Liest man die „Biographie über François Villon“ von Paul Zech im Anhang seiner Villon-Nachdichtung Die lasterhaften Balladen und Lieder des François Villon, so hat man den Eindruck, das Leben des Autors sei bestens bekannt. Doch sind in Wahrheit unsere Kenntnisse nur bruchstückhaft und ungleichmäßig. Sie stammen erstens aus sechs erhaltenen Pariser Dokumenten, die Villon in Zusammenhang mit Straftaten erwähnen, zweitens aus einem Sammelmanuskript des Herzogs und Lyrikers Charles d'Orléans (1394-1465), das neben dessen Werken auch fremde Gedichte, darunter vier von Villon, enthält, und drittens aus Angaben und Hinweisen Villons selbst, die sich direkt oder indirekt entnehmen lassen aus seinen Texten, insbesondere dem Testament, seinem 1461/62 verfassten Hauptwerk. Aus der Gesamtheit dieser Informationen lässt sich folgendes Mosaik zusammensetzen, das in vielen Punkten allerdings nur hypothetisch ist:
Villon wurde, laut seinen Angaben im Testament, 1431 (vielleicht am 31. März) in Paris geboren, als Sohn eines mittellosen, frühverstorbenen Vaters und einer 1462 noch lebenden ärmlichen Mutter. Schon als Junge - über die Gründe und Umstände sagt er nichts - wurde er aufgenommen von einem aus Dokumenten bekannten Guillaume de Villon, einem vermögenden Kirchenrechtsdozenten und Kaplan, der aus dem Dorf Villon in der Bourgogne stammte und im Stift der Kirche Saint-Benoît im Quartier Latin lebte.
Zweifellos ihm, den er im Testament (Vers 849) halb liebevoll, halb ironisch als seinen „mehr als Vater" bezeichnet, verdankte Villon seine Bildung. Von ihm auch übernahm er, sichtlich nicht unerlaubt, den Nachnamen, den er (normalerweise ohne „de“) spätestens ab Anfang 1456 benutzte.
Die richtige Aussprache dieses Namens war übrigens seinerzeit [viljõ], heute also [vijõ]. Das von Manchen bevorzugte [vilõ] ist unrichtig, denn in mehreren Texten, wo Villon seinen Namen als Reimwort im Refrain benutzt, reimt er ihn ausschließlich mit Wörtern auf –(i)llon, z.B. tourbillon, Roussillon, haillon. Zudem wird Guillaume in lateinisch verfassten Urkunden „Guillelmus de Vilione“ genannt. Auch sein Herkunftsort Villon spricht sich heute [vijõ].
Der ursprüngliche Familienname von Villon steht nicht fest. So heißt er in einer Begnadigungsurkunde von Januar 1456, deren Text vermutlich auf einem von ihm selbst verfassten Gnadengesuch beruht, „François des Loges, autrement dit de Villon“. In einer wenig später ausgestellten weiteren Urkunde zur selben Straftat wird er dagegen „Françoys de Monterbier“ genannt. Die in Literaturgeschichten und Lexika häufig als Faktum zu findende Angabe, er habe „de Montcorbier“ geheißen, ist eine bloße Vermutung, die darauf basiert, dass der „Monterbier“ der zweiten Begnadigungsurkunde identisch sein könnte mit einem „Franciscus de Moultcorbier“ alias „Montcorbier“, der in erhaltenen Studentenlisten der Pariser Universität 1449 als Baccalaureus und 1452 als Magister figuriert.
Nach einer vermutlich von Guillaume vermittelten ersten Bildung in Lesen, Schreiben und Latein absolvierte Villon die propädeutischen Studien an der Artistenfakultät und schloss sie ab mit dem Magistergrad (maistre). Danach begann er offenbar ein Fachstudium, vermutlich eher Theologie als Kirchenrecht oder Medizin. Erfolgreich beendet hat er es zu seinem späteren Bedauern aber nicht (vgl. Test., V. 201-208). Vielmehr muss er bald nach Beginn, vielleicht während des fast einjährigen Streiks der Pariser Professoren 1453/54, aus dem Tritt geraten sein und sank ab in das zahlenmäßig offenbar größere akademische Proletariat der Hauptstadt. Hierbei schloss er sich zumindest gelegentlich Kriminellengruppen an, wahrscheinlich sogar der gefürchteten Mafia der „Muschelbrüder“ (Coquillards), die in der Bourgogne, Champagne und Île de France operierte. Immerhin bezeichnet er sich Ende 1457 in einem Lobgedicht auf eine Fürstentochter als „Scholar“ (escolier), und noch 1462 nennt er sich so in seiner fiktiven Grabinschrift (Test., V. 1886). Auch scheint er 1461 gegenüber der Gerichtsbarkeit des Bischofs von Orléans auf seinen Status als Student der Universität Paris gepocht zu haben.
Unbekannt ist, ob er in seinen jüngeren Studentenjahren schon Verse schrieb. Vielleicht jedoch stammen einige wenige der ins Testament eingestreuten Gedichte bereits aus der Zeit vor und um 1455. Nur ein fiktives Scherzobjekt dagegen dürfte der lange als verlorenes Jugendwerk betrachtete Roman du Pet-au-diable (R. vom Teufelsfurz) sein, den Villon im Test. (V. 858) erwähnt und mitsamt seiner sicher ebenfalls fiktiven Bibliothek seinem Ziehvater Guillaume vermacht.
Die hierzulande dank Paul Zech verbreitete Vorstellung, dass Villon damals oder auch später in Pariser Tavernen und anderswo selbst verfasste und vertonte Lieder vorgetragen habe, ist weder durch eigene Angaben belegt, noch wird es in den ihn betreffenden Dokumenten erwähnt, noch lässt es sich aus seinen erhaltenen Texten erschließen. Die Zugehörigkeit vieler seiner Gedichte zur Gattung „Ballade“ beweist in diesem Sinne nichts, denn ab ca. 1400 wurden Balladen in der Regel nicht mehr vertont. Auch gibt es keinen Anhaltspunkt dafür, dass Villon musikalisch interessiert oder ausgebildet war.
Nur Fiktion ist eine Verserzählung von ca. 1480, die sich auf diese Jahre zu beziehen scheint und berichtet, wie der „gute Magister François Villon“ trickreich Speise und Trank zu einem fröhlichen Mahl für sich und seine Kumpane ergaunert. Dieser lange Zeit ihm selber zugeschriebene anonyme Schwank hat jedoch bis weit ins 19. Jh. hinein sein Bild geprägt als einer Art französischen Eulenspiegels.
Das erste sichere biografische Datum ist der 5. Juni 1455. Am Abend dieses Tages verletzte Villon bei einer Messerstecherei vor der Kirche Saint-Benoît einen offenbar pfründelosen, vermutlich ebenfalls kriminellen Priester, der wenig später starb, nicht ohne expressis verbis auf eine Strafverfolgung Villons verzichtet zu haben. Dieser, der sich bei einem Barbier die vom Messer des Priesters aufgeschlitzte Lippe verbinden lassen musste, flüchtete hiernach aus Paris. Glaubt man einigen Passagen im Testament, die auf die anschließende Zeit im Exil anspielen könnten, hätte er sich nicht allzu weit von seiner Heimatstadt entfernt und keine größeren Entbehrungen erlitten.
Nachdem er in Abwesenheit verurteilt, d.h. vermutlich mit der in solchen Fällen üblichen Verbannungsstrafe belegt worden war, konnte er schon Anfang 1456 zurückkehren aufgrund der beiden erwähnten königlichen Gnadenbriefe, in denen der Tathergang als Notwehr dargestellt ist. Wer ihm die kurz nacheinander ausgestellten Urkunden verschafft hat, ist unbekannt. Vielleicht verdankte er die eine (wo er sich „Villon“ mit Zweitnamen nennt) seinem Ziehvater Guillaume und die andere dessen Stiftsherrnkollegen Fournier, der ihm als Anwalt offenbar des öfteren behilflich war (vgl. Test. V. 1030). Oder waren auch die Muschelbrüder im Spiel?
