, Un cœur sous une soutane/ Ein Herz unter einer Soutane.

Im damals typischen Gestus junger Dichter hasste Rimbaud die kleinbürgerliche Enge seiner Vaterstadt, was z.B. in dem sarkastischen Gedicht À la musique/ An die Musik zum Ausdruck kommt, wo er eine mittelmäßige Militärkapelle und ihr spießbürgerliches Publikum verspottet.

Im Mai 1870 suchte er erstmals Kontakt mit Paris. Er schickte dem arrivierten Lyriker Theodore de Banville drei Gedichte, darunter das bekannte Ophélie/ Ophelia, mit der Bitte, er möge sie in Band II seiner Anthologie Le Parnasse contemporain aufnehmen (nach der sich anschließend die betreffende Dichtergruppe benannte). Durchaus selbstbewusst kündigte er Banville an, in ein, zwei Jahren werde er sicher auch selber in der Hauptstadt präsent sein.

Im Spätsommer 1870 nahm das bis dahin äußerlich ruhige Leben des knapp 16-Jährigen eine tiefgreifende Wendung. Am 19. Juli 70 hatte der franz. Kaiser Napoléon III. dem König von Preußen den Krieg erklärt, sich aber rasch als militärisch unterlegen erwiesen. Mitte August begannen die Preußen und ihre deutschen Verbündeten, die Festung Sedan einzukreisen, die nur 25 km entfernt maasaufwärts von Charleville und der südlich hieran angrenzenden Garnison- und Festungstadt Mézières lag. Wenig später, am 29. August, nutzte Rimbaud das allgemeine Durcheinander, das in seinem frontnahen Heimatort herrschte: Er setzte sich über den ausdrücklichen Wunsch Izambards hinweg, der seine Paris-Träume kannte, inzwischen aber in seinen Heimatort Douai zurückgekehrt war. Und statt zu Haus bei seiner Familie zu bleiben, bestieg er heimlich einen Zug und fuhr nach Paris. Ein wichtiges Motiv für ihn war offenbar, dass (wie er in einem Brief an Izambard beklagt hatte) keine neuen Bücher und Zeitschriften mehr in Charleville ankamen und er sich  z.B. den neuesten Gedichtband von Paul Verlaine (s.o.) nicht beschaffen konnte, dessen Fêtes galantes (1869) er mit Begeisterung gelesen hatte.

Bei der Ankunft in Paris wurde er, weil er keine ausreichende Fahrkarte und auch kein Geld zum Nachlösen hatte, festgenommen und in ein Gefängnis gesteckt. Von dort richtete er am 5. September (einen Tag nach der Abdankung Napoléons) einen Brief an Izambard mit der Bitte, dieser möge kommen und ihn auslösen.

Izambard schickte die nötige Summe sowie Geld für eine Fahrkarte nach Douai. Hier brachte er Rimbaud, nicht ohne dessen Mutter zu informieren, bei zwei verwandten alten Damen unter und stellte ihn einem ebenfalls dichtenden Freund vor, Paul Demeny. Vor allem begeisterte er ihn für die Sache der soeben ausgerufenen Republik. Sicher unter dem noch frischen Eindruck der Niederlage von Napoléon III. verfasste Rimbaud das ironisch-satirische Sonett L’éclatante victoire de Sarrebruck/ Der tolle Sieg bei Saarbrücken; und das boshafte Rages des Césars/Caesarenzorn, das den gefangenen Kaiser als ohnmächtig grollenden alten Mann vorführt. Dass der nicht einmal 16-Jährige in Douai reguläres Mitglied der dortigen Abteilung der Nationalgarde geworden sei, ist unwahrscheinlich. Immerhin verfasste er offenbar in deren Namen unter dem Pseudonym „F. Petit“ einen an den Bürgermeister gerichteten Protestbrief, der in einer republikanischen Zeitschrift erschien.

Ende September kehrte er auf Verlangen seiner zornigen Mutter nach Charleville zurück, begleitet von Izambard, der sie vergeblich zu besänftigen versuchte.

Kaum zwei Wochen zu Haus, riss er erneut aus und ging mit der Idee Journalist zu werden, ins neutrale Belgien nach Charleroi, dem Hauptort Walloniens, wo er über Izambard oder Demeny eine Adresse als Anlaufstelle hatte. Als er, sicher auch wegen seiner Jugend, abgewiesen wurde, fuhr er weiter nach Brüssel, in der Annahme, dort Izambard bei einem Freund vorzufinden. Einige Gedichte, z.B. Au Cabaret-Vert/ Im Grünen Cabaret (i.e. eine Kneipe in Charleroi), entstanden während dieser Exkursion.

Als er Izambard in Brüssel nicht antraf, reiste er nach Douai, von wo er zwei Wochen später, Anfang November, nach Hause zurückkehrte, wohl auf Drängen des Mentors, mit dem es hiernach übrigens zu keiner direkten Wiederbegnung mehr kam.

Die beiden Wochen von Douai hatte Rimaud vor allem dazu genutzt, zwei Hefte mit 22 seiner bis dahin verfassten Gedichte zu füllen und Demeny zu geben. Seine mutmaßliche Hoffnung, Demeny, der Miteigentümer eines kleinen literarischen Verlags war, könnte sie publizieren, erfüllten sich nicht.

Viele dieser Gedichte sind, im Sinne der Lyrik der Zeit, hübsch und gefällig, auch wenn die nach dem Kriegsausbruch verfassten zunehmend Dissonanzen enthalten. Von Anthologien und Schullesebüchern werden sie deshalb bevorzugt abgedruckt, wie z.B. das bekannte Sonett über den toten jungen Soldaten am Fluss, Le Dormeur du val, das vermutlich nicht auf eigener Anschauung beruht. Die vier oder fünf Gedichte zum Thema Liebe/Erotik, z.B. Rêve pour l’hiver/ Wintertraum, sind ebenfalls mehr Fiktion als Spiegel realer Erlebnisse.

Den Winter 70/71 verbrachte Rimbaud lesend und schreibend in Charleville, das im Januar nach kurzem Beschuss von deutschen Truppen besetzt worden war. Die Schulen waren noch geschlossen, doch offensichtlich hatte er, entgegen den Wünschen seiner Mutter, die ihn angeblich in eine Privatschule („pension“) stecken wollte, das Ziel des Baccalauréats auch aufgegeben. Seine häufigen Besuche in der Stadtbibliothek spiegelt das Gedicht Les assis/ Die Sitzenden, worin er boshaft die anderen Leser, meistens alte Männer, karikiert und hierbei zugleich einen sehr unpoetisch wirkenden neuen Dichtstil erprobt.

Ende Februar riss er erneut aus und schlug sich durch nach Paris, das inzwischen von deutschen Truppen eingekreist und teilweise besetzt worden war. Er stöberte, wie sich einem Brief an Izambard entnehmen lässt, in Buchhandlungen, trat jedoch nach wenigen Tagen zu Fuß den Heimweg an. Unbewiesen und wenig wahrscheinlich ist die Vermutung, er habe sich nach Ausrufung der Pariser Kommune am 18. März erneut in die Hauptstadt aufgemacht und dort als Freischärler an der vergeblichen Verteidigung dieses ersten Experiments eines kommunistischen Regimes teilgenommen. Seine Sympathien für die Kommune spiegeln sich jedoch in einigen Gedichten aus der Zeit, z.B. in dem bitterbösen Chant de guerre parisien/ Pariser Kriegsgesang oder dem sarkastischen L’Orgie parisienne Ou Paris se repeuple/ Die Pariser Orgie, Oder: Paris bevölkert sich wieder.

Im April bekam er einen kleinen Job bei der neuen, linksgerichteten Charleviller Zeitung Le Progrès des Ardennes, die jedoch kurz darauf einging.

Während Paris in politischen Wirren versank und die Entwicklung auf die blutige Niederschlagung der Kommune durch die Truppen der provisorischen franz. Regierung zusteuerte (22.-28. Mai), saß Rimbaud frustriert zu Hause, las sich weiter durch die Bestände der Stadtbibliothek, spintisierte und schrieb. Gelegentlich wurde er von Kumpanen zum Trinken eingeladen, wobei er als Gegenleistung offenbar den Clown und Unterhalter spielte. In dieser Zeit wurde der ebenfalls dichtende Freund Ernest Delahaye für ihn wichtig, dem er zeitlebens verbunden blieb und dessen Erinnerungen eine bedeutende biografische Informationsquelle wurden.

Erneute Versuche, gemäß dem Wunsch der zunehmend ungehaltenen Mutter einen Beruf zu ergreifen, unternahm er nicht, obwohl er finanziell von ihr schmerzhaft kurz gehalten wurde. Vielmehr schrieb er Gedichte in seinem neuen, provokativ unlyrisch wirkenden, oft hermetischen Stil und spann sich ein in seiner Vorstellungswelt. Hiervon zeugen die beiden exaltierten Briefe vom 12. und 15. Mai, die als „lettres du voyant“ (Briefe des Sehers) bekannt sind. Der erste, kürzere, ist an Izambard gerichtet, der inzwischen in Douai wieder brav als Lehrer arbeitete und deshalb von Rimbaud etwas spöttisch behandelt wird. Der zweite, erheblich längere, ging an Demeny, der immerhin schon ein Gedichtbändchen publiziert hatte und der ihm jetzt offenbar als wichtiger erscheint.

In diesen Briefen stellt er sich als eine Art Medium der Dichtkunst dar, sichtlich nicht zuletzt aus dem Bedürfnis, die höchst vernünftigen Mahnungen seiner Mutter und wohl auch Izambards abzuwehren, er möge sich nicht in Fantastereien verlieren. Denn mit der berühmt gewordenen Formel „JE est un autre“ (ICH, das ist ein Anderer) stilisiert er sich zum dichtenden „Seher“ und Erfüller einer Art höherem Auftrags, der ihn, ob er wolle oder nicht, in Ekstasen und in unbekannte Regionen der Phantasie und der Erkenntnis treibe, die den normalen Menschen unzugänglich und bisher auch von Dichtern kaum erreicht worden seien. Zugleich bricht er den Stab über alle Lyriker vor ihm, mit partieller Ausnahme Hugos, Baudelaires (s.o.) und Verlaines, und illustriert mit einigen eingestreuten eigenen Gedichten seine neuen Ideen von einer Dichtkunst, die weniger nach Schönheit strebt als nach enger Beziehung zur Realität, auch zur sozialen und politischen. Entsprechend beauftragte er brieflich wenig später Demeny, dieser möge die beiden Hefte mit seinen älteren Texten verbrennen (was der nicht tat). Das mitgeschickte längere Gedicht Les poètes de sept ans soll offenbar seinen Bruch mit der gutbürgerlichen Kindheit beweisen.

Mitte August 1871 sandte Rimbaud erneut ein Gedicht an Banville, samt einem Brief mit der wohl eher rhetorischen Frage, ob er seit dem letzten Jahr Fortschritte gemacht habe. Anscheinend kam aber keine Antwort auf das 160 Verse lange Opus Ce qu’on dit au Poète a propos de fleurs/ Was man [d.h. ein anonymer typischer Spießbürger] dem Dichter zum Thema Blumen sagt. Vielleicht hatte die bewusst ungefällige Behandlung eines eigentlich gefälligen poetischen Sujets befremdlich auf Banville gewirkt.

Wenig später, im September, suchte Rimbaud brieflich Kontakt mit dem bewunderten Verlaine. Dieser war beeindruckt von den mitgeschickten Gedichten und lud ihn ein nach Paris.