Wahrscheinlich stammt aus der Zeit bald nach der Rückkehr Villons sein erstes halbwegs sicher datierbares Werk: die offensichtlich an ein Publikum von gebildeten jungen Kriminellen gerichtete witzig-spöttische Ballade des contre-vérités (B. der Antiwahrheiten), die aus einer Serie von Gaunerweisheiten besteht und eine ähnliche, aber hochmoralische Ballade von Alain Chartier (1385-1433) parodiert.
Ende 1456 gibt es einen weiteren Fixpunkt. Laut erhaltenen Dokumenten unternahm Villon „um Weihnachten“ mit vier Komplizen, darunter drei Klerikern (!), einen nächtlichen Einbruch in die Sakristei der Kapelle des Collège de Navarre im Quartier Latin, wobei ein Tresor geknackt und 500 Taler erbeutet wurden.
Kurz darauf entfernte er sich erneut aus Paris. Zweifellos noch vor seinem Weggang schrieb er für dasselbe Publikum wie das der Ballade, d.h. seine Umgebung studierter junger Krimineller, sein mit gut 320 Versen erstes längeres Werk: das Lais (= Legat) bzw. Petit Testament. Es ist eine witzige Kombination aus den Parodien einer höfischen Liebesklage, eines literarischen Testaments und eines Traumgedichts. Im Testament-Teil des Lais übermacht er boshaft-respektlose fiktive Hinterlassenschaften an allerlei real existierende, fast immer namentlich genannte Leute, vor allem Amtsträger aus Justiz, Polizei und Verwaltung sowie andere Pariser Honoratioren, die er auf diese Weise (indem er sie z.B. als verkappte Homosexuelle hinstellt) dem Gelächter der Kumpane präsentiert, offenbar damit diese ihn während seiner Abwesenheit aus Paris nicht vergessen.
Das Objekt seiner enttäuschten Liebe, über das er sich im Anfangsteil des Lais beklagt und sich später noch, im Testament, sehr boshaft äußert, hat sich trotz vieler hierzu angestellter Vermutungen nicht dingfest machen lassen. In letzter Zeit wird nicht mehr ausgeschlossen, dass es keine Frau war, sondern ein Mann.
Villon hatte im Lais (V. 43) en passant gesagt, er „gehe fort nach Angers“. Diese Angabe wird präzisiert durch ein erhaltenes Protokoll von Mai 1457, laut dem ein besuchsweise in Paris weilender Priester der Polizei berichtete, ein gewisser Tabary habe ihm von einem Einbruch ins Collège de Navarre erzählt sowie auch davon, dass ein Spezi namens Villon fort nach Angers sei, wo er in einem Kloster einen Onkel besuchen und dabei auskundschaften wolle, wie man dort einen reichen Mönch berauben könne. Ob Villon tatsächlich in Angers war und ob aus dem Coup etwas wurde, wissen wir nicht. Ebenso wenig wissen wir, ob er (wie manche Biografen vermuten) eher deshalb dorthin wollte, weil er hoffte, den literaturbeflissenen Herzog René d'Anjou als Mäzen zu gewinnen.
Er wird erst wieder greifbar Ende 1457 in Blois, wo er offenbar im letzten Augenblick vor der Vollstreckung eines Todesurteils bewahrt wurde durch eine Amnestie, die Herzog Charles d'Orléans zu Ehren der Geburt seiner Tochter Marie (19. Dez.) erlassen haben muss. Villon deutet dies an und bedankt sich - pro forma bei der Neugeborenen, de facto natürlich beim Vater - in seinem Dit de la naissance de Marie d'Orléans (Gedicht von der Geburt Maries von O.), einem zeremoniösen Lob- und Dankgedicht, das er als „Euer armer Scholar François“ unterzeichnet und das ihm, wie er in einem weiteren Dankgedicht, der Double ballade (Doppelballade), stolz andeutet, Zutritt zum herzoglichen Hof verschaffte. Hier beteiligte er sich an einem Dichterwettstreit über das paradoxe Thema „Durst angesichts einer Quelle“, wobei er in einer höchst kunstvollen Ballade seine psychologischen Probleme als plebejische Randfigur zwischen den Höflingen darstellt und den Herzog um mehr Unterstützung bittet.
Als er diese Ballade, ebenso wie vorher schon die beiden anderen Gedichte, eigenhändig in das genannte erhaltene Sammelmanuskript des Herzogs eintrug, las er darin und stieß auf einen Briefwechsel in halb französisch, halb lateinisch verfassten Balladen zwischen Charles und einem Günstling, einem gewissen Fredet. Er konnte es nicht lassen, auch seinerseits eine französisch-lateinische Ballade zu improvisieren, und zwar eine spöttische gegen Fredet, der offenbar in Blois anwesend war und den er sichtlich (oder der ihn?) als Rivalen empfand. Die Reaktion waren zwei erboste Gedichte von einem Pagen des Herzogs und von diesem selbst, worin Villon, ohne namentlich genannt zu werden, als Störenfried getadelt, d.h. vor die Tür gewiesen wird.
Vermutlich verließ er hiernach den herzoglichen Hof, sehnte sich aber sicher bald dorthin zurück, wo er zwar nicht glücklich, aber satt gewesen war. Entsprechend hat er offenbar versucht sich Charles wieder anzunähern, und zwar in Vendôme, wo jener Ende Sept./Anfang Okt. 1458 an einem Hochverratsprozess gegen seinen Schwiegersohn Herzog Jean d'Alençon teilnahm. Villons erste Bitte um Versöhnung mittels der zerknirschten Ballade des proverbes (B. der Sprichwörter) ließ Charles von einem Höfling durch eine andere Sprichwortballade zurückweisen. Dagegen scheint er einen zweiten Anlauf mittels der um Nachsicht werbenden Ballade des menus-propos (B. der Banalitäten) belohnt zu haben mit den sechs Talern, die Villon später (1461) in einer neuerlichen Bittballade an ihn erwähnt.
Nach dem mutmaßlichen Kontakt mit Charles in Vendôme verschwindet Villon für fast drei Jahre im Dunkeln. Ob er (wie manche Biografen vermuten) in dieser Zeit versucht hat, Herzog Jean de Bourbon, den er von Blois her gekannt haben dürfte, als Mäzen zu gewinnen, bleibt unbewiesen und ist wenig wahrscheinlich. Näher liegt die Vermutung, dass er sich wieder Banden bzw. den Muschelbrüdern angeschlossen hat.
Er wird erst wieder greifbar 1461. Glaubt man den Eingangsstrophen des Test. (V. 4-48), verbrachte er den ganzen Sommer dieses Jahres in einem Kerker des Bischofs von Orléans, Thibaut d'Aussigny, in Meung-sur-Loire. Über die Gründe seiner Haft, offenbar im Fundament des Turms der dortigen Burg, schweigt Villon sich aus, doch stellt er den Bischof als hart und ungerecht dar. Anscheinend verfasste er dort zwei Balladen, vielleicht anlässlich kurzer Besuche von Herzog Charles d'Orléans beim Bischof, der den Sommer über in oft Meung residierte. Die eine ist die scheinbar an Schausteller, Vaganten und Dirnen, tatsächlich aber wohl an den Bischof und den Herzog gerichtete Épître à ses amis (Brief an seine Freunde), wo Villon kläglich-komisch um Befreiung aus dem Kerker bittet. Die andere ist der Débat du cœur et du corps de Villon (Disput zwischen Herz und Leib Villons), ein Dialog des Autor-Ichs mit seinem Herzen als seinem besseren Selbst. Auch dieses Gedicht, in dem Villon halb noch trotzig in der Rolle des Ganoven spricht und halb schon reuig in der Rolle des ehrbaren Mannes, war sicher für den Bischof und den Herzog als Leser gedacht.
Er kam jedoch erst frei durch eine Amnestie des neugekrönten Königs Louis XI, der am 2. und 3. Okt. in Meung auf einer Reise Station machte und vielleicht einer Fürbitte des ihn begleitenden Herzogs Charles nachkam. Villon wendete sich hierauf dankbar und zweifellos auf eine Zuwendung hoffend an Louis mit der monarchistisch-patriotischen und zugleich Gelehrsamkeit demonstrierenden Ballade contre les ennemis de la France (B. gegen die Feinde Frankreichs). Aber Louis reagierte offenbar nicht, denn der explizite Dank, den Villon ihm später im Test. (56-72) abstattet, ist voll versteckter Spitzen, z.B. der, dass er ihm zwölf energische und streitbare Söhne wünscht - eine Schreckensvision für jeden Fürsten. Nach der mutmaßlichen Enttäuschung durch Louis wendete Villon sich umgehend an Herzog Charles mit einer witzig-verzweifelten Bittballade (die lange fälschlich unter dem Titel Requête au duc de Bourbon [Gesuch an den Herzog von Bourbon] figurierte). Er konnte sie ihm jedoch, wie ein Postskriptum auszusagen scheint, erst ein paar Tage später in Blois zukommen lassen, wo sie ihm ein Geldgeschenk eingetragen haben muss (vgl. Test., 101 f.).
Villon kehrte nun zurück nach Paris, blieb vermutlich aber zunächst vor den Toren der Stadt, denn der Einbruchdiebstahl im Collège de Navarre (1456) war ja ungesühnt. Sichtlich war er aber von dem Wunsch beseelt, ein neues Leben anzufangen. Dies jedenfalls zeigt die scheinbar an junge Kriminelle, tatsächlich aber an fromme und gebildete ältere Herren, d.h. vor allem wohl an Guillaume de Villon, gerichtete Ballade du bon conseil (B. vom guten Rat). Hierin stellt Villon sich selber als bekehrten und gebesserten Ex-Verbrecher dar, der junge Noch-Verbrecher ermahnt und der es deshalb verdient, dass er unterstützt und in Ehren wieder aufgenommen wird.
Sein Wunsch nach Reintegration muss aber frustriert worden sein. Seine Entwicklung von Gutwilligkeit zu Enttäuschung und Verzweiflung zeigt die pessimistische Ballade de Fortune (Fortuna-B.), wo er sich in der vielleicht nicht nur fiktiven Rolle eines Gipsarbeiters, der sich im Steinbruch und am Kalkofen „abnützt“, von der Schicksalsgöttin Fortuna eine Lektion in Fatalismus erteilen lässt. Die nachfolgende Hinwendung zu Auflehnung und Trotz lässt sein ab Ende 1461 entstehendes Hauptwerk erkennen, das Testament. Dessen berühmter, halb reumütiger, halb Gott und die Welt anklagender Anfangsteil scheint noch an potenzielle Helfer und Gönner gerichtet, vor denen sich Villon, sicher in der Hoffnung auf Hilfe, darstellt als ein zwar nicht unbeteiligtes, überwiegend aber schuldloses Opfer der Verhältnisse. Der sarkastisch-satirische Hauptteil und Schluss des Test. dagegen scheint überwiegend für dieselbe kriminelle Leser- bzw. Hörerschaft verfasst wie das Lais. Denn Villon geißelt erneut mit seinen boshaften Legaten zahlreiche als dümmlich, sittenlos und korrupt vorgestellte Pariser Honoratioren, und dies in einer Weise, die vom normalen, den höheren Schichten angehörenden literarischen Publikum der Zeit kaum goutiert werden konnte.
Wirklich fiel er zurück ins Kriminellenmilieu, das einzige, das ihn wieder aufzunehmen bereit war und ihm inzwischen offenbar (vgl. Test., 1054 ff.) eine heimliche Bleibe in der Stadt verschafft hatte, wo er wohl im Frühjahr oder Sommer 1462 das Testament abschloss.
Vermutlich stammen aus der Zeit kurz danach, d.h. Sommer/Herbst 62, sechs unter seinem Namen überlieferte sowie fünf ihm zuschreibbare Balladen im Gaunerjargon. Hierin warnt Villon in der Rolle und Sprache eines Gauners die Kumpane vor Polizei, Justiz und dem Henker. Es sind schwer verständliche, düster-realistische Texte, die aber zugleich einen trotzigen Stolz verraten und mittels derer Villon sich vielleicht endgültig mit seiner kriminellen Umgebung zu identifizieren gedachte.
Anfang Nov. 62 saß er wegen eines offenbar kleineren Diebstahls im Pariser Stadtgefängnis. Er sollte schon entlassen werden, als die Geschädigten des Einbruchs ins Collège de Navarre von seiner Anwesenheit in Paris erfuhren. Er musste seine Beteiligung zugeben und kam erst frei gegen die (als Aktennotiz erhaltene) Verpflichtung, innerhalb von drei Jahren seine 120 Taler Anteil an der Beute zurück zu erstatten. Offenbar hatte Guillaume für ihn gebürgt, denn sichtlich lebte Villon hiernach bei ihm im Stift von Saint-Benoît.
Dies allerdings nur kurze Zeit. Laut einen erhaltenen Dokument war er eines Abends im November oder Dezember mit drei Kumpanen auf dem Heimweg von einem gemeinsamen Essen, als einer der drei die noch arbeitenden Angestellten eines Notars provozierte. Bei dem nachfolgenden Handgemenge kriegte der Notar einen Messerstich ab. Villon hatte sich zwar zu Beginn der Tätlichkeiten aus dem Staub gemacht, wurde aber am nächsten Tag verhaftet. Die Richter des Pariser Stadtgerichts, die vermutlich - und sei es per Hörensagen - vom Testament und dessen ehrenrührigen Anwürfen wussten, nutzten offenbar die Gelegenheit, Villon foltern zu lassen und zum Tod am Galgen zu verurteilen.
Zweifellos in der Todeszelle dichtete er zwei seiner besten, sichtlich seine Angst verarbeitenden und verdrängenden Texte: die Ballade des pendus (B. der Gehenkten), wo er fatalistisch in der Rolle des schon am Galgen Baumelnden die Passanten um Mitgefühl bittet, und das Quatrain (Vierzeiler), wo er voll schwarzem Humor an den Augenblick denkt, in dem „durch ein kurzes Stück Strick sein Hals erfahren wird, was sein Hintern wiegt“.
Allerdings hatte er zugleich Berufung eingelegt beim obersten Gerichtshof, dem Parlement. Dieses kassierte in der Tat am 5. Jan. 1463 das unangemessen harte Todesurteil, wandelte es aber „angesichts des schlimmen Lebenswandels besagten Villons“ um in zehn Jahre Verbannung aus Stadt und Grafschaft Paris. Villon verfasste daraufhin eine pompöse, die Grenzen der Geschmacklosigkeit, vermutlich aber auch der Parodie streifende Dankballade, in der er zugleich um drei Tage Aufschub zum Abschiednehmen und Geldbeschaffen bittet (Requête et louange à la cour = Gesuch und Lob an den Gerichtshof).