Rimbaud, der sich zu Hause unter Druck und fehl am Platz fühlte, folgte sofort und wurde aufgenommen von Verlaine und seiner hochschwangeren Frau Mathilde. Verlaine hatte zwar gerade als Sympathisant der Kommune seine Anstellung bei der Pariser Stadtverwaltung verloren, war aber dank seiner wohlhabenden verwitweten Mutter nicht mittellos. Als im Oktober Mathilde niederkam, wurde Rimbaud umquartiert zu deren Eltern, wo er sich der knapp 17-Jährige allerdings durch betont flegelhaftes Betragen so unbeliebt machte, dass er zu Freunden Verlaines umziehen musste, die er jeweils auch verärgerte.

Nach Paris mitgebracht hatte er unter anderem sein 100 Verse langes Gedicht Le Bateau ivre/ Das trunkene Schiff, das sein berühmtestes Werk werden sollte. Dieser surrealistisch wirkende Text, in dem das lyrische Ich als ein Schiff auftritt, das in eindrucksvollen Bildern von einer traumartigen Reise steuerlosen Dahintreibens erzählt, verschaffte dem dem jugendlichen Autor die sofortige Bewunderung des Kreises meist jüngerer (politisch eher „linker“) Literaten, in den er von Verlaine eingeführt wurde. Daneben schrieb er weitere Gedichte, darunter politisch motivierte, sowie zum Spaß auch einige Parodien im Stil seiner neuen Bekannten (erhalten in einem Sammelalbum des Kreises, dem sog. Album zutique). Die meisten Texte dieser Zeit, insbes. das Bateau ivre, sind nur dadurch erhalten, dass Verlaine sie für sich abschrieb. 

Spätestens gegen Jahresende entspann sich ein homosexuelles Verhältnis zwischen Rimbaud und Verlaine, wobei letzterer offenbar die Weibchenrolle übernahm. Seine Frau, seine Schwiegereltern und seine Mutter waren empört, etliche Bekannte offenbar auch. Rimbaud zog sich deshalb Ende Februar 1872 wie ein Verstoßener zurück nach Charleville bzw. nach Roche, wo sich seine Familie jetzt immer häufiger aufhielt. Die nach dieser Art Flucht verfassten Gedichte zeugen von seiner Enttäuschung und Verunsicherung. Sie vollziehen zugleich einen weiteren Schritt zu hermetischen, mitunter sinnfrei wirkenden Texten und lösen sich zunehmend von den Zwängen korrekter Metrik und korrekten Reimens.

Im Mai folgte Rimbaud den Bitten Verlaines und kam wieder nach Paris. Ein paar Wochen später, am 7. Juli, brachen die beiden, zunächst offenbar in Hochstimmung, Richtung Nordosten auf. Es war der Beginn eines einjährigen wechselvollen Wanderlebens, meistens zu zweit, aber immer wieder auch, nach Streitereien, getrennt. Ihren Lebensunterhalt bestritten sie anscheinend überwiegend mit Zuwendungen ihrer Mütter.

So waren sie im Herbst 72, nach einer Stippvisite in Charleville und einem gescheiterten Versöhnungsversuch Verlaines mit seiner Frau, längere Zeit in London, wo sie unter emigrierten Kommunarden verkehrten. Hier schrieb Rimbaud wohl seine letzten Gedichte in Versform und schwenkte um auf Prosa, die ihm nun sichtlich als die angemessenere Form für die zunehmend unkonkreten Inhalte seiner Texte erschien. Wahrscheinlich entstanden in dieser Zeit erste Stücke der späteren Sammlung Illuminations.

Die Jahreswende 72/73 verbrachte er bei seiner Familie in Charleville, reiste im Januar jedoch auf Kosten der Mutter von Verlaine nach London, um den dort erkrankten Freund zu pflegen. Im April findet man ihn in  Roche, im Mai und Juni wieder mit Verlaine in London. Spätestens in Roche stürzte der inzwischen gut 18-Jährige offenbar in eine tiefe Krise, die er hier und dann in London literarisch zu verarbeiten versuchte in kurzen Prosatexten mit gelegentlich eingestreuten Versen. In diesen gattungsmäßig schwer einzuordnenden Texten blickt das Ich mehr alogisch assoziierend als logisch referierend auf seine Vergangenheit zurück und nimmt ebenso sprunghaft seine Gegenwart ins Visier. In Form einer Mischung aus Rückschau, Beichte, Selbstgespräch, Bericht, Reflexion, Klage und Selbstanklage bricht Rimbaud deprimiert und fast zornig mit seinen bisherigen dichterischen und sonstigen Ambitionen, die ihm nun als Hybris und als Selbstbetrug erscheinen. Une Saison en Enfer/ Eine Zeit in der Hölle betitelte er denn später auch das fertige Bändchen, das in manchen Passagen wie ein desillusionierter Widerruf der fast hochmütigen Seher-Briefe erscheint.

Am 10. Juli 73 suchte er in Brüssel Verlaine auf, der ihn wenige Tage zuvor in London im Streit verlassen und dann in Briefen an seine Mutter und an ihn mit Selbstmord gedroht hatte. Statt zur Versöhnung kam es jedoch zu neuem Streit, wobei der betrunkene Verlaine vor den Augen der Mutter mit einem Revolver auf Rimbaud schoss und ihm eine Wunde an der Hand beibrachte. Zwar verzichtete Rimbaud auf eine Strafverfolgung, doch wurde Verlaine inhaftiert und anschließend zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, die praktisch das Ende ihrer schwierigen Freundschaft bewirkte.

Rimbaud ging nach Roche, wo er Une Saison en Enfer zum Abschluss brachte, und zwar sichtlich mit dem Vorsatz, in Zukunft ein normaleres Leben zu führen. Offenbar auch hielt er das etwa 25 Taschenbuch-Druckseiten umfassende kleine Werk für ausreichend bedeutsam und gelungen um es, auf Kosten seiner Mutter, als Privatdruck herauszubringen. In der Tat erfolgte der Druck im Oktober 73 in Brüssel, doch blieb die gesamte Auflage, außer einigen Vorab-Exemplaren, die er verschenkte, offenbar unbezahlt im Lager der Druckerei. Sie galt sogar, bis zu ihrer zufälligen Wiederentdeckung 1901, als von Rimbaud selbst in einem Akt der Abtötung seiner Dichterträume vernichtet.

Ende des Jahres lernte er bei einem Paris-Besuch als neuen Freund Germain Nouveau kennen. Mit ihm reiste er im März 1874 nach London. Dort schrieb er an einer offenbar schon 1872 begonnenen Serie von kurzen Texten in Prosa (den späteren Illuminations), die suggestiv-assoziativ, weitgehend sinnfreie, teils bewegte, teils unbewegte impressionistische Bilder aus Wort-, Klang-, Gedanken- und Objektmalereien entwerfen, sich wie Traumvisionen oder gar Halluzinationen jeder logischen Deutung entziehen, aber dennoch keinen Zweifel an ihrem Charakter als Kunstwerke lassen.

Im Juli empfing er seine Mutter und die beiden Schwestern zu einem Besuch in London, von wo er selbst zum Jahresende nach Charleville zurückkehrte.

Sichtlich hatte der nunmehr 19-Jährige mit der Literatur zu diesem Zeitpunkt abgeschlossen. Er begann Klavierspielen zu üben und ging im Februar 1875 nach Stuttgart, mit der Absicht Deutsch zu lernen. Hier erhielt er Besuch von dem vorzeitig entlassenen Verlaine, der ihn zu versöhnen und vergeblich zu der Frömmigkeit zu bekehren versuchte, die ihn selber im Gefängnis überkommen hatte.

Im Mai brach er zu Fuß in Richtung Italien auf, wo er Italienisch zu lernen gedachte. Seinen Plan, vorher sein letztes Werk, die etwa 30 Taschenbuch-Seiten umfassenden Illuminations, in Druck zu geben, verwirklichte er nicht. Es wurde erst 1886 ohne sein Wissen von einer Zeitschrift publiziert, wobei der seltsame Titel (etwa: kolorierte Buchillustrationen) von Verlaine festgelegt wurde.

Zurück aus Italien, wo er erkrankt war und mit vorgestrecktem Geld eines Konsulats die Rückreise nach Roche hatte antreten müssen, stellte Rimbaud Überlegungen an, ob er vielleicht als Externer noch das Baccalauréat ablegen könne. Doch wurde hieraus nichts, vielmehr findet man ihn im Juli 75 in Paris, wo er eine befristete Stelle als Repetitor erhalten hatte. Das Winterhalbjahr 75/76 verbrachte er in Charleville, wo er weiter Klavierspielen übte, aber auch den Tod seiner ältesten Schwester erlebte.

Mit dem Frühjahr überkam ihn offenbar neue Unrast. Im April 76 findet man ihn in Wien und wenig später in Brüssel, wo er sich als Söldner in der holländischen Kolonialarmee anwerben ließ. Auf Java angekommen, desertierte er jedoch und fuhr als Matrose auf einem englischen Segelschiff zurück. Nach einer kürzeren Zeit in Nordeuropa (1877) ging er nach Alexandria, erkrankte dort und schlüpfte kurz bei seiner Familie unter. 1878 findet man ihn in Hamburg, später in Italien und schließlich auf Zypern, wo er im Dienst einer franz. Firma einige Zeit einen Steinbruch leitete. 1880 gelangte er nach Aden (im heutigen Jemen) und wurde dort Angestellter einer franz. Firma, die mit Pelzen und Kaffee handelte. Für sie, aber später auch auf eigene Initiative und Rechnung unternahm er mehrfach Expeditionen in das fast noch unbekannte Innere von Äthiopien und Somalia, wobei er die geschäftlichen Aspekte mit wissenschaftlichen zu verbinden versuchte und z.B. einen mit eigenen Fotos illustrierten Bericht für eine geographische Fachzeitschrift verfasste, der 1884 erschien.

Anfang 1891, während eines Aufenthalts in Somalia, bekam er starke Schmerzen im Knie. Er liquidierte unter Verlusten, aber immer noch mit einem hübschen Kapital, sein Geschäft und reiste unter großen Strapazen nach Marseille. In einer dortigen Klinik für gut situierte Patienten stellte sich heraus, dass er Knochenkrebs hatte und das Bein amputiert werden musste. Hiernach verbrachte er, auf Genesung hoffend, einige Sommerwochen in Roche, fuhr dann aber wieder unter Schmerzen in die Klinik nach Marseille. Zuvor vernichtete er, offenbar unter dem Einfluss seiner frommen Schwester Isabelle, praktisch alle Materialien aus seiner Zeit als moralisch, politisch und religiös nicht eben korrekter junger Dichter, die er schon lange als fern und abgetan betrachtete.

Trotz des Fehlens dieser Materialien, inbes. der meisten an ihn gerichteten Briefe, sind die Stationen der Biografie Rimbauds als jugendlicher Literat, junger Abenteurer und zuletzt offenbar auch wohlhabend gewordener Geschäftsmann relativ gut bekannt dank zahlreicher erhaltener Briefe von ihm, z.B. an Izambard oder seine Mutter, sowie vieler weiterer Dokumente (abgedruckt z.B. in der vorzüglichen Werkausgabe von Antoine Adam, 1972).