Eine wohl in eben diesen Tagen entstandene spöttische Ballade an den Gefängnisschreiber Garnier, der seiner Berufung offenbar keine Chancen beigemessen hatte und ihn am liebsten hätte hängen sehen, ist das letzte Lebenszeichen Villons. Hiernach verliert sich seine Spur. Vielleicht hat er bereits den ersten Winter als Vogelfreier nicht überlebt.
Seine Werke fanden zunächst, vermengt mit denen anderer Autoren, Eingang in Sammelhandschriften betuchter, meist Pariser Literaturliebhaber. Mehrere solcher Handschriften, von denen einige u.a. das Lais und/oder das Testament und/oder einzelne Gedichte überliefern, sind erhalten. 1489 erschien als Druck die erste eigenständige Villon-Ausgabe, die der Pariser Drucker Pierre Levet wohl aus Sammelhandschriften zusammengetragen hatte. Sie bietet gut 90% der heute bekannten Textmenge und bildete die Grundlage für die rd. 20 Ausgaben, die bis 1542 gedruckt wurden. Offensichtlich hatte sich in den 25 Jahren seit Villons Verschwinden das Lesepublikum so weit verbreitert, dass es in Paris und anderswo genügend Leser gab, die seine Texte goutierten, und zwar vor allem wohl die Honoratioren-Satire von Testament und Lais. Nach 1550 erlosch das Interesse an Villon; er geriet weitgehend, wenn auch niemals völlig in Vergessenheit. Der Autor und Literaturtheoretiker Nicolas Boileau z.B. erwähnt ihn lobend um 1670. 1723 und 1742 erschien je eine Werkausgabe. Als Autor von Bedeutung wiederentdeckt wurde er zur Zeit der Romantik. 1832 erschien die erste Edition nach modernen Kriterien, 1834 widmete ihm daraufhin der Dichter Théophile Gautier eine vielbeachtete Studie in La France littéraire. Später beeinflusste Villon Lyriker wie Paul Verlaine und Arthur Rimbaud, die sich als „poètes maudits“ (fluchbeladene/verfemte Dichter) mit ihm identifizierten.
Villons erhaltenes Gesamtwerk ist mit ca. 3300 Versen relativ schmal. Formal wirkt es, trotz seiner z.T. sehr raffinierten Reimkunst, eher schlicht und konventionell. Es beeindruckt vor allem durch die ungewöhnliche Prägnanz, Lebendigkeit und Ausdruckskraft seiner Sprache und Bilder. Da die Texte allesamt prekäre Momente oder Krisenphasen einer bewegten Existenz verarbeiten und den Eindruck einer starken persönlichen Betroffenheit des Autors vermitteln, sprechen sie auch heutige Leser noch an. Villon gilt zu Recht als einer der besten mittelalterlichen Dichter Frankreichs.
Seine Präsenz im deutschsprachigen Raum beginnt mit dem Lyriker Richard Dehmel, der 1892/93 zwei Balladen nachdichtete und offenbar mit seiner Meinung, es handele sich um Lieder, das hierzulande verbreitete Image Villons als eines Liedermachers kreierte. Die erste (fast) komplette Übertragung erschien 1907, verfasst von dem österreichischen Offizier Karl Klammer (alias K. L. Ammer). Sie hat nach 1918 zahlreiche expressionistische Autoren beeinflusst, z.B. Bert Brecht, Klabund, Jacob Haringer und vor allem Paul Zech. Dessen äußerst freie Villon-Nachdichtung von 1931, die in einer stark revidierten Version 1962 postum neu aufgelegt wurde, und seine ebenso freie Villon-Biografie von 1946, deren Details keineswegs, wie Zech suggeriert, auf neuentdeckten Quellen beruhen, bestimmen das Bild der deutschen Leser von Villon und haben zahlreiche weitere, z.T. illustrierte, Gesamt- und Auswahl-Übertragungen nach sich gezogen, aber auch Villon-Romane, Villon-Stücke, Villon-Chansons u.ä. inspiriert. Eher noch größer war die Wirkung von Klaus Kinski, dem Anfang der 50er Jahre die Zechsche Version von 1931 in die Hände gefallen war und dessen eindrucksvolle Rezitationen von diversen anderen Villon-Darstellern wie Wolfgang Neuss, Thomas Koppelberg, Ernst Stankovski, Markus Kiefer u.a.m. nachgeahmt wurden. Vor allem wohl dank dieser Rezitatoren ist Villon im deutschsprachigen Raum als Figur fast bekannter als in Frankreich.
Übrigens hat nur hierzulande die 1970 aufgestellte Hypothese eines französischen Linguisten Verbreitung gefunden, wonach das Lais und das Testament von einem anonymen Pariser Gerichtsschreiber verfasst worden seien, der den Namen des stadtbekannten Tunichtgut Villon als Pseudonym benutzt habe. Da diese Hypothese zu einem besseren Verständnis von Lais und Testament nichts beiträgt und vor allem durch die Existenz der bei und für Herzog Charles d'Orléans verfassten Gedichte Villons widerlegt wird, ist sie vom Gros der europäischen und amerikanischen Forscher zu Recht nicht ernst genommen worden.
Ausgaben: François Villon, Poésies complètes, éd. [...] par Claude Thiry (Paris: Livre de poche/ Lettres Gothiques, 1991). François Villon, Das Kleine und das Große Testament, hrsg., übers. und kommentiert von Frank-Rutger Hausmann (Stuttgart: Reclam, 1988). (Die älteren Übertragungen von K. L. Ammer, Walter Küchler, Walter Widmer, Carl Fischer, Martin Remané und Ernst Stankovski sind ebenfalls, meist in Neuauflagen, noch erhältlich.)
Wissenschaftliche Literatur: Gert Pinkernell, François Villons LAIS. Versuch einer Gesamtdeutung (Heidelberg: Universitätsverlag C. Winter, 1979). Rudolf Sturm, François Villon. Bibliographie und Materialien 1489-1988, 2 vol. (München/ London/ New York/ Paris: K. G. Saur, 1990). Wolfgang Pöckl, Formen produktiver Rezeption François Villons im deutschen Sprachraum (Stuttgart: Hans-Dieter Heinz Akademischer Verlag, 1990). Gert Pinkernell, François Villon et Charles d'Orléans, d'après les Poésies diverses de Villon (Heidelberg: Universitätsverlag C. Winter, 1992). Gert Pinkernell, François Villon: biographie critique et autres études (Heidelberg: Universitätsverlag C. Winter, 2002)
Als Anhang folgt der Text meines
Beitrags zu einem Wuppertaler Zech-Kolloquium im Oktober 2007. Er erscheint
demnächst in einem Sammelband:
François Villon und Paul Zechs
Lasterhafte
Balladen und Lieder
(1931/1943/1962)
Fangen wir an mit einem Zitat:
„Die Balladen und Lieder des François Villon sind ein unvergängliches Zeugnis
der Weltliteratur. Nie zuvor und auch später nicht mehr sind in der
französischen Dichtung Liebe und Hass, Tod und Vergänglichkeit, Hunger und
Armut, Laster und Ausschweifung so unmittelbar frech, so derb, humorvoll und
zugleich so erschütternd Sprache geworden. [...] Paul Zech, dem bekannten
expressionistischen Dichter, haben wir die Nachdichtung der Balladen und Lieder
Villons zu verdanken, die uns bis heute Geist und Stil dieser Verse unverwelkt
und aggressiv bewahrt hat.“ Die Sätze stehen seit 1962 im Vorsatzblatt der
dtv-Ausgabe der Lasterhaften Balladen und Lieder des François Villon
und sind damit mehr als 320.000-mal gedruckt. Sie prägen hierzulande nicht nur
das Bild von Villon, sondern auch das des Villon-Buchs von Zech. Wird dieses
irgendwo genannt, so meist als eine Übertragung, die den Inhalt der Villonschen
Texte relativ getreu und vor allem ihren Geist und Stil auf kongeniale Weise
wiedergibt.
Kaum ein Klischee jedoch ist
falscher als dieses. Zechs Villon ist weder getreu noch kongenial; er
ist vielmehr das Produkt eines Autors, der sich hineinprojiziert in einen
anderen, fremdsprachlichen Autor, den er vor allem aus bereits vorhandenen
Übertragungen kennt und dessen Biographie und Texte er schöpferisch frei als
Material für weitgehend eigene Werke benutzt.
Zech selber sah das durchaus so
und nannte seinen Villon entsprechend auch nicht Übersetzung oder
Übertragung, sondern ‚Nachdichtung’. Doch haben seine Verlage wenig getan, um sein
äußerst freies Verhältnis zu den originalen Texten kenntlich zu machen. Es war
ihnen offenbar recht, dass Zech zurücktrat hinter Villon. Denn sichtlich war
schon 1930, beim Druck der Erstausgabe, das Label ‚Villon’ attraktiver als das
Label ‚Zech’.
*
Aber das ist hier nicht unser
Thema. Betrachten wir vielmehr das Verhältnis Zech-Villon und danach das
Verhältnis Zech-Zech, d.h. das Verhältnis zwischen der Erstausgabe oder
Urversion von 1931 und den späteren Versionen, insbesondere der dtv-Ausgabe 1962,
die mit bisher 27 Auflagen ein deutscher Lyrik-Klassiker geworden ist.[1]
Zunächst zu Villon. Er ist geboren
1431 in Paris und hinterließ nur gut 3300 Verse, als er 1463, knapp 32 Jahre
alt, für immer verschwand.[2]
Sein erstes datierbares Werk, das Kleine Testament, stammt von Ende
1456. Es ist eine Kombination aus den Parodien eines höfischen
Abschiedsgedichts, eines Testaments und einer Traumerzählung.[3]
Wohl im Herbst 61 begann Villon in oder nahe Paris sein Hauptwerk, das Große
Testament, einen teils elegischen, teils satirischen Text, in den er 20
Gedichte einfügte, die er teilweise zeitgleich schrieb und z.T. wohl als ältere
Produkte fertig übernahm. Wahrscheinlich 1462 und sicher ebenfalls in oder nahe
Paris verfasste er ein halbes Dutzend Balladen im Rotwelsch der Gauner. Daneben
sind aus dem Zeitraum 1456 bis 63 insgesamt 16 Gelegenheitsgedichte erhalten,
die er aus verschiedenem Anlass an verschiedenen Orten verfasste. Sein
Gesamtwerk lässt sich also gliedern in die vier Komplexe: 1) das Kleine und 2) das
Große Testament, 3) die Rotwelschballaden und 4) die zeitlich und örtlich
verstreut verfassten Gelegenheitsgedichte.[4]
Schon zu seinen Lebzeiten und
vermehrt nach seinem Tod gelangten Texte Villons in Anthologien. Offenbar aus
solchen stellte 1489 der Pariser Drucker Pierre Levet die erste Druckausgabe
zusammen, die rund neun Zehntel des heute bekannten Gesamtwerks umfasst. Levet
gliedert in die genannten vier Komplexe. Er bringt zuerst das Große Testament,
2) einen Block von 8 Gelegenheitsgedichten, 3) die Rotwelschballaden und 4) das
Kleine Testament.[5] Die Ausgabe
war ein Erfolg und wurde häufig nachgedruckt. Um 1520 begannen die Drucker,
vermeintliche weitere Villon-Texte anzufügen. Auch die erste moderne Edition
von 1832 schleppt diese apokryphen Texte noch mit. Sie nimmt als Anhang aber
auch zwei neu entdeckte echte Gedichte auf, die zu den Gelegenheitsgedichten
gehören. Die Villon-Ausgaben der nächsten Jahrzehnte innovieren kaum, d.h. sie
drucken weiterhin auch Apokryphen mit ab.
Eine Wende bedeutet 1892 die
Edition von Auguste Longnon. Longnon scheidet die inzwischen als unecht
erkannten apokryphen Texte aus. Im Gegenzug nimmt er mehrere z.T. erst kurz
zuvor entdeckte echte Villon-Gedichte neu auf, die ebenfalls zu den Gelegenheitsgedichten
zählen. Seine Gliederung des Ganzen ist etwas verwirrend. Er druckt zunächst
das Kleine und dann das Große Testament. Hiernach bringt er einen Block
Gelegenheitsgedichte, der z.T. dem alten Achterblock von 1489 entspricht.
Danach lässt er als einen neuen Block das Gros der später entdeckten Gedichte
folgen, dann die Rotwelschballaden und fügt schließlich einen kleinen Block mit
weiteren erst später entdeckten echten Gedichten sowie auch einem zweifelhaften
an, die er aber sämtlich als „Villon zugeschrieben“ betitelt. Zech besaß diese
Edition.[6]
Sie vermittelte ihm ganz offensichtlich die Idee, dass die Texttradition bei
Villon noch immer im Fluss sei, dass man seine Texte im Gesamtkorpus hin und
her schieben dürfe, und vor allem, dass man ihm bestimmt noch weitere Gedichte
zuschreiben könne.
Ein ganz anderes, für Zech wohl
wichtiges Buch war die Gedichtanthologie, die 1501 der Pariser Drucker Antoine
Vérard herausgab mit dem Titel Le Jardin de Plaisance (=der Garten
Wohlgefallens). Die Anthologie enthält auch eine Serie von acht
Villon-Gedichten, darunter zwei, die aus dem Großen Testament entnommen sind.[7]
Von Vérard könnte Zech die Idee bezogen haben, dass man die insTestament eingefügten
Gedichte dort auch herauslösen kann.
Wirklich bedeutsam für Zech jedoch
waren zwei andere Editionen. Die eine war die von Wolfgang v. Wurzbach, 1903.
Wurzbach druckt Villon im französischen Original, fügt aber einen deutschen
Kommentar hinzu und eine auf dem Kenntnisstand der Zeit befindliche deutsche
Einführung. Er eliminiert die Rotwelschballaden, die schon für Spezialisten
schwierig und für normale Leser unverständlich sind, und er vereint die
Gelegenheitsgedichte zu nur einem Komplex. Sein Korpus enthält so die drei
Teile: 1 und 3 die beiden Testamente und dazwischen die verstreut verfassten
Gedichte.[8]
Die andere Edition, und letztlich
die wichtigste Textbasis Zechs, war die erste umfassend angelegte deutsche
Villon-Übertragung, die 1907 Karl Klammer, alias K. L. Ammer, publizierte.