Die Nachwirkung Rimbauds setzte ein, als ab 1883 literarische Zeitschriften ohne sein Zutun Werke von ihm abzudrucken begannen, und zwar vor allem auf Initiative Verlaines und nach Texten, die dieser als Autographen oder, wie z.B. das Bateau ivre, in eigenen Abschriften besaß. Verlaine selbst verfasste ein vielbeachtetes literarisches Porträt Rimbauds, das er 1883 in einer Zeitschrift publizierte und 1884 in seinen Band Les Poètes maudits/ Verfemte Dichter aufnahm. Der erste Versuch einer Sammelausgabe der Versdichtungen Rimbauds, insbes. auch mit den frühen Texten, die Izambard und Demeny besaßen, erschien 1891 wenige Tage vor seinem Tod und zweifellos ohne sein Wissen unter dem seltsamen Titel Le Reliquaire (=der Reliquienschrein). Sie fand eine gewisse Verbreitung, obwohl sie aus verlagsrechtlichen Gründen sofort verboten worden war, weil sie ein Raubdruck von Teilen einer von Verlaine und Anderen vorbereiteten Gesamtausgabe war.

Diese Ausgabe selbst wurde anschließend lange behindert von Rimbauds Schwester, die sich als Erbin und Sachwalterin ihres Bruders sah und in seinem Sinne zu handeln glaubte, wenn sie alle in ihren Augen anstößigen Texte, auch solche, die schon publiziert waren, auszumerzen versuchte. 1895 kam, schließlich doch mit ihrem Placet, die erste Gesamtausgabe heraus, deren Korpus sich in den nachfolgenden Jahrzehnten immer wieder um neu aufgetauchte Texte vermehrte. Denn Rimbaud hatte häufig Blätter mit handgeschriebenen Gedichten an Bekannte verschenkt.

Rückblickend gesehen verdankt er sein literarisches Überleben wohl weitgehend dem Einsatz seines Exfreundes Verlaine, auch wenn dieser sicher ebenfalls davon profitierte.

Der Einfluss des insgesamt nur schmalen Werkes sowie auch der mysteriösen Figur Rimbauds auf die Dichter des Symbolismus und des Expressionismus war beträchtlich, auch die Surrealisten mit ihrer Idee des vom Unbewussten gesteuerten Schreibens, der „écriture automatique“, orientierten sich an ihm. In Deutschland beeinflusste die auf Le Reliquaire beruhende Teilübertragung K. L. Ammers (=Karl Klammer, 1907) die expressionistischen Lyriker, z.B. Georg Heym und Paul Zech. Dieser, der sich Anfang der 1920er Jahre auf die für ihn typische äußerst freie Weise als Rimbaud-Nachdichter betätigte, ein umfangreiches Rimbaud-Porträt schrieb und 1925 auch ein Drama mit Rimbaud als Protagonisten verfasste, hat offensichtlich das Bild des Autors im deutschen Sprachraum maßgeblich geprägt. Einer der bekanntesten deutschen Rimbaud-Übersetzer der neueren Zeit wurde Paul Celan (1958).

(Stand: Okt. 11)

Henri Bergson (*18.10.1859 Paris; † 4.1.1941 ebd.)

Er figuriert zwar in Deutschland (sofern man seinen Namen noch kennt) eher unter dem Etikett „Philosoph“, zählt in Frankreich aber zu der dort gut vertretenen und geachteten Kategorie „philosophischer Schriftsteller“. 1927 wurde er als fünfter franz. schreibender Autor mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Er gilt als bedeutendster Vertreter der sog. Lebensphilosophie und als ein Vorläufer des Existenzialismus. Sein markantestes Philosophem ist der Begriff des élan vital, „einer alle Gebiete des Seienden durchwaltenden geistigen Kraft, die die Entwicklung vorantreibt“ (Manfred Naumann), einer Kraft, die vom Menschen nicht rational, sondern nur intuitiv erkannt werden kann und sich z.B. im künstlerischen Schöpfungsprozess manifestiert. Bergsons Philosophie, die im Rückblick eher als eine Art antipositivistischen philosophischen Dichtens erscheint, hat die franz. Literatur der Zeit stark geprägt.

Er wurde geboren in Paris als Kind eines polnischstämmigen jüdischen Vaters (dessen ursprünglicher Name Berekson war) und einer englischen Mutter, die aus einer irischen jüdischen Familie stammte. Seine frühe Kindheit verlebte er überwiegend in London, ehe er mit 8, eher anglo- als frankophon, wieder nach Paris kam.

Hier besuchte er das Lycée Fontaine (heute Lycée Condorcet), wo er 1877 den Schulpreis für Mathematik erhielt mit einer Problemlösung, die er anschließend sogar in einer mathematischen Fachzeitschrift veröffentlichen durfte. Dennoch entschied er sich nach dem Baccalaureat (1878) für ein Literatur- und Philosophiestudium und unterzog sich mit Erfolg der Aufnahmeprüfung an der École Normale Supérieure (ENS), der Pariser Elitehochschule für die Lehramtsfächer.

Nach dem Studienabschlussexamen (licence) im Fach Literatur absolvierte er 1881 erfolgreich auch die Rekrutierungsprüfung (agrégation) für das Amt eines Gymnasialprofessors im Fach Philosophie und bekam eine Stelle an einem Gymnasium in Angers zugewiesen. 1883 wurde er nach Clermont-Ferrand versetzt. Neben seiner Unterrichtstätigkeit fand er, wie damals viele Agrégés, Zeit zum wissenschaftlichen Arbeiten. So publizierte er 1884 eine Edition von ausgewählten Passagen aus den Werken des antiken Philosophen Lukrez, der er eine textkritische Studie und Ausführungen über die Philosophie des Autors beifügte und die in der Folgezeit mehrfach nachgedruckt wurde. Zugleich arbeitete er an einer ersten größeren Schrift, die er 1889 unter dem Titel Essai sur les données immédiates de la conscience (Zeit und Freiheit, 1911) an der Pariser Sorbonne als Dissertation („thèse d’État“) einreichte. Mit dieser wurde er nach erfolgreich absolviertem Prüfungsverfahren, zu dem auch das Vorlegen einer kurzen, lateinisch verfassten „thèse supplémentaire“ gehörte, zum docteur-ès-lettres promoviert (was in etwa einer deutschen Habilitation entsprach).

Nach der Promotion und der Publikation seiner thèse, die er geschickt seinem obersten Dienstherrn, dem Bildungsminister, widmete (der allerdings auch sein Philosophieprofessor an der ENS gewesen war), hatte Bergson wie selbstverständlich Anspruch auf den Wechsel an ein Gymnasium in Paris. Nach einer kurzen Zwischenstation am dortigen Collège Rollin erhielt er 1890 eine Stelle am renommierten Lycée Henri-IV. 1892 heiratete er und wurde später Vater einer Tochter.

1896 publizierte er seine zweite größere Schrift, Matière et mémoire (Materie und Gedächtnis, 1908), in der er auch die Ergebnisse der neuesten Hirnforschung zu verwerten versuchte. Im Anschluss hieran wurde er 1897 als maître de conférences mit Vorlesungen an der ENS betraut und kurz darauf dort zum Professor ernannt.

1900 druckte die Revue de Paris den Essay Le Rire (Das Lachen, 1914), der 1901 sehr erfolgreich auch in Buchform erschien. Hierin versucht Bergson eine Theorie des Komischen zu entwickeln, stimmt vor allem aber auch das Hohelied des künstlerischen Schöpfertums an und wurde damit zum Propheten einer ganzen Generation symbolistischer Literaten und Künstler.

Im selben Jahr 1900 wurde er auf den Lehrstuhl für Griechische Philosophie am Collège de France berufen, der prestigereichsten aller französischen Bildungsinstitutionen. 1901 wählte ihn in die Académie des Sciences morales et politiques zum Mitglied.

Inzwischen hatte er auch außerhalb Frankreichs Anerkennung zu finden begonnen: Auf dem ersten internationalen Philosophen-Kongress in Paris im August 1900 durfte er einen der Vorträge halten. Der Titel Sur les origines psychologiques de notre croyance à la loi de causalité lässt sehr schön die antiszientistische Tendenz Bergsons erkennen.

1903 publizierte er den programmatischen längeren Aufsatz Introduction à la métaphysique (Einführung in die Metaphysik, 1909), der entgegen dem allgemein gehaltenen Titel vor allem in sein eigenes Denken einführt. 1904 hielt er auf dem zweiten internationalen Philosophen-Kongress (Genf) den Vortrag Le Cerveau et la pensée: une illusion philosophique (=Das Gehirn und das Denken: eine philosophische Illusion).

Im selben Jahr wechselte er im Collège de France auf den Lehrstuhl für moderne Philosophie, womit er, 45jährig, den Höhepunkt einer glänzenden beruflichen Karriere erreicht hatte.

1907 erschien seine dritte große Schrift: L’Évolution créatrice (Die schöpferische Entwicklung, 1912). Sie war gedacht als kritischer Beitrag zur Darwinschen Evolutionstheorie, die Bergson als zu deterministisch betrachtete. Sie fand auch über die Fachwelt hinaus Verbreitung und wurde mit 21 Auflagen in zehn Jahren Bergsons bekanntestes und meistgelesenes Werk. Es konsekrierte ihn als bedeutenden philophischen Schriftsteller und war neben Le Rire der wichtigste Faktor dafür, dass er später für den Literaturnobelpreis in Frage kommen konnte.

1908 traf Bergson in London William James, einen bekannten amerikanischen Philosophen, dem er einige Anstöße verdankte. James war angetan von seinem 17 Jahre jüngeren franz. Kollegen und dessen Ideen und trug in der Folge viel dazu bei, ihn in der anglophonen Welt bekannt zu machen.

Im April 1911 besuchte Bergson den internationalen Philosophen-Kongress in Bologna. Er hielt dort den Vortrag L’Intuition philosophique, dessen Titel die Bedeutung erkennen lässt, die er in seiner Erkenntnistheorie der Intuition beimisst. Im selben Jahr wurde er nach England eingeladen, unter anderem nach Oxford, wo er über das Thema La Perception du changement  (=Die Wahrnehmung des Wandels) sprach und den Ehrendoktortitel erhielt, sowie nach Birmingham und nach London, wo er über Vie et conscience (=Leben und Bewusstsein) bzw. La Nature de l’âme (=Die Natur der Seele) dozierte.

1913 folgte er einer Einladung der New Yorker Columbia University und las dort über Spiritualité et liberté (=Geistigkeit und Freiheit). Vorträge in anderen amerikanischen Städten folgten. Im Herbst wurde ihm der Vorsitz der British Society for Psychical Research angetragen, wo er sich mit dem Vortrag Phantoms of Life and Psychic Research einführte.

1914 war ein besonders erfolgreiches Jahr für Bergson. Er wurde er in seiner Eigenschaft als ein bedeutender franz. Autor, dessen Schriften inzwischen auch in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden, in die Académie française aufgenommen, darüberhinaus zum Vorsitzenden der Académie des sciences morales et politiques gewählt sowie zum „Offizier“ der Ehrenlegion und zum „Offizier der Volksbildung“ ernannt.

Im selben Jahr versuchten liberale „Neo-Katholiken“ (ähnlich wie es schon vorher manche sozialistischen Partei- und Gewerkschaftsführer getan hatten) ihre Vorstellungen mit Ideen Bergsons zu untermauern. Als Reaktion darauf setzte der Vatikan dessen drei Hauptwerke auf den Index, was jedoch in Frankreich eher wie ein Ehrentitel wirkte.

Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges (1.8.14) engagierte auch Bergson sich als Patriot mit Artikeln und Vorträgen, mit denen er versuchte, die Moral der franz. Truppen zu stärken, die Position Frankreichs zu verklären und dem Deutschen Reich Imperialismus vorzuwerfen. Nach dem Eintritt der USA in den Krieg 1917 reiste er als Mitglied einer diplomatischen Delegation dorthin und warb auf einer Vortragstournee für die Sache Frankreichs.