Klammer basiert auf v. Wurzbach und hat wie dieser drei Teile, nämlich die
beiden Testamente und dazwischen einen Block Gelegenheitsgedichte. Klammer ist
jedoch nicht lückenlos. Im Großen Testament überspringt er acht schwierige Strophen und vier sehr
manieristische Gedichte. Von den Gelegenheitsgedichten überträgt er nur ein
gutes Drittel, nämlich sechs.[9]
Hatte Klammer 1907 noch den Titel Des
Meisters Werke gewählt, der zwar seltsam, aber halbwegs zutreffend war, so
gibt er seiner Neuauflage 1930 den völlig unzutreffenden Titel Balladen.[10]
Der Grund war sicher der, dass Villon durch den Plagiatstreit um die
Villon-Songs der Dreigroschenoper
1929 endgültig das Image eines Liederautors erhalten hatte – ein Image,
das ursprünglich wohl Richard Dehmel kreiert hat, der 1893 zwei Villon-Balladen
übertrug und sie jeweils als „Lied“ etikettierte, wohl in der irrigen Meinung,
Villon habe seine Balladen zur Vertonung bestimmt oder gar selber vertont.[11]
*
Bekanntlich war Zech, als er gegen
1930 den Villon begann,[12]
gerade von Plagiatsaffären gebeutelt. Vielleicht deshalb beschloss er, sein
Textkorpus völlig anders zu gliedern als Klammer. Zwar wählte auch er einen
Titel, der dem Liedermacher-Image von Villon entsprach, nämlich: Die
Balladen und lasterhaften Lieder des Herrn François Villon, doch wollte er
offenbar den Anschein einer Gesamtwerkübertragung vermeiden und den Eindruck
erwecken, er konzentriere sich auf die im engeren Sinne lyrischen Texte
Villons.[13]
Das Inhaltsverzeichnis seines
Büchleins listet denn auch quasi gleichberechtigt 37 Texte auf. Die meisten,
nämlich 30, sind als „Ballade“ deklariert, 5 weitere sind sonstwie als Gedichte
erkennbar. Die Nummern 26, Das kleine Testament, und 35, Das große
Testament , sind das zwar nicht, sie wirken in der Liste aber so, als seien
sie ebenfalls lyrische Texte.
Halten wir als erstes Fazit fest:
Zech macht 1930 aus dem mehrteiligen, heterogenen Textkorpus Villons ein
einteiliges, homogen wirkendes; und er überführt ein Korpus, das größtenteils
nicht eigentlich aus Lyrik besteht, in ein scheinbar ausschließlich lyrisches.
*
Aber sehen wir nun etwas näher.
Ich sagte, die beiden Testamente wirken im Inhaltsverzeichnis Zechs ganz so,
als seien sie ebenfalls lyrische Texte. Schlägt man sie auf, so findet man zwar
Verse und Strophen, erkennt aber rasch ihren andersartigen Charakter, nämlich
den einer Mischung aus autobiografischen, reflektierenden und satirischen
Passagen.
Vergleicht man sie mit den
Originalen, sieht man als erstes, dass die Testamente Zechs erheblich kürzer
sind als die von Villon. Zechs Kleines
hat nur 112 statt 320 Verse, ist also nur ein Drittel so lang. Sein Großes
hat nur gut 450 statt über 2000 Verse, ist also nicht mal ein Viertel so
lang. Zech versucht dem Rechnung zu tragen, indem er beide Texte in einer
Klammer hinter den Titeln als „Bruchstück“ bezeichnet.[14]
Schaut man genauer, so zeigt sich,
dass Zech im Kleinen Testament den Hauptteil Villons, die
Testamentparodie, sehr stark verkürzt, und den dritten Teil, die
Traumerzählungsparodie, vollständig weglässt. Den ersten Teil dagegen, den
Abschied im Zorn von der spröden Geliebten, baut er aus, beseitigt allerdings
den Parodie-Charakter des Villonschen Textes. Mit dem Großen Testament verfährt er ähnlich. Auch hier verarbeitet er
vor allem den langen elegischen Eingangsteil. Ein anderer Grund für die
Verkürzung des Großen Testaments ist der, dass Zech fast alle von Villon
dort eingefügten Gedichte herausnimmt. Verschwunden sind sie aber nicht
allesamt. 12 von ihnen, oder genauer: vage erkennbare Pendants von ihnen, sind
selbständige Texte geworden und finden sich in der Reihe der 37 Texte wieder.
Hierbei übernimmt Zech die Anordnung Villons übrigens nicht, sondern ändert sie
nach eigenem Gusto.
Betrachtet man nochmals das
Inhaltsverzeichnis, so findet man, dass 15 der 37 Titel mit einem Sternchen
markiert sind. Hierzu sagt eine Anmerkung Zechs: „Die mit einem * bezeichneten
Balladen sind dem Jardin de Plaisance u. a. gleichzeitigen Sammelwerken
entnommen und aus der Urform übertragen worden.“ Der Leser muss also denken,
Zech habe zusätzliche Quellen entdeckt und aus ihnen zusätzliche, bisher
unbekannte Villon-Gedichte bezogen. Nur der Kenner konnte wissen, dass die
genannten Sammelwerke zwar in der Tat auch Texte von Villon enthalten, aber
keinen, der nicht längst bekannt und z. B. bei Longnon zu finden war. Und nur
der Profi war imstande zu sagen, dass Zechs Sternchen-Gedichte auch in jenen
Sammelwerken keine Vorbilder haben, also pure Zech-Texte sind.
Bleibt noch ein Rest von acht
Titeln. Sechs von ihnen sind Pendants von verstreut verfassten Gedichten
Villons, und zwar fast ausschließlich von denen, die schon Klammer übertragen
hatte.[15]
Zwei Zechsche Gedichte sind undefinierbaren Ursprungs, d.h. eigene Produkte,
nur ohne Stern.
Vermerken wir also als weiteres
Fazit: Zech kürzt in der Urversion die Villonschen Testamente erheblich. Er
nimmt die im Großen Testament enthaltenen Gedichte heraus, eliminiert
knapp die Hälfte und setzt die verbliebenen nach eigenem Gusto an andere
Stellen. Von den verstreuten Gedichten übernimmt er nur ein gutes Drittel. Die
insgesamt knapp 20 Villon-Gedichte, die er nicht verarbeitet hat, ersetzt er
durch 17 eigene Produkte. Die Rotwelschballaden lässt er weg, ganz wie v.
Wurzbach und Klammer. Vielleicht sollten die vier Räuberballaden unter den
Sternchen-Gedichten ein Ersatz für sie sein.
Die Urversion kam, wie erwähnt,
Anfang 31 heraus. Sie wurde 1947, also kurz nach Zechs Tod, unverändert
nachgedruckt von seinem Sohn Rudolf in Berlin.[16]
Sie war es, die um 1950 Klaus Kinski in die Hände fiel und ihm als Textbuch gedient
hat.[17]
*
Wie man weiß, hatte Zech die
Manie, auch seine schon gedruckten Werke verbessern zu wollen. Seinem Villon
erging es nicht anders. Eine erste neue Version ist als gebundenes
Typoskript erhalten. Dieses ist am Ende des Vorworts datiert „Buenos Aires,
Sommer 1943“ und wird auf dem Titelblatt als „Neue veränderte und vermehrte
Ausgabe“ bezeichnet. Es ist von Zech selbst mit Füller und Tinte nochmals
leicht revidiert und mit dem Vermerk „Handexemplar“ versehen.[18]
Bekanntlich hatte im April 31 der
Villon-Kenner und –(Prosa)Übersetzer Joseph Chapiro in einer bitterbösen
Rezension Zech vorgeworfen, er habe Villon gewissenlos verfälscht und geradezu
„Betrug am Leser“ verübt.[19]
Man sollte also vermuten, dass Zech beim Überarbeiten größere Texttreue angestrebt
hat. Dies ist aber nicht der Fall. Zwar „verändert und vermehrt“ er, wie
angegeben, die neue Version, mehr Genauigkeit ist aber nicht erkennbar.[20]
Er scheint vielmehr ohne systematischen Rückgriff aufs Original gearbeitet zu
haben.
Das Handexemplar trägt den stark
veränderten Titel FRANÇOIS VILLON. Das Kleine und das Grosse Testament, auch
die Balladen und lasterhaften Lieder. In freier deutscher Nachdichtung von Paul
Zech. Wie man sieht, hält es Zech für angebracht, die Bezeichnung
‚Nachdichtung’ durch das Wörtchen ‚frei’ zu präzisieren; vor allem aber scheint
er sich der Dreiteilung des Villonschen Textkorpus anzuschließen, wie sie v.
Wurzbach eingeführt und Klammer von dort übernommen hatte.
Das Inhaltsverzeichnis, gleich
danach, listet allerdings ein viergeteiltes Korpus auf mit den Komplexen: 1) Das
Kleine Testament, 2) Die Balladen aus dem Großen Testament, 3) Das
Große Testament und 4) Die späteren Balladen und lasterhaften Lieder.
Als Erstes fällt auf: im Unterschied zur Urversion erscheinen die
beiden Testamente nun als andersgeartete, offenbar größere Texte. Dies wird
auch daran sichtbar, dass die beiden anderen Komplexe, Die Balladen aus dem
Großen Testament und Die späteren Balladen und Lieder, je eine Serie
Untertitel haben (15 bzw. 22).
Weiter fällt auf, dass die
Gedichte von Komplex 2 als aus dem Großen Testament entnommen deklariert
sind (was weitgehend zutrifft) und dass die Gedichte von Komplex 4 als „später“
figurieren. Hier finden sich die Pendants von verstreuten Gedichten Villons,
vor allem aber finden sich hier die Sternchen-Gedichte, nunmehr aber ohne Stern
und ohne die Erklärung dazu.
Blättert man das Handexemplar
durch, so stellt man fest, dass nicht nur die Gliederung des Ganzen sich geändert
hat, sondern dass in der Tat auch die Textmenge deutlich vermehrt ist.
So sind einige Gedichte (mit und
ohne Pendant bei Villon) neu hinzugekommen[21]
und die beiden Testamente stark gewachsen. Vor allem das Kleine hat sich
von 14 Strophen auf 44 verlängert und ist nun länger als das Original, und zwar
obwohl Zech dessen dritten Teil, die Traumerzählung, erneut übergeht.[22]
Das Große Testament umfasst statt 57 Strophen nunmehr 67. Hinter den
Titeln beider Testamente steht denn auch nicht mehr „Bruchstück“, sondern
„Auswahl“.
Auch in Sprache und Stil zeigt die
Version des Handexemplars mancherlei Veränderungen. Insgesamt ist eine Tendenz
zur Moralisierung erkennbar. Hierauf komme ich später zurück.
Halten wir fest: Zech gibt 1943
dem Handexemplar einen Titel, der dem Inhalt genauer entspricht. Er verlängert
das gesamte Korpus erheblich und teilt die eigentlich lyrischen Texte in zwei
Komplexe auf. Hierbei ordnet er die gänzlich eigenen Produkte meist in Komplex
2 und suggeriert mit dessen Obertitel „Die späteren Balladen und lasterhaften
Lieder“ den Eindruck, er übertrage neuentdeckte spätverfasste Werke Villons.
*
Ich sagte, dass die Urversion von
1931 1947 unverändert nachgedruckt wurde. Nur fünf Jahre später, 1952, erschien
im thüringischen Rudolstadt eine Neuausgabe des Villon, übrigens hübsch
illustriert von Karl Stratil. Sie heißt: Die lasterhaften Lieder. Die
Balladen. Aus dem Kleinen und Großen Testament. In freier Nachdichtung von Paul
Zech.[23]
Vergleicht man die Rudolstädter
Version mit der Urversion, so stellt man eine starke Veränderung fest.
Vergleicht man sie dagegen mit dem Handexemplar, so sieht man rasch, woher sie
stammt, nämlich von dort. Dies gilt uneingeschränkt jedoch nur für die ersten
drei Viertel des Textes. Zwar beruht
auch das letzte Viertel sichtlich auf dem Handexemplar, doch finden sich
immer wieder Gedichte, in denen passagenweise oder sogar gänzlich der Text der
Urversion wiederhergestellt worden ist. Meine vorläufige Erklärung ist die,
dass hier ein Redaktor oder Lektor am Werk war, der sich das Recht
herausgenommen hat, Zech mit sich selbst zu korrigieren.
*
Wie nun steht es mit der
dtv-Ausgabe 1962, die im deutschen Sprachraum schlicht als der Villon
figuriert?
Schon der erste Blick zeigt, dass
auch sie sich deutlich unterscheidet von der Urversion. Sie ist aber auch nicht
identisch mit Rudolstadt und nicht mit dem Handexemplar, wenngleich sie
textlich eng mit beiden verwandt ist, vor allem dem letzteren, weil sie
nirgends auf die Urversion zurückgreift. Ich vermute, dass sie auf einem
Durchschlag vom Handexemplar basiert, den Zech noch 1946 selber bearbeitet hat,
als er kurz vor seinem Tod die fantasievolle Villon-Biografie verfasste, die
wir aus der dtv-Ausgabe kennen.[24]
Sehen wir erneut vor allem das
Inhaltsverzeichnis. Es listet, ganz wie im Handexemplar und in der Rudolstädter
Version, vier Komplexe auf, die allerdings umgestellt sind. Denn statt der
alternierenden Reihenfolge Testament-Gedichte-Testament-Gedichte ist die
Reihenfolge nun umschließend, d.h. Gedichte-Testament-Testament-Gedichte. Bei
Gedichtkomplex 1 ist der Hinweis auf das Große Testament getilgt; 1
heißt jetzt „Die gesammelten frühen Lieder und Balladen“. Komplex 4 ist
ebenfalls umgetauft, wenn auch nur leicht. Er heißt nun „Die gesammelten
späteren Lieder und Balladen“. Geht man die Titellisten der Gedichte durch, so
sieht man, dass Zech einmal mehr diverse Gedichte umgestellt und auch welche
von einem Komplex in den anderen verschoben hat. Die dtv-Ausgabe zeigt somit
eine Version, die Zech (vermutlich mit Schere und Klebstoff) neu komponiert hat
im Sinne einer Chronologie und inneren Entwicklung des Werkes, einer
Chronologie und Entwicklung allerdings, die höchstens hier und dort dem
originalen Villon entspricht und ansonsten Zechs Erfindung ist.
Halten wir fest: Zechs Villon
von 1931 und auch die Versionen von 1943, 52 und 62 sind letztlich
eigenständige Werke, für die der originale Villon nur ein Ausgangspunkt war.
*
Sehen wir hierzu ein paar
Textbeispiele.
Ich beginne mit dem kürzesten
Gedicht Villons, dem wegen seines buchstäblichen Galgenhumors berühmten
‚Vierzeiler’.
Der Originaltext lautet
(orthografisch leicht modernisiert):
Je suis François, dont il me poise, / Ich bin François, was mich bekümmert,
Né de Paris
emprés Pontoise. / gebürtig aus Paris nahe Pontoise.
Et de la corde d’une toise / Und von dem Strick von einer
Elle [Länge]
Saura mon col que mon cul poise. / wird mein Hals
erfahren, was mein Hintern wiegt.
Wie man sieht, imaginiert sich das
lyrische Ich aus der Gegenwart der Todeszelle in die Zukunft des Moments der
Urteilsvollstreckung. Die Verben der beiden Hauptsätze stehen entsprechend das
erstere im Präsens und das zweite im Futur. Nehmen wir zunächst die Übertragung
Klammers. Sie lautet:
Ich bin Franzose, was mich bitter
kränkt,
geboren in Paris, das bei Pontoise liegt,
an einem klafterlangen Strick gehenkt,
und spür am Hals, wie schwer mein Hintern wiegt.
Klammer versucht zwar, halbwegs getreu
zu übertragen. Der fatalistisch-lapidare Humor Villons gelingt ihm aber nicht.
Vor allem begeht er den Lapsus, dass er das Ich aus der Todeszelle an den
Galgen transferiert und damit die zwei Zeitebenen des Originals wenig
realistisch reduziert auf die Gegenwart des soeben Gehenkten. Zech macht daraus
1930:
Ich bin Franzos, was mir verdammt nicht passt,
geboren zu Paris, das klein und hässlich unten liegt.