1919 gaben Freunde eine schon vor dem Krieg geplante zweibändige Sammlung kürzerer Texte heraus, die um den zentralen Begriff der „force mentale“ (geistige/mentale Kraft) kreisen. Sie trug den Titel L’énergie spirituelle  (Die seelische Energie, 1928), der die antirationalistische Stoßrichtung der Bergsonschen Philosophie zum Ausdruck bringt.

1920 erhielt er Ehrendoktortitel der Universität Cambridge. Im Herbst durfte er seine Pflichtvorlesungen am Collège an einen Vertreter (Édouard Le Roy) delegieren, um sich ganz seinem Schaffen als Autor widmen zu können.

Immerhin war er 1921 nebenher politisch tätig als Gründungsmitglied und erster Präsident der Commission internationale de la Coopération intellectuelle, einer dem jungen Genfer Völkerbund zugeordneten Vorläuferinstitution der Unesco.

Als ihm 1927 der Nobelpreis zugesprochen wurde, konnte er nur noch unter Schwierigkeiten zur Entgegennahme nach Stockholm reisen, denn seit 1925 plagten ihn rheumatische Schmerzen, die seinen Körper lähmten und deformierten.

Krankheitsbedingt mehr und mehr zurückgezogen, vollendete und publizierte er 1932 sein letztes größeres Werk, Les deux sources de la morale et de la religion (Die beiden Quellen der Moral und Religion, 1933). Seine Überlegungen zum Zusammenhang von Gesellschaft, Moral und Religion wurden mit der gebührenden Achtung aufgenommen, aber nur noch wenig diskutiert. Die Zeit Bergsons war sichtlich vorbei.

Spätestens mit den Deux sources hatte er sich christlich-mystischen Vorstellungen angenähert und dachte daran katholisch zu werden. Er nahm jedoch Abstand davon, weil er angesichts des auch in Frankreich anschwellenden Antisemitismus seine jüdischen Wurzeln nicht verleugnen wollte. Entsprechend verzichtete er 1940 demonstrativ auf alle seine Auszeichnungen, Titel und Mitgliedschaften und ließ sich als Juden eintragen, als das neue Regime des Marschalls Pétain diese gesetzlich zu diskriminieren begann.

An seinem Grab sprach jedoch, gemäß seinem Wunsch, ein katholischer Priester das Gebet.

Die Ideen Bergsons scheinen heute nur noch von historischem Interesse zu sein und wirken rückblickend wie eine Übertragung von Symbolismus und Jugendstil in die Philosophie. Sie haben jedoch zwischen 1900 und 1930 stark gewirkt und insbesondere zahlreiche Schriftsteller beeinflusst, u.a. Marcel Proust, Charles Péguy, André Gide, Paul Claudel oder T.S. Eliot.

Maurice Barrès (* 19.8.1862 in Charmes-sur-Moselle; † 4.12.1923 in Neuilly-sur-Seine)

Er war in seinen besten Zeiten als Romancier, Publizist und homo politicus sehr bekannt und einflussreich.

Er wurde geboren in Lothringen nahe der nach dem Krieg von 1870/71 neugezogenen deutsch-französischen Grenze (die ungefähr dem damaligen Verlauf der Sprachgrenze folgte). Seine Gymnasialjahre verbrachte er als Internatschüler in Nancy, quasi mit dem Blick auf die von den Revanchisten in Frankreich vielzitierte „ligne bleue des Vosges“ (=die blaue Horizontlinie der Vogesen). Entsprechend wurde auch er sehr früh zum Nationalisten, der Rache forderte an Deutschland.

1882 ging er nach Paris, wo er Jura studieren sollte, zugleich aber als ein zunächst den Symbolisten nahestehender Feuilletonist und Erzähler eine literarische Karriere zu beginnen versuchte. 1888 wurde der Roman Sous l'œil des barbares (=unter den Augen der Barbaren) sein Durchbruch. Es ist der erste Teil der stark autobiografischen Romantrilogie Le Culte du moi (=Kult des Ich), deren Protagonist ein junger Intellektueller ist, der in die Pariser Fin de Siècle-Kultur eintaucht, in dieser als überfeinert und kosmopolitisch überfremdet vorgestellten Welt aber keinen Halt findet, weshalb er schließlich seinem dekadenten Narzissmus abschwört, heimkehrt in sein angestammtes Lothringen und dort zu den nationalen Traditionen und zum Katholizismus zurückfindet.

1889 wurde Barrès folgerichtig Anhänger des politisch rechtsaußen agierenden populistischen Generals Georges Boulanger („le Général Revanche“) und war aktiv in dessen kurzlebiger nationalistischen und revanchistischen Bewegung. Für eine Legislaturperiode (1889-93) war er sogar boulangistischer Parlamentsabgeordneter für den Wahlkreis Nancy. Auch nach dem Selbstmord Boulangers (1891) und der Auflösung von dessen Bewegung betätigte er sich als weit rechts stehender Intellektueller und Politiker, scheiterte aber vier Male beim Versuch, sich wieder ins Parlament wählen zu lassen. Im Rahmen der Frankreich spaltenden Dreyfus-Affäre (1898) bezog er selbstverständlich Position als rechter „Anti-Dreyfusard“.

1897-1901 ließ er eine weitere Trilogie erscheinen: Le Roman de l'énergie nationale (=der Roman der nationalen Kraft). Es ist die Geschichte einiger junger Lothringer, die zunächst nach Paris gehen, dadurch „entwurzelt“ werden (Teil 1 heißt auch Les déracinés/Die Entwurzelten), dies aber zumindest teilweise bemerken, heimkehren und für die Rückeroberung des von den Deutschen annektierten Elsass und (Deutsch-)Lothringens kämpfen.

1906 war das Jahr seines Triumphes: Barrès wurde in die Académie française aufgenommen und er wurde wieder zum Abgeordneten gewählt (Wahlkreis Neuilly bei Paris), was er bis zu seinem Tod blieb, obwohl er eigentlich Anti-Parlamentarist war.

1913 hatte er eine weitere Romantrilogie fertig: Les bastions de l'Est (=die Bastionen des Ostens). Die ersten Bände, Au service de l'Allemagne (=im Dienste Deutschlands, 1905) und Colette Baudoche (1909), sind Geschichten voller nationalistisch-antideutscher Ressentiments, der dritte, La Colline inspirée (=der beseelte Hügel), handelt von der national inspirierten Auflehnung dreier lothringischer Priester gegen die ultramontane römische Amtskirche.

1914 wurde Barrès als Nachfolger von Paul Déroulède (s.o.), des turbulenten „poète national“ (1846-1914), Chef der antideutschen, antisemitischen und antiparlamentarischen Ligue des patriotes. Im anschließenden Weltkrieg 1914–18 betätigte er sich publizistisch an vorderster Front mit einem antideutschen und militaristischen Zeitungsartikel pro Tag.

Nach dem Kriegsende allerdings wurde er zum Buhmann der pazifistischen, internationalistischen, prokommunistischen Linksintellektuellen, die ihn attackierten und verhöhnten.

(Stand: Juli 05)

20. Jahrhundert

Romain Rolland (*29.1.1866 Clamecy/Dép. Nièvre; †30.12.1944 Vézelay/ Bourgogne)

Dieser lange Zeit auch in Deutschland wohlbekannte und geschätzte Autor wurde 1916 als dritter Franzose mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet. Heute wird er, trotz seines Ruhmes in den 1920er, 30er und 40er Jahren, kaum mehr gelesen, nicht zuletzt vermutlich, weil die gebildete bürgerliche Leserschaft, für die er schrieb, praktisch nicht mehr existiert und seine Sprache für jetzige Leser oft zu jugendstilig-gefühlig wirkt.

Rolland war Sohn eines Notars und erhielt eine gutbürgerliche Erziehung und Bildung. Mit elf begann er zu schreiben. Daneben begeisterte er sich unter Anleitung seiner sehr musikalischen Mutter früh für Musik. 1880 verkaufte der Vater seine Praxis, und die Familie zog nach Paris, um dem Jungen bessere Vorbereitungsmöglichkeiten zu verschaffen für die Zulassungsprüfung (concours) zur École Normale Supérieure (ENS), der französischen Eliteschule für die Lehramtsfächer an Gymnasien. Rolland, der bis dahin das katholische Gymnasium seines Heimatstädtchens besucht hatte, wechselte nun an das Lycée Saint-Louis und 1882 an das Traditionsgymnasium Louis-le-Grand, wo er sich u.a. mit Paul Claudel (s. u.) befreundete. 1886 wurde er in die ENS aufgenommen und studierte hier bis 1889 Literatur und Geschichte.

Nach Ablegung des Schlussexamens (licence) und erfolgreich absolvierter Einstellungsprüfung (agrégation) für das Amt eines Gymnasialprofessors für Geschichte ließ er sich beurlauben und ging für zwei Jahre (1889-91) als Stipendiat der École française nach Rom, um dort Material für eine musikhistorische Doktorarbeit (thèse) über die Geschichte der Oper vor Jean-Baptiste Lully und Scarlatti zu sammeln. In Rom verkehrte er, der schon länger Wagner-Fan war, im Salon der Wagner-Freundin Malwida von Meysenbug, die ihn zu einem Besuch in Bayreuth mitnahm. Seine wichtigste Nebenbeschäftigung in den römischen Jahren war die Kunstgeschichte, doch schrieb er auch, wie immer: z.B. Überlegungen zu einem „roman musical“ (1890) und erste Dramen (1890/91), die aber ungedruckt blieben.

Zurück in Paris nahm er 1892 eine Teilzeitstelle am Traditionsgymnasium Henri-IV an und heiratete. Nachdem er 1895 seine Thèse abgeschlossen und die dazugehörige Prüfung (soutenance) absolviert hatte, ließ er sich als Dozent für Kunstgeschichte an die ENS abordnen und später (1904) als Dozent für Musikgeschichte an die Sorbonne versetzen. Seine kinderlos gebliebene Ehe wurde 1901 geschieden.

In allen diesen Jahren vor dem Ersten Weltkrieg unternahm Rolland viele, teils längere Bildungsreisen durch West- und Mitteleuropa, verbrachte oft mehrmonatige Arbeitsurlaube in der Schweiz und schrieb: Erzählendes, Essayistisches, Musik- und Kunsthistorisches sowie Künstler-Biografien, z.B. Beethovens, Michelangelos oder Tolstois (gedruckt jeweils 1903, 1906, 1911).

Die zahlreichen Dramen, die er ebenfalls verfasste, blieben weiterhin lange Zeit unpubliziert bzw. ungespielt. Die ersten angenommenen und aufgeführten waren 1898 Aërt und Les Loups. Letzteres wurde der erste Teil aus einem über 40 Jahre hinweg fortgesetzten und schließlich achtteiligen Dramenzyklus, der eine Art Epos der franz. Revolution zu bilden versucht, naturgemäß aber jeweils aktuelle Probleme und Konflikte spiegelt. Die weiteren Stücke (mit Aufführungsdaten) sind: Danton, 1899; Le Triomphe de la raison, 1899; Le Quatorze-Juillet, 1902; Le Jeu de l’amour et de la mort, 1925; Pâques fleuries, 1926; Les Léonides, 1928; Robespierre, 1939.

1903 begann Rolland das Werk, das ihn bekannt machen sollte: den 10-bändigen „roman fleuve“ Jean-Christophe (gedruckt 1904-12). Titelheld ist der (fiktive) deutsche Komponist Johann-Christoph Krafft, der als junger Mann nach Frankreich gelangt, sich dort mit Hilfe eines franz. Freundes assimiliert und so in seiner Musik quasi die ihm angeborene „deutsche Energie“ mit „französischen Geist“ verbinden und veredeln kann. Der Jean-Christophe war ein großer Erfolg und wurde nach 1918 auch von den gar nicht so wenigen frankophilen Deutschen geschätzt, die das Gerede von der deutsch-franz. Erbfeindschaft satt hatten und auf Verständigung zwischen beiden Völkern setzten.

Im Okt. 1910 wurde Rolland in Paris von einem Auto angefahren und erlitt Verletzungen, die ihn für mehrere Monate dienstunfähig machten. Der Unfall war nicht unbeteiligt an seinem Entschluss, seine Professur aufzugeben und freier Schriftsteller zu werden (1912).

1913/14 verfasste er Colas Breugnon, einen kürzeren historischen Roman in Form eines (fiktiven) Tagebuchs aus den Jahren 1616/17 (gedruckt erst 1919).

Der Erste Weltkrieg überraschte ihn in der Schweiz. Er blieb, engagierte sich beim Roten Kreuz und publizierte im Journal de Genève die kriegskritische Artikelserie Au-dessus de la mêlée, mit der er „über dem Schlachtgetümmel“ stehend, sowohl nach Frankreich hineinzuwirken versuchte (wo man ihn wegen angeblich unpatriotischer Haltung jedoch schmähte) als auch nach Deutschland (wo man ihn kaum hörte). Nachdem sie 1915 in Paris als Buch erschienen war, fand die Artikelserie in der zweiten Kriegshälfte größeres Gehör. Sie wurde nun rasch in mehrere europäische Sprachen übersetzt (nicht ins Deutsche) und hatte neben dem Jean-Christophe großen Anteil daran, dass Rolland 1916 für eine nachträgliche Vergabe des Nobelpreises von 1915 ausersehen wurde.

Nach dem Krieg (1919) initiierte er mit dem Autor Henri Barbusse die Gruppe Clarté, eine Friedensbewegung linker Intellektueller mit gleichnamiger Zeitschrift. Etwas später (1923) wurde er Mitgründer die Zeitschrift Europe, die sich insbes. für eine Verständigung zwischen Frankreich und Deutschland einsetzte. Auch der Roman Clérambault, histoire d’une conscience libre pendant la guerre (1920) ist Ausdruck seines transnationalen Pazifismus.

Anfang der 20er Jahre nahm Rolland, neben einer umfangreichen publizistischen Tätigkeit, wieder ein größeres Romanprojekt in Angriff: L’Âme enchantée, dessen vier Teile in drei Bänden von 1922 bis 1933 erschienen. Die Handlung erstreckt sich von ca. 1890 bis ca. 1930 und stellt die Geschichte einer Frau dar, die es akzeptiert, ledige Mutter zu sein, und sich so zunächst gesellschaftlich, dann durch ein linksgerichtetes aktives Engagement politisch und schließlich in einer mystischen Spiritualität religiös emanzipiert.

Diese Entwicklung spiegelt in gewissem Umfang die des Autors, der sich nach dem Krieg links engagiert und sich, wie so viele franz. Intellektuelle der Zeit, daneben mit fernöstlichen geistigen und religiösen Traditionen zu beschäftigen begonnen hatte (woraus u.a. 1923 eine Artikelserie über Mahatma Gandhi erwuchs).

Seit der russischen Oktober-Revolution 1917 sympathisierte Rolland mit dem Kommunismus und entsprechend mit dem 1920 gegründeten Parti communiste français. Er war hiermit einer der nicht wenigen bürgerlichen Intellektuellen, die der PCF als „Weggenossen - compagnons de route“ sehr schätzte, als Mitglieder wegen ihres selbständigen Denkens allerdings gerne entbehrte. Auch Rolland machte sich 1925 vermutlich wenig beliebt, als er im Stück Le Jeu de l’amour et de la mort die Frage diskutierte, ob radikale politische Führer das Recht haben, das Glück und gar die Existenz der gegenwärtig Lebenden zu opfern, um dem Ziel einer künftigen idealen Gesellschaft näher zu kommen. Dennoch und trotz angegriffener Gesundheit reiste er 1935 auf Einladung seines Schriftstellerkollegen und Brieffreundes Maxim Gorki nach Moskau und ließ sich dort von Stalin als Repräsentant der franz. Intellektuellen hofieren. Ab 1936, dem Jahr der Moskauer Schauprozesse gegen angebliche Verräter in der Kommunistischen Partei, ging er jedoch deutlich auf Distanz und brach 1939 völlig mit der Sowjetunion Stalins, als dieser seinen Beistandspakt mit Hitler schloss.

Ende der 20er Jahre hatte Rolland sich wieder Beethoven zugewendet und eine auf fünf Bände angelegte Monografie begonnen, die in Teilen 1928, 1930, 1937 und schließlich posthum 1945 erschien, aber unvollendet blieb.

1934 verheiratete er sich mit der russischen Übersetzerin seiner Werke, Maria Kudaschewa, mit der er seit 1923 in Kontakt stand.

1937 zog er sich zurück in den burgundischen Wallfahrtsort Vézelay, wo er seinen Lebensabend zu verbringen gedachte. Hier schrieb er an seinen Memoiren, vollendete u.a. die 1924 begonnene Geschichte seiner Kindheit Voyage intérieur (gedr. 1942) oder ein schon lange in Arbeit befindliches Buch über den katholischen Autor Charles Péguy (1943). Anfang November 44 reiste er trotz Krankheit ins kürzlich befreite Paris, um an einem Empfang in der Sowjetischen Botschaft teilzunehmen. Zurück in Vézelay, erlebte er noch die letzte Phase der Zurückwerfung der deutschen Truppen aus Frankreich.

Nach seinem Tod erschienen seine umfangreiche und vielfältige Korrespondenz sowie seine Tagebücher.

(Stand: Mai 06)

Charles Maurras (* 20.4.1868 Martigues; † 16.11.1952 Tours)

Der Name und das Wirken Maurras' waren nach 1944 in Frankreich jahrzehntelang quasi tabu, obwohl er zu den einflussreichsten franz. Intellektuellen der Zeit vor und nach dem Ersten Weltkrieg gehörte. In Deutschland ist er kaum bekannt geworden.

Seit frühem Kindesalter stark schwerhörig, wuchs Maurras in einer katholisch-konservativen bürgerlichen Familie auf. Er absolvierte ein katholisches Gymnasium in Aix-en-Provence, erhielt eine solide klassische Bildung, verlor aber früh den Glauben. Nach dem Baccalauréat ging er 1885 nach Paris. Hier betätigte er sich als Literaturkritiker, Lyriker, Erzähler und Essayist, der vor allem für konservative und katholische Zeitschriften schrieb. Er schloss Freundschaft mit dem gut 20 Jahre älteren Autor Anatole France (der zu dieser Zeit politisch noch rechts stand, allerdings zugleich Agnostiker war) und geriet in den Bann der progressistischen, d.h. tendenziell eher „linken“ Philosophie des Positivismus.

1891 schloss er sich der kurz zuvor von einigen Literaten, insbes. Jean Moréas, gegründeten „école romane“ an, die die Wurzeln der franz. Kultur in deren griechisch-römischem Erbe und ihren reinsten Ausdruck in der franz. Klassik des 17. Jahrhunderts sah, wogegen sie die angeblich jüdisch-germanisch (!) geprägte Romantik als einen Beginn und den späteren Symbolismus als eine „weitere Ursache allen Übels für Frankreich“ betrachtete. Literarischer Ausdruck dieser Sicht waren z. B. Maurras' Erzählband Le Chemin du paradis (=der Weg zum Paradies, 1895) oder die Essaysammlung Les amants de Venise (=die venezianischen Liebenden, i.e. die romantischen Autoren George Sand und Alfred de Musset, 1902).

Spätestens 1895 stand er politisch auf der Seite der chauvinistischen Rechten in Frankreich und trat u.a. mit dem nationalistischen Abgeordneten und Romancier Maurice Barrès in Kontakt.

1896 besuchte er, da er sich schon früh für die Ideen des französischen Sportpädagogen Pierre de Coubertin interessiert hatte, als Reporter für eine französische Zeitschrift die ersten Olympischen Spiele in Athen.

In seinen politisch intendierten Büchern, Broschüren und Artikeln propagierte Maurras die Wiedereinführung der Monarchie als Staatsform und (obwohl er selbst Agnostiker war) die Retablierung des Katholizismus als Staatsreligion, denn von beiden Re-Formen erhoffte er sich ein weniger zentralistisches, aber ideologisch geeintes, starkes Frankreich, das dem aufstrebenden Deutschen Reich wirtschaftlich, militärisch und geistig-moralisch Paroli bieten sollte.

Als 1898 Frankreich tief gespalten wurde durch die Dreyfus-Affäre (den Streit um das zweifelhafte Gerichtsurteil gegen den vermeintlichen prodeutschen Spion Dreyfus), war er einer der aktivsten Anti-Dreyfusards, d.h. kompromissloser Gegner einer Revision des Prozesses oder gar eines Freispruchs. Er schloss sich dem von anderen Anti-Dreyfusards gegründeten nationalistischen Comité d'Action française an und trug maßgeblich bei zu dessen Umformung zu einem straffer organisierten Verband, der Ligue d'Action française, die unter seiner Ägide eine monarchistische, chauvinistische, fremdenfeindliche und antisemitische Ideologie propagierte: den „integralen Nationalismus“. Als Organ der „Liga“ diente ab 1899 die von Maurras und seinem Gesinnungsgenossen Léon Daudet geleitete Zeitschrift La Revue de l'Action française. Zunächst eher zum Vertrieb dieser Zeitschrift in den Straßen bildete sich eine Jugendorganisation, „Les camelots du roi“ (=die Marktschreier/Hausierer des Königs), die bald auch durch die Schlägereien von sich reden machte, die sie sich mit politisch linken Gruppen lieferte.

1908 ermöglichte der Erfolg der Zeitschrift ihre Umformung zur Tageszeitung unter dem Titel L'Action française. Maurras avancierte hierbei zu einem der wichtigsten Vordenker des konservativen, nationalistischen Frankreichs.

Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 betätigte er sich als publizistische Stütze der „Union sacrée“ zwischen den rechten Parteien und den Sozialisten, die dem gleichzeitigen „Burgfrieden“ der Parteien in Deutschland entsprach.

In der Zwischenkriegszeit wurde die Ligue d'Action française zahlenmäßig zwar von anderen rechten Organisationen überholt, doch behielt Maurras und seine ideologischen Positionen einen kaum zu überschätzenden Einfluss auf die rechten Intellektuellen und die rechten Politiker. Entsprechend gerieten viele franz. Katholiken und auch Priester in tiefe Loyalitätskonflikte, als der Papst 1926 Maurras’ Schriften sowie die Action française auf den Index setzte, weil darin die katholische Kirche als Mittel zu nationalistischen Zwecken instrumentalisiert werde.

Nachdem er 1923 schon die Machtergreifung des italienischen Faschisten Mussolini begrüßt hatte, sympathisierte Maurras während des Spanischen Bürgerkriegs (1936-39) und danach mit dem faschistoiden Franquismus von General Franco. Trotz seiner notorischen Deutschfeindlichkeit schien ihm auch der Nationalsozialismus Hitlers in vielerlei Hinsicht interessant und besonders in seinem Antisemitismus nachahmenswert.