Ich hänge nämlich meterlang von einem Ulmenast
herab und spür am Hals: wie schwer mein Podex wiegt.
ders.: Die lasterhaften Balladen und Lieder des François Villon. Nachdichtung von Paul Zech. Mit einer Biographie über Villon. München 1962 u. ö. (dtv.)
[1] Die bibliographischen Daten der
diversen Ausgaben enthält das Literaturverzeichnis.
[2] Zu Leben und Schaffen Villons vgl.
z.B. meine Biographie critique oder meine Villon-Seite unter
www.pinkernell.de/romanistikstudium.
[3] Zum Kl. Testament vgl.
Verf., Lais.
[4] Eine vorzügliche und leicht
beschaffbare Ausgabe ist die von Claude Thiry. Das Gros der
Gelegenheitsgedichte wird behandelt in Verf.: F. V. et Charles d’Orléans
und Biographie critique.
[5] Laut dem Literaturverzeichnis
seiner Erstausgabe 1931 (S. 149 f.) verfügte Zech über diese Edition in einer
Facsimile-Ausgabe. Mehr als angeblättert haben wird er sie kaum.
[6] Er verfügte übrigens auch über die
ca. fünf anderen Editionen des 19. Jh. Im o.g. Literaturverzeichnis listet er
jedenfalls sechs Editionen von 1832 bis 1892 auf, die „im Besitz des
Herausgebers“ seien. Wie man annehmen muss, hatte er sie an seinem
Arbeitsplatz, der Berliner Stadtbibliothek, entwendet.
[7] Auch über sie verfügte Zech in
einer Facsimile-Edition.
[8] Longnon wird seine für ein
breiteres Publikum gedachte Edition von 1911 ebenfalls nur dreiteilig gliedern
und die Rotwelschballaden fortlassen. Ebenfalls fortgelassen hatte sie schon
1533 der große Lyriker Clément Marot in seiner auf humanistischen Prinzipien
basierenden Villon-Ausgabe. Diese Ausgabe erlebte zwar mehrere Auflagen, das
Feld behaupteten jedoch die Drucke mit den Rotwelschballaden und den Apokryphen.
[9] Klammer dürfte an die 90% des
Villonschen Werks verarbeitet haben. Eine instruktive Darstellung seinesVillon
gibt Pöckl: Rezeption, S. 149-161.
[10] Zu den häufigen Änderungen der
Titel der deutschen Villon-Versionen vgl. Verf., Metamorphosen.
[11] Vgl. Dehmel, Liebe. Im
Gegensatz zur mutmaßlichen Vorstellung Dehmels hatte sich die Ballade in
Frankreich um 1400 von der Musik abgekoppelt und war ein Genus geworden, dessen
Inhalte beliebig waren und sich nur noch in Ausnahmefällen zur Vertonung
eigneten. Die im deutschen Sprachraum verbreitete Annahme, Villon habe in
Kneipen selbstverfasste und -vertonte Lieder vorgetragen, ist weder durch
Aussagen von ihm selbst, noch durch Dokumente, noch durch die Existenz
entsprechender Texte in seinem Werk belegbar.
[12] Im letzten Satz der „Notwendigen
Anmerkung“, mit der Zech seine Einführung abschließt, behauptet er übrigens (S.
52), er habe seinen Villon schon im Sommer 1914 begonnen. Ich vermute,
dass er schwindelt. Auch von der Villon-Version, die Bieber (Bibliographie,
S. 47) für 1911 als Privatdruck aufführt, fand ich trotz vieler Recherchen
keine Spur. Wahrscheinlich liegt Pöckl (Rezeption, S. 164-166, sowie
167) richtig mit seiner Vermutung, wonach die 1928 erschienene „Umdichtung“ des
Testament von Jakob Haringer, die Zech nachweislich als eine Quelle
benutzt hat, ein entscheidender Anstoß war. Ein anderer war zweifellos der
erwähnte Plagiatstreit um die Villon-Songs von Brecht.
[13] En passant sei vermerkt, dass
Villon nur ein einziges seiner knapp 50 Gedichte als „Lied“ etikettiert.
[14] Zu Beginn der o.g. „Notwendigen
Anmerkung“ (S. 50) gibt Zech an, er habe das Kleine Testament um neun
und das Große um elf Strophen gekürzt. Diese Zahlen sind auch dann
unzutreffend, wenn man die Textmenge abzieht, die schon bei Klammer fehlt.
[15] Die einzige Ausnahme ist Die
Ballade von den Vogelfreien, für die Zech auf Dehmel zurückgreift.
[16] Neu ist dort lediglich eine
fünfseitige Einführung, die Zechs eigenen, fast fünzigseitigen
Einführungstexten vorangeht und „G.-K.“ gezeichnet ist. Die Begleittexte zu den
sukzessiven Editionen des Zechschen Villon wären ein reizvolles Thema
für eine eigene Studie.
[17] Aufnahmen der Rezitationen Kinskis
zeigen, dass er Zechs Texte kaum verändert hat. Nur einige der wenigen
Abweichungen sind sichtlich gewollt, die meisten erklären sich als
Gedächtnisfehler.
[18] Das „Handexemplar“ ist Teil des
Zech-Konvoluts der Berliner Akademie der Künste und hat dort die Signatur
54/66/21.
[19] Vgl. das Kapitel „François Villon
im Spiegel von fünf Jahrhunderten“ in: Sturm, Villon, Bd. II, S. 23-167,
hier S. 156. Vor allem wohl auf den aus Russland stammenden Juden Chapiro reagiert Zech im Vorwort zum Handexemplar
mit seinem Hieb auf ungenannt bleibende „sehr östlich geborene Skorpione“, die
mit ihrem „Kauderdeutsch“ über ihn „hergefallen“ seien.
[20] Sie hätte ihn auch überfordert, denn seine Französischkenntnisse waren wohl letztlich nur mäßig und die ältere Sprache beherrschte er allenfalls so weit, dass er sich per Intuition ein Bild vom Inhalt kürzerer Texte machen konnte.
[21] Die Quelle für die hinzugekommenen
Gedichte mit Pendant bei Villon ist sichtlich die eher hölzerne, aber komplette
Übertragung Martin Löpelmanns von 1937. An dessen Texten (S. 111, 143, 169 und
185 ) inspirieren sich Zechs neue Gedichte Ballade an eine treulose Freundin,
Ballade von den Lästerzungen, Rondell und Ballade von den
allgemeinen Redensarten. Pendants zum zweiten und dritten Gedicht hätte
Zech übrigens auch bei Klammer finden können.
[22] In meinen Augen ist das weitgehend
ohne Rückgriff auf Villon ausgesponnene Kleine Testament der
persönlichste Text in Zechs Büchlein geworden.
[23] Sie wurde 1959
in Stuttgart als Lizenzausgabe nachgedruckt. Der sonst sehr zuverlässige Sturm (Villon, Bd.
I, S. 184) verzeichnet den Nachdruck schon für 1952. Später spricht er aber
(nach meinen Recherchen korrekt) nur von 1959 (Bd. II, S. 156).
[24] Im Archiv des dtv scheint die
Druckvorlage nicht mehr vorhanden zu sein.
[25] François mit „Franzose“ zu
übersetzen ist in der Tat möglich. Wie die meisten Interpreten glaube aber auch
ich, dass Villon hier (mit welchen Hintergedanken auch immer) seinen Vornamen
meint.
[26]
Auch Pöckl (Rezeption) zitiert in seinem Zech-Kapitel (S. 167-177) die
hier besprochene Ballade als besonders augenfälliges Beispiel von Zechs
inhaltlichen und stilistischen Abweichungen von Villon. Er berücksichtigt aber
nur die dtv-Version und bezieht den Text von Klammer nicht ein.