Die aus den Wahlen von 1936 hervorgegangene gebildete linke Volksfront-Regierung bekämpfte er mit allen Mitteln, wobei er nicht zurückschreckte vor antisemitischischer Hetze gegen die Person des sozialistischen Regierungschefs Léon Blum, der aus einer jüdischen Familie stammte. Nach der Niederlage Frankreichs 1940 unterstützte er den neuen franz. Staatschef Marschall Pétain und dessen „Révolution nationale“, die sich weitgehend an seinen Ideen inspirierte. Entsprechend billigte er auch Pétains Politik der „collaboration“, d.h. der Kooperation mit dem Deutschen Reich.

Nach der „libération“ 1944/45 wurde Maurras, im Rahmen des allgemeinen politischen Linksschwenks in Frankreich, als geistiger Ziehvater Pétains geschmäht und zum prodeutschen Kollaborateur erklärt. Im Sept. 44 verhaftet, wurde er zu einer längeren Gefängnisstrafe verurteilt und von seinem Sitz in der Académie Française, die ihn 1936 aufgenommen hatte, suspendiert (also nicht förmlich ausgeschlossen).

1951 wurde er krankheitshalber begnadigt und in eine Klinik verlegt, wo er im Jahr darauf starb. Kurz vor seinem Tod war er zu der Frömmigkeit seiner Kindheit zurückgekehrt.

(Stand: April 07)

Paul Claudel (*6.8.1868 in Villeneuve-sur-Fère; †23.2.1955 in Paris).

Er wurde in den 1920er bis 40er Jahren im katholischen Milieu sehr geschätzt, aber auch von anderen Lesern und den Literaturkritikern hoch bewertet. 1946 wurde er mit der Aufnahme in die Académie Française belohnt. Heute scheint er fast vergessen.

Claudel wuchs auf in einem Dorf der Picardie als Sohn eines aufgeklärt-positivistisch denkenden Kataster-Beamten, verbrachte aber seine letzten Schuljahre auf dem Pariser Traditionsgymnasium Louis-le-Grand (wo er sich u.a. mit Romain Rolland befreundete). Mit 18 hatte er bei der Weihnachtsmesse in der Pariser Kathedrale Notre-Dame ein Erweckungserlebnis und war hinfort gläubiger Katholik.

Nach Abschluss eines Studiums an der École libre des Sciences politiques, während dessen er schon Gedichte schrieb und dem Kreis um Mallarmé angehörte, dachte er daran fernöstliche Sprachen zu studieren, bewarb sich dann aber für eine Ausbildung als Diplomat im konsularischen Dienst. Hierin war er bis zu seiner Pensionierung gewissenhaft tätig, und zwar 1893-95 in den USA, 1895-1909 in China, danach jeweils kürzere Zeit in Deutschland, Brasilien und Dänemark, dann länger in Japan (1921-27) und nochmals in den USA (1927-33) sowie schließlich in Belgien.

Das trotz seiner bewegten Existenz sehr umfangreiche literarische Schaffen Claudels (für das er jeweils die ersten Stunden seines Arbeitstages reservierte) umfasst Lyrik, Philosophisch-Essayistisches (stark beeinflusst von seinen Fernost-Aufenthalten) und vor allem Theaterstücke. Diese verfasste er in einer pathetisch-lyrischen Sprache und unter Verzicht auf eine spannende Handlung, wobei im Mittelpunkt meist das Motiv des Sich-Aufopferns im Sinne einer religiös orientierten Moral steht. Das bekannteste und am häufigsten aufgeführte Stück ist das im Mittelalter spielende L'Annonce faite à Marie (1911/12). Einigermaßen bekannt wurde auch die Trilogie L'Otage (1909), Le Pain dur (1914) und Le Père humilié (1916), deren Handlung fast sechs Jahrzehnte (1812 bis 1869) überspannt. Als am bedeutendsten gilt jedoch das im spanischen 16. Jh. angesiedelte Le Soulier de satin (fertiggesstellt 1925), ein immens langes Stück, das die Summa von Claudels Vorstellungen präsentiert (die stark beinflusst waren vom Denken Henri Bergsons, s.o.). Es wurde erst 1943 in einer vom Autor selbst und dem Regisseur Jean-Louis Barrault stark gerafften Version uraufgeführt.

Als Librettist betätigte sich Claudel in dem dramatischen Oratorium Jeanne d’Arc au bûcher (Johnanna auf dem Scheiterhaufen, 1938) von Artur Honnegger und in mehreren Opern von Darius Milhaud, darunter Christophe Colomb (1930).

(Stand: Jan. 10)

André Gide (*22.11.1869 Paris; †19.2.1951 ebd.).

Er zählt zu den Großen der franz. Literatur der ersten Jahrhunderthälfte und spielte einige Jahrzehnte eine dominierende Rolle im Pariser Literaturbetrieb. 1947 wurde er als siebter frankophoner Autor mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Auch in Deutschland wurde er geschätzt und gelesen.

Gide wuchs auf in Paris als einziges Kind einer wohlhabenden protestantischen Familie, wobei der Vater, ein Juraprofessor, aus der mittleren Bourgeoisie der südfranzösischen Kleinstadt Uzès stammte, die Mutter aus der Großbourgeoisie von Rouen. Mit knapp elf verlor er den Vater. Zwar trat dadurch keinerlei Notlage ein, doch war er nun ganz der strengen Erziehung seiner Mutter ausgesetzt.

Vielleicht auch deshalb war er ein schwieriges Kind, was häufige Wechsel von Schulen und Privatlehrern verursachte. Zudem litt er in der Vorpubertät mehrfach unter Nervenkrisen, konnte 1890 jedoch seine Schulzeit normal auf dem Traditionsgymnasium Henri IV abschließen (wo er sich u.a. mit dem späteren Autor Pierre Louÿs und dem späteren sozialistischen Politiker Léon Blum befreundete).

Bei einem längeren Besuch in Rouen 1882 hatte er ein inniges Verhältnis zu seiner fast drei Jahre älteren Kusine Madeleine Rondeaux entwickelt, mit der er sich ab Anfang 1890 stillschweigend verlobt glaubte, die sich aber, z.T. wohl auf Druck beider Mütter, seinen Heiratswünschen zunächst entzog.

Den Sommer 1890 verbrachte Gide in Savoyen, wo er sein erstes längeres Werk verfasste: Les Cahiers d’André Walter (erschienen als Privatdruck 1891). Es hat die Form eines angeblich nach dem Tod des Schreibers veröffentlichten Tagebuches und spiegelt offenbar den ohnmächtigen Trotz Gides gegenüber seiner strengen Mutter sowie seine erotischen Sehnsüchte gegenüber Madeleine zu einer Zeit, wo ihm seine Homosexualität noch nicht oder allenfalls diffus bewusst war.

Da Gide es nach dem baccalauréat nicht nötig hatte, ein Studium oder gar eine Berufstätigkeit aufzunehmen, begann er eine Phase des Experimentierens und zahlreicher, oft längerer Reisen. Hierbei lernte er im Dez. 90 in Montpellier über einen Onkel väterlicherseits den etwas jüngeren Lyriker Paul Valéry (s. u.) kennen, dem er 1894 seine ersten Schritte in Paris erleichterte.

1891 fand er Zugang zu dem Kreis symbolistischer Autoren um den Lyriker Stéphane Mallarmé (s.o.), wo er u.a. Oscar Wilde traf. Auch Gide selbst betätigte sich als Symbolist mit dem Gedichtbändchen Poésies d’André Walter (Privatdruck 1892) und der kleinen Abhandlung Traité du Narcisse. Théorie du symbole. Letztere beginnt mit dem hübschen Satz „Les livres ne sont peut-être pas une chose bien nécessaire“. Dieser zeigt treffend Gides Hang zur selbstironischen Reflexion der egozentrischen Existenz reicher junger Literaten wie er, deren Hauptproblem ihr Mangel an realen Problemen war und die dieses Problem in einer Art narzistischen Priestertums der Kunst zu sublimieren versuchten.

1893 schrieb er die kurze Erzählung La Tentative amoureuse, deren Haupthandlung eine hübsche Liebesgeschichte (wie der Autor sie wohl gerne erlebt hätte) bildet, in welche kleine Erzählungen des Liebenden für die Geliebte eingeflochten sind und welche ihrerseits gerahmt wird von einem erzählenden Vorspann und einem briefartigen, leicht ironischen Nachspann, der eine (Madeleine ähnelnde?) „Madame“ anspricht, die sichtlich diffiziler ist als die Geliebte der Haupthandlung. Im selben Jahr verfasste Gide die lange lyrische Erzählung Le Voyage d’Urien, wo er in Form eines Reiseberichts einmal mehr die schwierige Suche eines müßigen, materiell sorgenfreien jungen Intellektuellen nach dem „wahren Leben“ thematisiert.

Im Herbst 93, nachdem er wegen einer (offenbar leichten) Tuberkulose vom Wehrdienst befreit worden war, ging er zusammen mit einem befreundeten jungen Maler für einige Monate nach Nordafrika, um dort die Krankheit auszuheilen. Ein erstes homosexuelles Erlebnis, aber auch die ersten heterosexuellen Erfahrungen Gides datieren von dort. Insgesamt empfand er diese Zeit als Befreiung aus den Zwängen seiner calvinistisch-puritanischen Erziehung.

Im Herst 1894 schrieb er, fern von Paris in der Schweiz, sein erstes längeres Werk, Paludes, wo er nicht ohne Melancholie den Leerlauf in den Literatenzirkeln der Hauptstadt, aber auch seine eigene Rolle darin karikiert. Das Frühjahr verbrachte er einmal mehr in Nordafrika, teilweise in Gesellschaft von Oskar Wilde und dessen Geliebten.

Im Mai 1895 starb die Mutter Gides. Wenige Wochen später verlobte er sich mit Kusine Madeleine und heiratete sie im Herbst, nicht zuletzt wohl mit der Absicht, so seine homosexuellen Neigungen zu bekämpfen, die ihm inzwischen bewusst geworden waren. Die Ehe blieb jedoch, offenbar für beide Seiten, unbefriedigend.

Nach der Heimkehr von der fast halbjährigen Hochzeitsreise durch Italien und Nordafrika wurde Gide 1896 zum Bürgermeister des Dorfes La Roque-Baignard gewählt, wo er ein Landgut besaß. Natürlich lebte er trotzdem weiterhin in Paris. Hier knüpfte er neue Beziehungen in Literatenkreisen und wurde regelmäßiger Beiträger der Zeitschrift L’Ermitage. 1897 erschien, einmal mehr als Privatdruck, das zunächst kaum beachtete, nach 1918, d.h. nach dem Ersten Weltkrieg, aber sehr erfolgreiche Buch Les Nourritures terrestres. Es ist ein in pathetischer lyrischer Prosa vorgetragener Aufruf zur Öffnung gegenüber dem „wirklichen“ Leben und zur Sinnenfreude als dessen legitimem Bestandteil. Gide, so scheint es, hatte seinen Weg gefunden.

Auch die nächsten Jahre verbrachte er reisend (meist mit Madeleine) und schreibend. 1899 verfasste er Le Prométhée mal enchaîné, eine Erzählung um das Motiv des „acte gratuit“, einer völlig freien, willkürlichen Handlung. 1901 erschien ein erstes Stück, Le roi Candaule. (Diesem folgten noch etliche andere, die aber ebenfalls wenig zu Gides Ruhm beitrugen und keine Spuren in der Geschichte des franz. Theaters hinterließen.)

Sein Durchbruch (und finanzieller Grundstock für den Bau einer Villa in Auteuil bei Paris) war der Anfang 1902 erschienene Roman L’Immoraliste. Es ist die Geschichte eines jungen Mannes, der nach der Heilung von einer Tuberkulose ein völlig neues, sinnenfrohes Lebensgefühl entwickelt und diesem seine junge Frau rücksichtslos opfert, als sie ihrerseits erkrankt und Pflege nötig hätte wobei er immerhin nach ihrem Tod sein Verhalten als unmoralisch erkennt.

1907 erschien Le Retour de l'enfant prodigue, eine Erzählung um das biblische Motiv von der Heimkehr des verlorenen Sohns, der bei Gide jedoch seinem jüngeren Bruder rät, ebenfalls das elterliche Haus zu verlassen und nicht zurückzukommen, d.h. sich definitiv zu emanzipieren.

Als 1908 sein gewohntes Publikationsorgan L’Hermitage einging, gründete Gide 1909 mit einigen befreundeten Autoren die Zeitschrift La Nouvelle Revue Française. Dieser wurde 1911 ein gleichnamiger Verlag angegliedert, der unter der Leitung von Gaston Gallimard bald prosperierte. Über die NRF und den NRF-Verlag wurde Gide wohl der einflussreichste franz. Literat der Jahrzehnte bis ca. 1940, der mit fast allen europäischen Autoren von Rang in Kontakt stand.

1909 kam La Porte étroite heraus, ein in vieler Hinsicht autobiografischer Roman um den jungen Jérôme und seine etwas ältere Kusine Alissa, die von Kindheit an füreinander bestimmt scheinen, bis Alissa trotz ihrer Liebe Jérôme die Heirat verweigert, ihm ihre jüngere Schwester zu nehmen empfiehlt und sich in Askese und Frömmigkeit zurückzieht.

Das 1911 verfasste und zunächst nur privat und anonym gedruckte Werk Corydon, bestehend aus vier „sokratischen“ Dialogen, die die Klischeevorstellung von der Perversheit der Homosexualität zu korrigieren versuchen, kam erst 1924 im Buchhandel heraus.

1913 beteiligte sich Gide an der Eröffnung eines neuen Pariser Theaters, Le Vieux-Colombier, das vor allem den Autoren des NRF-Verlags eine Bühne bieten sollte.

Im Folgejahr (1914) erschien Les Caves du Vatican, ein Roman mit mehreren Handlungssträngen, die in der schillernden Figur des schönen jungen Kosmopoliten Lafcadio Wluiki und einem als „acte gratuit“ von ihm begangenen Mord zusammenlaufen. Der stilistisch sehr kunstvolle und von einer feinen Ironie getragene Roman gilt heute als Gides bestes Werk.

1915/16 war er aktiv in einer humanitären Organisation zur Betreuung von Flüchtlingen aus den vom Krieg verwüsteten nordostfranzösischen Gebieten.

Eine tiefe moralische und religiöse Krise Gides 1916 endete mit dem Kennenlernen seines dann langjährigen Partners Marc Allégret. Gide und Madeleine, die kinderlos geblieben war, lebten hiernach, ohne sich scheiden zu lassen, überwiegend getrennt. 1918 zog sie innerlich den Schlussstrich, indem sie (sehr zu seinem Ärger) alle seine Briefe an sie verbrannte, während er mit Allegret auf einer längeren England-Reise war.

1919 erschien der Roman La Symphonie pastorale, die Geschichte eines Pastors, der ein blindes Waisenmädchen in seine Familie aufnimmt, sie erzieht, sich in sie verliebt, sie aber an seinen Sohn verliert. Die Symphonie war der größte Bucherfolg Gides zu seinen Lebzeiten mit mehr als 1 Mio. Exemplaren und rd. 50 Übersetzungen.

Nach dem Kriegsende entwickelte auch er, wie so viele Autoren der Zeit, Sympathien für den von Russland nach Europa ausstrahlenden Kommunismus. Zugleich interessierte er sich für die russische Literatur: 1923 erschien sein Buch über Dostojewski, 1928 eine Übertragung der Novellen Puschkins.

1923 wurde er Vater einer außerehelich gezeugten Tochter (mit der und deren Mutter er ab 1927 im selben Pariser Mietshaus wohnte und die er nach dem Tod seiner Frau Madeleine adoptierte).

1924 (Gide war nun immerhin Mitte 50) erschien in drei Bänden eine Autobiografie bis zum Jahr seiner Heirat: Si le grain ne meurt.

1925 beendete er Les Faux-Monnayeurs (1926), einen kunstvoll angelegten Roman um die Entstehung eines Romans, die er überdies in einem Tagebuch begleitete (gedruckt ebenfalls 1926). Die Handlung (die damit beginnt, dass eine der Hauptfiguren sich als außerehelich gezeugt entdeckt) wirkt aufgrund häufiger Perspektivenwechsel etwas verwirrend, steht aber auf der Höhe der zeitgenössischen theoretischen und erzähltechnischen Errungenschaften der Gattung Roman, einer Gattung die sich selbst inzwischen zum Problem geworden war. Die Faux-Monnayeurs gelten als ein richtungweisendes Werk der modernen europäischen Literatur. Gide selber nennt es in seiner Widmung an Roger Martin du Gard (s.u.) mit leichter Ironie „mon premier roman“.

Im selben Jahr 25 verkaufte Gide er Villa in Auteuil und ging mit Allégret auf eine fast einjährige Reise durch die damaligen franz. Kolonien Congo (Brazzaville) und Tschad. Die seines Erachtens unhaltbaren ausbeuterischen Zustände dort schilderte er anschließend in Vorträgen und Artikeln sowie in den Büchern Voyage au Congo (1927) und Retour du Tchad (1928), womit er heftige Diskussionen entfachte und viele Angriffe auf sich zog.

1929 kam L'École des femmes heraus, die tagebuchartige Geschichte einer Frau, die ihren Mann als starren und seelenlosen Vertreter der bürgerlichen Normen demaskiert und ihn verlässt, um im Krieg Verwundete zu pflegen.

1931 beteiligte sich Gide an der von Jean Cocteau initiierten Welle antikisierender Dramen mit dem Stück Œdipe.

Ab 1932, im Rahmen der wachsenden politischen Polarisierung zwischen „rechts“ und „links“ in Frankreich und ganz Europa, engagierte Gide sich zunehmend auf Seiten der franz. kommunistischen Partei (PCF) und antifaschistischer Organisationen. So reiste er z.B. 1934 nach Berlin, um die Freilassung kommunistischer Regimegegner zu verlangen. 1935 leitete er einen Kongress antifaschistischer Schriftsteller. Auch mäßigte er seinen bis dahin vertretenen kompromisslosen Individualismus zugunsten einer Position, die die Rechte der Gesellschaft vor die des Einzelnen setzt.

Im Sommer 36 reiste er auf Einladung der russischen Regierung mit einer Gruppe von Autoren mehrere Monate durch die UdSSR. Seine Enttäuschung beim Blick hinter die Kulissen der kommunistischen Diktatur war jedoch groß. Seine Eindrücke von dieser Reise fasste er in dem vorsichtig-kritischen Bericht Au retour de l'U.R.S.S. zusammen. Als trotz seiner Zurückhaltung viele Kommunisten ihn attackierten und ihm vorwarfen, er unterstütze mit seiner Kritik indirekt Hitler, ging Gide auf Distanz zur Partei.

Nach dem Tode Madeleines (1938) verfasste er 1939 während einer Ägypten-Reise das autobiografische Et nunc manet in te (Und nun bleibt es in dir). Im Mittelpunkt des erst 1947 publizierten Buches steht die Person der Verstorbenen und das Drama ihrer Ehe.

Bei Kriegsausbruch 1939 zog Gide sich zurück zu Freunden in Südfrankreich. 1942 ging er nach Nordafrika, nachdem er vom passiven Sympathisanten des Marschalls Pétain zu einem aktiven Unterstützer General de Gaulles mutiert war. Für diesen warb er z.B. mit einer Propagandareise (1944) durch die westafrikanischen Kolonien, deren Gouverneure lange zwischen der offiziellen franz. Regierung unter Pétain und der Londoner Exilregierung unter de Gaulle schwankten.

1946 publizierte Gide sein letztes größeres Werk, Thésée, eine fiktive Autobiografie des antiken Sagenhelden Theseus.

In den Nachkriegsjahren konnte er noch seinen Ruhm genießen mit Einladungen zu Vorträgen, Ehrendoktorwürden, der Verleihung des Nobelpreises, Interviews, Filmen zu seiner Person u.ä.m.

1939, 1946 und 1950 erschienen seine Tagebücher unter dem Titel Journal. Sie enthalten Erlebnisse und Reflexionen eines Autors, der sich seiner Bedeutung durchaus bewusst ist, und sind naturgemäß ein faszinierendes Zeitdokument.

Eine indirekte Anerkennung seiner Bedeutung war, dass 1952 seine Bücher auf den Index gesetzt wurden.

(Stand: Jan. 10)

Paul Valéry (*1871; †1945). Er war einer der letzten, wenn nicht der letzte unbestritten große Lyriker Frankreichs.

Nach der Kindheit im südfranzösischen Sète verbrachte er seine Jugendjahre in Montpellier und studierte, als Sohn eines höheren Beamten, dort auch Jura. 1894 (er schrieb schon seit vielen Jahren Gedichte) ging Valéry nach Paris, wo er sich von Gide, den er 1890 in Montpellier kennengelernt hatte, in Literatenkreise und vor allem bei Mallarmé einführen ließ, der ihm zum Vorbild wurde.

1897 erhielt er eine Anstellung als rédacteur im Kriegsministerium, wo er z.B. eine längere Studie über die Gefahren des deutschen Expansionismus verfasste. 1900 wurde er Privatsekretär bei einem Wirtschaftsmagnaten, bis er wenig später als freier Schriftsteller leben konnte. Als dieser verfasste er vor allem Essais über kulturelle, philosophische, literaturtheoretische und −kritische sowie literarhistorische Themen, daneben schrieb er kürzere, oft schwer klassifizierbare literarische Texte und vor allem immer wieder Lyrik. Diese entwickelte er, nach symbolistischen Anfängen, hin zu einer "poésie pure", die gedankliche Präzision und formale Vollendung zu vereinen versucht, allerdings auch sehr hermetisch ist.

Um 1920 galt er als der größte franz. Lyriker seiner Zeit und genoss hohes Ansehen auch im übrigen intellektuellen Europa. 1923 wurde er chevalier de la Légion d'honneur, 1925 erfolgte seine Aufnahme in die Académie française, 1937 wurde er mit einer Professur für Poetik am Collège de France ausgezeichnet. Valéry war wohl der letzte Autor in Frankreich, der auskömmlich von Lyrik leben konnte, d.h. genauer von seinem Status als eine Art Dichterfürst, der nebenher mit gut bezahlten Auftragsarbeiten von Verlagen und Zeitschriften bedacht und häufig zu Vorträgen, Lesungen und Ähnlichem eingeladen wurde. Nach ihm sank die ein Jahrhundert lang so erfolgreiche Gattung Lyrik in Frankreich zu einer marginalen Gattung ab, mit der auch kaum mehr Geld zu verdienen ist.

Valérys lyrische Hauptwerke sind: La jeune Parque (1917) und die Gedichtsammlung Charmes (1922). Sie enthält u.a. das berühmte Langgedicht Le Cimetière marin (1920) und wurde von Rilke ins Dt. übertragen. Sein Leben lang beschäftigte sich Valéry auch mit erkenntnistheoretischen Überlegungen, die er in seinen Cahiers sammelte (29 Bde!, erst postum publiziert).

Marcel Proust (*1871; 1922). Dieser heute als richtungweisend für den modernen Roman betrachtete Autor war Sohn eines renommierten und wohlhabenden Reiche-Leute-Arztes, der aus der Provinz nach Paris gekommen war, und einer Mutter aus reicher jüdischer Pariser Familie. Er absolvierte seine Schulzeit am Lycée Condorcet und studierte dann an der École des Sciences politiques. Als junger Mann verkehrte er in der Pariser High Society von Großbourgeoisie und Adel. Früh betätigte er sich literarisch, aber auch als Literaturtheoretiker, z.B. mit dem Essai Contre Sainte-Beuve (1905), wo er als einer der ersten gegen den allzu kausal denkenden Biografismus zu Felde zieht, der die positivistische universitäre Literaturkritik der Zeit beherrschte. Nachdem er schon als Kind viel krank gewesen war, lebte Proust ab etwa 30 als Dauerkranker (Asthma) an sein Zimmer gefesselt. 1905 begann er seine Jugenderinnerungen zu verarbeiten in dem nach und nach auf sieben Bände anwachsenden Roman A la recherche du temps perdu, dessen erzählte Zeit die Spanne von etwa 1880 bis 1920 umfasst. Der erste Band, Du côté de chez Swann, erschien 1913 und erhielt 1919 den Prix Goncourt; der letzte Band, Le Temps retrouvé, kam erst postum 1927 heraus. Die Recherche gilt inzwischen als eine der literarischen Großtaten des 20. Jahrhunderts: formal wegen Prousts damals revolutionären Verzichts auf eine chronologische und lineare Handlung, stilistisch wegen der kunstvollen, oft leise ironischen Sprache, inhaltlich wegen der psychologisch einfühlsamen und zugleich distanzierten Darstellung eines bestimmten Milieus, nämlich der Pariser Oberschicht der Belle Époque.

Sidonie-Gabrielle Colette (*28.1.1873 in Saint-Sauveur-en-Puisaye (Bourgogne); †3.8.1954 in Paris).

Von vielen Lesern und auch Literatenkollegen seit langem hochgeschätzt, findet diese sehr fruchtbare Romanautorin erst seit kurzem auch bei der universitären Literaturkritik die ihr gebührende Anerkennung.

Colette (wie sie sich als Autorin ab 1923 schlicht nannte) wurde geboren und wuchs auf als jüngstes von vier Halbgeschwistern und Geschwistern in dem o.g. burgundischen Dorf, wo ihr Vater, ein wegen Kriegsverletzung ausgemusterter Offizier, Steuereinnehmer war. Anders als die drei älteren Geschwister besuchte sie keine weiterführende Schule, wurde jedoch gefördert von ihrem literarisch interessierten Vater sowie vor allem der klugen und verständnisvollen Mutter, mit der sie später in engem Briefkontakt blieb.

Bei einer Reise nach Paris lernte sie mit 16 (1889) den 30-jährigen Henry Gauthier-Villars kennen, der sich dort schon einen gewissen Namen als Literat und Salonlöwe gemacht hatte. 1893 heiratete sie ihn und wurde von ihm, der rasch ihr Schreibtalent erkannte, angelernt und ausgenutzt. So verfasste sie ab 1896 eine Serie von Romanen, die in der Ich-Form und mit vielen autobiografischen Elementen die Geschichte einer jungen Frau erzählen und die von ihm unter seinem Pseudonym „Willy“ von 1900-1903 zunehmend erfolgreich publiziert wurden: Claudine à l'école, Claudine à Paris, Claudine en ménage und Claudine s'en va (C. in der Ehe; C. geht fort; die Titel hier und im Folgenden sind wörtlich bzw. sinngetreu übersetzt und entsprechen nicht unbedingt den eventuellen Titeln deutscher Ausgaben).

Bald nach dem letzten Claudine-Roman ging auch sie selbst, verletzt und angewidert von den ständigen Seitensprüngen „Willys“. Nach ihrer Scheidung (1905), bei der er sich die Autorenrechte an den Claudines zu sichern schaffte, nahm sie Unterricht bei dem Pantomimen Georges Wague und gastierte ab 1906 sechs Jahre lang mit „Mimodramen“ auf zahlreichen Variété-Bühnen in Paris und der Provinz. Anfangs trat sie hierbei des öfteren zusammen mit der zehn Jahre älteren Mathilde („Missy“) de Morny auf, der als unkonventionell bekannten Tochter eines Halbbruders von Kaiser Napoléon III, mit der sie ein (damals naturgemäß skandalöses) lesbisches Verhältnis unterhielt und von der sie auch finanziell unterstützt wurde.

Zugleich schrieb und publizierte sie weiter, nunmehr unter dem Namen „Colette Willy“: u.a. La Retraite sentimentale (=Rückzug von der Liebe), 1907, Les vrilles de la vigne (=die Ranken der Weinrebe), 1908, oder L'ingénue libertine (=die naive Freizügige/freizügige Naive), 1909.

1909 begann sie La Vagabonde (=die Vagabundin), einen einmal mehr autobiografischen Roman, in dem sie in der Ich-Form die Existenz einer enttäuscht geschiedenen Ehefrau, erfolgreichen Varieté-Künstlerin und Angebeteten eines reichen Erben darstellt. (Ihr eigenes kurzlebiges Verhältnis mit dem Millionen-Erben Auguste Hériot, der 1910 eine Italienreise mit ihr unternahm, lag zeitlich offenbar erst nach dem Roman.) La Vagabonde, die zunächst im Feuilleton einer Zeitschrift erschien, kam 1910 in die engere Wahl für den renommierten Literaturpreis Prix Goncourt und bedeutete den Durchbruch Colettes als Autorin.

Auch als Journalistin war sie nun gesucht und erhielt eine eigene Rubrik im Feuilleton des Pariser Tageblattes Le Matin. Ab 1911 lebte sie zusammen mit dessen Chefredakteur, dem ebenfalls geschiedenen, ein Jahr jüngeren Baron Henry de Jouvenel des Ursins, den sie Ende 1912 heiratete. Kurz zuvor starb ihre Mutter, wobei ihr Halbbruder (aus Zorn, weil sie nicht zur Beerdigung gekommen war?) ihre ca. 2000 Briefe an sie verbrannte.

1913 verarbeitete sie nochmals ihr früheres Leben im Variété in L'Envers du music-hall (=Die Kehrseite des Variétés).

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914 war auch für Colette ein tiefer Einschnitt: Jouvenel wurde zum Militär eingezogen (brauchte aber nicht an die Front, sondern bekleidete ständig höhere Posten im Umfeld der Regierung). Sie selbst schickte im Überschwang der allgemeinen Kriegsbegeisterung ihre 1913 geborene Tochter samt Gouvernante auf ein Landgut der Jouvenels und betätigte sich als Krankenschwester, zunächst in Paris, dann in einem Lazarett bei Verdun. 1915 waren Überschwang und Opferbereitschaft offenbar auch bei ihr verflogen und sie bereiste das mit Frankreich gegen Deutschland und Österreich verbündete Italien als Reporterin für Le Matin, für den sie auch die nächsten Jahre schrieb. Anfang 1917 begleitete sie Jouvenel nach Rom, der dort auf einer Konferenz Frankreich vertrat. Hier wurde in ihrem Dabeisein und nach einem Drehbuch von ihr La Vagabonde verfilmt.

Zurück in Paris, begann sie endlich wieder einen neuen Roman, Mitsou, ou comment l'esprit vient aux filles (=M., oder wie den Mädchen ein Licht aufgeht), der 1919 erschien. Im selben Jahr wurde sie Leiterin des literarischen Feuilletons des Matin. 1919/20 verfasste sie ihren bekanntesten Roman: Chéri (=Liebling), die Geschichte der letztlich unmöglichen Liebe eines jungen Mannes und einer älteren Frau. Das Thema lag ihr nahe, denn sie hatte gerade selber eine Affäre mit ihrem Stiefsohn Bertrand de Jouvenel (geb. 1903) begonnen. Chéri wurde 1921 von ihr und einem Co-Autor zu einem Theaterstück verarbeitet, in dem sie bei der 100. Aufführung, aber auch später noch des öfteren, selbst die Rolle der weiblichen Protagonistin spielte.

Inzwischen hatte ihr Mann als Politiker Karriere gemacht, und auch sie war arriviert: 1920 war sie zum Chevalier de la Légion d’honneur ernannt worden (1928 wurde sie sogar zum Officier und 1936 zum Commandeur befördert.) Ihre Ehe allerdings ging in die Brüche, denn auch Jouvenel hatte sich als untreu erwiesen und verließ sie 1923.

1922 begann sie im Feuilleton des Matin den kleinen Roman Le Blé en herbe abzudrucken (=noch grünes Getreide [das aus irgendwelchen Zwängen vor der Reife geschnitten wird]). Er kreist um das Thema der sexuellen Initiation eines Jugendlichen durch eine ältere Frau und um den unseligen Zugzwang, in den hierdurch seine jugendliche Freundin gerät. Der Abdruck musste wegen moralischer Entrüstung vieler Leser der Zeitung abgebrochen werden. Bei der Buch-Publikation 1923 benutzte die Autorin erstmals das schlichte „Colette“ als Namen.

1922 und 1929 setzte sie ihrer eigenwilligen naturliebenden Mutter ein Denkmal in den Romanen La maison de Claudine  und Sido.

1925 lernte sie den deutlich jüngeren reichen Perlenhändler Maurice Goudeket (geb. 1889) kennen, mit dem sie zunächst häufig längere Reisen unternahm und den sie 1935 heiratete.

Ab 1939 litt sie unter einer fortschreitenden Arthrose der Hüftgelenke, die ihr das Leben erschwerte und sie zunehmend an ihre neue Wohnung im Palais Royal fesselte. Ein 1941 gedruckter autobiografischer Text hieß entsprechend De ma fenêtre (=aus meinem Fenster).

Während der deutschen Besetzung Nordfrankreichs und der antisemitischen Aktionen der französischen Vichy-Regierung gelang es ihr, ihren aus einer jüdischen Familie stammenden Mann aus der Haft zu befreien und ihm beim Untertauchen zu helfen.

1942 erzielte sie einen ihrer größten Erfolge mit dem kurzen Feuilleton-Roman Gigi  (als Buch erschienen 1944). Er erzählt  von der Heirat einer hübschen, aber mittellosen jungen Halbwaise mit einem wohlhabenden älteren Mann zur Zeit der Belle Époque und versetzte so, mitten im Zeiten Weltkrieg, Autorin und Leser zurück in bessere Zeiten.

Nach dem Kriegsende wurde Colette zur (längst auch wohlhabenden) großen alten Dame der französischen Literatur der ersten Jahrhunderthälfte. Sie schrieb und publizierte, wurde gelesen und verfilmt, hielt Vorträge und reiste hin und wieder, meist allerdings zu Kuren um ihre Arthrose zu lindern. Sie wurde geehrt wie kaum eine Schriftstellerin vor ihr. Z.B. wurde sie 1945 eines der zehn Mitglieder und 1949 sogar Vorsitzende der Académie Goncourt, wogegen sich die Académie française noch nicht zu ihrer Aufnahme durchringen konnte.

Von 1948 bis 1950 erschien in 15 Bänden eine Gesamtausgab